Tageshaiku 65_Tiger zum Frühstück

indexTiger zum Frühstück –

Pekingoper zu Abend!

Eine andere Welt!

Tageshaiku 59_Sommerende

Zwischen den Wolken: Leises Grollen. 

Gestoppte Züge, verdichtete Grenzen.

Abendläuten zur Regenfront.

 

 

Tageshaiku 57_Welt und Logik…

Im Garten die letzten Rosenblüten.
Im Netz explodiert, was wir sind.
Ist die Welt noch ein logischer Ort?

Betrachteter Alltag, oder: warum habe ich heute eigentlich noch keinen Aprilscherz gemacht?

AprilWarum ich heute noch niemanden in den April geschickt habe?

Ich könnte kurz antworten und sagen, ich mag einfach diese ganze „Scherznummer auf Kalenderbefehl“ nicht, genauso wenig wie den Valentins- oder Muttertag, Geburtstage oder andere Jubiläen…Schließlich legen wir sonst auch gesteigerten Wert darauf keine zahlengesteuerten Roboter zu sein – warum also irgendetwas machen, fühlen, schreiben oder denken nur weil ein bestimmter Tag ist?

Etwas reflektierter könnte ich mich fragen, warum ich dann trotzdem über das Thema „Aprilscherz“ am 1. April schreibe und antworten: weil ich mir ausrechnen kann, dass das Thema am 1. April die größte Reichweite besitzt und so der eine oder andere Wert in meiner Blog-Statistik steigt…Das mag zwar clever sein, aber ist auch reichlich trivial.

Eigentlich weiß ich garnicht so genau, weshalb ich mich jetzt nochmal hingesezt habe und wie wild in die Tasten drücke – vermutlich hat es auch etwas mit Vermeidungsverhalten und geistiger Ablenkung von wichtigerem / dringenderem zu tun – und der seltsamen Macht des hegemonialen Agendasettings durch soziale Netzwerk-Medien…Muss man jetzt nicht verstehen.

Also gut, 1. April, Aprilscherz, warum eigentlich…

Nun, wie bei vielen Konventionen weiß eigentlich auch bei dieser niemand, warum wir uns ausgerechnet an diesem Tag gegenseitig kollektiv verarschen. Vielleicht stimmt ja die Geschichte mit dem französischen König Karl IX. der im 16. Jahrhundert eines schönen Tages einfach den Jahresanfang vom 1. April auf den 1. Januar verschob und den Witzbolden die danach weiterhin stur zum Neujahrsfest am 1. April einluden, diejenigen, die diese Einladungen aber als echt ansahen als tumbe Trottel und Narren verspotteten? Hört sich weit hergeholt an? Nun, wir machen noch immer ganz ähnlichen Quatsch, nur dass wir heute etwas länger brauchen um zu merken welche Idioten wir, bzw. „die da oben“ denn sind…Man denke nur an das unselige Thema der Sommerzeit…

Vielleicht ist das „in den April schicken“ aber auch schon viel älter und hat mit dem altrömischen Fest der Quirinalien, einer Art antiker Karneval bei dem die Narren und Dummen gefeiert wurden (fragt mich jetzt bitte nicht warum) zu tun, der ursprünglich um den 17. Februar herum gefeiert, durch die Kalenderreform (hatten wir das grad nicht schonmal…) Papst Gregor XIII. aber um 13 Tage nach vorne auf den 1. April fiel. Stimmt das, dürften Fasching, Karneval und 1. April den gleichen Ahnherren zurückblicken.

Zwar ist die Redewendung „In den April schicken“ in Bayern schon im 16. Jahrhundert belegt, und auch „Aprilnarren“ kennt man schon kurz danach, was damit aber genau gemeint war bleibt unklar. Wirklich populär scheint der Brauch andere mit erfundenen Scherzen und Lügengeschichten am 1. April bewusst zu foppen erst im 18. und 19. Jahrhundert geworden zu sein. Mit Auswanderern ist er dann auch gleich in die USA übernommen worden.

Ach und noch eins…wenn ihr in Spanien oder Lateinamerika seid ist der Tag für einen Aprilscherz nicht der 1. April, sondern der 28. Dezember…warum weiß der Kuckuck (der vertauscht ja auch mal gern was…)…und damit: lasst euch bloß nicht einfallen wieder am Kalender herumzudeuteln, ihr werdet auch Jahrhunderte später noch als Narren im Gedächtnis bleiben 😉

 

Aus dem Archiv – Reise nach Kythera 11 – Von Zeus und El Greco (16.10.2013)

Zeus

Zeus

Und weil ich grade dabei bin – hier noch eine Kleinigkeit aus meinem „Kythera-Blog“ von 2013. Es geht um Zeus, El Greco, schwefelgelben Himmel und einen Schatz…Wer mehr wissen will:

http://wp.me/p2SJFH-ko

 

Aus dem Archiv: Reise nach Kythera 8 – Von Eisvögeln und Erdbeben (12.10.2013)

Talassa

Weil ich gerade wieder sehr viel an Griechenland und die Griechen denke – hier ein kleiner Auszug aus meinem „Feldforschungs-Blog“ von 2013:

Die Eisvögel sind wieder da!“ So hat es mir gestern morgen stolz und mit freudvollem Grinsen ein kleiner Junge verkündet als ich auf der Suche nach meinem Kugelschreiber auf der kleinen Mole des Fischerhafens von Diakofi umherirrte. Da „Eisvogel“ nicht zu meinem gängigen Griechischen Wortschatz gehört (der ist eher für so lebensnotwendige Dinge wie tanken, essen, Rechnungen, Entschuldigungen und Waschmittel reserviert ;-)) hab ich zuerst nicht verstanden was der kleine Dreikäsehoch von mir wollte.

Doch ein rascher Blick in Richtung der aufgeregt hin und herwedelnden Ärmchen machte sofort klar, was der Kleine mir mit glänzenden Augen versuchte zu erklären: Gleich zwei der schillernden Juwelen der Lüfte hatten sich – einfach so, und ohne sich um die etwas triste Umgebung zu kümmern – auf den weiß-rot gestrichenen Reelings der kleinen hölzernen Fischerboote niedergelassen und versuchten nun indem sie laut pfeifend hin und herflogen einige kleine Fische aus dem türkisfarbenen Wasser zu fischen.

Es brauchte wohl diesen optischen Schlüsselreiz um dann doch noch den entscheidenden „Klick“ in meinem klassisch gebildeten Hirn auszulösen. Genauer: wie (fast) immer in Griechenland gibt es selbstverständlich auch für das winterliche Auftauchen von Eisvögeln eine passende antike Sage: Ceyx Gemahl von Halcyone, Tochter des Windgottes Äolus, fuhr eines Tages über das winterliche Meer, um bei einem Orakel Rat zu suchen. Sein Schiff geriet in einen Sturm und sank – Ceyx und mit ihm alle seine Mitreisenden ertranken. Daraufhin erhielt Halcyone im Traum eine von den Göttern gesendete Botschaft von dem Unglück. Verzweifelt ob des Verlusts ihres Gatten stürzte sie sich ebenfalls in die Fluten. Die Götter, von der Treue Halcyones beeindruckt, verwandelten sie und ihren toten Gatten in Eisvögel und gewährten der Schiffahrt alljährlich im Winter vierzehn ruhige, windstille Tage, die sog. Halcyon-Tage. Diese spielen auch eine ganz besondere Rolle in Henry Purcells „The Enchanted Island„, und welche andere Insel könnte mit diesem Titel gemeint sein als…richtig Kythera“

Der Grund für diese windstillen Tage ist allerdings etwas kurios und spricht nicht unbedingt für die genaue Beobachtungsgabe antiker Ornithologen. Nicht der Schutz der Seefahrer lag den Göttern am Herzen (wie häufig bei den launischen Olympiern handelt es sich hierbei eher um einen angenehmen Nebeneffekt), nein, die gnädige Zurückhaltung des Windgottes Äolus gilt seiner in einen Eisvogel verwandelten Halcyone, welche zu dieser Zeit angeblich brütend auf ihrem schwimmenden Nest auf dem glatten Spiegel des Meeres sitzt…

Und hier beginnt das Problem: Entweder antike Eisvögel verhielten sich komplett anders als ihre modernen Nachfahren – diese brüten in aller Regel in selbstgegrabenen Höhlen an sandigen Steilufern und Geländeabbrüchen und haben so recht wenig von einer ruhigen See, oder aber die antiken Urheber der Sage haben schlichtweg Seeschwalben (die brüten tatsächlich in ruhigen Meereslagunen auf schwimmenden Flößen aus Grünpflanzen) und Eisvögel miteinander verwechselt bzw. zu einer Art vermischt – Lebensraum und Umrisse beider Arten sind recht ähnlich und beide fangen bekanntlich Fisch…Sicher ist nur, dass ich das griechische Wort „(H)Alcyon“ für Eisvogel so schnell nicht mehr vergessen werde…

Nicht genug damit, gegen Mittag riss der stärker werdende Zephir etliche Blüten von den Bouganveliennüschen und Hibiskussträuchern (wir haben hier immer noch Sommer!) und verteilte sie im kristallklaren Wasser der Bucht. Das Ganze sah aus, als hätte man in einem vernöstlichen Spa für Riesen eine gewaltige Badewanne voller türkis-rosa-weiß-rot gesprenkelten Ajurvedabadewasser mit „Exotikblütenbeilage“ vorbereitet. Und ja, ich hab Bücher, Bücher sein lassen, mir nicht den Photo (der wär eh vom aufgewirbelten Sand kaputt gegangen) sondern die vorsorglich mitgebrachten Badesachen geschnappt und bin  mit Eisvögeln, Silberreihern, Bussarden und Falken als Zuschauern durch die ganze buntgetupfte Bucht geschwommen!

Mitten drinn im romantischen Herumgeplantsche begann es dann oben in den Bergen um Agia Moni zu rumoren. Erst ganz leise, dann lauter, als würde eine ganze Ziegenherde auf einmal über eine der Geröllhalden laufen. Aber da waren keine Ziegen, nur kleinere und größere Felsbrocken die von den Hängen hinunter ins Tal kullerten. Normalerweise ist das hier nicht weiter der Rede wert, kleinere Felsstürze passierten hier quasi im Minutentakt. Was mich dann aber doch etwas beunruhigte, waren die besorgten Gesichtern der Fischer, denen anzumerken war das es diesmal wohl etwas ernsteres war. Leicht besorgt und schweren Herzens verließ ich also meine Privatbadewanne (ich hatte wirklich die gesamte Bucht von Diakofti für mich allein!) und hab am Strand nachgefragt was denn los sei. „Seismos“ Erdbeben, nicht besonders schlimm, aber man sollte sich wohl sicherheitshalber doch ein paar Meter den Hügel hinaufbewegen…Tzunami und so…

Gesagt getan, ich in den Badeklamotten durch den Ort, ab ins Auto und den Berg hochgefahren. Ob das wirklich eine Gute Idee war weiß ich im Nachhinein nicht so unbedingt; Ein Nachbeben auf der durch Felswände verlaufenden Straße von Diakofti zum Flughafen ist sicherlich kein Vergnügen…aber immer noch sicherer als eine Flutwelle unten in der Bucht…

Oben angekommen kam mir schon ein Baggerfahrer mit der Entwarnung entgegen. Es sei wirklich nicht so schlimm. Das Erdbeben habe vor Chan(d)ia – einer Stadt auf Kreta – ca. 80 Kilometer südöstlich von hier stattgefunden, Stärke 6,7. Auf Kythera gäb’s nur kleinere Schäden, keine Tzunamigefahr…

Dumm war blos, dass ich bei der ganzen Aufregung vergessen hatte, Sonnencreme und mein Hemd anzulegen! Resultat: Ein erdbebenverursachter Sonnenbrand! Mein vergessenes Hemd hab ich dann übrigens in der Bucht wiedergefunden, der Wind hatte es zwischenzeitlich über den Strand ins Wasser geweht…noch mehr Wäsche!

Die Fischer hatten sich erst garnicht vom Fleck bewegt. Ein Tzunami, so die einhellige Meinung, sehe anders aus…wie haben sie mir nicht verraten und ich glaub, sie haben sich insgeheim auch ein ganz klein wenig darüber gefreut, dass sie dem bleichen Touristen ein wenig Angst eingejagt hatten…jedenfalls lachten sie alle und fragten, warum ich denn so rot sei…

Zurück im Appartment war ich dann um drei echt Kytheranische Weißheiten reicher:

1) Traue keinem Riesen der Bouganvelienblüten in eine Mittelmeerbucht streut, er will spielen und macht dabei kleine Erdbeben! 😉

2) Ein Erdbeben ist noch lange kein Grund auf den Sonnenschutz zu verzichten!

3) Tzunamis sehen anders aus…wie weiß niemand so genau, da’s bisher vermutlich niemand der’s je gesehen hat weitersagen konnte…

Ein Blick in die Abendnachrichten belehrte mich dann übrigens, dass die Warnung der Fischer vielleicht doch nicht nur scherzhaft gemeint war. Auf dem nur 80 Kilometer entfernten Kreta hat das Erdbeben doch erhebliche Schäden angerichtet und wenn ich’s richtig verstanden habe hat’s auch Schwerverletze und eine, wenn auch sehr kleine Flutwelle gegeben.

PS: Noch etwas ist mir heute aufgefallen. Augenscheinlich verursacht nur Nordsturm (Boreas) Stromausfall. Zephir (Westwind)-Stürme sind zwar stärker (und unangenehmer, da sie heiß und sehr feucht sind, haben hier gerade gefühlte 35°C im Schatten) verursachen aber aus unerfindlichen Gründen keine blackouts. (jedenfalls noch nicht…).

Giassas!

Are we all terrorists? – Überlegungen zum „guten“ und zum „schlechten“ Islam

IstanbulZugegeben, es war eine mehr als hitzige Debatte, die da am Abend nach den Pariser Anschlägen in einem Bamberger Traditionslokal um die Themen Islam, Muslime, Integration und Terrorismus geführt wurde.

Da waren die Scharfmacher. Jene die unbesehen und im Brustton der Überzeugung, den nur einige Saidla Bier verleihen, „den“ Islam mit Terrorismus und unmenschlicher Barbarei gleichsetzten und am liebsten gleich alle Muslime des Landes verweisen wollten. Wenn das schon bei den verweichlichten Politikern nicht durchzusetzen sei, sollten „die“ zumindest die Grenzkontrollen und die Vorratsdatenspeicherung wiedereinführen, und  am besten auch gleich sämtliche Ausländer und Scheinasylanten ausweisen.

Die sollen erstmal richtig Deutsch [Fränkisch?] lernen und ihrer verdammten Terroristen-Religion abschwören, bevor sie bei uns leben dürfen!“, „Es ist ein Skandal, dass „die“ bei uns frei rumlaufen dürfen!“, „Wen’s ihnan dô ned bôssd solln’s hôld wider zrück wo’s hing’hörn!“ – Ja die fränkische Volksseele kann mitunter sehr eindeutig in ihrer absoluten und totalen Verdammniß alles Andersarigen sein.

Da waren dann aber – Gott sei Dank – auch die nicht ganz so besoffenen, dummen und ignoranten. Jene die sich auch schon in den vergangenen Monaten und Jahren gegen die geistige Dumpfheit eines braunen Mobs eingesetzt haben, jene die sich in Projekten und Cooperationen für Flüchtlinge und Integration einsetzen, und jene, die einfach nicht einsehen können, dass ein Mensch nur deshalb besser als ein anderer sein soll, weil er und seine Vorfahren hier geboren sind, blonde Haare und blaue Augen hat. Doch sie waren an diesem Abend seltsam leise. Zu frisch und unfassbar war noch der Eindruck der Pariser Taten, zu rat- und fassungslos standen die meisten dem Ausmaß der für undenkbar gehaltenen Taten gegenüber…Bis dann doch jemand aufstand und zu der arischen Stammtischgruppe am Nachbartisch meinte:

Dann machen sie uns doch gleich alle zu Terroristen, weißen sie uns aus, und dann haben wir endlich alle unsere Ruhe, nur dass dann auch niemand mehr da ist, der ihnen die Drecksarbeit macht und ihre Rente finanziert!“

Ich kannte den Jungen Mann, er gehört zu meinem engeren Freundeskreis und ist eigentlich ein sehr liebenswürdiger, ruhiger, besonnener Kerl, den sonst nichts so leicht aus der Ruhe bringt.

Ob er Muslim, Christ, Jude, Buddhist oder garnichts ist, hatte mich bisher nie interessiert. Es war einfach nicht wichtig. Erst jetzt begann ich darüber nachzudenken – Ja, ich glaube er hatte irgendwann mal erzählt seine Eltern seien aus der Türkei. Mehr wusste ich nicht und es spielte auch keine Rolle. Ich mag ihn, und da ist es schließlich egal, woher jemand kommt, welche Religion er hat oder ob sein Nachname nun „deutsch“, „türkisch“ oder „hinteroberniederöstereischisch“ klingt.

Und jetzt saß er neben mir, vor Wut bebend und gleichzeitig eine Resignation ausstrahlend, die mir Angst machte.

Ich habe dann gezahlt und ihn gefragt, ob er vielleicht an einem etwas besser geeigneten Ort – möglichst weit weg von oberfränksischen Stammtischweißheiten und rauchbierbenebelten Möchte-Gern-Welterklärern – mit mir noch einen Absacker, Tee oder Caffee trinken mag.

Er entschied sich für Tee, und ich mich für den nächstgelegenen Dönerladen.

Da saßen wir nun, einen Abend nach den Anschlägen auf die Redaktion von Charlie Hebdo und der Geißelnahme im koscheren Supermarkt. Wir saßen auf Plastikstühlen, über uns das nervöse Flackern des Neonlichts. Im Fernsehen lief eine türkische Soapopera, deren hauptsächlicher Handlungsstrang aus herzzereißenden Heimatballaden bestand. Eigentlich hatten wir keine Lust zu reden. Es passte einfach nicht und wir fanden außer ein paar nichtssagenden Floskeln an diesem Abend einfach keinen Draht mehr zueinander. Keiner von uns wollte den Anderen verletzen, ihm zu Nahe treten, vielleicht genau auf die Tretmine treten, die die Pariser Anschläge gerade freigelegt hatten. Da war er plötzlich, der interkulturelle Graben. Niemand von uns beiden wollte ihn, aber er war da: Groß, schweigsam, dunkel und bedrohlich.

Erst als einer der Dönerverkäufer uns Tee machte – sehr starken und süßen Tee – und fragte, ob wir vielleicht etwas Bakhlava dazu wollten – es gehe alles auf’s Haus, wie wir aussähen, könnten wir’s brauchen…fanden wir unsere Sprache wieder.

Manchmal sind Dönerfachverkäufer einfach die besseren Psychologen….

Wir beide wussten plötzlich einfach, dass, wenn wir dieses Gespräch, dass weit über den sonst üblichen freundschaftlichen Smaltalk hinausgehen würde, wirklich führen wollten, wir uns gegenseitig etwas genauer erzählen mussten, wer wir waren und woher wir kommen, aber auch, was wir dachten, fürchteten, was uns verletzte, worüber wir uns freuten, was uns grenzenlos aufregte und wo die Grenzen unserer Toleranz lagen.

Bassam – eigentlich nenen wir ihn im Freundeskreis nur schlicht „Baas“, was mich immer ein wenig an eine Mischung aus dem englischen „boss“ und der schwäbische Bezeichnung für „Cousine“ erinnert – hat mir dann erzählt, dass er mit seinen Eltern als Kleinkind aus der Osttürkei nach Deutschland gekommen war. Seine Eltern seien syrische Alewiten, die es trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – geschafft hatten, schon vor Jahrzehnten mit dem Assadregime Ärger zu bekommen und erst in die Osttürkei, und als sie dort auch nicht mehr sicher waren – Alewiten sind in der Türkei nicht eben beliebt, sie sind den anderen Muslimen zu „liberal“, „westlich“ und „aufgeklärt“, ja gelten häufig noch nichteinmal als „echte“ Muslime – nach Deutschland geflohen waren. Sie hatten Glück gehabt, bekamen erst eine Duldung, dann Asyl. Irgendwann hätten sie sich dann für die deutsche Staatsbürgerschaft entschieden. Alles nicht einfach, weil weder die Türkei noch Syrien die nötigen Papiere ausstellen wollten.

Weist Du, für mich war Religion eigentlich nie ein Thema. Meine Eltern haben es mir überlassen was ich daraus mache. Das heißt nicht, dass ich nichts darüber weiß, aber mir waren die Menschen immer wichtiger – vielleicht bedeutet es ja das, Alewit zu sein…für uns steckt in jedem Menschen etwas göttliches, und wir haben kein Recht uns an diesem göttlichen zu vergreifen. […] Auf der anderen Seite fühle ich mich auch als Muslim, aber eben nicht so, wie das die meisten Muslime das Muslim sein hier definieren.“

Ich nickte. Anders als den meisten Deutschen hatte ich das Glück von klein auf muslimische Freunde zu haben und viel Zeit in muslimisch geprägten Ländern zu verbringen, daher war mir längst klar, dass es „den“ Islam so nicht gibt.Wie immer, wenn es um Religion geht, gibt es hunderte miteinander konkurrierende Auslegungen, Überlieferungen, Spielarten, Praktiken, Gruppen. Und wie immer gibt es auch die, die diese Vielfalt im Namen des eigenen Machtstrebens leugnen und den einen, einzigen, wahren, fundamentalistischen und alternativlosen Islam propagieren. Hier und der Islamischen Welt…

„Weißst Du, das Problem ist, dass die meisten Leute die sich Muslime nenen, gar keine Ahnung haben, was das wirklich heißt. Sie haben irgendwann ein paar Suren auf arabisch auswendig gelernt, aber sie haben es nie verstanden – wie auch, die meisten hier können gar kein Arabisch, sondern sind Türken oder Kurden, wie sollen sie denn da überhaupt verstehen, was ihre Religion ist und das vieles von dem, was als Verhaltensregeln und angeblichen Aussprüchen Mohammeds garnicht im Koran steht, sondern einer zweifelhaften Überlieferung entspricht? […] Es ist ein bisschen so, wie früher bei den Katholiken – die konnten die Bibel auch nicht lesen, weil sie auf Latein war, und in der Kirche haben sie auch nix kapiert, weil da auch das meiste auf Latein gebetet wurde […] So ähnlich ist das auch hier in den Moscheen, der Imam sagt wo’s lang geht, jeder glaubt ihm, und kommt garnicht auf die Idee darüber nachzudenken ob der Imam sich eventuell irren könnte. Das schlimme daran ist, dass diese Imame meist nicht von hier kommen, sondern ein Bild vom Islam verbreiten wie es vielleicht irgendwo in einem Dorf in Ostanatolien oder einer erzkonservativen Medressa in Ägypten gelehrt wird. Einen modernen, aufgeklärten und westlichen Islam gibt es hier einfach so gut wie nicht“

Bassam hatte recht: Einen echten Diskurs um Glaubensinhalte und eine ernsthafte historische Auseinandersetzung mit dem Islam gibt es in Deutschen Moscheen ebensowenig, wie eine echte Emanzipation der meisten Deutschen Muslime von den religiösen und politischen Vorgaben ihrer Heimatländer…wie auch…Bassam hatte denselben Gedanken…

„Daran seid ihr aber auch selbst schuld. Ihr Deutschen ja. Ihr habt es Euch bequem gemacht und einfach zugelassen, dass die islamischen Geistlichen von Organisationen aus dem Aussland geschickt werden. So können sich die Leute hier garnicht integrieren, weil sie nie gelernt haben, dass Religion etwas ist, was man hinterfragen und selbst begreifen muss. Die meisten Muslime hier sind wie Schafe, die willig nachbeten, was ihnen irgendwelche Hinterwäldler aus der Türkei oder dem Iran vorbeten. Nein, schlimmer noch, sie haben so wenig Ahnung vom Islam, dass sie sogar auf Salafisten und anderen Mist hereinfallen!“

Ich schluckte und begriff, dass dies nicht der richtige Zeitpunkt war, um Bassam nun meine Geschichte zu erzählen. Stattdessen blieb ich still und hörte weiter zu.

Und weißt Du was wirklich nervt? Die Leute hier, die setzen mich einfach mit genau diesen Leuten gleich, nur weil ich vielleicht nicht blond und blauäugig bin und nur weil mein Name nicht ganz reinrassig „Deutsch“ klingt…Für sie bin ich einfach der dumme Türke der einer menschenverachtenden Religion angehört, seine Freundin prügelt und den nächsten Terroranschlag plant. Hast Du irgendeine Ahnung, wie oft ich mich deshalb schon hab rechtfertigen müssen? Wie oft ich schon von irgendwelchen Bereitschaftspolizistlern nach meinen Personalien und einem Visum gefragt wurde, und welch saublöde Kommentare ich mir dann von denen hab anhören dürfen als ich meinen Deutschen Perso aus dem Geldbeutel gezogen habe? Die kapieren einfach nicht, dass das hier genauso meine Heimat ist, wie ihre…Und sie haben keine Ahnung davon, was im Nahen Osten abgeht, und dass es „den Islam“ in Wirklichkeit garnicht gibt…es gibt da so viele Dinge, so viele Gruppen und Untergruppen, so viel gegenseitigen Hass und Gewalt… Hast Du eine Ahnung davon, dass mein Vater in Syrien im Knast gefoltert wurde, weil er nicht zu allem Ja und Amen gesagt hat als der Alte Assad 1982 die Muslimbrüder in Hama bombardieren ließ, dass wir dann in die Türkei geflogen sind und dass meine Mutter dort von mehreren Polizisten vergewaltigt wurde, nur weil sie Alewitin ist? Weißt Du, dass die genau gleichen Muslimbrüder für die sich mein Vater damals eingesetzt hat, jetzt bei der IS kämpfen und meine Verwandten in Syrien abschlachten? Nein…das wissen die Leute hier alles nicht und es interessiert sie auch nicht…für sie bin ich nur der muslimische Terrorist, der ihnen ihre Arbeitsplätze wegnimmt, ihre Töchter vergewaltigt und die Scharia einführen will.

Bassam „der Lächelnde“ lächelte an diesem Abend nicht. Er war sauer, entäuscht und frustriert von einem Deutschland, dass er als Heimat betrachtete und dessen Bewohner nun entweder „Lügenpresse“ schrien oder sich, ohne wirklich zu wissen, was das bedeutete: „Je suis Charlie“-Schilder umhängten und Stifte in die Höhe hielten. Er war wütend und verzweifelte zugleich an einer Menschheit, die einfach zu dumm, zu bequem und zu egoistisch war, in Eintracht und Frieden miteinander zu leben. Er war es zurecht, wie ich meine.

Während Bassam redete begann ich mir Fragen zu stellen. Unangenehme Fragen. Fragen denen auch ich mich stellen musste. Fragen, die auch mir klar machten, dass ich längst nicht so liberal, freundlich und aufgeschlossen bin, wie ich es manchmal gerne hätte. Fragen, die mir klar machten, wie leicht wir alle Verführte und Verführer werden, wenn wir uns von unseren Ängsten leiten lassen.

Warum genügt es in diesem Land „türkisch“ oder „muslimisch“ auszusehen um gleich als Vergewaltiger, Islamist und Terrorist verdrächtigt zu werden?

Warum setzen deutsche Lehrer „ausländisch“ aussehende Kinder mit der Begründung in die letzte Reihe, dass diese „ja eh nicht lernfähig“ seien?

Warum wissen wir in diesem Land so wenig über islamische Kultur, Geschichte und Religion?

Warum sind aufgeklärte, liberale und weltoffene Muslime wie Bassam, dem es reichlich egal ist ob sein Gegenüber Alkohol trinkt, an Christus glaubt oder schwul ist in Deutschland eine derart kleine Minderheit, und stimmt dieser Eindruck überhaupt?

Warum empfinden die meisten Deutschen den Islam als Bedrohung und wechseln die Straßenseite, wenn ihnen Abends eine Gruppe muslimisch aussehender Jugendlicher entgegenkommt?

Warum gelingt es salafistischen Predigern immer wieder Jugendliche für ihre Ziele einzuspannen?

Warum tolerieren wir katholische, protestantische, jüdische und freikirchliche Fundamentalisten, während wir muslimische Terroristen und Hassprediger nennen?

Wo endet konstruktive Kritik und beginnt Intolleranz, Hass und „Muslimfeindlichkeit“?

Warum reisen immer wieder junge Männer und Frauen aus Europa in Terrorcamps oder kämpfen sogar an der Seite von IS und CO?

 

Wo liegt die Grenze der Toleranz, und kann es diese Grenze überhaupt geben?

Wann wird Sicherheit zur Bedrohung der Freiheit, und wie viel Sicherheit brauchen wir, um frei zu sein?

Warum ist es uns nicht gelungen, dass Integration in diesem Land oft nicht mehr ist, als ein misstrauisches nebeneinanderherleben und unwilliges Tolerieren?

Warum finden es so viele immer noch seltsam, einen türkischen Chef der perfekt Deutsch, Türkisch, Englisch und Französisch spricht zu haben?

Warum spreche auch ich mit meinem Dönerverkäufer kaum je mehr als ein paar Sätze und das in einer Art „Pidgin-Deutsch“ ohne korrekte Grammatik und „schwierige Wörter“?

Warum habe ich meinen VHS-Türkischkurs nach dem ersten Semester nicht mehr fortgesetzt? Und warum kann mein Dönerverkäufer, obwohl er nun schon über 15 Jahre in Deutschland wohnt, immer noch kein „richtiges“ Deutsch?

Und warum bekommen wir es in diesem Land partout nicht hin, dass Menschen die zu uns geflohen sind und bei uns leben und sich einbringen wollen, sich hier wirklich als Mensch angenommen und willkommen fühlen?

Es würde hier viel zu weit führen, alle diese Fragen angemessen zu beantworten. Vielleicht geht das im einen oder anderen Fall auch garnicht. Aber es hilft sich diese Fragen zu stellen. Sie machen achtsamer…

Es war denn auch nicht dieses, vielleicht etwas eitle Vorhaben, dass mir an diesem Abend mit dem wütenden, entäuschten und frustrierten Bassam durch den Kopf ging.

Es war ein Satz aus dem Weihnachtsevangelium nach Lukas, vielmehr, es waren eigentlich nur zwei Worte mit denen ich an diesem Abend versuchte , Bassam wieder ein Lächeln zu entlocken.:

 

 Μη φοβάiστε – fürchte Dich nicht…

 

Fürchte Dich nicht vor denen, die meinen die Welt mit Terror und Angst unter ihre Kontrolle stellen zu können.

Fürchte Dich nicht vor den Dummen, den Idioten, den Ungebildeten und den Heuchlern.

Fürchte Dich nicht vor der Angst, schon garnicht vor jener, die dir Andere einzureden versuchen.

Fürchte Dich nicht Du selbst zu sein.

Fürchte Dich nicht vor den Dingen, die Du nicht kennst, sondern versuche sie zu verstehen.

Fürchte Dich nicht vor Wissen.

Fürchte Dich nicht andere zu lieben, mitzuleiden und sich für sie einzusetzen.

Fürchte Dich nicht vor dem Urteil der anderen, sondern stehe für Deine Träume und Ideale einer besseren und menschenfreundlicheren Welt ein.

Fürchte dich nicht vor den Bigotten, den Fundamentalisten, Kleingeistigen, Falken und Sicherheitsfanatikern, die meinen mit Regeln, Gesetzen, Ausgrenzung, Überwachung und Mord die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Fürchte Dich nicht vor jenen, die dir vorschreiben wollen, wer Du bist und wie Dein Leben auszusehen hat.

Sei Du selbst, und fürchte Dich vor allem nicht vor Dir selbst und Deinem großen Herz, wenn man erst einmal keine Angst mehr hat, wird man feststellen, dass es viel größer und weiter ist, als wir es uns vorstellen können.

 

Liebe und Achtung vor dem Anderen und Furchtlosigkeit beim Einstehen für diese Haltung.

 

Vermutlich sind es diese zwei so einfach klingenden und allen Religionen gemeinsamen Grundforderungen, in denen die Lösung der ganzen Wut, des ganzen Hasses, der ganzen Frustration und des ganzen Unverstandes liegen könnten. Doch bin ich mir auch bewusst, dass jeder meiner Fragen, jeder meiner „Fürchte Dich nicht“ Sätze zu Missbrauch einläd‘ und in sein Gegenteil verkehrt werden kann, wenn er mit Intolleranz, Fundamentalismus und Egoismus geäußert wird…Religion ist per se nicht gut oder böse, es kommt immer darauf an, was man daraus macht. Deshalb gibt es auch keinen „guten“ oder „schlechten“ Islam, kein „gutes“ oder „schlechtes“ Christen- oder Judentum, keinen „guten“ oder „schlechten“ Buddhisten, Freikirchler oder Atheisten…Nein, es gibt immer nur den Mensch und seinen Umgang mit seinen Mitmenschen.

Dort wo Macht, Bereicherung, Intolleranz, Egoismus und Hierarchie die Oberhand über das Wohl des Einzelnen übernehmen, werden Religionen, genauso wie politische Ideologien, ja jegliche Ideale zur Diktatur, zu Extremismus, Terror und Hass.

Dort hingegen wo wir sie zum Leitfaden für einen liebevollen und achtsamen Umgang mit jedem einzellen unter unseren Mitmenschen machen, gerade wenn diese uns „fremd“ und „anders“ erscheinen, können sie tatsächlich zum Keim einer besseren, gerechteren und menschenfreundlicheren Welt werden.

Jede Religion, jede Ideologie, jedes Wertesystem und jedes Ideal, jeder Traum – auch und gerade wenn sie uns unter dem „Label“ Wohlfahrt,Vernunft, gesunder Menschenverstand, Fortschrit, Laizismus und Aufklärung entgegentreten  – jeder Wunsch und jede Hoffnung hält das Potential für beide Wege in ihren Händen. Wir sollten auch nicht vergessen, dass in den letzten zweihundertfünfzig Jahren mehr Menschen im Namen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit umgebracht wurden, als in allen Religionskriegen zusammen…

Hass oder Liebe, wir haben stet’s die Wahl, egal was uns andere erzählen. Der Maßstab für unser Tun ist dabei der Andere.

Davon bin ich überzeugt – auch wenn es verdammt naiv und gutmenschlich klingt.

 

Und ja, Bassam hat an diesem Abend doch noch gelächelt. Und ich bin ihm sehr dankbar dafür!

 

...Für alle die nun nicht so genau wissen, was Alewiten sind, und für was sie einstehen, hier noch ein Info-Link:

http://www.religion24.net/wofuer-treten-die-alewiten-ein.html

 

 

 

 

 

 

 

Je suis Charlie

Je Suis CharlieJe suis Charlie. Nous sommes tous. Et nous avons tous été attaqués aujourd’hui, même et surtout les musulmans. L’interprétation aberrante de les assassins n’a rien – rien du tout – en commun avec ce, que je sais que l’Islam, et ne le sera jamais! Il est temps que nous reconnaissons et acceptons que les droits de l’homme, la tolérance, la liberté – même et surtout de la presse et d’opinion – et le respect de la vie de l’autre sont pas quelque chose de soi, mais devez de plaider activement et partout – non seulement pour nous mais aussi pour les autres et étrangers.

Ich bin Charlie. Wir alle sind es. Und wir alle wurden heute angegriffen, auch und ganz besonders die Muslime. Der verquere Interpretation der Attentäter hat nichts, aber auch garnichts gemeinsam mit dem, was ich als Islam kenne, und wird es auch nie! Es wird Zeit, dass wir Menschenrechte, Toleranz, Freiheit – auch und gerade der Presse, Rede und Meinung – und die Achtung vor dem Leben des Anderen nicht als etwas selbstverständliches hinnehmen, sondern uns aktiv und überall dafür einsetzen, nicht nur für uns, sondern auch für den Anderen und Fremden.

I‚m Charlie. We all are. And we all were attacked today, even and especially the Muslims. The wrong-headed interpretation of the assassins has nothing – nothing at allin common with what I know as Islam, and never will! It is time that we recognize and accept, that human rights, tolerance, freedom – even and especially of press, speach and opinion – and respect for the life of the otheras are nothing self-evident, but must be actively and everywhere advocated. Not only for ourselves but also for others and strangers.

Adventskalender 2014 – 10. Türchen – Von Baupfusch und Orientierungsmangel – oder: Warum man sein Haus besser nicht von Engeln transportieren lassen sollte…

Engel

Engel

Jetzt sitzen sie wieder auf den Tannenspitzen, lugen von Fenstersimsen und lächeln von Giebeln und Dächern: Engel! Sie gehören zur Weihnachtszeit wie Stollen und Marzipan und sind mindestens so schön wie Springerle und Glühweinsorbet!

Aber habt ihr Euch je gefragt, ob sich Engel wohl öfter verfliegen, wenn sie Häuser transportieren?

Ich weiß, Ich weiß – das ist wieder eine dieser abstrusen Fragen, die sich nur ein ausgebildeter Geisteswissenschaftler stellen kann, dessen katholische Großmutter ihm als Kind ein bisschen zu viel aus diversen Heiligenlexika und anderen Mirakelbüchern vorgelesen hat…

Aber mal im Ernst, wir haben heute den 10. Dezember und es gibt in Italien tatsächlich einen garnicht so unbedeutenden Wallfahrtsort namens Loreto an dem die Menschen heute die – leicht verunglückte – Übertragung des Geburtshauses Mariens aus Nazareth nach Mittelitalien im Jahr 1291 feiern.

Irgendwas muss damals beim Abbau und mit dem Lieferschein nicht so ganz geklappt haben, denn das Haus landete samt Engeln erstmal in Trsat bei Rijeka im heutigen Kroatien. Erst drei Jahre später fiel dann irgendjemand im Stabsbüro der Himmlischen Heerscharen das „kleine“ Missgeschick auf und das Häuschen wurde abermals von Engeln in die Höhe gehoben, flog bei Nacht und Nebel über die Adria und stand am Morgen des 10. Dezember 1291 im kleinen Ort Loreto in der Nähe von Ancona. Ob die Engel damit eigentlich nach Rom wollten und es – so ein Haus hat immerhin ein ziemliches Gewicht – vor lauter Weihnachtsvorfreude einfach nicht mehr „verheben“ konnten, wie man im schwäbischen so schön sagt, oder ob das Häuschen von anfang an für Loreto bestimmt war, lässt sich aufgrund der himmlischen Kommunikationssperre in derartigen Dingen leider nicht mit Gewissheit sagen. Sicher ist nur, dass das Häußchen danach nicht mehr weitergeflogen ist, und es noch heute mitten drinn in der riesigen drumherumgebautem  Basilika von Loreto steht.

Und weil es schon damals einige Zweifler an dem himmlischen Schwarzbau auf der grünen Wiese gegeben hat, und weil beim Transport außerdem dummerweise das Fundament nicht mitgeliefert wurde, sind doch tatsächlich gleich 16 Bürger Loretos in das damals frisch von den Sarazenen zurückbesetzte Nazareth gefahren und siehe da: sie fanden dort tatsächlich das vom englischen Umzugstrupp vergessene Fundament des Häuschens – geschickterweise lag auch gleich eine Inschriftentafel mit der Information, dass das Häuschen auf unerklärliche Weise verschwunden sei dabei.

Schnöder Baustoffraub, Erdbeben oder Wunder – Ihr dürft Euch jetzt selber aussuchen, was ihr glaubt, eine Reise nach Loreto lohnt sich auch ohne himmlischen Zustellungsmalheur, aber ich fand die Geschichte vom fliegenden Häusschen und den leicht orientierungsgestörten Engeln jetzt einfach zu nett, um sie Euch nicht zu erzählen!

 

Venezianische Weihnachtsgefühle – Eine Nachlese

Es ist einer jener seltenen Augenblicke im Leben, die sich das zumeist reichlich vorschnell verwendete Prädikat „magisch“ mit vollem Recht auf die Fahnen schreiben dürfen: Freitag Abend im vorweihnachtlichen Venedig – Das Blitzlichtgewitter auf der Piazetta lässt nach, vor den ersten Restaurants erscheinen weiß livrierte Kellner vor mit allerlei Meeresgetier gefüllten Auslagen um zahlungskräftiger Kundschaft die Verlockungen der venezianischen Küche ganz praktisch am Beispiel einer Seespinne oder einer noch lebenden Languste näher zu bringen. Gerade hat das 1er Linienboot die kalte Pracht des Dogenpalastes hinter sich gelassen und macht sich vorbei an den bunt beleuchteten Fahrgeschäften entlang der Riva degli Schiavoni in die samtene Dunkelheit der Giardini auf, als kurz hinter Sant Elena die Lichter der Decks erlöschen und sich nur noch die Displaybeleuchtung der frisch gezückten Smartphones in den goldenen Mantelschnallen der über die Woche mit reichlich Testosteron geschwängerten Armeekadetten spiegelt.

Fast gleichzeitig erscheint im letzen blassen Türkis der Lagune in das sich während der langen Fahrt durch den Canal Grande erst orange, dann rote und schließlich schwärzlich-violette Schatten mischten, kulissengleich die langgestreckte Landzunge des Lido. Hört man zwischen dem jähen Aufheulen der schweren Dieselmotoren ganz genau hin, sind aus dem einen oder anderen der vorbeiziehenden Boote Weihnachtslieder der wettergegerbten Fischer und Seemänner der Lagunenstadt zu hören, deren raffinierte Mehrstimmigkeit noch auf die großen Zeiten eines Pellestrina oder Gabrieli zurückgeht. Obwohl inzwischen als Kapitäninnen und Anlegefrauen reichlich auf den öffentlichen Linienschiffen vertreten scheinen Seefrauen als entfernte Schwestern von Andersons kleiner Meerjungfrau in scharfem Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen nie zu singen, seltsam…

Zugegeben das alles klingt nun reichlich verkitscht, ist es auch…aber wo anders auf der Welt wird man sonst noch auf der Bootsfahrt vom Flughafen in die Stadt von einem ganzen Seemannschor mit dermaßen herzzereißenden Madonnenliedern empfangen, dass sich dagegen das wohlbekannte „Maria durch ein Dornwald ging“ als Ausbund deutscher Weihnachts(rühr-)seeligkeit  geradezu wie scharf intonierte wilhelminische Marschmusik ausnimmt? Und wo sonst zieht der „babbo natale“ als italienische Variante des Weihnachtsmanns auf einer rot-goldenen Prunkgondel und mit einem ganzen Hofstadt aus rudernden Weihnachtsmännern und Frauen in die Stadt ein? Und ja, auch die Militärakademie und ihre – zumindest zu mehreren – reichlich bornierten Absolventen haben nicht erst seit Dona Leon einen mehr als nur ambivalenten Ruf als Spießgesellen  fragwürdigsten Korpsgeistes und vivaldieske  Indoktinierungsgehilfen neofaschistischer Hirngespinste von Ehre und Vaterlandsliebe. Aber nicht trotz, sondern gerade deshalb schickt der auch und gerade in Italien zur Genüge vertretene Helikopterelternnachwuchs seine durch typisch italienisches frühkindliches Laissezfaire (jede deutschstämmige Südtiroler Hotelierswitwe kann hiervon eine wahre Trauerode singen!) missratenen oder zu missraten drohenden Bambini für den finalen gesellschaftlichen Feinschliff genau auf dieses eine und ehrwürdigste aller Militätrinstitute! Und ganzl ehrlich, was wäre die winterliche Serenissima ohne die weißbemützten  Rotkäppchengestalten in ihren makellos nachtblauen Wollumhängen? Was hätten die von den Venezianern liebevoll „Settembrini“ genannten, leicht affektierten älteren Herren in feinstem Kamelhaarmantel und Seidenschal in schwülen Herbstnächten zu ersehen, und wo bliebe die edle Staffage der „Offiziersanwärter“ bei so manch hoch- und höchstgesellschaftlichem Anlass, gebe es sie nicht die feschen Jungs von der Marine?  Es würde etwas fehlen, ungefähr so, wie wenn man nach jahrelanger Abwesenheit in ein ansonsten wohlbekanntes Museum zurückkommt und ein übereifriger junger  Kurator den sanft ausladenden barocken Lieblingssekretär samt seiner feinstgravierten Intarsien aus Walrossselfenbein zugunsten einer hypermodernen Multimediainstallation ins Depot verbannt hätte, oder eben urplötzlich die wohlvertrauten Leopardentürgriffe eines Palazzo gegen nichtssagende Allerweltsknubbel „ausgetauscht“ wurden.

Nebenbei bemerkt: Die Leopardentürgriffgeschichte ist tatsächlich genau so passiert, 500 Jahre waren sie da…und jetzt…Nur noch eine jener mit dem neapolitanischen Pathos der echten Comedia dell’ Arte vorgetragenen tragischen Räuberpistolen, die der gutmeinende orginalvenezianische Barista einem nichtsahnenden deutschen Touristen frühmorgends zum unvermeidlichen „coretto“ und zugehörigem „brioche“ serviert und die erst mit einem schief lächelnden „buon di!“ beendet wird, wenn der verdatterte Gast aus Germania rückenhaarsträubend und über den unvermeidlichen Niedergang des Abendlandes zeternd, sowie der Bedrohung der christlichen Familie eingedenk die grundlegende moralische Verdorbenheit der heutigen Zeit verkündet…

Nein, verfilzte Rastalocken, zottelige Inkakaputzen und in den Kniekehlen hängende Baggy-Boots sind schlichtweg keine Alternative zu den schniecken Jungens von der Marine! Gott und der Madonna Nikopeia sei Dank bewahrt der den Italienern quasi angeborene oder doch ziemlich gründlich anerzogene Geschmack auch den Rest der männlichen Bevölkerung, sofern er nicht gerade eben aus dem übelsten römischen Armenviertel kommt, vor derartigen modischen und moralischen Abgründen…Ob deswegen allerdings gleich zitronengelber Cord zu lilanen Steppwesten, blutroten Handschuhen und rehbraunen Schuhen mit himmelblauer Ziernat passt, oder der überschlanken Taille und der beachtlichen Ausbeulung im Schritt nicht doch hier und da mit Hilfe der überall wohlfeilen Männerkorsetts und anatomisch korrekt mittels Silikoneinlage aufgemotzten Herrenslips etwas nachgeholfen wurde, wer will das denn schon immer so ganz genau wissen…und überhaupt, weshalb sollen nur Ciccolina und Konsorten etwas von der schönen neuen Welt des Silikons und der „Liposuzione“ an den „settori problematici“ haben? Silikon und Botox für alle…dass das gerade in südlichen Ländern so oft danebengeht, kann wohl kaum an der mangelnden Auslastung der Ausführenden liegen…oder? Aber auch darüber gibt Donna Leon mehr als ausführlich Auskunft…Und ohnehin, als plumper, unförmiger und in Dingen der „bella figura“ vollkommen unbewanderter Deutscher verbietet sich mir hier geradezu jegliches Urteil – wie auch immer es ausfallen würde…Außerdem fürchte ich, dass mein Italienisch für derartige Feinheiten des gehobenen Ausdrucks schlichtweg zu stümperhaft ist.

Á propos Venedig im Winter – Ein Traum? Für diejenigen, die nasskalte Füße, eiskalte Regenschauer, backenbeißenden Winde und den betörenden Geruch von Dieselruß und frisch verbrannter Autoreifen lieben sicher…Venedig kann sehr kalt sein…müsste ich nicht gleich zum Rialto um dort ein Protestplakat der Fischverkäufer efffektheischend bei laufendem Marktbetrieb zu photographieren, mir würde bestimmt einfallen, aus welchem Kriminalroman diese Zeilen stammen…Patricia Highsmith…richtig…

Venedig ein Affenzirkus? Definitiv ja und definitiv für die ganz großen…Affen natürlich! Spätestens seit der von den Einheimischen gerne mit dem legendären Einfall der Hunnen (dem war ja bekanntlich die ganze ins Wasser gesetzte venezianische Pracht verdanken) verglichenen „invasione degli Chinesi“ ist hier angeblich nichts mehr, wie es einmal war. Vergessen der gemütliche vin brulé auf dem Campo San Stefano, ausgemustert die Wohltätigkeitsbasare, auf denen man aus reinem Mitleid die noch mitleiderregenderen Auslagen plünderte, wie ein ferner Traum die vereißten Ufer der Fondamenta della Toletta in deren Einsamkeit man den Flug der salzigen Schneeflocken bewundern konnte. Nicht genug, dass schon vor Jahren Maria, die stets etwas mürrische, aber in ihrem tiefsten, gut versteckten Inneren doch einigermaßen gutmütige Bardame, durch die zwar stets sphingenhaft lächelnde doch des Venezianischen nur äußerst bruchstückhaft mächtige Lei ersetzt wurde….Nein jetzt stürmen „I Unni“ auch noch im Dezember flugzeugladungenweise die Vaporettistationen und drängen dabei sogar die sonst so kampferprobten venezianischen Witwen mit  bösartigen Kungfugriffen ins Abseits. Dabei würde der durchschnittliche Venezianer diese „asiatische Krankheit“ sich in alle möglichen und unmöglichen Posen zu werfen und sich dabei in infantilster Weise am eigenen Bild zu ergötzen, ja dank der jahrzehntelangen Schulung an Japanern ja so geradeeben noch…wie sagt man gleich…“ sopportare“…aber wenn dise „Chinesi“ anfangen wie Attilas Horden selbst lauthals schnatternd in das Staatsheiligtum von San Marco einzufallen, oder sich gar frech erdreisten den Einheimischen mit mandarinentenhafter Arroganz Anweisungen für die möglichst pitorreske Verteilung im Raum/Bild zu geben, dann müsse das Ganze  ja irgendwann im Komplettrausschmiss oder zumindest in – für venezianische Verhältnisse äußerst ungewöhnlichen – wüsten Brüllattacken enden.

Ach ja, I Unni…auch so ein Lieblings-Barrista Guidobaldo alias Andreij-Thema – Er selbst definiert sich zwar als Urvenezianer, stammt mütterlicherseits aber aus Kroatien und väterlicherseits aus Weißrussland. Für Interessierte ist dieses Original übrigens irgendwo zwischen den Ex-Giardini Pappadopoli und den Eisernen Ringen bei San Cassian’ zu finden, an denen sie früher die Stücke der Gevierteilten aufgehängt haben…es lebe die slavisch-venezianische Vielvölkerfreundschaft!

Als studierter Ethnologe frage ich mich  nun, warum die sonst so unterkühlt weltläufigen Venezianer ausgerechnet an den Chinesen solch einen Ressentimentnarren gefressen haben, dass selbst das hießige Äquivalent zum Fränkischen Tag sich gelegentlicher rassistischer Ausfälle nicht gänzlich enthalten kann…Vermutlich hängt es mit dem hier stehts etwas bedrohten Gleichgewicht von Masse und Trag- bzw. Ertragensfähigkeit zusammen, dass sich jedes Jahr ein wenig mehr zu Ungunsten der Ureinwohner verschiebt, ja, es gibt sogar sehr ernsthafte Berechnungen, dass es vor allem die ganz physisch verstandene Masse der Touristen ist, die mit ihrem bloßen Gewicht maßgeblich für den Untergang der Stadt mitverantwortlich ist. Meine chinesische Lieblings-Barfrau (nicht die besagte Lei, aber eine enge Verwandte mit einem geradezu teutonisch-penieblen Bangladeshi als Geschäftsführerin und einer italienisch-slowenischen, modisch stets „a la mode“ befindlichen Chefin) stimmte mir bei einem Spritz zwar bezüglich des „Gleichgewichtssinns“ der Venezianer zu, gab aber eine etwas differenziertere Erklärung dafür, warum ausgerechnet die Chinesen eine derart beängstigende Wirkung auf die Venezianer hätten…Da sei zunächst einmal der Ursprung der Stadt. Schließlich seien es die Hunnen gewesen, die die Venezianer damals von Altinum aus in die Lagune getrieben hätten. Und Venedig habe nunmal ein langes Gedächtnis wozu auch die in Europa über Jahrhunderte eingeübte Gleichsetzung von Chinesen und Hunnen gehöre…Das Ganze sei allerdings so lange kein Problem, solange die neuen Chinesen brav in den Luxusboutiquen hinter San Moisé ihren Beitrag zum Umsatz diverser Nobellabels leisteten und der Rest von ihnen als Billigarbeiter den Italienern all die Aufgaben abnehme, die sie selbst nicht mehr so recht erledigen wollten.  Zum Clash of Cultures wachse sich das ganze aber erst dadurch aus, dass Europa und insbesondere Venedig für die meisten ihrer Landsleute dank seiner 1:1 Kopie in Macao und diverser Heidi-, Sissi- und Pinoccio-Cartoons eine Art riesiger romantischer Freizeitspark sei, in dem man alles an emotionalem Überdruck ausleben könne, was in China durch rigide Moral- und Erfolgsvorstellungen, familiäre Enge und politische Totalüberwachung verboten oder doch zumindest „unerwünscht“ sei. Das dass dann gelegentlich bei einigen ihrer Landsleute zu einem kompletten Overkill unmöglicher Verhaltensweisen bei gleichzeitigen totalen Realitätsverlust führe sei eigentlich ganz normal…außerdem gingen die meisten Bewohner des Reichs der Mitte davon aus, dass es in anderen Ländern mehr oder minder genauso zugehe wie daheim…nur eben ein klein bisschen exotischer…Viel Erfahrung mit „Auslandsreisen“ hätten die Allermeisten ja nicht, auch nicht mit Exotik, aber das Wort klinge so schön…Manchmal würde sie sich ja fremdschämen…aber was soll man machen…die meisten ihrer chinesischen Landsleute, die zu ihr in die Bar kämen, würden noch nichteinmal ansatzweise verstehen, wo sie sich hier befänden, geschweigedenn, dass nicht die ganze Welt am chinesischen Wesen genesen müsse…

Gab es da nicht noch einige verblichene Urlaubsvideos auf denen teutonische Barbaren Spaghetti Vongole vollkommen ernsthaft mit Hammer und Schere zu Leibe rückten?…heute versuchen Frau und Herr Müller aus Castorbrauxel oder Neustadt an der Aisch bei ihrem Honeymoon zur silbernen Hochzeit betont italienisch zu sein, indem sie in volledete Baedekeritalienisch ihren Spritz mit Prosecco (sic!) bestellen, gekonnt zwei „Tschikeddi“ mit „kambereddi“ ordern, und der armen chinesischen Bardame zum vierten Mal oberlehrerhaft erklären, dass es im venezianischen nicht „un bicchiere del‘ vin“ sondern „un ombrá“ zu heißen hat…Vermutlich werden auch „I Unni“ in fünfzig Jahren venezianischer als die Venezianer zu sein trachten, und vermutlich ist es auch dann noch ausschließlich der unendlichen Leidensfähigkeit und unerschöpflichen Menschenfreundlichkeit der Venezianer zu danken, dass sie trotz vollem Kinderwagen und Weihnachtseinkäufen immer noch mit einem Lächeln versuchen unter meiner gezückten Kamera hindurchzutauchen, sich trotz Gehhilfe und zwei Enkeln an den Rochschößen noch der Mühe eines kleinen Umweges aussetzen um mir nicht ohne Stolz die schönsten Steingravouren an ein einem in einer versteckten Sottoportego gelegenen Kirchenprotal zu zeigen, oder gar eine Vollbremsung mit dem 150 Kilo Schubkarren hinlegen, nur damit ich in Ruhe ein im Wasser treibendes Seil fotografieren kann…

Danke liebe unbekannte venezianische Zwillingsmutter und vielgefragte „nonna“, danke liebste Anlegefrau, dass Du darauf achtest dass ich in meiner dappigen Blindheit nicht wie andere Deutsche zwischen Vaporetto und Anlegestelle gerade und ja Danke auch ihr Lastenschieber, dass ihr mir mit eurer Vollbremsung mal wieder klar gemacht habt, was ein rücksichtsloser Idiot ich doch werde, sobald ich zum blitzenden und glotzenden Sightseeingmonster mutiere…Ich wüsste nicht wie ich bei 29 Millionen Gaffern im Jahr reagieren würde, mir reichen die 6-7 Millionen in Bamberg schon aus um pünktlich zur Sandkerwa oder zum Weihnachtsmarkt regelmäßig zwischen Fluchtplänen und wüsten Gewaltphantasien zu schwanken…

Und „I Chinesi“? La Serenissima wird auch diese Invasion lächelnd überstehen, ganz so wie es zuvor die Hunnen, Franken, Byzantiner, Araber, Franzosen, Engländer, Italiener, Deutsche und Amerikaner überstanden hat. Einige werden bleiben, tapfer in den Luxusboutiquen von San Moisé einkaufen und sich zusammen mit den schon im libro d’oro verzeichneten Geschlechtern abends von weißlivrierten Kellnern im Cipriani einen Bellini reichen lassen…der Rest wird in spätestens einer Woche verschwunden sein, und neuen Invasoren Platz gemacht haben.

Die Serenissima wird trotz ihrer, sie zum Luftkurort prädestinierenden Lage am Meer auch weiterhin eine der höchsten Lungenkrebsraten Italiens haben, das Jahrtausendprojekt MOSE ist schon jetzt zu niedrig um die in den nächsten 50 Jahren erwarteten Fluten auch nur halbwegs von der Stadt abzuhalten, auch noch die allerletzten  freien Flächen werden dem Komerz geopfert,  Pierre Cardin wird seinen 200 Meter hohen Wolkenkratzer nur zwei Kilometer vom historischen Stadtzentrum entfernt bauen, eine U-Bahn wird Flughafen und Innenstadt miteinander verbinden, einige weitere in entfernteren Gegenden der Stadt stehende Palazzi werden erst verlassen, dann von Illegalen Handtaschenverkäufern besetzt, dann zugemauert und dann nach und nach und reichlich unbemerkt einstürzen, und schließlich wird hinter der Molino Stucky (heute Hilton)wird ein „venezianischer Vergnügungspark mit Riesenrad und Aussichtsplattform entstehen, in dem den Touristen „echtes venezianisches Leben“ vorgeführt wird…Ach ja, und auf dem Rialto werden wohl nicht nur neuerdings nicht nur Fische und Tomaten sondern auch harte Drogen feilgeboten…unter dem Ladentisch, aber offensichtlich so dreist, dass es selbst im sonst eher etwas schläfrigen Venedig irgendwann auffiel…

A Propos Fisch…der und die von den Venezianern heißgeliebten Vongole…sie seien so vergiftet, dass bereits eine Protion genügen würde um irreperable gesundheitliche Schäden hervorzurufen. Dennoch liebt der „Echte Venezianer“ seine weihnachtliche Muscheleinlage und ist sich nicht zu schade beim letzten Vollmond vor Weihnachten an den Strand des Lidos zu eilen um dort bei Ebbe mit Plastikbeutel und Einkaufsnetz für Nachschub zu sorgen…Übrigens werden zu diesem Zeitpunkt auch die beim Baden verlorenen Goldkettchen, Smartphones, Silbermünzen und Diamantringe ganz offiziell und gegen Konzession mittels Elektrosonde und Thermotaucheranzug aus der trüben Adria gefischt…Wer also seinen 15 Karäter vermisst könnte gelegentlich mal beim hiesigen Sondengänger nachfragen, vielleicht rückt er ihn ja gegen einen entsprechenden Finderlohn wieder raus…

Und sonst?

Brigit Bardot und ihre volkommen unerklärliche Abneigung gegen Echtpelz sind – sollten sie hier jemals etwas anderes als indigniertes Kopfschütteln und eine Soforteinweisung in die Psychiatrie ausgelöst haben – endgültig und definitiv passé. Die standesbewussten älteren Venezianerinnen trugen ja schon immer gerne und ausgiebig ihren Lieblingsnerz zum Marktbesuch aus. Dass es inzwischen aber auch kaum mehr einen ragazzo gibt, der auf reichlichen Echtpelzbesatz von Magellan- oder Silberfuchs am kanariengelben Designeranorak verzichten will ist neu. Von der zobelbesetzten Handtasche aus echter Buranospitze, oder dem mit echtem (!!!) Ozelotfell gefütterten Goldbrokattäschchen für’s neue Smartphone, die dieses Jahr zum absoluten must der Weihnachtseinkäufe bei Betucht & Söhnen gehören ganz zu schweigen…Ungemein „in“ sind bei den etwas ärmeren Schichten aus Sacca Fisola und Co gerade auch Stiefelstulpen aus schwarzem Nerz alias Kaninchenfell, Katzenfellbesetzte Sneaker und Hamster- bzw. Chinchillagefütterte Mäntel für den Kurztrip zu den Inseln. Kurz: Ohne reichlich Echtpelz gegen die raue Seeluft geht nicht nur in diesem Jahr in bella Venezia rein garnichts, Brigit Bardot und andere missgeleitete Ökoaktivistinnen hin, putzige Tierbabys und dem neuesten Pandaschutzprogramm der 15-Jährigen Chiara her…Venedig kann schließlich sehr kalt sein.

Weniger schön anzusehen sind die Ramschstände für Plastikmasken, Billigschals und falsches Parfum die sich – habe ich sie in den letzten Jahren einfach nicht wahrgenommen, oder gibt es inzwischen tatsächlich sehr viel mehr davon? – wie ein Krebsgeschwür über die Plätze ausbreiten. Auch die Unsitte der bewegungsmeldergesteuerten Halogenscheinwerfer und des Dauerbeschallens ganzer Viertel mit neuesten Schlagermedlays oder die glorreiche Idee einer Eislaufbahn auf dem Campo San Polo (ebenfalls lautstark und 16 Stunden am Tag dauerbeschallt) weißt die aktuelle Verwaltung der Königin der Adria als wenig stilsicher, dafür umso geldgieriger aus (hatte ich schon erwähnt, dass gerade ein Guteil der städtischen Palazzi für einen Spottpreis an reiche Russen, Chinesen und Italiener (sic!) verschwerbelt werden…) Well, wenigstens verdammt die gleiche Stadtverwaltung auf dezent ausdrappeirten Stoffplakaten an den Fenstern des Rathauses gegenüber der Rialtobrücke in großen Lettern Homo- und Transphobie und Gewalt gegen Frauen, das kostet schließlich nichts und macht verdammt gute Publicity…Allerdings sagt die Zusammenstellung auf nur einem Plakat gleichzeitig auch mehr über die Italienische Gegenwartsgesellschaft und ihre tiefsten Phobien aus, als so manch hochsubventionierte soziologische Studie oder Doktorarbeit.

Geradezu vorbildhaft haben die Venezianer das aktuell heißdiskutierte Problem der Plastiktüten bzw. Flaschen gelößt. Im Supermarkt (zuminest in dem auf dem Lido) gibt’s nur noch solche, die biologisch abbaubar sind…die taugen genausogut und machen bei der Herstellung auch nicht mehr Dreck als eine Jutetüte. Das mit den Plastikflaschen funktioniert hingegen noch nicht ganz perfekt. Es gibt sie immer noch, aber es werden immer mehr Mehrwegflaschen aus Glas und außerdem gab’s ne Kampagne für Leitungswasser aus Karaffen…die passte allerdings den Wirten nicht wirklich, weil sie das Leitungswasser (das nebenbei bemerkt in Venedig exzellent ist) umsonst abgeben sollten, was promt zu einem Revival des ungeliebten Servizzio und Coppertos führte (die in Venedig nie wirklich ausgestorben sind).

Erfreulich ist auch die Lösung eines anderen Problems: Internet. Bisher nur gegen horrende Gebühren im Hotel oder in überteuerten und stets überfüllten Internetcafés zu haben, haben sich ganz offensichtlich die genervten Touris sowohl den geschäftstüchtigen Hoteliers als auch gegenüber den teils reichlich abstrusen italienischen Anti-Terror bzw. -Mafiagesetzen, die bisher den Betrieb eines öffentlichen W-Lans  zu einer hochkriminellen Handlung machten durchgesetzt. Fast jede Bar, jedes Restaurant und beinahe jedes Hotel offeriert seit diesem Sommer „Free WIFI“. Dass die Netze dabei meist völlig ungeschützt und die Übertragungsgeschwindigkeit manchmal etwas steinzeitlich sein kann…nun ja, alles braucht eben am Anfang etwas Übung…aber immerhin man kommt ins Internet und verarmt dabei nicht mehr komplett! Das damit auch die Ruhe und Ungestörtheit im Café oder in der Bar endgültig dahin sind, ich mir den kompletten Tag irgendwelche Einkaufslisten, Kleinaufträge und das Befinden der werten Oma auf Murano anhören und das heißgeliebte Telefonino den Endsieg über jeglichen face-to-face Kontakt davon trägt kann wohl nur jemand bedauern, der nicht schon als digital native und Italiener geboren wurde.

Trotz allem oder gerade deswegen, Venedig ist eine Reise wert, immer, nur nicht unbedingt im Sommer, oder zum Karneval, oder wann immer die 29 Millionen anderen Touris hier einfallen…

So, Mann muss jetzt essen gehen…an einem Samstag Abend, ohne Reservierung…wünscht mir Glück!