Reise nach Kythera 10 – Zwischen Heidiland und Down Under oder: Neulich am Strand von Diakofti…

Hellas !

Hellas !

„Grüazi, sid’s Ihr au vo Züri dô“

Genauso wenig wie „Baden am Strand“ normalerweise zu den Aufgaben eines fleißigen Feldforschers gehört, würde man diese Frage an einem kleinen Sandstrand südlich des Peloponnes erwarten. …Doch auf Kythera funktionieren Kathegorien wie „man würde nicht erwarten“ oder „noralerweise“ nicht, jedenfalls nicht so, wie im guten alten Mitteleuropa.

Kyhtera ist anders – nicht nur im Reiseprospekt! Der Strand von Diakofti ist Mitte Oktober einfach der beste Ort an dem „Forscher“ ganz zwanglos und unter dem mehr als mäßigen Schatten einiger Strandzypressen (ich bin immer noch überzeugt, dass es nichts anderes als reichlich zerzauste Tamarisken sind…) mit Leuten aus aller Herren Länder ins Gespräch zu kommen.

Das diese Menschen es zufälligerweise gerade auch Leid sind sich neuerdings erfolgreich „Wanderwege“ nennende, felsbrockenübersähte Ziegenpfade auf und abzusteigen, ist ein angenehmer Nebeneffekt, aus dem sich dann auch gleich trefflich ein improvisiertes Interview zur touristischen Zukunftsentwicklung der Insel basteln lässt.

Ergebnis eines dieser „Gespräche“ war, dass auf der Insel dringend eine Abordnung des schweizerischen Alpenvereins tätig werden müsse, die bei der Gründung einer örtlichen Gruppe tatkräftige Hilfe leisten könnte, damit die letztendlich die Wanderwege in einen „menschenwürdigen“ Zustand versetzen sollte…Ich vermute jetzt einfach mal, dass niemand außer mir den Zustand der Wege vorher kannte. Ich finde sie mehr als vorbildlich und auch durchaus „menschenwürdig“ ;-).

Außerdem wollte ich mich heute ja mal kurz fassen…

Man (also der Feldforscher im nicht mehr so ganz funktionierenden Inkognito – Griechische Inseln sind eben in der Nebensaison sehr klein…) liegt also  teilnahmsvoll teilnehmend beobachtend am Sandstrand. Auf dem Kopf ganz stilecht einen falschen Panamahut und in den Händen einen gar nicht mal so schlechten amerikanischen Roman…nicht jeder Neuankömmling muss gleich sehen, dass man über die Insel forscht…man wird hier sonst sehr schnell zum unfreiwillig-inoffiziellen Reiseführer verdonnert…

Deshalb ist auch alles deutschsprachige auf dem Buchcover oder an der Kleidung tabu – schließlich muss angesichts der aktuellen „Beziehungskrise“ zwischen Hellas und Germania nicht jeder sofort wissen, woher man kommt…Es erspaart einem die eine oder andere reichlich sinnfreie politische Diskussion auf der Metaebene…Wobei, im Gegensatz zu ihren Athener Brüdern sind die Kytheraner in diesen Dingen – meist – wesentlich realistischer. Es wird hier eben nicht alles so heiß gegessen wie es auf dem Syntagma-Platz gekocht wird, und man ist weltgewandt genug, dass man auch mal den kritischen Abstand zu allzu nationalistischen Tönen der eigenen Regierung wahren kann…Außerdem…es gibt hier genug lokale politische Themen über die man sich – selbstverständlich in Englisch – die Köpfe heiß reden kann…

Das heißt nun nicht, dass meine Interviewpartner nicht sehr genau wüssten, wer ich bin und was ich mache…Diesmal gab’s sogar extra Flyer mit Bild und zentralen Fragestellungen der Arbeit (Erfolg des Ganzen war, dass die Hälfte meiner Interviewpartnerinnen es nicht lesen konnte, weil sie zu eitel waren eine Brille zu tragen und die Andere Hälfte sich in herzlichen aber liebevoll darüber amüsierte, wie unglaublich organisiert und „deutsch“ ich doch sei…Das nächste Mal also keine Flyer mehr…

Grundsätzlich gesagt ist es hier aber für die „Erstbegegnung“ wie in allen „kleinen griechischen Bergdöftern“ (Titel eines berühmten ethnologischen Standardwerkes) schlichtweg besser, wenn nicht jeder sofort weiß wer man ist, und was man macht, sondern sich erstmal auf „normaler“ Ebene kennenlernt. Andernfalls bekommt man außer dem üblichen „Kythera ist eine wundervolle Insel um darauf Urlaub zu machen“ -Stereotyp nichts sehr viel zu hören und sehen.

Immerhin war hier noch niemand so überengagiert, dass er mir – wie in Franken bereits zwei mal passiert – seine gesamte Sippschaft in Tracht mit Schnaps, Brot und Schinken auf den Hals hetzte…Es damals ja war nett gemeint, aber…

Zurück nach Kythera: Nach etwas über zwei Wochen, die ich jetzt hier bin, weiß eh jedes Kind wo ich hingehöre und was ich mach (die ersten bringen mir schon kleine „Inselandenken“ in Form von Disteln, Sempervivablüten (Inselblume) und bunten Kieselsteinen – Ich habe gerade etwas Angst wegen der Kosten für Übergepäck und fühl mich außerdem wie Malinovsky an seinem berühmten Schreibtisch…Die Welt ist klein hier…sehr klein…Die Menschen sind (noch!) außerordentlich nett und hilfsbereit und sehr stolz, wenn sie einem etwas neues zeigen können (manchmal auch zu sehr, aber woher sollen sie denn auch wissen, dass ich den Weg nach Amir Ali wahrscheinlich besser kenn als sie selbst und nicht auf jedem Quadratzentimeter Schutz vor herumstreunenden Katzen, Brombeerdornen, Libellen (die „stechen“ nach mediterranem Volksglauben nämlich…dafür scheint man vor Hornissen – die zwar nicht tödlich sind, aber sehr fieß zustechen können – keinerlei Angst zu haben) und gefährlichen Herbstblättern (sic!) brauche. Auch das ist nett gemeint, und nie auf- oder zudringlich, sondern immer Ausdruck der besonderen Sorge um den geschätzten Gast. Dass ich dabei gelegentlich auch zum Aufpasser der Kiddis wurde und nicht andersherum…mein Gott, das passiert und ist eigentlich eine hohe Auszeichnung, weil die kytehranischen Mütter mir, dem Fremden, in dieser Hinsicht ganz offensichtlich blind vertrauen. Nur eilig sollte man es eben nicht haben…Vielleicht tut mir das bisschen Entschleunigung auch ganz gut. Es hilft zu vestehen, warum hier jahrhundertelang Dinge sehr anders funktionierten als im durchorganisierten und punktgetakteten Deutschland, nicht weil man etwa faul oder unmotiviert gewesen wäre – wie es die gehässige Deutsche Fama nur allzu gern über Griechen verbreitet – sondern weil es die Natur der Insel und ihre sehr begrenzten Ressourcen einfach nicht anders zuließ.

Ruhe, Kluge Selbstbeschränkung und Zurückhaltung – kurz das richtige Maß – waren hier nicht nur abstrakte philosophische Tugenden – sie waren und sind überlebenswichtig. Auf einer Insel, auf der man nie wusste, wann der nächste Piratenüberfall kommen, die nächste Ernte ausfallen, oder die Winterregen ausbleiben konnten, das wenige Vieh geraubt oder von einer Seuche hinweggerafft würde, oder monatelang wegen Stürmen und kriegerischer Konflikte kein Schiff mehr durchkam – tat und tut man gut daran, die eigenen Wünsche, Hoffnungen und Erwartungen nicht allzu hoch in den Himmel wachesen zu lassen und langam, bedacht und beständig anzugehen – Vielleicht ist dies das eigentliche Geheimis des weltweiten Erfolgs jener Kytheraner, die in andere Länder ausgewandert sind. Sie haben Träume, große sogar – aber sie vergessen nie, dass es harter Arbeit und einen sehr langen Athem braucht um diese auch umsetzen zu können. Diese ruhige, bescheidene, realistische, freundliche, aufgeschlossene, niemals aufdringliche Art, die erst einmal abwartet, nichts überhastet, nachdenkt und erst dann entscheidet und auch vor Mühe und Rückschlägen nicht zurückschreckt ist es, die mir hier auffällt.  Man kann nur hoffen, dass dies so bleibt, und die Bewohner der Insel sich nicht von der Aussicht auf schnellen, aber zerstörerischen Profit blenden lassen – wenn das gelänge wäre es eine der ganz großen Ressourcen und Alleinstellungsmerkmale der Insel.

Zurück nach Diakofti: Der teilnehmende Feldforscher liegt also gerade teilnehmend beobachtend am Strand, wehrt den örtlichen Strandhund ab (der gute, arme, alte Kerl hat die dumme Angewohnheit sich ERST ins Wasser zu werfen und sich DANN pitschnass auf einen fallen zu lassen, andersrum wär echt praktischer, aber das kapiert groß Jannis nicht. Es gibt übrigens auch den kleinen Jannis, der ist aber der Sohn eines der Fischer – ich hoffe, dass groß Jannis, wenn klein Jannis groß ist nicht mehr ist, ansonsten wird das echt verwirrend…

Man liegt also so da, ließt amerikanische Romane und denkt an nichts böses als urplötzlich zwei blondgelockte Schönheiten im Bikini in breitestem Züri-Dialekt über die Insel, die Schwachheiten der lokalen Männerwelt und die ach so „korrekten“ Schweizer berichten…was die zwei nun aber nicht wussten (sie wussten sonst alles, der Opa war schließlich der Inhaber des alten Kaffées in Bimberlesdrianika…), war, dass der „Grieche“ zwei Meter neben ihnen (er hatte sich wirklich wunderbar als Grieche getarnt, sogar die Hautfarbe passte!…Chapeau!) auch Kythera-Schweizer war, und – und das machte sie Situation erst interessant – ein langläufiger Cousin 2. Grades mütterlicherseits…Das nachfolgende Gespräch und das allgemeine Erstaunen war beiderseits, kurz und heftig.

Mich hingegen wundert hier garnichts mehr, da ich in den letzten zwei Wochen mehr schwizerdütsch als Griechisch zu hören bekommen habe. Offensichtlich gibt es einen neuen Trend und die Greko-Kytheranisch-Schweizerische Community, sowie die gesamte greko-affine Teil der hochalpinen Wandersektionen Zürich-Land, Zürich-Stadt, Toggenburg, Appenzell-Innerroden, Bern-Oberland und Solothurn haben sich hier zu einem inoffiziellen Meeting mit ihren englisch- und schwedischsprachigen Mitstreitern verabredet. Das Wandertourismuskonzept für die Nachsaison scheint aufzugehen.

Das Ganze hat auch etwas amüsantes. Es ist einfach zu herrlich zu beobachten, wie blumenkohlfarbene Menschen (ich war bis vor Kurzem auch noch so einer, jetzt bin ich irgendwas zwischen Rot und Braun) im absolut stereotypsten Wanderoutfit auf einer an sich relativ übersichtlichen Insel, völlig verwirrt und leicht peinlich berührt auf der Suche nach dem Weg zum Kolokothrinesdenkmalsgedächtnisweg zwischen Strandliegen und Sonnenschirmen herumirren.

Auf ihren Gesichtern einen Ausdruck, der sehr deutlich macht, dass sie es absolut nicht fassen können, dass hier Ende Oktober noch Hochsommer ist (jedenfalls für Nordeuropäische Verhältnisse) und die Frage, warum sie – wo sie doch sonst allen möglichen und unmöglichen Nonsens mit sich herumschleppen (Wanderführer in drei Sprachen, IPod mit den 600 schönsten Wanderliedern vom Montanara-Gebirgsschützenchor, Kletterausrüstung, Astronautennahrung…- Keine Badeklamotten eingepackt haben.

 

Seltsamerweise ist noch niemand von den „Naturburschen jenseits der 60“ (Selbstbezeichnung…wir hatten hier gestern vor dem Zefiros ein Meeting der „Lustigen Holzhackerbuam“…“Meine“ armen Kytheraner wurden in die Kunst des Schuhplattelns eingeführt…) auf die Idee gekommen ist, einfach so wie er geschaffen wurde…oder zumindest in Unterwäsche ins Wasser zu springen…Stattdessen blicken sie beim Anblick der letzten Badenden peinlich berührt auf ihr Handy (das funktioniert hier eh meistens nicht, entweder weil kein Empfang da ist, oder es zuviel Signale von den amerikanischen Abhörantennen auf dem Digentis oder bei Ag. Elessa git…aber das ist geheim! ;-)). Es hat etwas gedauert bis ich verstanden hab, dass sich diese Leut keinesfalls verlaufen haben und nun versuchen herauszufinden wo sie sind, sie suchen einfach nach dem nächsten Geo-Chache (auch das ist neu) irgendein Witzbold hat den nämlich ausgerechnet im verfallenen Fischerhäuschen direkt am Strand versteckt…Nach dem dritten  mittelalterlichen Jungspunt der mir dann an einem Vormittag über das Handtuch gelatscht ist, hab ich dann den Spielverderber gemiemt, das verdammte Ding aus seinem „Versteck“ geholt und es einfach neben mich gestellt und mit müdem Lächeln drauf gezeigt, sobald sich wieder einer dieser Handy-Wanderer näherte…Als ob es nicht ausreichte einfach die Landschaft anzusehen und sich darauf zu konzentrieren…Übrigens findet auch der „große Jannis“, dass das, was die Leut da machen irgendwie idiotisch ist, und knurrt die hochtechnisierten Eindringliche böse an…eigentlich macht er das sonst nicht, und freut sich, wenn er mal wieder ein paar Touristen zum knuddeln und anbetteln hat…vermutlich passt ihm einfach nicht, dass diese Leut ihn absolut nicht beachten…

Die Kyhteraner meinen im Übrigen es sei Hochwinter und eiskalt. Wenn ich oder jemand von den anderen Blumenkohlmenschen denn doch mal in die Fluten steigt, sehen sie einen an, als wäre ich ein Eisbär. Mal schauen wie lange es dauert bis mir jemand einen Pelzmantel und Glühwein anbietet…

Doch zurück zu den weitläufig verwandten Kythera-Schweizern…Sie waren nicht die einzigen „Expatriots“, die sich an diesem Vormittag dazu entschieden hatten den verspäteten Hochsommer mit einem Bad in der türkisfarbenen Lagune von Diakofti zu beginnen. Nur drei Meter hatten inzwischen zwei ältere im Wasser plantschende Herren (beide waren sehr offensichtlich Nichtschwimmer und hatten herrlich quietschbunte Schwimmhilfen Marke „Bademeisterwurst“ dabei) in jenem unverwechselbar „Outbackgefärbten“ und mit veralteten venezianischen Floskeln gespickten Kythera-Englisch zu reden begonnen, das nur echte Remigrants oder Heimaturlauber aus down under zu sprechen pflegen.

Geradezu „lebendig“ (jedenfalls für Kytheranische Begriffe) wurde das ganze idyllische Stillleben dann beim Zauberwort „Karavas“ (ein Ort im Norden der Insel). Der gesamte Strand (außer mir natürlich) vereinte sich binnen Sekunden zu einem multilingual geführten  Abgleich der jeweiligen Stammbäume, Ahnen und Besitztümer auf der Insel. Es war das reinste heiter-babylonische Sprachgewirr aus Schwitzerdütsch, Griechisch und Australo-Englisch aufgelockert mit ein paar Brocken Französisch.

Diese sehr spezifische Obsession der Kytheraner von ihren Stammbäumen und der damit verbundenen Abstammung/“Blut“ inklusive der latenten Tendenz mindestens von einer, wenn nicht gar zwei adligen Familien (man hat die Wahl zwischen venezianisch und/oder byzantinisch, am besten aber ist beides…man weiß ja nie…) abzustammen (bzw. abstammen zu müssen!) ist nebenbei bemerkt echt venezianisches Erbe, dass sich genauso auch bei den Diasporakytheranern in den Nobelvororten von San Francisco, Zürich und Sydney findet (nur passt’s dort irgendwie besser hin…Englischer Rasen, akropolisartiges Anwesen, Blick auf Zürichsee, Pazifik oder Tasmanische See…sicher, Kytheraner finden sich auch in den anderen Vierteln, aber es geht hier um’s passen, nicht um den repräsentativen Querschnitt).

Zwar haben auch hier (d.h. auf Kyhtera) die stets unverschämt-revolutionsgierigen Franzosen 1797 das hochheilige Libro d’oro mit dem Verzeichniss der Manneslinie zurück bis zu Adam und Eva und den Griechischen Göttern verbrannt, aber es gibt und gab – Gott sei’s gedankt – immer noch genügend mehr oder minder akkurate Abschriften, Wappen und Urkunden. Trifft man dann auf der Heimatinsel ein oder zweimal im Jahr mit der entfernten Verwandtschaft aus Australien, Italien, den USA, Deutschland und Südafrika zusammen, lässt sich gemeinsam und mit dem mühsamst und in Jahren aufopferungsvoller Recherche zusammengetragenen mehr oder minder zuverlässigen „Archivmaterial“  bei einem Caffé Fredo stundenlang der gesamte Stammbaum und die gegenseitigen Verwandtschaftsverhältnisse rekonstruieren. Irgendwie muss man schließlich die unerträglich heißen Nachmittage unter südlicher Sonne verbringen…und es gibt ehrlichgesagt schlechtere und weitaus weniger interessante Möglichkeiten!

Wie exzessiv diese Obsession von den Kyhteranern gepflegt wird, zeigt sich am besten an einem kleinen, zweisprachigen Schild im Eingangsbereich des historischen Archivs von Kythera (ich geb’s hier der Einfachheit halber nur in seiner englischen Variante wieder):

The stuff of the archive is not obliged to research family-trees on behalf of individual persons !

Wie es sich mit mehreren Personen, Familien oder anderen Ausnahmen verhält konnte ich leider nicht herausfinden, nur, dass das Archivpersonal unter alles andere als optimalen Bedingungen wahre Wundertaten vollbringt (und das ist hier durchaus ernst gemeint!).

Ums Kurz zu machen und wieder an den idyllischen Strand von Diakofti zurückzukehren:

Nach ca. einer Viertelstunde intensivster Diskussion und der Zitation von mindestens 200 absolut unbezweifelbaren Autoritäten im Bereich der kyhteranischen Ahnenforschung (Oma, Onkel Giannis, Onkel Panagiotis, Großtante Tzeli…) hatten sich Alle anwesenden (außer mir) darauf geeinigt, dass sie mit allergrößter Wahrscheinlichkeit ein und denselben Ur-Ur-Großvater (selbstverständlich aus dem Zauberwortort Karavas…) hätten und außerdem mit mindestens vier Dutzend weiteren Cousins und Cousinen über fünf Ecken gemeinsame Verwandte aufwiesen…Hört sich reichlich konstruiert an?

Wie gesagt, Kythera ist anders, nicht nur im Reiseprospekt…und wenn ihr schon an der Reliabilität einer harmlosen Begegnung entfernter Verwandter am Strand von Diakofti zweifelt, dann sollte ich Euch vermutlich garnicht erst die wundervolle Geschichte vom Tag als Lady Di per Hubschrauber eingeflogen wurde erzählen…und dass gerade zwei indische Filmscouts auf der Suche nach einem exotischen Drehort für den nächsten Bollywoodschinken mit mir auf den neu ausgeschilderten Wanderwegen den griechischen Busch unsicher machen (sie sind mir aufgefallen, weil sie die einzigen Wanderer waren, die nicht permanent auf ihr Handy glotzten!), glaubt mir vermutlich auch niemand…selber schuld!

PS: Wenn man weiß, dass heute nur noch ca. 3-4000 Kytheraner auf der Insel, aber 80-150.000 (niemand weiß das so genau) ihrer Nachkommen auf dem gesamten Erdball wohnen, und nicht ganz wenige davon (auch hier fehlen exakte Zahlen, wir sind schließlich in Griechenland…aber ich schätze es dürften jährlich um die 5-6000 sein, von denen ca. 2-300 noch irgendwo ein eigenes Häuschen/Zimmer auf der Insel haben und ca. 50-100 einen oder mehrere Monate im Jahr auf der Insel verbringen), mehr oder minder regelmäßig die Heimatinsel besuchen (manche sprechen in diesem Zusammenhang auch von „Heiweh-“ bzw. „Andl-Tourismus“ und „Heim-Suchung“, aber das ist eine andere Geschichte…) wird manches, was einem auf den ersten Blick an dieser Insel sehr erklärungsbedürftig erscheinen mag zum „ganz normalen Alltagswahnsinn“.

PPS:…dass es in der Schweiz eine derart starke kytheranische Community gibt, war selbst mir neu…

PPPS: So…da mein letzter Interviewpartner nicht vom sprichwörtlich ambivalenten griechischen Verhältnis zu Raum und Zeit gepackt wurde und man auf der „Insel der Seligen“ ganze Tage als teilnehmender Beobachter mit Beobachten von Heimweh-Touristen beim Baden zubringen kann (nein, ich war eigentlich nur ne gute Stunde unten…aber theoretisch geht’s und doppelt nein, das ist Forschung…sogar ein ziemlich wichtiger Teil davon, weil ich anders an diesen Personenkries absolut nicht herankomme…) scheint mir der „Schwarze Loch Effekt“ noch ausgeprägter zu sein als in good old world heritage site Bamberg in dem ansonsten weltweit anerkannte Kategorien wie „Uhrzeit“, „Monat“ und „Tag“ auch nicht unbedingt dieselbe Gültigkeit haben, wie im raumzeitlich geordneteren Schwabenland. Eine echte Belastungsprobe, der ich mich aber gerne unterwerfe. Und wer das jetzt nicht verstanden hat: ich sagte ja am Anfang, dass das hier eher eine Art „Gedankenblitzsammlung“ werden soll…

PPPPS: Mir fehlt einfach noch ein wenig davon, was man auf dem griechischen Festland „kefi“ nennt (eigentümlicherweise habe ich das Wort niemals im Munde von Kyhterandern und ihren Nachkommen gehört…vielleicht gelten sie daher nicht ganz zu unrecht als die „Preußen Griechenlands“ ) Schade eigentlich, dass die temporäre Beschränkung von Forschungsaufenthalten aus terminlichen und pekuniären Gründen diese Art des epistemologisch wie methodisch so wichtigen Eintauchens in die „Nahe und nicht so nahe Fremde“ heute kaum noch möglich macht…oder wann habt ihr zuletzt davon gelesen, dass jemand 2 oder 3 Jahre bei einem Stamm in den Anden oder auf einer kleinen griechischen Insel zugebracht hätte? Sic transit gloria ethnologicae…wenigstens bin ich inzwischen nicht mehr ganz so blumenkohlfarben und die Kinder erschrecken nicht mehr, wenn ich um die Ecke bieg…

Giassas! Hellas 1

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Reise nach Kythera 9 – von staatlichen Interviewverboten, 1237 Kurven, babylonischen Radiogewohnheiten, goldenen Ikonen und renitenten Bankautomaten

Agia Myrtidiotissa, Schrein der Madonna im Myrthenbusch

Agia Myrtidiotissa, Schrein der Madonna im Myrthenbusch

Oh happy land where they build houses as they would be just shadowwalkways to protect too timid people just before another pale beast called sun.

Where waves of purple ev’ning’s wings do herald, and moon does not mean scary night but pleasure pure.

Where wild goats grazing jagged hills, and Zephyr his moods can run free.

Where Venus shines much brighter than there in the foggy north, and pure Azur up to the horizon is all wide open sea.

Es mag jetzt zwar gruslig verzopftes Englisch sein, aber es passt hierher. Einem Land, wo einem als kleine Aufmerksamkeit der Chefin tatsächlich zum Logharithmos (der Rechnung) Milch und Honig in Form von gefrorenem Ziegenjoghurt und Fatsourada in einem Restaurant nahmens Zephir serviert werden. Hört sich jetzt seltsam an, aber Fatsourada ist hier keine Bohnensuppe, auch wenn’s auf den ersten Blick tatsächlich etwas danach aussieht, sondern es sind halb gedörrte Trauben, die so lange in Honig eingelegt werden, bis sie ungefähr die doppelte Größe haben und garnichtmehr nach Trauben, sondern dem berühmten Thymianhonig der Insel schmecken.

So getröstet bin ich denn auch heute nochmals zum Nationalheiligtum der Kytheraner aufgebrochen…vielmehr zu beiden. Zuerst die Fortezza in Hora…den Gang hätt ich mir aber spaaren können, denn das Kultusministerium hat offiziell sein Veto gegen mein Interview mit seiner Archivleiterin eingelegt…Gott weiß warum, is aber so, und damit gut…Die Infos, die ich brauch hab ich auch so, wenn auch eher hintenrum und durch die Kalte Küche über andere Personen…

…Denke wie ein Byzantiner, handle wie sie, heirate sie, beherrsche sie…einer der Venieri, die hier jahrhundertelang das Sagen hatten und deren Wappen ich mir heut in dem kleinen Museum im Pulvermagazin angesehen habe, soll sowas ähnliches mal sinngemäß gesagt haben, und es stimmt bis heute…Ich hab’s jetzt erstmal beim denken und handeln belassen, das genügte…

Ebenfalls leicht „byzantinisch“ im Sinne von „unnötig kompliziert“ gestaltete sich heute mein notwendiger Bankgang. Da wir in Diakofti keine Bank haben (keine Ahnung ob es eine in Avlemonas gibt, ich denk aber nicht…) muss ich zum Geldholen entweder nach Hora oder Potamos (Supermarkt wäre einfacher, davon gibt’s ca. 9 3/4, für knapp 4000 Inseleinwohner…den Minimarkt in Diakofti, der nur in den Monaten Juni bis September offen hat nicht mitgerechnet). Anders ausgedrückt: der Gang zum Bankomat will äußerst gut überlegt sein, denn es liegen jedesmal ca. 21,5 Kilometer oder 330 Kurven.

Spaßeshalber habe ich heute auf der Strecke nach Hora mal mitgezählt. Nach Potamos wären’s wegen der neuen Straße und dem etwas weniger zerklüfteten Gelände sicher etwas weniger – aber da wollt ich ja (zumindest anfangs) garnicht hin… Macht – moment – nach Adam Riese ca. 15,4 Kurven auf einem Kilometer und ungefähr eine gute dreiviertelstunde Fahrt – und das auch nur, wenn gerade kein Bauer oder Ziegen, oder Truthähne (das war heut neu, und die Biester sind echt extrem schwer von Begriff!) auf der Straße unterwegs sind. Dazu ein Höhenunterschied von etwa 600 Metern. Wer sich jetzt fragt, wie um alles in der Welt man 15,4 Kurven (und ich habe äußerst großzügig gezählt und die ganzen Minischlenker unter 50 Meter Länge weggelassen) auf 1 Kilometer unterbringt, sehe sich nochmal meine Aphorismen zu kytheranischen Straßen an. Wer’s nicht glaubt, mög selber herkommen und es selber ausprobieren 😉

Dumm nur, dass wir diesmal einen etwas größeren Stromausfall hatten, und daher auch beide Bankomaten in Chora außer Betrieb waren…

Also weiter nach Potamos! Sind ja nur ungefähr 200 Kurven, ca. 15 Kilometer oder eine gute halbe Stunde Autofahrt mehr…Aber wen interessiert das schon, wenn die Landschaft um einen herum so herrlich ist…Das ich es heute etwas eilig hatte, weil ich leichtsinnigerweise ein paar Schweizern versprochen hatte, sie in Avlemonas zum Mittagessen zu treffen (natürlich wollt ich sie auch gleich ein wenig ausquetschen, was denn so ein normaler Wandertourist (die Gattung ist recht neu auf Kythera) über die niegelnagelneuen Wanderwege und den beginnenden Öko-Tourismus auf der Insel halten…) erwähn ich jetzt besser nicht…Eile ist etwas, was auf der „Insel der Seligen“ nur sehr, sehr bedingt funktioniert, und dass man besser daheim in „good old Germany“ lassen sollte.

In Potamos angekommen, ging auch da der Automat aber auch nicht…jedenfalls nicht so, wie er sollte…Entweder ich war zu dusselig für das Ding oder das Ding war zu dusselig für mich – Der jahrtausende alte Konflikt zwischen Mensch und Technik eben – Und bevor der Bankomat auch noch die Karte schluckt, und weil ich dann doch ganz gern etwas Bargeld dabei gehabt hätte (je nach Jahreszeit und Taverne ist es hier manchmal ein bisschen schwierig mit Karte zu zahlen…)  hieß es wieder zurück nach Chora. Vor allen an Tagen mit Stromausfall…)

Also nochmal 200 Kurven, 15 Kilometer und eine gute halbe Stunde Autofahrt…nein es war diesmal etwas mehr, ich hatte Pech und ein Bauer fuhr gerade irgendwas in der Gegend herum…

Beim Kloster von Panagia Kakopetriotissa bei Manitochori – Dem Ort der kytheranischen Variante von Romeo und Julia – noch ein schnelles Stoßgebet, und siehe da, es klappte endlich! Dumm nur, dass mein Tank inzwischen beinahe leer war und ich gleich danach wieder zurück nach Potamos zum tanken musste (ja liebe Kytheraner und Kytheraliebhaber, es gibt auch eine Tankstelle in Livadi und ja auch in Karvounades ist eine, und wenn ich mich richtig erinnere gib’t irgendwo in Chora auch eine…aber die sind alle 10-20 Cent teurer als in Potamos! und bei 1,96 statt 1,85 pro Liter (oh gelobtes Deutschland mit deinem superbilligen Benzin!) überlegt man dann schon ob man die 15 Kilometer Umweg fährt…

Inzwischen hatten auch noch meine Schweizer abgesagt – sie hatten die Strecke von Avlemonas hinauf zur Kapelle Agios Giorgis (hl. Georg) und zurück nach Avlemonas unterschätzt, würden aber vorschlagen, dass wir uns dort erst heut Abend treffen sollten – Danke Panagia Kakopetriotissa! – auch wenn ich den leichten verdacht habe, dass es den zweien auch so ging wie mir und sie, einmal da oben angekommen, sich einfach nicht mehr von dem herrlichen Rundblick und dem Zauber des Ortes loslösen konnten, an den schon seit über 4000 Jahren Menschen pilgern. Man hat dort- wie oft auf der Insel- direkt bei der Kapelle ein kleines, aber sehr feines minoisches Höhenheiligtum ausgegraben über dem dann ein mykenisches, hellenistisches und griechisch-römisches Heiligtum errichtet und schließlich eine frühbyzantinische Kapelle errichtet wurde (Es soll dort immer noch ein Fußbodenmosaik aus dem 6. oder 7. Jahrhundert geben, leider ist die Kirche fast immer verschlossen), über der dann der heutige Bau errichtet wurde – wer einmal dort war, weiß warum…

Da ich nun also unerwartet mehr Zeit hatte, bin ich dann doch nochmal nach Agia Myrtidiotissa und nahm dazu sogar die neue „Autobahn“…und da ich dann eh schon auf dem halben Weg nach Mylopotamos, dem Wasserfall, dem Byzantinischen Fort, der Britischen Schule und der Venezianischen Festung (ich wollt eigentlich nur gschwind nachschauen, was da läuft…Resultat war Wanderweg Nummer 3 mit 400 Metern Höhenunterschied auf minimaler Strecke, geschlossenem Café (ich glaub ich schaff das in meinem Leben nicht mehr unter den berühmten Platanen von Mylopotamos einen Café Freddo zu bekommen…) und gefühlten 45° im Schatten (32° waren’s real, die Felswände halten im Herbst gnadenlos die Hitze). Aber ich will nicht klagen, der Ort ist einfach zu schön, und der kleine Garten rund um die abwärts von Mylopotamos gelegene Wassermühle lohnt den Besuch allemal. Bis nach Kalami runter bin ich diesmal allerdings nicht, der Weg zurück war mir bei der Hitze einfach zu anstrengend.

Irgendwann waren dann meine 1000 Kurven pro Tag aufgebraucht . Alles in allem waren es heute 1237. Selbst in der nicht ganz kurvenarmen Bamberger Altstadt wär ich damit vermutlich mindestens 2 Wochen beschäftigt gewesen…

Noch viel lustiger als Kurvenzählen war aber das Sprachengewirr, dass man dabei im Radio zu hören bekommt. Jede Kurve ein neuer Sender, jeder Hügel eine andere Sprache…Ich bin noch nie so schnell von Italien über Albanien und Serbien in Griechenland, der Türkei und (ganz im Süden) irgendwo in einem nordafrikanisch-arabischen Land gewesen! Dazwischen gab’s etwas das sich anhörte wie Russisch oder vielleicht doch Bulgarisch? Und dann waren da auch noch (keine Ahnung woher das nun wieder kam) ein paar Brocken Deutsch (vielleicht Radio Vatikan?) und irgendwas was sich anhörte wie eine Mischung irgendeiner halbverschluckten Romanischen Sprache mit Arabisch (Maltesisch?). Dazwischen gab’s dann noch auf Radio Musikbox (Ich liebe diese Tautologie!) englisches Programm mit den besten 50er Jahre Bigband Schlagenr (darunter mein Liebling: why art thou not like other man and bring me money!). Mein griechischer Tageshit war dann aber der Hopala-Song. Das ganze Lied besteht eigentlich nur aus Hoppala’s und Wörtern die sich darauf reimen…Einfach wunderbar wenn man gerade steil bergab die 20. Sichelnadelkuve am Stück nimmt, einen dabei zwei besonders tiefe Schlaglöcher ordentlich durchschütteln und zum Abschluss des Manövers urplötzlich ein Pickup den Weg blockiert!

Abends waren dann nochmal ein paar Kurven (ich schätze hin und zurück um die 300) zum Abendessen nach Avlemonas angesagt. „Meine“ Schweizer waren wundervoll, haben mir nicht nur sämtliche Fragen beantwortet, sondern mich gleich noch zu einem mehr als feudalen Abendessen unter Lampiogns am wundervollen Felsenstrand von Avlemonas eingeladen – Danke!

Gerade nehme ich noch einen kleinen Schluck von dem leichten, roten Wein der Insel. Ein älterer Herr und begeisterter Hobbywinzer, der lange in Deutschland, Italien, Australien und in mindestens einem halben Dutzend weiterer Länder gelebt hat und jetzt wie viele andere auch seinen Lebensabend auf der Insel verbringt, hat ihn mir gestern in einem kleinen Plastikanister mitgegeben. Ich hatte mich mit ihm ein wenig über die Landwirtschaft, das Wetter und die Menschen unterhalten und nachdem wir das erstmal auf Griechisch, dann auf Englisch und schließlich Italienisch versucht haben (in allem war er deutlich besser als ich!), haben wir dann irgendwann festgestellt, dass wir unser Gespräch, das längst zum Interview geworden war, eigentlich auch in Deutsch fortsetzen könnten. Selten ist das hier nicht, da sehr viele Kytheraner für kürzere oder längere Zeit im Ausland waren, oder dort aufgewachsen sind, viele – vor allem jene, die aus der Diaspora „heimgekehrt“ sind – verfügen über einen oder sogar mehrere Universitätsabschlüsse und es ist alles andere als selten, dass man mitten in einem gespräch plötzlich feststellt, dass das Gegenüber ein gefeierter Journalist oder Universitätsprofessor an einer Elite-Uni ist. Bei Interviews ist das mitunter etwas schwierig, weil das Gegenüber meist sehr genau weiß, wie das funktioniert, und daher ganz schnell auch den Spieß umzudrehen weiß…Aber ist denn das, was man selbst gefragt wird und darauf antwortet, nicht mindestens genau so informativ, wie das, was man selbst wissen will?

Und nein, für  den Wein bezahlen durfte ich natürlich wieder einmal nicht – nicht das die Kytheraner keinen Geschäftssinn hätten, sie sind sogar dafür berühmt, aber sie haben eben auch sehr viel Herz. Als Deutscher hat man da ganz schnell ein schlechtes Gewissen und fragt sich, warum das eigentlich bei uns nicht so funktioniert – na ja, manchmal schon, aber eben wesentlich seltener als hier…

Der Wein gleicht übrigens ein wenig dem, was wir in Schwaben „Schiller“ nennen würden und ist für südgriechische Verhältnisse erstaunlich fruchtig und leicht. Ich hoffe jetzt einfach mal, dass das leichte Schaukeln, dass ich gerade spüre, kein Nachbeben sondern einfach nur der Alkohol und mein durch das ganze Herumgefahre leicht gestörter Gleichgewichtssinn ist…

Giassas!

Kytheras Roter Platz

Kytheras Roter Platz

PS: Hier als kleiner Nachtrag noch ein Bild vom „Roten Platz“. Im Kloster selbst (das „kleine weiße Ding im Hintergrund“) sieht’s Gott sei dank aus wie immer – ein kleines Blumentopfgartenparadies mit faulem Streichelkater, nummerierten Gästezellen und goldglänzenden Ikonen: Kurz das kytheranische Paradies auf Erden. Das einzig neue war die junge Hausmeisterin, die unbedingt WOLLTE das ich photographierte (in Griechischen Klöstern eine Echte Rarität!). Und das Ungetüm von Kleiderschrank (das eher aussieht als ein zu groß geratener Beichtstuhl) mit den „geziemenden“ Klamotten für das ungeziemliche Weibsvolk (sorry das ist die wörtliche Übersetzung, Mannsvolk kann garnicht ungeziemlich sein, zumindest nicht Kleidungstechnisch ;-), ist inzwischen in eine Nische gerückt worden und soweit ich sehen konnte, gibt’s auch das mehrsprachige (inkl. handgezeichnete Comicversion) Schild nicht mehr auf dem Gott und die Heilige Jungfrau mahnend auf leichtbekleidete Frauen blicken.

Eigentlich schade drumm…, vielleicht ist’s ja auch nur zur Generalüberholung für die nächste Saison…oder sollte sich im heiligen Myrtidiotissa  (heilig, wirklich, mit echtem Gold, und Diamanten!, fast so heilig wie die Madonna Nikopeia in Venedig!) tatsächlich sowas wie ein „liberaler Geist“ breitgemacht haben und Frauen neuerdings in kurzen (!) Hosen herein dürfen…eigentlich nicht vorstellbar…oder?

Lasst’s Euch schmecken…ich hatte heute Lamm (weil grad zuviel davon da war) und selbstgebackene Cookies, und komisch schmeckendes Kranzbrod, und Ölbrot (das ist eine Geschichte für sich) und Kuchen war nach meiner Rückkehr auch noch da (Ich bin zwar anderer Meinung, aber meine Zimmerviermieterin  erklärte mir heute, ich sei hoffnungslos unterernährt! Ich liebe diese Art freundlicher Besorgtheit (Gastfreundschaft wäre hier ein viel zu schwaches Wort), auch und gerade weil sie manchmal sogar die Realität überwindet oder in – nicht ganz ernst gemeinte – Überlegungen mündet, ob man nicht an der einen oder anderen entfernten Nichte als Ehefrau interessiert sei ;-)).

Reise nach Kythera 4 – Auf den Spuren Schliemanns

Große Vorbilder sind so eine Sache, vor allem wenn sie auch nicht mehr Erfolg hatten als man selbst.

Schon Heinrich Schliemann suchte vergebens und mir gings heut, als ich mich mühsamst durch Felsen und Macchia den Burghügel von Paliokastro, dem Standort der antiken Inselhauptstadt hinaufquälte auch nicht besser. Keine gewaltigen Marmorsäulen, keine Statuen, und erst recht kein Aphroditetempel – außer ein paar zerfallenen Trockenmauern und abgebrannter Macchia rein garnix…na ja, nicht ganz. Wer genauer hinsieht, findet hier von zerissenen Plastikplanen mehr schlecht als recht abgedeckt, seit ein paar Jahren vier oder fünf kleine Archäologische Schnitte mit einigen Hausresten drinn, und weit verstreut im Gelände einige Strukturen, die einmal etwas wie Stadtmauern gewesen sein könnten, und die gewaltige Ausdehnung der einstigen Stadt (oder war es nur deren Akropolis und auf den umliegenden Hängen stand noch mehr?) bestätigten.

Und natürlich sind da auch noch die zwei kleinen byzantinischen Kapellchen des Hl. Cosmas und Damian (griechisch auch Agioi Anargyroi genannt) und etwas weiter oben des Hl. Georgs, beide haben ihre besten Tage schon lange hinter sich, und sind außen ziemlich wie innen ziemlich unscheinbar, außer man interssiert sich für ein paar verbaute, ziemlich kleine und wenig gelungene proto-dorische „Säulchen“,  die schon der dreijährige Praxiteles besser hinbekommen hätte…Interessant ist das, was in den beiden archäologischen Schnitten vor den Kapellen zu sehen ist – jedenfalls für den, der das Wirrwar aus Steinen und Geröll zu Deuten weis. Wie so oft auf dieser Insel, haben die jüngsten Ausgrabungen ergeben, dass das, was sich die Menschen schon lange erzählten tatsächlich stimmte: Beide Kapellen waren auf, bzw. unmittelbar vor den antiken (Haupt-?) Tempeln der Stadt erbaut worden. Und zumindest bei der Unteren gab es sogar eine Art Weiterleben der antiken Zuschreibung des Ortes. Wie die antiken Zeussöhne Castor und Pollux (häufig auch Dioskuren genannt) denen der Tempel vor der unteren Kapelle geweiht war, waren auch die beiden Heiligen Cosmas und Damian, denen die kleine untere Kapelle geweiht ist Zwillingsbrüder.

Bei der oberen Kapelle ist die Sache nicht ganz so einfach, dafür ist das Ergebnis der jüngst durch den aus Kythera stammenden Archäologen Ioannis Petrocheilos durchgeführten Grabungen, wenn sich seine Mutmaßungen denn bestätigen, umso sensationeller. Ach wenn die langestrecke Ansamlung von Felsbrocken und das bisschen Erde nach nichts besonderem aussehen: Genau hier stand er, der schon bei Homer erwähnte Aphroditetempel, den schon Schliemann und viele andere vergeblich suchten. Sie alle waren vermutlich hier oben gewesen, oder kannten den Standort zumindest vom Hörensagen, aber keiner – Homer vielleicht ausgenommen – konnte sich vorstellen, dass es sich bei dem berühmten Heiligtum eben nicht um einen marmorglänzenden hellenistischen Prunkbau sondern um ein vermutlich wesentlich älteres, kleines und ziemlich schmuckloseres Gebäude handelte – das eben genau so aussah, wie griechische Tempel vor dem Zeitalter des Helenismus aussahen: einfach und bescheiden. Ob es hier oben jemals einen marmorglänzenden Nachfolgerbau des wohl aus dem 8. oder 7. Jahrhundert vor Christus stammenden, und jetzt ausgegrabenen Baus gab, muss vorerst offen bleiben. Jedenfalls scheint er für sehr lange Zeit nicht als das erkannt worden zu sein, was er möglicherweise ist: der langgesuchte Tempel der Aphrodite. Früher scheint dieses Wissen jedoch durchaus vorhanden gewesen zu sein. Zwar stammt der unmittelbar vor dem „Tempel“ gelegene heutige Bau der Kapelle des Hl. Georgs erst aus dem späten Mittelalter, doch dürfte es auch hier, ähnlich wie weiter unten bei der Kapelle der Hl. Anargyroi weitaus ältere Vorgängerbauten gegeben haben, die zu einer Zeit entstanden sind, als die Kytheraner noch sehr genau wussten, wo die antiken Tempel gelegen hatten. Wie anders sollte sich sonst erklären lassen, dass auch dieser Bau haargenau vor dem Eingang des ehemaligen Tempels gebaut wurde, so als wolle er – wie es die weiter unten gelegene Kapelle auch tut – gleichsam den Eingang zur heidnischen Opferstätte symbolisch versperren und stattdessen eine christliche Alternative anbieten? Leider sind im Moment zu wenige Mittel vorhanden um diesen Fragen weiter nachzugehen.

Und für alle, die das nicht interessiert: der Berg bietet dem, der den etwas schwierigen Aufstieg wagt neben den archäologischen Sehenswürdigkeiten auch einen  einmaligen Ausblick über die Insel der die Mühe allemal lohnt. Und nein, das war heute kein Freizeittrip. Ich war sogar richtig fleißig, das ganze ist nämlich nichts anderes als ein gesponsertes colaboratives „Digging Project“ der Kytheranischen Community – und über die forsche ich schließlich!

Wer dort hoch will sollte sich allerdings sputen. Bis zum großen Buschfeuer 2010 war’s quasi unmöglich durch die Macchia ganz nach oben durchzukommen, und auch jetzt wächst schon wieder alles zu. Ganz abgesehen davon empfiehlt sich – wie eigentlich fast immer auf Kythera – festes, geländetaugliches Schuhwerk und ein Tag an dem es nicht allzu heiß ist, es gibt dort fast keinen Schatten und weit und breit keine Quelle, an der sich der Wanderer laben könnte – und sorry, es ist und bleibt auch für den geübten Wanderer immer noch eine ziemlich gefährliche Kletterei zwischen Geröll und Abgrund der einiges an Orientierung vorraussetzt. Ein richtiger Weg existiert eigentlich nur unterhalb des an einer kleinen Staubpiste, die von der Straße zwischen Paliopoli und Fratsia abbiegt gelegenen Viehgatters. Jenseits davon muss man sich irgendwie zwischen den Steinen „hindurchmogeln“. Denen die die Kapellen auch von Innen sehen mögen sei ein Gang mit den Archäologen (die sich leider nicht permanent auf der Insel aufhalten – man muss sich einfach durchfragen, ob sie gerade da sind und Führungen anbieten) empfohlen, da sie verschlossen und ihr Betreten nur in Begleitung erlaubt ist (das liegt weniger an dem, was dort zu sehen ist, sondern eher daran, dass beide Bauwerke nicht in allerbestem baulichen Zustand sind. Wem dies gelingt der kann sich v.a. in der Kapelle der Agioi Anargiroy, die fast vollständig aus Überresten der antiken Bauwerke erbaut wurde des Gefühls nicht erwehren, sich an einem Ort zu befinden, der den Menschen seit bald 3000 Jahren heilig ist.

So der Hunger ruft. Auch Feldforscher müssen mal was essen!

Paleokastro, Agios Georgios

Sieht harmlos aus…Paleokastro, Agios Georgios

Paleokastro

Ist aber da oben! und es gibt keine Straße, keinen Weg, nur Felsen, Geröll, Verbrannte Büsche und Dornmacchie! Burgberg von Paliokastro

Reise nach Kyhtera 3 – Von der Totenstadt durchs „Kytheranische Outback“ auf Aphrodites Thron

Vor meinem Fenster knattert ein strahlend weißes Sonnensegel im auch um diese Jahreszeit noch warmen Westwind. Über den dunkelblauen Himmel ziehen kleine weiße Wolken und unten am Hafen kommen in bunt gestrichenen Booten die letzten Fischer über das türkisblaue Meer vom nächtlichen Fang an den Sandstrand von Diakofti zurück. Ich sitze bei griechischem Kaffee, Dolmades, einigen Süßigkeiten und den herrlichen Trauben die ich gestern von einer alten Dame geschenkt bekommen habe auf der Terasse meines Hotelzimmers und denke mir: Dieser Tag ist eigentlich zu schön um zu Arbeiten…und doch es muss sein. Ich transkribiere also zwei Stunden lang die gestrigen Interviews und ziehe dann einen Stapel eingesammelter Tourismusprospekte aus meiner Tasche um sie auf Stereotype und Superlative zu durchsuchen…und ja, es stimmt:

Wer immer sich den von mir bereits im Ersten Beitrag dieses Features zitierten Werbespruch „eine Insel, eine Welt“ für Kythera ausgedacht hat, der hatte nicht nur einen sehr feinen Riecher für publikumswirksame Werbebotschaften in Zeiten des Cocoonings bewiesen, er oder sie hatte vielleicht auchein sehr feines Gespür für das Finden abgelegenster und schwer zugänglicher Orte auf dieser Insel, die diesen doch ein wenig nach Center Park, Mini Mundus und Legoland klingenden Werbeslogan einmal nicht Lügen strafen.

Die meisten Besucher – heutige, wie jene des 19. und frühen 20. Jahrhunderts – waren, als sie nach kleineren oder größeren Strapazen endlich die in zahllosen Mythen und Legenden versprochene Insel der Seligen, als die Kythera auch bekannt ist, erreicht hatten, vor allem eines – bitter enttäuscht.

Weder war die Insel ein irdisches Eden, noch ein überdimmensionales Bordell in dem der freien Liebe gehuldigt wurde, noch standen hier großartige Tempel oder üppige Gärten. Kythera war ganz einfach das, was es immer gewesen war, ein windumtoster, ziemlich trockener und öder Felsen, jenseits des –ebenfalls nicht eben einladenden – Arkadiens, direkt gegenüber des Eingangs zur Unterwelt (der liegt nur etwa 20 Seemeilen von hier entfernt am Fuße des Peloponnes).

Der Eindruck mag heute durch die überall wie Pilze aus dem Boden schießenden Luxusvillen der reichen Australo-Kytheraner und einige villenartige Privatappartmentanlagen etwas gemildert werden, Fakt bleibt aber, dass die Insel, abgesehen von sehr wenigen, sehr guten, vor allem aber immer bedrohten Zeiten nie über große Reichtümer, noch üppig blühende Haine noch über großartige Städte oder goldglänzende Bauten verfügte. Die allermeiste Zeit konnten die Bewohner der Insel froh sein, wenn die mühsam bewirtschaften Äcker, Gärten und Olivenhaine genug abwarfen, dass man davon einigermaßen leben konnte und keine Piraten oder fremde Besatzer die Dörfer und Scheunen plünderten. So waren, abgesehen von einer nie besonders großen und nie besonders reichen Oberschicht die meisten Bewohner einfache Landarbeiter und Bauern, die so garnicht dem entsprachen, was sich der klassizistisch verbildete Gutmensch und Bildungsbürger des 19. und 20. Jahrhunderts unter „edlen Griechen“ so vorstellte (und leider manchmal heute noch vorstellt…).

Liest man die garnicht so alten Beschreibungen, waren die Tsirigotes (so die Selbstbezeichnung der Inseleinwohner) von eher kleinem Wuchs und meist schon in jungen Jahren durch harte Arbeit an der Sonne und der salzigen Seeluft vorzeitig gealtert. Vor allem aber waren und sind die meisten von ihnen gute orthodoxde Christen, keine Hetären und erst recht keine Lustknaben (auch wenn das der eine oder andere venezianische Nobili oder englische Lord anders sah…). Kurz, wer hier sein irdische Gegenstück zum Illysium und/oder seine/n ganz private/n Aphrodite/Apollon suchte, der war an diesem Ort definitiv falsch und ist es meist heut noch (auch wenn es da gewisse Gerüchte um die Urlaubsbekanntschaften einiger jugendlicher Herren mit älteren und manchmal auch garnicht so alten Touristinnen gibt…aber bei welcher Tourismusdestination gibt es die nicht…).

Heutige Touristen sind da meist etwas aufgeklärter, haben vorher im Bedeker gelesen und sind nur noch ganz selten auf der Suche nach einem drittklassigen Bordell, wenn sie den Namen Kythera hören. Was bleibt ist die Suche nach dem irdischen Paradies, und wer darunter Ruhe, eine in weiten Teilen zwar karge, aber dennoch abwechslungsreiche Landschaft, einige kleine, aber wundervoll ausgemalte byzantinische Kapellen, stille Klöster, etwas in die Jahre gekommene Venezianische Festungen, verwunschene Ruinen, ein paar kleine Kaffees und Tavernen mit bodenständiger Küche und freundliche Menschen versteht, der ist hier – zumindest in der Nebensaison – ganz gut aufgehoben.

Kythera ist – noch – nicht der typische Yuppie-Treff wie Mykonos oder Santorini. Auch fehlt ihr die elitäre Abgehobenheit von Hydra, oder die Menschenmassen von Rhodos, Zypern oder Kreta (auch wenn’s im Sommer durchaus mal eng werden kann). Zwar genießt die Insel aufgrund der vielen reichen Exil-Kytheraner die hier im Sommer „Heimaturlaub“ machen und sich dafür anstatt der alten Bauernkate des Großvaters auch mal die eine oder andere Ferienvilla mit Ausblick gönnen, schon jetzt bei den Festlandsgriechen den zweifelhaften Ruf einer „Insel der Reichen und Schönen“, aber deswegen ist sie noch lange nicht ein zweites Ibiza oder Marbella.

Wenn man nicht eben im Juli oder August kommt ist Kythera eher ein verschlafen daliegendes Stück Felsen im Mittelmeer auf dem es sich dank des in der Diaspora erworbenen Reichtums und des in den letzten Jahren langsam anlaufenden Tourismus inzwischen auch recht gut leben lässt. Gerade in den Wintermonaten, wenn wegen des Sturms manchmal tagelang keine Fähre geht und der Strom gelegentlich für einige Stunden ausfällt, verläuft das Leben hier etwas ruhiger als auf dem Festland – wenn auch manchmal eher notgedrungen als freiwillig. Man muss in dieser Jahreszeit etwas Zeit mitbringen, bereit sein selber aktiv zu werden anstatt Rundumbespaßung zu erwarten und vor allem keine Angst vor dem Alleinsein, Ruhe, kurvigen Straßen, steilen Klippen und körperlicher Anstrengung haben. Manches geht hier eben nur zu Fuß und gutes Schuhwerk, gepaart mit Trittsicherheit und ein paar basalen Kletterkenntnissen sind gelegentlich auch ganz nützlich… Ist man dazu bereit, öffnet die Insel und ihre Bewohner einem auch und gerade in der Nebensaison bereitwillig Tor und Tür. Und was man dahinter oft an ganz unerwarteten Orten und etwas versteckt in einer Schlucht oder auf einem unzugänglichen Bergrücken findet lohnt allemal den Besuch.

Da sind zunächst die zahlreichen Grotten und Höhlen, die verwunchenen Schluchten mit ihren kleinen Bächen und Wasserfällen in denen im Oktober Trauben geerntet werden, die Bananenstauden in voller Blüte stehen und Gänse und Enten zusammen mit Fischen und geisterhaft bleichen Süßwasserkrabben in kleinen Teichen schwimmen. Da ist das raue, von Wind zerzauste und in strahlendes Heidekrautpurpur gehüllte Hochland, da sind die himmelhoch aufragenden Felsen und Klippen um die Bussarde und Raben ziehen und auf denen alte Wachtürme und neue Militärantennen stehen. Da sind die zahllosen, leider meist geschlossenen Kapellen (so langsam glaube ich es gibt mehr davon als Einwohner…) in deren Inneren sich, sofern man es fertig bringt den Schlüssel zu organisieren, oder zufällig zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort ist, die herrlichsten Fresken verbergen.

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Traumatischer Erinnerungsort – Paleochora

Aber da sind auch die dunklen Orte, wie die Ruinenstadt Paleochora. Glaubt man der lokalen Überlieferung geschah hier im Jahr 1571 Grauenvolles. Nachdem die den Ort umgebenden Schluchten bisher sämtliche Angreifer abgehalten hatten, hatte Chairedin Barbarossa – ein in osmanischen Diensten stehender algerischer Korsar (man könnte weniger nett auch von Pirat und Sklavenhändler sprechen), dessen Prunkgrabmal man noch heute in Istanbul bewundern kann – in diesem Jahr zum erfolgreichen Angriff auf die damals noch unter dem Namen „Agios Dimitrios“ bekannte Hauptstadt der Insel geblasen. Angeblich hatten die rauchenden Kamine der Stadt den Piraten ihre Lage verraten. Diese waren mit schwerem Geschütz auf die umliegenden Hügel gestiegen und beschossen nun aus vollen Rohren die Stadt. Es dauerte nur Stunden bis den ca. 1000 Einwohnern klar wurde, dass die mittelalterlichen Mauern keinen ausreichenden Schutz vor den neuzeitlichen Feuerwaffen bieten würden. Und so kam es, wie es kommen musste: Um nicht, wie ihre weniger glücklichen Mit-Insulaner, die die Piraten längst in den weniger gut geschützten Dörfern der Insel zusammengetrieben und als Menschliche Fracht auf ihre Schiffe verladen hatten, in der Sklaverei zu enden oder noch schlimmeres zu erleben,  stürzten sich die Überlebenden des Angriffs mitsamt ihren Kindern und Kindeskindern von den Zinnen der brennenden Stadt in den Tod. Die einst blühende Hauptstadt der Insel war mitsamt ihren Bewohnern ausgelöscht worden, und sie sollte nie wieder besiedelt werden.

Als Geistes- Migrations- und Medienwissenschaftler weiß man aus Erfahrung, dass solche Traumata Wunden hinterlassen, die nur sehr, sehr langsam heilen und für die die Menschen ihre ganz eigenen Erklärungen und Trauerrituale entwickeln. Auch auf Kythera war dies nicht anders. Glaubt man den älteren unter den Einheimischen, ist der Ort bis heute verflucht und die ruhelosen Seelen der Toten irren noch immer auf der Suche nach ihren verschwundenen Angehörigen in den Ruinen der einstigen Inselhauptstad umher. Auch wird erzählt, dass ihre Entsetzensscheie und Klagen noch immer durch die Schluchten hallen. Und Nachts würden über der Stadt und in den Schluchten kleine statt der üblichen Totenkerzen seltsame Irrlichter über den verstreuten und ausgebleichten Knochen der zahllosen Toten  Wache halten. Nach der Auslöschung der Stadt und ihrer Bevölkerung sei einfach keiner mehr da gewesen, der für die vielen hundert Toten und Vermissten beten und eine Kerze hätte anzünden können, so würden das die Toten selbst tun.

Auch wenn diese Legenden in den letzten Jahren zunehmend verblasst sind, und auch dieser im Gedächtnis der Kytheraner traumatische Erinnerungsort von findigen Tourismusmanagern zunehmend zu einer „Attraktion“ ausgebaut wurde, Auch wenn in den letzten Jahren mit ersten, nicht immer sehr fachgrerecht durchgeführten Sicherungs- und Renovierungsarbeiten begonnen wurde – Es soll es bis heute Kytheraner geben, die sich strikt weigern das alte Agios Dimitrios zu betreten. Die einen aus Respekt vor den Toten, die anderen aus Angst die Toten könnten sich für das angeblich mangelnde Interesse, das man ihnen in den letzten Jahrhunderten entgegenbrachte an den Lebenden rächen.

Auch wenn das alles in den Bereich der Legende gehört – wirklich geheuer ist mir der Ort auch nicht, vor allem nicht bei schlechtem Wetter oder gegen Abend. Auch ich bin ich jedesmal heilfroh, wenn irgendwoher ein paar Geisen oder ein paar verirrte Wanderer daherkommen und ich nicht ganz mutterselenallein mit den Toten durch die Ruinen streichen muss…Genausowenig kann ich mich auch mit dem neuen Touristenparkplatz und einer rabiat durch die Ruinen getriebenen Zufahrtsstraße anfreunden…Ehrlichgesagt, als Europäischer Ethnologe, Archäologe und Kunstgeschichtler, der durchaus auch etwas von Bauforschung und Denkmalpflege versteht, bin ich sogar ziemlich sauer auf die kytheranischen Behörden. Die Bauarbeiter, die die Ruinen als Touristenattraktion herrichten sollten waren offensichtlich nicht unbedingt gelernte Restauratoren (oder aber, sie haben einfach nicht gemacht, was man ihnen gesagt hat). Mit Sicherheit aber waren sie offensichtlich zu faul die schweren Zementsäcke per Schubkarre die paar Meter vom neu angelegten Parkplatz zu den Ruinen zu karren. Wie in Griechenland in solchen Fällen leider oft üblich, entschied man sich für einen einfacheren Weg. Man nahm einfach einen Bulldoser rammten damit durch die Pampa und machten dabei nicht nur die einheimische Flora und Fauna, sondern gleich auch noch die Ruinen der halben Vorstadt platt. Dass der ehemalige Provedittorenpalast jetzt aussieht als sei er bei einem Zahnbleaching gewesen ist da noch ein kleineres Problem, dass die Witterung in den nächsten Jahren hoffentlich korrigieren wird. Dass man aber das, was beim „restaurieren“ übrig blieb einfach neben eine der Kapellen gut sichtbar in der Landschaft entsorgt spricht für ein Ausmaß an Diletantismus wie er kaum zu Überbieten ist…

Vermutlich sind das nun aber wieder einmal die typisch abgehobenen Problemchen und Empfindlichkeiten eines „Geisteswissenschaftlers“. Wen interessiert es denn angesichts der aktuellen griechischen Finanzkriese schon noch, dass unter den umgestürzten Wänden und in den Schluchten des neu erkorenen Tourismusattraktion noch heute die Überreste der unglücklichen Bewohner einer ganzen Stadt liegen? Wer schwert sich schon darum, wenn man auf den Gebeinen der Toten einen Parkplatz baut und ein paar rissige Mauern abreißt und die restlichen mit etwas Zement aufmöbelt, damit die Touristen nicht stundenlang über Ziegenpfade hierher wandern müssen und „den richtigen Eindruck“ bekommen? (Und ja, der Ausblick ist atemberaubend schön) Ist es denn wirklich so schlimm, dass keine Hinweistafel auf das Schicksal dieses Ortes und seiner Einwohner hinweißt? (es gab einmal eine, die ist aber seit der letzten Restaurierung 2012 „verschwunden“ – vermutlich passte sie nicht mehr ins Konzept des hippen Ausflugsortes), und kein Kreuz, oder Denkmal an die Verschleppten und Toten erinnert. Ja es gibt – und hier bewahrheitet sich die Legende – an diesem Ort noch nichteinmal einen Bildstock oder ein ewiges Licht das für die Toten entzündet werden würde und ob in den vielen umliegenden Kapellen in den letzten 100 Jahren irgendjemand an sie, die sie einst erbaut und ausgeschmückt haben, jemand der verschwundenen Mütter, Väter und Kinder gedacht hat, die einst hier lebten – ich weiß es nicht. Auch sie liegen einsam und verlassen da, und nicht wenige von ihnen sind zu Ruinen verfallen oder dienen als Unterstand für die allgegenwärtigen Ziegen. Von den zwischen den Gebeinen der Toten (man findet sie mit etwas Anstrengung immer noch) ahnungslos picknickenden Touristen und den Gerüchten um neuerdings auch hier mit Metallsonden umherstreifenden „Hobbyarchäologen“, die die Ruinen nach übriggebliebenen Schätzen durchwühlen und dabei auch noch die letzen übriggebliebenen Mauern zum Einsturz bringen fang ich nun besser garnicht erst nicht an…

Auf der anderen Seite – wer sagt mir denn, ob die Toten von Agios Dimitrios über das ganze moderne Treiben so unglücklich sind. Zu ihren besten Zeiten war die Stadt ein Schmelztiegel aller Kulturen des Mittelmeerraums. Flüchtlinge und Zuwanderer aus Byzanz und Monemvasia, der Östlichen Ägais, von Zypern, Samos und Kreta und noch entfernteren Orten und Inseln hatten hier eine – vermeintliche – Zuflucht gefunden. Sie hatten ihre Kunst, Musik und auch einen Gutteil ihres Reichtums mitgebracht. Ihre unterschiedlichen Kulturen, Kunststile, Bau- und Lebensweisen verschmolzen im neu zur Hauptstadt der Insel aufgestiegenen Agios Dimitrios mit jener der Venezianischen Gouvaneure und Soldaten  zu einer ganz eigenen, schillernden und ungemein produktiven Lebensweise. Auf dem Schmalen Grat über den Schluchten fühlten sie sich alle sicher, bauten dutzende Kirchen und Kapellen, kleine Paläste, Mühlen und Werkstätten, Wohnhäuser und kleine, über dem Abgrund schwebende Gärten.

Leider war dieser kulturelle Blüte nur eine kurze Lebenszeit vergönnt, vielleicht 80, höchstens aber 100 Jahre, dann war Schluss. Wie so oft davor und danach kamen die Feinde wieder einmal übers Meer und Kythera, nicht eben arm an Ruinen, hatte eine Ruinenstadt mehr und war wieder einmal weitgehend verwüstet. Aphrodite, so sagen es bis heute die Alten, sei eine launische Göttin. Sie liebe ihre Kinder genauso überschwänglich, wie sie hassen und strafen könne…Aber es bliebe immer ein Band aus Liebe und Heimweh, dass die Weggegangenen und Verschleppten auf die Insel zürückziehe.

Für nicht wenige Kytheraner wurde diese Erzählung Wirklichkeit. Die Insel war zu karg, zu trocken, zu arm um ihre vielen, vielen Kinder ausreichend zu ernähren. Irgendwann zwischen dem 18. und Mitte des 20. Jahrhunderts sind viele von ihnen ausgewandert. Anfänglich noch in die Nähe: nach Smyrna, Alexandria, Venedig und Piräus, später als die Schiffe größer und schneller wurden immer weiter weg: nach Argentinien, die USA und Australien. Auf der Insel, die in ihren besten Zeiten gute 15.000 Einwohner hatte (von den angeblich 40.000 die sich hier auf der Flucht vor den Deutschen und Alliierten Truppen gegen Ende des II. Weltkriegs drängten ganz zu schweigen), leben heute mit etwas gutem Willen vielleicht 4000 Tsirigotes (so die Eigenbezeichnung der Kyhteraner, nach dem alten venezianischen Inselnamen „Cerigo“) noch auf der Insel. Ihnen stehen weit über 80.000 in der ganzen Welt verstreute „Landsleute“ gegenüber. Die meisten davon in Australien.

Und wie es die Geschichte von der Göttin der Liebe und ihren Kindern erzählt: vergessen haben die Weggegangenen ihre Heimat nie. Überall wo sie hinkamen erzählten sie von der Schönheit und dem Licht der Insel, gründeten Vereine und Organisationen, und hielten „geradezu halsstarrig“ an althergebrachten Gewohnheiten, Sitten und Bräuchen fest und heirateten lange Zeit nur Frauen von der Insel, die dafür um die halbe Welt reisten – Ein Grund, weshalb auf Kythera bereits um 1900 die ersten Fotostudios aufmachten…schließlich wollte man(n) in der Ferne wissen, wie „seine“ Tsirigotissa aussah, die ihm ein treusorgender Cousin oder Onkel nach Sydney, Kapstadt oder New York schickte. Und auch die eine oder andere Dame – immerhin eine Tochter der Aphrodite! – wollte nicht so einfach mit einem dahergelaufenen Nichtsnutz, der vielleicht auch noch schlechte Zähne und ein abstoßendes Äußeres hatte verheiratet sein. Nein…ein Photo gehörte einfach dazu. Außerdem war es oft die einzige Möglichkeit die Lieben in der Ferne an Familienfesten, neuen Erdenbürgern, Trauerfällen oder dem Stolz auf das in der Fremde neu erbaute Geschäft oder – und dafür waren die Kytheraner lange Zeit in der ganzen Welt berühmt – am neuen „Griechischen Caffee“ teilhaben zu lassen. Oft genug waren es allein diese heute verblichenen Photos, die denen die weg gegangen oder zurückgeblieben waren begreiflich machen, was aus ihren Liebsten jenseits des Meeres geworden war. Auf ihnen ließ sich in den Gesichtern der Dargestellten das Alter und die Zeit, seitdem sie fortgegangen waren nachzeichnen, in Form von Totenbildern gaben sie den Zurückgebliebenen die letzte Gewissheit, dass der andere nie zurückkehren würde und die Hoffnung, dass er an einem anderen, fernen Ort einen ruhigen, sanften und guten Tod gestorben war, und nicht etwa einem der „in der wilden neuen Welt“ häufigen wilden Tiere, einem Laster oder irgendeinem anderen Unglück zum Opfer gefallen und fern der Heimat in geweihter Erde beigesetzt worden war. Dort zeugte und zeugt oft genug auch heute noch eine auf eine Emailplatte gebrannte Kopie desselben Bildes als letzte Erinnerung davon, dass auch in Australien, Argentinien oder den USA Kinder der Aphrodite lebten. Gleichzeitig weckten diese Bilder die Sehnsucht: Die der Zurückgebliebenen auf ein besseres Leben in einem Fernen Land, und die der Weggegangenen nach der in ihren Erinnerung zum Paradies gewordenen Heimat. Beide Seiten begannen ihre jeweilige Welt so zu sehen, wie sie auf den Photographien dargestellt wurde, nicht so, wie sie wirklich war.

Und so war es oft eine bittere Enttäuschung, wenn der eine oder andere Nachkomme der Ausgewanderten auf „Heimaturlaub“ oder „Brautschau“ doch auf die Insel zurückkehrte. Kythera war kein irdisches Paradies, sondern eine kleine Felseninsel im Mittelmeer, deren Bewohner viel zu oft nicht wussten wie sie ihre vielen Kinder ernähren sollten. Wirklich gheändert hat sich das , von den wenigen Reichen abgesehen, die es immer gab und geben wird, für die breite Masse der Bevölkerung erst in den 1980er und 1990er Jahren. Und so war es Neben gelegentlichen Besuchen in der Alten Heimat, lange Zeit vor allem eines, das aus der „neuen“ in die „alte“ Heimat zurückkam: Das in der Fremde verdiente Geld der Migranten. Dieses hielt die Insel am Leben. Ermöglichte den Bau von Schulen, Museen, Krankenhäusern und Altenheimen. Nichts, aber auch garnichts hätte in Zeiten von Krieg, Bürgerkrieg und Diktatur ohne dieses Geld funktioniert. Ohne dieses Geld der Migranten hätte Kythera vermutlich das Schicksal vieler anderer einst dicht bevölkerter griechischer Inseln und Landstriche geteilt… Es wäre ein von Ruinen und verlassenen Feldern übersäter Felsen geworden, leer und von jeder Menschenseele verlassen…

Kytherian Outback

Doch es kam – Gott und den „Xeni“ (es wäre nicht ganz richtig dieses Wort mit „Fremde“ zu übersetzen…aber eben auch nicht ganz falsch – mit der Zeit und der halben Welt zwischen einem wurden Zurückgebliebene und Fortgegangene sich ja tatsächlich „fremd“, auch wenn sie das vielleicht garnicht wollten) sei Dank! – ganz anders, und neben ihrem Geld brachten die Kytheraner aus den Ländern in die sie ausgewandert und wieder heimgekehrt waren auch ganz andere Dinge mit. Zwar glaube ich immer noch nicht, dass sie wirklich Känguruhs und Emus auf der Insel ausgesetzt haben (ihre Nachbarn vom Peloponnes behaupten das manchmal schwerzhaft und nennen die Insel wegen der vielen Kythero-Australier auch „Känguruhinsel“) aber dass sie den ganzen Norden der Insel mit Eukalyptusbäumen bepflanzt haben stimmt. Würde dort nicht gelegentlich ein typisch griechischer Bildstock oder ein verwittertes Schild mit griechischen Buchstaben den Weg (nicht) weisen, man könnt emeinen, dass jenseits von Gerakari und Petrouni, nicht Griechenland, sondern  der ferne Australische Outback  läge, so sehr ähnelt die Szenerie aus Roter Erde und Eukalyptusbäumen dem Kontinent „down under“. Es ist daher nicht ganz zufällig, dass die Kytheraner diesen Teil der Insel (manchmal auch die ganze Insel) „Mikri Afstralia“ – „Klein Australien“ nennen, genauso, wie ihre fortgegangenen Cousins und Cousinen Australien manchmal im Scherz auch „Makro Kythera“ – „Groß Kythera“ nennen.

Wie immer bei „Geschenken“ waren aber auch diese nicht ganz unproblematisch. Nicht nur, dass der eine oder andere neureiche Kythero-Australier sich aufgrund des erworbenen Reichtums seinen daheimgebliebenen Verwandten überlegen fühlte und die Zurückgebliebenen nicht nur mit Dankbarkeit, sondern auch mit Neid und Miderwertigkeitskomplexen auf den offen zur Schau gestellten Reichtum ihrer Verwandten blickten – nein die gutgemeinte Ansiedlung des schnell wachsenden Eukalyptusbaumes, von dem man sich Bauholz und ein kleines Zusatzeinkommen erhoffte, brachte das sensible ökologische Gleichgewicht der Insel derart durcheinander, dass heute ernsthaft darüber nachdedacht wird, die „Bäume der Freundschaft“ wieder von der Insel zu entfernen. Nicht nur, dass sie hier aufgrund des ständigen Windes nicht richtig wachsen wollen, nein, sie trocknen mit ihrem immensen Wasserverbrauch auch die ohnehin durch den Klimawandel schwindenen Wasserreserven der Insel zusätzlich aus und stellen bei den hier alles andere als seltenen Buschbränden ein gewaltiges Problem dar, da ihre mit ätherischen Ölen gesättigten Stämme und Blätter wortwörtlich wie Zunder brennen und dazu führen, dass binnen kürzester Zeit ganze Landstriche in Flammen stehen – Noch allerdings kann sich niemand recht zu diesem Schritt durchringen – zu sehr stehen die Bäume für das gegenseitige Band zwischen der Insel und ihren nach Australien ausgewanderten Söhnen und Töchtern.

Es würde einfach etwas fehlen, wenn der charakteristische Geruch der silbergrünen Blätter nicht mehr die Nachmittagsstunden erfüllte…Ich wende meinen Wagen und fahre über erschreckend steile, meist unbefestigte und von tiefen Regenrinnen durchzogene „Straßen“ wieder Richtung Süden.

Auf dem Weg zurück „in die Zivilisation“ empfiehlt sich ein kleiner Zwischenstop in der heutigen Inselhauptstadt Potamos, allein schon, um nicht zu vergessen, dass es auf der Insel auch ganz reale und sehr lebendige Einwohner gibt. Der Kinderspielplatz neben dem großen, aber etwas schlecht zu erreichenden öffentlichen Parkplatz (irgendwie ist die Einfahrt etwas zu eng und zu steil geraten) ist ein Traum aus Kunstrasen und quietschbunten Spielgeräten, die nicht nur Elefteria und ihren Bruder Jannis, sondern auch die kleine Joselynn aus New York und den kleinen Thorben-Jonas aus Berlin glücklich machen.

Wer am Sonntag kommt, erlebt den Bauernmarkt. Sicher, alles hat seinen Preis, aber dafür bekommt man den herrlichen Singsang des lokalen Dialektes, der voller italienischer, arabischer, türkischer und natürlich vor allem griechischer Wörter steckt umsonst. Wer dann noch Lust auf einen Kaffee oder einen kleinen (oder, wie immer in Griechenland, einen etwas größeren) Snack hat kann es sich in einer der angrenzenden Kaffes und Tavernen gut gehen lassen – sorry Leutles, es nutzt nix, wenn ihr sagt ihr wollt nur etwas Kleines, der dreifachrahmige Honigjoghurt gehört als Gratisdessert einfach dazu, ob ihr jetzt platzt oder nicht, und außerdem MÜSST ihr, wenn ihr denn schon von soweit herkommt einfach noch die extra fettigen (es ist gutes Olivenöl!) zweifach fritierten Käseschnitten probieren…

Nein, Kythera ist kein Abnehmcamp, auch wenn man den ganzen Tag in den Felsen herumklettert, oder einem mal wieder bei einer besonders steilen Abfahrt mit dem kleinen Hundai der Angstschweiß auf der Stirn steht…schon garnicht weil meine Zimmerwirte offensichtlich der festen Meinung sind, ich wäre ganz kurz vor dem Verhungern und mir in treusorgender Zuneigung jeden Tag Obst, Gemüse und Kuchen bringen…aber sind es nicht gerade diese kleinen Gesten der liebevoll sorgenden Gastfreundschaft ein sicheres Zeichen dafür, dass hier noch nicht alles komplett durchkommerzialisiert ist. Und ist es nicht genau diese noch nicht komplett von ökonomischen Interessen geleitete Einstellung der Einheimischen, weswegen man die Insel immer wieder aufsucht?

Fragt sich, wie lange dies noch so bleiben wird…Erste Probleme gab’s schon in den 1990ern als die großen Kreuzfahrtschiffe anlegten. Kaum waren auf einmal 1000 Touris auf einmal auf der Insel, schon wurde jeder Ziegenhierte zum Immobilienspekulanten und in Hora und Kapsali begann das große foppen, neppen, hauen und stechen…jedenfalls so lange, bis es den Agenturen zu dumm wurde und von heute auf morgen keine Schiffe mehr kamen. Der Katzenjammer der touristenlos zurückgebliebenen Kytheraner war groß und nachhaltig, hoffentlich auch der Lerneffekt…Heute ist es eher das Geld der aus Australien und den USA zurückkehrenden Exil-Kytheraner und der Zustrom der wegen der Finanzkriese auf die Insel zuwandernden „Festlandskytheraner“ aus Athen und Piräus, der der Insel zu schaffen macht und das auf Maßhalten angewiesene, labile Gleichgewicht der Insel durcheinanderbringt.

Genug Probeme! Die Insel ist schön, und schon um die nächste Ecke wartet ein neues Wunder. Jedenfalls für die, die sich mit antiker Mythologie auskennen, und ein Faible für Räuberpistolen uns Sagen haben (als echter Volkskundler, Archäologe und Kunsthistoriker, der hier ganz nebenbei auch noch für seine Dissertation forschen darf, hab ich selbstredend für alle drei Dinge eine berufsbedingte Vorliebe!)

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Hier geht’s lang!

Und wenn geade sonst nichts los ist, gibt’s eben Sturm…irgendwann um kurz vor acht Uhr morgends fangen dann ein paar Männer draußen an laut rumzubrüllen, zu pfeifen und an die eine oder andere Tür zu klopfen…als erfahrener Nicht-mehr-ganz-Insel-Grünschnabel weiß man spätestens dann, dass nun wieder eine dieser unberechenbaren, mehr oder minder langen, und hochgradig unerfreulichen Überraschungen bevorsteht, oder schon eingetreten ist, die man als Einwohner des doch sehr perfekten Deutschlands nicht mehr wirklich kennt…Man schaut, noch leicht schläfrig aus dem Fenster, und da die Männer diesmal nicht zum Strand laufen (dann wäre irgendwas auf See passiert), sondern auf die Strommasten klettern, braucht man eigentlich garnicht mehr versuchen das Licht oder die Kaffemaschine anzuschalten…es ist – Aphrodite, Boreas, Zeus und Poseidon sei Dank – Stromausfall! Meistens dauert das dann nur ein paar Stunden und Abends ist die Welt dann wieder in Ordnung. Also kein Grund zur Aufregung, außer man muss an dem Tag Ab- oder Anreisen…meist fährt/oder fliegt nämlich dann auch nichts, weil a) Wellen zu hoch, b) Wind zu stark und c) kein Strom (letzteres muss nicht zwingend so sein, oft ist es nur die lokale Hauptleitung die mal wieder mit etwas Klebeband und Draht zum Laufen gebracht werden muss…)

Da ich aber weder vorhabe zu fliegen, noch mit dem Schiff zu fahren ist eigentlich alles halb so schlimm, Kaffee trink ich später einfach da wo’s noch, oder schon wieder Strom gibt, und die Haare trocknen bei dem Wetter zur Not schließlich auch so – und da mich eh den ganzen Tag kaum jemand sieht, muss ich danach auch nicht aussehen wie Brad Pit persönlich…

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Es war genau dieser Strand, genau diese Welle! ganz sicher!

Übrigens bin ich, nachdem ich mein Tagespensum an Arbeit erledigt hatte, gestern dann doch noch ganz in den Süden an den Strand von Paliopoli gefahren, habe mich auf den Thron der Aphrodite gesetzt und mir von dort aus in aller Seelenruhe den Sonnenuntergang angesehen, ja Feldforschung kann auch schön sein…

Giassas!

PS: Gerade lese ich, dass es hierher laut Werbeslogan nur „35 Minuten vom Athener Flughafen und 2 Stunden von Europa!“ sind…jeder mag sich jetzt selbst denken, was diese Worte für ihn bedeuten… 😉

Reise nach Kythera, 1 – The embarkment

Ich stehe am Athener Flughafen, warte zwischen Mc… und dem kleinen Archäologischem Museum (ja, der Athener Flughafen hat sowas!)  auf meinen Anschlussflug auf „meine“ Insel und versuche mich mental darauf einzustellen, dass ich wieder einmal zwischen der Heimischen Komfortzone und einem meiner global angelegten „Feldforschungsprojekte“ wechsle. Geistig heißt das sich umzustellen, die täglichen Routinen zu vergessen und die Antennen auf Empfang einzustellen. Praktisch bedeutet es, dass ich in einem Gewirr aus Gängen, Treppen und Shops für Designmode das richtige Gate finden muss…in Athen nicht ganz einfach, weil manche Treppe zum Abflugraum recht gut zwischen Cafés und kostenpflichtigen Massagegeräten versteckt ist und auch die Schilder aufgrund der Zweisprachigkeit etwas „überfüllt“ ausfallen.

Als ich endlich die richtige Abzweigung gefunden habe, setze ich mich in die erstaunlich bequemen Ledersessel, ordne mein Gepäck in Griffweite um mich herum an, schließe für einige Sekunden die Augen und denke nach…

…Ich weiß nicht, wie es Paris ging, als er nach einer wilden Partynacht unweit des heutigen Nauplion gemeinsam mit Helena (ja der schönen, deretwegen die ganze Sache angefangen hat) ein Schiff bestieg um damit vorgeblich auf die „Insel der Seligen“ alias Kythera bzw. deren weithin berühmtes Aphroditeheiligtum zu fahren. In Wirklichkeit waren ihm Insel, Schaumgeborene Aphrodite und Heiligtum wohl ziemlich egal. Schließlich wollte er nichts anderes als mit der schönsten Frau der Antike nach Troja durchbrennen.

Mich selbst treibt etwas ganz anderes auf die vielgerühmte „Insel der Seligen“. Ich forsche – genauergesagt ich untersuche für meine Dissertation im Fach Europäische Ethnologie (früher einmal nannte sich das Volkskunde und/oder (Empirische) Kulturwissenschaft) die Auswirkungen digitaler Netzwerkmedien (Ethnoscapes/Social Media) auf Identität und Alltag der weltweiten Kythranischen Community…und da Kythera (auch Κύθηρα oder Kythira, früher auch unter dem Namen Cerigo bekannt) nunmal die Heimat der Kytheraner (selber nennen sie sich meist nach dem alten Namen der Insel Tsirigotes, (gr. Τσιριγώτης)) und mich alles, aber wirklich alles interessiert was mit dieser Insel und ihren inzwischen in der ganzen Welt verstreuten Söhnen und Töchtern zu tun hat, habe ich mich wieder einmal für einige Wochen dorthin aufgemacht, wo alles begann: Kythera. Neben den zahlreichen Wechselwirkungen zwischen digitaler und analoger „Welt“ interessiert mich dabei diesmal insbesondere, wie sich – trotz Finanz-, Griechenland- und Eurokriese – der örtliche Tourismus entwickelt, und welchen Einfluss darauf medial verbreitet Rollenmodelle, Stereotype, Werbebotschaften u.ä. haben. Daneben liegt mein Augenmerk diesmal besonders auf der (nicht zuletzt auch über die von mir erforschten Sozialen Netzwerke betriebenen) Ökonomisierung und Kommerzialisierung des materiellen und immateriellen Kulturerbes der Insel und die daran beteiligten Akteure.

Die dabei entstehende Reihe von ca. 10-15 Blogeinträgen soll dabei weniger eine wissenschaftliche Abhandlung sein, sondern eher eine Art Skizze, die mir und allen die es interessiert eine Art „spontanen Einblick“ auf das „gedankliche Innenleben“ aus dem Alltag eines Feldforschenden bieten soll. Vieles was dabei geschrieben werden wird ist eher spontaner Eindruck als durchdachtes und sorgsam angewogenes Ergebnis, eine Art Puzzle, das erst noch zu einem geordneten Ganzen werden muss. Es ist das, was der oder die Feldforschende normalerweise nicht verrät, das was „nebenher“ passiert. Eine Art „Nebenprodukt“, dass in den fertigen wissenschaftlichen Arbeiten – wenn überhaupt – nur am Rande und in Fußnoten auftaucht.

Aber zurück zu Paris und seinen Plänen…

Dass die unbedachten Handlungen des trojanischen Jungspunts – sagen wir mal – eher unangenehme Nebenfolgen hatte, weil Helenas Mann niemand anders als Menelaos der Bruder von Agamemnon (der war Herrscher der Mykener und damit niemand anders als der Obermacker von ganz Griechenland) war, kann man sich denken. Man kennt es heute noch von Diskoschlägereien und aus Kriminalromanen in denen gestandene Geschäftsmänner sich wegen einer gemeinsam begehrten Frau in die Haare bekommen und wahre Mordorgien starten um den Nebenbuhler auszuschalten. Auch Menelaos fand es garnicht lustig, dass jemand mir nichts, dir nichts die eigene Frau entführte. Er beriet sich mit dem großen Bruder und wie’s bei so fällen nunmal üblich ist: die ganze Sache eskalierte. Kurz und gut: Paris, der Jungspunt mit den viel zu dicken Eiern…ähm- Hesperidenäpfeln – in der Hose hatte sich mit dem Falschen angelegt.

Was dabei rauskam? Der erste bekannte Interkontinentalkrieg – Homer hat’s etwas später den „Trojanischen“ genannt…Und ja, das ist der mit dem Holzpferd, der Laokoon-Gruppe, Brad Pitt als Achilles und Odysseus, Antenor und Aeneas, der später Rom gründen sollte…aber da sind wir schon in Folge 20.000 von Ilias und Odyssee, der Urmutter aller Daily Soaps.

Auch wenn Watteau’s „Einschiffung nach Kythera“ knappe 3000 Jahre später, die Szene als romantisches Schäfersspiel nebst Einschiffung (oder steigen sie doch schon wieder aus?) von ein paar vergnügten Rokokko-Yuppies auf ein – nicht wirklich gut zu sehendes – Schiff zeigt…wie bei solchen Sachen üblich, war auch hier von Anfang an der Wurm drinn.

Und wie alle ordentlichen Männerfreund- oder -feindschaften begann auch diese im Wirtshaus, bzw. auf einer echt krassen Party: Paris hatte Menelaos zum Saufen eingeladen, selber aber nur Selters getrunken, sich Helena geschnappt und ihr mittels einer falschen Prophezeiung weißgemacht, dass sie unbedingt nach Kythera müsste, weil Aphrodite sie da ganz dringend treffen wollte, weil sie irgendwas von ihr wollte. Was die Göttin der Liebe konkret vorhatte, oder ob sie überhaupt von der Aktion wusste, wird im Epos nicht so ganz klar, ist für den weiteren Handlungsverlauf aber auch nicht wirklich wichtig. Viel entscheidender war, dass Aphrodite – nach Paris (!) – sehr genau wusste, was sie nicht wollte. Nämlich, das Menelaos mitkam…der hatte nach der Party ohnehin noch einen Kater – war deshalb alles andere als scharf auf einen schaukeligen Bootsausflug – und hatte darum (wirklich wach war er noch nicht) erstmal auch garnichts dagegen, dass Paris ihm diese unangenehme Aufgabe abnahm…und schwups…waren Paris und Helena weg und Menelaos saß ohne Frau schön blöd da. Wirklich Bemerkt hat er das aber erst ungefähr eine Woche später…

Aber halt – was hat das nun alles mit Kythera zu tun? Und gehört Aphrodite denn nicht nach Zypern?

Well, wie öfter bei griechischen Göttern ist das ganze ein bisschen komplizierter und auch etwas unappetitlich. Zuerst muss man wissen, dass Aphrodites Zeugung und Geburt etwas – wie soll ich sagen – unklassisch von Statten ging. Zeus hatte Ärger mit seinem Vater Kronos, weil dieser Angst hatte, seine Kinder mit der Titanin Rhea könnten ihn ebenso entmachten, wie er es einst mit seinem Vater Uranos getan hatte. Deshalb fraß er seine Kinder kurzerhand einfach nach deren Geburt auf. Rhea wollte sich das als liebende Mutter aber nicht weiter ansehen und gab Kronos statt des kleinen Zeus einen Stein zu essen, und Kronos viel auf diesen Trick herein. Zeus wuchs und gedieh, kam zurück, war stinksauer und schnitt seinem Vater – wie es der Brauch unter griechischen Göttern in diesem Fall nunmal vorsah – die Genitalien ab. Was das nun mit Aphrodite zu tun hat? Well, nach Hesiod wurde die Arme aus dem Schaum der entstand als das Blut und das Sperma des abgeschnittenen Genitals des Kronos ins Meer tropfte geboren; daher auch ihr Beinahme: Die Schaumgeborene – Ihr seht: Die Griechen waren schon immer sehr gut darin etwas unschöne Dinge mit sehr viel weniger unschönen Wörtern zu umschreiben…;-)

Aber warum nun Kythera und nicht Zypern…Well, a) haben Götter selbstredend etwas größere Genitalien als Sterbliche, und so gab’s beim fröhlichen rumgeschnippel wohl im ganzen Mittelmeerraum eine ziemliche Sauerei, d.h. eigentlich hätte jede Insel und jeder Landstrich in der Nähe des Club Med das Recht sich Geburtsort der Venus (so Aphrodistes lateinischer Name) zu nennen. b) Ging’s bei Götters ähnlich zu, wie die oberen Zehntausend heute noch: Der Olympische Jetset jettete gerne und viel in der Weltgeschichte herum, und leistete sich für den Sommerurlaub ganz gerne auch mal einen Zweit- und Drittwohnsitz mit Meerblick oder ein kleines Chalais in den Bergen für den Wintersport.

c) ist die Sache bei Kythera und Aphrodite sogar noch ein bisschen komplizierter (warum auch einfach, wenn er Epos lang werden muss, damit er was taugt, wenn ihr das jetzt nicht vesteht: fragt Homer! ;-)) – oder anders ausgedrückt: Zwar gibt es auf Kythera eine wunderbare lokale Legende, die beschreibt wie die Liebesgöttin, nachdem sie auf Kythera, nicht auf Zypern den Wellen entstiegen war, die Insel etwas klein und auch recht karg fand und sich, nachdem die freundlichen Inseleinwohner ihr ein Wochenendhäuschen in Form eines Tempels hingestellt hatten, Richtung Zypern davonmachte und dort das ganze Spektakel nochmals wiederholte, aber das ist eher ein Versuch der nachträglichen Versöhnung und entspricht nicht unbedingt dem, wie die Sache zu Menelaos, Paris und Helenas Zeiten aussah.

Anders als der auf Sicherung des Alleinstellungsanspruchs bedachte Regional- und Tourismusmanager der Gegenwart, kannten die alten Griechen nämlich weder Markenschutz noch Copyright. Je nach Gusto verschmolzen sie leichter Hand auch mal drei oder vier lokale Gottheiten zu einer, benannten Alte Gottheiten um, wandelten andere in welche um, die sie schon kannten und schufen im Bedarfsfall auch mal Neue, oder recycelten einfach Alte, die sie von anderen Orten kannten. Da die alten Griechen und ihre Herrscher überdies alle von Göttern abstammen wollten, entstand ziemlich schnell ein echt griechisches Chaos aus Stammbäumen, Abstammungsnachweisen, Legenden, Mythen und Wallfahrtsstätten. Kurz-  in der Antike war es alles andere als unüblich, dass ein und diesselbe Gottheit an sehr unterschiedlichen Orten geboren worden sein konnte, unterschiedliche Eltern hatte und sich auch mal ein bisschen anders verhielt oder aussah, als man es von daheim gewohnt war. Im Zweifelsfall erfand man einfach eine gute Fortsetzungsgeschichte wie die von der Ätepetete-Göttin der Kythera zu klein und langweilig war, und die deshalb nach Zypern auswanderte…
Moderne Wissenschaftler erklären das im Falle der Aphrodite sogar genau andersrum: Die Göttinnen der Griechen waren ursprünglich entweder ziemlich frigide Nymphen und Waldfräulein a la Artemis oder echte griechische Hausmütterchen – ähm  -Drachen á la Juno und Persephone. Bei ihren ausgiebigen Schiffsausflügen in den vorderen Orient aber lernten die feschen griechischen Matrosen aber recht schnell die Vorzüge etwas freizügiger orientalischer Liebesgöttinen kennengelernt hätten und sowas dann eben auch ganz gern daheim einführen wollten  – Tja wer will’s ihnen verdenken, so eine exotisch-barbusige Schönheit hat eben durchaus was für sich. Obwohl…Sagen wir es jetzt einmal so, die alten Griechen, insbesondere wenn es sich dabei um Männer handelte hatten etwas andere Vorstellungen vom Zusammenleben der beiden Geschlechter als wir heute. Insbesondere ihr Verhältnis zu (Ehe-)Frauen war alles andre als unproblematisch. Wäre es nach Platon gegangen, hätte selbst der Name einer „anständigen“ Frau außerhalb ihres Hauses am besten überhaupt nicht bekannt sein sollen, geschweigedenn sollte sie das Haus überhaupt verlassen und an Bord eines Schiffes hatte sie schon garnichts verloren. Wie jeder ordentliche Athener konzentrierte sich Platon bei seinen sexuellen Eskarpaden eher auf hübsche junge Bengels und, wenn es denn unbedingt sein musste auf die sündhaft teuren Hetären (eine Art Edelprostituierte), die Ehefrau kam in jedem Fall als letztes drann…Sie galt strenggenommen genauso wie Sklaven und Fremde noch nichteinmal als richtiger Mensch…Es lebe das Patriarchat! Darum machte es aus Sicht der altgriechischen Männer auch durchaus Sinn, die Orientalischen Mutter- und Fruchtbarkeitsgöttinen kurzerhand zur Liebesgöttin (die übrigens längst nicht nur für die hetero-Variante zuständig war, antike Griechen dachten hier nicht in unseren Schubladen!) umzuwandeln und sie an jedem Ort an dem sie kamen mit kleinen, aber feinen Unterschieden die dem jeweiligen lokalen Geschmack entsprachen einzuführen.

Zypern erhielt dabei eine eher erotische, sinnliche und sehr stark sexuell aufgeladene Aphroditie, Kythera ein eher etwas schüchterneres, der romantischen bzw. „platonischen“ Liebe zugeneigtes Exemplar (dass sich deshalb aber noch lange nicht zu einer Artemis oder Athene wandelte und dem einen oder anderen Schäferstündchen mit ein paar schicken Jungs oder Satyrn aus Arkadien deshalb noch lange nicht abgeneigt war.)

Da die Griechen immer ein bisschen zum Lokalpatriotismus neigten und auch sonst ein paar richtig fieße Vorurteile gegenüber den asiatischen Barbaren und ihren Bräuchen hatten, bevorzugten sie die etwas hausbackenere Kytheranische Aphrodite (außerdem war Kythera einfach näher an Athen als Zypern) und machten – zumindest wenn man den erhaltenen Quellen Glauben darf – das Eiland zu DEM Hotspot der Aphroditeverehrung. Ob die Insel damals auch schon jenen Status des Refugiums der „Reichen und Schönen“ hatte, den sie heute genießt, ist den antiken Quellen jedoch nur bedingt zu entnehmen. Immerhin haben sie den idealen Werbeslogan geprägt: „Insel der Seligen“ – besser geht’s eigentlich nicht.

Und auch wenn damals entschieden mehr auf der Insel los war als heute und der noble Hafenort Skandia oder das hippe Palaiokastro noch nicht von Tsunamis verschlungen oder Erdbeben zerstört waren; Es wird den alten Griechen mit Kythera wohl genau so gegangen sein, wie uns heute mit Werbeprospekten für den nächsten Sommerurlaub: Man darf nicht alles so heiß essen, wie’s gekocht wird.

So war der kytheranische Tempel der Aphrodite eben keine marmorstrotzende Kopie des Artemistempels in Ephesos, wie sie sich Schliemann und vor ihm viele andere erträumten, sondern – und das wissen wir erst seit einigen Jahren, weil fleißige und leider reichlich unterfinanzierte Archäologen „nachgegraben“ haben – ein ziemlich einfacher (Fachwerk-?)bau, der eher einer großen Scheune als einem Tempel glich. Marmor, Gold und Elfenbein suchte man dort jedenfalls vergebens…

Damit gilt auch für Kythera, was für alle irdischen Paradiese gilt: Sie sind mehr Vorwand Trugbild, mehr Traum und Phantasie hinter denen die bezaubernd schöne, aber eben etwas bescheidenere und kleinere Realität verschwindet. Wer das „echte“ Kythera kennenlernen will, oder einfach neugierig darauf ist, was mich abermals in die Gefilde der Helenen treibt, darf in den nächsten Tagen gerne in mein „Forschungstagebuch“ reinschaun. Bis dann hoffe ich jetzt erstmal, dass niemand streikt, alle Flieger gehen, mein Autovermieter am Flughafen steht und die Götter auch sonst nichts dagegen haben, dass ich ihr ureigenstes Lieblingseiland der Schönheit, Liebe und Glückseligkeit aufsuche…

Αντίο για τώρα!

Von Gartenlust und Unwettermeldungen – oder – warum meine Pflanzen eine Loggia haben.

Mein persönliches Hantelgewicht ;-)

Mein persönliches Hantelgewicht 😉

Ha, wie kann es schön denn sein, in dem kleinen Gärtelein…Keine Angst ich hör schon wieder auf zu reimen…

Wie immer hat das gestrige Unwetter Bamberg, die legendäre Stadt der Säufertürme, Kirchturmspitzen und 60.000 Blitzableiter mal wieder verschont. Ich schiebs ja auf den Steigerwald, der wie der Name schon sagt, die Wolken einfach über die Stadt weglupft, aber meine Nachbarin ist der festen Überzeugung, dass es dem legendären Schleier der Heiligen Kunigunde zu verdanken ist, dass Bamberg kein Wetter kennt. Irgendwer knipst Ende Mai Lichtschalter und Heizung an und stellt sie Ende September wieder aus, und wer sollte das außer der heiligen Kaiserin schon anderes sein – Petrus ist in Rom beschäftigt und die Vierzehn Nothelfer sitzen faul in Vierzehnheiligen rum…bleibt also nur die Gute alte Kunni – Sie bzw. ihr schicker Kopfputz schützen vor amerikanischen Bomben, Stechmücken, griesgrämigen Ehemännern, UV-Strahlen und allem anderen, was einer „Dame von Welt“ besser nicht vor die Augen kommen sollte. Regen, Sturm, Blitzschlag, Hagel? No Problem, Kunni und ihr Schleier bekommen das hin!

Von reformatorischem Eifer getrieben hab ich als ungläubiger Protestant natürlich so meine Probleme mit dieser Art archaischen Denkmustern und deshalb in original altdeutsch-preußischem-Angst²-Modus beim allerkleinsten  Vorabzeichen einer dunklen Wolke am vorschriftsmäßig weiß-blau zu seienden Himmel meine sämtlichen Kübelplfanzen/Balkonkastenschönheiten inklusive mundgeblasener Pseudo-Muranoglaskugeln wieder einmal brav vor dem bösen Gevatter Hagel, oder dem Bruder Wind, oder der Schwester Fallender Ast, der Mutter Ziegel, der Tante Katzen, dem Cousin Vogel, der Großtante Blattlaus, dem Schwippschwager saure Milch und der angeheirateten Erbtante verdorbener Hefeteig und allen anderen bei Gewittern drohenden Unbill-Verwandten unter das wärmende Dach meiner Ex-Wäschetrockenraum-Loggia in Sicherheit gebracht.

Dem nicht genug, wurde – meiner erzkatholisch-eichstädtisch-leicht superstitiös angehauchten Großmutter selig sei dank – auch gleich noch flugs und präventiv auch noch eine geweihte schwarzlilane Wetterkerze aus Walddürn angezündet und ein schmerzhafter Rosenkranz (der mit dem durchbohrten Herzen Mariens) gebetet. Dabei fällt mir ein: Es lebe die stets vorbildliche Vorab-Terrorismus-Bekämpfung des bayerischen Innenministeriums und ihre Voralpenhagelfliegerstaffel! Die sind nicht von denen, sondern vom Landkreis? Egal, ich schick ihnen trotzdem mal ein Paket von den Dingern…funktioniert wirklich!…Ich hôn ja âa bloos gmaant Barrack Hussein…ehrlich!

Bodybuilding und Yoga inklusive!

Ach ja…man hat’s einfach schwer als stetig engagierter Kulturwissenschaftler, der sich immer bemüht die Binnenexotik des Moments voll auszukosten…(Sorry, aber diese Portion lamoyanter Selbstironie musste jetzt einfach sein…)

Nach einer unter den Schlägen des Fahnenseils am Eisernen Mast bitterbang durchwachten Mitsommernacht, ging’s dann noch vor dem Frühstück (sic!) wieder raus. Schließlich sollten die armen Petunien nicht zu Nachtschattengewächsen verkommen – sind sie eh schon? Na egal…Nach nur zehn Minuten (Neuer Rekord!) sah alles wieder aus wie vorher (Ordnung muss sein, dass sagen wir hier auch den Austauschtouristen!), und ich? Ich war trotz eintreffender Kaltfront noch vor dem Frühmessläuten der Karmeliter stolz  bätschnass geschwitzt und reif für die zweite Dusche zu sein! Warum ich davor überhaupt im Bad war, hat vermutlich mit den ewig verkannten Italienischen bzw. Englischen Erbanlagen (Die Gene…bin ich heut wirklich so einfallslos?) in mir zu tun, die sich grundsätzlich nur in Tropenhelm und weißem Leinenanzug zum morgendlichen Schneckenabsammeln trauen…

Am Himmel sehe ich schon wieder kleine Schäfchenwolken…

und wir als gute deutsche Kleingartenbesitzer –

wir wissen, ja wir wissen ja, wie schnell aus –

schnell aus einer kleinen, harmlos blökenden Cumulus humilis,

so ein alleszestörend, garstig, blödes Sch…-Ding namens Cumulonimbus (capillatus) incus wird!

Oder inetwa nicht…nicht wenn, wenn nicht, dann jetzt…

drumm jetzt, ja jetzt ganz schnell, hinaus, hinaus…

hinaus und raus ist nun Herr Biedermann im Kittelschürz,

und holt die armen Pflanzen in die Kammer-Loggia,

Die Wetterkerze an?

Ne…

Scheiße verdammt und zack Zement…

Ein Zündholz fällt, ein andres bricht…der blaue Himmel leuchtet wieder…

und Kunigund und Gott und Bruder Zephir…

Aphrodite…allen, allen Dank!

Ich lächle, danke Odysseus und Arte für die Inspiration (freie Adaptionen antiker Dramen mit homoerotischen Einlagen und kulleraugenrollenden Bösewichten sind so CineCitta!)…und Dank auch meiner Großmutter selig, die so wunderbar gutkatholischeichstädtischsuperstitiös veranlagt war und diesen guten deutschen Angstfluch an mich weitergab (Per Lourdesstatuette auf dem Volksempfänger!).

Drumm mein Motto für Heute:

Keine Wetterwarnmeldungen mehr, der angekündigte Tornado und die 5 Zentimeter großen Hagelkörner sind einfach nix für süddeutsche Kübelpflanzen- und Balkongartenbesitzer/Präventivangsjunkeys! Und um jetzt flugs auch noch die Kontinuitätsthesenfraktion unter uns zufriedenzustellen, laut meinen auto-ero-epischen Selbstethnographien ist:

Die interdependent-rekursive Inkompatibilität von Gewittern mit Hagelschauern und fremdländischem Balkongewächs mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit kausal verantwortlich für das tief in der kollektiven Erinnerungskultur der Deutschen verwurzelte Unbehagen ihrer keltischen Vorfahren, dass der Himmel auf den frisch angepflanzten Salat fällt!

Buon Di und dass der Himmel dort bleibt, wo er hingehört!

Euer

Alexnikanor

PS: irgendwann schaff ich’s schon noch alle Kategorien in einem Artikel unterzubringen 😉

Spring in short…

Heute noch nicht gebloggt, und gestern auch nicht?…In meine blaue Küchenschürze gehüllt fühle ich mich gerade wie das sprichwörtliche „Fleißige Lieschen“ (nicht die Blume, sondern die Dienstmagd) und frage mich, weshalb das Wort „abgschafft“ im Schwäbischen nahezu ausschließlich eine – ehrenvolle! – weibliche Zustandsbezeichnung darstellt.

Kurz, ich crossmedie (falls es das Wort noch nicht gibt, hab ich’s grad erfunden) und pack für Euch eine kleine Bildergalerie der letzten paar Wochen (mal sehen ob das jetzt so klappt, wie ich mir denk, falls nicht kommt’s in die Rubrik Mensch&Technik) 😉

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Wysteria

Wysteria

Wind&Wetter

Wind&Wetter

Wenn das nicht hilft...

Wenn das nicht hilft…

Weißen haben wir übrigens auch!

Weißen haben wir übrigens auch!

Vom Hannukabusch zum Eierbaum

Vom Hannukabusch zum Eierbaum

Überreste

Überreste

Pusteblumenwiese

Pusteblumenwiese

Balkonblumen

Balkonblumen

Der Osterhase war da!

Der Osterhase war da!

es grünt...

es grünt…

Fundstücke

Fundstücke

Kunst 1

Kunst 1

Kunst 2

Kunst 2

Meine Kräuter, meine Blumen, mein Teich ;-)

Meine Kräuter, meine Blumen, mein Teich 😉

Apfelweib

Apfelweib

...mit viel Liebe gemacht...

…mit viel Liebe gemacht…

Märzenbechertal

Märzenbechertal

bitter-sweet paradise

bitter-sweet paradise

Maikäfer

Maikäfer

Schinkennudeln

Schinkennudeln

Frühling in blau

Frühling in blau

Frühling in Apfel

Frühling in Apfel

black tulip

black tulip

Hanami

Hanami

PS: ha, es hat geklappt, meine erste Blog-Slideshow, Stolz!

PPS: Nein, das doppelgemoppel ist Absicht (Kleines Extra für die Kurzsichtigen, Slideshowhasser und Großbildliebhaber! ;-))

Chablis zu Hanami

spring in Burgundy

Auf der Suche nach einem passenden Kirschblütenphoto für einen e-mail-Anhang zum Hanami-Fest (jap. Blütenbetrachten) an einen japanischen Freund stöberte ich vor einigen Tagen in den alten Photodateien meines kleinen, roten „Reisecomputers“ und entdeckte dabei lächelnd einige längst vergessene Bilder eines Frühlingsausflugs in ein kleines burgundischen Dorf.

Eigentlich hatten wir uns – wieder einmal – gründlich verfahren, weil sich unser Navi strikt weigerte zu den vielen gleichlautenden Ortsnamen auf St. Irgendwas die entsprechenden genaueren Ortsangaben (sur, les oder du irgendwas…) anzugeben. Vielleicht war’s uns aber   auch nur zu blöd geworden, uns ständig in typisch deutscher Baedecker-Manier „nach Reiseführer“ rastlos von a) nach b) zu begeben. Sewi’s wie es mag, als angehende Kunstgeschichtler nahmen ich’s sportlich und tat, was man im Burgund nunmal tut, wenn man sich gründlich verfranst hat: Man schaut zu, dass man jemand findet, der einen Schlüssel zum herrlich versteckten Chateau, dem örtlichen Weingut oder – wie in diesem Fall – der halb verfallenen Dorfkirche hat.

Garnicht so einfach in einem Dorf mit vielleicht 10 ständigen Einwohnern, die sofern sie tagsüber nicht in der nächsten Stadt arbeiten, im Frühjahr reichlich anderes zu tun haben, als zwei neugierigen Deutschen das „hübsche Örtchen“ vorzuführen. Der Weinberg will hergerichtet, das Ausschlagen der Reben beobachtet, die Cuvée ein letztes Mal auf ihre korrekte Zusammensetzung geprüft und der Weidezaun geflickt sein.

Schließlich fanden wir doch noch eine Alte Dame, welche uns zunächst kritisch durch ihre dicken Brillengläser musterte und uns aber nach bestandener Überprüfung mit einem riesigen, halb angerosteten Schlüssel umständlich das Kircheninnere öffnete.

Wie so oft erwartete uns auch hier eine Überraschung:  Im hellen Frühlingslicht das  mit uns durch die geöffnete Tür in die Kirche strömte erschienen die leuchtend-lustvollen Abbildungen eines Totentanzes des frühen 16. Jahrhundert. Es dauerte, bis wir zwischen stolzen Damen, Landsknechten und Kaisern den Bischoff und seinen blondgelockten Geliebten (sic!) auf ihrem Weg in den am Langhausende lauernden Höllenrachen entdeckten.  Zuerst verstanden wir nicht. Etwas auch nur annähernd Ähliches hatten wir nie gesehen.

Die Alte Dame amüsierte sich köstlich als sie uns begriffsstutzigen Kerlen in ihrem altertümlichen Charrolais-Dialekt und mit herrlich rollendem „r“ die Szene genüsslich zum dritten Mal erklärte. Auch wir hatten unser Vergnügen, denn jedes mal kam ein neues schlüpfiges Detail aus der Lebensgeschichte der Beiden hinzu. Irgendwann machte es klick. Ich habe selten so laut in einer Kirche gelacht. Auch der Tod schien uns aus seinem zahnlosen Mund mit einem lustvollen „Genießt…ich komme früh genug!“ zuzulächeln.

Die von Engeln geleiteten Frömmler der Gegenseite erschienen dagegen geradezu langweilg. Auch Madame du Brais hatte für sie kaum mehr als ein indigniertes  „les autres“ übrig.

Hinter dem Kirchhof lag ein Friedhof, und dahinter, am Ende einer langen Kastanienalee ein halb verfallenes Schloss (Nein, nicht verfallen. burgundische Schlösser MÜSSEN genau so aussehen. Was wäre das auch für ein Schloss, in dem es nicht irgendwo zumindest ein wenig zum Dach hereinregnen würde?…).

Längst hatte Madame du Brais, welche sich zwischenzeitlich als leibhaftige Comtesse entpuppt hatte, aber nichts darauf gab, mich am Sakkozipfel gepackt und mich in Richtung einer kleinen Tür in der Parkmauer gezogen.

Venez, venez,  j’ai une autre gâterie!“

Ich wurde ich den Gedanken an die Hexe aus Hänsel und Gretel, samt dem zugehörigen Lebkuchenhaus nicht los.

Als hätte man uns erwartet stand mitten auf einer von Schlüsselblumen bedeckten saftiggrünen Wiese ein mit einem weißen Leintuch gedeckter Tisch, dazu vier Stühle aus Schmiedeeisen und eine Schüssel mit frischem Kohlsalat mit kleinen, gebackenen Speckstückchen.

Bon appétit“

Statt mit zuckersüßen Zelten wurden wir mit selbst gebackener quiche und reichlich Chablis gefüttert.

Madame la Comtesse waren selig, wir auch!

Auf dem Weg zurück überquerten wir einen kleinen Bach. Die drei weit ausladenden  Bögen der alten Brücke wirkten ziemlich ambitioniert für das schmale Rinnsal. Aus seinem Wasser ragten einige Schwertlilienblätter, darüber ein kleiner, weiß blühender Kirschbaum, dessen Blütenblätter langsam ins Wasser vielen…

Madame du Brais verabschiedete sich, dankte für den amüsanten Nachmittag und gab uns noch eine Flasche von „ihrem Besten“ mit. Ein herrlicher, goldgelber „grand cru“ mit smaragdgrünen Reflexen und himmlischem Geschmack.

Schöner lässt sich selbst in Japan kein Hanami-Fest verbringen…

Von Findenmösle und Voggenreute..

Von Findenmösle nach Voggenreuthe…

Liebe Blog-Gemeinde,

Geht’s jetzt eigentlich mal wieder nur mir so, oder ist es normal dass ich beim Anblick dieser wunderbar ost-mittel-oberschwäbischen Ortsnahmen am Jakobsweg (Aufkleber oben rechts!) eine leichte Beklemmungen um ihren ungehinderten Fortbestand im Zeitalter politischer Korrektheiten und sexualisierter Sexismusdebatten jenseits des post-femministischen Diskurses bekomme?

Vermutlich würden Frau Künast und die Schwarzer Alice sie heute ganz im gendergestreemten neu-berliner Szenechargon in Schönmoos und Lichtwald umtaufen.

Und weil ich grad so schön am politisch inkorrekten Spekustammtisieren bin , möcht ich Euch jetzt meine linguistisch nicht ganz astreine Assoziationskette  nicht vorenthalten. Und ja Tante Gertrud,  ich hätt halt mehr beim Seminar „Oberschwäbisch ist auch nur Mittelhochdeutsch das sich seltsam anhört, weil’s zweimal lautverschoben ist“ von Großonkel Hubertus selig aufpassen sollen…

Kurzgesagt, ich bin/war grad gschwind etwas mit der Übersetzung von „voggen“ überfordert- Vermutlich bin ich einfach schon zu lang im nordbayerischen Exil…Aber mal im Ernst, wahrscheinlich ist Voggenreute einer der sehr schwäbischen Ortsnamen die als  semantische Totaltautologie den Vorgang und  Ergebnis (Bewegung und Veränderung/Status) in einem an bipolarer Störung leidenden Substantiv zusammenfassen (?). Das ganze könnt dann sowas ähnliches wie eine (brandgerodete?) Lichtung auf der die Bäume umgeschlagen (gevoggt also ausgerissen) wurden und die deshalb etwas „reute“ (da steckt der gleiche Stamm wie in räudig=ziemlich lädiert drinn) ist bedeuten. Wenn mann jetzt noch nach urschwäbischer Inversivsitte das Adjektiv zum Substantiv macht und sich dabei ein frisch von echten allgäuer Wildsauen oder russischen Meteoriten gerupftes Salatbeet vorstellt und das Ganze dann auch noch in Verhältnis zum aufgrund des Alpenföhns hyperoptimalen Sonneneinfall setzt kommt eben Voggenreute oder politisch korrekt Lichtwald raus? alles klar?

Findenmösle und Voggenreute, es ist schön, dass es Euch trotz Sexismusdebatte und den „Movimenti“ zur moralischen Erneuerung des effizienzoptimierten Nordic-Walking Pilgers und meinen seltsamen Sprachschatzwandlungen noch gibt. Und wenn ihr meint, dass Eure Ortsnahmen was ganz anderes beteuten oder doch auf ein erotisches Intermezzo von Ritter Kunibert dem Wackeligen mit seiner Kammerzote Brunhilda der Vielgeliebten zurückzuführen sind, sagt’s mir bei Gelegenheit Einfach kurz Bescheid.

Gute Nacht und schlaft recht gut !

Von Werbepausen, Alpenglühn, Skispringern und Saupreißn…

Alpenglühn

Lieber winterlicher Sportkanal;

Ich weiß, wir haben seit frühester Kindheit ein etwas ambivalentes Verhältnis. Dein überschwänglicher Enthusiasmus, der sich zur Winterszeit nicht selten mit jagerteegesätigter Almhüttenromantik, nationalfarbenschwingenden Wikingerhelmträgern und den Flugversuchen unterernährter Adler in aerodynamischem Neonpolyester verbindet erzeugt – zugegebenermaßen – eine gewisse Faszination.

Die farblich abgestimmten und mit kunstvollen Pailettenstickereien verzierten Schlittschuhüberzieher, das zahnlose Lächeln kanadischer Eishockeyspieler, der fröhliche Todesmut eiskanalgestählter Weißwürste und dann erst die exakt gesteckten Tannenbuschen auf der „Schanz“ und der echt zünftige Jodler des Moderators beim Abfahrtssieg der Damen im Riesenslalom.Hach… Alpenländisches Matterhornidyll in seiner reinsten und unschuldigsten Heidi-Form!

Und doch…irgendwo steckt auch in mir ein kleiner Reinhard Fendrich, und ja ich bekenne es ganz offen, auch mir ist schon so manch amüsiertes „Hoppala“ entsprungen, wenn’s bei 165 Km/h wieder einmal einen der Goldbuam auf der Streif so richtig brutal zerlegt hat. (O-Ton 85-jährige Großtante aus Niederösterreich: Sonst wärs jô eh faad…)- Leider gilt bei einigen NGO-Vertretern und Rohkostgutmenschen das ritualisierte Totengedenken bei Sportschau, Hefekranz und Sonntagskaffee inzwischen als politisch leicht inkorrekt. Warum eigentlich? War es nicht schon immer der Sinn des Sports sich in Form waghalsiger Wendemanöver der Gefahr des nur scheinbar gezämten Todes auszusetzen? Sind Skispingen und Riesenslalom, Eisstockschießen und Rodeln denn nichts anderes als sublimierte Initiationsrituale, mit deren Hilfe der Ipod geschädigte Bankerlehrling von heute das Tier in sich entdeckt? Hat nicht schon Kaiser Franz Joseph – Gott hab ihn selig! – seiner Sissi nicht unter Lebensgefahr beim Eiswasserfallklettern Edelweiß gepflückt?  O tempore, o mores…

Am schönsten aber sind…nein nicht die Ferien, die Werbepausen! Da haut’s einen Weitspringer bei 9 Kilometer Seitenwind von der Schanz, aber wir „haben“ jetzt ersteinmal ein kleines Bisserl Werbung! Als sei’s ein Dopingguatserl vom Deml und noch dazu eine riesen Malebumpanez!

Erwacht aus der Erinnerung an die legendären Kindersendungen des Österreichischen Staatsrundfunks, fällt einem beim nächsten Jagertee irgendwann doch auf, dass das ganze so falsch ja nicht ist…Botox, Schnee, Clenbuterol und  Eigenblutkonserven bekommt man zur Hochsaison in Skt. Moritz, Gstaad, Kitzbuehl , oder Kranjska gora eh leichter als eine ordentliche Brettl-Jausn!

Und wenn man sich dann, angeregt durch die mediale Bilderflut des Wetterfernsehns, gamsbartschwingend und jauchzerverströmend zusammen mit 3 Millionen Gleichgesinnten auf der A8 in Richtung Großglockner, Wildhorn und Trafoier Eiswand aufmacht und nach 9 Stunden Stau bei Germknödeln, Zittermusik und Enzian die Last des Alltags endlich hinter sich lässt und sich am nächsten Spätvormittag von der immensen Majestät der Berge gepackt todesmutig mit zwei Dutzend kreischenden indischen Teenies in den Anfänger-Skikurs beim feschen Franzl vom Deppenhügel einträgt…dann, aber nur dann kann es in einer sternenklaren Winternacht passieren, dass einen eine b’sonders leivante Hüttenwirtin namens „Gschaftlhuberin“  um halb zwei Uhr früh weckt und mit sorgenvoll-katholischem Magdalenenblick verkündet „S’ist nôch widarrrr aans verunglückt!“

Das ganze ist nun kein bloßer Versuch der Informationsübermittlung…Nein, will man am nächsten Morgen nicht als DER „Vermaledeite Saupreiß“ durch den Ort getrieben werden, gehört es sich nun frischfröhlich und mit möglichst großem k.& k. Bremborium aufzustehen, sämtliche eventuell noch schlafende Gäste der Alpenpension Koflblick durch das sonore Bassbrummen der antiken Schuhputzmaschine aufzuwecken und bei zünftigem Fackelschein durch Nacht und Frost möglichst „gschwind“ zum Lawinenkegel zu eilen um gemeinsam mit Skilehrer, Bergwacht, freiwilliger Feuerwehr Skt. Florian und dem Blasmusikzug  Erzherzog Johann zu schaung welcher vermaledeite Tschusch, Türk, Süditaliener, Russe, Ami, Niedersachse oder Wiener (bitte in dieser Reihenfolge) in seinem postjuvenil-alpinen Leistungswahn das letzte Schneebrett der Saison losgetreten hat.

Wenn dann der Komandant der örtlichen Schützenkompanie Andreas Hofer II den im Obsgarten des Pfarrers liegenden Saukerl‘ (groooses Kompliment!) mit einem fröhlichen „lebst nô oder hôds di z’rissn“ begrüßt fühlt man sich inmitten von Wellnesstempeln, Gletschermühlen und Nordic-Walking-gestressten Landfrauen erst wirklich daheim!

Danke liebe Zenzi, und es lebe der Sport!