Reise nach Kythera 9 – von staatlichen Interviewverboten, 1237 Kurven, babylonischen Radiogewohnheiten, goldenen Ikonen und renitenten Bankautomaten

Agia Myrtidiotissa, Schrein der Madonna im Myrthenbusch

Agia Myrtidiotissa, Schrein der Madonna im Myrthenbusch

Oh happy land where they build houses as they would be just shadowwalkways to protect too timid people just before another pale beast called sun.

Where waves of purple ev’ning’s wings do herald, and moon does not mean scary night but pleasure pure.

Where wild goats grazing jagged hills, and Zephyr his moods can run free.

Where Venus shines much brighter than there in the foggy north, and pure Azur up to the horizon is all wide open sea.

Es mag jetzt zwar gruslig verzopftes Englisch sein, aber es passt hierher. Einem Land, wo einem als kleine Aufmerksamkeit der Chefin tatsächlich zum Logharithmos (der Rechnung) Milch und Honig in Form von gefrorenem Ziegenjoghurt und Fatsourada in einem Restaurant nahmens Zephir serviert werden. Hört sich jetzt seltsam an, aber Fatsourada ist hier keine Bohnensuppe, auch wenn’s auf den ersten Blick tatsächlich etwas danach aussieht, sondern es sind halb gedörrte Trauben, die so lange in Honig eingelegt werden, bis sie ungefähr die doppelte Größe haben und garnichtmehr nach Trauben, sondern dem berühmten Thymianhonig der Insel schmecken.

So getröstet bin ich denn auch heute nochmals zum Nationalheiligtum der Kytheraner aufgebrochen…vielmehr zu beiden. Zuerst die Fortezza in Hora…den Gang hätt ich mir aber spaaren können, denn das Kultusministerium hat offiziell sein Veto gegen mein Interview mit seiner Archivleiterin eingelegt…Gott weiß warum, is aber so, und damit gut…Die Infos, die ich brauch hab ich auch so, wenn auch eher hintenrum und durch die Kalte Küche über andere Personen…

…Denke wie ein Byzantiner, handle wie sie, heirate sie, beherrsche sie…einer der Venieri, die hier jahrhundertelang das Sagen hatten und deren Wappen ich mir heut in dem kleinen Museum im Pulvermagazin angesehen habe, soll sowas ähnliches mal sinngemäß gesagt haben, und es stimmt bis heute…Ich hab’s jetzt erstmal beim denken und handeln belassen, das genügte…

Ebenfalls leicht „byzantinisch“ im Sinne von „unnötig kompliziert“ gestaltete sich heute mein notwendiger Bankgang. Da wir in Diakofti keine Bank haben (keine Ahnung ob es eine in Avlemonas gibt, ich denk aber nicht…) muss ich zum Geldholen entweder nach Hora oder Potamos (Supermarkt wäre einfacher, davon gibt’s ca. 9 3/4, für knapp 4000 Inseleinwohner…den Minimarkt in Diakofti, der nur in den Monaten Juni bis September offen hat nicht mitgerechnet). Anders ausgedrückt: der Gang zum Bankomat will äußerst gut überlegt sein, denn es liegen jedesmal ca. 21,5 Kilometer oder 330 Kurven.

Spaßeshalber habe ich heute auf der Strecke nach Hora mal mitgezählt. Nach Potamos wären’s wegen der neuen Straße und dem etwas weniger zerklüfteten Gelände sicher etwas weniger – aber da wollt ich ja (zumindest anfangs) garnicht hin… Macht – moment – nach Adam Riese ca. 15,4 Kurven auf einem Kilometer und ungefähr eine gute dreiviertelstunde Fahrt – und das auch nur, wenn gerade kein Bauer oder Ziegen, oder Truthähne (das war heut neu, und die Biester sind echt extrem schwer von Begriff!) auf der Straße unterwegs sind. Dazu ein Höhenunterschied von etwa 600 Metern. Wer sich jetzt fragt, wie um alles in der Welt man 15,4 Kurven (und ich habe äußerst großzügig gezählt und die ganzen Minischlenker unter 50 Meter Länge weggelassen) auf 1 Kilometer unterbringt, sehe sich nochmal meine Aphorismen zu kytheranischen Straßen an. Wer’s nicht glaubt, mög selber herkommen und es selber ausprobieren 😉

Dumm nur, dass wir diesmal einen etwas größeren Stromausfall hatten, und daher auch beide Bankomaten in Chora außer Betrieb waren…

Also weiter nach Potamos! Sind ja nur ungefähr 200 Kurven, ca. 15 Kilometer oder eine gute halbe Stunde Autofahrt mehr…Aber wen interessiert das schon, wenn die Landschaft um einen herum so herrlich ist…Das ich es heute etwas eilig hatte, weil ich leichtsinnigerweise ein paar Schweizern versprochen hatte, sie in Avlemonas zum Mittagessen zu treffen (natürlich wollt ich sie auch gleich ein wenig ausquetschen, was denn so ein normaler Wandertourist (die Gattung ist recht neu auf Kythera) über die niegelnagelneuen Wanderwege und den beginnenden Öko-Tourismus auf der Insel halten…) erwähn ich jetzt besser nicht…Eile ist etwas, was auf der „Insel der Seligen“ nur sehr, sehr bedingt funktioniert, und dass man besser daheim in „good old Germany“ lassen sollte.

In Potamos angekommen, ging auch da der Automat aber auch nicht…jedenfalls nicht so, wie er sollte…Entweder ich war zu dusselig für das Ding oder das Ding war zu dusselig für mich – Der jahrtausende alte Konflikt zwischen Mensch und Technik eben – Und bevor der Bankomat auch noch die Karte schluckt, und weil ich dann doch ganz gern etwas Bargeld dabei gehabt hätte (je nach Jahreszeit und Taverne ist es hier manchmal ein bisschen schwierig mit Karte zu zahlen…)  hieß es wieder zurück nach Chora. Vor allen an Tagen mit Stromausfall…)

Also nochmal 200 Kurven, 15 Kilometer und eine gute halbe Stunde Autofahrt…nein es war diesmal etwas mehr, ich hatte Pech und ein Bauer fuhr gerade irgendwas in der Gegend herum…

Beim Kloster von Panagia Kakopetriotissa bei Manitochori – Dem Ort der kytheranischen Variante von Romeo und Julia – noch ein schnelles Stoßgebet, und siehe da, es klappte endlich! Dumm nur, dass mein Tank inzwischen beinahe leer war und ich gleich danach wieder zurück nach Potamos zum tanken musste (ja liebe Kytheraner und Kytheraliebhaber, es gibt auch eine Tankstelle in Livadi und ja auch in Karvounades ist eine, und wenn ich mich richtig erinnere gib’t irgendwo in Chora auch eine…aber die sind alle 10-20 Cent teurer als in Potamos! und bei 1,96 statt 1,85 pro Liter (oh gelobtes Deutschland mit deinem superbilligen Benzin!) überlegt man dann schon ob man die 15 Kilometer Umweg fährt…

Inzwischen hatten auch noch meine Schweizer abgesagt – sie hatten die Strecke von Avlemonas hinauf zur Kapelle Agios Giorgis (hl. Georg) und zurück nach Avlemonas unterschätzt, würden aber vorschlagen, dass wir uns dort erst heut Abend treffen sollten – Danke Panagia Kakopetriotissa! – auch wenn ich den leichten verdacht habe, dass es den zweien auch so ging wie mir und sie, einmal da oben angekommen, sich einfach nicht mehr von dem herrlichen Rundblick und dem Zauber des Ortes loslösen konnten, an den schon seit über 4000 Jahren Menschen pilgern. Man hat dort- wie oft auf der Insel- direkt bei der Kapelle ein kleines, aber sehr feines minoisches Höhenheiligtum ausgegraben über dem dann ein mykenisches, hellenistisches und griechisch-römisches Heiligtum errichtet und schließlich eine frühbyzantinische Kapelle errichtet wurde (Es soll dort immer noch ein Fußbodenmosaik aus dem 6. oder 7. Jahrhundert geben, leider ist die Kirche fast immer verschlossen), über der dann der heutige Bau errichtet wurde – wer einmal dort war, weiß warum…

Da ich nun also unerwartet mehr Zeit hatte, bin ich dann doch nochmal nach Agia Myrtidiotissa und nahm dazu sogar die neue „Autobahn“…und da ich dann eh schon auf dem halben Weg nach Mylopotamos, dem Wasserfall, dem Byzantinischen Fort, der Britischen Schule und der Venezianischen Festung (ich wollt eigentlich nur gschwind nachschauen, was da läuft…Resultat war Wanderweg Nummer 3 mit 400 Metern Höhenunterschied auf minimaler Strecke, geschlossenem Café (ich glaub ich schaff das in meinem Leben nicht mehr unter den berühmten Platanen von Mylopotamos einen Café Freddo zu bekommen…) und gefühlten 45° im Schatten (32° waren’s real, die Felswände halten im Herbst gnadenlos die Hitze). Aber ich will nicht klagen, der Ort ist einfach zu schön, und der kleine Garten rund um die abwärts von Mylopotamos gelegene Wassermühle lohnt den Besuch allemal. Bis nach Kalami runter bin ich diesmal allerdings nicht, der Weg zurück war mir bei der Hitze einfach zu anstrengend.

Irgendwann waren dann meine 1000 Kurven pro Tag aufgebraucht . Alles in allem waren es heute 1237. Selbst in der nicht ganz kurvenarmen Bamberger Altstadt wär ich damit vermutlich mindestens 2 Wochen beschäftigt gewesen…

Noch viel lustiger als Kurvenzählen war aber das Sprachengewirr, dass man dabei im Radio zu hören bekommt. Jede Kurve ein neuer Sender, jeder Hügel eine andere Sprache…Ich bin noch nie so schnell von Italien über Albanien und Serbien in Griechenland, der Türkei und (ganz im Süden) irgendwo in einem nordafrikanisch-arabischen Land gewesen! Dazwischen gab’s etwas das sich anhörte wie Russisch oder vielleicht doch Bulgarisch? Und dann waren da auch noch (keine Ahnung woher das nun wieder kam) ein paar Brocken Deutsch (vielleicht Radio Vatikan?) und irgendwas was sich anhörte wie eine Mischung irgendeiner halbverschluckten Romanischen Sprache mit Arabisch (Maltesisch?). Dazwischen gab’s dann noch auf Radio Musikbox (Ich liebe diese Tautologie!) englisches Programm mit den besten 50er Jahre Bigband Schlagenr (darunter mein Liebling: why art thou not like other man and bring me money!). Mein griechischer Tageshit war dann aber der Hopala-Song. Das ganze Lied besteht eigentlich nur aus Hoppala’s und Wörtern die sich darauf reimen…Einfach wunderbar wenn man gerade steil bergab die 20. Sichelnadelkuve am Stück nimmt, einen dabei zwei besonders tiefe Schlaglöcher ordentlich durchschütteln und zum Abschluss des Manövers urplötzlich ein Pickup den Weg blockiert!

Abends waren dann nochmal ein paar Kurven (ich schätze hin und zurück um die 300) zum Abendessen nach Avlemonas angesagt. „Meine“ Schweizer waren wundervoll, haben mir nicht nur sämtliche Fragen beantwortet, sondern mich gleich noch zu einem mehr als feudalen Abendessen unter Lampiogns am wundervollen Felsenstrand von Avlemonas eingeladen – Danke!

Gerade nehme ich noch einen kleinen Schluck von dem leichten, roten Wein der Insel. Ein älterer Herr und begeisterter Hobbywinzer, der lange in Deutschland, Italien, Australien und in mindestens einem halben Dutzend weiterer Länder gelebt hat und jetzt wie viele andere auch seinen Lebensabend auf der Insel verbringt, hat ihn mir gestern in einem kleinen Plastikanister mitgegeben. Ich hatte mich mit ihm ein wenig über die Landwirtschaft, das Wetter und die Menschen unterhalten und nachdem wir das erstmal auf Griechisch, dann auf Englisch und schließlich Italienisch versucht haben (in allem war er deutlich besser als ich!), haben wir dann irgendwann festgestellt, dass wir unser Gespräch, das längst zum Interview geworden war, eigentlich auch in Deutsch fortsetzen könnten. Selten ist das hier nicht, da sehr viele Kytheraner für kürzere oder längere Zeit im Ausland waren, oder dort aufgewachsen sind, viele – vor allem jene, die aus der Diaspora „heimgekehrt“ sind – verfügen über einen oder sogar mehrere Universitätsabschlüsse und es ist alles andere als selten, dass man mitten in einem gespräch plötzlich feststellt, dass das Gegenüber ein gefeierter Journalist oder Universitätsprofessor an einer Elite-Uni ist. Bei Interviews ist das mitunter etwas schwierig, weil das Gegenüber meist sehr genau weiß, wie das funktioniert, und daher ganz schnell auch den Spieß umzudrehen weiß…Aber ist denn das, was man selbst gefragt wird und darauf antwortet, nicht mindestens genau so informativ, wie das, was man selbst wissen will?

Und nein, für  den Wein bezahlen durfte ich natürlich wieder einmal nicht – nicht das die Kytheraner keinen Geschäftssinn hätten, sie sind sogar dafür berühmt, aber sie haben eben auch sehr viel Herz. Als Deutscher hat man da ganz schnell ein schlechtes Gewissen und fragt sich, warum das eigentlich bei uns nicht so funktioniert – na ja, manchmal schon, aber eben wesentlich seltener als hier…

Der Wein gleicht übrigens ein wenig dem, was wir in Schwaben „Schiller“ nennen würden und ist für südgriechische Verhältnisse erstaunlich fruchtig und leicht. Ich hoffe jetzt einfach mal, dass das leichte Schaukeln, dass ich gerade spüre, kein Nachbeben sondern einfach nur der Alkohol und mein durch das ganze Herumgefahre leicht gestörter Gleichgewichtssinn ist…

Giassas!

Kytheras Roter Platz

Kytheras Roter Platz

PS: Hier als kleiner Nachtrag noch ein Bild vom „Roten Platz“. Im Kloster selbst (das „kleine weiße Ding im Hintergrund“) sieht’s Gott sei dank aus wie immer – ein kleines Blumentopfgartenparadies mit faulem Streichelkater, nummerierten Gästezellen und goldglänzenden Ikonen: Kurz das kytheranische Paradies auf Erden. Das einzig neue war die junge Hausmeisterin, die unbedingt WOLLTE das ich photographierte (in Griechischen Klöstern eine Echte Rarität!). Und das Ungetüm von Kleiderschrank (das eher aussieht als ein zu groß geratener Beichtstuhl) mit den „geziemenden“ Klamotten für das ungeziemliche Weibsvolk (sorry das ist die wörtliche Übersetzung, Mannsvolk kann garnicht ungeziemlich sein, zumindest nicht Kleidungstechnisch ;-), ist inzwischen in eine Nische gerückt worden und soweit ich sehen konnte, gibt’s auch das mehrsprachige (inkl. handgezeichnete Comicversion) Schild nicht mehr auf dem Gott und die Heilige Jungfrau mahnend auf leichtbekleidete Frauen blicken.

Eigentlich schade drumm…, vielleicht ist’s ja auch nur zur Generalüberholung für die nächste Saison…oder sollte sich im heiligen Myrtidiotissa  (heilig, wirklich, mit echtem Gold, und Diamanten!, fast so heilig wie die Madonna Nikopeia in Venedig!) tatsächlich sowas wie ein „liberaler Geist“ breitgemacht haben und Frauen neuerdings in kurzen (!) Hosen herein dürfen…eigentlich nicht vorstellbar…oder?

Lasst’s Euch schmecken…ich hatte heute Lamm (weil grad zuviel davon da war) und selbstgebackene Cookies, und komisch schmeckendes Kranzbrod, und Ölbrot (das ist eine Geschichte für sich) und Kuchen war nach meiner Rückkehr auch noch da (Ich bin zwar anderer Meinung, aber meine Zimmerviermieterin  erklärte mir heute, ich sei hoffnungslos unterernährt! Ich liebe diese Art freundlicher Besorgtheit (Gastfreundschaft wäre hier ein viel zu schwaches Wort), auch und gerade weil sie manchmal sogar die Realität überwindet oder in – nicht ganz ernst gemeinte – Überlegungen mündet, ob man nicht an der einen oder anderen entfernten Nichte als Ehefrau interessiert sei ;-)).

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Reise nach Kyhtera 7 – Busautobahnen und Walkürenritt

Ag. Myrtidiotissa Neue Straße

Ag. Myrtidiotissa Neue und alte Straße mit Felsdurchbruch

Nachdem wir hier gestern Gewitter und Stromausfall (Diakofti ist berühmt für seine Stromausfälle!) hatten und es mir angesichts der nach diesen Ereignissen gelegentlich etwas „überspannten“ Kytheranischen Stromleitungen nicht unbedingt ratsam erschien meinen geliebten Forschungslaptop anzuschmeißen, heute ein etwas verspäteter Bericht über meinen erneuten Besuch im kytheranischen Nationalheiligtum.

Der im Südwesten der Insel gelegene Ort nennt sich „Agia Myrtidiotissa“ und bedeutet soviel wie Maria im Myrthenbusch. Genauso sieht das ganze dann auch aus: Ein für Kytheranische Verhältnisse ziemlich großes Kloster in einem liebevoll gepflegten Garten, drumherum eine weißgekalkte Mauer, davor eine seltsame Kreuzung aus Aussichtspunkt und Kapelle (?) mit einem riesigen Kreuz darauf und drumherum ein paar Büsche in herrlicher Landschaft. Hinunter führt ein kleines, noch von den Briten während ihrer Zeit (1809-1863) auf der Insel gebautes Sträßchen, dass sich in gemütlichen Kurven durch die Schlucht schlängelt und durch seinen gewagten Felsdurchbruch, bei dem man nie so genau weiß wann er über einem einstürzen wird, eine gewisse Berühmtheit auch über Kythera hinaus erlangt.

Jedenfalls war das bis vor einem Jahr so…

Doch Stopp, was ist das? Da jammere ich – wenn auch nur in Form gelehrt-ironischer Aphorismen – vorgestern in meinem sehr deutschen Perfektionismus noch über die für Europäer (nicht meine Einteilung, so nennt man hier gewöhnlich die Menschen aus dem Norden, alternativ ist auch die Bezeichnung „Inglesi“ oder „germani“ für alles was ungefähr den Farbton von Blumenkohl hat üblich) arg gewöhnungsbedürftigen Straße, biege gerade gemächlich von Kalokairines  kommend um die Ecke und dann das!

Wum! Mitten im Nichts eine Autobahn! Jedenfalls das, was nach meinen inzwischen auf kytheranisches Maß zusamengestutzten Maßstäben eine Autobahn sein könnte! Vor mir liegt ein riesengroßer, hässlicher, schwarzer Lindwurm, nicht unähnlich dem Borstending, dass ich gestern in der Bucht von Diakofti gesehen hab, der sich unter möglichst großem Verbrauch an Beton, Leitplanken und Asphalt mit brachialer Gewalt durch die Landschaft wälzt! Kurz: Ich habe den Alptraum jedes Landschaftsschützers und Tourismusmanagers gefunden…Jedenfalls wäre das in Deutschland so.

Ich fasse mich, sehe mich etwas unsicher um, blicke zurück: das Ding ist immer noch da…Ich mag es nicht, und fahr auf der mir vertrauten alten Straße und durch den noch immer nicht zusammengestürzten Felsdurchbruch zum Kloster – sicher ist sicher. Dort erkundige ich mich erstmal bei der sehr freundlichen Hausmeisterin (leider ist es nicht mehr die alte Dame von vor vier Jahren, die mir damals erstmal ein paar Feigen angeboten hat und mir dann den riesigen Schlüssel zur Kirche besorgte) was das für ein komisches schwarzes Ding in der Landschaft sei…Sie lacht nur, und meint: das sei der Fortschritt, und wenn mich das schon stört soll ich mir erst mal den „Roten Platz“ hinter dem Kloster ansehen…ich flüchte mich in den Anblick der reich mit Gold geschmückten Ikone der Maria Myrtidiotissa, spreche ein Stoßgebet und ahne Böses…

Fortschritt ist in Griechenland ein Wort, dass der Tourist nur ungern hört. Sicher es hat schon seinen Sinn, dass es jetzt fließendes Wasser gibt das man sogar trinken kann (Eine Neuerung die hier an vielen Orten erst 2013 eingeführt wurde, davor gab’s nur ungenießbares Chlor-Nass dass der Tankwagen zweimal im Monat vorbeibrachte). Auch ist – verglichen mit dem staubigen Eselsweg den es vorher gab, die neue Straße von Diakofti zum Flughafen ein wahrer Segen, und auch gegen die von den Briten gebaute vielbogige Brücke von Katouni habe ich absolut nichts einzuwenden. Aber dass fleißige Helferlein seit meinem letzten Besuch 2008 die gesamte Umgebung des Klosters in einen riesigen Parkplatz aus rostbraunem Staub (das war es also, was die Hausmeisterin mit „Rotem Platz“ meinte…und wirklich, an Ausmaßen kommt es dem Moskauer Vorbild verdammt nahe!) verwandelt haben und man es außerdem noch für nötg befunden hat, diese „Autobahn“ mitten durch eine der schönsten Landschaften der Insel zu bauen, ist dann doch mehr, als mein kleines deutsches Herz erträgt. Wenigstens das eigentliche Kloster scheint nichts abbekommen zu haben…ich setze mich in den Schatten einer Araukarie, schnappe mir eine der Klosterkatzen die sich nach kurzem Wiederstand mehr als gern streicheln lässt und denke daran, was nun wohl in „παλιές καλές Γερμανία“ los wär: Unterschriftenlisten, Gutmenschenauflauf, Bürgerinitiative, Umweltgutachten, Schweigemarsch, Wutbürger, Randale…manchmal bin ich mir garnicht so sicher, ob „wir“ es wirklich soviel besser haben, da oben im kalten, nassen Norden… Und ja, es gibt da ein gewisses „Festival“ zum „Namenstag“ des Ortes im September, bei dem sich auch mal 2000-3000 Leutles in Agia Myrtidiotissa drängeln. Und ja der Doppelstöckige Reisebus, den sich irgendein Fuhrunternehmer im Größenwahn zugelegt hat passt eben nicht durch den kleinen Felsdurchbruch der britischen Straße…aber muss man deshalb gleich die ganze Landschaft verschandeln? Δεν ξέρω…

Klar, die Insel braucht Entwicklung. So wie bisher konnte es einfach nicht weitergehen, und klar, dafür ist auch der eine oder andere Neubau nötig. Aber müssen es denn immer und überall die gleichen Fehler, die gleichen naiven Bürgermeister und die gleichen nicht vom Heute ins Morgen denkende Gemeinderäte und gierigen Bauunternehmer sein, die garnicht genug Beton in die Landschaft klotzen können? Kythera hat das Glück im Moment noch nicht zu jenen griechischen Inseln – Mahnenden Angedenkens – zu gehören, welche im Namen des Tourismus ihre eigene Zukunft ruiniert und dabei gleich auch noch ihre Seele und Kultur geopfert haben…Doch jedes mal, wenn ich hierher zurückkehre, scheint die Insel einen weiteren Schritt in die falsche Richtung zu gehen…überall neue Villen und Baustellen, ein geradezu absurd in Gold und Grün glänzender Fußballplatz, den kein Mensch braucht, eine „Abkürzung“ der Straße, bei der ein ganzer Hüghel geopfert wurde, zahllose Appartmentblocks, und jetzt auch noch diese Autobahn und der Rote Platz, von den Plänen für Großhotels und einen Kreuzfahrthafen ganz zu schweigen…Man kann den Kytheranern nur wünschen, dass sie Fortschritt nicht mit Beton verwechseln, nicht auf die Versprechen des schnellen Geldes hereinfallen und sehr bald ein Gesamtkonzept für die Entwicklung der Insel entwickeln, dass auch an die Bedürfnisse ihrer Enkel und Urenkel denkt und nicht ausschließlich dem Hier und Jetzt verpflichtet ist.

Einfach wird es nicht, denn es bedeutet Selbstbeschränkung, Rücksicht auf die mehr als sensible Umwelt, genaues Abwägen welche Ressourcen für was geopfert werden (einmal weg, kommen sie nie wieder!) und einen sehr, sehr langen Atem…Alles Dinge die in Griechenland bisher vollkommen unbekannt sind, ja sogar als politisches „no go“ gelten. Hier wird man Politiker weil man möglichst schnell zu möglichst viel Geld kommen will (oder das von anderen verteilt, vorzugsweise an die eigene Familie) und gar nicht selten werben – ähnlich wie in der angrenzenden Türkei – Politiker auf ihren Wahlplakaten damit, wie viel Kubikmeter Beton in ihrer Amtszeit verbaut wurden. Dass der Sohn oder Cousin dabei der größte Baulöwe am Ort ist, können wirklich nur bösmeindende Fremde seltsam finden… Die aktuelle Krise könnte hier Chance und Weckruf sein, denn es gibt nichts mehr zu verteilen, abzustauben und zu unterschlagen…Man kann nur hoffen, dass am Ende vom Dorfbürgermeister bis zum Minister in Griechenland Politiker sitzen, die sich mehr dem Allgemein- als dem eigenen Wohl verpflichtet sehen…wirklich zuversichtlich bin ich in diesem Punkt nicht.

Und Agia Myrtidiotissa?

Nun, Religion ist ein kritisches Thema in Griechenland, sehr kritisch um genau zu sein…Ich habe keine Ahnung was die Madonna im Myrthenbusch (Agia Myrtidiotissa) zu der Neuen Straße und dem Parkplatz sagt, den sie ihr gebaut haben. Vielleicht gefällt ihr ja der ganze Rummel, vielleicht verdrückt sie angesichts der maßlosen Zerstörung der Umwelt um ihr Kloster aber auch ein kleines Tränchen…

Was ich aber sehr genau weiß ist, dass die Kirche und ihre ökonomische wie ideologische Kraft, sowie die nie erfolgte Trennung zwischen Kirche und Staat (wer’s genauer wissen will, der möge sich nur mal eine Vereidigungszeremonie von griechischen Ministern ansehen…) in Griechenland genauso am allgemeinen Klüngel beteiligt sind wie alle anderen. Um das zu erkennen brauchte es nicht erst die obskuren Geschäftspraktiken einiger Athosklöster, die Frauen zwar den Zutritt zu ihrer abgelegenen Welt verweigern, aber ganz große Player im Finanz- und Immobilienwesen sind…Die Klage über die mangelnde Distanz von Kirche und Staat in Griechenland ist alt, sehr alt sogar und vermutlich sollte ich es machen, wie die byzantinischen Kaiser oder meine geliebten Venezianer oder die Briten die – solange die Menge des abgelieferten Korns, Weins und Öls stimmte – einfach Augen und Ohren schlossen und im Großen und Ganzen jahrhundertelang alles so ließen wie es war…

Dummerweise fehlt mir dafür die nötige Arroganz. Um’s kurz zu machen die griechische Kirche hat Geld, viel zu viel Geld, unter anderem deshalb weil sie in Griechenland nach wie vor kaum Steuern zahlt und die Menschen hier ( vor allem aber in der Diaspora) bestärkt von geschäftstüchtigen Popen immer noch ´fest daran glauben, dass man sich den Himmel erkaufen könnte. Griechenland gehört zu jenen europäischen Ländern die nie eine Reformation, geschweigedenn eine echte Aufklärung erlebt haben…

Und dann kommt es eben, wie es kommen muss: Ein Priester klagt über die schlechte Erreichbarkeit des Klosters, ein edler Spender aus den USA will unbedingt, dass seine 89-jährige Großmutter im vollklimatisierten Reisebus auch noch das abgelegenste Kapellchen erreicht (so oder so ähnlich sieht nämlich die griechische Variante von „Pilgern“ aus, das ich als vielgeplagter Bamberger keinerlei Sympathien für jegliche Form des Reisebustourismusses mit all seinen negativen Auswüchsen mehr hege, muss ich glaube ich nicht extra dazu sagen), ein Blogger schreibt einen Spendenaufruf, und schon versammelt sich im Überschwang der „neuen Idee“ und „religiöser Ergriffenheit“ (gefährliche Kombi, nicht erst seit den Kreuzzügen!) die gesamte Kytheranische Community und plant. Man redet hinter verschlossenen Türen, steckt die gegenseitigen Pründe ab, arbeitet zusammen oder eben auch gegeneinander, intrigiert, bedroht, überzeugt und entdeckt praktischerweise, dass irgendeinem Verwandtem rein zufällig eine Baufirma gehört die das alles „ganz billig“ machen kann. Ist das getan apelliert man nochmals an das religiöse und nationale „Griechentum“ und die überbordende Heimatverbundenheit der Diaspora und schon hat man genug Geld für jedes noch so wahnsinnige Projekt zur Ehre Gottes und der Agia Myrtidiotissa beisammen – ob es der nun gefällt oder nicht!

Vielleicht bin ich jetzt einfach zu „deutsch“ um das alles zu verstehen. Vielleicht habe ich als „Auswärtiger“ und „Ungläubiger“ auch garkein Recht über all das zu Urteilen und vielleicht sollte man als moderner Ethnologe auch gut daran tun alles erst mal aus einem „einheimischen Blickwinkel“ zu sehen bevor man eigene Urteile fällt… (tu ich gerade übrigens, denn ganz so glücklich ist man auf der Insel mit der „Autobahn“ auch nicht, jedenfalls nicht alle…). Vielleicht sollte ich mich auch nur an das alte Sprichwort „Si tacuisses, philosophus mansisses“ halten. Aber wer will in der heutigen Welt schon noch Philosoph sein? und vor allem: wer dankt es einem noch? …alora…

Wie passend, dass das lokale Bildungsradio bei meiner Heimfahrt durch die Schluchten und Hügel des Mandres Wagners Walkürenritt spielte. Es passt zu meiner Laune. Kurz davor war’s noch um Jürgen Habermas gegangen und ich hab ehrlichgesagt den Zusammenhang nicht recht verstanden..Und hoffe nun einfach mal, es war die etwas verunglückte Assoziation eines mit Deutschland und den Abgründen der Deutschen Geschichte nicht ganz so vertrauten griechischen Redakteurs und keines dieser unseligen „Deutschland-Bashings“ wie sie in letzter Zeit in den griechischen Medien leider immer öfter vorkommen…Vielleicht sollte ich für heute wirklich aufhören. Das Deutsch-Griechische Verhältnis ist eine mehr als komplizierte, und alles andere als schmerzfreie Angelegenheit für beide Seiten. Es begann mit dem Traum eines nicht-gewollten Königs, wurde zu gegenseitiger Enttäuschung und schließlich offenem Hass, nachdem Wehrmacht und SS Hunderttausende durch ihre Besatzungspolitik in den Hungertot getrieben haben. Nach dem Krieg wurde es dann zu einer, nicht immer ganz einfachen Wiederannäherung, Abertausende von griechischen Gastarbeitern trugen ihren Anteil dazu bei, dass das Deutsche Wirtschaftswunder Realität wurde…und Griechenland…nun bis zum Ende der Militärdiktatur in den frühen 1980er Jahren ging’s hier nicht wirklich voran. Sicher die Deutschen sie kamen als Touristen, bekamen von dem, was hier geschah kaum etwas mit, genossen Wein, Wärme und Sonne…Dass da unter der Oberfläche einiges weitergärte, dass eben nicht alles Eitel Sonnenschein war bemerken viele erst jetzt, wo allen das Geld ausgeht…Dass dabei beide Seiten noch einen langen Weg vor sich haben und sich von vielen liebgewordenen Vorurteilen, Forderungen und Kampfbegriffen endgültig verabschieden müssen…on verra bien…

Giassas und seid dem Schutz der Agia Myrtidiotissa allzeit anbefohlen!

ALex