Betrachteter Alltag _ Die abstinente Mittelschicht, oder: Eine Welt voller angstgeplagter Asketen

Genießen verbotenSie sind eben ein echter Barockmensch!“
Ist es heute wirklich noch ein Lob, wenn jemandem dieser Satz entgegengeschleudert wird, oder verbirgt sich dahinter nicht schon der aufklärerische Vorwurf des angeblich überflüssigen Exzesses, der Unbeherrschtheit, der Faulheit und Verschwendung? Ist das Wort „barock“ seit den Zeiten eines Kants, Leibnitzs und Voltaires nicht geradezu ein Synonym für die selbstverschuldete Unfähigkeit zu Zurückhaltung, Enthaltsamkeit und Fokussierung auf das „Notwendige“geworden? Eine Beleidigung, die man denjenigen mit entsetzter Verve entgegenschleudert, welche sich nicht an die alternativlosen Regeln einer Gesellschaft, welche Jugend, Gesundheit, Sicherheit, Leistung, Effizienz und Selbstoptimierung zu ihren Abgöttern erklärt hat? Ein Stigma, mit dem man die sorg- und verantwortungslose „Verschwendungssucht“ des nicht nur in seiner psychischen, sondern auch physischen Konstitution „barocken“ Verschwenders öffentlich geißelt? Und habe ich nicht gerade über jene laktosefreien Latte Macchiato aus tiergerecht-fairem Anbau trinkenden, veganen Hipster in extraeng geschnittenen Jeans als Idealtyp der Moderne geschrieben?

Es braucht manchmal andere kluge Köpfe, damit aus einem unguten Gefühl in der Magengrube Gewissheit wird. Diesmal war es Hasso Spode, Sozial- und Kulturwissenschaftler an der FU Berlin, der mich mit seiner kürzlich in einem Interview für Deutschlandradio Kultur geäußerten These von einer „Phase des Asketismus“ auf den erkenntnissspendenden Weg führte.

Sicher, auch mir waren sie längst in meinem Alltag begegnet, die militanten NichtraucherInnen und Veganer, die Milchhasser und Weißen-Zucker-Verteufler, die Öko- Fairtrade- und Bio-Fetischisten, die Freilandhuhnlober und Sportfanatiker. Seit ihrem erstmaligen Auftreten irgendwann kurz nach der Deutschen Wiedervereinigung ruinierten sie mit ihrem aktionistischen Bekehrungseifer jede weinselige Runde, vermießten Backhendel und Hamburger, erzwangen ein eigenes Vegetarisches, später sogar Veganes Menü bei WG-Parties und geißelten jeden als Menschenfeind, der nicht die politisch-korrekte und selbstverständlich maßlos überteuerte, milchfreie Bio-Schokolade bei dem „Eine Welt Laden“ ihrer Wahl kaufte und sie in einem möglichst selbstgesponnenen und abgetragen aussehenden Jutetäschchen im Triumphzug nach Hause trug.

Lange Zeit tat auch ich diese Gestallten als harmlose Spinner, von der Werbung verleitete Geistesschwache oder bedauerliche Einzelindividuen ab. Später, als die Gruppe der „Wutbürger“, die Schnaps, Butter und Sahne für Teufelszeug hielten, Bœuf bourguignon zum Mordinstrument erklärten und Tabak und Alkohol als Massenvernichtungswaffen bezeichneten größer wurde, flüchtete ich mich in Ironie und Spott…doch es war zu spät: spätestens mit der Einführung öffentlicher Alkoholverbote hatte sich der asketische „Gutmensch“ zum Mainstream entwickelt und forderte nun zum Kampf gegen die Volksdroge Alkohol, die Aufgabe der Ärztlichen Schweigepflicht bei Depressiven und die Zwangstherapie von die Volkswirtschaft schädigenden Übergewichtigen auf.

Auch wenn ich gelegentlich mit vegetarischem Döner, Sellerie- und Parasolschnitzeln und einer Fruchtsaftdiät geliebäugelt hatte, wusste ich spätestens zu diesem Zeitpunkt: diese schöne, neue und von allem „Überflüssigen“ befreite Welt askesepredigender Ökofaschisten war nicht mehr die meine. Nur eines war mir immer noch nicht klar geworden…warum waren aus individualistischen, exzessiv schlemmenden und genussmittelfreudigen Yuppies plötzlich lauter kleine kalorienzählende, moralinsaure, antidemokratische und jede Form von Genuss und Überfluss bekämpfende Weizengras-Savonerolas geworden?

Die endgültige, und von mir im tiefsten Innern seit Jahren geahnte Antwort kam mit eben jenem am Anfang dieses Beitrags zitierten Interview Hasso Spodes:
Die neue, selbstoptimierte, dauergestresste, permanent-burnoutgefährdete, und sich im Fieber des Akadiemisierungswahn auf dem ökologisch einwandfreien, fair gehandelten und produzierten, allergenfreien Hartgummifouton wälzende Mittelschicht hatte nur noch eines: Angst vor dem sozialen Abstieg!

Nun weiß man aus der Geschichte, dass Angst der schlechteste aller Ratgeber in Lebensfragen ist. Sie treibt die Menschen in panischen Aktionismus, neigt zu ademokratischer Intolleranz gegenüber allem was als Anders und Fremd definiert wird, regt zu schonungsloser Selbstausbeutung bis weit über die Grenze des Erträglichen an, und verschlingt schließlich alles, was uns menschlich und frei sein lässt – „Angst essen Seele auf“, so lautete der Titel eines 1974 erschienenen Melodrams Rainer Werner Fassbinders, dass sich anhand der zum Scheitern verurteilten Beziehung zwischen der verwitweten Putzrau Emmi Kurowski und dem zwanzig Jahre jüngeren Marokkanischen „Gastarbeiter“ Ali mit Intoleranz, gesellschaftlicher Kälte, Vorurteilen, Lieblosigkeit und sozialer Ausgrenzung auseinandersetzt.

Bereits dass ich gerade das Wort Gastarbeiter in Anführungszeichen gesetzt habe und das Wort Putzfrau als politisch-inkorrekten Terminus am liebsten mit Reinigunsfachkraft oder „Facility Managerin“ ersetzt hätte, zeigt wie verlogen wir inzwischen mit unseren Ängsten vor Sozialem Abstieg und Vorurteilen genenüber Fremden umzugehen gelernt haben, und wie groß die aus Amerika importierte Schere im Kopf inzwischen geworden ist. Auch diese politisch korrekte Askese von einer klaren und die Dinge beim Namen nennenden Sprache ist Teil des neuen Angst-Mainstreemings. In Zeiten allgemeiner sozialer, ökonomischer und politischer Verunsicherung sind Klartext, offene Kommunikation und divergierende Meinungen zum Luxus geworden und der von einer durch soziale Netzwerke von allen Hemmungen entfesselte  permanente Shit-Storm im Netz, der längst reflexartig gegen alles hetzt was irgendwie anders, nicht-normal oder überflüssig erscheint, bestärkt Otto-Normalverbraucher/In noch in dieser Angst, gibt ihr aber auch die Macht in die Hand, ihre eigenen, individuellen Ängste zur einzig verbindliche Weltanschauung zu erklären. Für Muße, freies Denken, nutzfreies Kinderspiel oder auch nur vom allgemeinen Massentrend abweichende Meinungen und Lebensweisen bleibt hier nicht viel Raum.

In Form öffentlicher Rauch- und Alkoholverboten, Immobilienboom, verpflichtenden Veggy-Days in Werkskantinen, proaktiver Fitness-Apps, militanten Stuttgart21-Gegnern und PEGIDA, Pränatalen-Gen-Tests, vorsorglichen Brustentfernungen, Vorratsdatenspeicherung, Sicherheitsverwahranstalten, sowie hysterisch geführten Tierrechts- und Kinderpornographiedebatten hat diese auch mit dem Kürzel „SHE“ (Security-Health-Efficency / Sicherheit-Gesundheit-Effizienz) überschriebene Ideologie der Angst längst tiefe Wurzeln in unserem Denken und Handeln geschlagen, ist „Mode“ und „Zeitgeist“ geworden, prägt das ohnehin immer ununterscheidbarer gewordene Arbeits- und Privatleben und bereitet uns allen schlaflos verbrachte Nächte voller Versagensängste.
Und wir? In unserer von Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Medien permanent geschürten Angst nicht mehr zu  diese schöne, neue, gebildete, hochqualifizierte, rundumoptimierte, leistungsorientierte und durch ausgefeilte Ernährungspläne gestählte Gesellschaft zu gehören nehmen wir uns zurück, werden leise, essen weniger, schwören dem blauen Dunst ab, passen uns an. Selters statt Sekt, Askese statt Überfluss, Geistige Verarmung statt Vielfalt, erzwungener Mainstream statt gesellschaftlicher Vielfalt, work and life blending statt work and life balance, moralinsaure Frigidität statt sexueller Revolution, politisch korrekte Intoleranz statt geistiger Offenheit, nur nicht auffallen, anecken, oder gar scheitern…kurz: die gnadenlose und keine Ausnahmen kennende Diktatur des komplettangepassten Mittelmaßes  – so könnte man den neuen Leben und Denke der neuen selbstoptimierten, alkohol- und pornographiebefreiten, und auf permanente Fexibilität und Maximalleistung getrimmten Mittelschicht zusammenfassen.

Das Ganze erinnert mich fatal an jene Zeiten des „Grande Terreurs“ und der 20er, 30er und 40er Jahre des letzten Jahrhunderts in der die Angst schon einmal regierte und im Namen des Allgemeinwohls und angeblicher Vernunft schon einmal zur Jagd auf alles Andere, Abnormale und Schädliche aufgerufen wurde. Die Folgen dieser Politik der Intoleranz scheinen wir heute vergessen zu haben, oder wir wollen sie einfach nicht mit dem, was wir heute denken, tun und urteilen in Verbindung bringen – denn wir sind ja besser, klüger, gestählter und härter…Man könnte auch von angstbedingter Hybris alles durch stetige (Selbst-)Optimierung beherrschen zu können sprechen.

Vielleicht ist es ja gar kein Zufall, dass in Zeiten, in denen humanistische Bildung, ja Bildung im weiten, allgemeinen und humboldt’schen Sinne als „nutzlos“ und „unpraktisch“ gilt ja garkein Zufall, dass die Kenntnis des Altgriechischen und damit der tieferen Bedeutung des Wortes „Hybris“ als „verzichtbar“ ja gesellschaftsschädigender da unwirtschaftlicher Luxus gilt. Vielleicht ist es ja gewollt, dass man nicht mehr weiß, das dieses Wort sich von „hybitzomai“ ableitet und ursürünglich eine Art selbstmörderische und im goebbelschen Sinne „totale“ Kriegstechnik bezeichnete bei der man zwar dem Gegner kurzfristig schadet, in erster Linie aber Gefahr läuft sich selbst zu verstümmeln.

Ich übertreibe?

Versuchen Sie doch mal mit 40 Kilo Übergewicht in ein Fitnessstudio zu gehen, auf einem Kinderspielplatz zu rauchen, setzen Sie sich mit einer prall gefüllten Tüte ihres Lieblingsfastfoodanbieters in den Bus, trinken sie Vormittags eine Flasche Bier auf einer Parkbank, oder probieren Sie einmal, ohne von Videokammeras überwacht zu werden durch eine Fußgängerzone zu laufen oder Bahn zu fahren, als offen schwuler Mann eine Jugendfreizeit zu leiten, sagen Sie ihrem Arbeitgeber offen, dass sie Depressionen und Bluthochdruck haben, oder versuchen sie einfach nur mal beim nächsten Picknick ihre veganen Freunde von den Vorzügen von Chicken McNuggets zu überzeugen…

Glaubt man Hasso Spode wird sich deren – je nach Standpunkt – „Offenbarung der Askese“ oder „Diktatur der Angst vor dem sozialen Abseits“ noch zwanzig oder mehr Jahre halten – meiner Meinung nach ist dies die wahre und einzig echte beänstigende Aussicht.

Werbeanzeigen

Espresso Marie Antoinette

Manchmal sind des die „kleinen Dinge im Leben“, die einen auf große (und manchmal auch nicht so große) Ideen bringen. In diesem Fall war’s die Nachfrage einer Studentin, die wissen wollte, wer denn da eigentlich auf der „Familienerbstücksbrosche“ abgebildet sei…und weil ich es dann viel zu langweilig fand, ihr einfach nur den Wikipedia-Link zu schicken, hab ich mir gedacht: Warum nicht gleich eine Kaffee-Creation nach der Dargestellten benennen? Schließlich hat ihre Frau Mama, unsere noch immer heißgeliebte Kaiserin Maria Theresia schon lange ihren „Maria-Theresia-Caffé“, warum also nicht auch die Tochter?

Ihr wisst immer noch nicht wen ich mein? Well, lasst es mich mal so versuchen: Sie war der unumschränkte Superstarstar ihrer Zeit, schön, reich und vielleicht auch ein ganz klein wenig naiv, und sie viel tief, als Herrscherin, als Mutter und nicht zuletzt auch als Mensch. Maria Antonia Josepha Johanna von Habsburg-Lothringen, Erzherzogin von  Österreich, Prinzessin von Ungarn, Böhmen und Toskana, spätere Dauphine und Königin von Frankreich und Navarra unter dem Namen Marie Antoinette.

Und sie war ein anerkannter Feinspitz, wie man in ihrer Heimat Wien anstatt „Gourmet“ oder „Leckermaul“ sagen würde. Keine noch so raffinierte Mehlspeise, kein noch so außergewöhnliches Getränk, dass sie und ihre Köche nicht um eine entscheidende Nuance bereichert hätten. Vielleicht hätte er ihr ja geschmeckt, der Espresso Macchiato mit Mandarinensirup, Zimt und Veilchenzucker, den ich mir heute morgen genehmigt habe. Auch wenn ich stark vermute, dass sie die Variante mit Schokolade bevorzugt hätte. Wenn ihr also wieder mal eine Brosche oder eine kleine Miniatur habt, bei der ihr nicht so ganz genau wisst, wer oder was drauf abgebildet ist: immer her damit…vielleicht fällt mir ja noch der eine oder andere Cocktail oder Longdrink ein 😉

Espresso Macchiato Marie Antoinette

Espresso Macchiato „Marie Antoinette“ 

Zutaten:

1 starker Espresso (wienerisch: kleiner Schwarzer)

1/2 Teel. Mandarinensirup

1 Eßl. Milchschaum

etwas Zimt und Veilchenzucker zum garnieren.

Zubereitung:

Mandarinensirup auf den Boden der Tasse oder des Espressoglases geben, mit Espresso auffüllen,    Milchschaum vorsichtig obenauf platzieren so dass ein weißer Punkt mit braunem Rand aus Créma entsteht, mit Zimt und Veilchenzucker garnieren und servieren!

 

 

Adventskalender 2014 – 14. Türchen – prejudices, or my perfect German christmas party in the middle of August!

Duftpomaden- Nelkenorange

Duftpomaden- Nelkenorange

Sometimes it’s true: prejudices do exist, to be confirmed!

But it’s also true that in quite a lot of cases, the pre-judged do everything to ensure that prejudices become true for the prejudicing ones, particularly, when they are profitable for the pre-judged!

One of those very precious and extremely profitable prejudices is the “German Christmas”!

Not only half of the world’s population seems to be absolutely convinced, the whole of Germany would mutate into a single giant Christmas market between October and March, no! – for some unexplainable reason my American, Chinese and Russian friends also are absolutely sure of the fact, that all Germans had nothing better to do, than drinking German mulled wine, eating German Lebkuchen – of coruse from the most German city Nuremberg – while carving incessantly Oberammergau crib figures wearing god-old German leather pants during this “holy time” of the year…

Well…I’ve tried to explain things are a bit more „complicated!… I’ve tried it…really!

To my big misfortune, we were visiting the beautiful German city of Bamberg…which unfortunately looks exactly like Disney would create a Christmas town…even in the middle of August. Things were as they had to come… my beloved multicultural Chrismas-seekers discovered the full-year Christmas paradise – a really awful shop, freshly imported from Rothenburg ob der Tauber!  Did I mention that it was the middle of August!

To make things short and worser: Any further attempt to explain that Christmas was not a quintessentially German invention with quintessentially German customs and quintesentially German “Gemütlichkeit“ was henceforth completely useless …

Instead, I grabbed my advent calendar from Aldi, took some gingerbread (foolishly, we visited Nuremberg too, there you can get gingerbread all arround the year, consequently I’ve must been wrong: Without any doubt, Germany is the land of eternal Christmas markets! damn!).

And then it happened … some idiot of touristshop-owner offered the ultimate beer mug: with a portrait of the Kaiser, an imperial eagle, good old Germany inscription (I’ver wondered why in Gods name there was no ; Für Gott, Kaiser, Reich und Vaterland-inscription!) , Santa Claus, some reindeers, Christmas market stalls, the “Chriskind-Rauschegoldengel” and of course the synonym of “real” German Christmas customs: a Christmas pickle! (I declared to “my” Americans for the 10,000st time that there is no such custom in Germany … they do not believe me! Of course not, if there’s a whole bunch of christmas pickles in the showcase!)

After this, I haven’t even tried to explain to my beloved Americans why Santa Claus isn’t the half-brother of the Christkind, or that reindeers belong to Norway and are a typical element of American folclore… I let them buy their goddamned pitcher “made in China”, and even drunk some “real” Franconian smoked beer from it (I’m drinking it exclusively when I’m forced to do so by friends on transit!).

At the end, I’ve managed to get some unripe oranges to show them how to make a genuine German Orange with cloves (those strange things, you already had to tinker in Kindergarten. Of course without a kindergarten aunt explaining that much less burning essential oils would get into your eyes, when you drill some holes into the orange with a with a small nail  first and then put the cloves in … may I’ve forgot to tell, that Oranges and cloves do not grew in germany and came to our country from Venice in the 15th or 16th century and therefore called „Duftpomaden“ or „Duftpommeranzen“ (scented oranges)…but my guests were Americans! I’m glad when they don’t mix Austria with Australia and – honestly said – for them everything that smells like German Chrismas must be genuinly German…It’s the same thing with socker, cars and beer…).

In short: I’ve done everything not to be the evil, deadly serious and oversophisticated German again… and I managed it! I’ve celebrated a perfect German Christmas, with Christmas baubles, a Christmas pickle, an Advent-Calendar and a genuinely German Orange with cloves in it! And I did all this in the middle of August, just to prove: Germany is Christmas genuine homeland!

Happy New Year!

Summertime…

Summertime

Summertime

Summertime and the livin‘ is easy„, so steht es  im von Heyward DuBose verfassten Libretto der 1935 von George Gershwin komponierten „American folk opera“ Porgy and Bess…

Ich hingegen konnte den Sommer trotz, oder vielleicht gerade wegen der diversen geistigen Aussetzer falschbrüstiger Wettermoderatorinnen, welche im Privatfernsehen schon Ende Februar von Sommer, Party, Sonneschein faseln und einem einen dringend Kurztrip an die türkische Riviera zum „Sonnetanken“ empfehlen noch nie ab. Es ist heiß, man schwitzt und eigentlich möchte man sich für vier bis fünf Monate im Jahr nur noch ins nächste Baggerloch oder auf den Vatnajökull verziehen. Ja, es ist eben ein echter Eiszeit-Neandertaler an mir verlorengegangen ;-).

Manchmal gibt es sie dann aber doch, die lauen Sommerabende an denen langsam die Sterne aus dem graublauen Nachthimmel auftauchen, das Temperaturniveau wieder auf ein menschenwürdiges Maß sinkt, der Mond durch die Zweige des Apfelbaums spickt und im Nachbarsgarten eine Nachtigall mit ihrer Galavorstellung beginnt. Dann schnappe auch ich mir ein paar Lampions, und – je nach Temperatur – ein gutes Glößchen Vino Nobile aus Montepulciano, einen Rosé aus Sancerre oder doch einen furztrockenen Chablis, setze mich in meinen begrünten Innenhof, ziehe mir Händel, Porpora oder eben auch die gute alte Ella Fitzgerald rein (ich liebe die Berliner Aufnahme mit dem the Tee Carson trio von 1968!) und genieße mein ganz privates „summer feeling“.

Summertime,
And the livin‘ is easy
Fish are jumpin‘
And the cotton is high…

The only true way of drinking espresso ;-)

Isn’t it wonderfull to smell the pure flavour of fresh roasted Espresso made from 100% arabica beans? Add a little carpet from Uzbekistan, and a japanese Art Deco cup, with delicate miniature paintings showing people celebrating the „Hanami“ festival, and you’ll turn a normal everyday action into the perfect postmodern and globalized springtime event!

Bild

 

Sonntags im Hinterhaus

Betreten des Grundstücks auf eigene Gefahr!

Betreten des Grundstücks auf eigene Gefahr!

Ja es ist soweit: Über meinem Schreibtisch kreisen Gänseschnüre, Acrobat Pro spricht seit dem letzten Update nur noch Englisch, und mittels automatischer Benachrichtigung teilte mir heute mein Blog-Account in Form eines goldenen Pokals mit, dass ich vor genau einem Jahr glücklich damit begonnen hätte, die Welt an allen möglichen und unmöglichen Ereignissen meines Lebens online teilhaben zu lassen. Endlich die richtige Gelegenheit für eine tiefgreifende Reflektion über die Chancen und Risiken der Neuen Medien, die Beschleunigung von Zeit und Raum, die schleichende Mediatisierung des Alltags und die zunehmende Digitalisierung des Alltags…

Geschenkt! und ein dickes Sorry an alle Profi-Nerds, Kämpfer gegen das Böse im Netz (oder das gute darin?) und Stubenhockermisanthropen, ich bin auch schockiert & ihr habt meine vollste Solidarität!

Es regnet. Dicke kalte Novemberregentropfen. Auf dem Bleidach liegen die verlorengegangenen Blätter der Nachbarsbäume und durch die Altbauwohnung im Hinterhaus geistert der erste kalte Winterhauch. Es ist still.  Nur das gelegentliche Aufblitzen des roten Kontrolllichts der Solaranlage der Nachbarn verrät Leben. Selbst die Krähen und der stets von wilder Neugier und Raublust geplagte Nachbarskater haben es offenbar vorgezogen sich ein trockenes Fleckchen zu suchen. Das nur 20 Meter weiter eine stark befahrene Durchgangsstraße liegt bemerkt man nicht.

Sonntage am Karmelitengarten sind gemein, die Glocken klingeln eine halbe Stunde eher, und da das nächstgelegene vollfunktionsfähigem Geläut nur knappe 100 Meter entfernt steht, heißt das für mich automatisch: Sonntag Auschlafen ist nicht! Stattdessen Milchkaffe und aufgewärmte Butterhörnchen um halb sieben…

Meine Nachbarn sind endlich mit ihrem Dach fertig. Sieht ungewohnt aus. Neu, mit Chromkanten, zweifarbigen Schneefängern, einem Plastikphallus der reichlich unfolkloristisch auf Holzkaminabzug macht und im Mittagslicht reflektierenden Dachrinnen. Ihre mobile Rumpelkammer im Hinterhof haben sie deshalb nicht abgebaut, vermutlich eine Konzession an den Denkmalschutz ?…als kehrwochensozialisierter Schwabe werde ich wohl nie vollständig verstehen, wie Franken völlig ungerührt riskieren, dass ein Nachbar ihren „Gruschthaufen“ sehen könnte…

Trotzdem sind sie ja eigentlich ganz nett, die Einheimischen, wenn sie einen so nach zwei bis vier Wochen des Hustens, Schniefens, der Erkältung und des Fiebers, kurz: kurz vor dem finalen Exitus dann doch mal fragen, warum man denn ausgerechnet heut so schlecht aussehen würde…Und danke, Hühnersuppe aus dem krähenden Eigenanbau mit obskuren Zuckerkügelchen hilft da nicht wirklich…außer ihr wärt so nett, den Hahn in einem heidnischen Ritual zu opfern und das Kloster endgültig in eine Wellnesslandschaft umzuwandeln (sie sind dabei, ein Hotel ist schon drinn…)…Leider ist auch mein neugierig-panischer Nachbarskater wesentlich mehr an Pommes Frittes, Dönerspezialsauce und Hausmacherleberwurst, als an Federvieh interessiert…und ja, er kann (!) den Kühlschrank aufmachen, mag aber nicht, wenn ihm dabei eine eisgekühlte Gurke auf den Kopf fällt! Überlege gerade ob ich ihn in „Obama“ umbenenne. Vermutlich steckte er hinter der Präventivflyeraktion: „Kein Lärm am Kaulberg!“ Und überhaupt, diese Veranstaltungen, ständig jugendliche Komasäfer, und erst dieser allgemeine moralische Verfall der Jugend! (Nicht das wir hier irgendwas davon mitbekämen, hier giebt’s nur BWLer in billigen Lederhosen, die  im Vollsuff nach dem 14. Bockbieranstich gegen das frischgestrichene Garagentor urinieren. Da kann man dann als entrüsteter Wutbürger der hauptberuflich für das Aufhängen von „Prozesionsfahnen„, die Wahrung des „guten christlichen Andachtsbildes“ und gegen die „Bamberger Mauer“ einsetzt, schonmal Überwachungskameras an Wildpinklerstellen und präventive Starkstromleitungen marke „Bullenzaun“ fordern… Wie viele von den „Absurdbürgern„, die sich fleißig mit liebevoll gestallteten Verbotszetteln an den Pinwänden des „1. Innenstadthearings“ beteiligten wohl von hier oben kamen? Je ruhiger das Leben, desto größer das Luxusproblem…Habe gerade das sehr stereotype Bild eines eplanten Werbefilms für die Genussregion Oberfranken vor mir zweier Saidlaschwingender Vollfranken vor mir, die in einem indischen Slum nach dem nächsten Keller fragen und am Ende tatsächlich in einem „Aecht Deutschländer-Kerwa“ mit passender Vollplastikbestuhlung landen (Bollywood sei dank wissen wir alle, wie leicht so etwas im realen Leben möglich ist! Ich sage nur der „Eacht Szwartzwälder Biergarten“ zwischen der Wanfujing und dem Kaiserpalast in Peking! …Und dank kürzlicher Expedition ins land der nichtmehrganzsobefreundeten Westbarbaren wissen wir auch im Facebookfreundeskreis, dass es leichter ist ein Spezial Weißbier in einem US-amerikanischen Supermarkt zu bekommen als hier…

Aber eigentlich sind sie ja garnicht so, die Menschen am Kaulberg. Vor allem dann nicht, wenn sie mit gezücktem Kuchenmesser hinter mir herrennen (der Kleine Blonde von der Bäckerei fand, das sei ein ganz tolles Spiel), Sonntags morgends um halb acht mit dem Laubsauger durch ihre Gärten spazieren, tagelang mit dem echt antiken Benzinmotorbetriebenen Rasenmäher Marke „Trommelfellbeißer“ liebevoll ihr englisches Grün pflegen, ihren Nachwuchs brüllend in, oder aus den Apfelbäumen jagen oder nachts um drei als verschwörerische Elfen Gongs schwingend und Mantras singend durch die Gärten huschen (well, sowas kommt in einem ökologischen Mehrgenerationenprojekt in der Nachbarschaft eben vor…).

Und ja, ich liebe Euch Alle! Und ja, ich liebe auch die tägliche Absurdität meiner fränkischen Kleinstadtheimat!…bedankt euch beim Wetter!

Von Werbepausen, Alpenglühn, Skispringern und Saupreißn…

Alpenglühn

Lieber winterlicher Sportkanal;

Ich weiß, wir haben seit frühester Kindheit ein etwas ambivalentes Verhältnis. Dein überschwänglicher Enthusiasmus, der sich zur Winterszeit nicht selten mit jagerteegesätigter Almhüttenromantik, nationalfarbenschwingenden Wikingerhelmträgern und den Flugversuchen unterernährter Adler in aerodynamischem Neonpolyester verbindet erzeugt – zugegebenermaßen – eine gewisse Faszination.

Die farblich abgestimmten und mit kunstvollen Pailettenstickereien verzierten Schlittschuhüberzieher, das zahnlose Lächeln kanadischer Eishockeyspieler, der fröhliche Todesmut eiskanalgestählter Weißwürste und dann erst die exakt gesteckten Tannenbuschen auf der „Schanz“ und der echt zünftige Jodler des Moderators beim Abfahrtssieg der Damen im Riesenslalom.Hach… Alpenländisches Matterhornidyll in seiner reinsten und unschuldigsten Heidi-Form!

Und doch…irgendwo steckt auch in mir ein kleiner Reinhard Fendrich, und ja ich bekenne es ganz offen, auch mir ist schon so manch amüsiertes „Hoppala“ entsprungen, wenn’s bei 165 Km/h wieder einmal einen der Goldbuam auf der Streif so richtig brutal zerlegt hat. (O-Ton 85-jährige Großtante aus Niederösterreich: Sonst wärs jô eh faad…)- Leider gilt bei einigen NGO-Vertretern und Rohkostgutmenschen das ritualisierte Totengedenken bei Sportschau, Hefekranz und Sonntagskaffee inzwischen als politisch leicht inkorrekt. Warum eigentlich? War es nicht schon immer der Sinn des Sports sich in Form waghalsiger Wendemanöver der Gefahr des nur scheinbar gezämten Todes auszusetzen? Sind Skispingen und Riesenslalom, Eisstockschießen und Rodeln denn nichts anderes als sublimierte Initiationsrituale, mit deren Hilfe der Ipod geschädigte Bankerlehrling von heute das Tier in sich entdeckt? Hat nicht schon Kaiser Franz Joseph – Gott hab ihn selig! – seiner Sissi nicht unter Lebensgefahr beim Eiswasserfallklettern Edelweiß gepflückt?  O tempore, o mores…

Am schönsten aber sind…nein nicht die Ferien, die Werbepausen! Da haut’s einen Weitspringer bei 9 Kilometer Seitenwind von der Schanz, aber wir „haben“ jetzt ersteinmal ein kleines Bisserl Werbung! Als sei’s ein Dopingguatserl vom Deml und noch dazu eine riesen Malebumpanez!

Erwacht aus der Erinnerung an die legendären Kindersendungen des Österreichischen Staatsrundfunks, fällt einem beim nächsten Jagertee irgendwann doch auf, dass das ganze so falsch ja nicht ist…Botox, Schnee, Clenbuterol und  Eigenblutkonserven bekommt man zur Hochsaison in Skt. Moritz, Gstaad, Kitzbuehl , oder Kranjska gora eh leichter als eine ordentliche Brettl-Jausn!

Und wenn man sich dann, angeregt durch die mediale Bilderflut des Wetterfernsehns, gamsbartschwingend und jauchzerverströmend zusammen mit 3 Millionen Gleichgesinnten auf der A8 in Richtung Großglockner, Wildhorn und Trafoier Eiswand aufmacht und nach 9 Stunden Stau bei Germknödeln, Zittermusik und Enzian die Last des Alltags endlich hinter sich lässt und sich am nächsten Spätvormittag von der immensen Majestät der Berge gepackt todesmutig mit zwei Dutzend kreischenden indischen Teenies in den Anfänger-Skikurs beim feschen Franzl vom Deppenhügel einträgt…dann, aber nur dann kann es in einer sternenklaren Winternacht passieren, dass einen eine b’sonders leivante Hüttenwirtin namens „Gschaftlhuberin“  um halb zwei Uhr früh weckt und mit sorgenvoll-katholischem Magdalenenblick verkündet „S’ist nôch widarrrr aans verunglückt!“

Das ganze ist nun kein bloßer Versuch der Informationsübermittlung…Nein, will man am nächsten Morgen nicht als DER „Vermaledeite Saupreiß“ durch den Ort getrieben werden, gehört es sich nun frischfröhlich und mit möglichst großem k.& k. Bremborium aufzustehen, sämtliche eventuell noch schlafende Gäste der Alpenpension Koflblick durch das sonore Bassbrummen der antiken Schuhputzmaschine aufzuwecken und bei zünftigem Fackelschein durch Nacht und Frost möglichst „gschwind“ zum Lawinenkegel zu eilen um gemeinsam mit Skilehrer, Bergwacht, freiwilliger Feuerwehr Skt. Florian und dem Blasmusikzug  Erzherzog Johann zu schaung welcher vermaledeite Tschusch, Türk, Süditaliener, Russe, Ami, Niedersachse oder Wiener (bitte in dieser Reihenfolge) in seinem postjuvenil-alpinen Leistungswahn das letzte Schneebrett der Saison losgetreten hat.

Wenn dann der Komandant der örtlichen Schützenkompanie Andreas Hofer II den im Obsgarten des Pfarrers liegenden Saukerl‘ (groooses Kompliment!) mit einem fröhlichen „lebst nô oder hôds di z’rissn“ begrüßt fühlt man sich inmitten von Wellnesstempeln, Gletschermühlen und Nordic-Walking-gestressten Landfrauen erst wirklich daheim!

Danke liebe Zenzi, und es lebe der Sport!

Earl Grey Wetter

zapfig is!

Ich will zum Bäcker und komme mit Bergen von Schnee auf Hut und Pelzkragen zurück. Die Rhododendronblätter haben sich vor dem eisigen Wind zu kleinen Zigrarillos eingerollt. Ein letzter sichernder Blick auf den „Hausdienstplan“…es stimmt, ich bin drann. Ich überlege mir, ob ich zum Kehrwöchnern lieber den Feger oder doch gleich die Schaufel nehm…Der Schnee ist leicht, trotzdem entscheide ich mich der besseren PR wegen  für die Schaufel… Weg vom Schreibtisch genieße ich die seltene Gelegenheit durch physische Arbeit ein wirklich sichtbares Ergebnis zu „schaffen“.Ich blicke Richtung Dom und träume mich ans Meer.  Schneewehen erinnern mich an Venedig oder war es doch das Londonder East End? Sollte beide Orte im Sommer besuchen! Ob Charles Grey Viscount Howick und 2. Earl Grey wohl ähnliche Gedanken plagten als er besorgt ein Tässchen „verdorbener Handelsware“ probierte? Vermutlich nicht.