Warum’s nix brächte Berlin-Mitte zu sprengen, es wo andes auch nicht anders ist als dort wo man ist und der ganz sicher weltbewegenden Frage wie man denn jetzt Reis politisch und ethisch korrekt kocht!

Bumm!!!Es ist Pfingstmontagmittag und gerade hat mich der Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen mit der allmonatlich wiederkehrenden Frage beglückt ob man denn ganz Berlin-Mitte sprengen müsse.

(http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/berlin-hass-muss-man-ganz-mitte-sprengen-14233568.html#GEPC;s6)

Natürlich ist das alles spätestens seit den Zeiten der Prenzelschwäbin – die im Übrigen gerade in ihrer angeblichen garnicht so urheimlichen schwäbischen Heimat größte Erfolge feiert, warum ist eine andere Frage – nicht neu. Und irgendwie gehört es ja seit Cindy aus Marzahn ein wenig zum guten gesambtbundesdeutschen Ton sich über Latte-Macchiato-schlürfende Helikoptermütter und Teriaki-Suppengrün-Toppings zu echauffieren.

Und ja, auch ich erwische mich in meinen ganz schwachen Momenten manchmal dabei, dass ich mich allen ernstes frage, ob es jetzt ethisch noch o.k. ist, wenn ich einfach mal die ganze verpackungsempfohlene Quell- und Wasserreismethode zu komplettem Bullshit erkläre und meine ganz eigene urschwäbische: „Wir-tun-das-ganze-verdammte-Reiszeug-einfach-von-vornherein-gemeinsam-mit-dem-Wasser-in-den-Topf-;-lassen-es-nicht-erst-stundenlang-dumm-herumquellen-; und-geben-einfach-von-vornherein-nur-soviel-Wasser-dazu-dass-wir-am-Ende-auch-nix-wegschütten-müssen-Methode, draus mache? Oder ob das nun (doch und schon wieder) ein eurozentristisch-rassistischer und selbstverstäntlich total sexistischer Totalfauxpas ist, weil ich das als Mann und Nicht-veganer-nicht-Bio-Reisanbauer (und -esser!) eigentlich garnicht darf?

Nach wirklich(!) längerem Nachdenken entscheide ich mich für den sozial gerade noch akzeptablen KönigInnenweg, nenne das Ganze „Fusionsküche“ – Selbstverständlich nicht ohne mich kurzzeitig mit der politisch nicht völlig korrekten Frage herumzuschlagen, ob das verdeutschte fusion food bei empfindlichen Gemütern nicht doch eine unangenehme Assoziation eines atomaren Störfalls heraufbeschwören könnte.

Spätestens beim Lamento der Autorin über umfallende Bierbikes und dem beliebten Ratespiel Hipster oder/und Tourist fühle ich mich jedoch wieder ans kleine heimische Bamberg und seine gefühlt 10 Millionen Touristen pro Jahr (die reale Zahl liegt nur unwesentlich darunter) erinnert. Während sich die hiesige Tourismus GmbH seit Jahren weitgehend vergeblich bemüht die wenigen verbliebenen Innenstadtbewohner mit immer neuen Initiativen, Info-Veranstaltungen und großangelegten Werbeaktionen von der Nützlichkeit des Tourismus zu überzeugen, ziehen diese ihre eigenen Schlüsse und ziehen entweder weg, oder greifen zu mehr oder minder kreativen Mitteln des Widerstandes (irgendwie muss man schließlich auf die 296 Liter Bier pro Jahr und Kopf kommen…).

Was nun Berlin Mitte und die Frage ob man es in die Luft sprengen müsste angeht…Well, das Ganze nennt sich Innenstadt-Vermarktung, ist in jedem noch so kleinen Provinzstädtchen im äußersten Nordosten Bayerns auch nicht anders, nur macht es eben viel mehr Sinn sich medial über das verkommene Sündenbabel Berlin auszulassen, weil das – naturgegeben – ein paar mehr Leutchen kennen als sagen wir mal…Bamberg…

Kurz, ich esse jetzt meine gefüllten Paprika mit Reis, mache mir vorerst keinerlei Gedanken mehr ob ich damit den Untergang des Abendlandes (oder gar des ganzen Planeten) fördere und beruhige mein Gewissen zusätzlich damit, dass es anderswo auch nicht besser oder schlechter ist als da, wo ich gerade bin.

Guten Appetit zusammen!

Juwelen der Reiseliteratur – Venedig

Ecke Dogenpalast/Marciana, ganz weit weg von Santa Marta...

Ecke Dogenpalast/Marciana, ganz weit weg von Santa Marta…

Ich weiß es ist nicht geradeeben leicht 300 oder mehr Seiten ohne gröbere Fehler, Wiederholungen und Plattheiten über an sich nicht besonders reizvolle Orte wie Venedig, Florenz oder Island zu schreiben. Und so ist dieses Hobby vielleicht ein ganz klein ein bisschen gehässig und bößartig, und man darf mir deshalb auch getrost vorwerfen, dass ich es erstmal besser machen soll… Aber es ist einfach zu herrlich  in Reiseführern zu schmöckern. Wie keine zweite Literaturgattung dürfen sich hier hier Plattitüden, falscher Pathos, wilder Aktionismus und höchst subjektive Ein- und Ausdrücke aneinanderreihen und bilden so den perfekten Jagdgrund für Stilblüten!

Beispiel gefällig?

„Weniger erfreulich ist ein Gang durch den sich westlich anschließenden Stadtteil Santa Marta, der zum größten Teil erst während des Faschismus mit ärmlichen Behausungen bebaut wurde. Die Außenmauern des Gefängnisses lassen erahnen, wie ungemütlich solche Etablissements in Italien sind. Die berühmte und renomierte Architektur-Fakultät der venezianischen Universität ist auch in diesem Viertel untergebracht.“

(Auszug aus: Weichmann, Birgitt: Venedig und die Lagune. 5. , neu bearb. und komplett akt. Aufl.. REISE-KNOW-HOW Verlag Peter Rump GmbH. Bielefeld 2009, S. 209.)

Ja, man weiß jetzt garnicht so recht, wer einem mehr leid tun soll, die armen Venedig-Touristen die sich in dieses schäbige Faschistenviertel verirrt haben, die Insassen des ungemütlichen italienischen Gefängnisses oder die Studenten und Dozenten der berühmten und renomierten venezianischen Architektur-Fakultät, die in einer so unerfreulichen Umgebung ihrer Arbeit nachgehen müssen…