Ich bin dann mal weg – Do’s and Don’ts im…Elsaß

Strasbourg2

Strassbourg bei Nacht

Deutsch/Französisch oder Französisch/Deutsch…oder doch Englisch – (Mehr als) nur eine Frage der Reihenfolge!

Bonjour!“
Tut mir leid, geliebte Mit-Teutonen, soviel romanisches Sprachvorspiel muss im Elsaß einfach sein! Schließlich gehört der (oder doch das?) Elsaß seit nicht ganz so kurzer Zeit zur Grande Nation. Und auch und gerade weil einem auf Orts- und Straßenschildern des öfteren recht „deutsch“ anmutende Namen entgegengrüßen, ist das noch lange kein Grund sofort und ungefragt im deutschem Befehlston ins „maison“ zu stapfen und sich darüber zu „echauffieren“, dass die Bedienung im Caffée so grottenschlecht (Hoch-)Deutsch spricht – denn auch wenn sie’s vielleicht nicht (mehr) spricht, verstehen tut sie’s dann doch meist, und man braucht sich dann auch nicht wundern, wenn’s mit dem Cafè au lait etwas länger dauert und vielleicht Salz statt Zucker drinn ist…würd ich jedenfalls so machen!

Ja, wir sprechen schon auch (noch) Deutsch…aber nur, wenn wir wollen!

Will man also bei seinem Elsässischen Gegenüber nicht sofort als der „chaibi Schwôb“ oder – noch schlimmer – als komplett geschichtsignoranter „Bessernazi“* gelten, tut man westlich von Kehl und Freiburg sehr gut daran, eine Konversation erstmal mit den paar Brocken Französisch zu beginnen, die jeder ordentliche Europäer nunmal in seiner DNA gespeichert haben sollte! Alles Andere ergibt sich dann meist von allein…Nur bitte liebe Teutonen, überlasst es gefälligst den Elsässern, wann und ob sie die Sprache wechseln wollen (und können!).

*Internationaler Jugendsprech kann in seiner durchaus beabsichtigten Zweideutigkeit und political incorrectness manchmal so wunderbar eindeutig sein – Der oder die „Bessernazi“ Danke liebe Strasser für dieses wunderbar perfekte Wort, dass sowohl den Deutschen Gutmenschen bzw. Betroffenheitstouri, die dauermaulende Kaffeefahrtoma, wie auch den deutschtümelnden Hooligan auf Auslandstour abdeckt!

Und damit wären wir dann gleich beim zweiten typisch teutonischen faux pas: Längst nicht jeder*e Elsässer*in spricht (noch) Deutsch, und auch nicht (mehr) Elsässisch und ein Gutteil der heute im Elsaß wohnenden Menschen hat das auch nie, weil sie:

A) aus anderen Gegenden Frankreichs , den ehemaligen französischen Kolonien oder sonst irgendwelchen nicht deutschsprachigen Ländern ins Elsaß zugewandert sind und nie Deutsch, geschweigedenn Elsässisch gelernt haben.

oder

B) und das lässt jetzt erahnen wie schwierig und manchmal auch traumatisch schmerzhaft das Thema Deutsche Sprache bzw. Elsässisch im Elsaß sein kann – es nicht lernen und sprechen durften und/oder wollten und manchmal auch aus sehr guten Gründen nie wieder sprechen wollen, obwohl sie es eigentlich könnten…

Selestat 2

Selestat

Die Folge ist, dass Elsässisch und damit indirekt auch (Hoch-)Deutsch – trotz zahlreicher Bemühungen diesen Trend zu stoppen –  im Elsaß weitestgehend eine Sache der Generation 60+ geworden ist und – wenn sich der Trend so fortsetzt wie bisher – als aktiv gesprochenes Idiom in ein oder zwei Generationen weitgehend ausgestorben sein wird.

Verstärkt wird dieser Trend durch die ebenso dumme wie kurzsichtige Ansicht vieler neoliberal denkender Eltern wie Politiker auf beiden Seiten des Rheins, die auf Elternabenden und in programmatischen Sonntagsreden munter fordern, endlich die von De Gaule und Adenauer mit viel Mühe und Herzblut ins Leben gerufenen „Modelschulen“ an denen jeweils die Sprache des Nachbarn als erste Fremdsprache gelehrt wird zugunsten einer ökonomisch angeblich besser „verwertbaren“ früheren Ausbildung in der „Weltsprache“ Englisch und anderen „nützlicheren“ Sprachen abzuschaffen! Natürlich nur, damit ihre Kinder durch das erzwungene Erlernen der „unnützen“ Sprachen Deutsch und Französisch  als erste Frendsprache im globalen Wettbewerb keine Nachteile erdulden müssten…

Oh Herr schmeiß Hirn ra!

Folge: Seit Jahren sinkt die Zahl der Schüler, die die jeweilige Nachbarsprache erlernen kontinuierlich. Und weil man den je anderen nicht versteht, kommt es dann auch gleich noch, wie es kommen muss: man entfremdet sich zunehmend – Europa hin, offene Grenzen her! Wohin dann soviel Ignoranz, Dummheit und Desinteresse führen sollte man gerade beiderseits des Rheins eigentlich besser wissen…aber so ist sie nunmal, die schöne neue globalisierte und durchökonomisierte Welt von heute, in der Englisch alles, die eigene Sprache nichts und die Sprache des Nachbarn „unnütz“ ist…

Und nein ich übertreibe nicht, und es wundert mich auch garnicht mehr, dass es mitten in Basel, Freiburg oder Colmar, Straßburg, Karlsruhe, Stuttgart, Ulm und Kehl doch tatsächlich Deutschschweizer, Schwaben, Badener und Elsässer gibt, die alle zusammen ihres gegenseitigen, recht nah verwandten Dialektes (noch!) durchaus mächtig sind, sich aber aus politischer Korrektheit und falschverstandener Weltläufigkeit lieber in grottestschlechtem Englisch unterhalten, anstatt sich verdammt noch mal ihrer gemeinsamen Sprache dem Allemannischen und seinen unterschiedlichen Ausprägungen zu bedienen!

Gott sei Dank gibt es im Zweifelsfall dann doch noch einen Platz wie das Tomi Ungerer Museum, gleich hinterm ehemaligen Kaiserpalast (heute Palais de la Republique) am Place de la Republique in Straßburg, wo man auf ebenso lehrreich-amüsante wie nachdenkliche-hintergründige Art lernen kann, wie man mit all diesen Be- und Empfindlichkeiten, Ängsten und Elephanten im Deutsch-Französischen Porzellanladen kreativer umgehen kann – anstatt sie einfach totzuschweigen oder unter der fadenscheinigen Decke globaler Denglischphrasen zu verstecken…

Und ja, es lohnt sich davor oder danach auch durchaus, sich die „Mühe“ zu machen, sich die ganze verzwickte Geschichte der Region am Beispiel Straßburgs auch einmal in aller Ruhe via Audioguide gleich hinter der Kathedrale bei einem Rundgang durchs historische Museum der Stadt Straßburg erklären zu lassen. Vielleicht macht’s dann ja bei Einigen Klick und sie sehen die Gebäude des Europäischen Parlaments und Gerichtshof für Menschenrechte am Rande der Straßburger Innenstadt nicht mehr als teure Geldverschwendung und Ort nationalistischer Hahnenkämpfe, sondern als den Ort, an dem gut zwei Dutzend Nationen den – zugegeben nicht immer ganz einfachen – Versuch unternehmen, aus der gemeinsamen Geschichte zu lernen und es irgendwie zu schaffen, dass wir uns nicht wie in der Vergangenheit bei jedem noch so kleinen Konflikt gegenseitig die Köpfe einschlagen, oder Menschen via staatlichen  Unrechtsdekreten vorschreiben, wer oder was sie zu sein und nicht zu sein haben.

Das liebe Geld _ oder: Warum man in Frankreich eine Kreditkarte braucht und nicht darauf spekulieren sollte, seinen 1000 Euroschein einfach mal so bei der Bank umtauschen zu können…

Colmar 2

Colmar

Bargeld

Wer erinnert sich nicht sehnsüchtig an den Moment beim ersten Schüleraustausch, als er nassgeschwitzt, völlig fertig und mit mindestens 400 Kilo Übergepäck verzweifelt auf dem Pariser Gare de l’Est nach einer 10 Francsmünze für den Gepäckwagen suchte…

Inzwischen sind diese Zeiten passé und wir alle zahlen mit dem netten kleinen Ding nabems EURO bei dem ich es auch nach zehn Jahren nicht geschafft habe, 10 und 20 Centstücke sauber zu unterscheiden.

Während nun aber der oder die Durchschnittsdeutsche eine ausgesprochene Vorliebe für Bargeld hat, sieht das bei unseren französischen Geschwistern ein klein wenig anders aus. Im Land von Russeau und Napoleon gilt: L’homme aime sa carte de crédit! oder auf Deutsch: Plastik statt Bares! Das heißt nun nicht, dass man- wie z.B. in Dänemark jedes Croisant und jeden Apfel mit der Plastikkarte bezahlt, aber man sollte eben auch nicht erwarten, dass die Sache mit dem Baren überall (noch) so problemlos funktioniert wie in Deutschland.

Denn spätestens wenn man an einer der (im Elsaß recht seltenen) Autobahnmautstellen steht wird einem dann doch ganz schnell klar: Barzahlung ist hier nicht (na ja, meistens nicht, gelegentlich gibt’s in einer der 15 Durchlässe doch noch ein kleines Kassenhäuschen an dem man mit Cent und Euromünzen (möglichst passend bitte!) zahlen kann, aber verlassen sollte man sich halt nicht darauf, vor allem nicht Nachts) und nein: die normale EC bzw. Girocard der deutschen Hausbank funktioniert hier i.a.R. auch nicht. Man braucht schon eine „echte“ Kreditkarte.

Ansonsten kann’s einem sehr schnell so gehen wie unlängst jenem etwas älteren Ehepaar aus Bergisch-Gladbach, dass es nicht nur fertig brachte, als Wohnwagengespann in das Durchgangstor für Autofahrer zu fahren, nein sie hatten gleich auch noch das für die automatische Zahlung ausgewählt (dazu braucht man eine spezielle Chipkarte, die Deutsche Autos leider nicht serienmäßig eingebaut haben!).

Folge des „kleinen Versehens“ war, dass sie beim Zurücksetzen nicht nur in der zuvor geflissentlich übersehenen Höhenkontrolle steckenblieben, sondern auch gleich die halbe Autobahn vestopft haben. Dass nichts Schlimmeres passiert ist, lag ausschließlich daran, dass ihre französischen Hintermänner das Ganze schon gewöhnt waren und an dieser Mautstation tatsächlich noch ein paar echte Menschen anwesend waren, die ihnen dann beim „umparken“ und „zahlen“ behilflich waren.

Alors, ich schweife ab, oder eigentlich auch nicht…denn was für französische (und damit auch elsässische) Mautstellen gilt, gilt i.a.R. auch für Tankstellen. Während nämlich bargeldlose u. automatische Tankstellen in Deutschland eine recht rare Spezies sind, sind sie in Frankreich eher die Regel. V.a. Nachts und am Wochenende läuft hier ohne Kreditkarte garnix!. Und ja, auch die Parkuhren und Fahrkartenautomaten (und ich vermute neuerdings auch die Gepäckwagen, ich hab schon lang keinen mehr benötigt!) mögen sie am liebsten: La carte plastique! Und nein, längst bei nicht allen lässt sich zusätzlich (noch) Bargeld einwerfen, aber wer die Deutsche Bahn oder die Telekom kennt, weiß auch als Deutscher um das Problem mit dem fehlenden Bargeldeinwurf!

Umtausch großer Geldscheine – Une impossibilité?

Wirklich kompliziert wird es aber, wenn man sich als Deutsche*r einbildet, man müsse seine Reisekasse in realen 200, 500 oder gar 1000 Euroscheinen mit sich herumschleppen. Man glaubt nicht, wie viele Leut das tatsächlich (noch) machen, es könnt ja sein, dass den französischen Bankautomaten plötzlich das Geld aus geht…ja sind wir denn in Griechenland! Wenn man dann auch noch erwartet, dass man diese, wie in Deutschland zumeist üblich, bei jeder Bankfiliale in Kleingeld umtauschen könne, das die Bedienung im Kaffee auch annimmt…

Alas…oder auf Deutsch: Oh weh und Nix da! Zuerstmal besitzt längst nicht jede französische Bankfiliale sowas wie einen „Kassenschalter“ an dem Aus- und Einzahlungen in Bar möglich wären…In aller Regel sind Bankfilialen in Frankreich eher eine Art Versicherungsagentur mit angeschlossenem Bankautomaten (manchmal fehlt sogar der, oder ist irgendwo an der nächsten Straßenecke, wo man ihn als dappiger deutscher Tourist garantiert nicht findet!). Wenn man dann doch mit viel Glück und nach SEHR langem Herumfragen und Suchen eine der mit doppelten Panzerglasschiebetürschleusen gesicherten und in aller Regel irgendwo jenseits der Innenstädte gelegenen „Hauptfilialen“ gefunden hat an denen Barauszahlungen theoretisch möglich sind (hier kann man dann wirklich lernen, wozu der französische Subjonctif so alles gut ist!), wird man sehr schnell feststellen, dass diese sich – wenn überhaupt – nur nach Betätigen eines videoüberwachten Öffungsschalters für handverlesenes Puplikum öffnen, (oft muss man sich, will man zum Kassenschalter, sogar vorher im vorderen Bereich der Bank persönlich und unter Vorlage des Ausweises „anmelden“).

Damit ist dann aber noch lange nicht gesagt, dass man dort sein gottverdammtes deutsches Großgeld auch in Kleingeld umtauschen kann. In aller Regel braucht man dazu nämlich ein Konto bei der betreffenden Bank, und selbst dann wird das Geld zumeist nicht in Bar ausgezahlt, sondern erstmal auf das Konto gutgeschrieben (was je nach Bank gerne mal 1-2 Tage dauern kann, mit Glück geht’s aber auch in 2 Minuten), von dem es dann – in hoffentlich kleineren Scheinen – am Automaten im Vorraum wieder abgehoben werden kann (vorausgesetzt man findet die Funktion zur Scheinauswahl, die ist in Frankreich genauso gut im Menü versteckt wie in Deutschland und garantiert nicht in der Deutschen Übersetzung des Interfaces enthalten!).

Und wer jetzt glaubt, er könne stattdessen einfach so mit einem 200er oder gar 1000er irgendwo bezahlen…Das mag vielleicht irgendwo an der Cote d’Azur gehen, wo man an geldbündelschwingende Russen (oder eben auch Teutonen) gewohnt ist…Im Rest des französischen Binnenlandes ist das aber i.a.R. noch weitaus schwieriger als in Deutschland, da auch hier in den meisten Restaurants, Geschäften und Hotels gilt: Kleinere Beträge gerne in Bar, alles über 50 Euro aber nach Möglichkeit bitte in Plastik, das ist sicherer und nein, wir nehmen leider keine Scheine größer als 50 oder 100 € an und schon garnicht, wenn sie damit ihr Baguett für 1€ zahlen wollen…

Kurz: Wer keine hat möge sich für seinen Frankreichurlaub bitte möglichst schnell eine Kreditkarte zulegen und bitte, bitte keine Geldscheine über 50€ mit sich herumschleppen…man wird sie einfach nicht los, noch nichtmal bei der Bank und wenn man’s trotzdem versucht ist ganz schnell ein halber Urlaubstag mit der Suche nach einer passenden Bankfiliale weg (und das Geld am Ende des gleichen Tages sehr wahrscheinlich immer noch nicht in kleinere Scheine umgetauscht)!

Strasbourg 3

Blick von der Aussichtsterasse der Vauban-Befestigung auf Strassbourg

Navigation und Straßenverkehr

Ums gleich vorweg zu sagen:

Jedem, aber auch jedem und jeder der oder die nach Frankreich fährt sei dringenst empfohlen sich nicht nur ein funktionierendes (also keines dass nur „Durchfahrtsstraßen“ o.ä. anzeigt) sondern auch ein einigermaßen aktuelles Navigationssystem oder zumindest ein paar wirklich aktuelle Straßenkarten, die auch sämtliche Innenstädte in Großformat und inklusive aller Einbahnstraßen enthalten anzuschaffen…

Der Grund dafür ist ganz einfach:

Frankreich brummt – entgegen aller anderslautenden Gerüchte!

Konkreter: Die Franzosen scheinen gerade auf Teufel komm raus ihre sämtlichen Infrastrukturen reformiern zu wollen und es werden jede Menge neuer Straßen (und Kreisverkehre, Franzosen lieben Kreisverkehre inzwischen noch mehr als die Deutschen, allein schon deshalb, weil sich damit eine neue Attraktion für die ville fleuri verbinden lässt!) gebaut.

Das alles mag dem normalen Navinutzer garnicht auffallen, sollte er oder sie aber mit den „Kastratenprogrammen“ so mancher deutscher Premiummarkenhersteller geschlagen sein, die jenseits der reichsdeutschen Grenzen (sorry, das musste jezt sein!) nur noch die „Durchgangsstraßen“ – sprich meist nur die Autobahnen – anzeigen, sieht das ganz schnell ganz anders aus.

Man mag sich ja irgendwo im allerhintersten Burgund, wo zwischen den zwei Weilerchen Sichtverbindung herrscht und es auch nur genau einen Feldweg gibt noch mit der „großzügigerweise“ in diesen Programmen eingebauten Himmelsrichtungsfunktion orientieren können; Aber schon in der nächsten französischen Kleinstadt funktioniert das garantiert nicht mehr, und zu erwarten, dass man mit so einem Ding jemals wieder aus Strasbourg, Dijon oder gar Paris herausfindet ist einfach nur utopisch…

Der Grund: Noch mehr als ihre Deutschen Kollegen – die Straßen meist irgendwie so planen, dass man relativ problemlos wenden und in die andere Richtung fahren kann, wenn man merkt, dass man falsch ist – lieben Französische Straßenbauer Einbahnstraßenkreisverkehrsregelungen, die sie zu allem Ungemach dann auch noch sehr gerne mit Sackgassen (die nicht immer auf Anhieb als solche erkennbar sind und an deren Ende sich nicht zwingend eine „Wendeplatte“ findet) kombinieren. 

Einen an das im guten alten graoeco-römischen Decumanus-Cardio-System angelegte Straßennetz gewöhnten Durchschnittsdeutschen kann das dann ziemlich schnell in den vollständigen Wahnsinn treiben, vor allem, wenn er dazu noch mit Kartenmaterial oder einem fehlerhaften bzw. unvollständigen Navi geschlagen ist, dass es einfach nicht schafft ihn in einer Kleinstadt von 2000 Einwohnern  a nach b zu bugsieren ohne am Ende garantiert wieder bei a oder a‘ herauszukommen. Ich frage mich noch immer, warum das von Uderzo nicht in der einschlägigen Asterix-Folgen visualisiert wurde…

Will heißen: Einfach an der nächsten Kreuzung wenden und in die andere Richtung fahren ist in Frankreich in aller Regel nicht, weder im Stadtverkehr, noch auf der Autobahn und schon garnicht in Paris, Lyon, Straßbourg oder Wissembourg oder irgendwo im nächsten Industriegebiet!

Auch sollte man sich nicht unbedingt darauf verlassen, dass – wie auf deutscher Seite inzwischen ziemlich üblich – im Elsaß (oder sonstwo in Frankreich) der jeweils nächstgelegene Deutsche, Spanische oder Italienische Ort (oder die Paralell zur Staatsgrenze verlaufende „ausländische“ Autobahn) durch französische Staßenschilder ausgewiesen ist. Das kann sein, muss aber nicht. I.a.R. verweisen die Schilder auf französischer Seite nämlich in guter zentralstaatlicher Tradition nur auf französische Orte, Autobahnen u.ä.. Sprich, man hat entweder ein Navi, dass diesen nationalchauvinistischen Blödsinn nicht mitmacht, oder muss einfach aus der letzten Erdkundestunde wissen welcher Ort gegenüber von sagen wir mal Mühlhausen, Colmar oder Straßburg auf der östlichen Rheinseite liegt und wie man da hinkommt ohne erst über die französische Autobahn bis nach Paris und zu der Ausfahrt fahren zu müssen, die dann hoffentlich den Deutschen Anschlussort anzeigt…

Und nein, selbst mit Navi ist das mit dem Abbiegen in Frankreich nicht so ganz einfach, denn – wie schon angedeutet – die klassische zweispurige Straße samt zugehöriger 180° Kreuzung scheint in Frankreich und vor allem im Elsaß ziemlich unbekannt zu sein. Wie in Italien macht man auch hier mal ein Sträßchen dahhin, biegt dort auch mal auf der linken Seite der Autobahn ab und wurschtelt sich im großen Bogen schlangenartig irgendwie durch (genau so sehen dann auch französische Autobahnzufahrten/Autobahnkreuze aus…eher gewunden-verschlungen und mit für Deutsche Verhältnisse sehr gewöhnungsbedürftiger Verteilung von Zu- und Abfahrten, die ganz gerne auch mal 10 Kilometer bzw. 14 Straßenblocks voneinander entfernt liegen können). Und ja, da hilft im Zweifelsfall auch der beste Straßenatlas nicht weiter, vor allem dann nicht wenn er aus 2004 ist…

Auch, dass manin Frankreich  beim Fahren permanent irgendwelche „Wälle“, Hügel“, „Grünstreifen“ und sonstige Barrieren überfahren muss, die in Deutschland eindeutig ein „hier geht’s beim besten Willen absolut nicht weiter“ bedeuten würden, in Frankreich aber ganz normale Fahr- und Abbiegespuren sind ist für Teutonische Sonntagsfahrer anfangs eher „gewöhnungsbedürftig“ – ganz ehrlich, das Bild verwirrter „Bosch’s“ die mit ihrem wackeldackelverzierten SUV mal wieder vor der zur Geschwindigkeitsverrringerung minimal erhöhten Wendeinsel stehenbleiben und damit den Verkehr ganzer Innenstädte lahmlegen, bis ihnen dann ein altes Bäuerchen mit Handkarren vormacht, dass man da durchaus auch drüberfahren kann, ist in Frankreich einfach nur legendär!

Kurz: Wer für die 3 Kilometer von Straßburg nach Kehl keine 6 Stunden brauchen will, weil er sich irgendwo hinter dem EU Parlament heillos verfahren hat und dank der Einbahnstraßen zum sechsten Mal in Petite Venise rauskommt, braucht ein frankreichkompatibles Navi und dessen Funktionstüchtigkeit möglichst VOR Reiseantritt überprüft haben!

Der komische Gelbe Pfeil

Ist eigentlich was ganz Einfaches, das man aber wissen muss: In Frankreich ist der grüne Pfeil beim Abbiegen gelb und blinkt manchmal, sowohl auf den sehr seltenen Schildern als auch bei den Ampeln und er ist meist irgendwo anders, als man ihn vermutet, also ruhig etwas links und rechts von der Ampel schauen und sich nicht wundern, warum der Hintermann plötzlich hupt wenn man vor einer roten Ampel steht…meistens hat man ihn dann übersehen – den Gelben Pfeil…

Bodenwellen

Bodenwellen sind Teil der französischen Straßenfolklore, oder anders gesagt: so ziemlich jede Ortsein- und ausfahrt und beinahe jeder Zebrastreifen hat zwei bis drei dieser rot-weiß gezackten Monster, die jedem deutschen Golf-Inhaber den Angstschweiß auf die Stirn treiben. Denn anders als in Deutschland setzt Frankreich anstatt auf teure Radaranlagen (die gibt’s schon auch, aber sie sind deutlich seltener als auf Deutscher Seite, verlassen sollte man sich darauf aber nicht) eher auf die martialisch-materielle Lösung des Problems: sprich künstliche Bodenwellen, die schon den Gedanken mit 70 durch das nächste Winzerdörfchen zu brettern zum Achsbruchharakiri machen. Und wer nun meint er könnt innerorts mal schneller als 40 fahren, dem wird garantiert der nächste Zebrastreifen oder die nächste Kreuzung (da gibt’s die Dinger nämlich auch – wegen der Kinder, Alten, Kranken, Schwachen, Veteranen, Katzen, Kaninchen, Hühner, Witwen und Waisen und was in so einem Vogesendorf eben sonst noch so rumläuft) zum Verhängnis.

Daraus folgt die einfache Weisheit: Wer in Frankreich partout nicht langsam fahren will, der hat danach eben einen Achsbruch oder zumindest eine ruinierte Auspuffanlage…

Und nein, Autobahn heißt in Frankreich nicht dass man da brettern kann wie man will, sondern maximal mit 130 kmh und dass auch nur dann, wenn sie nicht grad mitten durch den Ort (inklusive Ampel!) geht und auch nur dann, wenn nicht ganz so viele Kurven und Schlaglöcher drinn sind (und nein, es gibt vor solchen Abschnitten nicht immer eine Geschwindigkeitsbegrenzung…der französische Autofahrer sieht sowas, und hat außerdem Autos, deren Unterboden ganz offensichtlich aus spezialtitanverstärkten Lastwagenfedern besteht…). Nur der Vollständigkeit sei erwähnt, dass auf Landstraßen, wenn sie nicht ausdrücklich als Schnellstraßen ausgewiesen sind 90 kmh, anderenfalls 110 kmh Höchstgeschwindigkeit gilt…und ja es ist eine saublöde Idee mit Höchstgeschwindigkeit durch die Kurven der Vogesen zu brettern, auch wenn da grad keine Geschwindigkeitsbeschränkung sein sollte…

Und wenn ich grad dabei bin…Dadurch, dass man insgesamt langsamer fährt und Autobahnen relativ aprupt in normale Land- und sogar Durchgangsstraßen übergehen (ich meine die nichtgebührenpflichtigen Elsässischen, nicht die Privaten mautpflichtigen im Rest des Landes) gilt auch eher das (nicht unbedingt legale, aber ziemlich übliche) Prinzip des „Durchwurschtelns“, sprich: Nicht wundern wenn sich auf der Autobahn irgendein Bäuerlein mit seinem doch recht schnellen Traktor rechts an einem vorbeidrängt, ohne zu blinken auf die Linke Spur wechselt nur um dann links in die nächste Feldwegausfahrt zu brettern…

Aber genug der Stereotype!

Es gibt auch etwas, das ich an Frankreichs Straßenverkehr absolut liebe:

Erstens: Man fährt man langsamer, was vor allem das Fahren über Land sehr viel entspannter und risikoärmer aber eben auch ein klein wenig langwieriger macht (aber wo kann man denn in Deutschland wirklich noch mit 160 kmh über die Autostrada brettern?).

Zweitens: Irgendwie kommt man immer weiter…ich habe keine Ahnung wie, aber ich kam in Frankreich immer irgendwie an und habe auch immer wieder zurückgefunden…nur eben nicht unbedingt so, wie ich mir das zuvor in meinem auf organisiert-unilineare Vorgänge programmierten Deutschen Quadratschädel vorgestellt habe.

Drittens, und das ist das absolute Highlight: Anders als in Deutschland muss man sich als erster an der Ampel nicht den Hals nach der Leuchtzeichenanlage verrenken. In Frankreich gibt’s quasi an jedem Ampfelpfosten kleine „Miniampeln“ in Augenhöhe, welche zusätzlich zu den oben angebrachten „großen“ die aktuellen Ampelphasen anzeigen…nur muss man manchmal ein klein wenig aufpassen, dass man diese Ampeln der richtigen Fahrspur zuornet bzw. den daneben angebrachten Gelben Pfeil (der von den nur dreifarbigen Miniampeln i.a.R. nicht mit anzegeitg wird) nicht übersieht. Und noch was: Eine grüne Miniampel oder ein leuchtender Gelber Pfeil heißen nicht, dass die Fusgängerampel direkt dahinter rot zeigt…

Und für alle, die’s jetzt noch immer nicht kapiert haben: Entgegen dem Klichée: Rasen und Saufen is in Frankreich nicht, denn der nächste Polizist, das nächste Schlagloch oder die nächste Bodenwelle ist niemals fern sind! (PS: Die Sache mit den Alkomaten ist inzwischen eher obsolet…meint jedenfalls der ADAC…).

Schilder

Bis auf kleinere Farbliche Unterschiede und die etwas nervige Angewohnheit, dass die Franzosen anstatt von Symbolen auch ganz gern mal mit Worten (also Französischen Worten!) arbeiten, funktionieren Schilder in Frankreich ziemlich ähnlich wie in Deutschland…nur dass sie etwas anders aufgestellt werden.
Während wir Deutschen Schilder in aller Regel so aufstellen, dass sie ziemlich genau in die Richtung weisen, in der das auf dem Schild erwähnte Ziel bzw. der Weg zu selbigem liegt, nimmt man in Frankreich mehr Rücksicht auf den/die Autofaher*in und „dreht“ die Schilder zur besseren Sichtbarkeit gerne mal um 30-90° in Richtung der Herkunftsrichtung des Zielsuchenden, was bei Deutschen Schildersuchern gelegentlich zu größerer Verwirrung und beinahe permanenten Wiedersprüchen zwischen Navi und Schild führt.

Kurz: Man tut im Ausland immer gut drann, sich zumindest die gängigsten französischen „Wortschilder“ und ihre Bedeutung vorher einzuprägen und immer drann zu denken, dass man in Frankreich die Schilder bzw. ihre Richtung im Geiste immer etwas von sich wegdrehen muss…dann klappts mit der Richtung eigentlich ganz gut.

Colmar 5

Colmar

Das Essen…eigentlich alles bekannt…oder doch nicht?

Kougelhupf mit Überraschungen

Kougelhupf und Sauerkraut sind etwas feines…nur sollte man wenn man sie im Elsaß bestellt nicht unbedingt das haargenau Gleiche erwarten, wie in Deutschland. Der elsässische Kougelhoupf ist süß oder herzhaft (sic!) eher eine Art Brot, dass gerne auch mal Speck, Walnüssen oder anderen „französischen“ Überraschungen angereichert ist. Die zuckersüße, eher an Marmorkuchen erinnernde Variante scheint im Elsaß dagegen weitestgehend unbekannt zu sein

Sauerkraut und und mehr

…und auch wer auf wirklich saures deutsches Sauerkraut mit deutlichem Kohlgeschmack steht ist im Elsaß absolut falsch. Sauerkraut ist hier eine leichte, kaum nach Kohl oder Säure Schmeckende Offenbarung, die als zarter Flaum die taufrischen Frühkartoffeln umgibt (so viel zu den leider nur allzu offensichtlichen Qualitätsunterschieden!) Das gleiche gilt auch für die dazu meist reichlich dazu gereichten Wurst und Rauchwaren – im Elsaß ist das alles etwas leichter, raffinierter, feiner und nicht ganz so teutonisch herzhaft, dafür gibt es aber mindestens das 8-fache einer durchschnittlichen deutschen Protion davon! Es reicht also wenn man drei Gänge bestellt…5 wie in Frankreich üblich schafft der ungeübte deutsche Magen einfach nicht!

Im übrigen sollte man auch ein paar französische Nahrunsgmittel-Vokabeln wie „Nierchen“ (rognons), „Froschschenkel“ (cuisses [de grenouilles]), oder „Schnecken“ (escargots) gepaukt haben. Das alles ist zwar unglaublich lecker, aber nicht jede tierschutzbegeisterte Teutonin mit akut xenophober Nahrungsmittelunverträglichkeitsstörung möchte sowas unbedingt essen und es kommt einfach ziemlich blöd den vollen Teller dank der eigenen Blödheit wieder in die Küche zurückgehen zu lassen und dafür auch noch voll bezahlen zu müssen (und ja, es soll tatsächlich einige teutonische Vollpfosten geben die in diesem Fall anfingen mit dem Wirt darüber zu diskutieren, dass man ja nicht bezahlen müsse, was man aus Dummheit bestellt hat und das einem dann nicht geschmeckt hat…Oh mon Dieu! Je vous spuplie de jeter un peu d’esprit!

„Rognons à la crème mit Spatze„, „Krumbeeritüfel“ und „Baeckoeffe“ – oder was ess ich da eigentlich?

Und wer jetzt meint sich auf die (außerhalb der Touri-Hot-Spots meist eh nicht vorhandene) Deutsche oder Englische Übersetzung der Speisekarte verlassen zu können…  A) gibt’s die meist nur für die Standartgerichte, und damit entgeht einem das Beste (namentlich die tagesfrischen lokalen Spezialitäten!) und B) gleicht diese Übersetzung nicht selten einem sehr phantasiereichen Computerprogramm, wenn man Französisch kann ist das durchaus amüsant, für den der Sprache nicht mächtigen aber eher eine Art Überraschungsei, da er nicht zwingend das bekommt, was in der Übersetzung steht, oder sich aus der Übersetzung auch keinen Reim darauf machen kann, was da auf seinem Teller liegt (das gleiche gilt meist auch für die weitverbreiteten Elsässischen Bezeichnungen der Gerichte, oder wer weiß schon was ein „Krumbeeritüfel“ oder ein „Baeckoeffe“ ist?)…

Und sonst…

Fois Gras

Nein, man streitet mit Franzosen besser nicht darüber, ob fois gras nun Tierquälerei oder kulinarische Delikatesse ist. Das Land hat sich entschieden: Es ist Kulturgut und damit absolut unantastbar, basta! und ja, Französisch und die Französische Kultur sind die beste, tollste und größte der Welt! Noch irgendwelche Zweifel liebe amerikanophile Teutonen?

Strasbourg

EU-Parlamentsgebäude in Strassbourg

Arglos im falschen Viertel, oder: Die Sache mit den leichtbekleideten Damen

Auch wenn im Elsaß alles so aussieht als sei’s gerade aus einer Puppenstube gefallen – auch hier gilt: es gibt Viertel und Stadtteile, in die man als Tourist v.a. nach Einbruch der Dunkelheit besser nicht mehr geht. V.A. die „Banlieus“ von Straßbourg und Mühlhausen sind nicht unbedingt der richtige Ort um dort sein teures Luxusauto abzustellen oder mit sündhaft teuren Kameraausrüstungen samt Reisekasse (wir erinnern uns an die Sache mit den 1000 Euroscheinen!) rumzuscharwänzeln. Auch das des Nachts doch recht einsame Areal um das Europaparlament oder die Orangerie, sowie das Bahnhofsviertel in Straßbourg sollte man als Tourist eher meiden, wenn man keine unliebsamen Bekanntschaften machen will. Und ja, die leichtbekleideten Damen (und gelegentlich auch die jungen Herren in den hautengen Jeans) an den Aus- und Einfallstraßen gehören zum Straßenstrich…auch wenn Prostitution in Frankreich seit De Gaules Zeiten verboten und der Kauf von Sex neuerdings sogar unter Strafe steht…

Marmoutier

Stiftskirche in Marmoutier

Nicht versäumen!

Nicht versäumen sollte man hingegen einen Besuch im Töpferort Soufflenheim – auch und gerade weil dieser etwas abseits gelegen in der Nähe des nicht ganz so reizvollen Städtchens Haguenau (dt. Hagenau) im Nordelsaß liegt. Wo anders hat man Gelegenheit in die Auslagen von gleich einem Dutzend Töpfern zu sehen, die mit etwas Glück schon in der 23. Generation Geschirr herstellen, dass man bedenkenlos auch in einen 500°C heißen Backofen stellen kann? (PS: das funktioniert aber nur, wenn man die rottonige autochtone Ware wählt und sie vor der ersten Nutzung 12 Strunden wässert und bei 120 Grad „vorfettet“ und sie nie, aber wirklich auch nie in dei Spülmaschine stellt oder mit Spüli ausspült (einfaches Ausschwischen nach dem Backen ist am besten!), dann hat man die perfekte natürliche „Teflonpfanne“, die – etwas Vorsicht vorausgesetzt – ein Leben lang hält.Die im Ort ebenfalls angebotete Ware aus weißtonigem südfranzösischen Ton hergestellte „Sonntags- und Designerware“ verträgt das allerdings nicht…sie ist eher „Zierstück“ und für die Vitrine und den Kaffeetisch gedacht…

Auch eine Bootsfahrt in Strasbourg  (Im Sommer am besten mit einem der klimatisierten „Glasaquarienbote“ von der Anlegestelle am Palais du Rohan aus), oder Colmar (hier fällt sie auf den kleinen, motorbetriebenen Fischerkähnen besonders romantisch aus) sollte man trotz der manchmal etwas längeren Schlangen vor den Kartenhäuschen keinesfalls versäumen, da man so nicht nur einen Über- sondern auch einen ganz anderen Blick auf die schönsten Seiten der Stadt hat, die sonst etweder ganz unsichtbar sind, oder „im Vorbeifahren“ einfach übersehen werden.

Wer zufällig am Ersten Sonntag im Monat in Straßbourg ist, sollte den freien Eintritt zu den Städtischen Museen (und das sind fast alle!) unbedingt ausgiebig nutzen! Ob feinste gotische Skulptur, Karrikaturen, Zoologische Raritäten, Moderne Kunst, Barocke Prunkgemächer, Volkskunst oder ein riesiges Stadtmodell, Straßbourgs Musseen quellen über vor absolut sehenswerten Prunkstücken! Zu allem Überfluss kann man dabei auch noch den Ausblick von der Terasse des Musée d’Art Moderne auf Straßburg genießen! (Ob man dort allerdings seinen Cafée und Kuchen einnehmen muss, sollte man sich angesichts der doch etwas arg ambitionierten Preise lieber zweimal überlegen). Sehenswert ist auch der Museumsshop dieses Museums, der nicht nur didaktisch höchst wertvolles, dabei aber trotzdem herrlich amüsantes „Kunstspielzeug“ für Kinder im Angebot hat, sondern an dessen Decke auch originelle Mobiles hängen, welche selbst einen Mondrian oder Warhol neidig machen würden…

Bewegen tut man sich dabei am Besten mit der Straßenbahn und mit dem Bus. Strass wie die Einheimischen sagen, setzt voll und ganz auf die „Öffentlichen“ und daher sind EInzel und Tagestickets im Vergleich zu Deutschland spottbillig (6,40 € für das gesamte Netz und 24 Stunden und bis zu 3 Personen, und das nicht nur an Sonntagen, Einzeltickets sind sogar noch billiger!). Dank der ziemlich engen Taktung und des äußerst umfangreichen Liniennetzes kommt man damit wirklich gut herum und auch in  die weniger bekannten Ecken der Stadt, wie den hinreißend schönen Stadtpark (L’Orangerie) mit seinem kleinen Zoo und den nahegelegenen Gebäuden der EU in bester moderner Architektur. Nur eins darf man nicht vergessen: Alle Tickets müssen VOR Fahrtantritt an den kleinen Säulen bei den Haltestellen nochmals extra entwertet werden, sonst wird’s teuer…und keine Angst vor den Automaten mit den seltsamen Rollbuttons, die funktionieren im Grunde viel logischer als ihre Deutschen Vettern – ungefähr so wie ein guter altmodischer Joystick…einfach mal ausprobieren und ab ins Autofreie Vergnügen!

Und wenn man eh schon in der Straßburger Miniaturausgabe von Venedig ist…unbedingt die 3 Meter weiter zur „Pont Vauban“ laufen und innen über die Stiegen auf die Aussichtsterasse hinaufsteigen. Das kostet nix, und man kommt auf der anderen Seite der Brücke auch wieder runter, sprich man kann anstatt unten auch oben die Ill überqueren und hat dabei gleich noch den absolut besten Blick auf die Straßburger Altstadt (außer man steigt auf’s Münster rauf natürlich!). Der einzige Wehrmutstropfen: Nachts ist die Pont leider geschlossen…

Pflicht für jeden Archäologiebegeisterten ist die „Archäologiegruft“ in der über 1100 Jahren alten Klosterkirche von Marmoutier. Hier hat man die einmalige Gelegenheit eine „Kirchengrabung“ samt der Fundstücke quasi in situ betrachten zu können. Der Eingang liegt etwas versteckt im rechten Seitenschiff.

Wer ein Faible für Kirchenfenster hat ist entweder im Straßbourger Münster oder aber im Chor des Münsters von Schlettstadt (fz. Selestat) richtig. Hier kann man den Fenstern von Peter Hemmel von Andlau ganz nahe kommen…und auch ein kleiner Abstecher in die evangelische Kirche in Schlettstadt wo an sonnigen Nachmittagen moderne Glasfenster den Innenraum in ein wunderbar mystisches Farbenspiel tauchen lohnt. Außerdem kann man dann gleich die quasi gegenüberliegende Humanistischen Bibliothek besuchen. Ein „absolutes Muss“ – nicht nur für Bibliophile und passionierte Büchernarren!

Saverne 2

Klassizistische Fassade des Rohan-Schlosses in Saverne

Nicht verpassen sollte man auch einen Abstecher ganz in den Norden des Elsaß. Dort lockt in Savergne (deutsch: Zabern) nicht nur mit einer hinreißend pitturesken Altstadt auf einem Hügel, sondern mit dem wohl schönsten Fachwerkhaus des ganzen Elsaß (Haus Katz) in dem sich auch ganz ausgezeichnet speisen lässt,  sondern auch mit der wirklich beeindruckenden und längsten klassizistische Schlossfassade ganz Frankreichs (Rohanschloss).

Und wer schon immer einen riesigen Christophorus sehen, oder im Schatten der Stadtpfarrkirche zu Brunnengeplätscher einen Salat aus hausgeräucherter Entenbrust und Feigen verdrücken wollte, oder auf riesigen Stadtwällen spazieren und/oder einfach nur seine Füße in einen der Stadtbäche strecken wollte, der ist in Wissembourg (dt. Weißenburg) ganz im Nordwesten des Elsaß sehr gut aufgehoben.

Wo man nicht unbedingt hin muss…oder: The most Overestimated Places in Alsace…

Auch wenn ich i.a.R. nicht dafür bin irgendjemand davon abzuhalten etwas zu besuchen, das er unbedingt besuchen will gibt es doch ein, zwei Orte im Elsaß die seltsamerweise in jedem Touriführer auf der Übersichtsseite ganz oben stehen und/oder mit drei Sternen markiert sind, die man sich meinem bescheidenen Dafürhalten aber zumindest beim einem ersten Kurzaufenthalt eher (er)spaaren sollte…

Haute Koenigsburg

Ganz oben auf dieser meiner zugegebenermaßen sehr persönlichen Liste der am meisten überschätzten Ausflugsziele steht die Hochkönigsburg bei Schlettstadt. Das hat jetzt weniger damit zu tun, dass ich’s als Kulturhistoriker und Archäologe nicht so unbedingt mit schlecht gemachten Kopien von Raubritterburgen aus dem frühen 20. Jahrhundert habe. Meiner Reiselaune bekommt’s einfach ziemlich schlecht, wenn ich bei 38° Hitze erstmal 5 Kilometer an parkenden Autos und quer durch den Ausflugsverkehr steil bergauf laufen muss um mich dann in praller Sonne 2 1/2 Stunden für sündhaft teure Eintrittskarten anzustellen um dann im Boxgalopp mit 200 anderen Leuten durch eine Art Disneyland (bei dem auch noch die meisten, eh schon nicht orginalen Ausstattungsstücke abhanden gekommen sind) gejagt zu werden. Wenn ich mich dann auf der Suche nach dem danach wohlverdienten Cafée auch noch neben einer amerikanischen Touristengruppe in Trubadour-Velourkostümen auf Plastikstühlen direkt an der stark befahrenen Durchgangsstraße (das ist die gleiche wie die bei den Parkplätzen – richtig es ist eine Einbahnstraße udn alle müssen da durch!) wiederfinde nur um aus lauter Frust und Not mitten im Elsaß überteuertes Fastfood zu essen und dabei von 20.000 anderen Besuchern am Tag fotografiert werde, weil ich blöderweise an der einzigen Stelle hock, von der man ohne Eintritt zu bezahlen einen einigermaßen ordentlichen Ausblick hat, obwohl das Mistding von Basel bis Karlsruhe am Horizont zu sehen ist, dann hält sich begreiflicherweise meine Begeisterung für dieses „elsässische Neuschwanstein“ in doch sehr beengten Grenzen…

Nichtsdestotrotz, es soll ja durchaus Leute geben, die sowas als gelungenes Urlaubserlebnis einstufen, und die möcht ich auch garnicht davon abhalten!

Alle anderen sollten zumindest beim ersten Besuch der Region lieber eine der nicht gerade seltenen anderen Elsässischen Burganlagen besuchen. Schließlich herrscht selbst in unmittelbarer Nähe des überlaufenen Burgen(alp)traums Kaiser Willhelm II. nun wirklich kein Mangel an anderen Burgen, Schlössern, Ruinen, Klöstern, bildhübschen Winzerörtchen, Aussichtspunkten oder einfach nur anderen weit weniger überfüllten Attraktionen, wie dem Affenberg oder der hinreißend pitturesken Altstadt von Schlettstadt mit ihrer berühmten Humanistischen Bibliothek.

Petite Venice (Straßbourg) und die Krutenau in Colmar

Ja, sie sind zugegebenermaßen wunderschön, das straßburger Klein Venedig (Petite Venise) oder die Krutenau in Colmar. Dummerweise wissen das aber auch 8 Millionen andere Besucher und entsprechend eng, laut und ungemütlich wird es hier an lauen Sommerabenden.

Straßbourg

Sicher, die Lage am Fluss ist verlockend, und es ist wirklich nett in Petite Venise…aber mal ehrlich: die Gastronomie an diesem touristischen Hot spot ist entweder grottenschlecht und – es sei Lucullus geklagt und Dyonisos gesungen – eher auf geschmacklich eher mittelmäßige Massenabfertigung ausgerichtet, und/oder zwar gut, aber eben dank der „Lage“ auch sündhaft überteuert…

Wer nun also nicht so ganz auf schlechten Flammkuchen, Currywurst oder matschige Burger steht, und auch keinen privaten Goldesel bei sich hat und/oder es auch nicht besonders schätzt, dass der Kellner leicht nervös auf die Uhr schaut, wenn man für seinen Expresso mehr als 2 Minuten braucht, dem sei als Ersatz für Klein Venedig die gleich gegenüber liegende südlichste der Illinseln wärmstens anempfohlen. Dort gibt’s in der (praktischerwerise direkt hinter Petite Venise über den Fluss abzweigenden) Rue des Moulins genauso nette Restaurants mit vielleicht noch viel schöneren Flussterassen- oder Gassen-Blick. Einfach mal beim Garcon oder der Mademoiselle am Eingang nachfragen ob sie noch ein lauschiges Plätzchen frei haben. Wenn man mittags, oder vor 19.00h kommt findet sich eigentlich immer was,  und das zu weitaus „vernünftigeren“ Preisen und mit Speisen, die den Vergleich mit dem teuren Petite Venise keinesfalls scheuen müssen. Natürlich gilt auch hier, wie an jedem anderen Tourihotspot der Welt auch: wer sichergehen will, sollte rechtzeitig (via internet oder noch besser: persönlich!) reservieren und sich die Speisekarte samt zugehörigen Preisen ansehen, bevor er sich hinsetzt!

Und wenn wir schon bei Restaurants und dem Sich Niederlassen sind: Genau wie in jedem einigermaßen ordentlichen Restaurant in Deutschland, man wird in Frankreich gesetzt und pflanzt sich nicht selber irgendwo hin, zumindest aber fragt man aber bei unangemeldetem Besuch den am Eingang bereitstehenden Kellner, Platzanweiser, Reservierungsbuchüberwacher*in oder Besitzer des Restaurants, ob noch ein Platz frei ist, und wo man sich hinsetzen darf.  Dass heißt nicht, dass man nicht, sofern das Restaurant nicht vollkommen überfüllt bzw. ausgebucht ist, den Kellner/Platzanweiser/Besitzer bei nicht-gefallen charmant fragen kann, ob man vielleicht doch noch einen noch schöneren Platz haben könnte, als derjenige, den er gerade für den allerschönsten für einen hält… Es ist einfach eine Sache von Anstand und Respekt – oder wie würden Sie es finden, wenn jemand einfach in ihr Wohnzimmer stapft und sich ungefragt auf das Familiensofa pflanzt? Und mal ehrlich, meist wird man auf Nachfrage eh zu hören bekommen, dass natürlich alle nichtreservierten Plätze frei sind, oder man bekommt eine sehr schöne Auswahl wirklich annehmbarer Platzierungsmöglichkeiten präsentiert…Der Vorteil des Prozederes ist ganz nebenbei, dass man dadurch überhaupt erst entdeckt, dass es im Hinterhaus oder im zweiten oder gar dritten Stock, oder um die Ecke an der Küche vorbei und durch den Weinkeller und Souvenirshop durch (alles schon erlebt!) noch ein paar wirklich nette, ruhige und ganz wunderbar gelegene Terassenplätze direkt über dem Fluss und mit phantastischem Kathedralblick gibt, die man in dem verwinkelten Elsässischen Fachwerkbau niemals selbst gefunden/gesehen hätte, wenn einen der ausgesprochen polyglotte und fesche garcon nicht „bei der Hand“ genommen und sie einem gezeigt hätt…Alles klar? Dann is ja gut…

Colmar

Colmar

Colmar 2

Das gleiche wie für das Straßburger Klein Venedig gilt leider auch für das inzwischen ebenfalls reichlich überlaufene Colmar. Nur dass man dort von der vielbestaunten Krutenau nicht flussab, sondern etwas flussaufwärts Richtung der alten Markthalle muss. Wegen der vielen dort angebotenen Spezialitäten und den kleinen Bistros im Inneren ist aber allein diese schon den klitzekleinen „Umweg“ wert. Wer dann auch noch das Glück hat in einem der nahegelegenen Restaurants direkt am oder besser über dem Fluss und mit Blick auf die vorbeigleitenden Fischerkähne den besten Flammkuchen des ganzen Elsass zu essen, der kann gut und gerne auf das Gedränge und den Gastro-Schnickschnack in der Krutenau verzichten. Und weil ich grad dabei bin: Noch was für die, die gerade planen nach Colmar zu fahren: Im Moment wird das berühmte Unterlindenmuseum in Colmar (und auch die halbe Innenstadt drumherum) renoviert. Das wird zwar alles sehr schön, und auch der berühmte Isenheimer Altar von Matthis Grünwald kann trotzdem gemeinsam mit etlichen anderen nach dort ausgelagerten Ausstellungstücken in einer der benachbarten Kirchen angesehen werden, aber so wirklich gut gelungen ist diese „Notlösung“ nicht und viele der Schätze des Museums sind gerade einfach im Depot. Daher ich würde persönlich mit einem Besuch noch so lange warten, bis die Renovierungen abgeschlossen sind. Dann macht’s auch wieder Spaß in der Stadt unterwegs zu sein, ohne dass man alle drei Meter über einen Bauzaun klettern muss…

Und jetzt hör ich einfach auf mit vorkauen und besserwissen und lass Euch selber hinfahren:

Bon vacance!

…und für alle, die noch ein paar mehr Bilder sehen wollen: http://wp.me/p4eIN4-7C

Beobachteter Alltag_Neulich am Osterbrunnen von Oberstadion…

Oberstadion, Osterbrunnen

Oberstadion, Osterbrunnen

„Vom Eise befreit sind Strom und Bäche…“ Würde der gute alte Goethe seinen Osterspaziergang heute schreiben, er würde wohl weniger über die unbestrittenen Reize von Mutter Natur, sondern über die strömenden Massen pastellgetönter FrührentnerInnen auf Osterbrunnentour schreiben. Zwar weiß der informierte Geist längst, dass die neuerdings allüberall zur Osterzeit aus dem Boden schießenden grellbunten Gebilde, samt ihrer 10, 20 oder gar 30tausend „garantiert handgemalten Ostereier“ definitiv nichts, aber auch garnichts mit den seit Weinhold immer wieder gern zitierten, angeblichen „urgermanischen“ Quellen- und Fruchtbarkeitskulten zu tun haben, sondern der geschickten Marketingidee und dem Geschäftsgeist einiger oberfränkischer Gemeinden, welche kurz nach dem 1. Weltkrieg für ihren darniederliegenden „Fränkischen Schweiz Tourismus“ noch eine Attraktion für die besucherarme Frühjahrszeit brauchten, geschuldet sind – Aber mal ehrlich: welche oberschwäbische, fränkische, rheinländische, italienische oder friesische Landfrau mit „horror vacui-Symptomatik“ und akutem Putz- Schmuckbedürfniss will schon wissen, dass die nette Idee, den bei der missglückten Dorfkernerneuerung in den 1980ern in totschickem Vollsichtbeton ausgeführten „Gemeinschaftsbrunnen“ mit bunten Eiern und Thujagrün zu schmücken nichts anderes als eine sich parasitär ausbreitende Form des Touristenschröpfens ist?

Zugegeben, es gibt weitaus weniger kreative und pittureske Arten des Zeitvertreibs, und im besten Falle schafft der seit den 1990er Jahren europaweit ausgebrochene erbitterte Wettbewerb um den „größten, schönsten, buntesten, authentischsten, liebevollsten und einfach nur prächtigsten“ Osterbrunnen sogar etwas wie „Ästhetische Ersatzbefriedigung“ und „Scheingemeinschaft“ angesichts der tristen Alltagsrealität der längst zu menschenleeren, resopaltürverstärkten Toskana-Kopien mit Tempo-30-Zone verkommenen Vorstadtschlafgemeinden. Anders ausgedrückt: Den Leuten gefällts, Trachtenverein und Landfrauen finden nach der endgültigen Aufgabe des letzten Vollerwerbsbetriebs vor Ort eine neue Form der Daseinsberechtigung, die bereits ausgestorben geglaubte Gattung ländlich-naiver Kleinkunst erlebt einen neuen Besucherboom und auch die örtlichen Busunternehmer und Gastronomen sind glücklich ob der osterbrunnentourismusbedingt sprudenlden Einnahmen.

Dass es dabei gelegentlich zu weng österlich anmutenden Rangeleien um Routenverläufe, gezielte Vernichtungsattacken auf den festlich geschmückten Brunnen der Konkurrenzgemeinde und medialen Totalangriffen auf den ästhetischen Wert des je anderen kommt, dass in manchem „Osterbrunnenclub“ statt dörflicher Gemeinschaft längst kleinstdöftlicher Geltungswahn und Gitantismus Einzug gehalten haben, und dass so mancher Gemeinderat unter dem Vorwahnd drohender Osterbrunnenschändung nonchalant  27.000 Euro für die 24-h-Totalüberwachung  „ihres“ Osterbrunnens genehmigt, eine Osterbrunnensicherheitswacht ins Leben gerufen, und damit auch gleich auf elegante Weise das Problem der vorgeblich „die Dörfliche Idylle schädigenden komasaufenden Dorfjugend“ und angeblich „scharenweise einfallenden ortsfremden Klau-Romabanden“ angegangen zu haben glaubt, dass Hinterburgtrellingsfurth im letzten Jahr vielleicht doch noch einen größeren Osterbrunnen als wir hatten und somit unser Eintrag im Guinessbuch der kuriosen Dorfrekorde gebrochen wurde…Ja gottverdammt nocheinmal: Irgendwas muss man ja immer zu reden, zu tun und zu motzen haben, sonst wär das Leben ja nicht mehr lebenswert!

Und überhaupt: Der Osterbrunnenbesuch: Da wird possiert, fokussiert, schwadroniert, fabuliert, beurteilt, bekrittelt, bewundert und gleich noch gemütlich bei Kaffe und Kurchen munter über den Unterschied eines auf ein Wachtelei getuschten Vaterunsers zum mit Eisvögeln verzierten Straußenei debattiert. Für die oft abgelegenen und den Rest des Jahres von akuter Verödung bedrohten Kleinstgemeinden ist der österliche Besucherandrang ein Segen, für die aus dem aktiven Berufsleben und damit meist auch aus ihrem gewohnten sozialen Umfeld ausgeschiedenen RentnerInnen ebenfalls „weil man halt mal wieder unter die Leut kommt“. Der Osterbrunnen als kombinierte Dorfrevitalisierung, Gewerbesteuersteigerung und Beschäftigungstherapie in einem eben…Wenn bei diesem hären Zweck schon mal eine jahrunderte Streuobstwiese oder ein baufälliges Schloss dem für genau 2 Wochen im Jahr genutzten, überdimmensionierten Reisebusparkplatz in Lochsteinoptik weichen muss. Hony sois qui mal y pense!
Und mal ehrlich, lieben wir nicht alle unser Jesusmosaik aus 12000 mundausgeblasenen und von den letzten Kindergartenkindern bemalten Wachteleiern, oder die aus je 13000 liebevoll mit Zweibelschalensud besprenkelten Bio-Freiland-Eiern zusammengesetzten Schafe, Hühner, Weltkugeln oder Schmucktorbögen? Quetschen wir uns nicht gerne durch überhitzte und vollkommen überfüllte Ostereiausstellungen, in denen wir mit politisch nicht ganz korrekten Massaiszenen bemalte Straußeneier als Remineszenz an die letzte Afrikasafari unserer 82-jährigen Nachbarin bestaunen können? Und genießen wir danach nicht alle die selbstgebackenen Käsekuchen der Landfrauen Hinterstreußlingen? und ja…planen wir nicht alle nach einem solchen Highlight für unsere eigene Dorfmitte, den eigenen Vorgarten oder auch nur das eigene kleine Zimmer im Altersheim unseren eigenen, noch schöneren, größeren und besseren Osterbrunnen?

Was würden wir denn mit unseren Sonntag-Nachmittagen anfangen, wenn nicht gnädige Reisebusunternehmer auf die Idee gekommen wären sämtliche 423 Osterbrunnen Nordostmittel und Unterfrankens in ihr Rund-um-Heizdecken-Sorglosprogram aufzunehmen? Und wo wäre die abendländische Kultur heute ohne mit Zahnarztbohrern gravierte Taubeneier mit eingebauter Spieluhr und Plastikmaus mit LED-beleuchteten Äuglein?

„A kleins bissle Kitsch isch’s ja scho, aber, s’isch hald au emmr wieadr sooooo scheee, ond erschd dui vieale Arbät die dô drinn schdeggd. Oifach schea halt, ônd dr Kuacha isch au guad dohanna!…“

Besser als diese Besucherin des Oberstadion’schen Osterbrunnens  kann man das Erlebnis „Osterbrunnen“ einfach nicht zusammenfassen – und dass dieser Osterbrunnenstandort geschickterweise neben Kafee und Kuchen gleich auch noch die Kombi-Karte für den Besuch der Ostereier- UND Krippenausstellung anbietet – Wenn man schon was macht, dann ordentlich – Stillstand bedeutet Rückschritt!

Aus dem Archiv – Reise nach Kythera 11 – Von Zeus und El Greco (16.10.2013)

Zeus

Zeus

Und weil ich grade dabei bin – hier noch eine Kleinigkeit aus meinem „Kythera-Blog“ von 2013. Es geht um Zeus, El Greco, schwefelgelben Himmel und einen Schatz…Wer mehr wissen will:

http://wp.me/p2SJFH-ko

 

Juwelen der Reiseliteratur – Venedig

Ecke Dogenpalast/Marciana, ganz weit weg von Santa Marta...

Ecke Dogenpalast/Marciana, ganz weit weg von Santa Marta…

Ich weiß es ist nicht geradeeben leicht 300 oder mehr Seiten ohne gröbere Fehler, Wiederholungen und Plattheiten über an sich nicht besonders reizvolle Orte wie Venedig, Florenz oder Island zu schreiben. Und so ist dieses Hobby vielleicht ein ganz klein ein bisschen gehässig und bößartig, und man darf mir deshalb auch getrost vorwerfen, dass ich es erstmal besser machen soll… Aber es ist einfach zu herrlich  in Reiseführern zu schmöckern. Wie keine zweite Literaturgattung dürfen sich hier hier Plattitüden, falscher Pathos, wilder Aktionismus und höchst subjektive Ein- und Ausdrücke aneinanderreihen und bilden so den perfekten Jagdgrund für Stilblüten!

Beispiel gefällig?

„Weniger erfreulich ist ein Gang durch den sich westlich anschließenden Stadtteil Santa Marta, der zum größten Teil erst während des Faschismus mit ärmlichen Behausungen bebaut wurde. Die Außenmauern des Gefängnisses lassen erahnen, wie ungemütlich solche Etablissements in Italien sind. Die berühmte und renomierte Architektur-Fakultät der venezianischen Universität ist auch in diesem Viertel untergebracht.“

(Auszug aus: Weichmann, Birgitt: Venedig und die Lagune. 5. , neu bearb. und komplett akt. Aufl.. REISE-KNOW-HOW Verlag Peter Rump GmbH. Bielefeld 2009, S. 209.)

Ja, man weiß jetzt garnicht so recht, wer einem mehr leid tun soll, die armen Venedig-Touristen die sich in dieses schäbige Faschistenviertel verirrt haben, die Insassen des ungemütlichen italienischen Gefängnisses oder die Studenten und Dozenten der berühmten und renomierten venezianischen Architektur-Fakultät, die in einer so unerfreulichen Umgebung ihrer Arbeit nachgehen müssen…

 

 

Reise nach Kythera 11 – Von Zeus und El Greco

Zeus

Zeus

Schwefelgelber Himmel, Sturmböen und aufgewühlte See.

Auf Kythera, wie auf jeder Insel inmitten des Meeres, hat Wetter auch hier etwas archaisches, ungeordnetes, unberechenbares. Sicherlich und nicht zuletzt auch deshalb, weil hier die kalten – im Sommer auch heißen – Winde Arkadiens auf gleich drei Meere mit sehr unterschiedlichen Eigenschaften treffen: Die Aegais im Nordosten, die Adria im Nordwesten und im Süden das offene Mittelmeer. Kythera ist – sieht man von dem Südwestlich gelegenen Kreta einmal ab –  das letzte bisschen Land vor Afrika.

Und wie immer, wenn ein kleines bisschen Land und die unendliche See aufeinanderprallen ist Wetter hier keine vorhersagbare Sache – eher eine Art Variable mit zu vielen Unbekannten. Der Alptraum jedes Metorologen!

Vor allem im Herbst und im Frühling, jener Zeit wenn in Griechenland die „Winde ihre Richtung wechseln“ wagt kaum jemand auf mehr als 24 Stunden vorraus zu sagen ob es sonnig, stürmisch, gewittrig, windstill, neblig, regnerisch oder gar alles zusammen werden wird.

Sicher, der Wetterbericht gibt eine Art „Tendenz“ an…aber ob es deshalb auch so sein muss, und ob es nicht doch ganz anders wird ist nicht wirklich berechenbar. Außerdem kann es – obwohl die Insel nicht einmal 300 km² – hat, durchaus sein, dass es im Norden regnet, auf der West-Seite dichtester Nebel herrscht und im Südosten, also nur ein paar Hügel und keine 200 Kurven entfernt strahlender Sonnenschein und Windstille herrscht. Kein Wunder also, dass Kythera von Biologen, Künstlern und Wanderern als „Griechenland im Kleinen“ bezeichnet wird. Und fährt man von den verkarsteten, mit Heide und duftenden Kräutern bewachsenen, windumtosten Hügeln des Südens, durch die fast tropischen Schluchten der Inselmitte in die grünen Kiefern- und Eukalyptuswälder des Nordens hat man wirklich das Gefühl man habe nicht nur wenige Kilometer, sondern eine ganz andere Welt hinter sich gelassen.

Doch eines ist bereits auf den ersten Blick klar: Ohne Wasser geht hier garnichts! Wo es fehlt wächst allenfalls ein wenig dürres Gras, wo es aus den Quellen stömt wachsen riesige Platanen, Weiden, Eichen und Buchen, dazwischen paradiesische Gärten mit allem was das Herz begehrt – von Wein, über Feigen und alle Arten von Gemüse und Obst bis hin zu exotischen Bananenstauden und Kakibäumen. Während wir in Deutschland nicht selten über das nasse Grau des Herbstes (und Sommers!) fluchen, ist man hier – von ganz wenigen Schneetagen im Januar und einigen kurzen Momenten im Frühjahr wenn durch die Schluchten nach heftigen Regenschauern wahre Sturzbäche tosen und manche Teile der Insel wegen Überflutung für Stunden oder Tage nicht oder nur über Umwege zu erreichen sind abgesehen – über jeden einzigen Tropfen Regen, der die Quellen und spärlichen Wasserreservoirs wieder auffüllt heilfroh. Dies nicht nur, weil jeder Tropfen für die spärliche Weide- und Landwirtschaft ein wahres Lebenselexier darstellt, nein, ausgiebige Regenfälle im Frühjahr und Herbst bannen auch ein anderes, sehr reales Risiko: Buschbrände!

Und dann ist da noch eine Sache, die es so an kaum einem anderen Ort Europas gibt:

Das grelle, fast unwirkliche Licht, dass eher an Nordafrika, als an Europa erinnert. Das alles ist aber kein Zufall, sondern Geographie: Kythera liegt weitestgehend südlicher als Sizilien. Dadurch fällt das Licht in einem sehr viel steileren Winkel als weiter nördlich auf die Insel. Folge sind harte und scharfe Schatten, und extrem klare Farbkontraste, die wirken als hätte jemand aus Versehen eine Tonerkasette zu viel eingelegt…Fast, als wäre ein kleines Stückchen Afrika nach Europa verlegt worden…

Fast, denn die Insel hat die eigentümliche Angewohnheit sich während Schönwetterperioden einen Schleier aus tiefliegenden nicht besonders massiven und ebensoschnell erscheinenden wie verschwindenden Wolken zuzulegen. Die Bezeichnung „Schleier der Aphrodite“  die die Einheimischen für dieses Wetterphänomen erfunden haben, lässt mich jedes mal an den bambergischen Schleier der Kunigunde, eine Art sagenumwobener Nebel, der die Weltkulturerbestadt angeblich vor Aliierten Bombardierungen geerettet hat, denken. Und tatsächlihc, es ist als würde jemand binnen Sekunden ein riesiges Leintuch über die Insel spannen und sie in ein diffuses und trotzdem scharfes, grau-weißes Lichts, dass alles zugleich verhüllt und in einer seltsamen Fehlfarbigkeit erscheinen lässt hüllen.

Bereits als ich dieses Phänomen das erste mal vor ein paar Jahren gesehen habe, habe ich mich gefragt, ob es dieses Licht war, dass El Grecco zu seinen seltsam „negativfarbenen“ Heiligengemälden inspiriert hat. Verwunderlich wäre das nicht, seine Familie stammte aus Chania, hier gleich um die Ecke auf Kreta, wo’s gelegentlich, aber nicht so häufig wie auf Kythera ein ähnliches Wetterphänomen zu bestaunen gibt.

El Grecco, der später vor allem in Spanien tätig war, muss dieses eindrucksvolle Spiel aus Licht und Nebel aus seiner Kindheit und Jugend sehr gut gekannt haben.

Mir erscheint daher die Hypothese, der „Schleier der Aphrodite“ habe El Greccos eigentümliche Malweise beeinflusst, eine bessere Erklärung für die seltsame, weiter nördlich unbekannte Farbgebung in El Greccos Bildern als die in der kunsthistorischen Literatur häufig diskutierte Augenkrankheit oder eine besonders innige Frömmigkeit die sich in einer bewussten „Überhöhung“ durch Fehlfarbigkeit ausdrückt. Nein, wer dieses Phänomen kennt, wird feststellen, dass in El Greccos Bildern ist nichts fehlfarben oder übertrieben ist. Der große Künstler hat die Dinge ganz einfach so gemalt, was er aus seiner Kindheit kannte, nicht mehr, und nicht weniger.

Vermutlich war es deshalb auch eher die Erinnerung an eines jener garnicht so seltenen kretischen oder kyhteranischen Herbst- oder Wintergewitter bei dem jähe magnesiumweiße Blitze durch vom Meer her aufsteigende, tiefhängenden Wolkenfetzen schießen und dabei die Nacht in magnesiumweißes Licht hüllen, das „Den Griechen“ zu seinen schreckenserregenden Heiligenvisionen ermunterte,  und nicht irgendwelche „göttlichen“ Visionen (die aber – dies sei den „Visionären“ der Kunstgeschichte zugestanden – , wenn man sie sich ausdenken müsste, nicht sehr anders aussehen würden. Nur musste sich El Grecco eben nichts ausdenken, er kannte das Ganze als „real version“). Vielleicht ist dieses seltsame Wetterphänomen ja auch die Erklärung für andere „Visionen“. Jene des Evangelisten Johannes. Der saß nur knappe 70 Kilometer nördlich am anderen Ende der Ägais auf einer anderen aus dem Meer aufsteigenden Insel: Patmos. Nach allem was ich weiß soll es dort mitunter, wenn auch seltener sehr ähnliche Wetter- und Lichtphänomene geben… und wer weiß, vielleicht war das „Himmlische Weib“ im Johannesevangelium ja garnicht so himmlisch, sondern nur eine Bäuerin, die nach Einbruch der Dunkelheit noch rasch die Ziegen in den Stall zurücktrieb und dann vom ersten Blitzstrahl eines in der Dunkelheit unbemerkt heranziehenden Gewitters in goldenes Licht gehüllt wurde…

Tatsächlich hat auch für mich Göttervater Zeus persönlich in seiner Mottenkiste gekramt und noch rasch bevor mein Flieger zurück ins kalte Deutschland geht Blitz, Donner und Sturm hervorgekramt. Gemeinsam mit seinem nicht weniger göttlichen Bruder Poseidon zaubert und allen Tritonen, Amphytriten und Winden werkelt er gerade am ersten ordentlichen Herbststurm des Jahres. Vermutlich ist das die Strafe für meine unselige Hybris, mit der ich als Sterblicher gestern und unziemlichster Anmaßung den Blickwinkel eines Gottes genießen ließ – Beim Anblick des „Schleiers der Aphrodite“ hat’s mich einfach gerissen und ich bin durch jähe Steilwände und noch jähere Schlaglöcher hinauf zu den Nato-Abhörantennen nach Agia Elessa gefahren.

Wortwörtlich „in den Wolken sitzend“ sah ich mir von dort dann „mein“ Kythera an und fühlte mich inmitten von Sturmgeheul und vom weiten Südmeer an die Felswände getriebenen Nebeln, beinahe selbst wie ein kleiner Gott…Die Rechnung kam heute postwendend in Form einer schlaflosen Nacht und einer wiederaufflammenden Erkältung…

Zeus ist sauer und grollt seit Mitternacht vom Gipfel des nahegelegenen Faskomiles. Vielleicht hätte ich aber auch gut daran getan mich auf die kleine vorgelagerte Insel Makrodragonara fahren zu lassen. Dort warfen Schiffsleute und Reisende über Jahrhunderte immer wieder Münzen in die kleinen Schluchten und schufen so mit der  Zeit einer der größten und vielfältigsten antiken Münzschätze, dessen Prägungen vom Schwarzen Meer bis nach Karthago und Spanien reichen. Leider ist auch dieser vor wenigen Jahren von Archäologen entdeckte Schatz heute genau wie  der Schatz von Antikythera mit dem „Antikytheraapparat“ nicht mehr auf der Insel, sondern in Athen…Irgendwann braucht man hier wirklich mal ein ordentliches Museum – und wer weiß, vielleicht gibt es dann auch mehr zu sehen, als „nur“ den berühmten „Kytheranischen Löwen“ eine vollendete Marmorstatue, die einst vermutlich den Burgberg von Paleokastro schmückte, später von den Venezianern über der Rampe des Forts in Chrora als Türwache aufgestellt wurde, dann ins Museum gebracht, von den Deutschen Besatzern als „Souvenir“ entführt, von einem kyhteranischstämmigen Professor in Deutschland wiederentdeckt und in den 1980er Jahren wieder auf die Insel zurückgebracht wurde…

Genug Archäologie und Kunstgeschichte für heute. Ich frage mich ohnehin schon die ganze Zeit, warum ich jedes Mal wenn ich etwas über diese Insel schreibe in griechische Mythologie und Archäologie abschweife und so wenig über die Gegenwart und den Alltag (na ja, so wenig war’s auch nicht) zu Papier bringe…vermutlich hat mich da auch der „Schliemann-Virus“ getroffen, so wie er jeden trifft, der sich auch nur ein wenig mit der Geschichte und Vergangenheit dieses Teils der Welt beschäftigt.

Ich muss weiter – Draußen verkünden Schreie und Motorsägen der Bauarbeiter und nicht Kirchenglocken den Neuen Tag – Sicher, es gibt hier – anders als in manchen ganz strengen Athoseinsiedeleien – auch Kirchenglocken, aber sie fühlen sich für so profanen Dinge wie Stunden und Tage anscheinend nicht zuständig…Entweder man macht das hier nicht so (was ich mir bei den doch recht zahlreichen Zifferblättern an den Kirchen nicht recht vorstellen kann), oder aber, die Uhrwerke sind irgendwann einmal kaputtgegangen und harren noch ihrer Wiederauferstehung…Jendefalls ist die Sache auch nach zweieinhalb Wochen auf der Insel noch immer sehr gewöhnunsgbedürftig für einen Wahl-Bamberger wie mich, der es gewöhnt ist, dass eigentlich immer und überall mindestens eine Glocke ihren Dienst verrichtet und ganz fürchterlich erschrickt, wenn wirklich einmal absolute (und nach bambergischem Verständnis auch absolut unchristliches) Schweigen herrscht… Nun…es geht auch so…

Und da sich auch Zeus inzwischen wieder beruhigt zu haben scheint, werde ich heute vermutlich auch zurückfliegen können. Mal sehen ob der große und kleine Jannis auch bei diesem Wetter am Strand sind. Danke an alle, die geholfen haben, dass auch dieser Forschungsaufenthalt wieder ein Augenöffner und Erfolg war…Ich werde mich jetzt gleich nochmal ins Auto setzen und mich zu einer ausgiebigen Abschiedsfahrt über die Insel aufmachen…

Giassas!

Reise nach Kythera 10 – Zwischen Heidiland und Down Under oder: Neulich am Strand von Diakofti…

Hellas !

Hellas !

„Grüazi, sid’s Ihr au vo Züri dô“

Genauso wenig wie „Baden am Strand“ normalerweise zu den Aufgaben eines fleißigen Feldforschers gehört, würde man diese Frage an einem kleinen Sandstrand südlich des Peloponnes erwarten. …Doch auf Kythera funktionieren Kathegorien wie „man würde nicht erwarten“ oder „noralerweise“ nicht, jedenfalls nicht so, wie im guten alten Mitteleuropa.

Kyhtera ist anders – nicht nur im Reiseprospekt! Der Strand von Diakofti ist Mitte Oktober einfach der beste Ort an dem „Forscher“ ganz zwanglos und unter dem mehr als mäßigen Schatten einiger Strandzypressen (ich bin immer noch überzeugt, dass es nichts anderes als reichlich zerzauste Tamarisken sind…) mit Leuten aus aller Herren Länder ins Gespräch zu kommen.

Das diese Menschen es zufälligerweise gerade auch Leid sind sich neuerdings erfolgreich „Wanderwege“ nennende, felsbrockenübersähte Ziegenpfade auf und abzusteigen, ist ein angenehmer Nebeneffekt, aus dem sich dann auch gleich trefflich ein improvisiertes Interview zur touristischen Zukunftsentwicklung der Insel basteln lässt.

Ergebnis eines dieser „Gespräche“ war, dass auf der Insel dringend eine Abordnung des schweizerischen Alpenvereins tätig werden müsse, die bei der Gründung einer örtlichen Gruppe tatkräftige Hilfe leisten könnte, damit die letztendlich die Wanderwege in einen „menschenwürdigen“ Zustand versetzen sollte…Ich vermute jetzt einfach mal, dass niemand außer mir den Zustand der Wege vorher kannte. Ich finde sie mehr als vorbildlich und auch durchaus „menschenwürdig“ ;-).

Außerdem wollte ich mich heute ja mal kurz fassen…

Man (also der Feldforscher im nicht mehr so ganz funktionierenden Inkognito – Griechische Inseln sind eben in der Nebensaison sehr klein…) liegt also  teilnahmsvoll teilnehmend beobachtend am Sandstrand. Auf dem Kopf ganz stilecht einen falschen Panamahut und in den Händen einen gar nicht mal so schlechten amerikanischen Roman…nicht jeder Neuankömmling muss gleich sehen, dass man über die Insel forscht…man wird hier sonst sehr schnell zum unfreiwillig-inoffiziellen Reiseführer verdonnert…

Deshalb ist auch alles deutschsprachige auf dem Buchcover oder an der Kleidung tabu – schließlich muss angesichts der aktuellen „Beziehungskrise“ zwischen Hellas und Germania nicht jeder sofort wissen, woher man kommt…Es erspaart einem die eine oder andere reichlich sinnfreie politische Diskussion auf der Metaebene…Wobei, im Gegensatz zu ihren Athener Brüdern sind die Kytheraner in diesen Dingen – meist – wesentlich realistischer. Es wird hier eben nicht alles so heiß gegessen wie es auf dem Syntagma-Platz gekocht wird, und man ist weltgewandt genug, dass man auch mal den kritischen Abstand zu allzu nationalistischen Tönen der eigenen Regierung wahren kann…Außerdem…es gibt hier genug lokale politische Themen über die man sich – selbstverständlich in Englisch – die Köpfe heiß reden kann…

Das heißt nun nicht, dass meine Interviewpartner nicht sehr genau wüssten, wer ich bin und was ich mache…Diesmal gab’s sogar extra Flyer mit Bild und zentralen Fragestellungen der Arbeit (Erfolg des Ganzen war, dass die Hälfte meiner Interviewpartnerinnen es nicht lesen konnte, weil sie zu eitel waren eine Brille zu tragen und die Andere Hälfte sich in herzlichen aber liebevoll darüber amüsierte, wie unglaublich organisiert und „deutsch“ ich doch sei…Das nächste Mal also keine Flyer mehr…

Grundsätzlich gesagt ist es hier aber für die „Erstbegegnung“ wie in allen „kleinen griechischen Bergdöftern“ (Titel eines berühmten ethnologischen Standardwerkes) schlichtweg besser, wenn nicht jeder sofort weiß wer man ist, und was man macht, sondern sich erstmal auf „normaler“ Ebene kennenlernt. Andernfalls bekommt man außer dem üblichen „Kythera ist eine wundervolle Insel um darauf Urlaub zu machen“ -Stereotyp nichts sehr viel zu hören und sehen.

Immerhin war hier noch niemand so überengagiert, dass er mir – wie in Franken bereits zwei mal passiert – seine gesamte Sippschaft in Tracht mit Schnaps, Brot und Schinken auf den Hals hetzte…Es damals ja war nett gemeint, aber…

Zurück nach Kythera: Nach etwas über zwei Wochen, die ich jetzt hier bin, weiß eh jedes Kind wo ich hingehöre und was ich mach (die ersten bringen mir schon kleine „Inselandenken“ in Form von Disteln, Sempervivablüten (Inselblume) und bunten Kieselsteinen – Ich habe gerade etwas Angst wegen der Kosten für Übergepäck und fühl mich außerdem wie Malinovsky an seinem berühmten Schreibtisch…Die Welt ist klein hier…sehr klein…Die Menschen sind (noch!) außerordentlich nett und hilfsbereit und sehr stolz, wenn sie einem etwas neues zeigen können (manchmal auch zu sehr, aber woher sollen sie denn auch wissen, dass ich den Weg nach Amir Ali wahrscheinlich besser kenn als sie selbst und nicht auf jedem Quadratzentimeter Schutz vor herumstreunenden Katzen, Brombeerdornen, Libellen (die „stechen“ nach mediterranem Volksglauben nämlich…dafür scheint man vor Hornissen – die zwar nicht tödlich sind, aber sehr fieß zustechen können – keinerlei Angst zu haben) und gefährlichen Herbstblättern (sic!) brauche. Auch das ist nett gemeint, und nie auf- oder zudringlich, sondern immer Ausdruck der besonderen Sorge um den geschätzten Gast. Dass ich dabei gelegentlich auch zum Aufpasser der Kiddis wurde und nicht andersherum…mein Gott, das passiert und ist eigentlich eine hohe Auszeichnung, weil die kytehranischen Mütter mir, dem Fremden, in dieser Hinsicht ganz offensichtlich blind vertrauen. Nur eilig sollte man es eben nicht haben…Vielleicht tut mir das bisschen Entschleunigung auch ganz gut. Es hilft zu vestehen, warum hier jahrhundertelang Dinge sehr anders funktionierten als im durchorganisierten und punktgetakteten Deutschland, nicht weil man etwa faul oder unmotiviert gewesen wäre – wie es die gehässige Deutsche Fama nur allzu gern über Griechen verbreitet – sondern weil es die Natur der Insel und ihre sehr begrenzten Ressourcen einfach nicht anders zuließ.

Ruhe, Kluge Selbstbeschränkung und Zurückhaltung – kurz das richtige Maß – waren hier nicht nur abstrakte philosophische Tugenden – sie waren und sind überlebenswichtig. Auf einer Insel, auf der man nie wusste, wann der nächste Piratenüberfall kommen, die nächste Ernte ausfallen, oder die Winterregen ausbleiben konnten, das wenige Vieh geraubt oder von einer Seuche hinweggerafft würde, oder monatelang wegen Stürmen und kriegerischer Konflikte kein Schiff mehr durchkam – tat und tut man gut daran, die eigenen Wünsche, Hoffnungen und Erwartungen nicht allzu hoch in den Himmel wachesen zu lassen und langam, bedacht und beständig anzugehen – Vielleicht ist dies das eigentliche Geheimis des weltweiten Erfolgs jener Kytheraner, die in andere Länder ausgewandert sind. Sie haben Träume, große sogar – aber sie vergessen nie, dass es harter Arbeit und einen sehr langen Athem braucht um diese auch umsetzen zu können. Diese ruhige, bescheidene, realistische, freundliche, aufgeschlossene, niemals aufdringliche Art, die erst einmal abwartet, nichts überhastet, nachdenkt und erst dann entscheidet und auch vor Mühe und Rückschlägen nicht zurückschreckt ist es, die mir hier auffällt.  Man kann nur hoffen, dass dies so bleibt, und die Bewohner der Insel sich nicht von der Aussicht auf schnellen, aber zerstörerischen Profit blenden lassen – wenn das gelänge wäre es eine der ganz großen Ressourcen und Alleinstellungsmerkmale der Insel.

Zurück nach Diakofti: Der teilnehmende Feldforscher liegt also gerade teilnehmend beobachtend am Strand, wehrt den örtlichen Strandhund ab (der gute, arme, alte Kerl hat die dumme Angewohnheit sich ERST ins Wasser zu werfen und sich DANN pitschnass auf einen fallen zu lassen, andersrum wär echt praktischer, aber das kapiert groß Jannis nicht. Es gibt übrigens auch den kleinen Jannis, der ist aber der Sohn eines der Fischer – ich hoffe, dass groß Jannis, wenn klein Jannis groß ist nicht mehr ist, ansonsten wird das echt verwirrend…

Man liegt also so da, ließt amerikanische Romane und denkt an nichts böses als urplötzlich zwei blondgelockte Schönheiten im Bikini in breitestem Züri-Dialekt über die Insel, die Schwachheiten der lokalen Männerwelt und die ach so „korrekten“ Schweizer berichten…was die zwei nun aber nicht wussten (sie wussten sonst alles, der Opa war schließlich der Inhaber des alten Kaffées in Bimberlesdrianika…), war, dass der „Grieche“ zwei Meter neben ihnen (er hatte sich wirklich wunderbar als Grieche getarnt, sogar die Hautfarbe passte!…Chapeau!) auch Kythera-Schweizer war, und – und das machte sie Situation erst interessant – ein langläufiger Cousin 2. Grades mütterlicherseits…Das nachfolgende Gespräch und das allgemeine Erstaunen war beiderseits, kurz und heftig.

Mich hingegen wundert hier garnichts mehr, da ich in den letzten zwei Wochen mehr schwizerdütsch als Griechisch zu hören bekommen habe. Offensichtlich gibt es einen neuen Trend und die Greko-Kytheranisch-Schweizerische Community, sowie die gesamte greko-affine Teil der hochalpinen Wandersektionen Zürich-Land, Zürich-Stadt, Toggenburg, Appenzell-Innerroden, Bern-Oberland und Solothurn haben sich hier zu einem inoffiziellen Meeting mit ihren englisch- und schwedischsprachigen Mitstreitern verabredet. Das Wandertourismuskonzept für die Nachsaison scheint aufzugehen.

Das Ganze hat auch etwas amüsantes. Es ist einfach zu herrlich zu beobachten, wie blumenkohlfarbene Menschen (ich war bis vor Kurzem auch noch so einer, jetzt bin ich irgendwas zwischen Rot und Braun) im absolut stereotypsten Wanderoutfit auf einer an sich relativ übersichtlichen Insel, völlig verwirrt und leicht peinlich berührt auf der Suche nach dem Weg zum Kolokothrinesdenkmalsgedächtnisweg zwischen Strandliegen und Sonnenschirmen herumirren.

Auf ihren Gesichtern einen Ausdruck, der sehr deutlich macht, dass sie es absolut nicht fassen können, dass hier Ende Oktober noch Hochsommer ist (jedenfalls für Nordeuropäische Verhältnisse) und die Frage, warum sie – wo sie doch sonst allen möglichen und unmöglichen Nonsens mit sich herumschleppen (Wanderführer in drei Sprachen, IPod mit den 600 schönsten Wanderliedern vom Montanara-Gebirgsschützenchor, Kletterausrüstung, Astronautennahrung…- Keine Badeklamotten eingepackt haben.

 

Seltsamerweise ist noch niemand von den „Naturburschen jenseits der 60“ (Selbstbezeichnung…wir hatten hier gestern vor dem Zefiros ein Meeting der „Lustigen Holzhackerbuam“…“Meine“ armen Kytheraner wurden in die Kunst des Schuhplattelns eingeführt…) auf die Idee gekommen ist, einfach so wie er geschaffen wurde…oder zumindest in Unterwäsche ins Wasser zu springen…Stattdessen blicken sie beim Anblick der letzten Badenden peinlich berührt auf ihr Handy (das funktioniert hier eh meistens nicht, entweder weil kein Empfang da ist, oder es zuviel Signale von den amerikanischen Abhörantennen auf dem Digentis oder bei Ag. Elessa git…aber das ist geheim! ;-)). Es hat etwas gedauert bis ich verstanden hab, dass sich diese Leut keinesfalls verlaufen haben und nun versuchen herauszufinden wo sie sind, sie suchen einfach nach dem nächsten Geo-Chache (auch das ist neu) irgendein Witzbold hat den nämlich ausgerechnet im verfallenen Fischerhäuschen direkt am Strand versteckt…Nach dem dritten  mittelalterlichen Jungspunt der mir dann an einem Vormittag über das Handtuch gelatscht ist, hab ich dann den Spielverderber gemiemt, das verdammte Ding aus seinem „Versteck“ geholt und es einfach neben mich gestellt und mit müdem Lächeln drauf gezeigt, sobald sich wieder einer dieser Handy-Wanderer näherte…Als ob es nicht ausreichte einfach die Landschaft anzusehen und sich darauf zu konzentrieren…Übrigens findet auch der „große Jannis“, dass das, was die Leut da machen irgendwie idiotisch ist, und knurrt die hochtechnisierten Eindringliche böse an…eigentlich macht er das sonst nicht, und freut sich, wenn er mal wieder ein paar Touristen zum knuddeln und anbetteln hat…vermutlich passt ihm einfach nicht, dass diese Leut ihn absolut nicht beachten…

Die Kyhteraner meinen im Übrigen es sei Hochwinter und eiskalt. Wenn ich oder jemand von den anderen Blumenkohlmenschen denn doch mal in die Fluten steigt, sehen sie einen an, als wäre ich ein Eisbär. Mal schauen wie lange es dauert bis mir jemand einen Pelzmantel und Glühwein anbietet…

Doch zurück zu den weitläufig verwandten Kythera-Schweizern…Sie waren nicht die einzigen „Expatriots“, die sich an diesem Vormittag dazu entschieden hatten den verspäteten Hochsommer mit einem Bad in der türkisfarbenen Lagune von Diakofti zu beginnen. Nur drei Meter hatten inzwischen zwei ältere im Wasser plantschende Herren (beide waren sehr offensichtlich Nichtschwimmer und hatten herrlich quietschbunte Schwimmhilfen Marke „Bademeisterwurst“ dabei) in jenem unverwechselbar „Outbackgefärbten“ und mit veralteten venezianischen Floskeln gespickten Kythera-Englisch zu reden begonnen, das nur echte Remigrants oder Heimaturlauber aus down under zu sprechen pflegen.

Geradezu „lebendig“ (jedenfalls für Kytheranische Begriffe) wurde das ganze idyllische Stillleben dann beim Zauberwort „Karavas“ (ein Ort im Norden der Insel). Der gesamte Strand (außer mir natürlich) vereinte sich binnen Sekunden zu einem multilingual geführten  Abgleich der jeweiligen Stammbäume, Ahnen und Besitztümer auf der Insel. Es war das reinste heiter-babylonische Sprachgewirr aus Schwitzerdütsch, Griechisch und Australo-Englisch aufgelockert mit ein paar Brocken Französisch.

Diese sehr spezifische Obsession der Kytheraner von ihren Stammbäumen und der damit verbundenen Abstammung/“Blut“ inklusive der latenten Tendenz mindestens von einer, wenn nicht gar zwei adligen Familien (man hat die Wahl zwischen venezianisch und/oder byzantinisch, am besten aber ist beides…man weiß ja nie…) abzustammen (bzw. abstammen zu müssen!) ist nebenbei bemerkt echt venezianisches Erbe, dass sich genauso auch bei den Diasporakytheranern in den Nobelvororten von San Francisco, Zürich und Sydney findet (nur passt’s dort irgendwie besser hin…Englischer Rasen, akropolisartiges Anwesen, Blick auf Zürichsee, Pazifik oder Tasmanische See…sicher, Kytheraner finden sich auch in den anderen Vierteln, aber es geht hier um’s passen, nicht um den repräsentativen Querschnitt).

Zwar haben auch hier (d.h. auf Kyhtera) die stets unverschämt-revolutionsgierigen Franzosen 1797 das hochheilige Libro d’oro mit dem Verzeichniss der Manneslinie zurück bis zu Adam und Eva und den Griechischen Göttern verbrannt, aber es gibt und gab – Gott sei’s gedankt – immer noch genügend mehr oder minder akkurate Abschriften, Wappen und Urkunden. Trifft man dann auf der Heimatinsel ein oder zweimal im Jahr mit der entfernten Verwandtschaft aus Australien, Italien, den USA, Deutschland und Südafrika zusammen, lässt sich gemeinsam und mit dem mühsamst und in Jahren aufopferungsvoller Recherche zusammengetragenen mehr oder minder zuverlässigen „Archivmaterial“  bei einem Caffé Fredo stundenlang der gesamte Stammbaum und die gegenseitigen Verwandtschaftsverhältnisse rekonstruieren. Irgendwie muss man schließlich die unerträglich heißen Nachmittage unter südlicher Sonne verbringen…und es gibt ehrlichgesagt schlechtere und weitaus weniger interessante Möglichkeiten!

Wie exzessiv diese Obsession von den Kyhteranern gepflegt wird, zeigt sich am besten an einem kleinen, zweisprachigen Schild im Eingangsbereich des historischen Archivs von Kythera (ich geb’s hier der Einfachheit halber nur in seiner englischen Variante wieder):

The stuff of the archive is not obliged to research family-trees on behalf of individual persons !

Wie es sich mit mehreren Personen, Familien oder anderen Ausnahmen verhält konnte ich leider nicht herausfinden, nur, dass das Archivpersonal unter alles andere als optimalen Bedingungen wahre Wundertaten vollbringt (und das ist hier durchaus ernst gemeint!).

Ums Kurz zu machen und wieder an den idyllischen Strand von Diakofti zurückzukehren:

Nach ca. einer Viertelstunde intensivster Diskussion und der Zitation von mindestens 200 absolut unbezweifelbaren Autoritäten im Bereich der kyhteranischen Ahnenforschung (Oma, Onkel Giannis, Onkel Panagiotis, Großtante Tzeli…) hatten sich Alle anwesenden (außer mir) darauf geeinigt, dass sie mit allergrößter Wahrscheinlichkeit ein und denselben Ur-Ur-Großvater (selbstverständlich aus dem Zauberwortort Karavas…) hätten und außerdem mit mindestens vier Dutzend weiteren Cousins und Cousinen über fünf Ecken gemeinsame Verwandte aufwiesen…Hört sich reichlich konstruiert an?

Wie gesagt, Kythera ist anders, nicht nur im Reiseprospekt…und wenn ihr schon an der Reliabilität einer harmlosen Begegnung entfernter Verwandter am Strand von Diakofti zweifelt, dann sollte ich Euch vermutlich garnicht erst die wundervolle Geschichte vom Tag als Lady Di per Hubschrauber eingeflogen wurde erzählen…und dass gerade zwei indische Filmscouts auf der Suche nach einem exotischen Drehort für den nächsten Bollywoodschinken mit mir auf den neu ausgeschilderten Wanderwegen den griechischen Busch unsicher machen (sie sind mir aufgefallen, weil sie die einzigen Wanderer waren, die nicht permanent auf ihr Handy glotzten!), glaubt mir vermutlich auch niemand…selber schuld!

PS: Wenn man weiß, dass heute nur noch ca. 3-4000 Kytheraner auf der Insel, aber 80-150.000 (niemand weiß das so genau) ihrer Nachkommen auf dem gesamten Erdball wohnen, und nicht ganz wenige davon (auch hier fehlen exakte Zahlen, wir sind schließlich in Griechenland…aber ich schätze es dürften jährlich um die 5-6000 sein, von denen ca. 2-300 noch irgendwo ein eigenes Häuschen/Zimmer auf der Insel haben und ca. 50-100 einen oder mehrere Monate im Jahr auf der Insel verbringen), mehr oder minder regelmäßig die Heimatinsel besuchen (manche sprechen in diesem Zusammenhang auch von „Heiweh-“ bzw. „Andl-Tourismus“ und „Heim-Suchung“, aber das ist eine andere Geschichte…) wird manches, was einem auf den ersten Blick an dieser Insel sehr erklärungsbedürftig erscheinen mag zum „ganz normalen Alltagswahnsinn“.

PPS:…dass es in der Schweiz eine derart starke kytheranische Community gibt, war selbst mir neu…

PPPS: So…da mein letzter Interviewpartner nicht vom sprichwörtlich ambivalenten griechischen Verhältnis zu Raum und Zeit gepackt wurde und man auf der „Insel der Seligen“ ganze Tage als teilnehmender Beobachter mit Beobachten von Heimweh-Touristen beim Baden zubringen kann (nein, ich war eigentlich nur ne gute Stunde unten…aber theoretisch geht’s und doppelt nein, das ist Forschung…sogar ein ziemlich wichtiger Teil davon, weil ich anders an diesen Personenkries absolut nicht herankomme…) scheint mir der „Schwarze Loch Effekt“ noch ausgeprägter zu sein als in good old world heritage site Bamberg in dem ansonsten weltweit anerkannte Kategorien wie „Uhrzeit“, „Monat“ und „Tag“ auch nicht unbedingt dieselbe Gültigkeit haben, wie im raumzeitlich geordneteren Schwabenland. Eine echte Belastungsprobe, der ich mich aber gerne unterwerfe. Und wer das jetzt nicht verstanden hat: ich sagte ja am Anfang, dass das hier eher eine Art „Gedankenblitzsammlung“ werden soll…

PPPPS: Mir fehlt einfach noch ein wenig davon, was man auf dem griechischen Festland „kefi“ nennt (eigentümlicherweise habe ich das Wort niemals im Munde von Kyhterandern und ihren Nachkommen gehört…vielleicht gelten sie daher nicht ganz zu unrecht als die „Preußen Griechenlands“ ) Schade eigentlich, dass die temporäre Beschränkung von Forschungsaufenthalten aus terminlichen und pekuniären Gründen diese Art des epistemologisch wie methodisch so wichtigen Eintauchens in die „Nahe und nicht so nahe Fremde“ heute kaum noch möglich macht…oder wann habt ihr zuletzt davon gelesen, dass jemand 2 oder 3 Jahre bei einem Stamm in den Anden oder auf einer kleinen griechischen Insel zugebracht hätte? Sic transit gloria ethnologicae…wenigstens bin ich inzwischen nicht mehr ganz so blumenkohlfarben und die Kinder erschrecken nicht mehr, wenn ich um die Ecke bieg…

Giassas! Hellas 1

Reise nach Kythera 9 – von staatlichen Interviewverboten, 1237 Kurven, babylonischen Radiogewohnheiten, goldenen Ikonen und renitenten Bankautomaten

Agia Myrtidiotissa, Schrein der Madonna im Myrthenbusch

Agia Myrtidiotissa, Schrein der Madonna im Myrthenbusch

Oh happy land where they build houses as they would be just shadowwalkways to protect too timid people just before another pale beast called sun.

Where waves of purple ev’ning’s wings do herald, and moon does not mean scary night but pleasure pure.

Where wild goats grazing jagged hills, and Zephyr his moods can run free.

Where Venus shines much brighter than there in the foggy north, and pure Azur up to the horizon is all wide open sea.

Es mag jetzt zwar gruslig verzopftes Englisch sein, aber es passt hierher. Einem Land, wo einem als kleine Aufmerksamkeit der Chefin tatsächlich zum Logharithmos (der Rechnung) Milch und Honig in Form von gefrorenem Ziegenjoghurt und Fatsourada in einem Restaurant nahmens Zephir serviert werden. Hört sich jetzt seltsam an, aber Fatsourada ist hier keine Bohnensuppe, auch wenn’s auf den ersten Blick tatsächlich etwas danach aussieht, sondern es sind halb gedörrte Trauben, die so lange in Honig eingelegt werden, bis sie ungefähr die doppelte Größe haben und garnichtmehr nach Trauben, sondern dem berühmten Thymianhonig der Insel schmecken.

So getröstet bin ich denn auch heute nochmals zum Nationalheiligtum der Kytheraner aufgebrochen…vielmehr zu beiden. Zuerst die Fortezza in Hora…den Gang hätt ich mir aber spaaren können, denn das Kultusministerium hat offiziell sein Veto gegen mein Interview mit seiner Archivleiterin eingelegt…Gott weiß warum, is aber so, und damit gut…Die Infos, die ich brauch hab ich auch so, wenn auch eher hintenrum und durch die Kalte Küche über andere Personen…

…Denke wie ein Byzantiner, handle wie sie, heirate sie, beherrsche sie…einer der Venieri, die hier jahrhundertelang das Sagen hatten und deren Wappen ich mir heut in dem kleinen Museum im Pulvermagazin angesehen habe, soll sowas ähnliches mal sinngemäß gesagt haben, und es stimmt bis heute…Ich hab’s jetzt erstmal beim denken und handeln belassen, das genügte…

Ebenfalls leicht „byzantinisch“ im Sinne von „unnötig kompliziert“ gestaltete sich heute mein notwendiger Bankgang. Da wir in Diakofti keine Bank haben (keine Ahnung ob es eine in Avlemonas gibt, ich denk aber nicht…) muss ich zum Geldholen entweder nach Hora oder Potamos (Supermarkt wäre einfacher, davon gibt’s ca. 9 3/4, für knapp 4000 Inseleinwohner…den Minimarkt in Diakofti, der nur in den Monaten Juni bis September offen hat nicht mitgerechnet). Anders ausgedrückt: der Gang zum Bankomat will äußerst gut überlegt sein, denn es liegen jedesmal ca. 21,5 Kilometer oder 330 Kurven.

Spaßeshalber habe ich heute auf der Strecke nach Hora mal mitgezählt. Nach Potamos wären’s wegen der neuen Straße und dem etwas weniger zerklüfteten Gelände sicher etwas weniger – aber da wollt ich ja (zumindest anfangs) garnicht hin… Macht – moment – nach Adam Riese ca. 15,4 Kurven auf einem Kilometer und ungefähr eine gute dreiviertelstunde Fahrt – und das auch nur, wenn gerade kein Bauer oder Ziegen, oder Truthähne (das war heut neu, und die Biester sind echt extrem schwer von Begriff!) auf der Straße unterwegs sind. Dazu ein Höhenunterschied von etwa 600 Metern. Wer sich jetzt fragt, wie um alles in der Welt man 15,4 Kurven (und ich habe äußerst großzügig gezählt und die ganzen Minischlenker unter 50 Meter Länge weggelassen) auf 1 Kilometer unterbringt, sehe sich nochmal meine Aphorismen zu kytheranischen Straßen an. Wer’s nicht glaubt, mög selber herkommen und es selber ausprobieren 😉

Dumm nur, dass wir diesmal einen etwas größeren Stromausfall hatten, und daher auch beide Bankomaten in Chora außer Betrieb waren…

Also weiter nach Potamos! Sind ja nur ungefähr 200 Kurven, ca. 15 Kilometer oder eine gute halbe Stunde Autofahrt mehr…Aber wen interessiert das schon, wenn die Landschaft um einen herum so herrlich ist…Das ich es heute etwas eilig hatte, weil ich leichtsinnigerweise ein paar Schweizern versprochen hatte, sie in Avlemonas zum Mittagessen zu treffen (natürlich wollt ich sie auch gleich ein wenig ausquetschen, was denn so ein normaler Wandertourist (die Gattung ist recht neu auf Kythera) über die niegelnagelneuen Wanderwege und den beginnenden Öko-Tourismus auf der Insel halten…) erwähn ich jetzt besser nicht…Eile ist etwas, was auf der „Insel der Seligen“ nur sehr, sehr bedingt funktioniert, und dass man besser daheim in „good old Germany“ lassen sollte.

In Potamos angekommen, ging auch da der Automat aber auch nicht…jedenfalls nicht so, wie er sollte…Entweder ich war zu dusselig für das Ding oder das Ding war zu dusselig für mich – Der jahrtausende alte Konflikt zwischen Mensch und Technik eben – Und bevor der Bankomat auch noch die Karte schluckt, und weil ich dann doch ganz gern etwas Bargeld dabei gehabt hätte (je nach Jahreszeit und Taverne ist es hier manchmal ein bisschen schwierig mit Karte zu zahlen…)  hieß es wieder zurück nach Chora. Vor allen an Tagen mit Stromausfall…)

Also nochmal 200 Kurven, 15 Kilometer und eine gute halbe Stunde Autofahrt…nein es war diesmal etwas mehr, ich hatte Pech und ein Bauer fuhr gerade irgendwas in der Gegend herum…

Beim Kloster von Panagia Kakopetriotissa bei Manitochori – Dem Ort der kytheranischen Variante von Romeo und Julia – noch ein schnelles Stoßgebet, und siehe da, es klappte endlich! Dumm nur, dass mein Tank inzwischen beinahe leer war und ich gleich danach wieder zurück nach Potamos zum tanken musste (ja liebe Kytheraner und Kytheraliebhaber, es gibt auch eine Tankstelle in Livadi und ja auch in Karvounades ist eine, und wenn ich mich richtig erinnere gib’t irgendwo in Chora auch eine…aber die sind alle 10-20 Cent teurer als in Potamos! und bei 1,96 statt 1,85 pro Liter (oh gelobtes Deutschland mit deinem superbilligen Benzin!) überlegt man dann schon ob man die 15 Kilometer Umweg fährt…

Inzwischen hatten auch noch meine Schweizer abgesagt – sie hatten die Strecke von Avlemonas hinauf zur Kapelle Agios Giorgis (hl. Georg) und zurück nach Avlemonas unterschätzt, würden aber vorschlagen, dass wir uns dort erst heut Abend treffen sollten – Danke Panagia Kakopetriotissa! – auch wenn ich den leichten verdacht habe, dass es den zweien auch so ging wie mir und sie, einmal da oben angekommen, sich einfach nicht mehr von dem herrlichen Rundblick und dem Zauber des Ortes loslösen konnten, an den schon seit über 4000 Jahren Menschen pilgern. Man hat dort- wie oft auf der Insel- direkt bei der Kapelle ein kleines, aber sehr feines minoisches Höhenheiligtum ausgegraben über dem dann ein mykenisches, hellenistisches und griechisch-römisches Heiligtum errichtet und schließlich eine frühbyzantinische Kapelle errichtet wurde (Es soll dort immer noch ein Fußbodenmosaik aus dem 6. oder 7. Jahrhundert geben, leider ist die Kirche fast immer verschlossen), über der dann der heutige Bau errichtet wurde – wer einmal dort war, weiß warum…

Da ich nun also unerwartet mehr Zeit hatte, bin ich dann doch nochmal nach Agia Myrtidiotissa und nahm dazu sogar die neue „Autobahn“…und da ich dann eh schon auf dem halben Weg nach Mylopotamos, dem Wasserfall, dem Byzantinischen Fort, der Britischen Schule und der Venezianischen Festung (ich wollt eigentlich nur gschwind nachschauen, was da läuft…Resultat war Wanderweg Nummer 3 mit 400 Metern Höhenunterschied auf minimaler Strecke, geschlossenem Café (ich glaub ich schaff das in meinem Leben nicht mehr unter den berühmten Platanen von Mylopotamos einen Café Freddo zu bekommen…) und gefühlten 45° im Schatten (32° waren’s real, die Felswände halten im Herbst gnadenlos die Hitze). Aber ich will nicht klagen, der Ort ist einfach zu schön, und der kleine Garten rund um die abwärts von Mylopotamos gelegene Wassermühle lohnt den Besuch allemal. Bis nach Kalami runter bin ich diesmal allerdings nicht, der Weg zurück war mir bei der Hitze einfach zu anstrengend.

Irgendwann waren dann meine 1000 Kurven pro Tag aufgebraucht . Alles in allem waren es heute 1237. Selbst in der nicht ganz kurvenarmen Bamberger Altstadt wär ich damit vermutlich mindestens 2 Wochen beschäftigt gewesen…

Noch viel lustiger als Kurvenzählen war aber das Sprachengewirr, dass man dabei im Radio zu hören bekommt. Jede Kurve ein neuer Sender, jeder Hügel eine andere Sprache…Ich bin noch nie so schnell von Italien über Albanien und Serbien in Griechenland, der Türkei und (ganz im Süden) irgendwo in einem nordafrikanisch-arabischen Land gewesen! Dazwischen gab’s etwas das sich anhörte wie Russisch oder vielleicht doch Bulgarisch? Und dann waren da auch noch (keine Ahnung woher das nun wieder kam) ein paar Brocken Deutsch (vielleicht Radio Vatikan?) und irgendwas was sich anhörte wie eine Mischung irgendeiner halbverschluckten Romanischen Sprache mit Arabisch (Maltesisch?). Dazwischen gab’s dann noch auf Radio Musikbox (Ich liebe diese Tautologie!) englisches Programm mit den besten 50er Jahre Bigband Schlagenr (darunter mein Liebling: why art thou not like other man and bring me money!). Mein griechischer Tageshit war dann aber der Hopala-Song. Das ganze Lied besteht eigentlich nur aus Hoppala’s und Wörtern die sich darauf reimen…Einfach wunderbar wenn man gerade steil bergab die 20. Sichelnadelkuve am Stück nimmt, einen dabei zwei besonders tiefe Schlaglöcher ordentlich durchschütteln und zum Abschluss des Manövers urplötzlich ein Pickup den Weg blockiert!

Abends waren dann nochmal ein paar Kurven (ich schätze hin und zurück um die 300) zum Abendessen nach Avlemonas angesagt. „Meine“ Schweizer waren wundervoll, haben mir nicht nur sämtliche Fragen beantwortet, sondern mich gleich noch zu einem mehr als feudalen Abendessen unter Lampiogns am wundervollen Felsenstrand von Avlemonas eingeladen – Danke!

Gerade nehme ich noch einen kleinen Schluck von dem leichten, roten Wein der Insel. Ein älterer Herr und begeisterter Hobbywinzer, der lange in Deutschland, Italien, Australien und in mindestens einem halben Dutzend weiterer Länder gelebt hat und jetzt wie viele andere auch seinen Lebensabend auf der Insel verbringt, hat ihn mir gestern in einem kleinen Plastikanister mitgegeben. Ich hatte mich mit ihm ein wenig über die Landwirtschaft, das Wetter und die Menschen unterhalten und nachdem wir das erstmal auf Griechisch, dann auf Englisch und schließlich Italienisch versucht haben (in allem war er deutlich besser als ich!), haben wir dann irgendwann festgestellt, dass wir unser Gespräch, das längst zum Interview geworden war, eigentlich auch in Deutsch fortsetzen könnten. Selten ist das hier nicht, da sehr viele Kytheraner für kürzere oder längere Zeit im Ausland waren, oder dort aufgewachsen sind, viele – vor allem jene, die aus der Diaspora „heimgekehrt“ sind – verfügen über einen oder sogar mehrere Universitätsabschlüsse und es ist alles andere als selten, dass man mitten in einem gespräch plötzlich feststellt, dass das Gegenüber ein gefeierter Journalist oder Universitätsprofessor an einer Elite-Uni ist. Bei Interviews ist das mitunter etwas schwierig, weil das Gegenüber meist sehr genau weiß, wie das funktioniert, und daher ganz schnell auch den Spieß umzudrehen weiß…Aber ist denn das, was man selbst gefragt wird und darauf antwortet, nicht mindestens genau so informativ, wie das, was man selbst wissen will?

Und nein, für  den Wein bezahlen durfte ich natürlich wieder einmal nicht – nicht das die Kytheraner keinen Geschäftssinn hätten, sie sind sogar dafür berühmt, aber sie haben eben auch sehr viel Herz. Als Deutscher hat man da ganz schnell ein schlechtes Gewissen und fragt sich, warum das eigentlich bei uns nicht so funktioniert – na ja, manchmal schon, aber eben wesentlich seltener als hier…

Der Wein gleicht übrigens ein wenig dem, was wir in Schwaben „Schiller“ nennen würden und ist für südgriechische Verhältnisse erstaunlich fruchtig und leicht. Ich hoffe jetzt einfach mal, dass das leichte Schaukeln, dass ich gerade spüre, kein Nachbeben sondern einfach nur der Alkohol und mein durch das ganze Herumgefahre leicht gestörter Gleichgewichtssinn ist…

Giassas!

Kytheras Roter Platz

Kytheras Roter Platz

PS: Hier als kleiner Nachtrag noch ein Bild vom „Roten Platz“. Im Kloster selbst (das „kleine weiße Ding im Hintergrund“) sieht’s Gott sei dank aus wie immer – ein kleines Blumentopfgartenparadies mit faulem Streichelkater, nummerierten Gästezellen und goldglänzenden Ikonen: Kurz das kytheranische Paradies auf Erden. Das einzig neue war die junge Hausmeisterin, die unbedingt WOLLTE das ich photographierte (in Griechischen Klöstern eine Echte Rarität!). Und das Ungetüm von Kleiderschrank (das eher aussieht als ein zu groß geratener Beichtstuhl) mit den „geziemenden“ Klamotten für das ungeziemliche Weibsvolk (sorry das ist die wörtliche Übersetzung, Mannsvolk kann garnicht ungeziemlich sein, zumindest nicht Kleidungstechnisch ;-), ist inzwischen in eine Nische gerückt worden und soweit ich sehen konnte, gibt’s auch das mehrsprachige (inkl. handgezeichnete Comicversion) Schild nicht mehr auf dem Gott und die Heilige Jungfrau mahnend auf leichtbekleidete Frauen blicken.

Eigentlich schade drumm…, vielleicht ist’s ja auch nur zur Generalüberholung für die nächste Saison…oder sollte sich im heiligen Myrtidiotissa  (heilig, wirklich, mit echtem Gold, und Diamanten!, fast so heilig wie die Madonna Nikopeia in Venedig!) tatsächlich sowas wie ein „liberaler Geist“ breitgemacht haben und Frauen neuerdings in kurzen (!) Hosen herein dürfen…eigentlich nicht vorstellbar…oder?

Lasst’s Euch schmecken…ich hatte heute Lamm (weil grad zuviel davon da war) und selbstgebackene Cookies, und komisch schmeckendes Kranzbrod, und Ölbrot (das ist eine Geschichte für sich) und Kuchen war nach meiner Rückkehr auch noch da (Ich bin zwar anderer Meinung, aber meine Zimmerviermieterin  erklärte mir heute, ich sei hoffnungslos unterernährt! Ich liebe diese Art freundlicher Besorgtheit (Gastfreundschaft wäre hier ein viel zu schwaches Wort), auch und gerade weil sie manchmal sogar die Realität überwindet oder in – nicht ganz ernst gemeinte – Überlegungen mündet, ob man nicht an der einen oder anderen entfernten Nichte als Ehefrau interessiert sei ;-)).

Reise nach Kyhtera 7 – Busautobahnen und Walkürenritt

Ag. Myrtidiotissa Neue Straße

Ag. Myrtidiotissa Neue und alte Straße mit Felsdurchbruch

Nachdem wir hier gestern Gewitter und Stromausfall (Diakofti ist berühmt für seine Stromausfälle!) hatten und es mir angesichts der nach diesen Ereignissen gelegentlich etwas „überspannten“ Kytheranischen Stromleitungen nicht unbedingt ratsam erschien meinen geliebten Forschungslaptop anzuschmeißen, heute ein etwas verspäteter Bericht über meinen erneuten Besuch im kytheranischen Nationalheiligtum.

Der im Südwesten der Insel gelegene Ort nennt sich „Agia Myrtidiotissa“ und bedeutet soviel wie Maria im Myrthenbusch. Genauso sieht das ganze dann auch aus: Ein für Kytheranische Verhältnisse ziemlich großes Kloster in einem liebevoll gepflegten Garten, drumherum eine weißgekalkte Mauer, davor eine seltsame Kreuzung aus Aussichtspunkt und Kapelle (?) mit einem riesigen Kreuz darauf und drumherum ein paar Büsche in herrlicher Landschaft. Hinunter führt ein kleines, noch von den Briten während ihrer Zeit (1809-1863) auf der Insel gebautes Sträßchen, dass sich in gemütlichen Kurven durch die Schlucht schlängelt und durch seinen gewagten Felsdurchbruch, bei dem man nie so genau weiß wann er über einem einstürzen wird, eine gewisse Berühmtheit auch über Kythera hinaus erlangt.

Jedenfalls war das bis vor einem Jahr so…

Doch Stopp, was ist das? Da jammere ich – wenn auch nur in Form gelehrt-ironischer Aphorismen – vorgestern in meinem sehr deutschen Perfektionismus noch über die für Europäer (nicht meine Einteilung, so nennt man hier gewöhnlich die Menschen aus dem Norden, alternativ ist auch die Bezeichnung „Inglesi“ oder „germani“ für alles was ungefähr den Farbton von Blumenkohl hat üblich) arg gewöhnungsbedürftigen Straße, biege gerade gemächlich von Kalokairines  kommend um die Ecke und dann das!

Wum! Mitten im Nichts eine Autobahn! Jedenfalls das, was nach meinen inzwischen auf kytheranisches Maß zusamengestutzten Maßstäben eine Autobahn sein könnte! Vor mir liegt ein riesengroßer, hässlicher, schwarzer Lindwurm, nicht unähnlich dem Borstending, dass ich gestern in der Bucht von Diakofti gesehen hab, der sich unter möglichst großem Verbrauch an Beton, Leitplanken und Asphalt mit brachialer Gewalt durch die Landschaft wälzt! Kurz: Ich habe den Alptraum jedes Landschaftsschützers und Tourismusmanagers gefunden…Jedenfalls wäre das in Deutschland so.

Ich fasse mich, sehe mich etwas unsicher um, blicke zurück: das Ding ist immer noch da…Ich mag es nicht, und fahr auf der mir vertrauten alten Straße und durch den noch immer nicht zusammengestürzten Felsdurchbruch zum Kloster – sicher ist sicher. Dort erkundige ich mich erstmal bei der sehr freundlichen Hausmeisterin (leider ist es nicht mehr die alte Dame von vor vier Jahren, die mir damals erstmal ein paar Feigen angeboten hat und mir dann den riesigen Schlüssel zur Kirche besorgte) was das für ein komisches schwarzes Ding in der Landschaft sei…Sie lacht nur, und meint: das sei der Fortschritt, und wenn mich das schon stört soll ich mir erst mal den „Roten Platz“ hinter dem Kloster ansehen…ich flüchte mich in den Anblick der reich mit Gold geschmückten Ikone der Maria Myrtidiotissa, spreche ein Stoßgebet und ahne Böses…

Fortschritt ist in Griechenland ein Wort, dass der Tourist nur ungern hört. Sicher es hat schon seinen Sinn, dass es jetzt fließendes Wasser gibt das man sogar trinken kann (Eine Neuerung die hier an vielen Orten erst 2013 eingeführt wurde, davor gab’s nur ungenießbares Chlor-Nass dass der Tankwagen zweimal im Monat vorbeibrachte). Auch ist – verglichen mit dem staubigen Eselsweg den es vorher gab, die neue Straße von Diakofti zum Flughafen ein wahrer Segen, und auch gegen die von den Briten gebaute vielbogige Brücke von Katouni habe ich absolut nichts einzuwenden. Aber dass fleißige Helferlein seit meinem letzten Besuch 2008 die gesamte Umgebung des Klosters in einen riesigen Parkplatz aus rostbraunem Staub (das war es also, was die Hausmeisterin mit „Rotem Platz“ meinte…und wirklich, an Ausmaßen kommt es dem Moskauer Vorbild verdammt nahe!) verwandelt haben und man es außerdem noch für nötg befunden hat, diese „Autobahn“ mitten durch eine der schönsten Landschaften der Insel zu bauen, ist dann doch mehr, als mein kleines deutsches Herz erträgt. Wenigstens das eigentliche Kloster scheint nichts abbekommen zu haben…ich setze mich in den Schatten einer Araukarie, schnappe mir eine der Klosterkatzen die sich nach kurzem Wiederstand mehr als gern streicheln lässt und denke daran, was nun wohl in „παλιές καλές Γερμανία“ los wär: Unterschriftenlisten, Gutmenschenauflauf, Bürgerinitiative, Umweltgutachten, Schweigemarsch, Wutbürger, Randale…manchmal bin ich mir garnicht so sicher, ob „wir“ es wirklich soviel besser haben, da oben im kalten, nassen Norden… Und ja, es gibt da ein gewisses „Festival“ zum „Namenstag“ des Ortes im September, bei dem sich auch mal 2000-3000 Leutles in Agia Myrtidiotissa drängeln. Und ja der Doppelstöckige Reisebus, den sich irgendein Fuhrunternehmer im Größenwahn zugelegt hat passt eben nicht durch den kleinen Felsdurchbruch der britischen Straße…aber muss man deshalb gleich die ganze Landschaft verschandeln? Δεν ξέρω…

Klar, die Insel braucht Entwicklung. So wie bisher konnte es einfach nicht weitergehen, und klar, dafür ist auch der eine oder andere Neubau nötig. Aber müssen es denn immer und überall die gleichen Fehler, die gleichen naiven Bürgermeister und die gleichen nicht vom Heute ins Morgen denkende Gemeinderäte und gierigen Bauunternehmer sein, die garnicht genug Beton in die Landschaft klotzen können? Kythera hat das Glück im Moment noch nicht zu jenen griechischen Inseln – Mahnenden Angedenkens – zu gehören, welche im Namen des Tourismus ihre eigene Zukunft ruiniert und dabei gleich auch noch ihre Seele und Kultur geopfert haben…Doch jedes mal, wenn ich hierher zurückkehre, scheint die Insel einen weiteren Schritt in die falsche Richtung zu gehen…überall neue Villen und Baustellen, ein geradezu absurd in Gold und Grün glänzender Fußballplatz, den kein Mensch braucht, eine „Abkürzung“ der Straße, bei der ein ganzer Hüghel geopfert wurde, zahllose Appartmentblocks, und jetzt auch noch diese Autobahn und der Rote Platz, von den Plänen für Großhotels und einen Kreuzfahrthafen ganz zu schweigen…Man kann den Kytheranern nur wünschen, dass sie Fortschritt nicht mit Beton verwechseln, nicht auf die Versprechen des schnellen Geldes hereinfallen und sehr bald ein Gesamtkonzept für die Entwicklung der Insel entwickeln, dass auch an die Bedürfnisse ihrer Enkel und Urenkel denkt und nicht ausschließlich dem Hier und Jetzt verpflichtet ist.

Einfach wird es nicht, denn es bedeutet Selbstbeschränkung, Rücksicht auf die mehr als sensible Umwelt, genaues Abwägen welche Ressourcen für was geopfert werden (einmal weg, kommen sie nie wieder!) und einen sehr, sehr langen Atem…Alles Dinge die in Griechenland bisher vollkommen unbekannt sind, ja sogar als politisches „no go“ gelten. Hier wird man Politiker weil man möglichst schnell zu möglichst viel Geld kommen will (oder das von anderen verteilt, vorzugsweise an die eigene Familie) und gar nicht selten werben – ähnlich wie in der angrenzenden Türkei – Politiker auf ihren Wahlplakaten damit, wie viel Kubikmeter Beton in ihrer Amtszeit verbaut wurden. Dass der Sohn oder Cousin dabei der größte Baulöwe am Ort ist, können wirklich nur bösmeindende Fremde seltsam finden… Die aktuelle Krise könnte hier Chance und Weckruf sein, denn es gibt nichts mehr zu verteilen, abzustauben und zu unterschlagen…Man kann nur hoffen, dass am Ende vom Dorfbürgermeister bis zum Minister in Griechenland Politiker sitzen, die sich mehr dem Allgemein- als dem eigenen Wohl verpflichtet sehen…wirklich zuversichtlich bin ich in diesem Punkt nicht.

Und Agia Myrtidiotissa?

Nun, Religion ist ein kritisches Thema in Griechenland, sehr kritisch um genau zu sein…Ich habe keine Ahnung was die Madonna im Myrthenbusch (Agia Myrtidiotissa) zu der Neuen Straße und dem Parkplatz sagt, den sie ihr gebaut haben. Vielleicht gefällt ihr ja der ganze Rummel, vielleicht verdrückt sie angesichts der maßlosen Zerstörung der Umwelt um ihr Kloster aber auch ein kleines Tränchen…

Was ich aber sehr genau weiß ist, dass die Kirche und ihre ökonomische wie ideologische Kraft, sowie die nie erfolgte Trennung zwischen Kirche und Staat (wer’s genauer wissen will, der möge sich nur mal eine Vereidigungszeremonie von griechischen Ministern ansehen…) in Griechenland genauso am allgemeinen Klüngel beteiligt sind wie alle anderen. Um das zu erkennen brauchte es nicht erst die obskuren Geschäftspraktiken einiger Athosklöster, die Frauen zwar den Zutritt zu ihrer abgelegenen Welt verweigern, aber ganz große Player im Finanz- und Immobilienwesen sind…Die Klage über die mangelnde Distanz von Kirche und Staat in Griechenland ist alt, sehr alt sogar und vermutlich sollte ich es machen, wie die byzantinischen Kaiser oder meine geliebten Venezianer oder die Briten die – solange die Menge des abgelieferten Korns, Weins und Öls stimmte – einfach Augen und Ohren schlossen und im Großen und Ganzen jahrhundertelang alles so ließen wie es war…

Dummerweise fehlt mir dafür die nötige Arroganz. Um’s kurz zu machen die griechische Kirche hat Geld, viel zu viel Geld, unter anderem deshalb weil sie in Griechenland nach wie vor kaum Steuern zahlt und die Menschen hier ( vor allem aber in der Diaspora) bestärkt von geschäftstüchtigen Popen immer noch ´fest daran glauben, dass man sich den Himmel erkaufen könnte. Griechenland gehört zu jenen europäischen Ländern die nie eine Reformation, geschweigedenn eine echte Aufklärung erlebt haben…

Und dann kommt es eben, wie es kommen muss: Ein Priester klagt über die schlechte Erreichbarkeit des Klosters, ein edler Spender aus den USA will unbedingt, dass seine 89-jährige Großmutter im vollklimatisierten Reisebus auch noch das abgelegenste Kapellchen erreicht (so oder so ähnlich sieht nämlich die griechische Variante von „Pilgern“ aus, das ich als vielgeplagter Bamberger keinerlei Sympathien für jegliche Form des Reisebustourismusses mit all seinen negativen Auswüchsen mehr hege, muss ich glaube ich nicht extra dazu sagen), ein Blogger schreibt einen Spendenaufruf, und schon versammelt sich im Überschwang der „neuen Idee“ und „religiöser Ergriffenheit“ (gefährliche Kombi, nicht erst seit den Kreuzzügen!) die gesamte Kytheranische Community und plant. Man redet hinter verschlossenen Türen, steckt die gegenseitigen Pründe ab, arbeitet zusammen oder eben auch gegeneinander, intrigiert, bedroht, überzeugt und entdeckt praktischerweise, dass irgendeinem Verwandtem rein zufällig eine Baufirma gehört die das alles „ganz billig“ machen kann. Ist das getan apelliert man nochmals an das religiöse und nationale „Griechentum“ und die überbordende Heimatverbundenheit der Diaspora und schon hat man genug Geld für jedes noch so wahnsinnige Projekt zur Ehre Gottes und der Agia Myrtidiotissa beisammen – ob es der nun gefällt oder nicht!

Vielleicht bin ich jetzt einfach zu „deutsch“ um das alles zu verstehen. Vielleicht habe ich als „Auswärtiger“ und „Ungläubiger“ auch garkein Recht über all das zu Urteilen und vielleicht sollte man als moderner Ethnologe auch gut daran tun alles erst mal aus einem „einheimischen Blickwinkel“ zu sehen bevor man eigene Urteile fällt… (tu ich gerade übrigens, denn ganz so glücklich ist man auf der Insel mit der „Autobahn“ auch nicht, jedenfalls nicht alle…). Vielleicht sollte ich mich auch nur an das alte Sprichwort „Si tacuisses, philosophus mansisses“ halten. Aber wer will in der heutigen Welt schon noch Philosoph sein? und vor allem: wer dankt es einem noch? …alora…

Wie passend, dass das lokale Bildungsradio bei meiner Heimfahrt durch die Schluchten und Hügel des Mandres Wagners Walkürenritt spielte. Es passt zu meiner Laune. Kurz davor war’s noch um Jürgen Habermas gegangen und ich hab ehrlichgesagt den Zusammenhang nicht recht verstanden..Und hoffe nun einfach mal, es war die etwas verunglückte Assoziation eines mit Deutschland und den Abgründen der Deutschen Geschichte nicht ganz so vertrauten griechischen Redakteurs und keines dieser unseligen „Deutschland-Bashings“ wie sie in letzter Zeit in den griechischen Medien leider immer öfter vorkommen…Vielleicht sollte ich für heute wirklich aufhören. Das Deutsch-Griechische Verhältnis ist eine mehr als komplizierte, und alles andere als schmerzfreie Angelegenheit für beide Seiten. Es begann mit dem Traum eines nicht-gewollten Königs, wurde zu gegenseitiger Enttäuschung und schließlich offenem Hass, nachdem Wehrmacht und SS Hunderttausende durch ihre Besatzungspolitik in den Hungertot getrieben haben. Nach dem Krieg wurde es dann zu einer, nicht immer ganz einfachen Wiederannäherung, Abertausende von griechischen Gastarbeitern trugen ihren Anteil dazu bei, dass das Deutsche Wirtschaftswunder Realität wurde…und Griechenland…nun bis zum Ende der Militärdiktatur in den frühen 1980er Jahren ging’s hier nicht wirklich voran. Sicher die Deutschen sie kamen als Touristen, bekamen von dem, was hier geschah kaum etwas mit, genossen Wein, Wärme und Sonne…Dass da unter der Oberfläche einiges weitergärte, dass eben nicht alles Eitel Sonnenschein war bemerken viele erst jetzt, wo allen das Geld ausgeht…Dass dabei beide Seiten noch einen langen Weg vor sich haben und sich von vielen liebgewordenen Vorurteilen, Forderungen und Kampfbegriffen endgültig verabschieden müssen…on verra bien…

Giassas und seid dem Schutz der Agia Myrtidiotissa allzeit anbefohlen!

ALex

 

Reise nach Kythera 4 – Auf den Spuren Schliemanns

Große Vorbilder sind so eine Sache, vor allem wenn sie auch nicht mehr Erfolg hatten als man selbst.

Schon Heinrich Schliemann suchte vergebens und mir gings heut, als ich mich mühsamst durch Felsen und Macchia den Burghügel von Paliokastro, dem Standort der antiken Inselhauptstadt hinaufquälte auch nicht besser. Keine gewaltigen Marmorsäulen, keine Statuen, und erst recht kein Aphroditetempel – außer ein paar zerfallenen Trockenmauern und abgebrannter Macchia rein garnix…na ja, nicht ganz. Wer genauer hinsieht, findet hier von zerissenen Plastikplanen mehr schlecht als recht abgedeckt, seit ein paar Jahren vier oder fünf kleine Archäologische Schnitte mit einigen Hausresten drinn, und weit verstreut im Gelände einige Strukturen, die einmal etwas wie Stadtmauern gewesen sein könnten, und die gewaltige Ausdehnung der einstigen Stadt (oder war es nur deren Akropolis und auf den umliegenden Hängen stand noch mehr?) bestätigten.

Und natürlich sind da auch noch die zwei kleinen byzantinischen Kapellchen des Hl. Cosmas und Damian (griechisch auch Agioi Anargyroi genannt) und etwas weiter oben des Hl. Georgs, beide haben ihre besten Tage schon lange hinter sich, und sind außen ziemlich wie innen ziemlich unscheinbar, außer man interssiert sich für ein paar verbaute, ziemlich kleine und wenig gelungene proto-dorische „Säulchen“,  die schon der dreijährige Praxiteles besser hinbekommen hätte…Interessant ist das, was in den beiden archäologischen Schnitten vor den Kapellen zu sehen ist – jedenfalls für den, der das Wirrwar aus Steinen und Geröll zu Deuten weis. Wie so oft auf dieser Insel, haben die jüngsten Ausgrabungen ergeben, dass das, was sich die Menschen schon lange erzählten tatsächlich stimmte: Beide Kapellen waren auf, bzw. unmittelbar vor den antiken (Haupt-?) Tempeln der Stadt erbaut worden. Und zumindest bei der Unteren gab es sogar eine Art Weiterleben der antiken Zuschreibung des Ortes. Wie die antiken Zeussöhne Castor und Pollux (häufig auch Dioskuren genannt) denen der Tempel vor der unteren Kapelle geweiht war, waren auch die beiden Heiligen Cosmas und Damian, denen die kleine untere Kapelle geweiht ist Zwillingsbrüder.

Bei der oberen Kapelle ist die Sache nicht ganz so einfach, dafür ist das Ergebnis der jüngst durch den aus Kythera stammenden Archäologen Ioannis Petrocheilos durchgeführten Grabungen, wenn sich seine Mutmaßungen denn bestätigen, umso sensationeller. Ach wenn die langestrecke Ansamlung von Felsbrocken und das bisschen Erde nach nichts besonderem aussehen: Genau hier stand er, der schon bei Homer erwähnte Aphroditetempel, den schon Schliemann und viele andere vergeblich suchten. Sie alle waren vermutlich hier oben gewesen, oder kannten den Standort zumindest vom Hörensagen, aber keiner – Homer vielleicht ausgenommen – konnte sich vorstellen, dass es sich bei dem berühmten Heiligtum eben nicht um einen marmorglänzenden hellenistischen Prunkbau sondern um ein vermutlich wesentlich älteres, kleines und ziemlich schmuckloseres Gebäude handelte – das eben genau so aussah, wie griechische Tempel vor dem Zeitalter des Helenismus aussahen: einfach und bescheiden. Ob es hier oben jemals einen marmorglänzenden Nachfolgerbau des wohl aus dem 8. oder 7. Jahrhundert vor Christus stammenden, und jetzt ausgegrabenen Baus gab, muss vorerst offen bleiben. Jedenfalls scheint er für sehr lange Zeit nicht als das erkannt worden zu sein, was er möglicherweise ist: der langgesuchte Tempel der Aphrodite. Früher scheint dieses Wissen jedoch durchaus vorhanden gewesen zu sein. Zwar stammt der unmittelbar vor dem „Tempel“ gelegene heutige Bau der Kapelle des Hl. Georgs erst aus dem späten Mittelalter, doch dürfte es auch hier, ähnlich wie weiter unten bei der Kapelle der Hl. Anargyroi weitaus ältere Vorgängerbauten gegeben haben, die zu einer Zeit entstanden sind, als die Kytheraner noch sehr genau wussten, wo die antiken Tempel gelegen hatten. Wie anders sollte sich sonst erklären lassen, dass auch dieser Bau haargenau vor dem Eingang des ehemaligen Tempels gebaut wurde, so als wolle er – wie es die weiter unten gelegene Kapelle auch tut – gleichsam den Eingang zur heidnischen Opferstätte symbolisch versperren und stattdessen eine christliche Alternative anbieten? Leider sind im Moment zu wenige Mittel vorhanden um diesen Fragen weiter nachzugehen.

Und für alle, die das nicht interessiert: der Berg bietet dem, der den etwas schwierigen Aufstieg wagt neben den archäologischen Sehenswürdigkeiten auch einen  einmaligen Ausblick über die Insel der die Mühe allemal lohnt. Und nein, das war heute kein Freizeittrip. Ich war sogar richtig fleißig, das ganze ist nämlich nichts anderes als ein gesponsertes colaboratives „Digging Project“ der Kytheranischen Community – und über die forsche ich schließlich!

Wer dort hoch will sollte sich allerdings sputen. Bis zum großen Buschfeuer 2010 war’s quasi unmöglich durch die Macchia ganz nach oben durchzukommen, und auch jetzt wächst schon wieder alles zu. Ganz abgesehen davon empfiehlt sich – wie eigentlich fast immer auf Kythera – festes, geländetaugliches Schuhwerk und ein Tag an dem es nicht allzu heiß ist, es gibt dort fast keinen Schatten und weit und breit keine Quelle, an der sich der Wanderer laben könnte – und sorry, es ist und bleibt auch für den geübten Wanderer immer noch eine ziemlich gefährliche Kletterei zwischen Geröll und Abgrund der einiges an Orientierung vorraussetzt. Ein richtiger Weg existiert eigentlich nur unterhalb des an einer kleinen Staubpiste, die von der Straße zwischen Paliopoli und Fratsia abbiegt gelegenen Viehgatters. Jenseits davon muss man sich irgendwie zwischen den Steinen „hindurchmogeln“. Denen die die Kapellen auch von Innen sehen mögen sei ein Gang mit den Archäologen (die sich leider nicht permanent auf der Insel aufhalten – man muss sich einfach durchfragen, ob sie gerade da sind und Führungen anbieten) empfohlen, da sie verschlossen und ihr Betreten nur in Begleitung erlaubt ist (das liegt weniger an dem, was dort zu sehen ist, sondern eher daran, dass beide Bauwerke nicht in allerbestem baulichen Zustand sind. Wem dies gelingt der kann sich v.a. in der Kapelle der Agioi Anargiroy, die fast vollständig aus Überresten der antiken Bauwerke erbaut wurde des Gefühls nicht erwehren, sich an einem Ort zu befinden, der den Menschen seit bald 3000 Jahren heilig ist.

So der Hunger ruft. Auch Feldforscher müssen mal was essen!

Paleokastro, Agios Georgios

Sieht harmlos aus…Paleokastro, Agios Georgios

Paleokastro

Ist aber da oben! und es gibt keine Straße, keinen Weg, nur Felsen, Geröll, Verbrannte Büsche und Dornmacchie! Burgberg von Paliokastro

Reise nach Kyhtera 3 – Von der Totenstadt durchs „Kytheranische Outback“ auf Aphrodites Thron

Vor meinem Fenster knattert ein strahlend weißes Sonnensegel im auch um diese Jahreszeit noch warmen Westwind. Über den dunkelblauen Himmel ziehen kleine weiße Wolken und unten am Hafen kommen in bunt gestrichenen Booten die letzten Fischer über das türkisblaue Meer vom nächtlichen Fang an den Sandstrand von Diakofti zurück. Ich sitze bei griechischem Kaffee, Dolmades, einigen Süßigkeiten und den herrlichen Trauben die ich gestern von einer alten Dame geschenkt bekommen habe auf der Terasse meines Hotelzimmers und denke mir: Dieser Tag ist eigentlich zu schön um zu Arbeiten…und doch es muss sein. Ich transkribiere also zwei Stunden lang die gestrigen Interviews und ziehe dann einen Stapel eingesammelter Tourismusprospekte aus meiner Tasche um sie auf Stereotype und Superlative zu durchsuchen…und ja, es stimmt:

Wer immer sich den von mir bereits im Ersten Beitrag dieses Features zitierten Werbespruch „eine Insel, eine Welt“ für Kythera ausgedacht hat, der hatte nicht nur einen sehr feinen Riecher für publikumswirksame Werbebotschaften in Zeiten des Cocoonings bewiesen, er oder sie hatte vielleicht auchein sehr feines Gespür für das Finden abgelegenster und schwer zugänglicher Orte auf dieser Insel, die diesen doch ein wenig nach Center Park, Mini Mundus und Legoland klingenden Werbeslogan einmal nicht Lügen strafen.

Die meisten Besucher – heutige, wie jene des 19. und frühen 20. Jahrhunderts – waren, als sie nach kleineren oder größeren Strapazen endlich die in zahllosen Mythen und Legenden versprochene Insel der Seligen, als die Kythera auch bekannt ist, erreicht hatten, vor allem eines – bitter enttäuscht.

Weder war die Insel ein irdisches Eden, noch ein überdimmensionales Bordell in dem der freien Liebe gehuldigt wurde, noch standen hier großartige Tempel oder üppige Gärten. Kythera war ganz einfach das, was es immer gewesen war, ein windumtoster, ziemlich trockener und öder Felsen, jenseits des –ebenfalls nicht eben einladenden – Arkadiens, direkt gegenüber des Eingangs zur Unterwelt (der liegt nur etwa 20 Seemeilen von hier entfernt am Fuße des Peloponnes).

Der Eindruck mag heute durch die überall wie Pilze aus dem Boden schießenden Luxusvillen der reichen Australo-Kytheraner und einige villenartige Privatappartmentanlagen etwas gemildert werden, Fakt bleibt aber, dass die Insel, abgesehen von sehr wenigen, sehr guten, vor allem aber immer bedrohten Zeiten nie über große Reichtümer, noch üppig blühende Haine noch über großartige Städte oder goldglänzende Bauten verfügte. Die allermeiste Zeit konnten die Bewohner der Insel froh sein, wenn die mühsam bewirtschaften Äcker, Gärten und Olivenhaine genug abwarfen, dass man davon einigermaßen leben konnte und keine Piraten oder fremde Besatzer die Dörfer und Scheunen plünderten. So waren, abgesehen von einer nie besonders großen und nie besonders reichen Oberschicht die meisten Bewohner einfache Landarbeiter und Bauern, die so garnicht dem entsprachen, was sich der klassizistisch verbildete Gutmensch und Bildungsbürger des 19. und 20. Jahrhunderts unter „edlen Griechen“ so vorstellte (und leider manchmal heute noch vorstellt…).

Liest man die garnicht so alten Beschreibungen, waren die Tsirigotes (so die Selbstbezeichnung der Inseleinwohner) von eher kleinem Wuchs und meist schon in jungen Jahren durch harte Arbeit an der Sonne und der salzigen Seeluft vorzeitig gealtert. Vor allem aber waren und sind die meisten von ihnen gute orthodoxde Christen, keine Hetären und erst recht keine Lustknaben (auch wenn das der eine oder andere venezianische Nobili oder englische Lord anders sah…). Kurz, wer hier sein irdische Gegenstück zum Illysium und/oder seine/n ganz private/n Aphrodite/Apollon suchte, der war an diesem Ort definitiv falsch und ist es meist heut noch (auch wenn es da gewisse Gerüchte um die Urlaubsbekanntschaften einiger jugendlicher Herren mit älteren und manchmal auch garnicht so alten Touristinnen gibt…aber bei welcher Tourismusdestination gibt es die nicht…).

Heutige Touristen sind da meist etwas aufgeklärter, haben vorher im Bedeker gelesen und sind nur noch ganz selten auf der Suche nach einem drittklassigen Bordell, wenn sie den Namen Kythera hören. Was bleibt ist die Suche nach dem irdischen Paradies, und wer darunter Ruhe, eine in weiten Teilen zwar karge, aber dennoch abwechslungsreiche Landschaft, einige kleine, aber wundervoll ausgemalte byzantinische Kapellen, stille Klöster, etwas in die Jahre gekommene Venezianische Festungen, verwunschene Ruinen, ein paar kleine Kaffees und Tavernen mit bodenständiger Küche und freundliche Menschen versteht, der ist hier – zumindest in der Nebensaison – ganz gut aufgehoben.

Kythera ist – noch – nicht der typische Yuppie-Treff wie Mykonos oder Santorini. Auch fehlt ihr die elitäre Abgehobenheit von Hydra, oder die Menschenmassen von Rhodos, Zypern oder Kreta (auch wenn’s im Sommer durchaus mal eng werden kann). Zwar genießt die Insel aufgrund der vielen reichen Exil-Kytheraner die hier im Sommer „Heimaturlaub“ machen und sich dafür anstatt der alten Bauernkate des Großvaters auch mal die eine oder andere Ferienvilla mit Ausblick gönnen, schon jetzt bei den Festlandsgriechen den zweifelhaften Ruf einer „Insel der Reichen und Schönen“, aber deswegen ist sie noch lange nicht ein zweites Ibiza oder Marbella.

Wenn man nicht eben im Juli oder August kommt ist Kythera eher ein verschlafen daliegendes Stück Felsen im Mittelmeer auf dem es sich dank des in der Diaspora erworbenen Reichtums und des in den letzten Jahren langsam anlaufenden Tourismus inzwischen auch recht gut leben lässt. Gerade in den Wintermonaten, wenn wegen des Sturms manchmal tagelang keine Fähre geht und der Strom gelegentlich für einige Stunden ausfällt, verläuft das Leben hier etwas ruhiger als auf dem Festland – wenn auch manchmal eher notgedrungen als freiwillig. Man muss in dieser Jahreszeit etwas Zeit mitbringen, bereit sein selber aktiv zu werden anstatt Rundumbespaßung zu erwarten und vor allem keine Angst vor dem Alleinsein, Ruhe, kurvigen Straßen, steilen Klippen und körperlicher Anstrengung haben. Manches geht hier eben nur zu Fuß und gutes Schuhwerk, gepaart mit Trittsicherheit und ein paar basalen Kletterkenntnissen sind gelegentlich auch ganz nützlich… Ist man dazu bereit, öffnet die Insel und ihre Bewohner einem auch und gerade in der Nebensaison bereitwillig Tor und Tür. Und was man dahinter oft an ganz unerwarteten Orten und etwas versteckt in einer Schlucht oder auf einem unzugänglichen Bergrücken findet lohnt allemal den Besuch.

Da sind zunächst die zahlreichen Grotten und Höhlen, die verwunchenen Schluchten mit ihren kleinen Bächen und Wasserfällen in denen im Oktober Trauben geerntet werden, die Bananenstauden in voller Blüte stehen und Gänse und Enten zusammen mit Fischen und geisterhaft bleichen Süßwasserkrabben in kleinen Teichen schwimmen. Da ist das raue, von Wind zerzauste und in strahlendes Heidekrautpurpur gehüllte Hochland, da sind die himmelhoch aufragenden Felsen und Klippen um die Bussarde und Raben ziehen und auf denen alte Wachtürme und neue Militärantennen stehen. Da sind die zahllosen, leider meist geschlossenen Kapellen (so langsam glaube ich es gibt mehr davon als Einwohner…) in deren Inneren sich, sofern man es fertig bringt den Schlüssel zu organisieren, oder zufällig zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort ist, die herrlichsten Fresken verbergen.

P1090529

Traumatischer Erinnerungsort – Paleochora

Aber da sind auch die dunklen Orte, wie die Ruinenstadt Paleochora. Glaubt man der lokalen Überlieferung geschah hier im Jahr 1571 Grauenvolles. Nachdem die den Ort umgebenden Schluchten bisher sämtliche Angreifer abgehalten hatten, hatte Chairedin Barbarossa – ein in osmanischen Diensten stehender algerischer Korsar (man könnte weniger nett auch von Pirat und Sklavenhändler sprechen), dessen Prunkgrabmal man noch heute in Istanbul bewundern kann – in diesem Jahr zum erfolgreichen Angriff auf die damals noch unter dem Namen „Agios Dimitrios“ bekannte Hauptstadt der Insel geblasen. Angeblich hatten die rauchenden Kamine der Stadt den Piraten ihre Lage verraten. Diese waren mit schwerem Geschütz auf die umliegenden Hügel gestiegen und beschossen nun aus vollen Rohren die Stadt. Es dauerte nur Stunden bis den ca. 1000 Einwohnern klar wurde, dass die mittelalterlichen Mauern keinen ausreichenden Schutz vor den neuzeitlichen Feuerwaffen bieten würden. Und so kam es, wie es kommen musste: Um nicht, wie ihre weniger glücklichen Mit-Insulaner, die die Piraten längst in den weniger gut geschützten Dörfern der Insel zusammengetrieben und als Menschliche Fracht auf ihre Schiffe verladen hatten, in der Sklaverei zu enden oder noch schlimmeres zu erleben,  stürzten sich die Überlebenden des Angriffs mitsamt ihren Kindern und Kindeskindern von den Zinnen der brennenden Stadt in den Tod. Die einst blühende Hauptstadt der Insel war mitsamt ihren Bewohnern ausgelöscht worden, und sie sollte nie wieder besiedelt werden.

Als Geistes- Migrations- und Medienwissenschaftler weiß man aus Erfahrung, dass solche Traumata Wunden hinterlassen, die nur sehr, sehr langsam heilen und für die die Menschen ihre ganz eigenen Erklärungen und Trauerrituale entwickeln. Auch auf Kythera war dies nicht anders. Glaubt man den älteren unter den Einheimischen, ist der Ort bis heute verflucht und die ruhelosen Seelen der Toten irren noch immer auf der Suche nach ihren verschwundenen Angehörigen in den Ruinen der einstigen Inselhauptstad umher. Auch wird erzählt, dass ihre Entsetzensscheie und Klagen noch immer durch die Schluchten hallen. Und Nachts würden über der Stadt und in den Schluchten kleine statt der üblichen Totenkerzen seltsame Irrlichter über den verstreuten und ausgebleichten Knochen der zahllosen Toten  Wache halten. Nach der Auslöschung der Stadt und ihrer Bevölkerung sei einfach keiner mehr da gewesen, der für die vielen hundert Toten und Vermissten beten und eine Kerze hätte anzünden können, so würden das die Toten selbst tun.

Auch wenn diese Legenden in den letzten Jahren zunehmend verblasst sind, und auch dieser im Gedächtnis der Kytheraner traumatische Erinnerungsort von findigen Tourismusmanagern zunehmend zu einer „Attraktion“ ausgebaut wurde, Auch wenn in den letzten Jahren mit ersten, nicht immer sehr fachgrerecht durchgeführten Sicherungs- und Renovierungsarbeiten begonnen wurde – Es soll es bis heute Kytheraner geben, die sich strikt weigern das alte Agios Dimitrios zu betreten. Die einen aus Respekt vor den Toten, die anderen aus Angst die Toten könnten sich für das angeblich mangelnde Interesse, das man ihnen in den letzten Jahrhunderten entgegenbrachte an den Lebenden rächen.

Auch wenn das alles in den Bereich der Legende gehört – wirklich geheuer ist mir der Ort auch nicht, vor allem nicht bei schlechtem Wetter oder gegen Abend. Auch ich bin ich jedesmal heilfroh, wenn irgendwoher ein paar Geisen oder ein paar verirrte Wanderer daherkommen und ich nicht ganz mutterselenallein mit den Toten durch die Ruinen streichen muss…Genausowenig kann ich mich auch mit dem neuen Touristenparkplatz und einer rabiat durch die Ruinen getriebenen Zufahrtsstraße anfreunden…Ehrlichgesagt, als Europäischer Ethnologe, Archäologe und Kunstgeschichtler, der durchaus auch etwas von Bauforschung und Denkmalpflege versteht, bin ich sogar ziemlich sauer auf die kytheranischen Behörden. Die Bauarbeiter, die die Ruinen als Touristenattraktion herrichten sollten waren offensichtlich nicht unbedingt gelernte Restauratoren (oder aber, sie haben einfach nicht gemacht, was man ihnen gesagt hat). Mit Sicherheit aber waren sie offensichtlich zu faul die schweren Zementsäcke per Schubkarre die paar Meter vom neu angelegten Parkplatz zu den Ruinen zu karren. Wie in Griechenland in solchen Fällen leider oft üblich, entschied man sich für einen einfacheren Weg. Man nahm einfach einen Bulldoser rammten damit durch die Pampa und machten dabei nicht nur die einheimische Flora und Fauna, sondern gleich auch noch die Ruinen der halben Vorstadt platt. Dass der ehemalige Provedittorenpalast jetzt aussieht als sei er bei einem Zahnbleaching gewesen ist da noch ein kleineres Problem, dass die Witterung in den nächsten Jahren hoffentlich korrigieren wird. Dass man aber das, was beim „restaurieren“ übrig blieb einfach neben eine der Kapellen gut sichtbar in der Landschaft entsorgt spricht für ein Ausmaß an Diletantismus wie er kaum zu Überbieten ist…

Vermutlich sind das nun aber wieder einmal die typisch abgehobenen Problemchen und Empfindlichkeiten eines „Geisteswissenschaftlers“. Wen interessiert es denn angesichts der aktuellen griechischen Finanzkriese schon noch, dass unter den umgestürzten Wänden und in den Schluchten des neu erkorenen Tourismusattraktion noch heute die Überreste der unglücklichen Bewohner einer ganzen Stadt liegen? Wer schwert sich schon darum, wenn man auf den Gebeinen der Toten einen Parkplatz baut und ein paar rissige Mauern abreißt und die restlichen mit etwas Zement aufmöbelt, damit die Touristen nicht stundenlang über Ziegenpfade hierher wandern müssen und „den richtigen Eindruck“ bekommen? (Und ja, der Ausblick ist atemberaubend schön) Ist es denn wirklich so schlimm, dass keine Hinweistafel auf das Schicksal dieses Ortes und seiner Einwohner hinweißt? (es gab einmal eine, die ist aber seit der letzten Restaurierung 2012 „verschwunden“ – vermutlich passte sie nicht mehr ins Konzept des hippen Ausflugsortes), und kein Kreuz, oder Denkmal an die Verschleppten und Toten erinnert. Ja es gibt – und hier bewahrheitet sich die Legende – an diesem Ort noch nichteinmal einen Bildstock oder ein ewiges Licht das für die Toten entzündet werden würde und ob in den vielen umliegenden Kapellen in den letzten 100 Jahren irgendjemand an sie, die sie einst erbaut und ausgeschmückt haben, jemand der verschwundenen Mütter, Väter und Kinder gedacht hat, die einst hier lebten – ich weiß es nicht. Auch sie liegen einsam und verlassen da, und nicht wenige von ihnen sind zu Ruinen verfallen oder dienen als Unterstand für die allgegenwärtigen Ziegen. Von den zwischen den Gebeinen der Toten (man findet sie mit etwas Anstrengung immer noch) ahnungslos picknickenden Touristen und den Gerüchten um neuerdings auch hier mit Metallsonden umherstreifenden „Hobbyarchäologen“, die die Ruinen nach übriggebliebenen Schätzen durchwühlen und dabei auch noch die letzen übriggebliebenen Mauern zum Einsturz bringen fang ich nun besser garnicht erst nicht an…

Auf der anderen Seite – wer sagt mir denn, ob die Toten von Agios Dimitrios über das ganze moderne Treiben so unglücklich sind. Zu ihren besten Zeiten war die Stadt ein Schmelztiegel aller Kulturen des Mittelmeerraums. Flüchtlinge und Zuwanderer aus Byzanz und Monemvasia, der Östlichen Ägais, von Zypern, Samos und Kreta und noch entfernteren Orten und Inseln hatten hier eine – vermeintliche – Zuflucht gefunden. Sie hatten ihre Kunst, Musik und auch einen Gutteil ihres Reichtums mitgebracht. Ihre unterschiedlichen Kulturen, Kunststile, Bau- und Lebensweisen verschmolzen im neu zur Hauptstadt der Insel aufgestiegenen Agios Dimitrios mit jener der Venezianischen Gouvaneure und Soldaten  zu einer ganz eigenen, schillernden und ungemein produktiven Lebensweise. Auf dem Schmalen Grat über den Schluchten fühlten sie sich alle sicher, bauten dutzende Kirchen und Kapellen, kleine Paläste, Mühlen und Werkstätten, Wohnhäuser und kleine, über dem Abgrund schwebende Gärten.

Leider war dieser kulturelle Blüte nur eine kurze Lebenszeit vergönnt, vielleicht 80, höchstens aber 100 Jahre, dann war Schluss. Wie so oft davor und danach kamen die Feinde wieder einmal übers Meer und Kythera, nicht eben arm an Ruinen, hatte eine Ruinenstadt mehr und war wieder einmal weitgehend verwüstet. Aphrodite, so sagen es bis heute die Alten, sei eine launische Göttin. Sie liebe ihre Kinder genauso überschwänglich, wie sie hassen und strafen könne…Aber es bliebe immer ein Band aus Liebe und Heimweh, dass die Weggegangenen und Verschleppten auf die Insel zürückziehe.

Für nicht wenige Kytheraner wurde diese Erzählung Wirklichkeit. Die Insel war zu karg, zu trocken, zu arm um ihre vielen, vielen Kinder ausreichend zu ernähren. Irgendwann zwischen dem 18. und Mitte des 20. Jahrhunderts sind viele von ihnen ausgewandert. Anfänglich noch in die Nähe: nach Smyrna, Alexandria, Venedig und Piräus, später als die Schiffe größer und schneller wurden immer weiter weg: nach Argentinien, die USA und Australien. Auf der Insel, die in ihren besten Zeiten gute 15.000 Einwohner hatte (von den angeblich 40.000 die sich hier auf der Flucht vor den Deutschen und Alliierten Truppen gegen Ende des II. Weltkriegs drängten ganz zu schweigen), leben heute mit etwas gutem Willen vielleicht 4000 Tsirigotes (so die Eigenbezeichnung der Kyhteraner, nach dem alten venezianischen Inselnamen „Cerigo“) noch auf der Insel. Ihnen stehen weit über 80.000 in der ganzen Welt verstreute „Landsleute“ gegenüber. Die meisten davon in Australien.

Und wie es die Geschichte von der Göttin der Liebe und ihren Kindern erzählt: vergessen haben die Weggegangenen ihre Heimat nie. Überall wo sie hinkamen erzählten sie von der Schönheit und dem Licht der Insel, gründeten Vereine und Organisationen, und hielten „geradezu halsstarrig“ an althergebrachten Gewohnheiten, Sitten und Bräuchen fest und heirateten lange Zeit nur Frauen von der Insel, die dafür um die halbe Welt reisten – Ein Grund, weshalb auf Kythera bereits um 1900 die ersten Fotostudios aufmachten…schließlich wollte man(n) in der Ferne wissen, wie „seine“ Tsirigotissa aussah, die ihm ein treusorgender Cousin oder Onkel nach Sydney, Kapstadt oder New York schickte. Und auch die eine oder andere Dame – immerhin eine Tochter der Aphrodite! – wollte nicht so einfach mit einem dahergelaufenen Nichtsnutz, der vielleicht auch noch schlechte Zähne und ein abstoßendes Äußeres hatte verheiratet sein. Nein…ein Photo gehörte einfach dazu. Außerdem war es oft die einzige Möglichkeit die Lieben in der Ferne an Familienfesten, neuen Erdenbürgern, Trauerfällen oder dem Stolz auf das in der Fremde neu erbaute Geschäft oder – und dafür waren die Kytheraner lange Zeit in der ganzen Welt berühmt – am neuen „Griechischen Caffee“ teilhaben zu lassen. Oft genug waren es allein diese heute verblichenen Photos, die denen die weg gegangen oder zurückgeblieben waren begreiflich machen, was aus ihren Liebsten jenseits des Meeres geworden war. Auf ihnen ließ sich in den Gesichtern der Dargestellten das Alter und die Zeit, seitdem sie fortgegangen waren nachzeichnen, in Form von Totenbildern gaben sie den Zurückgebliebenen die letzte Gewissheit, dass der andere nie zurückkehren würde und die Hoffnung, dass er an einem anderen, fernen Ort einen ruhigen, sanften und guten Tod gestorben war, und nicht etwa einem der „in der wilden neuen Welt“ häufigen wilden Tiere, einem Laster oder irgendeinem anderen Unglück zum Opfer gefallen und fern der Heimat in geweihter Erde beigesetzt worden war. Dort zeugte und zeugt oft genug auch heute noch eine auf eine Emailplatte gebrannte Kopie desselben Bildes als letzte Erinnerung davon, dass auch in Australien, Argentinien oder den USA Kinder der Aphrodite lebten. Gleichzeitig weckten diese Bilder die Sehnsucht: Die der Zurückgebliebenen auf ein besseres Leben in einem Fernen Land, und die der Weggegangenen nach der in ihren Erinnerung zum Paradies gewordenen Heimat. Beide Seiten begannen ihre jeweilige Welt so zu sehen, wie sie auf den Photographien dargestellt wurde, nicht so, wie sie wirklich war.

Und so war es oft eine bittere Enttäuschung, wenn der eine oder andere Nachkomme der Ausgewanderten auf „Heimaturlaub“ oder „Brautschau“ doch auf die Insel zurückkehrte. Kythera war kein irdisches Paradies, sondern eine kleine Felseninsel im Mittelmeer, deren Bewohner viel zu oft nicht wussten wie sie ihre vielen Kinder ernähren sollten. Wirklich gheändert hat sich das , von den wenigen Reichen abgesehen, die es immer gab und geben wird, für die breite Masse der Bevölkerung erst in den 1980er und 1990er Jahren. Und so war es Neben gelegentlichen Besuchen in der Alten Heimat, lange Zeit vor allem eines, das aus der „neuen“ in die „alte“ Heimat zurückkam: Das in der Fremde verdiente Geld der Migranten. Dieses hielt die Insel am Leben. Ermöglichte den Bau von Schulen, Museen, Krankenhäusern und Altenheimen. Nichts, aber auch garnichts hätte in Zeiten von Krieg, Bürgerkrieg und Diktatur ohne dieses Geld funktioniert. Ohne dieses Geld der Migranten hätte Kythera vermutlich das Schicksal vieler anderer einst dicht bevölkerter griechischer Inseln und Landstriche geteilt… Es wäre ein von Ruinen und verlassenen Feldern übersäter Felsen geworden, leer und von jeder Menschenseele verlassen…

Kytherian Outback

Doch es kam – Gott und den „Xeni“ (es wäre nicht ganz richtig dieses Wort mit „Fremde“ zu übersetzen…aber eben auch nicht ganz falsch – mit der Zeit und der halben Welt zwischen einem wurden Zurückgebliebene und Fortgegangene sich ja tatsächlich „fremd“, auch wenn sie das vielleicht garnicht wollten) sei Dank! – ganz anders, und neben ihrem Geld brachten die Kytheraner aus den Ländern in die sie ausgewandert und wieder heimgekehrt waren auch ganz andere Dinge mit. Zwar glaube ich immer noch nicht, dass sie wirklich Känguruhs und Emus auf der Insel ausgesetzt haben (ihre Nachbarn vom Peloponnes behaupten das manchmal schwerzhaft und nennen die Insel wegen der vielen Kythero-Australier auch „Känguruhinsel“) aber dass sie den ganzen Norden der Insel mit Eukalyptusbäumen bepflanzt haben stimmt. Würde dort nicht gelegentlich ein typisch griechischer Bildstock oder ein verwittertes Schild mit griechischen Buchstaben den Weg (nicht) weisen, man könnt emeinen, dass jenseits von Gerakari und Petrouni, nicht Griechenland, sondern  der ferne Australische Outback  läge, so sehr ähnelt die Szenerie aus Roter Erde und Eukalyptusbäumen dem Kontinent „down under“. Es ist daher nicht ganz zufällig, dass die Kytheraner diesen Teil der Insel (manchmal auch die ganze Insel) „Mikri Afstralia“ – „Klein Australien“ nennen, genauso, wie ihre fortgegangenen Cousins und Cousinen Australien manchmal im Scherz auch „Makro Kythera“ – „Groß Kythera“ nennen.

Wie immer bei „Geschenken“ waren aber auch diese nicht ganz unproblematisch. Nicht nur, dass der eine oder andere neureiche Kythero-Australier sich aufgrund des erworbenen Reichtums seinen daheimgebliebenen Verwandten überlegen fühlte und die Zurückgebliebenen nicht nur mit Dankbarkeit, sondern auch mit Neid und Miderwertigkeitskomplexen auf den offen zur Schau gestellten Reichtum ihrer Verwandten blickten – nein die gutgemeinte Ansiedlung des schnell wachsenden Eukalyptusbaumes, von dem man sich Bauholz und ein kleines Zusatzeinkommen erhoffte, brachte das sensible ökologische Gleichgewicht der Insel derart durcheinander, dass heute ernsthaft darüber nachdedacht wird, die „Bäume der Freundschaft“ wieder von der Insel zu entfernen. Nicht nur, dass sie hier aufgrund des ständigen Windes nicht richtig wachsen wollen, nein, sie trocknen mit ihrem immensen Wasserverbrauch auch die ohnehin durch den Klimawandel schwindenen Wasserreserven der Insel zusätzlich aus und stellen bei den hier alles andere als seltenen Buschbränden ein gewaltiges Problem dar, da ihre mit ätherischen Ölen gesättigten Stämme und Blätter wortwörtlich wie Zunder brennen und dazu führen, dass binnen kürzester Zeit ganze Landstriche in Flammen stehen – Noch allerdings kann sich niemand recht zu diesem Schritt durchringen – zu sehr stehen die Bäume für das gegenseitige Band zwischen der Insel und ihren nach Australien ausgewanderten Söhnen und Töchtern.

Es würde einfach etwas fehlen, wenn der charakteristische Geruch der silbergrünen Blätter nicht mehr die Nachmittagsstunden erfüllte…Ich wende meinen Wagen und fahre über erschreckend steile, meist unbefestigte und von tiefen Regenrinnen durchzogene „Straßen“ wieder Richtung Süden.

Auf dem Weg zurück „in die Zivilisation“ empfiehlt sich ein kleiner Zwischenstop in der heutigen Inselhauptstadt Potamos, allein schon, um nicht zu vergessen, dass es auf der Insel auch ganz reale und sehr lebendige Einwohner gibt. Der Kinderspielplatz neben dem großen, aber etwas schlecht zu erreichenden öffentlichen Parkplatz (irgendwie ist die Einfahrt etwas zu eng und zu steil geraten) ist ein Traum aus Kunstrasen und quietschbunten Spielgeräten, die nicht nur Elefteria und ihren Bruder Jannis, sondern auch die kleine Joselynn aus New York und den kleinen Thorben-Jonas aus Berlin glücklich machen.

Wer am Sonntag kommt, erlebt den Bauernmarkt. Sicher, alles hat seinen Preis, aber dafür bekommt man den herrlichen Singsang des lokalen Dialektes, der voller italienischer, arabischer, türkischer und natürlich vor allem griechischer Wörter steckt umsonst. Wer dann noch Lust auf einen Kaffee oder einen kleinen (oder, wie immer in Griechenland, einen etwas größeren) Snack hat kann es sich in einer der angrenzenden Kaffes und Tavernen gut gehen lassen – sorry Leutles, es nutzt nix, wenn ihr sagt ihr wollt nur etwas Kleines, der dreifachrahmige Honigjoghurt gehört als Gratisdessert einfach dazu, ob ihr jetzt platzt oder nicht, und außerdem MÜSST ihr, wenn ihr denn schon von soweit herkommt einfach noch die extra fettigen (es ist gutes Olivenöl!) zweifach fritierten Käseschnitten probieren…

Nein, Kythera ist kein Abnehmcamp, auch wenn man den ganzen Tag in den Felsen herumklettert, oder einem mal wieder bei einer besonders steilen Abfahrt mit dem kleinen Hundai der Angstschweiß auf der Stirn steht…schon garnicht weil meine Zimmerwirte offensichtlich der festen Meinung sind, ich wäre ganz kurz vor dem Verhungern und mir in treusorgender Zuneigung jeden Tag Obst, Gemüse und Kuchen bringen…aber sind es nicht gerade diese kleinen Gesten der liebevoll sorgenden Gastfreundschaft ein sicheres Zeichen dafür, dass hier noch nicht alles komplett durchkommerzialisiert ist. Und ist es nicht genau diese noch nicht komplett von ökonomischen Interessen geleitete Einstellung der Einheimischen, weswegen man die Insel immer wieder aufsucht?

Fragt sich, wie lange dies noch so bleiben wird…Erste Probleme gab’s schon in den 1990ern als die großen Kreuzfahrtschiffe anlegten. Kaum waren auf einmal 1000 Touris auf einmal auf der Insel, schon wurde jeder Ziegenhierte zum Immobilienspekulanten und in Hora und Kapsali begann das große foppen, neppen, hauen und stechen…jedenfalls so lange, bis es den Agenturen zu dumm wurde und von heute auf morgen keine Schiffe mehr kamen. Der Katzenjammer der touristenlos zurückgebliebenen Kytheraner war groß und nachhaltig, hoffentlich auch der Lerneffekt…Heute ist es eher das Geld der aus Australien und den USA zurückkehrenden Exil-Kytheraner und der Zustrom der wegen der Finanzkriese auf die Insel zuwandernden „Festlandskytheraner“ aus Athen und Piräus, der der Insel zu schaffen macht und das auf Maßhalten angewiesene, labile Gleichgewicht der Insel durcheinanderbringt.

Genug Probeme! Die Insel ist schön, und schon um die nächste Ecke wartet ein neues Wunder. Jedenfalls für die, die sich mit antiker Mythologie auskennen, und ein Faible für Räuberpistolen uns Sagen haben (als echter Volkskundler, Archäologe und Kunsthistoriker, der hier ganz nebenbei auch noch für seine Dissertation forschen darf, hab ich selbstredend für alle drei Dinge eine berufsbedingte Vorliebe!)

P1090785

Hier geht’s lang!

Und wenn geade sonst nichts los ist, gibt’s eben Sturm…irgendwann um kurz vor acht Uhr morgends fangen dann ein paar Männer draußen an laut rumzubrüllen, zu pfeifen und an die eine oder andere Tür zu klopfen…als erfahrener Nicht-mehr-ganz-Insel-Grünschnabel weiß man spätestens dann, dass nun wieder eine dieser unberechenbaren, mehr oder minder langen, und hochgradig unerfreulichen Überraschungen bevorsteht, oder schon eingetreten ist, die man als Einwohner des doch sehr perfekten Deutschlands nicht mehr wirklich kennt…Man schaut, noch leicht schläfrig aus dem Fenster, und da die Männer diesmal nicht zum Strand laufen (dann wäre irgendwas auf See passiert), sondern auf die Strommasten klettern, braucht man eigentlich garnicht mehr versuchen das Licht oder die Kaffemaschine anzuschalten…es ist – Aphrodite, Boreas, Zeus und Poseidon sei Dank – Stromausfall! Meistens dauert das dann nur ein paar Stunden und Abends ist die Welt dann wieder in Ordnung. Also kein Grund zur Aufregung, außer man muss an dem Tag Ab- oder Anreisen…meist fährt/oder fliegt nämlich dann auch nichts, weil a) Wellen zu hoch, b) Wind zu stark und c) kein Strom (letzteres muss nicht zwingend so sein, oft ist es nur die lokale Hauptleitung die mal wieder mit etwas Klebeband und Draht zum Laufen gebracht werden muss…)

Da ich aber weder vorhabe zu fliegen, noch mit dem Schiff zu fahren ist eigentlich alles halb so schlimm, Kaffee trink ich später einfach da wo’s noch, oder schon wieder Strom gibt, und die Haare trocknen bei dem Wetter zur Not schließlich auch so – und da mich eh den ganzen Tag kaum jemand sieht, muss ich danach auch nicht aussehen wie Brad Pit persönlich…

P1090811

Es war genau dieser Strand, genau diese Welle! ganz sicher!

Übrigens bin ich, nachdem ich mein Tagespensum an Arbeit erledigt hatte, gestern dann doch noch ganz in den Süden an den Strand von Paliopoli gefahren, habe mich auf den Thron der Aphrodite gesetzt und mir von dort aus in aller Seelenruhe den Sonnenuntergang angesehen, ja Feldforschung kann auch schön sein…

Giassas!

PS: Gerade lese ich, dass es hierher laut Werbeslogan nur „35 Minuten vom Athener Flughafen und 2 Stunden von Europa!“ sind…jeder mag sich jetzt selbst denken, was diese Worte für ihn bedeuten… 😉