Tageshaiku 62 – Kinogeflüster

Kinogeflüster

Leinwandgefühl in 2HD

Zu meinen Füßen knirschen längst vergessen zwei Kartoffelchips.

In Reihe fünf geht’s um veganes Essen.

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Tageshaiku 59_Sommerende

Zwischen den Wolken: Leises Grollen. 

Gestoppte Züge, verdichtete Grenzen.

Abendläuten zur Regenfront.

 

 

Frisch aus dem Alltag, oder: Von Kontrastwirkungen, Sonnenschirmen und Chlor

KontrastwirkungDer Himmel ist himmelblau mit ein paar Schäfchenwolken drauf, It’s Summertime singt Ella und trotz nur mäßigen fränkisch-schwäbisch-venezianischen 14-22°C brennt mir die Sonne auf den Pelz. Na ja, das mag jetzt auch daran liegen, dass ich mich heute in einem jähen Anfall von post-gothic-Wahn dafür entschlossen habe komplett in schwarz auf den Markt zum Spargeleinkauf zu gehen (vielleicht war’s also doch nur mein angeborener Sinn für Kontrastwirkungen?…keine Ahnung). Auf jeden Fall war die Sonne zu heiß und wass macht man dann? Na man holt den Sonnenschirm aus der Versenkung!

Dumm bloß, dass ich letzten Herbst eindeutig zu faul war, das Ding vor dem Einmotten sauber zu machen…und da ich das auf Dauer dann doch etwas sperrige Ding auch noch aus dem Garten auf den Dachboden befördert habe – selbstredend ohne es vorher vorschriftsmößig in seinen mitgelieferten Stoffkondom einzupacken –  und sich selbstverständlich auch auf meinem Dachboden die Holzwürmer tummeln  – ja, so ist das nunmal, wenn man mitten im Weltkulturerbe wohnt ;-)) – hat sich zusätzlich zu all den lieblich bunten Hinterlassenschaften von Blattläusen – echt fießes Zeug dieser Honigtau! – Blütenstaub und Vogelkakka auch noch eine schöne rotbraune Schicht Holzwurmpups auf meinem ursprünglich einmal crémeweißen Sonnenschirm abgelagert – was kauf ich auch einen Sonnenschirm in einer derart dreckanfälligen Farbe!

Zwar ist bekanntlich Vintage gerade wieder in, und so ein wenig used-look hat noch niemand geschadet – andere streichen dafür Omas Barockkomode Grün über und fräsen dann mit der Flex stundenlang drann rum, nur damit das Ding am Schluss so aussieht wie im neuesten Design-Möbel-Landhaus-schöner- wohnen-Prospekt – aber so viel nackte, buntkleckernde und schmierige Natürlichkeit war mir dann doch etwas zuviel, auf meinem ehemals so schön crémefarbenen Sonnenschirm.

Was also tun?

Nun, man könnte das Ding einfach wegschmeißen und sich einen neuen besorgen. Da das Teil aber keines jener 0-8-15 Billigdingsbumsteile aus dem 1,50-shop ist sondern selbst im Ausverkauf noch richtig Asche gekostet hat, und ich sehr dran zweifel, dass ich jemals wieder einen Karbonspeichen-außreißverstärkten-tropfschutzbeschichteten-siliciumstahlschwenkgelenkbestückten und außerdem crèmefarbenen  – ich hasse weiß, zumindest bei Sonnenschirmen – Sonnenschirm zu einem auch nur annähernd erschwinglichen Preis bekommen werd, gibt’s jetzt nur eins:

WEG MIT DEM DRECK!

Nur wie?

Well, es gibt da was, bei dem man immer sagt, es sei so furchtbar ungesund und mache bei Kevin und Annika Allergien…

Richtig: die gute alte Chlorbleiche!

Da ich nun keines dieser Weicheier bin, die sich mit amerikanischer Sauerstoffbleiche abplagen (die ist auch nicht besser für meine Spülhände!) und auch keine anderen übertrieben teuren Spezialmittelchen einkaufen will – man ist schließlich Schwabe! – muss es nun einfach der gute Toilettenreiniger tun. Der hat auch den großen Vorteil, dass man ihn problemlos in eine Sprühflasche abfüllen und großzügig auf sich selbst und dem Sonnenschirm verteilen kann…

Selbstredend muss man vorher seine schwarze Gothic-Kleidung vom Vormittag ablegen!

Und dann schrubbt man, und schrubbt und schrubbt, ruiniert mit dem chlorgeschwängerten Abwasser noch schnell ein paar Balkonblumen – nein, Tagetes vertragen es nicht, wenn man sie mit Chlorwasser gießt…- und gießt das ganze noch schnell mit ungefähr 20 Gießkannen ganz frischen Leitungswaser ab…

Und was soll ich sagen…der Schirm ist …ja richtig: weiß! die Crème hat’s gleich mit rausgebleicht…

achöne Pfingsten und etwas mehr Erleuchtung als bei mir!

Betrachteter Alltag _ Die abstinente Mittelschicht, oder: Eine Welt voller angstgeplagter Asketen

Genießen verbotenSie sind eben ein echter Barockmensch!“
Ist es heute wirklich noch ein Lob, wenn jemandem dieser Satz entgegengeschleudert wird, oder verbirgt sich dahinter nicht schon der aufklärerische Vorwurf des angeblich überflüssigen Exzesses, der Unbeherrschtheit, der Faulheit und Verschwendung? Ist das Wort „barock“ seit den Zeiten eines Kants, Leibnitzs und Voltaires nicht geradezu ein Synonym für die selbstverschuldete Unfähigkeit zu Zurückhaltung, Enthaltsamkeit und Fokussierung auf das „Notwendige“geworden? Eine Beleidigung, die man denjenigen mit entsetzter Verve entgegenschleudert, welche sich nicht an die alternativlosen Regeln einer Gesellschaft, welche Jugend, Gesundheit, Sicherheit, Leistung, Effizienz und Selbstoptimierung zu ihren Abgöttern erklärt hat? Ein Stigma, mit dem man die sorg- und verantwortungslose „Verschwendungssucht“ des nicht nur in seiner psychischen, sondern auch physischen Konstitution „barocken“ Verschwenders öffentlich geißelt? Und habe ich nicht gerade über jene laktosefreien Latte Macchiato aus tiergerecht-fairem Anbau trinkenden, veganen Hipster in extraeng geschnittenen Jeans als Idealtyp der Moderne geschrieben?

Es braucht manchmal andere kluge Köpfe, damit aus einem unguten Gefühl in der Magengrube Gewissheit wird. Diesmal war es Hasso Spode, Sozial- und Kulturwissenschaftler an der FU Berlin, der mich mit seiner kürzlich in einem Interview für Deutschlandradio Kultur geäußerten These von einer „Phase des Asketismus“ auf den erkenntnissspendenden Weg führte.

Sicher, auch mir waren sie längst in meinem Alltag begegnet, die militanten NichtraucherInnen und Veganer, die Milchhasser und Weißen-Zucker-Verteufler, die Öko- Fairtrade- und Bio-Fetischisten, die Freilandhuhnlober und Sportfanatiker. Seit ihrem erstmaligen Auftreten irgendwann kurz nach der Deutschen Wiedervereinigung ruinierten sie mit ihrem aktionistischen Bekehrungseifer jede weinselige Runde, vermießten Backhendel und Hamburger, erzwangen ein eigenes Vegetarisches, später sogar Veganes Menü bei WG-Parties und geißelten jeden als Menschenfeind, der nicht die politisch-korrekte und selbstverständlich maßlos überteuerte, milchfreie Bio-Schokolade bei dem „Eine Welt Laden“ ihrer Wahl kaufte und sie in einem möglichst selbstgesponnenen und abgetragen aussehenden Jutetäschchen im Triumphzug nach Hause trug.

Lange Zeit tat auch ich diese Gestallten als harmlose Spinner, von der Werbung verleitete Geistesschwache oder bedauerliche Einzelindividuen ab. Später, als die Gruppe der „Wutbürger“, die Schnaps, Butter und Sahne für Teufelszeug hielten, Bœuf bourguignon zum Mordinstrument erklärten und Tabak und Alkohol als Massenvernichtungswaffen bezeichneten größer wurde, flüchtete ich mich in Ironie und Spott…doch es war zu spät: spätestens mit der Einführung öffentlicher Alkoholverbote hatte sich der asketische „Gutmensch“ zum Mainstream entwickelt und forderte nun zum Kampf gegen die Volksdroge Alkohol, die Aufgabe der Ärztlichen Schweigepflicht bei Depressiven und die Zwangstherapie von die Volkswirtschaft schädigenden Übergewichtigen auf.

Auch wenn ich gelegentlich mit vegetarischem Döner, Sellerie- und Parasolschnitzeln und einer Fruchtsaftdiät geliebäugelt hatte, wusste ich spätestens zu diesem Zeitpunkt: diese schöne, neue und von allem „Überflüssigen“ befreite Welt askesepredigender Ökofaschisten war nicht mehr die meine. Nur eines war mir immer noch nicht klar geworden…warum waren aus individualistischen, exzessiv schlemmenden und genussmittelfreudigen Yuppies plötzlich lauter kleine kalorienzählende, moralinsaure, antidemokratische und jede Form von Genuss und Überfluss bekämpfende Weizengras-Savonerolas geworden?

Die endgültige, und von mir im tiefsten Innern seit Jahren geahnte Antwort kam mit eben jenem am Anfang dieses Beitrags zitierten Interview Hasso Spodes:
Die neue, selbstoptimierte, dauergestresste, permanent-burnoutgefährdete, und sich im Fieber des Akadiemisierungswahn auf dem ökologisch einwandfreien, fair gehandelten und produzierten, allergenfreien Hartgummifouton wälzende Mittelschicht hatte nur noch eines: Angst vor dem sozialen Abstieg!

Nun weiß man aus der Geschichte, dass Angst der schlechteste aller Ratgeber in Lebensfragen ist. Sie treibt die Menschen in panischen Aktionismus, neigt zu ademokratischer Intolleranz gegenüber allem was als Anders und Fremd definiert wird, regt zu schonungsloser Selbstausbeutung bis weit über die Grenze des Erträglichen an, und verschlingt schließlich alles, was uns menschlich und frei sein lässt – „Angst essen Seele auf“, so lautete der Titel eines 1974 erschienenen Melodrams Rainer Werner Fassbinders, dass sich anhand der zum Scheitern verurteilten Beziehung zwischen der verwitweten Putzrau Emmi Kurowski und dem zwanzig Jahre jüngeren Marokkanischen „Gastarbeiter“ Ali mit Intoleranz, gesellschaftlicher Kälte, Vorurteilen, Lieblosigkeit und sozialer Ausgrenzung auseinandersetzt.

Bereits dass ich gerade das Wort Gastarbeiter in Anführungszeichen gesetzt habe und das Wort Putzfrau als politisch-inkorrekten Terminus am liebsten mit Reinigunsfachkraft oder „Facility Managerin“ ersetzt hätte, zeigt wie verlogen wir inzwischen mit unseren Ängsten vor Sozialem Abstieg und Vorurteilen genenüber Fremden umzugehen gelernt haben, und wie groß die aus Amerika importierte Schere im Kopf inzwischen geworden ist. Auch diese politisch korrekte Askese von einer klaren und die Dinge beim Namen nennenden Sprache ist Teil des neuen Angst-Mainstreemings. In Zeiten allgemeiner sozialer, ökonomischer und politischer Verunsicherung sind Klartext, offene Kommunikation und divergierende Meinungen zum Luxus geworden und der von einer durch soziale Netzwerke von allen Hemmungen entfesselte  permanente Shit-Storm im Netz, der längst reflexartig gegen alles hetzt was irgendwie anders, nicht-normal oder überflüssig erscheint, bestärkt Otto-Normalverbraucher/In noch in dieser Angst, gibt ihr aber auch die Macht in die Hand, ihre eigenen, individuellen Ängste zur einzig verbindliche Weltanschauung zu erklären. Für Muße, freies Denken, nutzfreies Kinderspiel oder auch nur vom allgemeinen Massentrend abweichende Meinungen und Lebensweisen bleibt hier nicht viel Raum.

In Form öffentlicher Rauch- und Alkoholverboten, Immobilienboom, verpflichtenden Veggy-Days in Werkskantinen, proaktiver Fitness-Apps, militanten Stuttgart21-Gegnern und PEGIDA, Pränatalen-Gen-Tests, vorsorglichen Brustentfernungen, Vorratsdatenspeicherung, Sicherheitsverwahranstalten, sowie hysterisch geführten Tierrechts- und Kinderpornographiedebatten hat diese auch mit dem Kürzel „SHE“ (Security-Health-Efficency / Sicherheit-Gesundheit-Effizienz) überschriebene Ideologie der Angst längst tiefe Wurzeln in unserem Denken und Handeln geschlagen, ist „Mode“ und „Zeitgeist“ geworden, prägt das ohnehin immer ununterscheidbarer gewordene Arbeits- und Privatleben und bereitet uns allen schlaflos verbrachte Nächte voller Versagensängste.
Und wir? In unserer von Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Medien permanent geschürten Angst nicht mehr zu  diese schöne, neue, gebildete, hochqualifizierte, rundumoptimierte, leistungsorientierte und durch ausgefeilte Ernährungspläne gestählte Gesellschaft zu gehören nehmen wir uns zurück, werden leise, essen weniger, schwören dem blauen Dunst ab, passen uns an. Selters statt Sekt, Askese statt Überfluss, Geistige Verarmung statt Vielfalt, erzwungener Mainstream statt gesellschaftlicher Vielfalt, work and life blending statt work and life balance, moralinsaure Frigidität statt sexueller Revolution, politisch korrekte Intoleranz statt geistiger Offenheit, nur nicht auffallen, anecken, oder gar scheitern…kurz: die gnadenlose und keine Ausnahmen kennende Diktatur des komplettangepassten Mittelmaßes  – so könnte man den neuen Leben und Denke der neuen selbstoptimierten, alkohol- und pornographiebefreiten, und auf permanente Fexibilität und Maximalleistung getrimmten Mittelschicht zusammenfassen.

Das Ganze erinnert mich fatal an jene Zeiten des „Grande Terreurs“ und der 20er, 30er und 40er Jahre des letzten Jahrhunderts in der die Angst schon einmal regierte und im Namen des Allgemeinwohls und angeblicher Vernunft schon einmal zur Jagd auf alles Andere, Abnormale und Schädliche aufgerufen wurde. Die Folgen dieser Politik der Intoleranz scheinen wir heute vergessen zu haben, oder wir wollen sie einfach nicht mit dem, was wir heute denken, tun und urteilen in Verbindung bringen – denn wir sind ja besser, klüger, gestählter und härter…Man könnte auch von angstbedingter Hybris alles durch stetige (Selbst-)Optimierung beherrschen zu können sprechen.

Vielleicht ist es ja gar kein Zufall, dass in Zeiten, in denen humanistische Bildung, ja Bildung im weiten, allgemeinen und humboldt’schen Sinne als „nutzlos“ und „unpraktisch“ gilt ja garkein Zufall, dass die Kenntnis des Altgriechischen und damit der tieferen Bedeutung des Wortes „Hybris“ als „verzichtbar“ ja gesellschaftsschädigender da unwirtschaftlicher Luxus gilt. Vielleicht ist es ja gewollt, dass man nicht mehr weiß, das dieses Wort sich von „hybitzomai“ ableitet und ursürünglich eine Art selbstmörderische und im goebbelschen Sinne „totale“ Kriegstechnik bezeichnete bei der man zwar dem Gegner kurzfristig schadet, in erster Linie aber Gefahr läuft sich selbst zu verstümmeln.

Ich übertreibe?

Versuchen Sie doch mal mit 40 Kilo Übergewicht in ein Fitnessstudio zu gehen, auf einem Kinderspielplatz zu rauchen, setzen Sie sich mit einer prall gefüllten Tüte ihres Lieblingsfastfoodanbieters in den Bus, trinken sie Vormittags eine Flasche Bier auf einer Parkbank, oder probieren Sie einmal, ohne von Videokammeras überwacht zu werden durch eine Fußgängerzone zu laufen oder Bahn zu fahren, als offen schwuler Mann eine Jugendfreizeit zu leiten, sagen Sie ihrem Arbeitgeber offen, dass sie Depressionen und Bluthochdruck haben, oder versuchen sie einfach nur mal beim nächsten Picknick ihre veganen Freunde von den Vorzügen von Chicken McNuggets zu überzeugen…

Glaubt man Hasso Spode wird sich deren – je nach Standpunkt – „Offenbarung der Askese“ oder „Diktatur der Angst vor dem sozialen Abseits“ noch zwanzig oder mehr Jahre halten – meiner Meinung nach ist dies die wahre und einzig echte beänstigende Aussicht.

Tücken der Alltagstechnik I _ Warum Bügeleisen potentiell tödliche Waffen sind…

BügeleisentotBügeleisen sind grausame Wesen. Nicht nur, dass sie alles plattmachen, nein, passt man nicht auf, verbrennt man sich an ihnen – der Verdacht, dass die Dampffunktion bei einigen Herstellern einzig und allein dazu erfunden wurde, um tödliche Verbrühungen hervorzurufen liegt nahe – darüber hinaus verfügt die Spezies des gewöhnlichen Bügeleisens noch über eine weitere, häufig unterschätze Waffe: Das stoffumantelte Kabel! Nein, ich rede nun nicht von irgendwelchen dubiosen Modellen aus dem Billig-Billigst-Shop deren CE Markierung man getrost als „phantasievoll“ einstufen darf und die einen nach zweimaliger Benutzung mit einem rauchenden Feuerwerk samt zugehörigen kräftigen Stromstößen beglücken, nein, ich meine das ganz normale Ding vom sündteuren Prämiumhersteller!

Ich weiß nicht, ob es außer mir noch jemandem so geht, aber die Einsteckbuchsen gewöhnlicher Bügeleisen haben grundsätzlich genau die Größe und Form, dass sie – sofern man auf sie tritt, und man tritt immer auf sie – den maximalmöglichen Schaden an Gelenken, Sehnen und Knochen meines rechten Fußes anrichten. Darüber hinaus verwickeln sich diese textilummantelten Mordwaffen stets ganz genau so, dass ein Kabelbruch oder ein sich darin erhängen absolut unvermeidlich sind – Von der ebenfalls unvermeidlichen Überschwemmung meiner Wohnung beim Versuch des Nachfüllens des Dampfbehälters mit destilliertem Wasser aufgrund der grundsätzlich unterdimmensionierten und selbstverständlich nicht tropffrei herausklappbaren Einfüllöffnung fange ich lieber garnicht erst an!

Wirklich perfekt wird die dampfspeieende Venusfliegenfalle aber erst dann, wenn sie mit einem dieser hypermodernen, 97 Kilo schweren Profi-Bügelstationen mit Kabelhalter kombiniert wird. Nicht nur, dass diese Monstren von Bügelbrett tatsächlich aufgrund ihres Lebendgewichtes „stationär“ d.h. de facto unverrückbar sind. Nein, jegliche Annäherung ist potentiell die letzte, da das Ding entweder mitsamt glühendheißem Bügeleisen unter einem aufgrund der falschen Arrtetierung des Höhenverstellhebels zusammenbricht (und einen unter sich begräbt…), oder aber das bereits erwähnte fieße Stoffmantelkabel aus seiner an einem flexiblen Stahldraht mit ergonomisch geformtem Plastikabschluss flutscht und die ganze Konstruktion qua Zug und Gegenzug zu einer Art professionellem Totschläger werden lässt.

Auch die Miniaturform des klappbaren Reisebügeleisens ist dank ihrer in den letzten Jahren erfolgten Aufrüstung zum 4 Punkte-Einspritz-Dampfomat inzwischen kein bisschen weniger tödlich, zumal sich bei ihrer korrekten Anwendung dank ebenfalls klappbarem Bügelbrett der Leichtbaugattung das Verbrennungs- (und Brandrisiko) in und von Hotelräumen um das 500-fache steigern lässt!

Gendertechnisch könnte man nun mit einem Indonesischen T-Shirt Hersteller sagen: Sie sind eben ein Mann und haben in der korrekten Behandlung von Wäsche keine Erfahrung…nun, nicht ganz richtig, denn ich gehöre nicht zu der Spezies Mann, welche ihre Hemden auch mit 50 noch zu Mutti zum Bügeln bringt und bin verdammt stolz drauf! (Ganz abgesehen davon, dass sich meine Mutter strikt weigern würde und das eh nicht vernünftig hinbekommt…(sie gehört zur: Hemden-gehören-in-die-Reinigung-Fraktion-der-gehobene-Mittelschicht-Vorortfeministinnen!).

Kurz, ich bügle selber und fordere hiermit alle Hersteller von Plätteisen dazu auf, endlich weniger tödliche Modelle mit einem Minimum an Benutzerfreundlichkeit zu entwickeln!

Fuck the LED! _oder: Warum ich ab heute bekennender Leuchtmittelrassist bin!

LED

 

 

 

Ja, ich habe es mal wieder getan: Ich habe mich in eine dieser superteuren ökobesiegelten LED-Glühbirnen verliebt!

Und ja, ich hätte es besser wissen müssen!

Nachdem bereits der letzte LED-Birnenkauf vor über drei Jahren in ein absolutes Desaster ausgeartet ist, und sich meine Wohnung dank des kleinen Lämpchen-Teufels in eine Art schlecht beleuchteten Autopsiesaal verwandelt hatte, hätte ich einfach aus Schaden klug werden und meiner zarten Liebesbeziehung mit einem Ding Namens LED endgültig den Laufpass geben sollen

Es fiel mir einfach verdammt schwer, so ein Ding mit dem Gemütlichkeitsfaktor null wirklich lieb zu haben. Vieleicht habe ich es aber auch nur falsch verstanden: Vielleicht sind drei gleißendweiße Punkte mit Regenbogenfarbeinfassung und permanentes Flackern in der Welt der LEDs ja der absolute und ultimativste aller Liebesbeweise!

Trotzdem – wenn auch schweren Herzens und nach langem Hadern mit meinem ökologischem Gewissen –  habe ich das freundlich blinkende LED wieder herausgeschraubt und mein inzestuöses Dauerverhältnis mit seinen beiden Geschwistern Glühbirne und Halogen fortgesetzt. Es ging einfach nicht gut zwischen uns, die interkulturellen Unterschiede waren einfach unüberbrückbar – Ich war LED-Geschädigter und habe ich mir in diesem schicksalsschwangeren Augenblick geschworen, dass nie wieder ein LED mein Herz erobern würde!

Aber der Mensch ist nuneinmal von Natur aus ein lernfähiges Wesen und lässt sich nur allzuleicht bequatschen. Und da nunmal meine sämtlichen umweltbewussten Bekannten Stein und Bein schworen, dass der Integrationsprozess der  LEDs in die Wohnumwelt eines durchschnittlichen Mitteleuropäers inzwischen weit fortgeschritten sei und die kleinen Tausendsassas inzwischen sogar etwas wie „warmes weiß“ produzieren könnten, habe ich meine Vorurteile und Stereotype überwunden und war heute wieder im Lampenladen.

Eingedenk des Clash of Habitate-Cultures bei meiner ersten Begegnung mit dem Stamm der Leuchtdioden, habe ich den Verkäufer ausdrücklich darauf hingewiesen, dass ich etwas ähnliches wie einen Kienspan suche, vielleicht etwas heller – in meinem Alter muss man seine Erwartungen an Beleuchtungsmittel einfach etwas herunterschrauben, schließlich ist man selbst kein ganz taufrisches Gemüse mehr…

Das 19-jährige Jungverkaufstalent schilderte mir daraufhin in den allerbuntesten Farben, dass die LED-Technik ja unser aller Zukunft und sie überhaupt und sowieso das Non-plus-Ultra moderner Beleuchtungstechnik sei und mir angesichts der beinahe unendlichen Lebensdauer der Birnen eine geradezu atemberaubende Stromerspaarnis bevorstünde, die sicherlich ausreichen würde um mir davon meine Altersvorsorge finanzieren zu können. Ich willigte ein, und kaufte mit eine neue light-emitting diode.

Nun, entweder das aufstrebende Jungtalent aus der Elektronikbranche wusste nicht was ein Kienspan ist (meine Schuld, man sollte nie unterschätzen, was die heutige Generation von Turbo-Abiturienten alles nicht mehr lernt) oder er bekommt eine saftige Sonderprovision für jedes verkaufte LED-Birnlein. Sei es wie es mag; kaum hatte ich die kleine Diode ihrer grünen (sic!) Plastikverpackung entkleidet, sie zärtlich in die für sie vorgesehene Lampenfassung geschraubt und vorsichtig den Kippschalter betätigt erlebte ich einen erneuten Komplett-Clash!

Um es kurz zu machen: Zwar scheinen es die hochbezahlten Beleuchtungsmittel-Ingenieure inzwischen hinzubekommen, dass ihre Linsen des Todes etwas  ähnliches wie ein schmutziges Gelb-Orange produzieren: ja sie haben sogar eine garantiert lasergeprüfte Linsenoptik eingebaut, die die hierfür eingesetzten Farbtöne allesamt wieder in ihre Einzelbestandteile zerlegt; und auch mein heißgeliebtes Neonweiß ist wieder dabei; Aber sollte es nicht so sein, dass der Hauptstrahl des Lichts sich in der Mitte des Lichtkegels konzentriert und Nicht am Rand? Was macht es da noch, dass auch die Halo-Kreise der ersten Birnengeneration aus Traditionsgründen beibehalten wurden, und sich dank der hochmodernen Linsentechnik  gleich vervielfacht haben!

Kurz, auch LED-Birnen haben ein Lebensrecht, jedenfalls bei jenen, die seltsame Kringel und Streifen nicht stören und die darauf verzichten können, dass die untere Hälfte des normalen Lichtkegels einer Glühbirne zugunsten einer überdimmensionierten Fassung fehlt.

Für den konservativen Leuchtmittelnutzer, der in LEDs kein Multifunktionsinstrumend der Selbstkasteiung, sondern lediglich den Ersatz für eine alte Glühbirne in seiner Schreibtischlampe sieht – sind Leuchtdiodenbirnen leider vollkommen ungeeignet!

Daher mein Fazit: Fuck the Umwelt! Ich bleibe Leuchtmittelrassist und kehre reumütig zurück zu Kienspan, Teelicht und Glühbirne! Die sind zwar vielleicht nicht ganz so CO2-Neutral, aber wenigstens kann ich ohne einen schweren Augenschaden oder eine LSD-ähnliche Bewusstseinsstörung zu bekommen weiter lesen!

 

Reise nach Kythera 9 – von staatlichen Interviewverboten, 1237 Kurven, babylonischen Radiogewohnheiten, goldenen Ikonen und renitenten Bankautomaten

Agia Myrtidiotissa, Schrein der Madonna im Myrthenbusch

Agia Myrtidiotissa, Schrein der Madonna im Myrthenbusch

Oh happy land where they build houses as they would be just shadowwalkways to protect too timid people just before another pale beast called sun.

Where waves of purple ev’ning’s wings do herald, and moon does not mean scary night but pleasure pure.

Where wild goats grazing jagged hills, and Zephyr his moods can run free.

Where Venus shines much brighter than there in the foggy north, and pure Azur up to the horizon is all wide open sea.

Es mag jetzt zwar gruslig verzopftes Englisch sein, aber es passt hierher. Einem Land, wo einem als kleine Aufmerksamkeit der Chefin tatsächlich zum Logharithmos (der Rechnung) Milch und Honig in Form von gefrorenem Ziegenjoghurt und Fatsourada in einem Restaurant nahmens Zephir serviert werden. Hört sich jetzt seltsam an, aber Fatsourada ist hier keine Bohnensuppe, auch wenn’s auf den ersten Blick tatsächlich etwas danach aussieht, sondern es sind halb gedörrte Trauben, die so lange in Honig eingelegt werden, bis sie ungefähr die doppelte Größe haben und garnichtmehr nach Trauben, sondern dem berühmten Thymianhonig der Insel schmecken.

So getröstet bin ich denn auch heute nochmals zum Nationalheiligtum der Kytheraner aufgebrochen…vielmehr zu beiden. Zuerst die Fortezza in Hora…den Gang hätt ich mir aber spaaren können, denn das Kultusministerium hat offiziell sein Veto gegen mein Interview mit seiner Archivleiterin eingelegt…Gott weiß warum, is aber so, und damit gut…Die Infos, die ich brauch hab ich auch so, wenn auch eher hintenrum und durch die Kalte Küche über andere Personen…

…Denke wie ein Byzantiner, handle wie sie, heirate sie, beherrsche sie…einer der Venieri, die hier jahrhundertelang das Sagen hatten und deren Wappen ich mir heut in dem kleinen Museum im Pulvermagazin angesehen habe, soll sowas ähnliches mal sinngemäß gesagt haben, und es stimmt bis heute…Ich hab’s jetzt erstmal beim denken und handeln belassen, das genügte…

Ebenfalls leicht „byzantinisch“ im Sinne von „unnötig kompliziert“ gestaltete sich heute mein notwendiger Bankgang. Da wir in Diakofti keine Bank haben (keine Ahnung ob es eine in Avlemonas gibt, ich denk aber nicht…) muss ich zum Geldholen entweder nach Hora oder Potamos (Supermarkt wäre einfacher, davon gibt’s ca. 9 3/4, für knapp 4000 Inseleinwohner…den Minimarkt in Diakofti, der nur in den Monaten Juni bis September offen hat nicht mitgerechnet). Anders ausgedrückt: der Gang zum Bankomat will äußerst gut überlegt sein, denn es liegen jedesmal ca. 21,5 Kilometer oder 330 Kurven.

Spaßeshalber habe ich heute auf der Strecke nach Hora mal mitgezählt. Nach Potamos wären’s wegen der neuen Straße und dem etwas weniger zerklüfteten Gelände sicher etwas weniger – aber da wollt ich ja (zumindest anfangs) garnicht hin… Macht – moment – nach Adam Riese ca. 15,4 Kurven auf einem Kilometer und ungefähr eine gute dreiviertelstunde Fahrt – und das auch nur, wenn gerade kein Bauer oder Ziegen, oder Truthähne (das war heut neu, und die Biester sind echt extrem schwer von Begriff!) auf der Straße unterwegs sind. Dazu ein Höhenunterschied von etwa 600 Metern. Wer sich jetzt fragt, wie um alles in der Welt man 15,4 Kurven (und ich habe äußerst großzügig gezählt und die ganzen Minischlenker unter 50 Meter Länge weggelassen) auf 1 Kilometer unterbringt, sehe sich nochmal meine Aphorismen zu kytheranischen Straßen an. Wer’s nicht glaubt, mög selber herkommen und es selber ausprobieren 😉

Dumm nur, dass wir diesmal einen etwas größeren Stromausfall hatten, und daher auch beide Bankomaten in Chora außer Betrieb waren…

Also weiter nach Potamos! Sind ja nur ungefähr 200 Kurven, ca. 15 Kilometer oder eine gute halbe Stunde Autofahrt mehr…Aber wen interessiert das schon, wenn die Landschaft um einen herum so herrlich ist…Das ich es heute etwas eilig hatte, weil ich leichtsinnigerweise ein paar Schweizern versprochen hatte, sie in Avlemonas zum Mittagessen zu treffen (natürlich wollt ich sie auch gleich ein wenig ausquetschen, was denn so ein normaler Wandertourist (die Gattung ist recht neu auf Kythera) über die niegelnagelneuen Wanderwege und den beginnenden Öko-Tourismus auf der Insel halten…) erwähn ich jetzt besser nicht…Eile ist etwas, was auf der „Insel der Seligen“ nur sehr, sehr bedingt funktioniert, und dass man besser daheim in „good old Germany“ lassen sollte.

In Potamos angekommen, ging auch da der Automat aber auch nicht…jedenfalls nicht so, wie er sollte…Entweder ich war zu dusselig für das Ding oder das Ding war zu dusselig für mich – Der jahrtausende alte Konflikt zwischen Mensch und Technik eben – Und bevor der Bankomat auch noch die Karte schluckt, und weil ich dann doch ganz gern etwas Bargeld dabei gehabt hätte (je nach Jahreszeit und Taverne ist es hier manchmal ein bisschen schwierig mit Karte zu zahlen…)  hieß es wieder zurück nach Chora. Vor allen an Tagen mit Stromausfall…)

Also nochmal 200 Kurven, 15 Kilometer und eine gute halbe Stunde Autofahrt…nein es war diesmal etwas mehr, ich hatte Pech und ein Bauer fuhr gerade irgendwas in der Gegend herum…

Beim Kloster von Panagia Kakopetriotissa bei Manitochori – Dem Ort der kytheranischen Variante von Romeo und Julia – noch ein schnelles Stoßgebet, und siehe da, es klappte endlich! Dumm nur, dass mein Tank inzwischen beinahe leer war und ich gleich danach wieder zurück nach Potamos zum tanken musste (ja liebe Kytheraner und Kytheraliebhaber, es gibt auch eine Tankstelle in Livadi und ja auch in Karvounades ist eine, und wenn ich mich richtig erinnere gib’t irgendwo in Chora auch eine…aber die sind alle 10-20 Cent teurer als in Potamos! und bei 1,96 statt 1,85 pro Liter (oh gelobtes Deutschland mit deinem superbilligen Benzin!) überlegt man dann schon ob man die 15 Kilometer Umweg fährt…

Inzwischen hatten auch noch meine Schweizer abgesagt – sie hatten die Strecke von Avlemonas hinauf zur Kapelle Agios Giorgis (hl. Georg) und zurück nach Avlemonas unterschätzt, würden aber vorschlagen, dass wir uns dort erst heut Abend treffen sollten – Danke Panagia Kakopetriotissa! – auch wenn ich den leichten verdacht habe, dass es den zweien auch so ging wie mir und sie, einmal da oben angekommen, sich einfach nicht mehr von dem herrlichen Rundblick und dem Zauber des Ortes loslösen konnten, an den schon seit über 4000 Jahren Menschen pilgern. Man hat dort- wie oft auf der Insel- direkt bei der Kapelle ein kleines, aber sehr feines minoisches Höhenheiligtum ausgegraben über dem dann ein mykenisches, hellenistisches und griechisch-römisches Heiligtum errichtet und schließlich eine frühbyzantinische Kapelle errichtet wurde (Es soll dort immer noch ein Fußbodenmosaik aus dem 6. oder 7. Jahrhundert geben, leider ist die Kirche fast immer verschlossen), über der dann der heutige Bau errichtet wurde – wer einmal dort war, weiß warum…

Da ich nun also unerwartet mehr Zeit hatte, bin ich dann doch nochmal nach Agia Myrtidiotissa und nahm dazu sogar die neue „Autobahn“…und da ich dann eh schon auf dem halben Weg nach Mylopotamos, dem Wasserfall, dem Byzantinischen Fort, der Britischen Schule und der Venezianischen Festung (ich wollt eigentlich nur gschwind nachschauen, was da läuft…Resultat war Wanderweg Nummer 3 mit 400 Metern Höhenunterschied auf minimaler Strecke, geschlossenem Café (ich glaub ich schaff das in meinem Leben nicht mehr unter den berühmten Platanen von Mylopotamos einen Café Freddo zu bekommen…) und gefühlten 45° im Schatten (32° waren’s real, die Felswände halten im Herbst gnadenlos die Hitze). Aber ich will nicht klagen, der Ort ist einfach zu schön, und der kleine Garten rund um die abwärts von Mylopotamos gelegene Wassermühle lohnt den Besuch allemal. Bis nach Kalami runter bin ich diesmal allerdings nicht, der Weg zurück war mir bei der Hitze einfach zu anstrengend.

Irgendwann waren dann meine 1000 Kurven pro Tag aufgebraucht . Alles in allem waren es heute 1237. Selbst in der nicht ganz kurvenarmen Bamberger Altstadt wär ich damit vermutlich mindestens 2 Wochen beschäftigt gewesen…

Noch viel lustiger als Kurvenzählen war aber das Sprachengewirr, dass man dabei im Radio zu hören bekommt. Jede Kurve ein neuer Sender, jeder Hügel eine andere Sprache…Ich bin noch nie so schnell von Italien über Albanien und Serbien in Griechenland, der Türkei und (ganz im Süden) irgendwo in einem nordafrikanisch-arabischen Land gewesen! Dazwischen gab’s etwas das sich anhörte wie Russisch oder vielleicht doch Bulgarisch? Und dann waren da auch noch (keine Ahnung woher das nun wieder kam) ein paar Brocken Deutsch (vielleicht Radio Vatikan?) und irgendwas was sich anhörte wie eine Mischung irgendeiner halbverschluckten Romanischen Sprache mit Arabisch (Maltesisch?). Dazwischen gab’s dann noch auf Radio Musikbox (Ich liebe diese Tautologie!) englisches Programm mit den besten 50er Jahre Bigband Schlagenr (darunter mein Liebling: why art thou not like other man and bring me money!). Mein griechischer Tageshit war dann aber der Hopala-Song. Das ganze Lied besteht eigentlich nur aus Hoppala’s und Wörtern die sich darauf reimen…Einfach wunderbar wenn man gerade steil bergab die 20. Sichelnadelkuve am Stück nimmt, einen dabei zwei besonders tiefe Schlaglöcher ordentlich durchschütteln und zum Abschluss des Manövers urplötzlich ein Pickup den Weg blockiert!

Abends waren dann nochmal ein paar Kurven (ich schätze hin und zurück um die 300) zum Abendessen nach Avlemonas angesagt. „Meine“ Schweizer waren wundervoll, haben mir nicht nur sämtliche Fragen beantwortet, sondern mich gleich noch zu einem mehr als feudalen Abendessen unter Lampiogns am wundervollen Felsenstrand von Avlemonas eingeladen – Danke!

Gerade nehme ich noch einen kleinen Schluck von dem leichten, roten Wein der Insel. Ein älterer Herr und begeisterter Hobbywinzer, der lange in Deutschland, Italien, Australien und in mindestens einem halben Dutzend weiterer Länder gelebt hat und jetzt wie viele andere auch seinen Lebensabend auf der Insel verbringt, hat ihn mir gestern in einem kleinen Plastikanister mitgegeben. Ich hatte mich mit ihm ein wenig über die Landwirtschaft, das Wetter und die Menschen unterhalten und nachdem wir das erstmal auf Griechisch, dann auf Englisch und schließlich Italienisch versucht haben (in allem war er deutlich besser als ich!), haben wir dann irgendwann festgestellt, dass wir unser Gespräch, das längst zum Interview geworden war, eigentlich auch in Deutsch fortsetzen könnten. Selten ist das hier nicht, da sehr viele Kytheraner für kürzere oder längere Zeit im Ausland waren, oder dort aufgewachsen sind, viele – vor allem jene, die aus der Diaspora „heimgekehrt“ sind – verfügen über einen oder sogar mehrere Universitätsabschlüsse und es ist alles andere als selten, dass man mitten in einem gespräch plötzlich feststellt, dass das Gegenüber ein gefeierter Journalist oder Universitätsprofessor an einer Elite-Uni ist. Bei Interviews ist das mitunter etwas schwierig, weil das Gegenüber meist sehr genau weiß, wie das funktioniert, und daher ganz schnell auch den Spieß umzudrehen weiß…Aber ist denn das, was man selbst gefragt wird und darauf antwortet, nicht mindestens genau so informativ, wie das, was man selbst wissen will?

Und nein, für  den Wein bezahlen durfte ich natürlich wieder einmal nicht – nicht das die Kytheraner keinen Geschäftssinn hätten, sie sind sogar dafür berühmt, aber sie haben eben auch sehr viel Herz. Als Deutscher hat man da ganz schnell ein schlechtes Gewissen und fragt sich, warum das eigentlich bei uns nicht so funktioniert – na ja, manchmal schon, aber eben wesentlich seltener als hier…

Der Wein gleicht übrigens ein wenig dem, was wir in Schwaben „Schiller“ nennen würden und ist für südgriechische Verhältnisse erstaunlich fruchtig und leicht. Ich hoffe jetzt einfach mal, dass das leichte Schaukeln, dass ich gerade spüre, kein Nachbeben sondern einfach nur der Alkohol und mein durch das ganze Herumgefahre leicht gestörter Gleichgewichtssinn ist…

Giassas!

Kytheras Roter Platz

Kytheras Roter Platz

PS: Hier als kleiner Nachtrag noch ein Bild vom „Roten Platz“. Im Kloster selbst (das „kleine weiße Ding im Hintergrund“) sieht’s Gott sei dank aus wie immer – ein kleines Blumentopfgartenparadies mit faulem Streichelkater, nummerierten Gästezellen und goldglänzenden Ikonen: Kurz das kytheranische Paradies auf Erden. Das einzig neue war die junge Hausmeisterin, die unbedingt WOLLTE das ich photographierte (in Griechischen Klöstern eine Echte Rarität!). Und das Ungetüm von Kleiderschrank (das eher aussieht als ein zu groß geratener Beichtstuhl) mit den „geziemenden“ Klamotten für das ungeziemliche Weibsvolk (sorry das ist die wörtliche Übersetzung, Mannsvolk kann garnicht ungeziemlich sein, zumindest nicht Kleidungstechnisch ;-), ist inzwischen in eine Nische gerückt worden und soweit ich sehen konnte, gibt’s auch das mehrsprachige (inkl. handgezeichnete Comicversion) Schild nicht mehr auf dem Gott und die Heilige Jungfrau mahnend auf leichtbekleidete Frauen blicken.

Eigentlich schade drumm…, vielleicht ist’s ja auch nur zur Generalüberholung für die nächste Saison…oder sollte sich im heiligen Myrtidiotissa  (heilig, wirklich, mit echtem Gold, und Diamanten!, fast so heilig wie die Madonna Nikopeia in Venedig!) tatsächlich sowas wie ein „liberaler Geist“ breitgemacht haben und Frauen neuerdings in kurzen (!) Hosen herein dürfen…eigentlich nicht vorstellbar…oder?

Lasst’s Euch schmecken…ich hatte heute Lamm (weil grad zuviel davon da war) und selbstgebackene Cookies, und komisch schmeckendes Kranzbrod, und Ölbrot (das ist eine Geschichte für sich) und Kuchen war nach meiner Rückkehr auch noch da (Ich bin zwar anderer Meinung, aber meine Zimmerviermieterin  erklärte mir heute, ich sei hoffnungslos unterernährt! Ich liebe diese Art freundlicher Besorgtheit (Gastfreundschaft wäre hier ein viel zu schwaches Wort), auch und gerade weil sie manchmal sogar die Realität überwindet oder in – nicht ganz ernst gemeinte – Überlegungen mündet, ob man nicht an der einen oder anderen entfernten Nichte als Ehefrau interessiert sei ;-)).

Reise nach Kythera, 1 – The embarkment

Ich stehe am Athener Flughafen, warte zwischen Mc… und dem kleinen Archäologischem Museum (ja, der Athener Flughafen hat sowas!)  auf meinen Anschlussflug auf „meine“ Insel und versuche mich mental darauf einzustellen, dass ich wieder einmal zwischen der Heimischen Komfortzone und einem meiner global angelegten „Feldforschungsprojekte“ wechsle. Geistig heißt das sich umzustellen, die täglichen Routinen zu vergessen und die Antennen auf Empfang einzustellen. Praktisch bedeutet es, dass ich in einem Gewirr aus Gängen, Treppen und Shops für Designmode das richtige Gate finden muss…in Athen nicht ganz einfach, weil manche Treppe zum Abflugraum recht gut zwischen Cafés und kostenpflichtigen Massagegeräten versteckt ist und auch die Schilder aufgrund der Zweisprachigkeit etwas „überfüllt“ ausfallen.

Als ich endlich die richtige Abzweigung gefunden habe, setze ich mich in die erstaunlich bequemen Ledersessel, ordne mein Gepäck in Griffweite um mich herum an, schließe für einige Sekunden die Augen und denke nach…

…Ich weiß nicht, wie es Paris ging, als er nach einer wilden Partynacht unweit des heutigen Nauplion gemeinsam mit Helena (ja der schönen, deretwegen die ganze Sache angefangen hat) ein Schiff bestieg um damit vorgeblich auf die „Insel der Seligen“ alias Kythera bzw. deren weithin berühmtes Aphroditeheiligtum zu fahren. In Wirklichkeit waren ihm Insel, Schaumgeborene Aphrodite und Heiligtum wohl ziemlich egal. Schließlich wollte er nichts anderes als mit der schönsten Frau der Antike nach Troja durchbrennen.

Mich selbst treibt etwas ganz anderes auf die vielgerühmte „Insel der Seligen“. Ich forsche – genauergesagt ich untersuche für meine Dissertation im Fach Europäische Ethnologie (früher einmal nannte sich das Volkskunde und/oder (Empirische) Kulturwissenschaft) die Auswirkungen digitaler Netzwerkmedien (Ethnoscapes/Social Media) auf Identität und Alltag der weltweiten Kythranischen Community…und da Kythera (auch Κύθηρα oder Kythira, früher auch unter dem Namen Cerigo bekannt) nunmal die Heimat der Kytheraner (selber nennen sie sich meist nach dem alten Namen der Insel Tsirigotes, (gr. Τσιριγώτης)) und mich alles, aber wirklich alles interessiert was mit dieser Insel und ihren inzwischen in der ganzen Welt verstreuten Söhnen und Töchtern zu tun hat, habe ich mich wieder einmal für einige Wochen dorthin aufgemacht, wo alles begann: Kythera. Neben den zahlreichen Wechselwirkungen zwischen digitaler und analoger „Welt“ interessiert mich dabei diesmal insbesondere, wie sich – trotz Finanz-, Griechenland- und Eurokriese – der örtliche Tourismus entwickelt, und welchen Einfluss darauf medial verbreitet Rollenmodelle, Stereotype, Werbebotschaften u.ä. haben. Daneben liegt mein Augenmerk diesmal besonders auf der (nicht zuletzt auch über die von mir erforschten Sozialen Netzwerke betriebenen) Ökonomisierung und Kommerzialisierung des materiellen und immateriellen Kulturerbes der Insel und die daran beteiligten Akteure.

Die dabei entstehende Reihe von ca. 10-15 Blogeinträgen soll dabei weniger eine wissenschaftliche Abhandlung sein, sondern eher eine Art Skizze, die mir und allen die es interessiert eine Art „spontanen Einblick“ auf das „gedankliche Innenleben“ aus dem Alltag eines Feldforschenden bieten soll. Vieles was dabei geschrieben werden wird ist eher spontaner Eindruck als durchdachtes und sorgsam angewogenes Ergebnis, eine Art Puzzle, das erst noch zu einem geordneten Ganzen werden muss. Es ist das, was der oder die Feldforschende normalerweise nicht verrät, das was „nebenher“ passiert. Eine Art „Nebenprodukt“, dass in den fertigen wissenschaftlichen Arbeiten – wenn überhaupt – nur am Rande und in Fußnoten auftaucht.

Aber zurück zu Paris und seinen Plänen…

Dass die unbedachten Handlungen des trojanischen Jungspunts – sagen wir mal – eher unangenehme Nebenfolgen hatte, weil Helenas Mann niemand anders als Menelaos der Bruder von Agamemnon (der war Herrscher der Mykener und damit niemand anders als der Obermacker von ganz Griechenland) war, kann man sich denken. Man kennt es heute noch von Diskoschlägereien und aus Kriminalromanen in denen gestandene Geschäftsmänner sich wegen einer gemeinsam begehrten Frau in die Haare bekommen und wahre Mordorgien starten um den Nebenbuhler auszuschalten. Auch Menelaos fand es garnicht lustig, dass jemand mir nichts, dir nichts die eigene Frau entführte. Er beriet sich mit dem großen Bruder und wie’s bei so fällen nunmal üblich ist: die ganze Sache eskalierte. Kurz und gut: Paris, der Jungspunt mit den viel zu dicken Eiern…ähm- Hesperidenäpfeln – in der Hose hatte sich mit dem Falschen angelegt.

Was dabei rauskam? Der erste bekannte Interkontinentalkrieg – Homer hat’s etwas später den „Trojanischen“ genannt…Und ja, das ist der mit dem Holzpferd, der Laokoon-Gruppe, Brad Pitt als Achilles und Odysseus, Antenor und Aeneas, der später Rom gründen sollte…aber da sind wir schon in Folge 20.000 von Ilias und Odyssee, der Urmutter aller Daily Soaps.

Auch wenn Watteau’s „Einschiffung nach Kythera“ knappe 3000 Jahre später, die Szene als romantisches Schäfersspiel nebst Einschiffung (oder steigen sie doch schon wieder aus?) von ein paar vergnügten Rokokko-Yuppies auf ein – nicht wirklich gut zu sehendes – Schiff zeigt…wie bei solchen Sachen üblich, war auch hier von Anfang an der Wurm drinn.

Und wie alle ordentlichen Männerfreund- oder -feindschaften begann auch diese im Wirtshaus, bzw. auf einer echt krassen Party: Paris hatte Menelaos zum Saufen eingeladen, selber aber nur Selters getrunken, sich Helena geschnappt und ihr mittels einer falschen Prophezeiung weißgemacht, dass sie unbedingt nach Kythera müsste, weil Aphrodite sie da ganz dringend treffen wollte, weil sie irgendwas von ihr wollte. Was die Göttin der Liebe konkret vorhatte, oder ob sie überhaupt von der Aktion wusste, wird im Epos nicht so ganz klar, ist für den weiteren Handlungsverlauf aber auch nicht wirklich wichtig. Viel entscheidender war, dass Aphrodite – nach Paris (!) – sehr genau wusste, was sie nicht wollte. Nämlich, das Menelaos mitkam…der hatte nach der Party ohnehin noch einen Kater – war deshalb alles andere als scharf auf einen schaukeligen Bootsausflug – und hatte darum (wirklich wach war er noch nicht) erstmal auch garnichts dagegen, dass Paris ihm diese unangenehme Aufgabe abnahm…und schwups…waren Paris und Helena weg und Menelaos saß ohne Frau schön blöd da. Wirklich Bemerkt hat er das aber erst ungefähr eine Woche später…

Aber halt – was hat das nun alles mit Kythera zu tun? Und gehört Aphrodite denn nicht nach Zypern?

Well, wie öfter bei griechischen Göttern ist das ganze ein bisschen komplizierter und auch etwas unappetitlich. Zuerst muss man wissen, dass Aphrodites Zeugung und Geburt etwas – wie soll ich sagen – unklassisch von Statten ging. Zeus hatte Ärger mit seinem Vater Kronos, weil dieser Angst hatte, seine Kinder mit der Titanin Rhea könnten ihn ebenso entmachten, wie er es einst mit seinem Vater Uranos getan hatte. Deshalb fraß er seine Kinder kurzerhand einfach nach deren Geburt auf. Rhea wollte sich das als liebende Mutter aber nicht weiter ansehen und gab Kronos statt des kleinen Zeus einen Stein zu essen, und Kronos viel auf diesen Trick herein. Zeus wuchs und gedieh, kam zurück, war stinksauer und schnitt seinem Vater – wie es der Brauch unter griechischen Göttern in diesem Fall nunmal vorsah – die Genitalien ab. Was das nun mit Aphrodite zu tun hat? Well, nach Hesiod wurde die Arme aus dem Schaum der entstand als das Blut und das Sperma des abgeschnittenen Genitals des Kronos ins Meer tropfte geboren; daher auch ihr Beinahme: Die Schaumgeborene – Ihr seht: Die Griechen waren schon immer sehr gut darin etwas unschöne Dinge mit sehr viel weniger unschönen Wörtern zu umschreiben…;-)

Aber warum nun Kythera und nicht Zypern…Well, a) haben Götter selbstredend etwas größere Genitalien als Sterbliche, und so gab’s beim fröhlichen rumgeschnippel wohl im ganzen Mittelmeerraum eine ziemliche Sauerei, d.h. eigentlich hätte jede Insel und jeder Landstrich in der Nähe des Club Med das Recht sich Geburtsort der Venus (so Aphrodistes lateinischer Name) zu nennen. b) Ging’s bei Götters ähnlich zu, wie die oberen Zehntausend heute noch: Der Olympische Jetset jettete gerne und viel in der Weltgeschichte herum, und leistete sich für den Sommerurlaub ganz gerne auch mal einen Zweit- und Drittwohnsitz mit Meerblick oder ein kleines Chalais in den Bergen für den Wintersport.

c) ist die Sache bei Kythera und Aphrodite sogar noch ein bisschen komplizierter (warum auch einfach, wenn er Epos lang werden muss, damit er was taugt, wenn ihr das jetzt nicht vesteht: fragt Homer! ;-)) – oder anders ausgedrückt: Zwar gibt es auf Kythera eine wunderbare lokale Legende, die beschreibt wie die Liebesgöttin, nachdem sie auf Kythera, nicht auf Zypern den Wellen entstiegen war, die Insel etwas klein und auch recht karg fand und sich, nachdem die freundlichen Inseleinwohner ihr ein Wochenendhäuschen in Form eines Tempels hingestellt hatten, Richtung Zypern davonmachte und dort das ganze Spektakel nochmals wiederholte, aber das ist eher ein Versuch der nachträglichen Versöhnung und entspricht nicht unbedingt dem, wie die Sache zu Menelaos, Paris und Helenas Zeiten aussah.

Anders als der auf Sicherung des Alleinstellungsanspruchs bedachte Regional- und Tourismusmanager der Gegenwart, kannten die alten Griechen nämlich weder Markenschutz noch Copyright. Je nach Gusto verschmolzen sie leichter Hand auch mal drei oder vier lokale Gottheiten zu einer, benannten Alte Gottheiten um, wandelten andere in welche um, die sie schon kannten und schufen im Bedarfsfall auch mal Neue, oder recycelten einfach Alte, die sie von anderen Orten kannten. Da die alten Griechen und ihre Herrscher überdies alle von Göttern abstammen wollten, entstand ziemlich schnell ein echt griechisches Chaos aus Stammbäumen, Abstammungsnachweisen, Legenden, Mythen und Wallfahrtsstätten. Kurz-  in der Antike war es alles andere als unüblich, dass ein und diesselbe Gottheit an sehr unterschiedlichen Orten geboren worden sein konnte, unterschiedliche Eltern hatte und sich auch mal ein bisschen anders verhielt oder aussah, als man es von daheim gewohnt war. Im Zweifelsfall erfand man einfach eine gute Fortsetzungsgeschichte wie die von der Ätepetete-Göttin der Kythera zu klein und langweilig war, und die deshalb nach Zypern auswanderte…
Moderne Wissenschaftler erklären das im Falle der Aphrodite sogar genau andersrum: Die Göttinnen der Griechen waren ursprünglich entweder ziemlich frigide Nymphen und Waldfräulein a la Artemis oder echte griechische Hausmütterchen – ähm  -Drachen á la Juno und Persephone. Bei ihren ausgiebigen Schiffsausflügen in den vorderen Orient aber lernten die feschen griechischen Matrosen aber recht schnell die Vorzüge etwas freizügiger orientalischer Liebesgöttinen kennengelernt hätten und sowas dann eben auch ganz gern daheim einführen wollten  – Tja wer will’s ihnen verdenken, so eine exotisch-barbusige Schönheit hat eben durchaus was für sich. Obwohl…Sagen wir es jetzt einmal so, die alten Griechen, insbesondere wenn es sich dabei um Männer handelte hatten etwas andere Vorstellungen vom Zusammenleben der beiden Geschlechter als wir heute. Insbesondere ihr Verhältnis zu (Ehe-)Frauen war alles andre als unproblematisch. Wäre es nach Platon gegangen, hätte selbst der Name einer „anständigen“ Frau außerhalb ihres Hauses am besten überhaupt nicht bekannt sein sollen, geschweigedenn sollte sie das Haus überhaupt verlassen und an Bord eines Schiffes hatte sie schon garnichts verloren. Wie jeder ordentliche Athener konzentrierte sich Platon bei seinen sexuellen Eskarpaden eher auf hübsche junge Bengels und, wenn es denn unbedingt sein musste auf die sündhaft teuren Hetären (eine Art Edelprostituierte), die Ehefrau kam in jedem Fall als letztes drann…Sie galt strenggenommen genauso wie Sklaven und Fremde noch nichteinmal als richtiger Mensch…Es lebe das Patriarchat! Darum machte es aus Sicht der altgriechischen Männer auch durchaus Sinn, die Orientalischen Mutter- und Fruchtbarkeitsgöttinen kurzerhand zur Liebesgöttin (die übrigens längst nicht nur für die hetero-Variante zuständig war, antike Griechen dachten hier nicht in unseren Schubladen!) umzuwandeln und sie an jedem Ort an dem sie kamen mit kleinen, aber feinen Unterschieden die dem jeweiligen lokalen Geschmack entsprachen einzuführen.

Zypern erhielt dabei eine eher erotische, sinnliche und sehr stark sexuell aufgeladene Aphroditie, Kythera ein eher etwas schüchterneres, der romantischen bzw. „platonischen“ Liebe zugeneigtes Exemplar (dass sich deshalb aber noch lange nicht zu einer Artemis oder Athene wandelte und dem einen oder anderen Schäferstündchen mit ein paar schicken Jungs oder Satyrn aus Arkadien deshalb noch lange nicht abgeneigt war.)

Da die Griechen immer ein bisschen zum Lokalpatriotismus neigten und auch sonst ein paar richtig fieße Vorurteile gegenüber den asiatischen Barbaren und ihren Bräuchen hatten, bevorzugten sie die etwas hausbackenere Kytheranische Aphrodite (außerdem war Kythera einfach näher an Athen als Zypern) und machten – zumindest wenn man den erhaltenen Quellen Glauben darf – das Eiland zu DEM Hotspot der Aphroditeverehrung. Ob die Insel damals auch schon jenen Status des Refugiums der „Reichen und Schönen“ hatte, den sie heute genießt, ist den antiken Quellen jedoch nur bedingt zu entnehmen. Immerhin haben sie den idealen Werbeslogan geprägt: „Insel der Seligen“ – besser geht’s eigentlich nicht.

Und auch wenn damals entschieden mehr auf der Insel los war als heute und der noble Hafenort Skandia oder das hippe Palaiokastro noch nicht von Tsunamis verschlungen oder Erdbeben zerstört waren; Es wird den alten Griechen mit Kythera wohl genau so gegangen sein, wie uns heute mit Werbeprospekten für den nächsten Sommerurlaub: Man darf nicht alles so heiß essen, wie’s gekocht wird.

So war der kytheranische Tempel der Aphrodite eben keine marmorstrotzende Kopie des Artemistempels in Ephesos, wie sie sich Schliemann und vor ihm viele andere erträumten, sondern – und das wissen wir erst seit einigen Jahren, weil fleißige und leider reichlich unterfinanzierte Archäologen „nachgegraben“ haben – ein ziemlich einfacher (Fachwerk-?)bau, der eher einer großen Scheune als einem Tempel glich. Marmor, Gold und Elfenbein suchte man dort jedenfalls vergebens…

Damit gilt auch für Kythera, was für alle irdischen Paradiese gilt: Sie sind mehr Vorwand Trugbild, mehr Traum und Phantasie hinter denen die bezaubernd schöne, aber eben etwas bescheidenere und kleinere Realität verschwindet. Wer das „echte“ Kythera kennenlernen will, oder einfach neugierig darauf ist, was mich abermals in die Gefilde der Helenen treibt, darf in den nächsten Tagen gerne in mein „Forschungstagebuch“ reinschaun. Bis dann hoffe ich jetzt erstmal, dass niemand streikt, alle Flieger gehen, mein Autovermieter am Flughafen steht und die Götter auch sonst nichts dagegen haben, dass ich ihr ureigenstes Lieblingseiland der Schönheit, Liebe und Glückseligkeit aufsuche…

Αντίο για τώρα!