Betrachteter Alltag _ Die abstinente Mittelschicht, oder: Eine Welt voller angstgeplagter Asketen

Genießen verbotenSie sind eben ein echter Barockmensch!“
Ist es heute wirklich noch ein Lob, wenn jemandem dieser Satz entgegengeschleudert wird, oder verbirgt sich dahinter nicht schon der aufklärerische Vorwurf des angeblich überflüssigen Exzesses, der Unbeherrschtheit, der Faulheit und Verschwendung? Ist das Wort „barock“ seit den Zeiten eines Kants, Leibnitzs und Voltaires nicht geradezu ein Synonym für die selbstverschuldete Unfähigkeit zu Zurückhaltung, Enthaltsamkeit und Fokussierung auf das „Notwendige“geworden? Eine Beleidigung, die man denjenigen mit entsetzter Verve entgegenschleudert, welche sich nicht an die alternativlosen Regeln einer Gesellschaft, welche Jugend, Gesundheit, Sicherheit, Leistung, Effizienz und Selbstoptimierung zu ihren Abgöttern erklärt hat? Ein Stigma, mit dem man die sorg- und verantwortungslose „Verschwendungssucht“ des nicht nur in seiner psychischen, sondern auch physischen Konstitution „barocken“ Verschwenders öffentlich geißelt? Und habe ich nicht gerade über jene laktosefreien Latte Macchiato aus tiergerecht-fairem Anbau trinkenden, veganen Hipster in extraeng geschnittenen Jeans als Idealtyp der Moderne geschrieben?

Es braucht manchmal andere kluge Köpfe, damit aus einem unguten Gefühl in der Magengrube Gewissheit wird. Diesmal war es Hasso Spode, Sozial- und Kulturwissenschaftler an der FU Berlin, der mich mit seiner kürzlich in einem Interview für Deutschlandradio Kultur geäußerten These von einer „Phase des Asketismus“ auf den erkenntnissspendenden Weg führte.

Sicher, auch mir waren sie längst in meinem Alltag begegnet, die militanten NichtraucherInnen und Veganer, die Milchhasser und Weißen-Zucker-Verteufler, die Öko- Fairtrade- und Bio-Fetischisten, die Freilandhuhnlober und Sportfanatiker. Seit ihrem erstmaligen Auftreten irgendwann kurz nach der Deutschen Wiedervereinigung ruinierten sie mit ihrem aktionistischen Bekehrungseifer jede weinselige Runde, vermießten Backhendel und Hamburger, erzwangen ein eigenes Vegetarisches, später sogar Veganes Menü bei WG-Parties und geißelten jeden als Menschenfeind, der nicht die politisch-korrekte und selbstverständlich maßlos überteuerte, milchfreie Bio-Schokolade bei dem „Eine Welt Laden“ ihrer Wahl kaufte und sie in einem möglichst selbstgesponnenen und abgetragen aussehenden Jutetäschchen im Triumphzug nach Hause trug.

Lange Zeit tat auch ich diese Gestallten als harmlose Spinner, von der Werbung verleitete Geistesschwache oder bedauerliche Einzelindividuen ab. Später, als die Gruppe der „Wutbürger“, die Schnaps, Butter und Sahne für Teufelszeug hielten, Bœuf bourguignon zum Mordinstrument erklärten und Tabak und Alkohol als Massenvernichtungswaffen bezeichneten größer wurde, flüchtete ich mich in Ironie und Spott…doch es war zu spät: spätestens mit der Einführung öffentlicher Alkoholverbote hatte sich der asketische „Gutmensch“ zum Mainstream entwickelt und forderte nun zum Kampf gegen die Volksdroge Alkohol, die Aufgabe der Ärztlichen Schweigepflicht bei Depressiven und die Zwangstherapie von die Volkswirtschaft schädigenden Übergewichtigen auf.

Auch wenn ich gelegentlich mit vegetarischem Döner, Sellerie- und Parasolschnitzeln und einer Fruchtsaftdiät geliebäugelt hatte, wusste ich spätestens zu diesem Zeitpunkt: diese schöne, neue und von allem „Überflüssigen“ befreite Welt askesepredigender Ökofaschisten war nicht mehr die meine. Nur eines war mir immer noch nicht klar geworden…warum waren aus individualistischen, exzessiv schlemmenden und genussmittelfreudigen Yuppies plötzlich lauter kleine kalorienzählende, moralinsaure, antidemokratische und jede Form von Genuss und Überfluss bekämpfende Weizengras-Savonerolas geworden?

Die endgültige, und von mir im tiefsten Innern seit Jahren geahnte Antwort kam mit eben jenem am Anfang dieses Beitrags zitierten Interview Hasso Spodes:
Die neue, selbstoptimierte, dauergestresste, permanent-burnoutgefährdete, und sich im Fieber des Akadiemisierungswahn auf dem ökologisch einwandfreien, fair gehandelten und produzierten, allergenfreien Hartgummifouton wälzende Mittelschicht hatte nur noch eines: Angst vor dem sozialen Abstieg!

Nun weiß man aus der Geschichte, dass Angst der schlechteste aller Ratgeber in Lebensfragen ist. Sie treibt die Menschen in panischen Aktionismus, neigt zu ademokratischer Intolleranz gegenüber allem was als Anders und Fremd definiert wird, regt zu schonungsloser Selbstausbeutung bis weit über die Grenze des Erträglichen an, und verschlingt schließlich alles, was uns menschlich und frei sein lässt – „Angst essen Seele auf“, so lautete der Titel eines 1974 erschienenen Melodrams Rainer Werner Fassbinders, dass sich anhand der zum Scheitern verurteilten Beziehung zwischen der verwitweten Putzrau Emmi Kurowski und dem zwanzig Jahre jüngeren Marokkanischen „Gastarbeiter“ Ali mit Intoleranz, gesellschaftlicher Kälte, Vorurteilen, Lieblosigkeit und sozialer Ausgrenzung auseinandersetzt.

Bereits dass ich gerade das Wort Gastarbeiter in Anführungszeichen gesetzt habe und das Wort Putzfrau als politisch-inkorrekten Terminus am liebsten mit Reinigunsfachkraft oder „Facility Managerin“ ersetzt hätte, zeigt wie verlogen wir inzwischen mit unseren Ängsten vor Sozialem Abstieg und Vorurteilen genenüber Fremden umzugehen gelernt haben, und wie groß die aus Amerika importierte Schere im Kopf inzwischen geworden ist. Auch diese politisch korrekte Askese von einer klaren und die Dinge beim Namen nennenden Sprache ist Teil des neuen Angst-Mainstreemings. In Zeiten allgemeiner sozialer, ökonomischer und politischer Verunsicherung sind Klartext, offene Kommunikation und divergierende Meinungen zum Luxus geworden und der von einer durch soziale Netzwerke von allen Hemmungen entfesselte  permanente Shit-Storm im Netz, der längst reflexartig gegen alles hetzt was irgendwie anders, nicht-normal oder überflüssig erscheint, bestärkt Otto-Normalverbraucher/In noch in dieser Angst, gibt ihr aber auch die Macht in die Hand, ihre eigenen, individuellen Ängste zur einzig verbindliche Weltanschauung zu erklären. Für Muße, freies Denken, nutzfreies Kinderspiel oder auch nur vom allgemeinen Massentrend abweichende Meinungen und Lebensweisen bleibt hier nicht viel Raum.

In Form öffentlicher Rauch- und Alkoholverboten, Immobilienboom, verpflichtenden Veggy-Days in Werkskantinen, proaktiver Fitness-Apps, militanten Stuttgart21-Gegnern und PEGIDA, Pränatalen-Gen-Tests, vorsorglichen Brustentfernungen, Vorratsdatenspeicherung, Sicherheitsverwahranstalten, sowie hysterisch geführten Tierrechts- und Kinderpornographiedebatten hat diese auch mit dem Kürzel „SHE“ (Security-Health-Efficency / Sicherheit-Gesundheit-Effizienz) überschriebene Ideologie der Angst längst tiefe Wurzeln in unserem Denken und Handeln geschlagen, ist „Mode“ und „Zeitgeist“ geworden, prägt das ohnehin immer ununterscheidbarer gewordene Arbeits- und Privatleben und bereitet uns allen schlaflos verbrachte Nächte voller Versagensängste.
Und wir? In unserer von Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Medien permanent geschürten Angst nicht mehr zu  diese schöne, neue, gebildete, hochqualifizierte, rundumoptimierte, leistungsorientierte und durch ausgefeilte Ernährungspläne gestählte Gesellschaft zu gehören nehmen wir uns zurück, werden leise, essen weniger, schwören dem blauen Dunst ab, passen uns an. Selters statt Sekt, Askese statt Überfluss, Geistige Verarmung statt Vielfalt, erzwungener Mainstream statt gesellschaftlicher Vielfalt, work and life blending statt work and life balance, moralinsaure Frigidität statt sexueller Revolution, politisch korrekte Intoleranz statt geistiger Offenheit, nur nicht auffallen, anecken, oder gar scheitern…kurz: die gnadenlose und keine Ausnahmen kennende Diktatur des komplettangepassten Mittelmaßes  – so könnte man den neuen Leben und Denke der neuen selbstoptimierten, alkohol- und pornographiebefreiten, und auf permanente Fexibilität und Maximalleistung getrimmten Mittelschicht zusammenfassen.

Das Ganze erinnert mich fatal an jene Zeiten des „Grande Terreurs“ und der 20er, 30er und 40er Jahre des letzten Jahrhunderts in der die Angst schon einmal regierte und im Namen des Allgemeinwohls und angeblicher Vernunft schon einmal zur Jagd auf alles Andere, Abnormale und Schädliche aufgerufen wurde. Die Folgen dieser Politik der Intoleranz scheinen wir heute vergessen zu haben, oder wir wollen sie einfach nicht mit dem, was wir heute denken, tun und urteilen in Verbindung bringen – denn wir sind ja besser, klüger, gestählter und härter…Man könnte auch von angstbedingter Hybris alles durch stetige (Selbst-)Optimierung beherrschen zu können sprechen.

Vielleicht ist es ja gar kein Zufall, dass in Zeiten, in denen humanistische Bildung, ja Bildung im weiten, allgemeinen und humboldt’schen Sinne als „nutzlos“ und „unpraktisch“ gilt ja garkein Zufall, dass die Kenntnis des Altgriechischen und damit der tieferen Bedeutung des Wortes „Hybris“ als „verzichtbar“ ja gesellschaftsschädigender da unwirtschaftlicher Luxus gilt. Vielleicht ist es ja gewollt, dass man nicht mehr weiß, das dieses Wort sich von „hybitzomai“ ableitet und ursürünglich eine Art selbstmörderische und im goebbelschen Sinne „totale“ Kriegstechnik bezeichnete bei der man zwar dem Gegner kurzfristig schadet, in erster Linie aber Gefahr läuft sich selbst zu verstümmeln.

Ich übertreibe?

Versuchen Sie doch mal mit 40 Kilo Übergewicht in ein Fitnessstudio zu gehen, auf einem Kinderspielplatz zu rauchen, setzen Sie sich mit einer prall gefüllten Tüte ihres Lieblingsfastfoodanbieters in den Bus, trinken sie Vormittags eine Flasche Bier auf einer Parkbank, oder probieren Sie einmal, ohne von Videokammeras überwacht zu werden durch eine Fußgängerzone zu laufen oder Bahn zu fahren, als offen schwuler Mann eine Jugendfreizeit zu leiten, sagen Sie ihrem Arbeitgeber offen, dass sie Depressionen und Bluthochdruck haben, oder versuchen sie einfach nur mal beim nächsten Picknick ihre veganen Freunde von den Vorzügen von Chicken McNuggets zu überzeugen…

Glaubt man Hasso Spode wird sich deren – je nach Standpunkt – „Offenbarung der Askese“ oder „Diktatur der Angst vor dem sozialen Abseits“ noch zwanzig oder mehr Jahre halten – meiner Meinung nach ist dies die wahre und einzig echte beänstigende Aussicht.

Werbeanzeigen

Adventskalender 2014 – 14. Türchen – prejudices, or my perfect German christmas party in the middle of August!

Duftpomaden- Nelkenorange

Duftpomaden- Nelkenorange

Sometimes it’s true: prejudices do exist, to be confirmed!

But it’s also true that in quite a lot of cases, the pre-judged do everything to ensure that prejudices become true for the prejudicing ones, particularly, when they are profitable for the pre-judged!

One of those very precious and extremely profitable prejudices is the “German Christmas”!

Not only half of the world’s population seems to be absolutely convinced, the whole of Germany would mutate into a single giant Christmas market between October and March, no! – for some unexplainable reason my American, Chinese and Russian friends also are absolutely sure of the fact, that all Germans had nothing better to do, than drinking German mulled wine, eating German Lebkuchen – of coruse from the most German city Nuremberg – while carving incessantly Oberammergau crib figures wearing god-old German leather pants during this “holy time” of the year…

Well…I’ve tried to explain things are a bit more „complicated!… I’ve tried it…really!

To my big misfortune, we were visiting the beautiful German city of Bamberg…which unfortunately looks exactly like Disney would create a Christmas town…even in the middle of August. Things were as they had to come… my beloved multicultural Chrismas-seekers discovered the full-year Christmas paradise – a really awful shop, freshly imported from Rothenburg ob der Tauber!  Did I mention that it was the middle of August!

To make things short and worser: Any further attempt to explain that Christmas was not a quintessentially German invention with quintessentially German customs and quintesentially German “Gemütlichkeit“ was henceforth completely useless …

Instead, I grabbed my advent calendar from Aldi, took some gingerbread (foolishly, we visited Nuremberg too, there you can get gingerbread all arround the year, consequently I’ve must been wrong: Without any doubt, Germany is the land of eternal Christmas markets! damn!).

And then it happened … some idiot of touristshop-owner offered the ultimate beer mug: with a portrait of the Kaiser, an imperial eagle, good old Germany inscription (I’ver wondered why in Gods name there was no ; Für Gott, Kaiser, Reich und Vaterland-inscription!) , Santa Claus, some reindeers, Christmas market stalls, the “Chriskind-Rauschegoldengel” and of course the synonym of “real” German Christmas customs: a Christmas pickle! (I declared to “my” Americans for the 10,000st time that there is no such custom in Germany … they do not believe me! Of course not, if there’s a whole bunch of christmas pickles in the showcase!)

After this, I haven’t even tried to explain to my beloved Americans why Santa Claus isn’t the half-brother of the Christkind, or that reindeers belong to Norway and are a typical element of American folclore… I let them buy their goddamned pitcher “made in China”, and even drunk some “real” Franconian smoked beer from it (I’m drinking it exclusively when I’m forced to do so by friends on transit!).

At the end, I’ve managed to get some unripe oranges to show them how to make a genuine German Orange with cloves (those strange things, you already had to tinker in Kindergarten. Of course without a kindergarten aunt explaining that much less burning essential oils would get into your eyes, when you drill some holes into the orange with a with a small nail  first and then put the cloves in … may I’ve forgot to tell, that Oranges and cloves do not grew in germany and came to our country from Venice in the 15th or 16th century and therefore called „Duftpomaden“ or „Duftpommeranzen“ (scented oranges)…but my guests were Americans! I’m glad when they don’t mix Austria with Australia and – honestly said – for them everything that smells like German Chrismas must be genuinly German…It’s the same thing with socker, cars and beer…).

In short: I’ve done everything not to be the evil, deadly serious and oversophisticated German again… and I managed it! I’ve celebrated a perfect German Christmas, with Christmas baubles, a Christmas pickle, an Advent-Calendar and a genuinely German Orange with cloves in it! And I did all this in the middle of August, just to prove: Germany is Christmas genuine homeland!

Happy New Year!

Als New York noch ein Kleines abgelegenes Eiland am anderen Ende der Welt mit Klinkerhäusern im holländischen Stil war…

Beknopte Beschryving der Engelschen en Franschen Bezittingen 1755

Beknopte Beschryving der Engelschen en Franschen Bezittingen 1755

Es sind die seltsamen kleinen Zufälle, die halbvergessenen Dinge und die Neugier, die unser Leben erst lebenswert machen

Einer dieser seltsamen kleinen Zufälle ist mir heute Abend in Form eines kleinen Stapels mit altertümlichen Lettern bedruckten Seiten aus dem 18. Jahrhundert begegnet. Irgendwann mit rostigen Heftklammern in längst verblasstes, vielleicht einmal Blaues Einschlagpapier „gebunden“ hatte ich das in Alt-Niederländisch geschriebene Büchlein vor über 20 Jahren in einem Schaufenster eines Antiquars entdeckt und es weniger wegen seines barock-umständlichen Titels, denn wegen der Verwendung einiger weniger Holzschnittinitialen gekauft.

Erst beim flüchtigen Durchsehen auf dem Heimweg entdeckte ich, welche wahrhaft welthistorische Prätiose ich mir mit der:

Beknopte Beschryving Der Engelsche en Fransche Bezittingen, in het Vaste-Land van Noord America, Dienende tot Verklaaring van de Land-kaart oder dezelce Tytel uitgegeven, Door J. Palairet. Agent van haar H.H.M.M. de Herren Staaten Generaal der Vereenigdte Neederlanden &c. Uit het Fransch Vertaalt Door H. W. Löhner. Te Amsterdam, By R. En J. Ottens, Kaart-Koek-en Konstverkoopers, 1755.“

zugelegt hatte.

Nicht nur, dass bereits der Titel eine wahre Fundgrube für die Sprach- und Kultur-, Wirtschafts-, Politik-, Medien- und Kolonialgeschichte der Niederlande darstellte, und den Beleg lieferte, dass nicht nur wir Deutschen, sondern auch die Niederländer Holland und Holländer als Synonym für das ganze Land und seine Bewohner gebrauch(t)en, nein, in dem schmalen Bändchen von gerade einmal 72 Seiten fand sich beinahe das gesamte Mitte des 18. Jahrhunderts verfügbare Wissen über Landeskunde, Geographie, Wirtschaft, Ressourcen, Politische Zustände und das Alltagsleben in den gerade neu kolonialisierten Französischen und Englischen Kolonien in Nordamerika!

 

Ähnlich wie moderne Spielanleitungen zu Phantasy-Rollenspielen schien das Büchlein eine Art „Anleitung“ für eine virtuelle Reise mittels einer – leider verschollenen – gleichnamigen Landkarte zu sein.

Doch war dies hier „real“, eine Art Zeitreise in eine längst vergangene Epoche. Details aus den Biographien längst vergessener Kapitäne und Gouvaneure, Angaben zu Pelzhandel, Indianerstämmen, Trappern und dem eigentümlichen Gebrauch von Tabak, ließen Bilder vor meinem Inneren Auge tanzen. Wie mochte es Mitte des 18. Jahrhunderts gewesen sein, in einem noch weitgehend „unentdeckten“ Land zu leben? Welche Hoffnungen und Erwartungen hatten die Kolonisten? Was mochten sich die eigentlichen Herren des Landes – die sogenannten „Indianer“ – angesichts der immer neuen Wellen europäischer Einwanderer denken, die ihnen nach und nach immer größere Teile ihres angestammten Landes streitig machten? (Noch gab es ein „Miteinander“ beider Gruppen in den Neuenglischen und Französischen Kolonien). Welches gefühl muss es gewesen sein, tage- und wochenlang durch scheinbar „menschenleeres“ Land zu wandern und niemandem zu begegnen?

Das Bändchen besaß noch eine weitere Besonderheit:

Eine ganz „wörtlich“ genommene Orientierungshilfe und gleichzeitig Beleg der europäischen „Landnahme“, schließlich waren es nicht Indianische Namen, sondern Bezeichnungen wie Nieuw Spanjen, Maryland, Virginien, Carolina, Nieuw Schottland, Bezittingen der Engelschen oder Nieuw Bretanje aus denen der Autor am Anfang der einzelnen Kapitel  versuchte die geographische Gestalt der Nordamerikanischen Landmasse nachzubilden, indem er sie teils quer zur eigentlichen Leserichtung stehend, auf dem Papier anordnete.

Am meisten aber beeindruckte mich eine kurze Beschreibung einer kleinen Provinz an der Ostküste der Neuen Welt.  Da konnte man von einer  Königin Christina und der „Entdeckung“ durch die Schweden  lesen, die das ganze erst einmal Nieuw Sweden tauften bevor es ihnen die Holländer abnahmen in  Nieuw Nederlandt umbenannten und dort ein kleines Städtchen nach holländischem Vorbild namens Nieuw Amsterdam umbenannten.

(…) de Hooftstaad is in een klein eiland, aan de mond van de rivier Hudzon: De Hollanders noemden dezelve Nieuw Amsterdam. (…) Deeze Stad is de aangenaamste van gentsch Engelsch America. De huizen zyn van klinkers en steenen na da Hollandsche manier.

Beknopte Beschryving Der Engelsche en Fransche Bezittingen, 1755, Nieuw York

Beknopte Beschryving Der Engelsche en Fransche Bezittingen, 1755, Nieuw York

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wer hätte es im Jahr 1755 auch ahnen können, dass das kleine Städtchen an der Mündung des Hudson einmal zu einer der größten Metropolen der Welt mit dem – von den Briten abermals abgeänderten Namen – N(i)e(u)w York heranwachsen würde?

Ich hatte das Büchlein lange Jahre nicht angesehen. Es hatte einige Umzüge und auch eine Überschwemmung überlebt, welcher große Teile meiner Sammlungen zum Opfer gefallen waren. Jetzt lag es, wenig beachtet seit 6 oder 7 Jahren neben einer Balinesischen Knochenschnitzerei, einigen antiken japanischen Tellern und einem Band über Indonesische Ikat-Stoffe. Wie es dort hingeraten war? In einem Sammlerhaushalt suchen sich Dinge irgendwann von allein ihren Platz…vor allem jene, die in irgendwelchen längst vergessenen Ecken, Schublanden und Kisten ausharren…Manchmal werde ich den Verdacht nicht ganz los, das das der eigentliche Zweck des Sammelns ist. Man umgibt sich solange mit Dingen, das man vergisst, dass man sie eigentlich besitzt und feiert dann alle paar Jubeljahre eine Art triumphale Wiederentdeckung sofern Motten, Schimmel, Staub oder andere Unwägbarkeiten des Schicksals nicht schneller waren. Es ist jener Zustand dekadenten Überflusses an der Grenze zum Massietum, jener Zustand zwischen gerade noch wissen und endgültigem Vergessen, welche den alten, erfahrenen Sammler, der es längst aufgegeben hat, von jedem seiner vielen Schätze genau zu wissen wo er sich befindet, von einem Anfänger der noch brav jedes neue Stück mit dem unverholenen Grinsen eines erfolgreichen Jägers penibel in sein „Inventarbuch“ einträgt unterscheidet.

Doch bei diesem Büchlein verhielt es sich anders. Nicht nur, dass die Beknopte Beschryving in mir vom ersten Tag an dem sie in meinen Besitz gelangt war, die Grille eines „was wäre wenn es keinen Unabhängigkeitskrieg, keine französische Revolution, keine Vereinigten Staaten, keinen Washington und keinen Ersten und Zweiten Weltkrieg gegeben hätte in den Kopf gepflanzt hatte (Die Welt von 1755 war eine Welt, in der das alles noch nicht passiert war!), nein, das Buch ließ mich auch deshalb nie ganz los, weil mir zu seinem wirklichen Verständnis etwas entscheidendes fehlte: Die zugehörige Karte, für die es eigentlich gedacht war, und ohne die das Leserlebnis „unvollständig“ war.

War es eine jener bis ins 19. Jahrhundert hinein üblichen, reich mit Darstellungen von Meeresungeheuern, exotischen Tieren und fernen Kulturen geschmückten Karten, deren schierer Anblick einem die traurige Phantasielosigkeit der aufgeklärten und sich allwissend gebenden Gegenwart schmerzhaft bewusst macht, oder war es doch schon eine jener nüchternen von Längen und Breitengraden zerteilten Darstellung von menschengemachten Grenzen und Besitzstreben? Wie viel würde man sehen, was von dem Vaste-Land van Noord-America war schon bekannt, was noch nicht?

Der Gedanke an die geheimnisvolle Karte ließ mich nicht los und ich machte mich in Bibliotheken, Museen und Antiquaren auf die Suche nach ihr…erfolglos!Wie hoch mochte wohl die ursprüngliche Auflage gewesen sein? Was, wenn nur noch das Buch, nicht aber die Karte die Zeitläufte überstanden hatte? Würde ich jemals den gleichen Blick auf beide Stücke werfen können, wie ein leser des 18. Jahrhunderts? Und war die Karte ebenso detaillreich und innovativ gestaltet wie das kleine zugehörige Büchlein?

Fragen über Fragen die über zwanzig Jahre unbeantwortet blieben.

Irgendwann hatte ich die Suche aufgegeben, das Buch lag als seltsames Kuriosum in einer abgelegenen Ecke einer auch nicht gerade zentralen Vitrine.

Und dann räumte ich mal wieder auf. Nicht viel, eigentlich suchte ich – nachdem ich sie mühsamst mittels eines Pinsels und Wattestäbchen von einer zentimeterdicken Staubschicht befreit hatte – nur einen besseren Platz für eine chinesische Miniaturkommode aus Stroh, die gleichzeitig als höchst ungewöhnliches Schmuckkästchen gedacht war (aber diese Funktion nie wirklich übernommen hatte). Da in der Vitrine noch Platz war, kam sie neben dem Büchlein zu stehen, und ich hätte eigentlich nicht mehr daran gedacht, wenn ich nicht zufälligerweise den Pinsel daneben hätte liegenlassen. Den brauchte ich heut – und siehe da – anstatt die Fehlstelle des Wandanstrichs auszubessern hatte ich plötzlich die Beknopte Beschriyving in der Hand und stellte mir promt wieder die Frage nach der verschollenen Karte…

Heute besucht man in diesen Fragen nicht mehr irgendwelche Bibliotheken, Messen oder staubige Buchläden…nein, man befragt das Internet! uns siehe da, nach gerade mal 60 Sekunden fand ich das Gesuchte im Digitalen Archiv der Library of Congress. Die Nachkommen jener Nieuw Amsterdamer hatten sie für mich gesammelt und aufbewahrt!

Da lag sie nun. Auf den Ersten Blick war ich enttäuscht. Keine Seemonster, keine wilden Indianer, nicht einmal ein Wappen oder ein Schiff. Doch bei genauerem hinsehen entfaltete das dichtbeschriebene bunte Stück virtuellen Papiers einen eigentümlichen Sog. Da lagen sie wie an einer Perlenschnur aufgereit, die so lebendig beschriebenen Orte und Städte, Flüsse und Seen, Berge, Wälder und Küsten des kleinen Buches. Und es gab noch viel mehr. Namen, die heute kein Mensch mehr kennt, die Bezeichnungen stolzer Indianer-Stämmen, die heute längst aus ihrer Heimat vertrieben oder ganz ausgerottet worden sind, Grenzen und Farben die längst jede Bedeutung verloren haben. Auch gab der Zusatzt

Uit Het Fransch Vertaalt

auf dem Frontspitz plötzlich Sinn, vielleicht hatte es ja neben dem holländischen auch ein französischens Büchlein gegeben? Die Karte jedenfalls war zweisprachig, oder fehlte bei mir einfach die französische Übersetzung, oder wurde sie vielleicht nie gedruckt? Die Library of Congress schien auch nur das zugehörige  holländische Büchlein zu besitzen.

Und da war noch was: Obwohl die Karte sonst erstaunlich genau war,  Bermudas waren viel zu klein und lagen viel zu weit nord-östlich, New Orleans und St. Luis waren Grenzstädte zwischen Frankreich und Großbritannien, und von den Weiten Louisianas (also jenen Gebieten die westlich des Mississippi lagen, waren lediglich die Küsten und die größeren Flüsse und Seen bekannt.

Was wäre wenn…das Kino im Kopf hatte mich wieder.