German Angst

Mich fröstelt!

Trotz „tropischer“ 31°C und mehr als nur ein wenig und vor allem am werten deutschen Adamsapfel.
Grunsätzlich solidarisch mit allem und jedem, verwandeln sich meine Zehen flugs zu Cocktaileisklumpen und ich dusseliger Nordbarbar folge meinem unbeherrschbar aecht-altgermanischem Sommergrippeabwehraktionismus in Form von isländischem Kratzewollschal und Eiderdaunendecken.

Und da wir Germanen für derartige national bedeutsame Katastrophenereignisse ein jahrelanges Briefing von der Bundesabwehrstelle für Katastrophen und sonstige Plagen hinter uns haben, folgen flugs noch Unmengen Vitamin C, die in solchen Fällen obligatorische Kunstpelzdecke und zwei Liter Pfefferminz-Kamillentee.

Zwei knappe Schwitzestunden später:

Die Desillusion:

Nix Grippe…noch nichtmal ein winzigkleiner grippaler Infekt…

Nur ein nicht gezogener USB-Ventilator gut getarnt im sommerlichen Jalousiendämmerlicht zwischen usbekischen Ikatvorhängen und australischem Haizahnarmband…

Aber welcher blondgelockter Germane sucht die Ursache seiner heißgeliebten Sommergrippe denn auch in seinen Writingdesk-Gadgets!

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Tageshaiku 57_Welt und Logik…

Im Garten die letzten Rosenblüten.
Im Netz explodiert, was wir sind.
Ist die Welt noch ein logischer Ort?

Frisch aus dem Alltag, oder: Von Kontrastwirkungen, Sonnenschirmen und Chlor

KontrastwirkungDer Himmel ist himmelblau mit ein paar Schäfchenwolken drauf, It’s Summertime singt Ella und trotz nur mäßigen fränkisch-schwäbisch-venezianischen 14-22°C brennt mir die Sonne auf den Pelz. Na ja, das mag jetzt auch daran liegen, dass ich mich heute in einem jähen Anfall von post-gothic-Wahn dafür entschlossen habe komplett in schwarz auf den Markt zum Spargeleinkauf zu gehen (vielleicht war’s also doch nur mein angeborener Sinn für Kontrastwirkungen?…keine Ahnung). Auf jeden Fall war die Sonne zu heiß und wass macht man dann? Na man holt den Sonnenschirm aus der Versenkung!

Dumm bloß, dass ich letzten Herbst eindeutig zu faul war, das Ding vor dem Einmotten sauber zu machen…und da ich das auf Dauer dann doch etwas sperrige Ding auch noch aus dem Garten auf den Dachboden befördert habe – selbstredend ohne es vorher vorschriftsmößig in seinen mitgelieferten Stoffkondom einzupacken –  und sich selbstverständlich auch auf meinem Dachboden die Holzwürmer tummeln  – ja, so ist das nunmal, wenn man mitten im Weltkulturerbe wohnt ;-)) – hat sich zusätzlich zu all den lieblich bunten Hinterlassenschaften von Blattläusen – echt fießes Zeug dieser Honigtau! – Blütenstaub und Vogelkakka auch noch eine schöne rotbraune Schicht Holzwurmpups auf meinem ursprünglich einmal crémeweißen Sonnenschirm abgelagert – was kauf ich auch einen Sonnenschirm in einer derart dreckanfälligen Farbe!

Zwar ist bekanntlich Vintage gerade wieder in, und so ein wenig used-look hat noch niemand geschadet – andere streichen dafür Omas Barockkomode Grün über und fräsen dann mit der Flex stundenlang drann rum, nur damit das Ding am Schluss so aussieht wie im neuesten Design-Möbel-Landhaus-schöner- wohnen-Prospekt – aber so viel nackte, buntkleckernde und schmierige Natürlichkeit war mir dann doch etwas zuviel, auf meinem ehemals so schön crémefarbenen Sonnenschirm.

Was also tun?

Nun, man könnte das Ding einfach wegschmeißen und sich einen neuen besorgen. Da das Teil aber keines jener 0-8-15 Billigdingsbumsteile aus dem 1,50-shop ist sondern selbst im Ausverkauf noch richtig Asche gekostet hat, und ich sehr dran zweifel, dass ich jemals wieder einen Karbonspeichen-außreißverstärkten-tropfschutzbeschichteten-siliciumstahlschwenkgelenkbestückten und außerdem crèmefarbenen  – ich hasse weiß, zumindest bei Sonnenschirmen – Sonnenschirm zu einem auch nur annähernd erschwinglichen Preis bekommen werd, gibt’s jetzt nur eins:

WEG MIT DEM DRECK!

Nur wie?

Well, es gibt da was, bei dem man immer sagt, es sei so furchtbar ungesund und mache bei Kevin und Annika Allergien…

Richtig: die gute alte Chlorbleiche!

Da ich nun keines dieser Weicheier bin, die sich mit amerikanischer Sauerstoffbleiche abplagen (die ist auch nicht besser für meine Spülhände!) und auch keine anderen übertrieben teuren Spezialmittelchen einkaufen will – man ist schließlich Schwabe! – muss es nun einfach der gute Toilettenreiniger tun. Der hat auch den großen Vorteil, dass man ihn problemlos in eine Sprühflasche abfüllen und großzügig auf sich selbst und dem Sonnenschirm verteilen kann…

Selbstredend muss man vorher seine schwarze Gothic-Kleidung vom Vormittag ablegen!

Und dann schrubbt man, und schrubbt und schrubbt, ruiniert mit dem chlorgeschwängerten Abwasser noch schnell ein paar Balkonblumen – nein, Tagetes vertragen es nicht, wenn man sie mit Chlorwasser gießt…- und gießt das ganze noch schnell mit ungefähr 20 Gießkannen ganz frischen Leitungswaser ab…

Und was soll ich sagen…der Schirm ist …ja richtig: weiß! die Crème hat’s gleich mit rausgebleicht…

achöne Pfingsten und etwas mehr Erleuchtung als bei mir!

Betrachteter Alltag _ Die abstinente Mittelschicht, oder: Eine Welt voller angstgeplagter Asketen

Genießen verbotenSie sind eben ein echter Barockmensch!“
Ist es heute wirklich noch ein Lob, wenn jemandem dieser Satz entgegengeschleudert wird, oder verbirgt sich dahinter nicht schon der aufklärerische Vorwurf des angeblich überflüssigen Exzesses, der Unbeherrschtheit, der Faulheit und Verschwendung? Ist das Wort „barock“ seit den Zeiten eines Kants, Leibnitzs und Voltaires nicht geradezu ein Synonym für die selbstverschuldete Unfähigkeit zu Zurückhaltung, Enthaltsamkeit und Fokussierung auf das „Notwendige“geworden? Eine Beleidigung, die man denjenigen mit entsetzter Verve entgegenschleudert, welche sich nicht an die alternativlosen Regeln einer Gesellschaft, welche Jugend, Gesundheit, Sicherheit, Leistung, Effizienz und Selbstoptimierung zu ihren Abgöttern erklärt hat? Ein Stigma, mit dem man die sorg- und verantwortungslose „Verschwendungssucht“ des nicht nur in seiner psychischen, sondern auch physischen Konstitution „barocken“ Verschwenders öffentlich geißelt? Und habe ich nicht gerade über jene laktosefreien Latte Macchiato aus tiergerecht-fairem Anbau trinkenden, veganen Hipster in extraeng geschnittenen Jeans als Idealtyp der Moderne geschrieben?

Es braucht manchmal andere kluge Köpfe, damit aus einem unguten Gefühl in der Magengrube Gewissheit wird. Diesmal war es Hasso Spode, Sozial- und Kulturwissenschaftler an der FU Berlin, der mich mit seiner kürzlich in einem Interview für Deutschlandradio Kultur geäußerten These von einer „Phase des Asketismus“ auf den erkenntnissspendenden Weg führte.

Sicher, auch mir waren sie längst in meinem Alltag begegnet, die militanten NichtraucherInnen und Veganer, die Milchhasser und Weißen-Zucker-Verteufler, die Öko- Fairtrade- und Bio-Fetischisten, die Freilandhuhnlober und Sportfanatiker. Seit ihrem erstmaligen Auftreten irgendwann kurz nach der Deutschen Wiedervereinigung ruinierten sie mit ihrem aktionistischen Bekehrungseifer jede weinselige Runde, vermießten Backhendel und Hamburger, erzwangen ein eigenes Vegetarisches, später sogar Veganes Menü bei WG-Parties und geißelten jeden als Menschenfeind, der nicht die politisch-korrekte und selbstverständlich maßlos überteuerte, milchfreie Bio-Schokolade bei dem „Eine Welt Laden“ ihrer Wahl kaufte und sie in einem möglichst selbstgesponnenen und abgetragen aussehenden Jutetäschchen im Triumphzug nach Hause trug.

Lange Zeit tat auch ich diese Gestallten als harmlose Spinner, von der Werbung verleitete Geistesschwache oder bedauerliche Einzelindividuen ab. Später, als die Gruppe der „Wutbürger“, die Schnaps, Butter und Sahne für Teufelszeug hielten, Bœuf bourguignon zum Mordinstrument erklärten und Tabak und Alkohol als Massenvernichtungswaffen bezeichneten größer wurde, flüchtete ich mich in Ironie und Spott…doch es war zu spät: spätestens mit der Einführung öffentlicher Alkoholverbote hatte sich der asketische „Gutmensch“ zum Mainstream entwickelt und forderte nun zum Kampf gegen die Volksdroge Alkohol, die Aufgabe der Ärztlichen Schweigepflicht bei Depressiven und die Zwangstherapie von die Volkswirtschaft schädigenden Übergewichtigen auf.

Auch wenn ich gelegentlich mit vegetarischem Döner, Sellerie- und Parasolschnitzeln und einer Fruchtsaftdiät geliebäugelt hatte, wusste ich spätestens zu diesem Zeitpunkt: diese schöne, neue und von allem „Überflüssigen“ befreite Welt askesepredigender Ökofaschisten war nicht mehr die meine. Nur eines war mir immer noch nicht klar geworden…warum waren aus individualistischen, exzessiv schlemmenden und genussmittelfreudigen Yuppies plötzlich lauter kleine kalorienzählende, moralinsaure, antidemokratische und jede Form von Genuss und Überfluss bekämpfende Weizengras-Savonerolas geworden?

Die endgültige, und von mir im tiefsten Innern seit Jahren geahnte Antwort kam mit eben jenem am Anfang dieses Beitrags zitierten Interview Hasso Spodes:
Die neue, selbstoptimierte, dauergestresste, permanent-burnoutgefährdete, und sich im Fieber des Akadiemisierungswahn auf dem ökologisch einwandfreien, fair gehandelten und produzierten, allergenfreien Hartgummifouton wälzende Mittelschicht hatte nur noch eines: Angst vor dem sozialen Abstieg!

Nun weiß man aus der Geschichte, dass Angst der schlechteste aller Ratgeber in Lebensfragen ist. Sie treibt die Menschen in panischen Aktionismus, neigt zu ademokratischer Intolleranz gegenüber allem was als Anders und Fremd definiert wird, regt zu schonungsloser Selbstausbeutung bis weit über die Grenze des Erträglichen an, und verschlingt schließlich alles, was uns menschlich und frei sein lässt – „Angst essen Seele auf“, so lautete der Titel eines 1974 erschienenen Melodrams Rainer Werner Fassbinders, dass sich anhand der zum Scheitern verurteilten Beziehung zwischen der verwitweten Putzrau Emmi Kurowski und dem zwanzig Jahre jüngeren Marokkanischen „Gastarbeiter“ Ali mit Intoleranz, gesellschaftlicher Kälte, Vorurteilen, Lieblosigkeit und sozialer Ausgrenzung auseinandersetzt.

Bereits dass ich gerade das Wort Gastarbeiter in Anführungszeichen gesetzt habe und das Wort Putzfrau als politisch-inkorrekten Terminus am liebsten mit Reinigunsfachkraft oder „Facility Managerin“ ersetzt hätte, zeigt wie verlogen wir inzwischen mit unseren Ängsten vor Sozialem Abstieg und Vorurteilen genenüber Fremden umzugehen gelernt haben, und wie groß die aus Amerika importierte Schere im Kopf inzwischen geworden ist. Auch diese politisch korrekte Askese von einer klaren und die Dinge beim Namen nennenden Sprache ist Teil des neuen Angst-Mainstreemings. In Zeiten allgemeiner sozialer, ökonomischer und politischer Verunsicherung sind Klartext, offene Kommunikation und divergierende Meinungen zum Luxus geworden und der von einer durch soziale Netzwerke von allen Hemmungen entfesselte  permanente Shit-Storm im Netz, der längst reflexartig gegen alles hetzt was irgendwie anders, nicht-normal oder überflüssig erscheint, bestärkt Otto-Normalverbraucher/In noch in dieser Angst, gibt ihr aber auch die Macht in die Hand, ihre eigenen, individuellen Ängste zur einzig verbindliche Weltanschauung zu erklären. Für Muße, freies Denken, nutzfreies Kinderspiel oder auch nur vom allgemeinen Massentrend abweichende Meinungen und Lebensweisen bleibt hier nicht viel Raum.

In Form öffentlicher Rauch- und Alkoholverboten, Immobilienboom, verpflichtenden Veggy-Days in Werkskantinen, proaktiver Fitness-Apps, militanten Stuttgart21-Gegnern und PEGIDA, Pränatalen-Gen-Tests, vorsorglichen Brustentfernungen, Vorratsdatenspeicherung, Sicherheitsverwahranstalten, sowie hysterisch geführten Tierrechts- und Kinderpornographiedebatten hat diese auch mit dem Kürzel „SHE“ (Security-Health-Efficency / Sicherheit-Gesundheit-Effizienz) überschriebene Ideologie der Angst längst tiefe Wurzeln in unserem Denken und Handeln geschlagen, ist „Mode“ und „Zeitgeist“ geworden, prägt das ohnehin immer ununterscheidbarer gewordene Arbeits- und Privatleben und bereitet uns allen schlaflos verbrachte Nächte voller Versagensängste.
Und wir? In unserer von Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Medien permanent geschürten Angst nicht mehr zu  diese schöne, neue, gebildete, hochqualifizierte, rundumoptimierte, leistungsorientierte und durch ausgefeilte Ernährungspläne gestählte Gesellschaft zu gehören nehmen wir uns zurück, werden leise, essen weniger, schwören dem blauen Dunst ab, passen uns an. Selters statt Sekt, Askese statt Überfluss, Geistige Verarmung statt Vielfalt, erzwungener Mainstream statt gesellschaftlicher Vielfalt, work and life blending statt work and life balance, moralinsaure Frigidität statt sexueller Revolution, politisch korrekte Intoleranz statt geistiger Offenheit, nur nicht auffallen, anecken, oder gar scheitern…kurz: die gnadenlose und keine Ausnahmen kennende Diktatur des komplettangepassten Mittelmaßes  – so könnte man den neuen Leben und Denke der neuen selbstoptimierten, alkohol- und pornographiebefreiten, und auf permanente Fexibilität und Maximalleistung getrimmten Mittelschicht zusammenfassen.

Das Ganze erinnert mich fatal an jene Zeiten des „Grande Terreurs“ und der 20er, 30er und 40er Jahre des letzten Jahrhunderts in der die Angst schon einmal regierte und im Namen des Allgemeinwohls und angeblicher Vernunft schon einmal zur Jagd auf alles Andere, Abnormale und Schädliche aufgerufen wurde. Die Folgen dieser Politik der Intoleranz scheinen wir heute vergessen zu haben, oder wir wollen sie einfach nicht mit dem, was wir heute denken, tun und urteilen in Verbindung bringen – denn wir sind ja besser, klüger, gestählter und härter…Man könnte auch von angstbedingter Hybris alles durch stetige (Selbst-)Optimierung beherrschen zu können sprechen.

Vielleicht ist es ja gar kein Zufall, dass in Zeiten, in denen humanistische Bildung, ja Bildung im weiten, allgemeinen und humboldt’schen Sinne als „nutzlos“ und „unpraktisch“ gilt ja garkein Zufall, dass die Kenntnis des Altgriechischen und damit der tieferen Bedeutung des Wortes „Hybris“ als „verzichtbar“ ja gesellschaftsschädigender da unwirtschaftlicher Luxus gilt. Vielleicht ist es ja gewollt, dass man nicht mehr weiß, das dieses Wort sich von „hybitzomai“ ableitet und ursürünglich eine Art selbstmörderische und im goebbelschen Sinne „totale“ Kriegstechnik bezeichnete bei der man zwar dem Gegner kurzfristig schadet, in erster Linie aber Gefahr läuft sich selbst zu verstümmeln.

Ich übertreibe?

Versuchen Sie doch mal mit 40 Kilo Übergewicht in ein Fitnessstudio zu gehen, auf einem Kinderspielplatz zu rauchen, setzen Sie sich mit einer prall gefüllten Tüte ihres Lieblingsfastfoodanbieters in den Bus, trinken sie Vormittags eine Flasche Bier auf einer Parkbank, oder probieren Sie einmal, ohne von Videokammeras überwacht zu werden durch eine Fußgängerzone zu laufen oder Bahn zu fahren, als offen schwuler Mann eine Jugendfreizeit zu leiten, sagen Sie ihrem Arbeitgeber offen, dass sie Depressionen und Bluthochdruck haben, oder versuchen sie einfach nur mal beim nächsten Picknick ihre veganen Freunde von den Vorzügen von Chicken McNuggets zu überzeugen…

Glaubt man Hasso Spode wird sich deren – je nach Standpunkt – „Offenbarung der Askese“ oder „Diktatur der Angst vor dem sozialen Abseits“ noch zwanzig oder mehr Jahre halten – meiner Meinung nach ist dies die wahre und einzig echte beänstigende Aussicht.

(K)ein Recht auf Leben_zur aktuellen Debatte um ein Verbot pränataler Gentests

SelektiertFür Eingeweihte, Interessierte und Betroffene wirken die zur Zeit durch die Medien gehenden Berichte über die von Behinderten-Organisationen (das Wort ist wenig glücklich, aber mir fällt gerade auch nichts besseres ein) geforderten Verbote pränataler nicht-invasiver Bluttests mit denen Behinderungen wie Trisomie 21 und andere „Gen-Deffekte“ diagnostiziert werden in ihrer Verspätetheit fast zynisch.

De facto leben wir seit der Einführung des „PraneaTests“ der Konstanzer Firma Livecodexx 2012 in einer Welt, in der die Selektion potentiell behinderter oder auch nur „kranker“ Föten nicht nur Realität ist – das ist er spätestens seit Einführung der Pränataldiagnostik (PND) – seit Ende der 1950er Jahre, sondern quasi risikolos geworden ist und in der, wie Gerd Weimer, Behindetenbeauftragter von Baden-Württemberg es formuliert „Das Designer-Baby sich am Horizont abzeichnet“.

So sehr es Befürworter der PND auch verneinen, und so sehr die Hersteller diverser pränataler Früherkennungstests es auch bestreiten. De facto dient die PND seit ihrer Ersteinführung vor allem dafür werdenden Eltern eine Rechtfertigung dafür zu bieten potentiell unerwünschtem Nachwuchs sein Recht auf Leben abzusprechen. Dies mag spitz, ja polemisch formuliert sein, doch die seit Beginn des „Ultraschallzeitalters“ erfolgte Abtreibung Millionen weiblicher Föten in Indien oder China oder der seit den 1960er Jahren zunehmende gesellschaftliche Druck (inklusive der gesetzlichen Legitimierung) zur Abtreibung potentiell „behinderter“ Föten – hier insbesondere jener mit der verhältnismäßig „leicht“ zu diagnostizierenden Trisomie-21 (früher diffamierend auch „Mogoloismus“ genannt), von denen zwischenzeitlich weit über 98% abgetrieben werden – zeigt dass die PND, ob von ihren Erfindern gewollt oder nicht gewollt, genau dazu genutzt wird. Befürworter dieser Praxis heben dabei das Selbstentscheidungsgrecht der Frau, die enorme psychische, soziale und finanzielle Belastung durch ein behindertes Kind oder – und dies wird zunehmend gesellschaftlicher Konsens – das angebliche Recht der Eltern auf ihr „Wunschkind“ – man könnte technisch auch von „erbgesundem Nachwuchs“ (und ich verwende hier sehr absichtlich die Terminologie der NS-Zeit) sprechen.

Doch wollen wir wirklich in einer Welt leben, in der Menschen kein Recht mehr zu Leben haben, welche nicht perfekt sind, das falsche Geschlecht haben oder einfach nur nicht den hochgesteckten Karriere- und Leistungsansprüchen ihrer Erzeuger entsprechen und in der werdende Eltern und die sie umgebende Gesellschaft den „(Überlebens-)Wert“ eines Menschen nur nach dessen Nutzwert für Wirtschaft und Gesellschaft messen? Wollen wir eine längst reale Welt , in der sich Mütter und Väter „behinderter“ Kinder von Ärzten, Nachbarn und Verwandten anhören müssen, dass „sowas heute doch wirklich nicht mehr nötig“ sei? Wollen wir, dass die Eigenschaften eines Menschen klassifiziert und nach „nützlich“ oder „unnütz“, „lebenswert“ oder „lebensunwert“ beurteilt werden, oder wollen wir daran festhalten, dass jeder Mensch einzigartig ist und allein schon aufgrund seines Menschseins ein unbestreitbares Recht auf Leben hat?

Ich weiß, ich wage mich mit diesen Fragen auf ein sehr heißes Terrain, bei dem man sich nicht nur in philosophisch, ideologisch und politisch vermientes Gebiet vorwagt, sondern sich auch sehr schnell mächtige Interessengruppen von Industrie und Wirtschaft, welche Menschen auf den Status von Humankapital reduzieren, sowie die gesamte feministische Welt sehr schnell zu Feinden macht, und es darüberhinaus mit vorgeblichen „Freunden“ und Unterstützern aus der Fundamentalistisch-rechtskonservativen bis – radikalen Ecke zu tun bekommt, die man vielleicht garnicht haben will.

Was ich an dieser Stelle bezwecke ist jedoch kein völliges Abtreibungsverbot oder eine Stigmatisierung von Frauen die sich, aus welchem Grund auch immer dazu gezwungen sehen abzutreiben. Eine Abtreibung ist kein Spaß den man einfach nebenher macht. Ihr geht immer ein schwerwiegender Konflikt voraus und niemand kann mir ernsthaft erzählen, Frauen würden sich zu einem solchen Schritt leichtfertig entscheiden. Ob sie immer bis ins Letzte durchdenken welche Langzeitwirkungen dieser Schritt haben kann, und ob dieses „Vorausdenken“ überhaupt möglich ist, ist eine andere Frage. Aber meiner Erfahrung nach ist es für keine Frau leicht sich gegen ein Kind zu entscheiden. Auch könnte man angesichts des Fakts das zum „Kindermachen“ meist mehr als eine Person gehört und der Akt der Abtreibung stets die elementaren Rechte mehr als nur einer „Person“ tangiert sehr lange und vermutlich auch sehr kontrovers darüber reden, debatieren und ganz sicher auch streiten ob die juristische Prämisse, dass allein die Mutter darüber entscheidet ob ein Kind abgetrieben wird oder nicht der Weisheit letzter Schluss ist (Wobei ich hier gleich dazu sagen muss, dass mir auch bei längerem Nachdenken keine andere praktikable Lösung einfällt…).

Doch ist das garnicht die eigentliche Frage die ich mit hier stelle. Es geht mir mit diesem Post vielmehr um eine grundsätzliche Hinterfragung der gesellschaftlichen Begleitumstände, Konventionen und Menschenbilder, die zu einer Abtreibung führen. Was, wenn es morgen nicht „nur“ Föten – oder sollten wir nicht doch besser von werdenden Menschen reden? –  mit Down-Syndrom sind, die man selbst nach ablauf der 12-Wochenfrist straflos abtreiben darf (und nach Meinung eines stets wachsenden Anteils der Bevölkerung auch soll?) Was wenn – wie in den USA längst üblich – eine genetische Disposition für Übergewicht, Astma, Rheuma, Sommersprossen oder die falsche Augenfarbe in Zukunft auch bei uns über Leben und Tod entscheiden? Was wenn morgen irgendein Epigenetiker tatsächlich das „Schwulen-Gen“ entdeckt, oder wir ein „Faulheits-Gen“ finden? Treiben wir diese Föten dann auch genauso ab, wie wir es mit den Trisomie-21-diagnostizierten tun, nur weil sie nicht in unser Werte- und Lifestyle-Konzept passen?

Wir alle sollten uns bewusst sein, dass wir, seitdem die Pränataldiagnostik die Tür zur „pränatalen Selektion“ geöffnet hat, jeder von uns das potentiell nächste Opfer des Selbstverwirklichungs und Perfektionierungswahns unserer Zeit sein könnten. Gerade wir Deutschen sollten aufgrund unserer Vergangenheit sehr genau nachdenken, ob wir wieder eine Form der Eugenik – und nichts anderes Verbirgt sich im Fall der Abtreibung behinderter Föten hinter dem Begriff „medizinische Indikation“ (weiter) zulassen wollen. Die neuen Bluttests sind dabei nur ein Baustein einer immer weitgehenderen, perfektionierten und auf Perfektion abzielenden Pränataldiagnostik und einer Gesetzgebung, welche das elementare Menschenrecht auf Leben dem Recht auf das (gesellschaftlich wie privat zunehmend als alleinige „Norm“ definierten) „gesunden“ Wunschkind und die eigene Selbstverwirklichung (der Mutter?) unterordnet. Es wird Zeit sich der Problematik dieser Entwicklung und der ihr zugrundeliegenden Definition von „lebenswertem“ Leben zu stellen. Der Grad zur gezielten Ausselektierung angeblich „lebensunwerten“ Leben ist schmal, wenn er denn in der Praxis überhaupt vorhanden ist, wie das Beispiel der beinahe totalen „Eliminierung“ Trisomie 21-diagnostizierter Föten zeigt. Wie sagte die selbst Trisomie 21-habende Hauptdarstellerin des Filmes „Be my baby“ Carina Kühne anlässlich einer Diskussion auf einem Filmfestival so treffend: „Menschen wie ich sterben nicht aus, sie werden ausgerottet, weil unsere Gesellschaft sich Menschen wie mich nicht mehr leisten will.“

Und nein, ich bin ganz gewiss keiner jener religiösen Fundamentalisten, welche Pränatale Diagnostik, Abtreibung, die Pille oder Verhütung rund heraus verbannen. Dafür kenne ich die Nöte, Zumutungen, Langzeitfolgen und alltäglichen Demütigungen die mit der Eintscheidung für oder gegen ein Kind verbunden sind auch aus eigener Erfahrung viel zu gut.  Ich weiß einfach nicht, was ich einer jungen, talentierten Schauspielerin wie Carina Karina Kühne antworten soll? Wie soll ich ihr erklären (und will ich überhaupt erklären!), warum es in einer der reichsten Gesellschaften der Welt so unglaublich schwierig Kinder zu bekommen und großzuziehen, vor allem dann, wenn sie eben nicht ganz perfekt sind… Warum sind Kinder der sicherste Weg in die Armut, warum emfinden werdende Eltern ein Kind (erst recht ein behindertes Kind!) als Einschränkung, ja existentielle Bedrohung und nicht mehr als Bereicherung, und warum glauben wir, ein Recht oder – noch schlimmer – die Pflicht auf ein „gesundes“ „perfektes“ „leistungsstrakes“ „normales“ Kind zu haben oder haben zu müssen?

Fragen die wir viel zu lange den werdenen Müttern alleine überlassen haben. Fragen die wir als Tabus und politisch „heikel“ viel zu lange aus unserem Leben verbannt haben. Fragen, denen wir uns – wenn wir nicht wollen, dass sie „qua medizinischem Fortschritt“ einfach ohne uns und ganz „en passon“ durch Faktenlage entschieden werden – stellen müssen und deren Folgen und Auswirkungen auf unser Eigen- und Menschenbild, unsere Hoffnungen, Ängste und Ideale endlich offen und kontrovers debattiert werden müssen. Das ist es, wozu ich mit diesem post anregen will, nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.

 

 

Weitere Denk-an-stöße und Weiter-führendes zum Thema:

„Vom Leben und vom heiligen Zorn“ , Link zu meinem Beitrag zum Film „be my baby“ vom Dezember 2014 in dem ich mich ebenfalls mit der Thematik auseinandersetze:

http://wp.me/p2SJFH-ww

 

Link zu einem aktuellen Artikel von Spiegel-Online zum Thema „Blutgentest“:

http://www.spiegel.de/gesundheit/schwangerschaft/praenatest-und-weitere-down-syndrom-bluttests-kritisiert-aber-genutzt-a-958721.html

 

Beitrag von Carina Kühne zum Film „Be my baby“:

https://www.aktion-mensch.de/blog/beitraege/be-my-baby-meine-erste-filmerfahrung/