Auschwitz

Auschwitz“

Das steht für die Ohnmacht, die Fassungs- und Wortlosigkeit.

Auschwitz“

Das steht für Abermillionen genommener, nichtgelebter Leben.

Auschwitz“

Das steht für unvorstellbare Greul.

Auschwitz“

Das steht auch die beängstigende Einsicht, wie leicht Menschen zu Opfern, aber auch zu Tätern werden können.

Auschwitz“

Das ist die Tat, der Ort, das Symbol, die Schuld, die Trauer, das Grauen. Da ist aber auch das Leugnen, das Nicht-wahr-haben-wollen, das Ignorieren, das Wegsehen, das Ausblenden.

Auschwitz“

Das sind die Überlebenden und die, die dem Unbegreiflichen ein Gesicht zu geben versuchen indem sie das, was davon blieb bewahren.

Auschwitz“

Das sind die, die sich erinnern an etwas Vergangenes, die die verstörende Monstrosität  des Geschehenen in ein überzeugtes „nie wieder“ und ein „einmalig“ pressen.

Auschwitz“

Das sind aber auch jene die verstört erkannt haben, das Ausschwitz kein Einzelfall war und ist und sich jederzeit wiederholen kann, weil der Mensch eben nicht nur edel, vernünftig und gut, sondern auch sich selbst und seinen Mitmenschen ein Monster ist.

Auschwitz“

Das steht für Scham und für Schuld.

Ausschwitz“

Das steht für das nicht begreifen können und nicht begreifen wollen. Für den Streit der Opfer und Historiker, die professionellen Erinnerungsspezialisten, die Touristiker und Katastrophengroopies. Und ja

Auschwitz“

das steht auch für sie, die Holocaustleugner. Jene die sagen, das alles hätte es nicht gegeben.

Auschwitz“

Das steht aber auch für Erinnerung, für Versöhnung und für einen Neuanfang der sich dem an diesem Ort geschehenen bewusst ist und Verantwortung für die Zukunft übernimmt.

 

 

 

 

 

 

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Reise nach Kythera 5 – Von goldener Morgenröte und anderen Formen des Wahnsinns

Dunkle Morgenröte

Eigentlich…eigentlich fängt man keinen Blogtext mit diesem Wort an, und eigentlich hatte ich heute auch vor, einige Aphorismen zu kytheranischen Straßen online zu stellen (die gibt’s vielleicht morgen, da sie politisch relativ inkorrekt ausgefallen sind, vielleicht auch nicht).

Á propos Politik…eigentlich sollte man den ganzen Zirkus mit Verachtung und Schweigen strafen, vor allem dann, wenn es sich bei seinen Protagonisten augenscheinlich um komplett wahnsinnig gewordene Griechen handelt (und nein, ich meine hier nicht die aktuelle Griechische Regierung, die tut was sie kann um das Land wenigstens halbwegs zusammenzuhalten und verdient allen Respekt der Welt, auch oder gerade weil vieles von dem, was sie tut, oder auf Geheiß und Nicht-Verantwortung anderer tun muss, für die Menschen hier ausgesprochen schmerzhaft ist – versucht mal selbst von heut auf Morgen mit der Hälfte oder einem Virtel Eurer Einkünfte auszukommen, ohne Arbeitslosengeld, BAFÖG oder anderen Wohltaten des deutschen Sozialstaates, dann bekommt ihr vielleicht einen ganz, ganz kleinen Einblick wie’s den meisten hier gerade geht. Und nein, ich meine jetzt auch nicht die Stammtisch-Politiker in Neumarkt. Pöttmes oder  Viereth-Thrunnstadt, die in ihrem Unverstand fordern, alle Griechen gehörten ins Arbeitslager (zu soviel Unverstand und Unkenntnis sag ich jetzt einfach mal demonstrativ garnix, weil bei derartigen Köpfen ohnehin jedes Argument verschwendet ist.)

Was ich meine ist das gespenstische Gebaren der „chrisi avgou“ der sich mit Hakenkreuz und laufendem Hund, Basebalschlägern, Mussolini- und Hitlerconterfeis und SS Runen schmückenden, Migranten jagende und jegliche Form von Demokratie und Menschenrechten mit Füßen tretende  griechischen Variante von Neonazi & Co. die in diesem Land immerhin 7% der Wahlbevölkerung (an einigen Orten auch deutlich mehr…) gewählt haben. Seit Tagen flimmern über die griechischen Bildschirme Bilder von Fackelschwingenden Griechen-Skins, hässlichen Frauen von noch hässlicheren Männern die mit jeglichem Stilgefühl auch jegliche Form von Respekt vor ihren Mitmenschen (insbesondere wenn diese Ausländer sind) aufgegeben zu haben scheinen und einer mehr als befremdlichen Form griechsicher Deutschtümelei frönen. Da sind SS und Stürmer, Hitler und die Wehrmacht auf einmal die gefeierten Vorbilder für eine Rennaissance des Griechentums, der Laufende Hund wird zum Hakenkreuz umgedeutet und Bomben gegen jene gelegt, die nicht der gleichen Meinung sind. Da marschieren paramilitärische Skins die aussehen als hätten sie eine Bulldoge verschluckt und da wird ein Megali Hellas (Großgriechenland) beschworen, dass irgendwo von Tripolis bis nach Beirut reicht…

Ja, Griechenland ist voller Mysterien, und vieles was da in griechischen Köpfen und Schulbüchern an Mythen und Un-Mythen herumgeistert werde ich wohl nie verstehen (die Frage ist ob sie es tun…). Aber haben diese griechischen Riesendodel von der Goldenen Morgenröte, die sich arische Rasse und Reinste der Reinen schimpfen denn garnichts kapiert. Haben sie denn nicht mitbekommen, dass ihre Großmütter dank SS und Mussolinis Schwarzhemden in ihren Scheunen bei lebendigem Leib verbrannt wurden, oder wenn sie mehr „Glück“ hatten einfach nur verhungerten, weil die ach so großen Vorbilder dem ohnehin armen Land auch noch das letzte bisschen Lebensnotwendigste wegnahmen? Haben sie denn nicht mitbekommen, dass es ihre Urgroßväter waren, die aufgrund Venizelos verrückter Idee eines Großgriechenlands aus Smyrna, Istanbul und Anatolien fliehen mussten, haben sie vergessen wohin der ganze Schrott mit Nation und Patriotismus führte als Brüder in einem Sinn- und Hirnlosen Bürgerkrieg, der sich unmittelbar an den II. Weltkrieg anschloss und schlimmer als alles zuvor durchlittene war, auf Brüder schossen? Haben sie die Konzentrationslager der Militärdiktatur auf den „abgelegenen Inseln“ aus ihrem Gedächtnis gestrichen? und haben sie auch vergessen, welch schwerer Weg es nach der Militärdiktatur in den 1980ern und 1990ern für ihr geliebtes Hellas war um wieder unter die „zivilisierten Länder der Welt“ gerechnet zu werden? Haben sie vergessen, dass sie sich gerade in der schlimmsten Krise ihres Landes seit…ich weiß gerade nicht wann, Griechenland hatte so viele Krisen, dass es schwer fällt, zu sagen welche davon die schwerste war…Jedenfalls frage ich mich, ob die Leute von der goldenen Morgenröte tatsächlich meinen, dass Bilder von hässlichen Neonazigriechen ihr Ansehen in der Welt, das eh nicht gut ist (siehe Viereth-Thrunstadt) auch nur in irgendeinerweise besser machen?

Uff…ich schreibe mich in Rage. Aber man(n) kann auch den heiligen Zorn bekommen, wenn man mit einem derlei massiven Übermaß an völkisch-nationalistischem Blödsinn konfrontiert wird. Es ist das alte Spiel aus Geschichtskliterung und völliger Selbstüberschätzung und dem Leben im Mythos, das überall zu Katastrophen führt. Griechenland ist da nicht besser oder schlechter als andere Länder, nur eben noch einen Schuss absurder.

Mann kann nur hoffen, dass wenigstens in diesem Fall die Urteile der Richter bestehen blieben, nicht nur die Großen, sondern auch die kleinen Fische gefangen werden und Griechenland wenigstens von diesem Gespenst schnell und gründlich erlößt wird…wie ich das Land kenne, fürchte ich eher, dass es auf einen sehr langen, sehr zähen und sehr unschönen Kleinkrieg zwischen Staat und Unbelehrbaren hinauslaufen wird.

Von Gartenlust und Unwettermeldungen – oder – warum meine Pflanzen eine Loggia haben.

Mein persönliches Hantelgewicht ;-)

Mein persönliches Hantelgewicht 😉

Ha, wie kann es schön denn sein, in dem kleinen Gärtelein…Keine Angst ich hör schon wieder auf zu reimen…

Wie immer hat das gestrige Unwetter Bamberg, die legendäre Stadt der Säufertürme, Kirchturmspitzen und 60.000 Blitzableiter mal wieder verschont. Ich schiebs ja auf den Steigerwald, der wie der Name schon sagt, die Wolken einfach über die Stadt weglupft, aber meine Nachbarin ist der festen Überzeugung, dass es dem legendären Schleier der Heiligen Kunigunde zu verdanken ist, dass Bamberg kein Wetter kennt. Irgendwer knipst Ende Mai Lichtschalter und Heizung an und stellt sie Ende September wieder aus, und wer sollte das außer der heiligen Kaiserin schon anderes sein – Petrus ist in Rom beschäftigt und die Vierzehn Nothelfer sitzen faul in Vierzehnheiligen rum…bleibt also nur die Gute alte Kunni – Sie bzw. ihr schicker Kopfputz schützen vor amerikanischen Bomben, Stechmücken, griesgrämigen Ehemännern, UV-Strahlen und allem anderen, was einer „Dame von Welt“ besser nicht vor die Augen kommen sollte. Regen, Sturm, Blitzschlag, Hagel? No Problem, Kunni und ihr Schleier bekommen das hin!

Von reformatorischem Eifer getrieben hab ich als ungläubiger Protestant natürlich so meine Probleme mit dieser Art archaischen Denkmustern und deshalb in original altdeutsch-preußischem-Angst²-Modus beim allerkleinsten  Vorabzeichen einer dunklen Wolke am vorschriftsmäßig weiß-blau zu seienden Himmel meine sämtlichen Kübelplfanzen/Balkonkastenschönheiten inklusive mundgeblasener Pseudo-Muranoglaskugeln wieder einmal brav vor dem bösen Gevatter Hagel, oder dem Bruder Wind, oder der Schwester Fallender Ast, der Mutter Ziegel, der Tante Katzen, dem Cousin Vogel, der Großtante Blattlaus, dem Schwippschwager saure Milch und der angeheirateten Erbtante verdorbener Hefeteig und allen anderen bei Gewittern drohenden Unbill-Verwandten unter das wärmende Dach meiner Ex-Wäschetrockenraum-Loggia in Sicherheit gebracht.

Dem nicht genug, wurde – meiner erzkatholisch-eichstädtisch-leicht superstitiös angehauchten Großmutter selig sei dank – auch gleich noch flugs und präventiv auch noch eine geweihte schwarzlilane Wetterkerze aus Walddürn angezündet und ein schmerzhafter Rosenkranz (der mit dem durchbohrten Herzen Mariens) gebetet. Dabei fällt mir ein: Es lebe die stets vorbildliche Vorab-Terrorismus-Bekämpfung des bayerischen Innenministeriums und ihre Voralpenhagelfliegerstaffel! Die sind nicht von denen, sondern vom Landkreis? Egal, ich schick ihnen trotzdem mal ein Paket von den Dingern…funktioniert wirklich!…Ich hôn ja âa bloos gmaant Barrack Hussein…ehrlich!

Bodybuilding und Yoga inklusive!

Ach ja…man hat’s einfach schwer als stetig engagierter Kulturwissenschaftler, der sich immer bemüht die Binnenexotik des Moments voll auszukosten…(Sorry, aber diese Portion lamoyanter Selbstironie musste jetzt einfach sein…)

Nach einer unter den Schlägen des Fahnenseils am Eisernen Mast bitterbang durchwachten Mitsommernacht, ging’s dann noch vor dem Frühstück (sic!) wieder raus. Schließlich sollten die armen Petunien nicht zu Nachtschattengewächsen verkommen – sind sie eh schon? Na egal…Nach nur zehn Minuten (Neuer Rekord!) sah alles wieder aus wie vorher (Ordnung muss sein, dass sagen wir hier auch den Austauschtouristen!), und ich? Ich war trotz eintreffender Kaltfront noch vor dem Frühmessläuten der Karmeliter stolz  bätschnass geschwitzt und reif für die zweite Dusche zu sein! Warum ich davor überhaupt im Bad war, hat vermutlich mit den ewig verkannten Italienischen bzw. Englischen Erbanlagen (Die Gene…bin ich heut wirklich so einfallslos?) in mir zu tun, die sich grundsätzlich nur in Tropenhelm und weißem Leinenanzug zum morgendlichen Schneckenabsammeln trauen…

Am Himmel sehe ich schon wieder kleine Schäfchenwolken…

und wir als gute deutsche Kleingartenbesitzer –

wir wissen, ja wir wissen ja, wie schnell aus –

schnell aus einer kleinen, harmlos blökenden Cumulus humilis,

so ein alleszestörend, garstig, blödes Sch…-Ding namens Cumulonimbus (capillatus) incus wird!

Oder inetwa nicht…nicht wenn, wenn nicht, dann jetzt…

drumm jetzt, ja jetzt ganz schnell, hinaus, hinaus…

hinaus und raus ist nun Herr Biedermann im Kittelschürz,

und holt die armen Pflanzen in die Kammer-Loggia,

Die Wetterkerze an?

Ne…

Scheiße verdammt und zack Zement…

Ein Zündholz fällt, ein andres bricht…der blaue Himmel leuchtet wieder…

und Kunigund und Gott und Bruder Zephir…

Aphrodite…allen, allen Dank!

Ich lächle, danke Odysseus und Arte für die Inspiration (freie Adaptionen antiker Dramen mit homoerotischen Einlagen und kulleraugenrollenden Bösewichten sind so CineCitta!)…und Dank auch meiner Großmutter selig, die so wunderbar gutkatholischeichstädtischsuperstitiös veranlagt war und diesen guten deutschen Angstfluch an mich weitergab (Per Lourdesstatuette auf dem Volksempfänger!).

Drumm mein Motto für Heute:

Keine Wetterwarnmeldungen mehr, der angekündigte Tornado und die 5 Zentimeter großen Hagelkörner sind einfach nix für süddeutsche Kübelpflanzen- und Balkongartenbesitzer/Präventivangsjunkeys! Und um jetzt flugs auch noch die Kontinuitätsthesenfraktion unter uns zufriedenzustellen, laut meinen auto-ero-epischen Selbstethnographien ist:

Die interdependent-rekursive Inkompatibilität von Gewittern mit Hagelschauern und fremdländischem Balkongewächs mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit kausal verantwortlich für das tief in der kollektiven Erinnerungskultur der Deutschen verwurzelte Unbehagen ihrer keltischen Vorfahren, dass der Himmel auf den frisch angepflanzten Salat fällt!

Buon Di und dass der Himmel dort bleibt, wo er hingehört!

Euer

Alexnikanor

PS: irgendwann schaff ich’s schon noch alle Kategorien in einem Artikel unterzubringen 😉

17. Türchen: Zwischen Himmel und Hölle…

Feuer

(Brecht, Bertolt: Leben des Galilei. Berlin 1963, S. 114.)

Von den niedrigen Dächern des Weihnachtsmarktes tropft Schmelzwasser. Es duftet nach Räucherkerzen, Glühwein und Bratwürsten. Die goldenen Locken des Löwenbrunnens glitzern im Licht unzähliger LED-Lampen und vor einem großen Schaufenster mit überdimmensionalen Kuscheltieren stehen Kinder mit offenen Mündern und großen Kulleraugen.

So oder so ähnlich hätte es auch an jenem schicksalsschweren 17. Dezember 1944 gewesen sein können. Hätte…denn es war Krieg. Seit Jahren hatte es auf dem Münsterplatz keinen richtigen Weihnachtsmarkt mehr gegeben. Die Nahrungsmittel waren längst rationiert und an eine neue Puppe, Lebkuchen oder auch nur einen einzigen, echten Zimtstern zum Fest war für die Meisten nichteinmal zu denken.

Es war erst einige Monate her als eine gespenstische Prozession mit der Leiche des zum „Helden“ erklärten Feldmarschalls Rommels durch die mit Hakenkreuzen geschmückten Gassen der alten Reichsstadt gezogen war. Der Führer hatte sich persönlich in einem Kondolenztelegramm bei der Witwe für den heroischen Opfertod ihres Gatten bedankt. Sie wusste es besser. Auch die Hinrichtung der Geschwister Scholl, die ausgezehrten Kolonnen der Zwangsarbeiter, das „Verschwinden“ der Juden und anderer „missliebiger Presonen“ oder das KZ am oberen Kuhberg waren in der alten Stadt nicht unbemerkt geblieben.

Trotzdem – oder gerade deshalb – glaubten viele was tagtäglich aus Volksempfängern, Zeitungen und Kinowochenschauen auf sie niederprasselte. Man faselte von Wunderwaffen, hängte Hakenkreuze am angeblich urgermanischen „Julbaum“ auf, deckte den Tisch mit dem günstig neuerworbenen Silberbesteck und schönen Echtdamastservietten der ehemaligen Nachbarn, reckte den rechten Arm tagtäglich brav zum Gruß und träumte nicht nur Nachts vom Endsieg und dem kleinen Glück.

Sie glaubten was man ihnen zu glauben vorgab…nicht alle…aber doch zu viele. Was blieb ihnen denn auch viel anderes übrig? Nicht alle sind zum Helden auserkoren, leider…oder sollten man nicht besser sagen: Gott sei Dank?

Menschen die Worte wie „Held“, „Mut“, „Ehre“, „Pflicht“, „Moral“ und „Vaterland“ benutzen, führen nur äußerst selten Gutes im Schilde. Der Sprung ist klein vom vorgeblich Nutzlosen zum Unerwünschten und zum Lebensunwerten. Als alter und auch neuer Reichsstädter weiß man das nur allzu gut.

Krieg tut man nicht! Auch keinen Massenmord, egal ob nun direkt oder bequem am Schreibtischstuhl. Schaden macht manchmal eben doch noch klug, dumm nur, dass meist erst dann, wenn er passiert und sich auch noch beim allerbesten Willen nichts mehr kitten lässt.

Der 3. Advent. Ein ruhiger nebliger Sonntag. Man spaziert mittags trotz des Nebels über die alte Stadtmauer zur Donau hinab. Schaut ob es in den immer spärlicher werdenden Auslagen vielleicht doch noch das eine oder andere Weihnachtsgeschenk für die Lieben geben könnte und bereitet sich, so gut es in diesen Zeiten eben geht auf das bevorstehende Weihnachtsfest vor.

Dann bricht die Hölle los. Sirenen heulten, die Menschen fliehen in den Schutzraum, die es nicht mehr rechtzeitig schaffen in die Keller.  Die ersten „Christbäume“ fallen leise knisternd zum Himmel, dann folgen Luftminen.

Am nächsten Morgen ist nichts mehr wie es einst war. Fast 700 Menschen waren tot. Die stolze, alte Stadt, welcher all die Jahrhunderte nichts angetan hatten, es gab sie nicht mehr. Häuser, Kirchen, Museen, Fabriken, Mühlen, Klöster, Geschäfte, die Hauptpost und der Bahnhof…alles nur noch ein Haufen rauchender, unförmiger Trümmer! Nur das Münster und ein paar zahnlose Reste der einst auf Postkarten in die ganze Welt geschickten Altstadt  hatten die Nacht überlebt.

Von der großen Mühle an der Blau zogen stinkende, schwarze Schwaden durch das ausgebrannte Deutschhaus. An der nächsten Straßenecke, dass was von Menschen übrig bleibt.

Ein wenig weiter steigt aus den Trümmern am Weinhof eine unverheiratete Dame. Die Legende – oder war es die Erinnerung meines längst verstorbenen Buchhändlers – berichtete später es sei die Letzte aus einer langen Reihe reicher, vornehmer Patrizier gewesen. Echte Pfeffersäcke und zäh und halsstarrig bis zum geht nicht mehr! Nachdem die Dame sich mit ärgerlicher Geste Staub vom geretteten Pelzmantel gewischt hatte, musterte sie die sie umgebenden SA-Männer, Hitlerhungen und BDM-Mädels mit einem Blick in dem alle Verachtung die sich in den vielen, vielen Stunden des 1000-Jährigen Reiches in ihr angesammelt hatten lag. Blockwarte die nie ihren Russeau, Montesqieu, Nietzsche oder Schiller gelesen hatten, Möchtegern-Wichtigs mit Dreck unter den Fingernägeln und mensch- wie tierverachtende Bauerntölpel in schwarzen Reitstiefeln, die gute Marbacher nicht von einem Ackergaul zu unterscheiden wussten und nicht einmal davor zurückschreckten Schwangere an Laternenpfosten aufzuhängen. Sie hatte genug gesehen und gehört!

Die schon nicht mehr ganz junge Dame atmete tief ein, sah sich ein letztes Mal mit kühlen Augen um und sprach mit eisigkalter Stimme all das aus, was  an diesem verdammten Montag-Morgen (fast) alle dachten:

Hättet ihr damals nicht unseren Rabiner in den Brunnen getunkt bis er beinah heh (tot) war, dann hättet ihr Euer Ulm noch!“

Sollten sie sie doch auch erschießen, wie den französischen Fremdarbeiter in Albeck. Es lohnte sich nicht mehr in einer Welt zu leben, in der solche Menschen das Sagen hatte. Alles, wofür sie und ihre Vorfahren einst gelebt, gestritten und geliebt hatten war in dieser einen Nacht verschwunden.

Doch niemand wagte es, sie anzusprechen oder aufzuhalten. Irgendwann nahm sie verwundert ihren Spazierstock, grüßte mit einem Lächeln den auf seiner angeknacksten Brunnensäule stehenden Christophorus und ging. Noch in den 1970ern soll sie hochbetagt in einer alten Bäckerei gesehen worden sein, wo sie, wie ihre Vorfahren es seit 500 Jahren getan hatten, an jedem einzelnen Donnerstag ihren „Doschdigswegga“ (s. Kommentar) kaufte. Eine kleine, zerbrechliche alte Frau mit weißen Haaren, einem Spazierstock und einer immer noch rasiermesserschaften „Schwertgôsch“.

Gruppen schwarz gewandeter Menschen nähern sich dem geöffneten Münsterportal.  Manche von ihnen, vor allem die älteren haben Tränen in den Augen. Andere halten brennende Kerzen in den Händen. Sie scheinen zu frieren. Für einen kurzen Moment schweigen die vorweihnachtlichen Posaunen, die Lautsprecher auf dem Weihnachtsmarkt sind leiser geschaltet, an den Glühweinständen wird es ruhiger.

Glocken beginnen zu läuten. Die Menschen bleiben stehen, schauen zum Münsterturm empor und wundern sich.

Für die meisten Ulmer und erst recht für ihre Besucher aus aller Welt ist der 17. Dezember heute ein ganz normaler Adventstag. Nur wenige erinnern sich, dass an diesem Tag ihre Stadt beinahe untergegangen wäre.

Die Glocken verstummen. Vom Rand des Platzes erschallt das berühmte Porzellanglockenspiel. Die Glühweinstände schenken wieder aus. 124.000 Menschen aus über 100 Nationen leben heute in der Stadt. Fast 2 1/2 mal so viele wie damals. Die Doschdigsweggá gibt es nicht mehr. Mit ihnen sind auch die weltbesten Springerle verschwunden (wenn es sie doch noch irgendwo gibt, habe ich sie noch nicht wiedergefunden). Dafür gibt es einen französischen Weinmarkt, ein türkisches Theater, die Neue Mitte und einen italienischen Kreuzweg zu Ostern.

Die Stadt ein bunter Phönix aus der Asche und in Weihnachtsfestbeleuchtung.