Aus dem Archiv: Reise nach Kythera 8 – Von Eisvögeln und Erdbeben (12.10.2013)

Talassa

Weil ich gerade wieder sehr viel an Griechenland und die Griechen denke – hier ein kleiner Auszug aus meinem „Feldforschungs-Blog“ von 2013:

Die Eisvögel sind wieder da!“ So hat es mir gestern morgen stolz und mit freudvollem Grinsen ein kleiner Junge verkündet als ich auf der Suche nach meinem Kugelschreiber auf der kleinen Mole des Fischerhafens von Diakofi umherirrte. Da „Eisvogel“ nicht zu meinem gängigen Griechischen Wortschatz gehört (der ist eher für so lebensnotwendige Dinge wie tanken, essen, Rechnungen, Entschuldigungen und Waschmittel reserviert ;-)) hab ich zuerst nicht verstanden was der kleine Dreikäsehoch von mir wollte.

Doch ein rascher Blick in Richtung der aufgeregt hin und herwedelnden Ärmchen machte sofort klar, was der Kleine mir mit glänzenden Augen versuchte zu erklären: Gleich zwei der schillernden Juwelen der Lüfte hatten sich – einfach so, und ohne sich um die etwas triste Umgebung zu kümmern – auf den weiß-rot gestrichenen Reelings der kleinen hölzernen Fischerboote niedergelassen und versuchten nun indem sie laut pfeifend hin und herflogen einige kleine Fische aus dem türkisfarbenen Wasser zu fischen.

Es brauchte wohl diesen optischen Schlüsselreiz um dann doch noch den entscheidenden „Klick“ in meinem klassisch gebildeten Hirn auszulösen. Genauer: wie (fast) immer in Griechenland gibt es selbstverständlich auch für das winterliche Auftauchen von Eisvögeln eine passende antike Sage: Ceyx Gemahl von Halcyone, Tochter des Windgottes Äolus, fuhr eines Tages über das winterliche Meer, um bei einem Orakel Rat zu suchen. Sein Schiff geriet in einen Sturm und sank – Ceyx und mit ihm alle seine Mitreisenden ertranken. Daraufhin erhielt Halcyone im Traum eine von den Göttern gesendete Botschaft von dem Unglück. Verzweifelt ob des Verlusts ihres Gatten stürzte sie sich ebenfalls in die Fluten. Die Götter, von der Treue Halcyones beeindruckt, verwandelten sie und ihren toten Gatten in Eisvögel und gewährten der Schiffahrt alljährlich im Winter vierzehn ruhige, windstille Tage, die sog. Halcyon-Tage. Diese spielen auch eine ganz besondere Rolle in Henry Purcells „The Enchanted Island„, und welche andere Insel könnte mit diesem Titel gemeint sein als…richtig Kythera“

Der Grund für diese windstillen Tage ist allerdings etwas kurios und spricht nicht unbedingt für die genaue Beobachtungsgabe antiker Ornithologen. Nicht der Schutz der Seefahrer lag den Göttern am Herzen (wie häufig bei den launischen Olympiern handelt es sich hierbei eher um einen angenehmen Nebeneffekt), nein, die gnädige Zurückhaltung des Windgottes Äolus gilt seiner in einen Eisvogel verwandelten Halcyone, welche zu dieser Zeit angeblich brütend auf ihrem schwimmenden Nest auf dem glatten Spiegel des Meeres sitzt…

Und hier beginnt das Problem: Entweder antike Eisvögel verhielten sich komplett anders als ihre modernen Nachfahren – diese brüten in aller Regel in selbstgegrabenen Höhlen an sandigen Steilufern und Geländeabbrüchen und haben so recht wenig von einer ruhigen See, oder aber die antiken Urheber der Sage haben schlichtweg Seeschwalben (die brüten tatsächlich in ruhigen Meereslagunen auf schwimmenden Flößen aus Grünpflanzen) und Eisvögel miteinander verwechselt bzw. zu einer Art vermischt – Lebensraum und Umrisse beider Arten sind recht ähnlich und beide fangen bekanntlich Fisch…Sicher ist nur, dass ich das griechische Wort „(H)Alcyon“ für Eisvogel so schnell nicht mehr vergessen werde…

Nicht genug damit, gegen Mittag riss der stärker werdende Zephir etliche Blüten von den Bouganveliennüschen und Hibiskussträuchern (wir haben hier immer noch Sommer!) und verteilte sie im kristallklaren Wasser der Bucht. Das Ganze sah aus, als hätte man in einem vernöstlichen Spa für Riesen eine gewaltige Badewanne voller türkis-rosa-weiß-rot gesprenkelten Ajurvedabadewasser mit „Exotikblütenbeilage“ vorbereitet. Und ja, ich hab Bücher, Bücher sein lassen, mir nicht den Photo (der wär eh vom aufgewirbelten Sand kaputt gegangen) sondern die vorsorglich mitgebrachten Badesachen geschnappt und bin  mit Eisvögeln, Silberreihern, Bussarden und Falken als Zuschauern durch die ganze buntgetupfte Bucht geschwommen!

Mitten drinn im romantischen Herumgeplantsche begann es dann oben in den Bergen um Agia Moni zu rumoren. Erst ganz leise, dann lauter, als würde eine ganze Ziegenherde auf einmal über eine der Geröllhalden laufen. Aber da waren keine Ziegen, nur kleinere und größere Felsbrocken die von den Hängen hinunter ins Tal kullerten. Normalerweise ist das hier nicht weiter der Rede wert, kleinere Felsstürze passierten hier quasi im Minutentakt. Was mich dann aber doch etwas beunruhigte, waren die besorgten Gesichtern der Fischer, denen anzumerken war das es diesmal wohl etwas ernsteres war. Leicht besorgt und schweren Herzens verließ ich also meine Privatbadewanne (ich hatte wirklich die gesamte Bucht von Diakofti für mich allein!) und hab am Strand nachgefragt was denn los sei. „Seismos“ Erdbeben, nicht besonders schlimm, aber man sollte sich wohl sicherheitshalber doch ein paar Meter den Hügel hinaufbewegen…Tzunami und so…

Gesagt getan, ich in den Badeklamotten durch den Ort, ab ins Auto und den Berg hochgefahren. Ob das wirklich eine Gute Idee war weiß ich im Nachhinein nicht so unbedingt; Ein Nachbeben auf der durch Felswände verlaufenden Straße von Diakofti zum Flughafen ist sicherlich kein Vergnügen…aber immer noch sicherer als eine Flutwelle unten in der Bucht…

Oben angekommen kam mir schon ein Baggerfahrer mit der Entwarnung entgegen. Es sei wirklich nicht so schlimm. Das Erdbeben habe vor Chan(d)ia – einer Stadt auf Kreta – ca. 80 Kilometer südöstlich von hier stattgefunden, Stärke 6,7. Auf Kythera gäb’s nur kleinere Schäden, keine Tzunamigefahr…

Dumm war blos, dass ich bei der ganzen Aufregung vergessen hatte, Sonnencreme und mein Hemd anzulegen! Resultat: Ein erdbebenverursachter Sonnenbrand! Mein vergessenes Hemd hab ich dann übrigens in der Bucht wiedergefunden, der Wind hatte es zwischenzeitlich über den Strand ins Wasser geweht…noch mehr Wäsche!

Die Fischer hatten sich erst garnicht vom Fleck bewegt. Ein Tzunami, so die einhellige Meinung, sehe anders aus…wie haben sie mir nicht verraten und ich glaub, sie haben sich insgeheim auch ein ganz klein wenig darüber gefreut, dass sie dem bleichen Touristen ein wenig Angst eingejagt hatten…jedenfalls lachten sie alle und fragten, warum ich denn so rot sei…

Zurück im Appartment war ich dann um drei echt Kytheranische Weißheiten reicher:

1) Traue keinem Riesen der Bouganvelienblüten in eine Mittelmeerbucht streut, er will spielen und macht dabei kleine Erdbeben! 😉

2) Ein Erdbeben ist noch lange kein Grund auf den Sonnenschutz zu verzichten!

3) Tzunamis sehen anders aus…wie weiß niemand so genau, da’s bisher vermutlich niemand der’s je gesehen hat weitersagen konnte…

Ein Blick in die Abendnachrichten belehrte mich dann übrigens, dass die Warnung der Fischer vielleicht doch nicht nur scherzhaft gemeint war. Auf dem nur 80 Kilometer entfernten Kreta hat das Erdbeben doch erhebliche Schäden angerichtet und wenn ich’s richtig verstanden habe hat’s auch Schwerverletze und eine, wenn auch sehr kleine Flutwelle gegeben.

PS: Noch etwas ist mir heute aufgefallen. Augenscheinlich verursacht nur Nordsturm (Boreas) Stromausfall. Zephir (Westwind)-Stürme sind zwar stärker (und unangenehmer, da sie heiß und sehr feucht sind, haben hier gerade gefühlte 35°C im Schatten) verursachen aber aus unerfindlichen Gründen keine blackouts. (jedenfalls noch nicht…).

Giassas!

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Adventskalender 2014 – 24. Türchen – Von heiligen Abenden und Gabenbescherern

Venedig, San Marco, Nordfassade, Weihnachtsdarstellung

Venedig, San Marco, Nordfassade, Weihnachtsdarstellung

„Fürchtet Euch nicht“ so der Engel zu den Hirten als er sie mit der Botschaft von der Geburt des Christkinds erschreckte…ja es kann einem schon Angst und Bange werden, wenn da plötzlich mitten in einer Winternacht eine wildgewordene Horde Engel mit riesen Tamtam am Himmel erscheint und ein lautstarkes Haleluja anstimmt…

Aber halt, wie war denn das eigentlich nochmal mit diesem „Christkind“ und warum um alles in der Welt feiern unsere russischen Nachbarn erst am 6. oder gar 7. Januar Weihnachten? Warum gibt es bei uns immer Kartoffelsalat mit Würstchen, und warum ist das Nürnberger Christkind ein Mädchen, wo doch Jesus ziemlich klar ein Junge war?

Well, mit Weihnachten ist es ein bisschen so wie mit allen großen Dingen, sie machen viel Arbeit, viel Freude und manchmal eben wie überall wo Menschen am Werk sind auch ein bisschen Chaos.

Zuerst einmal zum Datum. Die Bibel gibt darauf keinerlei wirklichen Hinweis, selbst das Jahr ist unklar, nur der Ort ist einigermaßen sicher: irgendwo in Bethlehem, einer kleinen, eher dorfähnlichen Stadt nahe Jerusalem…Und der Stern, und dieser Kaiser Augustus, und jener Kyrenius, der Statthalter in Syrien war, und die drei Weisen (gr. magoi) aus dem Morgenland.

Nun, der Einzige aus dieser Reihe von dem wir einigermaßen sicher wissen was bzw. wer er war und wann er gelebt hat ist Gaius Octavius, uns heute meist als Kaiser Augustus bekannt, der herrschte als Kaiser zwischen 31 vor und 14 nach Christus. Sprich man kann sich nun eines dieser Jahre als das Geburtsjahr Christi heraussuchen, und da sich unser Kalender nunmal an der Geburt Christi orientiert haben wir heute irgendwas zwischen 2045 und 2000 (vielleicht kommt der Milleniumskrach also erst dieses Jahr…). Kyrenius ist den Archäologen und Historikern leider außer in der Bibel noch nirgends untergekommen, und vermutlich hatte derjenige der die Weihnachtsgeschichte aufschrieb (ein gewisser Lukas, dessen Identität so klar aber auch nicht ist) einfach vergessen wie der damalige Gouvaneur in Syrien hieß und einfach „Kyrenius“ was soviel wie Syrer (Syrenius/Cyrenius) heißt geschrieben.

Und der Stern? Komet, Supernova, Asteroid, astrologische Konstellation im Sternbild Fische…die Astronomen streiten sich seit Jahrhunderten darüber was die „Magoi“ also jene gelehrten und ein bisschen unheimlichen Männer aus dem Morgenland denn da gesehen haben – die Zahl drei ist übrigens eine spätere Erfindung, und auch dass es Könige waren ist eine nette kleine Mittelalterliche Zutat…aber sie machen sich einfach so nett im Krippenspiel, die prächtig austaffierten Orientalen samt Gefolge…

Und wie ist das nun mit diesem Christkind? Mann, Frau, Jesus, Webefigur, Nazi-Erfindung, Engel oder doch von Martin Luther, und was soll eigentlich die Sache mit diesem Weihnachtsmann, und dem Nikolaus, und warum um alles in der Welt bringt in Russland Väterchen Frost an Sylvester und in Italien eine Hexe die Geschenke und dass auch erst am Dreikönigstag?

Well, das ganze Kuddelmuddel fängt eigentlich damit an, dass wie gesagt anfangs garnicht so ganz klar war, wann und ob Weihnachten überhaupt gefeiert werden sollte. Vor allem die Jerusalemer Urgemeinde und auch einige andere ostkirchliche Gemeinschaften taten sich mit diesem Fest recht schwer und führten es erst lange nach den kleinasiatischen und lateinischen Gemeinden (damals war das alles noch mehr oder minder eine Kiche, allerdings wesentlich weniger zentralisiert als heute, im Prinzip machte die ersten paar Jahrhunderte jeder was er wollte) im 6. bzw. 7. Jahrhundert ein.

Warum in den Westkirchen (und auch in einigen Ostkirchen) ausgerechnet der 25. Dezember das Weihnachtsfest wurde, ist nicht ganz klar, hat aber vermutlich mit der Anlehnung der frühen Christen an den von den römischen Kaisern Aurelian und Heliogabal eingeführten Feiertag des „sol invictus“ (also der unbesigbaren Sonne) am 25. Dezember zu tun (dies v.a. darum, weil Christus schon sehr früh mit dem „Licht in der Finsternis“ gleichgesetzt wurde). In den Ostkirchen existierten hingegen von Beginn an andere Termine die teils bis mitten in den April reichten, teils bereits Anfang Dezember lagen.

Zusätzlich verkompliziert wurde die Lage durch die Kalenderreform Papst Gregors 1582 der aufgrund des ungenauen Julianischen Kalenders einfach 13 Tage „ausfallen“ lies. Dies machten, und machen viele der inzwischen durch ein Schißma getrennten Ostkirchen nicht mit (übrigens auch die meisten der inzwischen entstandenen Protestantischen Staaten Europas nicht), so dass deren Kalender bis weit ins 18. und in einigen Fällen sogar bis heute um 13 Tage „nachgeht). Auch hatte im Osten das Weihnachtsfest nie die Bedeutung, wie in den westlichen Kirchen. Wichtiger war hier der 6. Januar, das Fest der Epiphanie, also der Taufe Christi im Jordan (das auf das gleiche Datum das Fest der heiligen Drei Könige fällt, die ebenfalls als Gabenbringer auftreten – schließlich waren sie es, die laut Bibel dem Christkind die ersten Geschenke brachten – macht die Sache mit Weihnachten und den unterschiedlichen Gabenbringern nicht einfacher.

Wirklich kompliziert wird es dann aber, wenn noch Nikoklaus, Väterchen Frost oder die Befana als Geschenkebringer auftreten.

Traditioneller Weise war es nämlich in Westeuropa so, dass es bis weit ins 16. Jahrhundert hinein nicht zu Weihnachten, sondern bereits zu Nikolaus Geschenke gab. Das ganze leitete sich von einer Passage in der Heiligenlegende des Nikolaus von Myra ab, der eines Nachts drei unschuldig aufgrund von Schulden bzw. Armut zur Prostitution gezwungenen Mädchen (einige Varianten der Legende legen auch nahe, dass es Jungen gewesen sein könnten) mit drei Kugeln Gold dieses Schicksal erspaarte, die er Nachts unbemerkt in deren Schlafzimmerfenster gleiten ließ – es ist manchmal schon seltsam wie Heilige zu Geschenkebringern werden, aber so war’s nunmal, wenn ihr mich fragt hat das Ganze trotzdem ein Gschmäckle…

Nicht nur ich, sondern auch die um 1520/30 wie die Pilze aus dem Boden schießenden Protestanten hatten mit diesem „Heligen Nikolaus“ ihre Probleme, so dass Martin Luther sich etwas anderes einfallen ließ und als neuen Geschenkebringer den „Heiligen Christ“ erfand und auch gleich das Datum der Bescherung auf den 24. festlegte damit es da auch ja keine Missverständnisse und Verwurschtelungen geben konnte…

Nun, so ganz funktioniert hat das nicht. Aus dem „Heiligen Christ“, mit dem in erster Linie der erwachsene und nicht der gerade eben geborene Jesus gemeint war, wurde nach und nach das Christkind, dem immer mehr kindliche aber auch engelhafte Züge angedichtet wurden. Der Grund dafür ist unklar, aber vermutlich sprachen die weißgekleideten Engel aus dem Krippenspielen und ein kleines, neugeborenes Kind die Menschen einfach wesentlich stärker ästhetisch und emotional an, als ein manchmal etwas cholerischer und abgehobener Zimmermansgeselle aus Nazareth.

Auch war es längst nicht so, dass nun die Katholiken brav den Nikolaus und die Protestanten das Christkind als Gabenbringer bevorzugt hätten. Die Dinge vermischten sich doch, an manchen protestantischen Orten gab es weiterhin am 6. Dezember vom Nikolaus Geschenke, an manchen katholischen kam zusätzlich das Christkind und in wieder anderen Regionen entwickelten sich noch ganz andere Gabenbräuche, die auf teils ganz andere Heilige zurückgingen (z.B. den Heiligen Martin, die Heilige Lucia oder eben auch die Heiligen Drei Könige).

Letztere hatten ihre Hochburg offenbar in Italien, denn dort wurde Weihnachten zwar am 25. Dezember mit einer festlichen Messe gefeiert, aber die Geschenke gab’s wohl erst – wie in den Ostkirchen – am 6. Januar. Nur dass die heiligen Drei Könige dort mehr und mehr (wann ist nicht ganz klar, vermutlich aber schon zu Beginn der Neuzeit) von einem kleinen Dämon oder einer Hexe namens Befana (von Epiphanias) abgelößt wurde. Diese/r hatte sich laut einer populären Sage gemeinsam mit den Hirten aufgemacht um das Christkind anzusehen, kam aber zu spät und traf so erst mit den Heiligen Drei Königen am 6. Januar ein. Anfangs ein eher zwielichtges Wesen wurde Befana ab dem 18. Jahrhundert mehr und mehr zum Gabenbringer und darin v.a. in der Zeit des Faschismuses durch eine „Befana für Arme“ zusätzlich popularisiert.

Eine ähnliche Geschichte hat Väterchen Frost. Diese Figur stammt aus dem reichen Reich der russischen Märchen und war ursprünglich die durchaus nicht immer ganz freundliche Verkörperung des Winters. Schon zu Zeiten von Peter dem Großen verlagerte sich in Russland der Geschenkeabend vom 6. Januar auf die Silvesternacht, da Peter ausgesprochen antikirchlich eingestellt war und alternative weltliche Bräuche schaffen wollte. In wie weit dabei auch schon Väterchen Frost als Gabenbringer auftrat bleibt unklar, jedoch scheinen sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Russland mehr und mehr „weltliche“ Gabenbringer (wie die Verkörperung des Neuen Jahres oder Genien) durchgesetzt zu haben.

Wirklich populär wurde Väterchen Frost als Gabenbringer aber erst mit der Oktoberrevolution. Diese schaffte im Alltag der Menschen sämtliche religiösen Bezüge ab (oder versuchte dies zumindest) und propagierte stattdessen eine säkulare Weihnachtsfeier mit Väterchen Frost als Gabenbringer.

…und warum um alles in der Welt ist das Nürnberger Christkind nun ein Mädchen? Nun, das ist auch eine etwas komplizierte Geschichte. Ich habe ja schon geschrieben, dass der von Luther entworfene Gabenbringer des „Heiligen Christ“ sich recht schnell zu einem lieblichen, engelsgleichen Säugling oder zumindest Kind oder Jugendlichen entwickelte, das mehr und mehr seinen Bezug zum christlichen Hintergrund verlor und spätestens im 19. Jahrhundert ein Eigenleben jenseits der Christlichen Heilslehre zu führen begann. Entscheidend für das Nürnberger Christkind sind aber die Nationalsozialisten. Diese führten Prolog und Christkind 1933 als bewussten blondgelockt-arischen Gegenentwurf und „Marketinggag“ gegen Christliche Bezüge des Weihnachtsfestes ein.

Bis 1968 behielt das Nürnberger Christkind allerdings sein männliches Geschlecht und wurde von Schauspielern verkörpert. Erst dann kamen die Organisatoren des Nürnberger Weihnachtsmarktes auf die Idee das Christkind von einem jungen Mädchen verkörpern zu lassen – vermutlich weil sie sich hierdurch eine größere Aufmerksamkeit (man kann beim Christkind ja schlecht von Sexappeal sprechen) erwarteten.

Und was ist jetzt mit dem Weihnachtsmann? Nun der stellt eine Art Fortentwicklung des Heiligen Nikolaus dar, ist mit diesem aber nicht identisch (es ist ganz ähnlich wie beim Christkind, dass ja auch ein Eigenleben entwickelte), der sich irgendwann mit Väterchen Frost kreuzte und noch dazu in den 1920er Jahren von Coca-Cola für seien Weihnachtswerbung entdeckt wurde (die Amerikaner haben ihn allerdings nicht erfunden, wie es fälschlicherweise oft heißt.

So, jetzt war’s aber genug Kuddelmuddelentwirrung für heute. Ich wünsche Euch frohe, liebevolle, ruhige, freundliche, freudenreiche, selige und gesegnete Weihnachten und natürlich auch ganz viele Geschenke, egal wer sie nun wann bringt.

Wen’s genauer interessiert, hier wie immer noch ein paar Wiki-Links dazu:

http://de.wikipedia.org/wiki/Augustus

http://de.wikipedia.org/wiki/Christkind

http://de.wikipedia.org/wiki/Weihnachten

http://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%A4terchen_Frost

http://de.wikipedia.org/wiki/Weihnachtsmann

http://de.wikipedia.org/wiki/Befana

http://de.wikipedia.org/wiki/Heilige_Drei_K%C3%B6nige

http://de.wikipedia.org/wiki/N%C3%BCrnberger_Christkindlesmarkt

PS: gerade habe ich gelesen, dass man inzwischen wohl doch weiß, wer dieser Cyrenius oder Quirinius gewesen sein könnte (Wikipedia sei dank lernt man nie aus!), es scheint den Herrn tatsächlich gegeben zu haben und er hat sogar um 6 nach Christus (passt!) in Judäa eine Volkszählung für die Steuerlisten durchgeführt (was ein Zufall!)…Wer mehr über Publius Sulpicius Quirinius wissen will:

http://de.wikipedia.org/wiki/Publius_Sulpicius_Quirinius#cite_note-7

 

 

 

Adventskalender 2014 – 21. Türchen – Arrivederci Venexia!

Löwen mit Hüten

Löwen mit Hüten

Ja, auch die die schönste Zeit muss irgendwann zu Ende gehen, und da ich ja schlecht meine versammelte Verwandtschaft ohne mich (und vor allem ohne meine Geschenke) Weihnachten feiern lassen kann, heißt es nun zurück nach good old Germany!

Venedig war – nein, kein Traum – dazu war ich vermutlich schon zu oft hier, und dazu stehlen Deutsche Touristen auf Romantikurlaub hier zu oft Gondeln (http://www.stol.it/Artikel/Chronik-im-Ueberblick/Chronik/Deutsche-wegen-Gondel-Diebstahls-in-Venedig-angezeigt).

Die Stadt ist für mich Eher eine Art Lehrstunde in menschlicher Kreativität und Anpassungsfähigkeit. Schließlich benutzt man nicht jeden Tag Boote wie einen Bus oder verleitet andere Touristen dazu einem in die definitiv uninteressantesten Sackgassen zu folgen – eines meiner Lieblingsspiele in dem ich inzwischen eine gewisse Perfektion erreicht habe – mi scusa ;-).

Außerdem: Venedig ist für einen Traum einfach viel zu anstrengend – nicht wegen all der anderen Touristen, die werden erst wieder ab März zum Problem, und auch nicht wegen der 200-300 Bilder von Tizian, Tintoretto und Co. die man sich an einem durchschnittlichen Tag „reinzieht“ (wenn man’s drauf anlegt können es aber auch ganz locker mal zwei- oder dreitausend an einem Tag sein, das muss man dann vorher etwas trainieren um noch zu wissen, wo man was gesehen hat und selbst passionierten Kunsthistorikern soll es dabei schon vorgekommen sein, dass sie am Ende nicht mehr so genau wussten ob das Bild dass sie gerade in der kleinen entzückenden Kirche am Campo ichweißnichtmehr gesehen haben nun von Palma dem Älteren oder doch von Vittore Carpaccio gewesen ist…)

Nein, dass alles ist Genuß und wenn’s einem zu blöd wird kann man einfach ein viertel Stündchen auf die umgedrehten Hochwasserstege oder eine Bank sitzen und den anderen dabei zusehen wie sie gerade ihren kulturellen Overkill bekommen – Ich frage mich jedes mal, warum so wenige Menschen hier zu Wutausbrüchen neigen, selbst Kinder scheinen sich hier von Quengelmonstern in begeisterte Kulturtouristen zu verwandeln und suchen mit einer Engelsgeduld und unglaublichem Eifer den nächsten Markuslöwen oder Gondoliere…Nein, was diese Stadt so anstrengend macht sind die Wege – die muss man nämlich, von ein paar wohl zu plandenen, da relativ teuren Bootsfahrten nämlich allesamt zu Fuß zurücklegen.

Aber wie immer gibt’s auch hier eine bzw. mehrere Möglichkeiten zu spaaren:

http://www.actv.it/imob/cos%C3%A8imob

http://www.veneziaunica.it/en/ecommerce/products/pack/venice_citypass

Im übrigen habe ich inzwischen sogar an den, von mir so gehassten Selfi-Hipstern etwas Gutes entdeckt…nicht nur, dass sie etlichen Bangladeshi (das ist die Nation unter den fliegenden Händlern, die sich eigentümlicherweise auf die neuesten technischen Spielereien spezialisiert hat), das Überleben ermöglichen indem sie ihnen die überall angebotenen Selfie Sticks abkaufen, nein, sie haben es mit ihrem permanenten und absolut nicht zu stoppenden Selbstablichtungswahn inzwischen auch fertiggebracht, dass die sonst extrem strengen italienischen Regeln in Punkto photographieren in Museen und Kirchen inzwischen komplett errodiert sind. Die Wächter, die noch vor ein, zwei Jahren jedem der es auch nur wagte ein Handy oder eine Kamera zu zücken sofort ein schrofffes „no photo“ entgegenschleuderten, und bei Nichtbeachtung durchaus auch mal das entsprechende Gerät konfiszierten, haben inzwischen einfach aufgegeben. Selbst im hochheiligen Dogenpalast oder in der Markuskirche interessiert es absolut niemanden mehr, was, wer mit seinem Tablet oder seinem Handy abkupfert…Einzig die einsam herumstehenden Verbotsschilder erinnern noch daran, dass da irgendwann mal was war…

Und sonst? viel Neues, viel Altes und die Erkenntnis, dass vermutlich ein Leben nicht aussreicht um diese Stadt und all ihre Schätze wirklich zu kennen – wo sonst stolpert man beim Blick in eine verstaubte Vitrine einfach so über die Unterschriften von Karl V., Maria Theresia, Queen Ann und Mustafa II., das Tintenfass Napoleons, Reliquien vom heiligen Judas, oder den Sonnenhut des letzten Dogen? Manche werden jetzt sagen, dass dies alles nur verstaubtes alltes Gerümpel ist…letztendlich haben sie garnicht so unrecht. Aber wenn man verstehen will, warum die Dinge so sind, wie sie nuneinmal sind, dann kommt man um dieses Gerümpel eben nicht herum. Auserdem ist das Horten und die Begeisterung über altes Glummp urmenschlich. Man(n) ist nunmal ein Jäger und Sammler, ob nun von Selfies, Symbolen, Glasvasen oder Friedensverträgen ist dabei letztendlich egal. Und für wen’s dabei etwas mehr sein darf, für den ist Venedig genau der richtige Ort – wo sonst sollten wir schließlich unsere Plastikgondeln made in China, unsere echt falschen Muranogläser (na ja, hier gibt’s schon auch echte, aber die kosten eben dreimal so viel) und unsere völlig geschmacklosen Plastik-Karnevalsmasken (es gibt auch schöne, handgemachte aber die muss man suchen…) herbekommen? Sind es denn nicht genau diese Dinge, die das Leben erst lebenswert machen? …und ebay? wie langweilig – da kann es einen noch nichtmal über die istrischen Marmorstufen bei den Löwen auf der Piazetta dei Leoni hinschmeißen!

Buone feste und vergesst nicht euren Löwen Weihnachtsmannkaputzen aufzusetzen!

Adventskalender 2014 – 15. Türchen: Wenn es statt Glühwein vin brulé gibt und der Babbo Natale mit der Gondel kommt…

Ihr habt es sicherlich schon erraten…wie garnicht mal selten um diese Jahreszeit bin ich mal wieder nach Venedig, oder wie man im hiesigen Dialekt, der mich immer an eine schwäbisch schnurrende Katze erinnert sagt: Venessia (geschrieben: Venexia…die Venezianer lieben ihr x und packen es einfach überall rein!) entfleucht.

P1400344Weihnachten, also Natale wirft auch hier seine Schatten (oder sollte man nicht besser sagen: seine Lichter) vorraus. Zwar gibt es auch hier – der Zeit der Österreicher sei Dank – Christbäume und Glühwein (vin brulé) und sogar soetwas ähnliches wie einen Weihnachtsmarkt. Aber sonst läuft hier doch so einiges anders:

Am Rialto hängt statt Sternen und Rauschgoldengeln, ein riesiger blau gold leuchtender Markuslöwe aus LEDs, überall gibt es kleine Wohltätigkeitsmärkte in den Kirchen mit den kuriosesten Dingen, Der Weihnachtsmarkt (außer dem bei San Stefano – aber der war irgendwie nicht von richtigem Erfolg gekrönt und ich bin mir garnicht mal sicher ob er noch existiert) ist hier eher eine Art Flohmarkt mit Kinderbespaßung und Showprogramm der freiwilligen Feuerwehr und auch die Militärkadetten scheinen keinerlei Probleme damit zu haben, in voller Uniform in der Pizzeria ihre Weihnachtsfeier abzuhalten (Kunststück, die Uniform sieht einfach um einiges besser aus, als das Zeug, was unsere armen Bundeswehrler tragen müssen…).

Und ja, ich geb’s zu: Auch wenn es manchem Tierfreund jetzt in der Seele weh tut: man hüllt sich in Pelz, viel Pelz. Zumindest die Einheimischen, und die, die sich’s leisten können. Und man tut es nicht nur, weil das nun so schick wäre (na ja, schon auch, so ein Zobel beim Mandarinenkauf ist einfach ein Hingucker, so oder so…) sondern weil bei der feuchten Kälte hier einfach nichts anderes funktioniert, Aktivkleidung, Thermounterwäsche, Cashmirschal, Kunstpelz, Wärmepflaster, Daunenmantel…vergesst es, das hilft allenfalls zusätzlich. Vor allem, wenn man längere mit den Schiffen übers offene Wasser fährt gibt es zu Waschbär, Polarfuchs und Co einfach keine Alternative (wer’s nicht glaubt, soll einfach mal bei schnuckeligen 10 Grad plus vorne in ein Vaporetto sitzen (außen natürlich!) und den Canal Grande entlangschippern (Ich rede hier garnicht erst von den offenen Wasserflächen und den Tagen, wenn die Bora einen halben Meter Schnee bringt und einem die Gischt an den Bart gefriert…)…

Genug davon…

Eigentlich wollt ich Euch ja vom Babbo Natale erzählen…An einem Tag kurz vor Weihnachten (ich muss jedes Mal nachfragen…) kommt der nämlich persönlich nach Venedig. Eigentlich gab’s ihn bis vor Kurzem hier genauso wenig, wie bei uns, und ich habe immer noch die große Peggy Guggenheim im Verdacht ihn höchstpersönlich hierher eingeladen zu haben. Und sie hat sehr gut daran getan! Anders als in anderen Städten, wo der Babbo Natale wirklich nur wie ein müder Abklatsch des Coca-Cola Emblems wirkt, haben die Venezianer sich nämlich etwas ganz besonderes für „ihren“ Weihnachtsmann überlegt.

Der Babbo kommt hier  nicht mit Rentieren und Schlitten – würde auch garnicht funktionieren –  sondern mit einer prunkvollen, extra für ihn erbauten, rot goldenen Weihnachtsgondel, die mich immer ein klein wenig an das leider von Napoleon zerstörte Buccintoro erinnert. Und er kommt nicht allein…alles was schwimmen kann oder Ruder hat ist dabei und so zieht hier jedes Jahr kurz vor Weihnachten eine komplette Regatta von Gondeln, Ruderbooten (ich denke mal es sind Sandolos und Puparins…sicher bin ich mir da aber nicht, und bevor ich mich jetzt in die Nesseln setz, sage ich einfach Ruderboote) und Weihnachts-Schwimmern durch die Kanäle, alle natürlich im Weihnachtsmannkostüm!

Das Beste: Die Venzianischen Schulkinder der 3. und 4. Klassen dürfen an diesem Tag einmal in ihrem Leben umsonst Gondel fahren! (denn wer hat schon einen echten Gondoliere als Pappa (weibliche gibt’s so gut wie nicht)?).

Und da fahren sie nun an den Palazzi des Canal Grande entlang, die hunderten Nikoläuse und Niccolettas auf ihren Gondeln, Ruderbooten und sonstigen schwimmenden Untersätzen, mit lautem oh, und ah, und sehr viel (E)viva il Babbo Natale! – und das Allerbeste: Es gibt schon jetzt Geschenke…nicht erst am 6. Januar!

Buone feste da Venexia!

PS: Den besten Vin Brulé gibt’s gerade an einem Stand an der (wärmebedingt nicht aktiven) Eisbahn auf dem Campo San Polo. Sucht einfach den mit dem Handgeschriebenen Schild auf dem Steht, dass der Glühwein mit Chianti gemacht wurde, und gönnt Euch dazu ruhig auch ein Pannino mit Schweinebraten und herrlichem Grillgemüse (gibt’s am gleichen Stand)…nehmt aber genug Kleingeld mit, dadurch dass gerade kaum Geschäft ist, haben die nämlich absolut kein Wechselgeld (eine allgemeine Italienische Krankheit…ich weiß auch nicht immer so genau warum…Museen, Stände, Bars, Geschäfte, niemand kann Wechselgeld rausgeben…furchtbar!).

Adventskalender 2014 – 13. Türchen – Sancta Lucia, oder vom Licht in der Finsternis…(Aus dem Archiv)

lux in tenebris

Wer jemals am 13. Dezember in Schweden war wird den mystischen Anblick von jungen Mädchen die im Gedenken an die Heilige Lucia auf ihrem Kopf eine Krone aus Buchsbaumzweigen und brennenden Kerzen durch das morgendliche Halbdunkel tragen so schnell nicht vergessen.

Bis zur Kalenderreform durch Papst Gregor XIII. 1582 der aufgrund des im Vergleich zum Sonnenjahr zu „langen“ Julianischen Kalenders 10 Tage „ausfallen“ ließ (s. Anm.1) war der Lucientag gleichzeitig auch Mitwintertag. Aus diesem Grund wurden und werden an Skt. Lucien auch zahlreiche Rituale gepflegt, die mehr mit dem symbolischen „Sterben“ des Alten und „Wiederbeginn“ des Neuen Jahres und weniger mit der „Heiligen vom Unbesiegbaren Leben“( s. Anm. 2) zu tun haben.

Neben den Kerzenkronen welche – ähnlich wie die Lichter des Weihnachtsbaums oder des Adventskranzes – Christus und damit das (wiederbeginnende) „Licht in der Dunkelheit“ repräsentieren, gehört zu diesen „Bräuchen des Jahreswechsels“ auch noch der sogenannte „Lucienweizen“.

Man stellt eine Kerze in eine kleine Schüssel, gibt etwas Wasser, Erde oder Watte und einige Weizenkörner hinzu und wartet, bis sie an Weihnachten in etwa Handspannenhöhe erreicht haben,. Gelingt dies, wird die Kerze entzündet; danach lässt man die Keimlinge verdorren(damit sind ähnliche Orakel wie mit den Barbarazweigen (s. 4. Türchen) verbunden). Bemerkenswert an dem Brauch ist seine hohe Ähnlichkeit mit antiken „Adonisgärtlein“ (Adonis war ursprünglich ein aus Vorderasien stammender Vegetationsgott der im griechischen Pantheon gleichzeitig Gott der (männlichen) Schönheit war, das Keimen und Vergehen des Weizens symbolisierte das Werden und Vergehen der Pflanzen und den Lauf der Jahreszeiten). Auch zum kurdischen und persischen Neujahrsfest werden Weizenkeime ausgesät. Sie sollen Glück, Kraft und Erfolg im Neuen Jahr bringen, aber auch an die Vergänglichkeit des Seins erinnern.

Ein schöner Brauch, weil er einen mitten in Schnee und Eis an den bevorstehenden Frühling erinnert und gleichzeitig mahnt sich nicht immer so wichtig zu nehmen.

Kαὶ τὸ φῶς ἐν τῇ σκοτίᾳ φαίνει, καὶ ἡ σκοτία αὐτὸ οὐ κατέλαβεν

Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht ergriffen.

(Joh 1, 5)

Anm. 1) Auf den 4. folgte der 15. Oktober 1582; Es dauerte jedoch bis 1949 bis dieser Kalender weltweit angenommen wurde.
Anm. 2) Die Heilige Lucia überstand gleich mehrere Martyrien, weder das Übergießen mit Siedendem Öl noch ein in den Hals gerammtes Schwert vermochten sie zu töten und auch die Übersendung ihrer Augen – laut einer Variante ihrer Heiligenlegende hatte sie sich die Augen selbst herausgerissen, was sie zur Patronin bei Augenleiden und Fehlsichtigkeiten macht  – an ihren ungeliebten Verlobten vermochten sie nicht zu töten…sorry, aber katholische Märtyrerlegenden sind nun mal  per se latent blutig und nicht unbedingt kindgeeignet ;-(

Adventskalener 2014 – 11. Türchen – Von Musketenmäulern, problematischen Geschenken und Säulenheiligen

Geschenke

Geschenke

Kennt ihr das:

Da freut man sich aus dem Barbaricum wieder für ein paar Tage in die „alte“ Heimat zu kommen und dann sitzt man beim Mittagsmenü beim Chinesen und der erste Satz den man vom Nachbartisch im altvertrauten Dialekt hört ist:

Ônd weanigschdens ká E mr itzônd wiadr as Fiadla aschmierá, weil ledschd Woch hau E me ja kaum meh riará kenná…“
Ja, sie sind manchmal dann doch äußerst liebenswert direkt  meine schwäbischen Hausfrauen im leicht fortgeschrittenen Alter – insbesondere wenn es darum geht ihren Gesundheitszustand oder gewisse Körperfunktionen zu beschreiben – für alle Nicht-Native- und Non-Native-Schwäbisch-Sprecher_innen, hier die wörtliche Übersetzung:

Und wenigstens kann ich mir jetzt wieder den Arsch reinigen, in der letzten Woche konnte ich mich bekanntlich nicht mehr bewegen [und das Arsch-abwischen daher nicht/kaum mehr durchführen]“. Den Teil in Klammern muss man sich dazudenken…auch so eine schwäbische Eigenart – Informationen die man sich denken kann (oder können sollte) werden nicht gegeben. Erschwert die Kommunikation mit nicht-Telepaten und Ärzten erheblich, ist aber unter Schwaben weit verbreitet und offensichtlich sehr effektiv, außer man stirbt daran…

Ohnehin, meine geliebten schwäbischen Musketen- Pistolen- und Schwertmäuler. Keiner lästert so virtuos und bößartig über die körperlichen Gebrechen seiner Mitmenschen wie eine schwäbische Altenheimbewohnerin! Auch und gerade in der Vorweihnachtszeit. Kostprobe gefällig?

Ônd noch beh e vô Zeida en dr Arztbraxis gwäa. Ônd ob des itzd glaubschd ôdr idda, dô ischd noch graad ôinr raikô wo de au edd gwusst hosch wo dr Ranzá aufherd ônd dr Arsch afengt. So a feddr Brômmr abr au, kaum laufá hôddr meh kenná. I moi, s keed ja au sai Är ischd granng…abbr so grang kasch garedd sai, dass de so fädd bisch!“

(Kurz zusammengefasst: Es geht um einen adipösen Mann der unvorsichtigerweise die Arztpraxis betrat, während meine „Mädels“ im Wartezimmer nicht wussten, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollten, nett ist jedenfalls etwas anderes!)

Nicht umsonst hatten und haben derartige Damen hier den recht treffenden Spitznahmen der „Schwert-, Musketen-, Pistolen- oder Maschinengewehrmäuler“, jedes Wort eine kleine Kugel, die selten danebentrifft – und die Fähigkeit sich das Hinterteil abwischen zu können wird allzuoft deutlich unterschätzt! (außerdem ist die Verwendung der Begriffe ein interessanter Hinweis darauf, wie „waffentechnisch modern“ bzw. altertümelnd martialisch das Gegenüber denkt).

A propos sich nicht mehr rühren können – zumindest im 4. und 5. Jahrhundert war diese doch etwas beengende Eigenschaft keinesfalls etwas worüber man sich beschwerte, sondern wofür man sogar Heilig gesprochen werden konnte – auch wenn man dafür nicht unbedingt allzu adipös gewesen sein sollte, der Dicke Mönch am Weinfass ist bekanntlich erst eine Erfindung Münchner Maler aus dem 19. Jhdt….

Wollte man im 4. und 5. Jahrhundert hingegen besonders „heilig“ sein setzte man sich als Mönch einfach auf eine der damals noch überall noch reichlich herumstehende antike Säulen und lebte dort wortwörtlich als Säulenheiliger.

Wie ich darauf komme? Nein das hat jetzt außnahmsweise nix mit Hämorhiden und Hexenschüssen zu tun…obwohl ich mir das als Nebenwirkung bei dem nachfolgend geschilderten Verhalten durchaus denken kann…

Eigentlich geht’s aber mal wieder um eines meiner Lieblingsthemen:
Lustige Stories aus dem leben noch lustigerer Heiliger, oder wie ich’s ganz gern nenne: Mein ganz persönliches Martyrologium…

Und weil ich bekanntlich seit ein paar Jährchen (wie viel verrat ich natürlich nicht) an einer Doktorarbeit über Griechen die ans andere Ende der Welt ausgewandert sind schreibe, dachte ich mir, wir machen dazu heut mal einen Ausflug zu unseren lieben Brüdern von der Orthodoxen Fraktion.

Diese feiern nämlich am 11. Dezember, je nach Orthodoxer Kirche also heute oder erst in 13/14 Tagen – der orthodoxe (Kirchen) Kalender ist seit 1923 ein Thema für sich, wen’s genauer interessiert:

http://de.wikipedia.org/wiki/Orthodoxer_Kalender

den Gedenktag des 493 vestorbenen heiligen Daniel Sylitis aus Anaplus (heute ein Stadtteil Istanbuls).

Nach Simeon Stylitis ist dieser Daniel der zweitbekannteste der Heiligen „von/auf der Säule“ – nichts anderes heißt der Beinamen Stylitis nämlich übersetzt.

Im Gegensatz zu Simeon „wohnte“ Daniel nun nicht irgendwo in der Syrischen Bergwelt sondern in unmittelbarer Nähe der Hauptstadt des Byzantinischen Reiches, so dass er neben einem Pelzmantel auch ständigen, und ziemlich zudringlichen Besuchen seiner besorgten Umgebung ausgesetzt war. Diese wollten ihn nicht nur bewundern und verehren, sondern ihn gleich auch noch mit Essen, Trinken, Pelzmänteln und anderen lebensnotwendige Dingen versorgen. Das Ganze war Daniel, der doch gerade versucht durch Askese „heilig“ zu werden alles andere als recht.

Folgt man der im 7. Jahrhundert entstandenen Heiligenvita, entwickelte war der zukünftige Heilige ein außerordentlich unleidlicher Zeitgenossen, dass er immer wieder Leute die sich um ihn sorgten, ihm etwas bringen, oder nur ein gepflegtes theologisches Streitgespräch mit ihm halten wollten mitsamt ihrer Leiter von seiner Säule zu Boden schmiss…

Erst als Ihm ein Wintersturm seinen Pelzmantel (ja auch auf Säulen lebende Heilige wollen modisch up to date sein) wegwehte und man ihn am nächsten morgen fast erfroren auffand hat Daniel dann doch zähneknirschend zugestimmt, dass man um ihn herum eine kleine „mini-Mönchszelle“ auf die Säule baute…bequemer wurde das Ganze so auch nicht, aber etwas wetterfester…

Auch ein anderes „Geschenk“ erwieß sich als nicht ganz unproblematisch. Der damals regierende öströmische Kaiser Leon I. wollte dem Säulensteher eine besondere Ehre zuteilkommen lassen und bat den Patriarchen daher den widerspenstigen Noch-Nicht-Heiligen zum Priester zu weihen…Nun ging das aber nach damaligem (und auch nach heutigem) Ritus nicht, ohne dass der Patriarch dem Priesteramtskandidaten dei Hand auf den Kopf legt…

Dumm nur, dass Daniel dazu weder von seiner Säule herunterkommen, noch den Patriarchen mit einer Leiter zu sich hochkommen lassen wollte (er hatte bekanntlich was gegen Leitern und Leute, die darauf zu ihm hochgeklettert kamen…).

Kurz und gut, irgendwann gab der Partiarch auf (vermutlich hatte er einfach keine Lust mehr ständig auf seinem Hinterteil zu landen), und hat den wiederspänstigen Daniel von der Säule dann ohne Handauflegen zum Priester ernannt. Wer die Byzantiner kennt, weiß, dass das naturlich nicht ohne darüber mindestes 4 Jahre zu diskutieren und bürgerkriegsähnliche Unruhen zu veranstalten war…In religiösen Dingen waren die Byzantiner ungemein empfindlich und spitzfindig).

Vielleicht war es dann ja doch eine besonders subtile Form imperialer Rache für soviel Ungehorsam die daraufhin den Kaiser dazu brachte neben der Säule Daniels eine zweite aufstellen zu lassen, auf die er die Reliquien des inzwischen verstorbenen und wesentlich berühmteren Säulenheiligen Simeon aus Antiochia umbetten ließ…Zu dem konnten die Leute nämlich sehrwohl hochklettern – er war praktischerweise schon tot…
– viel hilft viel oder Konkurrenz belebt das Geschäft…

Vielleicht war das ja auch der Grund, warum der unleidliche Daniel dann doch seine Säule – ein einziges Mal – verließ um sich für die Beschlüsse des Konzils von Chalkedon (das lag praktischerweise nur ein paar Kilometer entfernt) einzusetzen. Chalkedon war die Sache mit der Doppelnatur Christi und dem Papst…ich sag ja die Byzantiner waren in so Sachen sehr spitzfindig und empfindlich.
Kurz: Falls ihr das nächste Mal einem Säulenheiligen begegnet: Am besten ignorieren, und um Gottes willen nicht raufklettern und ihm irgendwas schenken wollen, auch wenn’s Weihnachten ist. Das gleiche gilt übrigens auch für schwäbische Musketenmäuler und Schwertgoschen.

Schönen 11. Dezember noch- und fragt mich jetzt bloß nicht, wie das mit der Körperhygiene beim Daniel auf der Säule funktionierte!

wer das Ganze mit den Heiligen und der Säule nochmal genau nachlesen will:

http://www.heiligenlexikon.de/BiographienD/Daniel_Stylitis.html

Adventskalender 2014 – 10. Türchen – Von Baupfusch und Orientierungsmangel – oder: Warum man sein Haus besser nicht von Engeln transportieren lassen sollte…

Engel

Engel

Jetzt sitzen sie wieder auf den Tannenspitzen, lugen von Fenstersimsen und lächeln von Giebeln und Dächern: Engel! Sie gehören zur Weihnachtszeit wie Stollen und Marzipan und sind mindestens so schön wie Springerle und Glühweinsorbet!

Aber habt ihr Euch je gefragt, ob sich Engel wohl öfter verfliegen, wenn sie Häuser transportieren?

Ich weiß, Ich weiß – das ist wieder eine dieser abstrusen Fragen, die sich nur ein ausgebildeter Geisteswissenschaftler stellen kann, dessen katholische Großmutter ihm als Kind ein bisschen zu viel aus diversen Heiligenlexika und anderen Mirakelbüchern vorgelesen hat…

Aber mal im Ernst, wir haben heute den 10. Dezember und es gibt in Italien tatsächlich einen garnicht so unbedeutenden Wallfahrtsort namens Loreto an dem die Menschen heute die – leicht verunglückte – Übertragung des Geburtshauses Mariens aus Nazareth nach Mittelitalien im Jahr 1291 feiern.

Irgendwas muss damals beim Abbau und mit dem Lieferschein nicht so ganz geklappt haben, denn das Haus landete samt Engeln erstmal in Trsat bei Rijeka im heutigen Kroatien. Erst drei Jahre später fiel dann irgendjemand im Stabsbüro der Himmlischen Heerscharen das „kleine“ Missgeschick auf und das Häuschen wurde abermals von Engeln in die Höhe gehoben, flog bei Nacht und Nebel über die Adria und stand am Morgen des 10. Dezember 1291 im kleinen Ort Loreto in der Nähe von Ancona. Ob die Engel damit eigentlich nach Rom wollten und es – so ein Haus hat immerhin ein ziemliches Gewicht – vor lauter Weihnachtsvorfreude einfach nicht mehr „verheben“ konnten, wie man im schwäbischen so schön sagt, oder ob das Häuschen von anfang an für Loreto bestimmt war, lässt sich aufgrund der himmlischen Kommunikationssperre in derartigen Dingen leider nicht mit Gewissheit sagen. Sicher ist nur, dass das Häußchen danach nicht mehr weitergeflogen ist, und es noch heute mitten drinn in der riesigen drumherumgebautem  Basilika von Loreto steht.

Und weil es schon damals einige Zweifler an dem himmlischen Schwarzbau auf der grünen Wiese gegeben hat, und weil beim Transport außerdem dummerweise das Fundament nicht mitgeliefert wurde, sind doch tatsächlich gleich 16 Bürger Loretos in das damals frisch von den Sarazenen zurückbesetzte Nazareth gefahren und siehe da: sie fanden dort tatsächlich das vom englischen Umzugstrupp vergessene Fundament des Häuschens – geschickterweise lag auch gleich eine Inschriftentafel mit der Information, dass das Häuschen auf unerklärliche Weise verschwunden sei dabei.

Schnöder Baustoffraub, Erdbeben oder Wunder – Ihr dürft Euch jetzt selber aussuchen, was ihr glaubt, eine Reise nach Loreto lohnt sich auch ohne himmlischen Zustellungsmalheur, aber ich fand die Geschichte vom fliegenden Häusschen und den leicht orientierungsgestörten Engeln jetzt einfach zu nett, um sie Euch nicht zu erzählen!

 

Adventskalender 2014 – 9. Türchen – Als Jesus zur Hölle fuhr und warum die Vertreibung von Adam und Eva dran schuld ist, dass wir heute unsere Wohnungen mit Christbäumen, Adventskränzen und Weihnachtskrippen vollstellen

Adventskalender 2014 (8)

Fränkischer Paradiesbaum, Detail

…und schon gespannt, was es mit dem seltsamen Detail eines „Paradiesbaums“ hinter dem 2. Türchen dieses Adventskalenders auf sich hatte?

Nun, die Sache ist eigentlich ganz einfach – oder sollte man besser sagen war einfach. Bis vor wenigen Jahren war es jedem ordentlichen katholischen Kirchgänger nämlich klar, dass am 24. Dezember nicht nur der Heilige Abend gefeiert wurde, sondern auch der Gedenktag für Adam und Eva – oder anders ausgedrückt – der Paradiestag bzw. -abend gefeiert wurde.

In christlicher Logik bedeutete dies nicht mehr und nicht weniger, dass die durch Adam und Eva verkörperte und ob ihre Neugier und Hybris*1 aus dem Paradies verbannte Menschheit durch das an Weihnachten auf die Erde gekommene Christkind (das auch ganz gerne mal als Jesus bzw. „der neue Adam“ bezeichnet wird) ihre Sünden vergeben bekommt und somit wieder ins Paradies aufgenommen wird – allerdings erst postum, also nach dem Durchleben des Irdischen Jammertals…

Da man sich darüber aber zu allen Zeiten nie so ganz sicher war – schließlich ist, Adam und Eva einmal ausgeschlossen, noch keiner aus dem Paradies zurückgekommen – ist es kein Wunder, dass sich die noch tiefstgläubigen Menschen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit inmitten ihres jämmerlichen Erdendaseins sicherheitshalber schon einmal einen kleinen Vorschuss auf den verheißenen Garten Eden gönnen wollten. Und wann sollte man das besser tun, als an dem Tag, an dem – wie es so schön in einem alten Weihnachtslied heißt – Christus wieder die Tür zum Paradies aufstößt?

Also begannen die Menschen damit zu Weihnachten kleine Szenen aus dem Paradies aufzuführen – da lag dann der Löwe neben dem Lamm und der Wolf hatte keinerlei Appetit auf das frische Zicklein und mittendrinn und darüber stand ein kleines Paradiesbäumchen an dem selbstverständlich auch die Frucht der Erkenntnis – in Gestalt eines besonders rotbackigen Apfels hing!

Adam und Eva ließen den Herrgott derweil einen guten Mann sein – dumm nur, dass das der mit reichlich Special Effects gewürzten Highlights dieser Aufführungen grundsätzlich der Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies waren – aber so stands nunmal im Biblischen Drehbuch (s.o.). Wenn man Glück und die Kirchgemeinde das nötige Kleingeld und Sitzfleisch besaß folgte auf diesen ersten Akt noch ein zweiter – das Krippenspiel, mit der Geburt des Erlösenden Jesusbuzzales, und manchmal – wenn man nicht bis Ostern warten, oder die Gemeinde besonders fromm und reich war, folgte noch ein dritter Teil: Die Auferstehung bzw. Kreuzigung und Auferstehung und wenn man ganz viel Glück hatte, die Apokalypse und der Jüngste Tag samt Weltgericht – Kurz, das volle Programm vom Anfang der Zeit bis an das Ende aller Tage!

Dazwischen – also zwischen Kreuzigung und Auferstehung , sah das Biblische Drehbuch aber noch einen kleinen Zwischenakt vor, den wir – abgesehen von ein paar Theologen und Kunsthistorikern – heute völlig aus unserem Gedächtnis gestrichen haben: Den Abstieg Jesu in die Hölle!

Ja richtig gehört! Jesus, diese Mischung aus Joschka Fischer und Rambo, hatte nach seinem frühen Tod am Kreuz nix besseres zu tun als auf direktem Wege zur Hölle zu fahren! Natürlich blieb er nicht dort, sondern – ganz Gutmensch und Gott – jagte er Höllenhunde und Monster dahin wo sie hingehörten, sprengte die Tore der Hölle und: Befreite Adam und Eva samt allen anderen Armen Sündern, Aposteln und Heiligen aus der Hölle. Und weil er eh grad auf dem Weg zur Wiedervereinigung mit Gottvater und Heiligem Geist war nahm er die ganze heilige Mischpoke gleich mit und lieferte sie prompt im Paradies ab…

Kein Wunder auch, dass diese Spielchen mit reichlich Action und Knalleffekten auch der offiziellen Kirche gefielen und sie sie als festen Bestandteil in ihr Jahresprogramm aufnahm – schließlich braucht jeder etwas Werbung.

Weil’s aber um Weihnachten meist ziemlich eisigen war, und nicht jeder Lust und Zeit hatte sich stundenlang „Jesus und seine Freunde“ als mittelalterliche Laienspiel-Soap-Opera mit fünfzehnhundert Fortsetzungen live auf dem ziemlich zugigen und kalten Kirchvorplatz anzusehen, kamen die Menschen irgendwann auf die Idee, dass man das ganze doch auch – und das meine ich jetzt sehr wörtlich – eine Nummer kleiner zum einpacken und aufstellen für zu Hause haben könnte. Und so kam es, dass sie sich im Wohnzimmer (na ja, das war damals noch nicht erfunden, also eher in dem All-inclusive-Raum, den die durchschnittliche mittelalterliche Ein-Raum Hütte bot) einen kleinen Paradiesbaum an die Decke hängten (der erst viel, viel später zum „Weihnachtsbaum“ wurde) mit Adam und Eva und allen möglichen Tieren aufstellten, oder besser gesagt, an der Decke aufzuhängen, denn wie gesagt, mittelalterliche Ein-Raum-Hütten waren recht klein…aber irgendwo musste man bei der Dekoration des Eigenheims ja anfangen.

Und natürlich gefiel auch das der Kirche – didaktisch waren die Brüder schon immer auf der Höhe der Zeit – jedenfalls bis zum Zweiten Vatikanum, als sie plötzlich anfingen Deutsch zu reden, jeder plötzlich verstand was der Herr Pfarrer für einen Stuss zusammenfaselte und dann auch noch am Goldbrokat und am Weihrauch gespaart wurde…Vielleicht hatte der letzte Papst (Ich meine den Ratzinger Bene aus Marktl am Inn) ja doch recht, als er das wieder rückgängig machen wollte…

Da war das Mittelalter und die Frühe Neuzeit besser: damals hatte die Kirche ja solche Sparmaßnamen bekanntlich noch nicht nötig – weil man aber trotzdem nicht jeden Tag eine ganze Schauspielertruppe die permanent das gerade passende Heiligenmartyrium aufführen wollte aushalten mochte (manche geistliche Orden wie Dominikaner und Jesuiten taten das sehr wohl), erfand man auch hier eine Miniaturlösung: Die Weihnachtskripppe…oder besser: die Ganz-Jahres-special-effect-action-Bibel-Heiligenlegenden und sonstige Begebenheiten-Allzeit-Krippe…Wie in manchen Kirchen noch heute, war man praktisch veranlagt, sparte sich die ganze lästige Auf- und Abbauerei des 1000-Teile Dings und stellte, jeweils passend zum gerade angesagten Event im Heiligenkalender, die Himmelfahrt Mariens, die Hochzeit zu Kanaan oder auch mal das Martyrium des heiligen Laurentius dar (das war besonders praktisch, weil Jesus und seine Kumpels irgendwie im Sommer nicht ganz so viele Wunder vollbracht haben…die Hitze in Israel…).

Kurz – Adam und Eva sind schuld, dass wir uns heute einbilden zu Weihnachten einen Christbaum (Mit Äpfeln…oder besser gesagt Christbaumkugeln…irgendwann im 19. Jahrhundert hatten wir es nämlich satt zu Weihnachten jedesmal Unmengen von Bratäpfeln essen zu müssen) und eine ordentliche handgeschnitzte Krippe aus Südtirol, Mexiko oder Afrika haben zu müssen…warum das heut jeder braucht – well daran ist ein anderes Liebespaar namens Vicki und Albert schuld… aber das ist eine andere Geschichte und soll an einem anderen Tag erzählt werden…

…und die Sache mit dem Adventskranz?

Neben dem – heute fast nur noch im Heimatmuseum anzutreffenden – Paradiesbaum gab’s in Altbayern auch noch das sog. „Paradiesl“ eine Art Pyramide aus Stöckchen und vier Äpfeln (seltener auch Drei, wegen der Dreieinigkeit), die statt des Paradiesbaumes an die Decke gehängt wurden und später zu einer Art Vorläufer des Adventskranzes wurden. Wen’s genauer Interessiert kann ja mal unter Wikipedia nachsehen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Christbaumschmuck

http://de.wikipedia.org/wiki/Paradeisl

 

*1 Ich meine die Geschichte mit dem Apfel und der Schlange (Genesis 3,1-13; 3, 22-24). Wer will kann das Ganze zusammen mit einer hinreißend wundervollen Darstellung der Episode von Michelangelo an der Decke der Sixtinischen Kapelle hier nachlesen: http://mv.vatican.va/6_DE/pages/x-Schede/CSNs/CSNs_V_StCentr_04.html.

Adventskalener 2014 – 7. Türchen – Von russischen Mütterchen und warum ihr Ineinanderpassen immer auch ein Qualitätsmerkmal ist…

Klassische Matrijoschka

Klassische Matrijoschka

Es dürfte kaum ein Wohnzimmer, einen Kellerschrank oder einen Dachboden geben, wo sie heute nicht mehr zu finden sind, die kleinen, rundlichen, stets fröhlich dreinblickenden Matrioschkas. Die in Deutschland auch unter dem liebevollen Pseudonym „Babutschkas“ (Omachen) bekannten Holzpuppen gelten dabei im Westen geradezu als Inbegriff und Metapher russischer Kultur und der großen „russischen Seele“, aber auch ihrer Abgründe und Undurchschaubarkeit.

Es mag daher die meisten überraschen, dass die zumeist aus Linden oder Birken- seltener auch aus Nadelbaumholz gefertigten, bunt bemalten und ineinander schachtelbaren Puppen erst auf eine gerade einmal etwas mehr als 120-jährige Geschichte zurückblicken können.

Die ersten Matrioschkas wurden um 1890 gemeinsam vom Holzschnitzer und Drechsler Wassili Swjosditschkin und Maler Sergei Maljutin nach dem Vorbild japanischer Fukurokuju-Puppen gefertigt und hatten die typische stark farbige (oft rote, das alt-russische Adjektiv „красный“ (krasny) bedeuteteursprünglich sowohl „rot“ als auch „schön“) und reich bestickten Kleidung russischer Bäuerinnen, den Sarafan, zum Vorbild.

Rasch erlangten die kleinen und leicht zu transportierenden Puppen große Beliebtheit als Souvenir. Auch wurden ihnen bald nach ihrer Erfindung in ihrem Heimatland talismanische und fruchtbarkeitsfördernde Eigenschaften zugeschrieben. Hierbei wurde die äußerste Figur als Mutter, die kleineren Figuren als – gewünschte – Kinderschar interpretiert. Daneben etablierten sich bereits früh männliche Varianten, welchen die „männlichen“ Eigenschaften Wehrhaftigkeit, Fleiß und Kriegerische Tugenden zugeschrieben wurden. Im Deutschland hingegen gelten sie zumeist als nettes Souvenir und werden dort häufig auch und gerade zur Weihnachtszeit gemeinsam mit Nussknacker und anderen Produkten aus dem Erzgebirge als Weihnachtsdekoration aufgestellt – nicht zuletzt ein inzwischen gesamtdeutsch gewordenes Erbe aus der ehemaligen DDR, in der die Matrijoschkas aufgrund der engen Kontakte zur UDSSR und zu sowjetischen Besatzungssoldaten, die diese gerne als Geschenke an die Ostdeutsche Bevölkerung verschenkten besonders weit verbreitet waren.

Wie beliebt die kleinen Puppen auch außerhalb Russlands wurden zeigt sich an den zahlreichen, teils irrtümlichen Ableitungen und Bezeichnungen in unterschiedlichsten Landessprachen. Ging der Name Matrjoschka ursprünglich auf den häufigen russischen Vornamen weiblichen Namen „Matrjona“ (abgeleitet aus dem lateinischen matrona) zurück, kam es aufgrund der den Figuren zugeschriebenen Eigenschaften der Fruchtbarkeit und Mütterlichkeit schnell zu „Neu-„ und „Uminterpretationen“. So bürgerte sich im deutschsprachigen Raum die Bezeichnung Babuschka oder Babutschka (von russisch „Oma“ oder „Großmütterchen“) ein. In den Gebieten der ehemaligen Habsburgermonarchie bürgerte sich hingegen der Name „Piroschka“ (von ungarisch: piros, bzw. piroska = rot bzw. kleine Rote, häufiger Frauenname, zugleich die ungarische Bezeichnung für Rotkäppchen) ein. Auch die von der russischen Bezeichnungen „Mütterchen“ abgeleitete Bezeichnung „Mammutschka“ ist v.a. im deutschsprachigen Raum üblich.

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion erweiterte sich in den 1990er Jahren das Formenrepertoire der Matrjoschkas deutlich. Neben die traditionellen Formen traten satirische Darstellungen von Politikern, (v.a. Lenin, Stalin, Krustschov, Gorbatschow, Jeltzin und Putin), Zaren und Heiligen, häufig als „historische Ahnenreihe“.  Auch etablieren sich in letzter Zeit zunehmend „anlassbezogene“ Matrijoschkas, oder solche, die Motive aus Märchen und beliebten Zeichentrickserien oder Werbemotive aufnehmen. So stehen Weihnachtsmannmatrioschkas neben Stalin, klassische russische Mütterchen neben Pinups, Heilige neben Disneyfiguren.

Die wichtigsten Herstellungsregionen der Matrjoschkas liegen heute um Nischni Nowgorod, Moskau und Kirow. Wurden ursprünglich lediglich 3-, 5-, 7- und 10-teilige Figuren erzeugt, sind heute auch 13-, 15- und 20-teiliger (und noch größere) Figuren üblich. Da die Figuren meist von Innen nach Außen hergestellt werden, ist die Ähnlichkeit der Figuren und deren gutes Ineinanderpassen ein wesentliches Qualitätsmerkmal.

Adventskalener 2014 – 6. Türchen – Vom heiligen Nikolaus und anderen Nichtsnutzen

Ich hoffe, ihr alle habt gestern Abend brav Eure Schuhe geputzt, vor die Tür gestellt und der Nikolaus hat Euch etwas reingetan!

Warum ich zu diesem Kerl ein etwas ambivalentes Verhältnis habe könnt ihr unter:

http://wp.me/p2SJFH-5i

nachlesen.

Einen schönen Nikolaus Tag, und wenn er Euch dieses Jahr wieder nix gebracht hat…ab auf den nächsten Weihnachtsmarkt und zum Trost einen Eierpunsch mit gaaaaaaaanz viel Sahne trinken!

Nikolaustag!

Nikolaustag!