Und jetzt erst recht…oder: Warum man gerade jetzt seine Badesachen packen und in Griechenland Urlaub machen sollte!

Hellas !

Als ich heute morgen meinen Facebook-Account öffnete, flimmerte mir als Erstes das geteilte Abbild eines auf einem Bankautomaten angebrachten „handgemachten“ Zettels entgegen. Auf diesem erklärte ein griechischer Gastronom seinen Gästen, dass sich auch nach den katastrophalen Meldungen des Wochenendes und trotz der sich immer mehr zuspitzenden Krise nichts, aber auch garnichts an der griechischen Gastfreundschaft ändern werde. Er und die anderen Einwohner der Insel würden auch in Zukunft alles tun, um trotz der immer schwieriger werdenden Lage den Aufenthalt ihrer Gäste so angenehm wie möglich zu machen. Gemeinsam könnten sie es schaffen, trotzdem und trotz allem…Welch Chutzbe!

Kurz darauf verkündete die sonore Stimme des Radionachrichtensprechers zum gefühlt tausendsten Mal, dass die Griechenlandkriese keinerlei Auswirkungen auf den Wohlstand und das Wirtschaftswachstum in Deutschland haben werde, nur um kurz darauf den stärksten Tageseinbruch des DAX in den letzten 3 Jahren zu verkünden und den baldigen Zusammenbruch des griechischen Bankensystems zu prognostizieren…No Panic we are Geramans and too big to fail!

Und ja, auch ich bin angesichts des G-Themas irgendwas zwischen erschüttert, entsetzt, nervös und gereizt. Das Ganze ist derart surreal, dass ich manchmal denke, ich bin im falschen Film. Da kann es dann schon mal vorkommen, dass ich einem befreundeten Historiker, den das Leben an eine der Eliteuniversitäten Englands verschlagen hatte, auf seine verwirrte Feststellung, dass er nicht so ganz nachvollziehen kann, weshalb der verordnete Volksentscheid als leuchtendes im Netz als Zeichen der Basisdemokratie gefeiert wird, schreibe dass man einen  Junkie nicht mit seiner Lieblingsdroge heilen könne…Mir ist erst danach aufgefallen, dass ich offen ließ, ob ich damit Geld oder Demokratie meinte, und auch offen ließ, ob damit die Institutionen oder Griechenland gemeint war.

Und was nun? Wie geht es weiter? Der Administrator eines griechisch-australischen Ethnospaces forderte die Leser seines öffentlichen Facebookaccounts heute auf, trotzdem und gerade wegen der Krise nach Griechenland zu fahren, Urlaub zu machen,  zu konsumieren und damit ihren „Verwandten in der Heimat“ aktiv beim Überleben zu helfen.

Vielleicht der sinnvollste Rat, den ich heute zwischen all den ungefragten Expertenmeinungen und Katastrophenszenarien gelesen habe. Allerdings ein Rat, der Mut erfordert. Mut in ein Land zu fahren, in dem gerade eben nicht alles perfekt funktioneren könnte. Mut, auch mal vor einem Bankautomaten zu stehen, bei dem das Geld gerade „aus“ ist. Mut sich – trotz allem – auf  die Freundlichkeit, Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Griechen zu verlassen. Mut nicht zu wissen, ob dass mit dem Abflugdatum oder der Fähre wirklich klappen wird. Mut die eigene Komfortzone zu verlassen und Mut die eigenen Vorurteile, Ängste und Zweifel an der Realität abzuarbeiten…

Viel verlangt ist das nicht, schließlich leben die meisten Griechen seit etlichen Jahren mit sehr viel größeren Problemen.
Giassas!

 

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Aus dem Archiv – Reise nach Kythera 11 – Von Zeus und El Greco (16.10.2013)

Zeus

Zeus

Und weil ich grade dabei bin – hier noch eine Kleinigkeit aus meinem „Kythera-Blog“ von 2013. Es geht um Zeus, El Greco, schwefelgelben Himmel und einen Schatz…Wer mehr wissen will:

http://wp.me/p2SJFH-ko

 

Aus dem Archiv: Reise nach Kythera 8 – Von Eisvögeln und Erdbeben (12.10.2013)

Talassa

Weil ich gerade wieder sehr viel an Griechenland und die Griechen denke – hier ein kleiner Auszug aus meinem „Feldforschungs-Blog“ von 2013:

Die Eisvögel sind wieder da!“ So hat es mir gestern morgen stolz und mit freudvollem Grinsen ein kleiner Junge verkündet als ich auf der Suche nach meinem Kugelschreiber auf der kleinen Mole des Fischerhafens von Diakofi umherirrte. Da „Eisvogel“ nicht zu meinem gängigen Griechischen Wortschatz gehört (der ist eher für so lebensnotwendige Dinge wie tanken, essen, Rechnungen, Entschuldigungen und Waschmittel reserviert ;-)) hab ich zuerst nicht verstanden was der kleine Dreikäsehoch von mir wollte.

Doch ein rascher Blick in Richtung der aufgeregt hin und herwedelnden Ärmchen machte sofort klar, was der Kleine mir mit glänzenden Augen versuchte zu erklären: Gleich zwei der schillernden Juwelen der Lüfte hatten sich – einfach so, und ohne sich um die etwas triste Umgebung zu kümmern – auf den weiß-rot gestrichenen Reelings der kleinen hölzernen Fischerboote niedergelassen und versuchten nun indem sie laut pfeifend hin und herflogen einige kleine Fische aus dem türkisfarbenen Wasser zu fischen.

Es brauchte wohl diesen optischen Schlüsselreiz um dann doch noch den entscheidenden „Klick“ in meinem klassisch gebildeten Hirn auszulösen. Genauer: wie (fast) immer in Griechenland gibt es selbstverständlich auch für das winterliche Auftauchen von Eisvögeln eine passende antike Sage: Ceyx Gemahl von Halcyone, Tochter des Windgottes Äolus, fuhr eines Tages über das winterliche Meer, um bei einem Orakel Rat zu suchen. Sein Schiff geriet in einen Sturm und sank – Ceyx und mit ihm alle seine Mitreisenden ertranken. Daraufhin erhielt Halcyone im Traum eine von den Göttern gesendete Botschaft von dem Unglück. Verzweifelt ob des Verlusts ihres Gatten stürzte sie sich ebenfalls in die Fluten. Die Götter, von der Treue Halcyones beeindruckt, verwandelten sie und ihren toten Gatten in Eisvögel und gewährten der Schiffahrt alljährlich im Winter vierzehn ruhige, windstille Tage, die sog. Halcyon-Tage. Diese spielen auch eine ganz besondere Rolle in Henry Purcells „The Enchanted Island„, und welche andere Insel könnte mit diesem Titel gemeint sein als…richtig Kythera“

Der Grund für diese windstillen Tage ist allerdings etwas kurios und spricht nicht unbedingt für die genaue Beobachtungsgabe antiker Ornithologen. Nicht der Schutz der Seefahrer lag den Göttern am Herzen (wie häufig bei den launischen Olympiern handelt es sich hierbei eher um einen angenehmen Nebeneffekt), nein, die gnädige Zurückhaltung des Windgottes Äolus gilt seiner in einen Eisvogel verwandelten Halcyone, welche zu dieser Zeit angeblich brütend auf ihrem schwimmenden Nest auf dem glatten Spiegel des Meeres sitzt…

Und hier beginnt das Problem: Entweder antike Eisvögel verhielten sich komplett anders als ihre modernen Nachfahren – diese brüten in aller Regel in selbstgegrabenen Höhlen an sandigen Steilufern und Geländeabbrüchen und haben so recht wenig von einer ruhigen See, oder aber die antiken Urheber der Sage haben schlichtweg Seeschwalben (die brüten tatsächlich in ruhigen Meereslagunen auf schwimmenden Flößen aus Grünpflanzen) und Eisvögel miteinander verwechselt bzw. zu einer Art vermischt – Lebensraum und Umrisse beider Arten sind recht ähnlich und beide fangen bekanntlich Fisch…Sicher ist nur, dass ich das griechische Wort „(H)Alcyon“ für Eisvogel so schnell nicht mehr vergessen werde…

Nicht genug damit, gegen Mittag riss der stärker werdende Zephir etliche Blüten von den Bouganveliennüschen und Hibiskussträuchern (wir haben hier immer noch Sommer!) und verteilte sie im kristallklaren Wasser der Bucht. Das Ganze sah aus, als hätte man in einem vernöstlichen Spa für Riesen eine gewaltige Badewanne voller türkis-rosa-weiß-rot gesprenkelten Ajurvedabadewasser mit „Exotikblütenbeilage“ vorbereitet. Und ja, ich hab Bücher, Bücher sein lassen, mir nicht den Photo (der wär eh vom aufgewirbelten Sand kaputt gegangen) sondern die vorsorglich mitgebrachten Badesachen geschnappt und bin  mit Eisvögeln, Silberreihern, Bussarden und Falken als Zuschauern durch die ganze buntgetupfte Bucht geschwommen!

Mitten drinn im romantischen Herumgeplantsche begann es dann oben in den Bergen um Agia Moni zu rumoren. Erst ganz leise, dann lauter, als würde eine ganze Ziegenherde auf einmal über eine der Geröllhalden laufen. Aber da waren keine Ziegen, nur kleinere und größere Felsbrocken die von den Hängen hinunter ins Tal kullerten. Normalerweise ist das hier nicht weiter der Rede wert, kleinere Felsstürze passierten hier quasi im Minutentakt. Was mich dann aber doch etwas beunruhigte, waren die besorgten Gesichtern der Fischer, denen anzumerken war das es diesmal wohl etwas ernsteres war. Leicht besorgt und schweren Herzens verließ ich also meine Privatbadewanne (ich hatte wirklich die gesamte Bucht von Diakofti für mich allein!) und hab am Strand nachgefragt was denn los sei. „Seismos“ Erdbeben, nicht besonders schlimm, aber man sollte sich wohl sicherheitshalber doch ein paar Meter den Hügel hinaufbewegen…Tzunami und so…

Gesagt getan, ich in den Badeklamotten durch den Ort, ab ins Auto und den Berg hochgefahren. Ob das wirklich eine Gute Idee war weiß ich im Nachhinein nicht so unbedingt; Ein Nachbeben auf der durch Felswände verlaufenden Straße von Diakofti zum Flughafen ist sicherlich kein Vergnügen…aber immer noch sicherer als eine Flutwelle unten in der Bucht…

Oben angekommen kam mir schon ein Baggerfahrer mit der Entwarnung entgegen. Es sei wirklich nicht so schlimm. Das Erdbeben habe vor Chan(d)ia – einer Stadt auf Kreta – ca. 80 Kilometer südöstlich von hier stattgefunden, Stärke 6,7. Auf Kythera gäb’s nur kleinere Schäden, keine Tzunamigefahr…

Dumm war blos, dass ich bei der ganzen Aufregung vergessen hatte, Sonnencreme und mein Hemd anzulegen! Resultat: Ein erdbebenverursachter Sonnenbrand! Mein vergessenes Hemd hab ich dann übrigens in der Bucht wiedergefunden, der Wind hatte es zwischenzeitlich über den Strand ins Wasser geweht…noch mehr Wäsche!

Die Fischer hatten sich erst garnicht vom Fleck bewegt. Ein Tzunami, so die einhellige Meinung, sehe anders aus…wie haben sie mir nicht verraten und ich glaub, sie haben sich insgeheim auch ein ganz klein wenig darüber gefreut, dass sie dem bleichen Touristen ein wenig Angst eingejagt hatten…jedenfalls lachten sie alle und fragten, warum ich denn so rot sei…

Zurück im Appartment war ich dann um drei echt Kytheranische Weißheiten reicher:

1) Traue keinem Riesen der Bouganvelienblüten in eine Mittelmeerbucht streut, er will spielen und macht dabei kleine Erdbeben! 😉

2) Ein Erdbeben ist noch lange kein Grund auf den Sonnenschutz zu verzichten!

3) Tzunamis sehen anders aus…wie weiß niemand so genau, da’s bisher vermutlich niemand der’s je gesehen hat weitersagen konnte…

Ein Blick in die Abendnachrichten belehrte mich dann übrigens, dass die Warnung der Fischer vielleicht doch nicht nur scherzhaft gemeint war. Auf dem nur 80 Kilometer entfernten Kreta hat das Erdbeben doch erhebliche Schäden angerichtet und wenn ich’s richtig verstanden habe hat’s auch Schwerverletze und eine, wenn auch sehr kleine Flutwelle gegeben.

PS: Noch etwas ist mir heute aufgefallen. Augenscheinlich verursacht nur Nordsturm (Boreas) Stromausfall. Zephir (Westwind)-Stürme sind zwar stärker (und unangenehmer, da sie heiß und sehr feucht sind, haben hier gerade gefühlte 35°C im Schatten) verursachen aber aus unerfindlichen Gründen keine blackouts. (jedenfalls noch nicht…).

Giassas!

Crazy Greeks – ruthless Germans_or: How to learn to trust each other!

Hellas !

Hellas !

Some time ago, I’ve published in my blog an article under the German headline “Die spinnen die Greichen- oder: Warum wir alle lernen müssen, ein bisschen weniger Götter und Banker zu sein!“ – which more or less literally does mean in English: “Crazy Greeks – or why we all have to learn to be less bankers and gods!” in English.

The reason for this entry was not so much the actual election, won by the left-wing Syriza-party, but my own deep and not always easy relation to Greece and it’s people as a person, mainly grown up and socialized in Germany.

Going out from the actual controversy between both countries, it seems – superficially seen – as if there is some sort of natural antagonism, a gene or some sort of a biological antipathy between both nations (and maybe also between it’s people). But is this really so easy?

Well, the modern results of epigenetics are a interesting field for theories and speculations, but it’s also clear, that there are not one or two genes, which define a certain characteristic. It’s rather a extremely complicated and recursive three dimensional game of thousands and thousands of genes, which – together with thousands and thousands of social and cultural factors – form a pattern difficult to describe or even to predict. One day, there maybee will be found a “prussian murderer Gene” (but not all Germans are Prussians!) among the Germans, or a “trickster and insurgent” gene among the Greeks, but so what! Does there even exist such a thing like “the Greeks” or “the Germans”, or is this just a demagogic fiction of ambitious researches and politicians? Does not each individual deserves it, to be perceived beyond its ethnical/national “dispositions” as a human beeing, with it’s individual and unique history?

If doing so, genes and background (or should I say pedigree) lose dramatically in relevance.

For sure, you could – and that’s what I’ve done in my German article – write much about the not always beneficial exchange of ideas and values between both countries. It have been ultimately “the Germans”, who – together with the help of Bavarian officials, the first Greek King Otho of Wittelsbach and his Antiquity-loving father Ludwig I. of Bavaria – infiltrated “the Greeks” with the fantastic(al) idea, they would be direct descendants of antique philosophers and gods, for whom “normal” rules of “ordinary” people do not apply. It were “the Greeks” pleased by so much attendance and sympathy, who adopted this idea, internalised it and spread it out to the Greek diasporas all over the world.

For sure, it were also “German” occupation forces, who persecuted, tortured and killed or let “simply” starve to dead thousands and thousands of Greeks to break the heroic but not very “reasonable” Greek resistance. But since when resistance against occupation is “reasonable”? Since when war is a human affair? “War is not done!” my Prussian great-grandmother said, and given the cruelty and insanity committed in every war, you only can agree. There is no “Just war”, and regarding the immense suffering that war brings over people, there never will be one!

And yes – even if most Germans will brand me openly or behind closed doors as traitor for the following words – there does exist an open “question of German war-reparations”, not only on a legal level, but also on a ethical one. At the same moment, it’s absolutely obvious, that mutual accusations, revenge and vengeance thinking produces only new conflicts, fears and injuries. Mutual justice or understanding, however, they do not promote.

I will therefore not go down to the level of mutual offsets, hostilities, legal maneuvering and contempt. It’s useless.

The crucial point to think about is, how to organize help for those people in Greece who no longer know what to give to eat to their children, where to stay druing the next night or get their vitally needed diabetes medications. In other words: We all have to stop arguing and to think about how we can give Greece and the Greeks back a future worth living, without neglected the interests of other countries and their populations.

For achieving this goal, neither Greek demands for German reparations, nor constructing or maintaining new and old “feindbild”, or sticking to the utopia that debts does not have to be repaid are definitely the wrong way.

We must learn to trust us again, as a person, rather than as „the Greeks“ or „the Germans“ and without setting off each other’s bills at every little opportunity. Nothing more, nothing less.

If somebody’s interested reading the German article about the „Crazy Greeks“, here’s the link:

http://wp.me/p2SJFH-zi

„Die spinnen die Griechen“ – oder: „Warum wir alle lernen müssen, ein bisschen weniger Götter und Banker zu sein!“

Hellas !

Hellas !

„Die spinnen die Griechen!“ – In Abwandlung des berühmten Asterix-Zitats ließe sich so oder so ähnlich wohl am ehesten die Reaktion der nicht-griechischen Welt auf den heutigen Wahlsieg des Linksbündnisses Syriza an diesem für das weitere Schicksal Griechenlands so bedeutungsschwangeren Abend zusammenfassen.
Griechenland hat gewählt und der Rest der Welt fasst sich an die Stirn und fragt sich: Wie um alles in der Welt kann man nur so dumm sein? Da posiert ein wildgewordener Linken-Chef in Siegerpose,  verspricht das Blaue vom Himmel und fordert im gleichen Atemzug hunderte von Milliarden an Reparationszahlungen von Deutschland für angeblich nie gesühne Nazi-Greul; und was geschieht? Der Großteil des griechischen Wahlvolkes glaubt und wählt ihn!

So weit so gut, und so viel Vorurteile und Missverständnisse.

Sicher, es soll tatsächlich – noch oder schon wieder – Griechen geben, die glauben, die EU und der Euro könnten ohne Griechenland nicht existieren. Schließlich sei Griechenland ja die Mutter der Demokratie und der Ursprung aller Europäischer Kultur; ja einige sollen sogar glauben, dass die einzig echten Menschen Griechen sind, und alle anderen nur eine Art „Untermenschen“…

Meine Erfahrungen mit „den Griechen“ ist eine vollkommen andere und die große Mehrheit von ihnen denkt auch nicht so. Sicher, die Reparationszahlungen sind ein heikler und rechtlich, wie moralisch alles andere als einfacher „Wunder Punkt“, der die gegenseitigen Beziehungen beider Länder seit langer Zeit belastet. Uns sicher, es erscheint aus Deutscher Perspektive geradezu verrückt ausgerechnet die Hand zu beißen, die einen füttert und statt auf die eigenen Fehler zu schauen, Deutschland (und die Deutschen) zum Feindbild nummer eins zu machen, welches für alles verantwortlich ist, was in Griechenland seit 70 oder noch mehr Jahren schief läuft.

Aus griechischer Sicht ist das aber nicht der entscheidende Punkt. Die meisten Griechen wissen nach 4 Jahren Krise schlichtweg nicht mehr, wie sie sich und ihre Familien ernähren sollen. Sie wissen nicht, wie sie ihre Ausbildung, Rente oder Krankenkasse finanzieren sollen und sie wissen nicht, ob es überhaupt je möglich sein wird, in ihrem eigenen Land je wieder ohne Angst vor dem was kommen wird zu leben. Da wird man anfällig für große Versprechen und scheinbar einfache Schuldzuweisungen. Gerade wir „Deutschen“ sollten das wissen.

Ersteren Griechen, so es sie den gibt, möchte ich nur sagen: Auch ihr seid ihnen aufgesessen, den romantischen Erfindungen fleißiger Weltverbesserer, den großen Ideen und Utopien, den Heldensagen und Traumvorstellungen von eigener Größe, Stärke und Bedeutung, die wir – die Deutschen – Euch mit Hilfe fleißiger bayerischer Staatsbeamter im Dienste Eures ersten Königs Otto um 1840 vermittelten. Wir waren es, die Euch, die gequälten, gedemütigten, erniedrigten und beinahe untergegangenen griechischen Bauern, Tagelöhner und Kleinunternehmer zu Halbgöttern (v)erklrärten und so garnicht verstanden, weshalb der oder die „normale“ Grieche/in kein Herakles, kein Apoll, keine Aphrodite und auch keine Athenä war (und es, zumindest damals noch, als gute/r Orthodoxer Christ/in auch garnicht werden wollte…) Inzwischen haben wir es mit Hilfe zahlreicher griechischer Politiker, Lehrer, Demagogen und Bauernfänger, Romantiker, Utopisten und sonstigen Weltverbesserern doch irgendwie geschafft Euch davon zu überzeugen, dass ihr, wenn schon nicht Götter, so doch beinahe göttliche Menschen seid, die im schönsten, größten und wichtigsten Land der Welt leben, in dem alles was je Kultur und Zivilisation ausmachte und ausmachen wird seinen Ursprung fand. Gut hat Euch diese Form „Hybris“, die sich, wie der Kundige weiß vom Wort „hybrizomai“ für „(sich) verletzen bzw. verletzt werden“ ableitet, nicht getan…

Und ihr? Anstatt den Deutschen zu erklären, dass die griechische Realität des frühen 19. Jhdts. die eines bitterarmen von Krieg und Ausbeutung gebeutelten und erzorthodoxen Bauern, der kaum seinen eigenen Namen schreiben konnte war, wart ihr geschmeichelt – wer wäre es nicht – und irgendwann habt ihr dann tatsächlich geglaubt; geglaubt dass Eure Vorfahren tatsächlich Götter und Heroen waren. Das schon die antike Realität anders aussah, dass Demokratie, Vernunft und Schönheit auch schon zu Platons Zeiten für die Meisten reine Utopie waren, und dass auch damals 99,9% der Bevölkerung weder das Geld, noch die Bildung, noch die Zeit noch das richtige Geschlecht hatten um in schattigen Wandelhallen zu philosophieren, nun…die Geschichte vom Volk der Götter und Philosophen war eben schöner – und mal ehrlich, wären wir nicht alle gerne ein bisschen Achilles und Helena, natürlich nur in der Besetzung mit Brad Pit?

Den Griechen aber, die sich nicht auf ihren inneren Olymp geflüchtet haben (sie hätten, wie jeder Mensch der in die Enge getrieben wird jedes Recht dazu!), jenen, die Angst vor dem Morgen und dem was noch kommen mag haben – und das sind die meisten – kann ich eigentlich nichts sagen. Jedenfalls nichts, was nicht irgendwie überheblich, besserwisserisch, gutmenschlich, geheuchelt oder auch nur mitfühlend aber falsch klingen würde. Die Lage ist hoffnungslos – da gibt es nichts zu beschönigen, und ob sie je wieder besser wird…wir können nur hoffen. Hoffnung, auch und gerade trotz allem! Dass einige von Euch jene Hoffnung nun in den Versprechungen der Syriza oder der Goldenen Morgenröte suchen…Allas…wirklich übelnehmen kann ich Euch das nicht. Ich kann nur davor warnen, die Realität mit einem Traum oder einem einfachen Feindbild zu verwechseln…Es wird nicht besser, wenn man davonläuft und statt auf die eigenen Fähigkeiten auf die Heils- und Lösungsversprechen anderer vertraut. Gerade wir „Griechen“ sollten das wissen. Wir haben wahrlich genug schlechte Erfahrungen mit noch schlechteren Politikern und ihren noch viel schlechteren und in höchstem Maße egoistischen Ideen gemacht…und trotzdem, wir hoffen immer weiter, vertrauen immer weiter…vielleicht ist das unsere größte Stärke, aber diese unerschütterliche, immerbleibende, unausrotbare und bis an und über die Grenzen aller Vernunft gehende Hoffnung auf ein besseres Morgen und eine bessere, gerechtere, schönere, glücklichere Welt ist eben auch unsere größte Schwäche, weil sie uns angreifbar macht für Demagogen;

Vielleicht hat aber auch Nikos Dimou – jener im eigenen Land so wenig geschätzter und gerade deshalb so weiser und scharfsichtiger Philosoph- recht; vielleicht stimmt es ja, und „Die Deutschen sind an allem Schuld“. Wir die „Germanoi“ und vielleicht auch noch ein bisschen Lord Byron waren es schließlich, die Euch erst den Floh vom „Griechen“ als Prototyp des „Schönen, Guten und Vernünftigen“, des Proto-Europäers, und Griechenland als Ursprung aller Kultur und Zivilisation ins Ohr gesetzt haben. Und wir sind es heute, die an Euch diesen von uns gezeugten Floh und seine unerwünschten Folgen als angeblich erzgriechische Unvernunft brandmarken!

Nicht genug damit. Wir waren es auch, die gemeinsam mit den anderen EU-Gründerstaaten in den 1980ern eine Expansion der „europäischen“ Idee in den Süden und in den 2000er Jahren einen Beitritt Griechenlands zum Euroraum für „wünschenswert“ hielten – und sei es nur, um damit der Sowjetunion zuvor zu kommen, ein wirschaftliches Gegengewicht zur USA zu schaffen, oder unserer Wirtschaft neue Märkte zu eröffnen. Um Euch, Eure Wünsche, Eure Sehnsüchte, Ängste und Hoffnungen –  geliebte Hellenen – gieng es dabei nie. Vielmehr haben wir gar nicht erst gefragt ob Eure Ideen, Wünsche, Ängste und Hoffnungen mit den unseren identisch waren. Wir haben einfach vorrausgesetzt, dass ihr genauso tickt wie wir. Schließlich seid ihr ja die wahren Väter und Mütter Europas (na ja, die stammte eigentlich aus dem Libanon und wurde erst von einem griechischen Stier namens Zeus entführt, aber wer kennt sich heute schon noch so gut in griechischer Mythologie aus…) Nachgefragt haben wir hingegen erst, als sich herausstellte, dass dem nicht so war.

Und mal ehrlich ebenfalls geliebe Γερμανοί (Deutsche): Würdet ihr euch um so etwas Schnödes wie Geld, Staatsverschuldung und ein effizientes Steuer- und Wirtschafssystem kümmern, wenn man Euch von Winckelmann bis zum Brigitte-Heftchen erzählen würde, dass ihr in direkter Linie von Göttern und Heroen abstammen würdet, ohne Euch die gesamte europäische Kultur nicht denkbar wäre, und Euer Land das schönste, beste und perfekteste unter der Sonne ist? Wohl eher nicht!

Vermutlich ist es dieses grundsätzliche Schisma (und ich verwende hier sehr bewusst das griechische Wort), diese grundsätzliche Unvereinbarkeit von Anspruch und der historischen, ökonomische, politischen und ganz physischen Wirklichkeit Griechenlands, dieses „Nicht-sehen-wollen“ und „Myhtologisieren“ von allen Seiten, die uns gemeinsam mit der fraglichen Lehre von ewigem Wachstum erst in diese Krise geführt haben. Ich sage uns, denn wir alle waren daran beteiligt. Wir alle wollten glauben, haben nicht so genau hingesehen und einfach vorrausgesetzt, dass der Andere genauso denkt und träumt und handelt wie wir. Leider haben wir dabei vergessen, dass Träume etwas sehr individuelles sind und längst nicht immer gut ausgehen.

Und nun?

Nun weigern sich alle aufzuwachen. Brüssel und die von Reichtum verwöhnten Länder des Nordens tun noch immer so, als würde sich alles lösen lassen, wenn man nur die „richtigen“ Reformen durchführen würde (und ich bin mir sehr sicher, dass niemand sicher ist, was eigentlich „richtig“ ist, abgesehen von ein paar Wirtschaftswissenschaftlern, aber die waren für die Zuverlässigkeit ihrer Prognosen noch nie sonderlich bekannt).

Auf der anderen Seite sagt, denkt, fühlt und erfährt die überwiegende Mehrheit der Griechen und der anderen Bewohner der „wirtschaftlich schwachen EU-Staaten“, dass es erst diese Reformen waren, die ihr Land von einem irdischen Paradies in eine menschenfeindliche Hölle verwandelt haben (ich vereinfache, aber das tun Märchen immer).

Es sind diese seltsam „egozentrischen“ Argumente beider Seiten, die beiden Seiten gemeinsame und vollständige Unfähigkeit über den eigenen Tellerrand hinauszusehen, die mich fatal an die Symptome eines Krankheitsbild erinnern:

Manische Depression, von miraus auch Bi-Polare-Störung, vielleicht passt letzteres ja noch besser…

Gemeinsam ist beiden Krankheitsbildern, dass die Betroffenen nach und nach den Bezug zur Realität verlieren. Sie wollen wortwörtlich die Zeit anhalten, sehnen sich zurück in ein retrospektiv verklärtes goldenes Zeitalter, das so nie existierte, und verfallen in panischen Aktionismus und/oder Schreckensstarre, wenn sich diese Phantasie als Utopie entpuppt. Dabei können sie irgendwann nicht mehr zwischen „wichtig“ und „unwichtig“ unterscheiden, geraten ins Grübeln über den eigenen, als unerklärlich und unverschuldet empfundenen Misserfolg, verfangen sich in Gedankenschleifen, über- oder unterschätzen Dinge und werden in ihren Handlungen immer irrationaler und unberechenbarer – auch und nicht zuletzt für sich selbst, Kurz: Eine Art Kernschmelze des eigenen Ichs bei dem das eigene Denken und Handeln „aus dem Gleichgewicht“ gerät.

Es sind dabei nicht Faulheit oder mangelde Leistungsbereitschaft, die die meisten Personen in diesen Teufelskreis lenken, sondern gerade deren Gegenteil. Zwar befallen Depressionen alle Typen und Schichten, doch gerade besonders leistungsfähige, kreative, intelligente und gut ausgebildete Menschen scheinen besonders gefährdet an der schwersten Form Depressionen zu erkranken, da ihnen – wortwörtlich – die Realität ihres alltäglichen Lebens am ehesten „über den Kopf wächst“ und sie sich erfahrungsgemäß besonders lange weigern sich selbst einzugestehen, dass dem so ist. Und ja, es sind wohl auch die Gene. Nicht zuletzt ist es aber auch die Reaktion der Umgebung und Ereignisse in der eigenen Biographie, die die Symptome verursachen, verstärken oder abschwächen kann. Kurz: Einfache Erklärungen und Mechanismen für diese Krankheit gibt es ebensowenig, wie einfache und kurzfristige Lösungen.

Anders ausgedrückt: Eine Depression gleicht einem sehr wirren und über lange Zeit gewachsenen Gestrüpp von übersteigerten Erwartungen, falschen Selbstbildern, Vorurteilen und unerfüllbaren Lebensentwürfen über den sich eine neblige Winternacht gelegt hat, unter dem aber irgendwo noch ein formaler, wohlgeordneter Barockgarten verborgen liegt. Dieser Garten blitzt manchmal noch unter all dem Unkraut durch,  scheint für den Beroffenen aber in aller Regel auf alle Zeiten verloren. Und wie bei allen verwilderten Parks ist es, ohne eine genaue Ortskenntnis und überdies bei Nacht ziemlich schwierig wieder herauszufinden, aber es ist durchaus möglich, vor allem dann, wenn man bereit ist Hilfe anzunehmen, auch, oder gerade weil diese im Moment der akuten Krankheit als vollkommene Zumutung empfunden wird.

Medikamente können dabei helfen. Wie bei allen sogenannten „Geisteskrankheiten“ gehört auf lange Sicht aber auch die kritische Reflektion des eigenen Denkens und Handelns hinzu, wenn sich etwas ändern soll. Dies ist nicht einfach und ist schon garnicht in Eigentherapie zu leisten, sondern benötigt die Hilfe Anderer, die sehr genau wissen was sie tun. Wie bei keiner anderen Krankheit ist dabei die Gefahr an selbsternannte Wunderheiler und gutmenschliche Allesversteher zu geraten besonders hoch.

Auf staatliche Ebene und damit Griechenland bezogen wären die Medikamente die „Reformen“ – doch muss man hier, wie bei allen Medikamenten höllisch genau darauf achten, dass sie weder überdosiert noch falsch kombiniert werden. Schon garnicht darf man ein Medikament nur deshalb einsetzen, weil es vorgeblich alternativlos ist und deshalb sämtliche Nebenwirkungen ignoriert werden können. Vielmehr brauchen die Patienten eine individuelle, auf ihre eigenen Bedürfnisse, Zustand und Leistungsfähigkeit abgestimmte Behandlung. Schocktherapien führen dabei meist nur zu einer Verschlechterung mit nicht selten tödlichen Folgen.

Genauso wichtig ist aber auch, das die Patienten lernen sich und ihre Handlungen anders wahrzunehmen. Man muss vergessen, loslassen und wortwörtlich lernen die Welt und sich selbst „anders zu sehen“. Sie müssen lernen, nicht mehr hinter jedem Ereigniss, dass nicht so läuft,  wie man es sich vorgestellt hat gleich den Weltuntergang zu sehen – nicht mehr zuzulassen, dass das eigene Hirn einem vorgaukelt, man könne die Zeit anhalten indem man einfach stillsteht und hofft, dass nichts passiert, sich nicht dem Grübeln ergeben, sondern wieder zu unterscheiden lernen, was wichtig und was unwichtig ist und – und dies ist vielleicht das wichtigste, die Patienten müssen lernen die Trauer um die eigenen verlorenen Träume zuzulassen und diese auch ausleben können. Und sie müssen begreifen, dass die Depression nichts ist, was sich in Begriffen wie Schuld, Ursache, Lösung oder Effizienz messen lässt. Depressionen sind die Tochter des Erfolgs und die Mutter des Selbstmords. Vielleicht war es ja ein ausnahmsweise einmal weiser Wirtschaftswissenschaftler, der ein ähnlich Einschneidendes Ereignis der 1920er Jahre, namentlich die weltweite (Wirtschafts-)krise der späten 1920er und frühen 1930er Jahre, mit „die große Depression“ benannte. Wir alle wissen in welche Katastrophe damals die Illusion „einfacher“ Lösungen geführt hat. Auch damals meinten Menschen „Götter“ zu sein und zwischen lebenswertem und lebensunwertem Leben, echten und „unter-“ Menschen unterscheiden zu können. Wir sollten uns also sehr gut überlegen, ob wir heute wieder auf die gleichen einfachen Lösungen setzen wollen, oder diesmal etwas klüger sind.

Dies gilt nicht nur für die Griechen, nein es gilt auch für jene, die über Jahrzehnte und Jahrhunderte durch Ignoranz und gutgemeinte Vergötterung, durch Wegsehen und unreflektierte Anbetung (Ob nun Griechenlands oder des Mammons ist dabei egal) dafür gesorgt haben, dass sich falsche Vorstellungen, Fremd- und Eigenbilder zu (Alp-)Träumen verfestigen konnten und jenseits aller Realitäten geträumt werden konnten.

Ich mache den Griechischen Wählern daher heute keinen Vorwurf. Sie machen nur das gleiche, wie die Menschen und Technokraten in Brüssel, Berlin oder London. Sie wollen weiter träumen, daran glauben, dass sich alles zum Guten verändern würde, wenn nur die Umstände anders wären…

Ich wünschte für uns alle, dass die Welt so einfach funktionieren würde und wirklich ein Märchen wäre und wir allein einer Zeit leben würden „in der das Wünschen noch geholfen hat“. Leider ist unsere Welt ein wenig komplizierter und Wünschen allein genügt nicht mehr, man muss auch etwas dafür tun, dass die Wünsche gedeihen. Wichtiger ist aber, dass man lernt sehr genau darauf achtzugeben, was man sich eigentlich wünscht…es könnte wahr werden!

Und nun?

Wir werden alle irgendwann erwachen, wir werden uns in einem Trümmerfeld aus enttäuschten Erwartungen, falschen Hoffnungen, zu hohen Zielen und falschen Forderungen wiederfinden. Und dann werden wir hoffentlich gemeinsam die Ärmel hochkrempeln, uns kurz schütteln und aufräumen.

Wie?

Nun, wir werden nicht darum herumkommen Kompromisse und immer neue Kompromisse zu schließen, weil die Welt nunmal real und kein Wunschtraum ist und es in einer realen Welt immer Wiederstände, Probleme und Herausvorderungen gibt, die in Träumen nicht vorkommen. Vor allem aber müssen wir lernen, dass unsere Träume nicht die Träume anderer sind und Träume wenn sie Realität werden, radikal miteinander kollidieren können.

Wir, die Nicht-Griechen müssen „griechischer“ werden indem wir lernen, dass das Leben nicht planbar ist, dass erst der Traum es ermöglicht in einer unerträglich gewordenen Welt zu leben, wir müssen großzügiger und solidarischer werden, mehr auf den Anderen und dessen Fähigkeiten und Grenzen achten, wir müssen uns von unseren überzogenen Erwartungen befreien und das Leben genießen ohne an das morgen und übermorgen zu denken und wir müssen lernen, dass Geld nicht alles ist.

Wir, die Griechen müssen „ungriechischer“ werden. Wir müssen lernen misstrauisch, effizient und kalt zu werden, jenseits der eigenen Familie und des eigenen kleinen Klans zu denken, wir müssen uns dem Vergleich mit anderen stellen, zu unseren Versprechen und Fehlern stehen und sie nicht als philosophische Hypothesen in einer relativen Welt unendlicher Möglichkeiten zu betrachen, und wir müssen endlich aufhören Götter zu sein.

Einfach wird dieses Erwachen nicht, aber es muss werden, wir alle haben garkeine andere Wahl.

 

 

 

Reise nach Kythera 11 – Von Zeus und El Greco

Zeus

Zeus

Schwefelgelber Himmel, Sturmböen und aufgewühlte See.

Auf Kythera, wie auf jeder Insel inmitten des Meeres, hat Wetter auch hier etwas archaisches, ungeordnetes, unberechenbares. Sicherlich und nicht zuletzt auch deshalb, weil hier die kalten – im Sommer auch heißen – Winde Arkadiens auf gleich drei Meere mit sehr unterschiedlichen Eigenschaften treffen: Die Aegais im Nordosten, die Adria im Nordwesten und im Süden das offene Mittelmeer. Kythera ist – sieht man von dem Südwestlich gelegenen Kreta einmal ab –  das letzte bisschen Land vor Afrika.

Und wie immer, wenn ein kleines bisschen Land und die unendliche See aufeinanderprallen ist Wetter hier keine vorhersagbare Sache – eher eine Art Variable mit zu vielen Unbekannten. Der Alptraum jedes Metorologen!

Vor allem im Herbst und im Frühling, jener Zeit wenn in Griechenland die „Winde ihre Richtung wechseln“ wagt kaum jemand auf mehr als 24 Stunden vorraus zu sagen ob es sonnig, stürmisch, gewittrig, windstill, neblig, regnerisch oder gar alles zusammen werden wird.

Sicher, der Wetterbericht gibt eine Art „Tendenz“ an…aber ob es deshalb auch so sein muss, und ob es nicht doch ganz anders wird ist nicht wirklich berechenbar. Außerdem kann es – obwohl die Insel nicht einmal 300 km² – hat, durchaus sein, dass es im Norden regnet, auf der West-Seite dichtester Nebel herrscht und im Südosten, also nur ein paar Hügel und keine 200 Kurven entfernt strahlender Sonnenschein und Windstille herrscht. Kein Wunder also, dass Kythera von Biologen, Künstlern und Wanderern als „Griechenland im Kleinen“ bezeichnet wird. Und fährt man von den verkarsteten, mit Heide und duftenden Kräutern bewachsenen, windumtosten Hügeln des Südens, durch die fast tropischen Schluchten der Inselmitte in die grünen Kiefern- und Eukalyptuswälder des Nordens hat man wirklich das Gefühl man habe nicht nur wenige Kilometer, sondern eine ganz andere Welt hinter sich gelassen.

Doch eines ist bereits auf den ersten Blick klar: Ohne Wasser geht hier garnichts! Wo es fehlt wächst allenfalls ein wenig dürres Gras, wo es aus den Quellen stömt wachsen riesige Platanen, Weiden, Eichen und Buchen, dazwischen paradiesische Gärten mit allem was das Herz begehrt – von Wein, über Feigen und alle Arten von Gemüse und Obst bis hin zu exotischen Bananenstauden und Kakibäumen. Während wir in Deutschland nicht selten über das nasse Grau des Herbstes (und Sommers!) fluchen, ist man hier – von ganz wenigen Schneetagen im Januar und einigen kurzen Momenten im Frühjahr wenn durch die Schluchten nach heftigen Regenschauern wahre Sturzbäche tosen und manche Teile der Insel wegen Überflutung für Stunden oder Tage nicht oder nur über Umwege zu erreichen sind abgesehen – über jeden einzigen Tropfen Regen, der die Quellen und spärlichen Wasserreservoirs wieder auffüllt heilfroh. Dies nicht nur, weil jeder Tropfen für die spärliche Weide- und Landwirtschaft ein wahres Lebenselexier darstellt, nein, ausgiebige Regenfälle im Frühjahr und Herbst bannen auch ein anderes, sehr reales Risiko: Buschbrände!

Und dann ist da noch eine Sache, die es so an kaum einem anderen Ort Europas gibt:

Das grelle, fast unwirkliche Licht, dass eher an Nordafrika, als an Europa erinnert. Das alles ist aber kein Zufall, sondern Geographie: Kythera liegt weitestgehend südlicher als Sizilien. Dadurch fällt das Licht in einem sehr viel steileren Winkel als weiter nördlich auf die Insel. Folge sind harte und scharfe Schatten, und extrem klare Farbkontraste, die wirken als hätte jemand aus Versehen eine Tonerkasette zu viel eingelegt…Fast, als wäre ein kleines Stückchen Afrika nach Europa verlegt worden…

Fast, denn die Insel hat die eigentümliche Angewohnheit sich während Schönwetterperioden einen Schleier aus tiefliegenden nicht besonders massiven und ebensoschnell erscheinenden wie verschwindenden Wolken zuzulegen. Die Bezeichnung „Schleier der Aphrodite“  die die Einheimischen für dieses Wetterphänomen erfunden haben, lässt mich jedes mal an den bambergischen Schleier der Kunigunde, eine Art sagenumwobener Nebel, der die Weltkulturerbestadt angeblich vor Aliierten Bombardierungen geerettet hat, denken. Und tatsächlihc, es ist als würde jemand binnen Sekunden ein riesiges Leintuch über die Insel spannen und sie in ein diffuses und trotzdem scharfes, grau-weißes Lichts, dass alles zugleich verhüllt und in einer seltsamen Fehlfarbigkeit erscheinen lässt hüllen.

Bereits als ich dieses Phänomen das erste mal vor ein paar Jahren gesehen habe, habe ich mich gefragt, ob es dieses Licht war, dass El Grecco zu seinen seltsam „negativfarbenen“ Heiligengemälden inspiriert hat. Verwunderlich wäre das nicht, seine Familie stammte aus Chania, hier gleich um die Ecke auf Kreta, wo’s gelegentlich, aber nicht so häufig wie auf Kythera ein ähnliches Wetterphänomen zu bestaunen gibt.

El Grecco, der später vor allem in Spanien tätig war, muss dieses eindrucksvolle Spiel aus Licht und Nebel aus seiner Kindheit und Jugend sehr gut gekannt haben.

Mir erscheint daher die Hypothese, der „Schleier der Aphrodite“ habe El Greccos eigentümliche Malweise beeinflusst, eine bessere Erklärung für die seltsame, weiter nördlich unbekannte Farbgebung in El Greccos Bildern als die in der kunsthistorischen Literatur häufig diskutierte Augenkrankheit oder eine besonders innige Frömmigkeit die sich in einer bewussten „Überhöhung“ durch Fehlfarbigkeit ausdrückt. Nein, wer dieses Phänomen kennt, wird feststellen, dass in El Greccos Bildern ist nichts fehlfarben oder übertrieben ist. Der große Künstler hat die Dinge ganz einfach so gemalt, was er aus seiner Kindheit kannte, nicht mehr, und nicht weniger.

Vermutlich war es deshalb auch eher die Erinnerung an eines jener garnicht so seltenen kretischen oder kyhteranischen Herbst- oder Wintergewitter bei dem jähe magnesiumweiße Blitze durch vom Meer her aufsteigende, tiefhängenden Wolkenfetzen schießen und dabei die Nacht in magnesiumweißes Licht hüllen, das „Den Griechen“ zu seinen schreckenserregenden Heiligenvisionen ermunterte,  und nicht irgendwelche „göttlichen“ Visionen (die aber – dies sei den „Visionären“ der Kunstgeschichte zugestanden – , wenn man sie sich ausdenken müsste, nicht sehr anders aussehen würden. Nur musste sich El Grecco eben nichts ausdenken, er kannte das Ganze als „real version“). Vielleicht ist dieses seltsame Wetterphänomen ja auch die Erklärung für andere „Visionen“. Jene des Evangelisten Johannes. Der saß nur knappe 70 Kilometer nördlich am anderen Ende der Ägais auf einer anderen aus dem Meer aufsteigenden Insel: Patmos. Nach allem was ich weiß soll es dort mitunter, wenn auch seltener sehr ähnliche Wetter- und Lichtphänomene geben… und wer weiß, vielleicht war das „Himmlische Weib“ im Johannesevangelium ja garnicht so himmlisch, sondern nur eine Bäuerin, die nach Einbruch der Dunkelheit noch rasch die Ziegen in den Stall zurücktrieb und dann vom ersten Blitzstrahl eines in der Dunkelheit unbemerkt heranziehenden Gewitters in goldenes Licht gehüllt wurde…

Tatsächlich hat auch für mich Göttervater Zeus persönlich in seiner Mottenkiste gekramt und noch rasch bevor mein Flieger zurück ins kalte Deutschland geht Blitz, Donner und Sturm hervorgekramt. Gemeinsam mit seinem nicht weniger göttlichen Bruder Poseidon zaubert und allen Tritonen, Amphytriten und Winden werkelt er gerade am ersten ordentlichen Herbststurm des Jahres. Vermutlich ist das die Strafe für meine unselige Hybris, mit der ich als Sterblicher gestern und unziemlichster Anmaßung den Blickwinkel eines Gottes genießen ließ – Beim Anblick des „Schleiers der Aphrodite“ hat’s mich einfach gerissen und ich bin durch jähe Steilwände und noch jähere Schlaglöcher hinauf zu den Nato-Abhörantennen nach Agia Elessa gefahren.

Wortwörtlich „in den Wolken sitzend“ sah ich mir von dort dann „mein“ Kythera an und fühlte mich inmitten von Sturmgeheul und vom weiten Südmeer an die Felswände getriebenen Nebeln, beinahe selbst wie ein kleiner Gott…Die Rechnung kam heute postwendend in Form einer schlaflosen Nacht und einer wiederaufflammenden Erkältung…

Zeus ist sauer und grollt seit Mitternacht vom Gipfel des nahegelegenen Faskomiles. Vielleicht hätte ich aber auch gut daran getan mich auf die kleine vorgelagerte Insel Makrodragonara fahren zu lassen. Dort warfen Schiffsleute und Reisende über Jahrhunderte immer wieder Münzen in die kleinen Schluchten und schufen so mit der  Zeit einer der größten und vielfältigsten antiken Münzschätze, dessen Prägungen vom Schwarzen Meer bis nach Karthago und Spanien reichen. Leider ist auch dieser vor wenigen Jahren von Archäologen entdeckte Schatz heute genau wie  der Schatz von Antikythera mit dem „Antikytheraapparat“ nicht mehr auf der Insel, sondern in Athen…Irgendwann braucht man hier wirklich mal ein ordentliches Museum – und wer weiß, vielleicht gibt es dann auch mehr zu sehen, als „nur“ den berühmten „Kytheranischen Löwen“ eine vollendete Marmorstatue, die einst vermutlich den Burgberg von Paleokastro schmückte, später von den Venezianern über der Rampe des Forts in Chrora als Türwache aufgestellt wurde, dann ins Museum gebracht, von den Deutschen Besatzern als „Souvenir“ entführt, von einem kyhteranischstämmigen Professor in Deutschland wiederentdeckt und in den 1980er Jahren wieder auf die Insel zurückgebracht wurde…

Genug Archäologie und Kunstgeschichte für heute. Ich frage mich ohnehin schon die ganze Zeit, warum ich jedes Mal wenn ich etwas über diese Insel schreibe in griechische Mythologie und Archäologie abschweife und so wenig über die Gegenwart und den Alltag (na ja, so wenig war’s auch nicht) zu Papier bringe…vermutlich hat mich da auch der „Schliemann-Virus“ getroffen, so wie er jeden trifft, der sich auch nur ein wenig mit der Geschichte und Vergangenheit dieses Teils der Welt beschäftigt.

Ich muss weiter – Draußen verkünden Schreie und Motorsägen der Bauarbeiter und nicht Kirchenglocken den Neuen Tag – Sicher, es gibt hier – anders als in manchen ganz strengen Athoseinsiedeleien – auch Kirchenglocken, aber sie fühlen sich für so profanen Dinge wie Stunden und Tage anscheinend nicht zuständig…Entweder man macht das hier nicht so (was ich mir bei den doch recht zahlreichen Zifferblättern an den Kirchen nicht recht vorstellen kann), oder aber, die Uhrwerke sind irgendwann einmal kaputtgegangen und harren noch ihrer Wiederauferstehung…Jendefalls ist die Sache auch nach zweieinhalb Wochen auf der Insel noch immer sehr gewöhnunsgbedürftig für einen Wahl-Bamberger wie mich, der es gewöhnt ist, dass eigentlich immer und überall mindestens eine Glocke ihren Dienst verrichtet und ganz fürchterlich erschrickt, wenn wirklich einmal absolute (und nach bambergischem Verständnis auch absolut unchristliches) Schweigen herrscht… Nun…es geht auch so…

Und da sich auch Zeus inzwischen wieder beruhigt zu haben scheint, werde ich heute vermutlich auch zurückfliegen können. Mal sehen ob der große und kleine Jannis auch bei diesem Wetter am Strand sind. Danke an alle, die geholfen haben, dass auch dieser Forschungsaufenthalt wieder ein Augenöffner und Erfolg war…Ich werde mich jetzt gleich nochmal ins Auto setzen und mich zu einer ausgiebigen Abschiedsfahrt über die Insel aufmachen…

Giassas!

Reise nach Kythera 10 – Zwischen Heidiland und Down Under oder: Neulich am Strand von Diakofti…

Hellas !

Hellas !

„Grüazi, sid’s Ihr au vo Züri dô“

Genauso wenig wie „Baden am Strand“ normalerweise zu den Aufgaben eines fleißigen Feldforschers gehört, würde man diese Frage an einem kleinen Sandstrand südlich des Peloponnes erwarten. …Doch auf Kythera funktionieren Kathegorien wie „man würde nicht erwarten“ oder „noralerweise“ nicht, jedenfalls nicht so, wie im guten alten Mitteleuropa.

Kyhtera ist anders – nicht nur im Reiseprospekt! Der Strand von Diakofti ist Mitte Oktober einfach der beste Ort an dem „Forscher“ ganz zwanglos und unter dem mehr als mäßigen Schatten einiger Strandzypressen (ich bin immer noch überzeugt, dass es nichts anderes als reichlich zerzauste Tamarisken sind…) mit Leuten aus aller Herren Länder ins Gespräch zu kommen.

Das diese Menschen es zufälligerweise gerade auch Leid sind sich neuerdings erfolgreich „Wanderwege“ nennende, felsbrockenübersähte Ziegenpfade auf und abzusteigen, ist ein angenehmer Nebeneffekt, aus dem sich dann auch gleich trefflich ein improvisiertes Interview zur touristischen Zukunftsentwicklung der Insel basteln lässt.

Ergebnis eines dieser „Gespräche“ war, dass auf der Insel dringend eine Abordnung des schweizerischen Alpenvereins tätig werden müsse, die bei der Gründung einer örtlichen Gruppe tatkräftige Hilfe leisten könnte, damit die letztendlich die Wanderwege in einen „menschenwürdigen“ Zustand versetzen sollte…Ich vermute jetzt einfach mal, dass niemand außer mir den Zustand der Wege vorher kannte. Ich finde sie mehr als vorbildlich und auch durchaus „menschenwürdig“ ;-).

Außerdem wollte ich mich heute ja mal kurz fassen…

Man (also der Feldforscher im nicht mehr so ganz funktionierenden Inkognito – Griechische Inseln sind eben in der Nebensaison sehr klein…) liegt also  teilnahmsvoll teilnehmend beobachtend am Sandstrand. Auf dem Kopf ganz stilecht einen falschen Panamahut und in den Händen einen gar nicht mal so schlechten amerikanischen Roman…nicht jeder Neuankömmling muss gleich sehen, dass man über die Insel forscht…man wird hier sonst sehr schnell zum unfreiwillig-inoffiziellen Reiseführer verdonnert…

Deshalb ist auch alles deutschsprachige auf dem Buchcover oder an der Kleidung tabu – schließlich muss angesichts der aktuellen „Beziehungskrise“ zwischen Hellas und Germania nicht jeder sofort wissen, woher man kommt…Es erspaart einem die eine oder andere reichlich sinnfreie politische Diskussion auf der Metaebene…Wobei, im Gegensatz zu ihren Athener Brüdern sind die Kytheraner in diesen Dingen – meist – wesentlich realistischer. Es wird hier eben nicht alles so heiß gegessen wie es auf dem Syntagma-Platz gekocht wird, und man ist weltgewandt genug, dass man auch mal den kritischen Abstand zu allzu nationalistischen Tönen der eigenen Regierung wahren kann…Außerdem…es gibt hier genug lokale politische Themen über die man sich – selbstverständlich in Englisch – die Köpfe heiß reden kann…

Das heißt nun nicht, dass meine Interviewpartner nicht sehr genau wüssten, wer ich bin und was ich mache…Diesmal gab’s sogar extra Flyer mit Bild und zentralen Fragestellungen der Arbeit (Erfolg des Ganzen war, dass die Hälfte meiner Interviewpartnerinnen es nicht lesen konnte, weil sie zu eitel waren eine Brille zu tragen und die Andere Hälfte sich in herzlichen aber liebevoll darüber amüsierte, wie unglaublich organisiert und „deutsch“ ich doch sei…Das nächste Mal also keine Flyer mehr…

Grundsätzlich gesagt ist es hier aber für die „Erstbegegnung“ wie in allen „kleinen griechischen Bergdöftern“ (Titel eines berühmten ethnologischen Standardwerkes) schlichtweg besser, wenn nicht jeder sofort weiß wer man ist, und was man macht, sondern sich erstmal auf „normaler“ Ebene kennenlernt. Andernfalls bekommt man außer dem üblichen „Kythera ist eine wundervolle Insel um darauf Urlaub zu machen“ -Stereotyp nichts sehr viel zu hören und sehen.

Immerhin war hier noch niemand so überengagiert, dass er mir – wie in Franken bereits zwei mal passiert – seine gesamte Sippschaft in Tracht mit Schnaps, Brot und Schinken auf den Hals hetzte…Es damals ja war nett gemeint, aber…

Zurück nach Kythera: Nach etwas über zwei Wochen, die ich jetzt hier bin, weiß eh jedes Kind wo ich hingehöre und was ich mach (die ersten bringen mir schon kleine „Inselandenken“ in Form von Disteln, Sempervivablüten (Inselblume) und bunten Kieselsteinen – Ich habe gerade etwas Angst wegen der Kosten für Übergepäck und fühl mich außerdem wie Malinovsky an seinem berühmten Schreibtisch…Die Welt ist klein hier…sehr klein…Die Menschen sind (noch!) außerordentlich nett und hilfsbereit und sehr stolz, wenn sie einem etwas neues zeigen können (manchmal auch zu sehr, aber woher sollen sie denn auch wissen, dass ich den Weg nach Amir Ali wahrscheinlich besser kenn als sie selbst und nicht auf jedem Quadratzentimeter Schutz vor herumstreunenden Katzen, Brombeerdornen, Libellen (die „stechen“ nach mediterranem Volksglauben nämlich…dafür scheint man vor Hornissen – die zwar nicht tödlich sind, aber sehr fieß zustechen können – keinerlei Angst zu haben) und gefährlichen Herbstblättern (sic!) brauche. Auch das ist nett gemeint, und nie auf- oder zudringlich, sondern immer Ausdruck der besonderen Sorge um den geschätzten Gast. Dass ich dabei gelegentlich auch zum Aufpasser der Kiddis wurde und nicht andersherum…mein Gott, das passiert und ist eigentlich eine hohe Auszeichnung, weil die kytehranischen Mütter mir, dem Fremden, in dieser Hinsicht ganz offensichtlich blind vertrauen. Nur eilig sollte man es eben nicht haben…Vielleicht tut mir das bisschen Entschleunigung auch ganz gut. Es hilft zu vestehen, warum hier jahrhundertelang Dinge sehr anders funktionierten als im durchorganisierten und punktgetakteten Deutschland, nicht weil man etwa faul oder unmotiviert gewesen wäre – wie es die gehässige Deutsche Fama nur allzu gern über Griechen verbreitet – sondern weil es die Natur der Insel und ihre sehr begrenzten Ressourcen einfach nicht anders zuließ.

Ruhe, Kluge Selbstbeschränkung und Zurückhaltung – kurz das richtige Maß – waren hier nicht nur abstrakte philosophische Tugenden – sie waren und sind überlebenswichtig. Auf einer Insel, auf der man nie wusste, wann der nächste Piratenüberfall kommen, die nächste Ernte ausfallen, oder die Winterregen ausbleiben konnten, das wenige Vieh geraubt oder von einer Seuche hinweggerafft würde, oder monatelang wegen Stürmen und kriegerischer Konflikte kein Schiff mehr durchkam – tat und tut man gut daran, die eigenen Wünsche, Hoffnungen und Erwartungen nicht allzu hoch in den Himmel wachesen zu lassen und langam, bedacht und beständig anzugehen – Vielleicht ist dies das eigentliche Geheimis des weltweiten Erfolgs jener Kytheraner, die in andere Länder ausgewandert sind. Sie haben Träume, große sogar – aber sie vergessen nie, dass es harter Arbeit und einen sehr langen Athem braucht um diese auch umsetzen zu können. Diese ruhige, bescheidene, realistische, freundliche, aufgeschlossene, niemals aufdringliche Art, die erst einmal abwartet, nichts überhastet, nachdenkt und erst dann entscheidet und auch vor Mühe und Rückschlägen nicht zurückschreckt ist es, die mir hier auffällt.  Man kann nur hoffen, dass dies so bleibt, und die Bewohner der Insel sich nicht von der Aussicht auf schnellen, aber zerstörerischen Profit blenden lassen – wenn das gelänge wäre es eine der ganz großen Ressourcen und Alleinstellungsmerkmale der Insel.

Zurück nach Diakofti: Der teilnehmende Feldforscher liegt also gerade teilnehmend beobachtend am Strand, wehrt den örtlichen Strandhund ab (der gute, arme, alte Kerl hat die dumme Angewohnheit sich ERST ins Wasser zu werfen und sich DANN pitschnass auf einen fallen zu lassen, andersrum wär echt praktischer, aber das kapiert groß Jannis nicht. Es gibt übrigens auch den kleinen Jannis, der ist aber der Sohn eines der Fischer – ich hoffe, dass groß Jannis, wenn klein Jannis groß ist nicht mehr ist, ansonsten wird das echt verwirrend…

Man liegt also so da, ließt amerikanische Romane und denkt an nichts böses als urplötzlich zwei blondgelockte Schönheiten im Bikini in breitestem Züri-Dialekt über die Insel, die Schwachheiten der lokalen Männerwelt und die ach so „korrekten“ Schweizer berichten…was die zwei nun aber nicht wussten (sie wussten sonst alles, der Opa war schließlich der Inhaber des alten Kaffées in Bimberlesdrianika…), war, dass der „Grieche“ zwei Meter neben ihnen (er hatte sich wirklich wunderbar als Grieche getarnt, sogar die Hautfarbe passte!…Chapeau!) auch Kythera-Schweizer war, und – und das machte sie Situation erst interessant – ein langläufiger Cousin 2. Grades mütterlicherseits…Das nachfolgende Gespräch und das allgemeine Erstaunen war beiderseits, kurz und heftig.

Mich hingegen wundert hier garnichts mehr, da ich in den letzten zwei Wochen mehr schwizerdütsch als Griechisch zu hören bekommen habe. Offensichtlich gibt es einen neuen Trend und die Greko-Kytheranisch-Schweizerische Community, sowie die gesamte greko-affine Teil der hochalpinen Wandersektionen Zürich-Land, Zürich-Stadt, Toggenburg, Appenzell-Innerroden, Bern-Oberland und Solothurn haben sich hier zu einem inoffiziellen Meeting mit ihren englisch- und schwedischsprachigen Mitstreitern verabredet. Das Wandertourismuskonzept für die Nachsaison scheint aufzugehen.

Das Ganze hat auch etwas amüsantes. Es ist einfach zu herrlich zu beobachten, wie blumenkohlfarbene Menschen (ich war bis vor Kurzem auch noch so einer, jetzt bin ich irgendwas zwischen Rot und Braun) im absolut stereotypsten Wanderoutfit auf einer an sich relativ übersichtlichen Insel, völlig verwirrt und leicht peinlich berührt auf der Suche nach dem Weg zum Kolokothrinesdenkmalsgedächtnisweg zwischen Strandliegen und Sonnenschirmen herumirren.

Auf ihren Gesichtern einen Ausdruck, der sehr deutlich macht, dass sie es absolut nicht fassen können, dass hier Ende Oktober noch Hochsommer ist (jedenfalls für Nordeuropäische Verhältnisse) und die Frage, warum sie – wo sie doch sonst allen möglichen und unmöglichen Nonsens mit sich herumschleppen (Wanderführer in drei Sprachen, IPod mit den 600 schönsten Wanderliedern vom Montanara-Gebirgsschützenchor, Kletterausrüstung, Astronautennahrung…- Keine Badeklamotten eingepackt haben.

 

Seltsamerweise ist noch niemand von den „Naturburschen jenseits der 60“ (Selbstbezeichnung…wir hatten hier gestern vor dem Zefiros ein Meeting der „Lustigen Holzhackerbuam“…“Meine“ armen Kytheraner wurden in die Kunst des Schuhplattelns eingeführt…) auf die Idee gekommen ist, einfach so wie er geschaffen wurde…oder zumindest in Unterwäsche ins Wasser zu springen…Stattdessen blicken sie beim Anblick der letzten Badenden peinlich berührt auf ihr Handy (das funktioniert hier eh meistens nicht, entweder weil kein Empfang da ist, oder es zuviel Signale von den amerikanischen Abhörantennen auf dem Digentis oder bei Ag. Elessa git…aber das ist geheim! ;-)). Es hat etwas gedauert bis ich verstanden hab, dass sich diese Leut keinesfalls verlaufen haben und nun versuchen herauszufinden wo sie sind, sie suchen einfach nach dem nächsten Geo-Chache (auch das ist neu) irgendein Witzbold hat den nämlich ausgerechnet im verfallenen Fischerhäuschen direkt am Strand versteckt…Nach dem dritten  mittelalterlichen Jungspunt der mir dann an einem Vormittag über das Handtuch gelatscht ist, hab ich dann den Spielverderber gemiemt, das verdammte Ding aus seinem „Versteck“ geholt und es einfach neben mich gestellt und mit müdem Lächeln drauf gezeigt, sobald sich wieder einer dieser Handy-Wanderer näherte…Als ob es nicht ausreichte einfach die Landschaft anzusehen und sich darauf zu konzentrieren…Übrigens findet auch der „große Jannis“, dass das, was die Leut da machen irgendwie idiotisch ist, und knurrt die hochtechnisierten Eindringliche böse an…eigentlich macht er das sonst nicht, und freut sich, wenn er mal wieder ein paar Touristen zum knuddeln und anbetteln hat…vermutlich passt ihm einfach nicht, dass diese Leut ihn absolut nicht beachten…

Die Kyhteraner meinen im Übrigen es sei Hochwinter und eiskalt. Wenn ich oder jemand von den anderen Blumenkohlmenschen denn doch mal in die Fluten steigt, sehen sie einen an, als wäre ich ein Eisbär. Mal schauen wie lange es dauert bis mir jemand einen Pelzmantel und Glühwein anbietet…

Doch zurück zu den weitläufig verwandten Kythera-Schweizern…Sie waren nicht die einzigen „Expatriots“, die sich an diesem Vormittag dazu entschieden hatten den verspäteten Hochsommer mit einem Bad in der türkisfarbenen Lagune von Diakofti zu beginnen. Nur drei Meter hatten inzwischen zwei ältere im Wasser plantschende Herren (beide waren sehr offensichtlich Nichtschwimmer und hatten herrlich quietschbunte Schwimmhilfen Marke „Bademeisterwurst“ dabei) in jenem unverwechselbar „Outbackgefärbten“ und mit veralteten venezianischen Floskeln gespickten Kythera-Englisch zu reden begonnen, das nur echte Remigrants oder Heimaturlauber aus down under zu sprechen pflegen.

Geradezu „lebendig“ (jedenfalls für Kytheranische Begriffe) wurde das ganze idyllische Stillleben dann beim Zauberwort „Karavas“ (ein Ort im Norden der Insel). Der gesamte Strand (außer mir natürlich) vereinte sich binnen Sekunden zu einem multilingual geführten  Abgleich der jeweiligen Stammbäume, Ahnen und Besitztümer auf der Insel. Es war das reinste heiter-babylonische Sprachgewirr aus Schwitzerdütsch, Griechisch und Australo-Englisch aufgelockert mit ein paar Brocken Französisch.

Diese sehr spezifische Obsession der Kytheraner von ihren Stammbäumen und der damit verbundenen Abstammung/“Blut“ inklusive der latenten Tendenz mindestens von einer, wenn nicht gar zwei adligen Familien (man hat die Wahl zwischen venezianisch und/oder byzantinisch, am besten aber ist beides…man weiß ja nie…) abzustammen (bzw. abstammen zu müssen!) ist nebenbei bemerkt echt venezianisches Erbe, dass sich genauso auch bei den Diasporakytheranern in den Nobelvororten von San Francisco, Zürich und Sydney findet (nur passt’s dort irgendwie besser hin…Englischer Rasen, akropolisartiges Anwesen, Blick auf Zürichsee, Pazifik oder Tasmanische See…sicher, Kytheraner finden sich auch in den anderen Vierteln, aber es geht hier um’s passen, nicht um den repräsentativen Querschnitt).

Zwar haben auch hier (d.h. auf Kyhtera) die stets unverschämt-revolutionsgierigen Franzosen 1797 das hochheilige Libro d’oro mit dem Verzeichniss der Manneslinie zurück bis zu Adam und Eva und den Griechischen Göttern verbrannt, aber es gibt und gab – Gott sei’s gedankt – immer noch genügend mehr oder minder akkurate Abschriften, Wappen und Urkunden. Trifft man dann auf der Heimatinsel ein oder zweimal im Jahr mit der entfernten Verwandtschaft aus Australien, Italien, den USA, Deutschland und Südafrika zusammen, lässt sich gemeinsam und mit dem mühsamst und in Jahren aufopferungsvoller Recherche zusammengetragenen mehr oder minder zuverlässigen „Archivmaterial“  bei einem Caffé Fredo stundenlang der gesamte Stammbaum und die gegenseitigen Verwandtschaftsverhältnisse rekonstruieren. Irgendwie muss man schließlich die unerträglich heißen Nachmittage unter südlicher Sonne verbringen…und es gibt ehrlichgesagt schlechtere und weitaus weniger interessante Möglichkeiten!

Wie exzessiv diese Obsession von den Kyhteranern gepflegt wird, zeigt sich am besten an einem kleinen, zweisprachigen Schild im Eingangsbereich des historischen Archivs von Kythera (ich geb’s hier der Einfachheit halber nur in seiner englischen Variante wieder):

The stuff of the archive is not obliged to research family-trees on behalf of individual persons !

Wie es sich mit mehreren Personen, Familien oder anderen Ausnahmen verhält konnte ich leider nicht herausfinden, nur, dass das Archivpersonal unter alles andere als optimalen Bedingungen wahre Wundertaten vollbringt (und das ist hier durchaus ernst gemeint!).

Ums Kurz zu machen und wieder an den idyllischen Strand von Diakofti zurückzukehren:

Nach ca. einer Viertelstunde intensivster Diskussion und der Zitation von mindestens 200 absolut unbezweifelbaren Autoritäten im Bereich der kyhteranischen Ahnenforschung (Oma, Onkel Giannis, Onkel Panagiotis, Großtante Tzeli…) hatten sich Alle anwesenden (außer mir) darauf geeinigt, dass sie mit allergrößter Wahrscheinlichkeit ein und denselben Ur-Ur-Großvater (selbstverständlich aus dem Zauberwortort Karavas…) hätten und außerdem mit mindestens vier Dutzend weiteren Cousins und Cousinen über fünf Ecken gemeinsame Verwandte aufwiesen…Hört sich reichlich konstruiert an?

Wie gesagt, Kythera ist anders, nicht nur im Reiseprospekt…und wenn ihr schon an der Reliabilität einer harmlosen Begegnung entfernter Verwandter am Strand von Diakofti zweifelt, dann sollte ich Euch vermutlich garnicht erst die wundervolle Geschichte vom Tag als Lady Di per Hubschrauber eingeflogen wurde erzählen…und dass gerade zwei indische Filmscouts auf der Suche nach einem exotischen Drehort für den nächsten Bollywoodschinken mit mir auf den neu ausgeschilderten Wanderwegen den griechischen Busch unsicher machen (sie sind mir aufgefallen, weil sie die einzigen Wanderer waren, die nicht permanent auf ihr Handy glotzten!), glaubt mir vermutlich auch niemand…selber schuld!

PS: Wenn man weiß, dass heute nur noch ca. 3-4000 Kytheraner auf der Insel, aber 80-150.000 (niemand weiß das so genau) ihrer Nachkommen auf dem gesamten Erdball wohnen, und nicht ganz wenige davon (auch hier fehlen exakte Zahlen, wir sind schließlich in Griechenland…aber ich schätze es dürften jährlich um die 5-6000 sein, von denen ca. 2-300 noch irgendwo ein eigenes Häuschen/Zimmer auf der Insel haben und ca. 50-100 einen oder mehrere Monate im Jahr auf der Insel verbringen), mehr oder minder regelmäßig die Heimatinsel besuchen (manche sprechen in diesem Zusammenhang auch von „Heiweh-“ bzw. „Andl-Tourismus“ und „Heim-Suchung“, aber das ist eine andere Geschichte…) wird manches, was einem auf den ersten Blick an dieser Insel sehr erklärungsbedürftig erscheinen mag zum „ganz normalen Alltagswahnsinn“.

PPS:…dass es in der Schweiz eine derart starke kytheranische Community gibt, war selbst mir neu…

PPPS: So…da mein letzter Interviewpartner nicht vom sprichwörtlich ambivalenten griechischen Verhältnis zu Raum und Zeit gepackt wurde und man auf der „Insel der Seligen“ ganze Tage als teilnehmender Beobachter mit Beobachten von Heimweh-Touristen beim Baden zubringen kann (nein, ich war eigentlich nur ne gute Stunde unten…aber theoretisch geht’s und doppelt nein, das ist Forschung…sogar ein ziemlich wichtiger Teil davon, weil ich anders an diesen Personenkries absolut nicht herankomme…) scheint mir der „Schwarze Loch Effekt“ noch ausgeprägter zu sein als in good old world heritage site Bamberg in dem ansonsten weltweit anerkannte Kategorien wie „Uhrzeit“, „Monat“ und „Tag“ auch nicht unbedingt dieselbe Gültigkeit haben, wie im raumzeitlich geordneteren Schwabenland. Eine echte Belastungsprobe, der ich mich aber gerne unterwerfe. Und wer das jetzt nicht verstanden hat: ich sagte ja am Anfang, dass das hier eher eine Art „Gedankenblitzsammlung“ werden soll…

PPPPS: Mir fehlt einfach noch ein wenig davon, was man auf dem griechischen Festland „kefi“ nennt (eigentümlicherweise habe ich das Wort niemals im Munde von Kyhterandern und ihren Nachkommen gehört…vielleicht gelten sie daher nicht ganz zu unrecht als die „Preußen Griechenlands“ ) Schade eigentlich, dass die temporäre Beschränkung von Forschungsaufenthalten aus terminlichen und pekuniären Gründen diese Art des epistemologisch wie methodisch so wichtigen Eintauchens in die „Nahe und nicht so nahe Fremde“ heute kaum noch möglich macht…oder wann habt ihr zuletzt davon gelesen, dass jemand 2 oder 3 Jahre bei einem Stamm in den Anden oder auf einer kleinen griechischen Insel zugebracht hätte? Sic transit gloria ethnologicae…wenigstens bin ich inzwischen nicht mehr ganz so blumenkohlfarben und die Kinder erschrecken nicht mehr, wenn ich um die Ecke bieg…

Giassas! Hellas 1

Reise nach Kythera 9 – von staatlichen Interviewverboten, 1237 Kurven, babylonischen Radiogewohnheiten, goldenen Ikonen und renitenten Bankautomaten

Agia Myrtidiotissa, Schrein der Madonna im Myrthenbusch

Agia Myrtidiotissa, Schrein der Madonna im Myrthenbusch

Oh happy land where they build houses as they would be just shadowwalkways to protect too timid people just before another pale beast called sun.

Where waves of purple ev’ning’s wings do herald, and moon does not mean scary night but pleasure pure.

Where wild goats grazing jagged hills, and Zephyr his moods can run free.

Where Venus shines much brighter than there in the foggy north, and pure Azur up to the horizon is all wide open sea.

Es mag jetzt zwar gruslig verzopftes Englisch sein, aber es passt hierher. Einem Land, wo einem als kleine Aufmerksamkeit der Chefin tatsächlich zum Logharithmos (der Rechnung) Milch und Honig in Form von gefrorenem Ziegenjoghurt und Fatsourada in einem Restaurant nahmens Zephir serviert werden. Hört sich jetzt seltsam an, aber Fatsourada ist hier keine Bohnensuppe, auch wenn’s auf den ersten Blick tatsächlich etwas danach aussieht, sondern es sind halb gedörrte Trauben, die so lange in Honig eingelegt werden, bis sie ungefähr die doppelte Größe haben und garnichtmehr nach Trauben, sondern dem berühmten Thymianhonig der Insel schmecken.

So getröstet bin ich denn auch heute nochmals zum Nationalheiligtum der Kytheraner aufgebrochen…vielmehr zu beiden. Zuerst die Fortezza in Hora…den Gang hätt ich mir aber spaaren können, denn das Kultusministerium hat offiziell sein Veto gegen mein Interview mit seiner Archivleiterin eingelegt…Gott weiß warum, is aber so, und damit gut…Die Infos, die ich brauch hab ich auch so, wenn auch eher hintenrum und durch die Kalte Küche über andere Personen…

…Denke wie ein Byzantiner, handle wie sie, heirate sie, beherrsche sie…einer der Venieri, die hier jahrhundertelang das Sagen hatten und deren Wappen ich mir heut in dem kleinen Museum im Pulvermagazin angesehen habe, soll sowas ähnliches mal sinngemäß gesagt haben, und es stimmt bis heute…Ich hab’s jetzt erstmal beim denken und handeln belassen, das genügte…

Ebenfalls leicht „byzantinisch“ im Sinne von „unnötig kompliziert“ gestaltete sich heute mein notwendiger Bankgang. Da wir in Diakofti keine Bank haben (keine Ahnung ob es eine in Avlemonas gibt, ich denk aber nicht…) muss ich zum Geldholen entweder nach Hora oder Potamos (Supermarkt wäre einfacher, davon gibt’s ca. 9 3/4, für knapp 4000 Inseleinwohner…den Minimarkt in Diakofti, der nur in den Monaten Juni bis September offen hat nicht mitgerechnet). Anders ausgedrückt: der Gang zum Bankomat will äußerst gut überlegt sein, denn es liegen jedesmal ca. 21,5 Kilometer oder 330 Kurven.

Spaßeshalber habe ich heute auf der Strecke nach Hora mal mitgezählt. Nach Potamos wären’s wegen der neuen Straße und dem etwas weniger zerklüfteten Gelände sicher etwas weniger – aber da wollt ich ja (zumindest anfangs) garnicht hin… Macht – moment – nach Adam Riese ca. 15,4 Kurven auf einem Kilometer und ungefähr eine gute dreiviertelstunde Fahrt – und das auch nur, wenn gerade kein Bauer oder Ziegen, oder Truthähne (das war heut neu, und die Biester sind echt extrem schwer von Begriff!) auf der Straße unterwegs sind. Dazu ein Höhenunterschied von etwa 600 Metern. Wer sich jetzt fragt, wie um alles in der Welt man 15,4 Kurven (und ich habe äußerst großzügig gezählt und die ganzen Minischlenker unter 50 Meter Länge weggelassen) auf 1 Kilometer unterbringt, sehe sich nochmal meine Aphorismen zu kytheranischen Straßen an. Wer’s nicht glaubt, mög selber herkommen und es selber ausprobieren 😉

Dumm nur, dass wir diesmal einen etwas größeren Stromausfall hatten, und daher auch beide Bankomaten in Chora außer Betrieb waren…

Also weiter nach Potamos! Sind ja nur ungefähr 200 Kurven, ca. 15 Kilometer oder eine gute halbe Stunde Autofahrt mehr…Aber wen interessiert das schon, wenn die Landschaft um einen herum so herrlich ist…Das ich es heute etwas eilig hatte, weil ich leichtsinnigerweise ein paar Schweizern versprochen hatte, sie in Avlemonas zum Mittagessen zu treffen (natürlich wollt ich sie auch gleich ein wenig ausquetschen, was denn so ein normaler Wandertourist (die Gattung ist recht neu auf Kythera) über die niegelnagelneuen Wanderwege und den beginnenden Öko-Tourismus auf der Insel halten…) erwähn ich jetzt besser nicht…Eile ist etwas, was auf der „Insel der Seligen“ nur sehr, sehr bedingt funktioniert, und dass man besser daheim in „good old Germany“ lassen sollte.

In Potamos angekommen, ging auch da der Automat aber auch nicht…jedenfalls nicht so, wie er sollte…Entweder ich war zu dusselig für das Ding oder das Ding war zu dusselig für mich – Der jahrtausende alte Konflikt zwischen Mensch und Technik eben – Und bevor der Bankomat auch noch die Karte schluckt, und weil ich dann doch ganz gern etwas Bargeld dabei gehabt hätte (je nach Jahreszeit und Taverne ist es hier manchmal ein bisschen schwierig mit Karte zu zahlen…)  hieß es wieder zurück nach Chora. Vor allen an Tagen mit Stromausfall…)

Also nochmal 200 Kurven, 15 Kilometer und eine gute halbe Stunde Autofahrt…nein es war diesmal etwas mehr, ich hatte Pech und ein Bauer fuhr gerade irgendwas in der Gegend herum…

Beim Kloster von Panagia Kakopetriotissa bei Manitochori – Dem Ort der kytheranischen Variante von Romeo und Julia – noch ein schnelles Stoßgebet, und siehe da, es klappte endlich! Dumm nur, dass mein Tank inzwischen beinahe leer war und ich gleich danach wieder zurück nach Potamos zum tanken musste (ja liebe Kytheraner und Kytheraliebhaber, es gibt auch eine Tankstelle in Livadi und ja auch in Karvounades ist eine, und wenn ich mich richtig erinnere gib’t irgendwo in Chora auch eine…aber die sind alle 10-20 Cent teurer als in Potamos! und bei 1,96 statt 1,85 pro Liter (oh gelobtes Deutschland mit deinem superbilligen Benzin!) überlegt man dann schon ob man die 15 Kilometer Umweg fährt…

Inzwischen hatten auch noch meine Schweizer abgesagt – sie hatten die Strecke von Avlemonas hinauf zur Kapelle Agios Giorgis (hl. Georg) und zurück nach Avlemonas unterschätzt, würden aber vorschlagen, dass wir uns dort erst heut Abend treffen sollten – Danke Panagia Kakopetriotissa! – auch wenn ich den leichten verdacht habe, dass es den zweien auch so ging wie mir und sie, einmal da oben angekommen, sich einfach nicht mehr von dem herrlichen Rundblick und dem Zauber des Ortes loslösen konnten, an den schon seit über 4000 Jahren Menschen pilgern. Man hat dort- wie oft auf der Insel- direkt bei der Kapelle ein kleines, aber sehr feines minoisches Höhenheiligtum ausgegraben über dem dann ein mykenisches, hellenistisches und griechisch-römisches Heiligtum errichtet und schließlich eine frühbyzantinische Kapelle errichtet wurde (Es soll dort immer noch ein Fußbodenmosaik aus dem 6. oder 7. Jahrhundert geben, leider ist die Kirche fast immer verschlossen), über der dann der heutige Bau errichtet wurde – wer einmal dort war, weiß warum…

Da ich nun also unerwartet mehr Zeit hatte, bin ich dann doch nochmal nach Agia Myrtidiotissa und nahm dazu sogar die neue „Autobahn“…und da ich dann eh schon auf dem halben Weg nach Mylopotamos, dem Wasserfall, dem Byzantinischen Fort, der Britischen Schule und der Venezianischen Festung (ich wollt eigentlich nur gschwind nachschauen, was da läuft…Resultat war Wanderweg Nummer 3 mit 400 Metern Höhenunterschied auf minimaler Strecke, geschlossenem Café (ich glaub ich schaff das in meinem Leben nicht mehr unter den berühmten Platanen von Mylopotamos einen Café Freddo zu bekommen…) und gefühlten 45° im Schatten (32° waren’s real, die Felswände halten im Herbst gnadenlos die Hitze). Aber ich will nicht klagen, der Ort ist einfach zu schön, und der kleine Garten rund um die abwärts von Mylopotamos gelegene Wassermühle lohnt den Besuch allemal. Bis nach Kalami runter bin ich diesmal allerdings nicht, der Weg zurück war mir bei der Hitze einfach zu anstrengend.

Irgendwann waren dann meine 1000 Kurven pro Tag aufgebraucht . Alles in allem waren es heute 1237. Selbst in der nicht ganz kurvenarmen Bamberger Altstadt wär ich damit vermutlich mindestens 2 Wochen beschäftigt gewesen…

Noch viel lustiger als Kurvenzählen war aber das Sprachengewirr, dass man dabei im Radio zu hören bekommt. Jede Kurve ein neuer Sender, jeder Hügel eine andere Sprache…Ich bin noch nie so schnell von Italien über Albanien und Serbien in Griechenland, der Türkei und (ganz im Süden) irgendwo in einem nordafrikanisch-arabischen Land gewesen! Dazwischen gab’s etwas das sich anhörte wie Russisch oder vielleicht doch Bulgarisch? Und dann waren da auch noch (keine Ahnung woher das nun wieder kam) ein paar Brocken Deutsch (vielleicht Radio Vatikan?) und irgendwas was sich anhörte wie eine Mischung irgendeiner halbverschluckten Romanischen Sprache mit Arabisch (Maltesisch?). Dazwischen gab’s dann noch auf Radio Musikbox (Ich liebe diese Tautologie!) englisches Programm mit den besten 50er Jahre Bigband Schlagenr (darunter mein Liebling: why art thou not like other man and bring me money!). Mein griechischer Tageshit war dann aber der Hopala-Song. Das ganze Lied besteht eigentlich nur aus Hoppala’s und Wörtern die sich darauf reimen…Einfach wunderbar wenn man gerade steil bergab die 20. Sichelnadelkuve am Stück nimmt, einen dabei zwei besonders tiefe Schlaglöcher ordentlich durchschütteln und zum Abschluss des Manövers urplötzlich ein Pickup den Weg blockiert!

Abends waren dann nochmal ein paar Kurven (ich schätze hin und zurück um die 300) zum Abendessen nach Avlemonas angesagt. „Meine“ Schweizer waren wundervoll, haben mir nicht nur sämtliche Fragen beantwortet, sondern mich gleich noch zu einem mehr als feudalen Abendessen unter Lampiogns am wundervollen Felsenstrand von Avlemonas eingeladen – Danke!

Gerade nehme ich noch einen kleinen Schluck von dem leichten, roten Wein der Insel. Ein älterer Herr und begeisterter Hobbywinzer, der lange in Deutschland, Italien, Australien und in mindestens einem halben Dutzend weiterer Länder gelebt hat und jetzt wie viele andere auch seinen Lebensabend auf der Insel verbringt, hat ihn mir gestern in einem kleinen Plastikanister mitgegeben. Ich hatte mich mit ihm ein wenig über die Landwirtschaft, das Wetter und die Menschen unterhalten und nachdem wir das erstmal auf Griechisch, dann auf Englisch und schließlich Italienisch versucht haben (in allem war er deutlich besser als ich!), haben wir dann irgendwann festgestellt, dass wir unser Gespräch, das längst zum Interview geworden war, eigentlich auch in Deutsch fortsetzen könnten. Selten ist das hier nicht, da sehr viele Kytheraner für kürzere oder längere Zeit im Ausland waren, oder dort aufgewachsen sind, viele – vor allem jene, die aus der Diaspora „heimgekehrt“ sind – verfügen über einen oder sogar mehrere Universitätsabschlüsse und es ist alles andere als selten, dass man mitten in einem gespräch plötzlich feststellt, dass das Gegenüber ein gefeierter Journalist oder Universitätsprofessor an einer Elite-Uni ist. Bei Interviews ist das mitunter etwas schwierig, weil das Gegenüber meist sehr genau weiß, wie das funktioniert, und daher ganz schnell auch den Spieß umzudrehen weiß…Aber ist denn das, was man selbst gefragt wird und darauf antwortet, nicht mindestens genau so informativ, wie das, was man selbst wissen will?

Und nein, für  den Wein bezahlen durfte ich natürlich wieder einmal nicht – nicht das die Kytheraner keinen Geschäftssinn hätten, sie sind sogar dafür berühmt, aber sie haben eben auch sehr viel Herz. Als Deutscher hat man da ganz schnell ein schlechtes Gewissen und fragt sich, warum das eigentlich bei uns nicht so funktioniert – na ja, manchmal schon, aber eben wesentlich seltener als hier…

Der Wein gleicht übrigens ein wenig dem, was wir in Schwaben „Schiller“ nennen würden und ist für südgriechische Verhältnisse erstaunlich fruchtig und leicht. Ich hoffe jetzt einfach mal, dass das leichte Schaukeln, dass ich gerade spüre, kein Nachbeben sondern einfach nur der Alkohol und mein durch das ganze Herumgefahre leicht gestörter Gleichgewichtssinn ist…

Giassas!

Kytheras Roter Platz

Kytheras Roter Platz

PS: Hier als kleiner Nachtrag noch ein Bild vom „Roten Platz“. Im Kloster selbst (das „kleine weiße Ding im Hintergrund“) sieht’s Gott sei dank aus wie immer – ein kleines Blumentopfgartenparadies mit faulem Streichelkater, nummerierten Gästezellen und goldglänzenden Ikonen: Kurz das kytheranische Paradies auf Erden. Das einzig neue war die junge Hausmeisterin, die unbedingt WOLLTE das ich photographierte (in Griechischen Klöstern eine Echte Rarität!). Und das Ungetüm von Kleiderschrank (das eher aussieht als ein zu groß geratener Beichtstuhl) mit den „geziemenden“ Klamotten für das ungeziemliche Weibsvolk (sorry das ist die wörtliche Übersetzung, Mannsvolk kann garnicht ungeziemlich sein, zumindest nicht Kleidungstechnisch ;-), ist inzwischen in eine Nische gerückt worden und soweit ich sehen konnte, gibt’s auch das mehrsprachige (inkl. handgezeichnete Comicversion) Schild nicht mehr auf dem Gott und die Heilige Jungfrau mahnend auf leichtbekleidete Frauen blicken.

Eigentlich schade drumm…, vielleicht ist’s ja auch nur zur Generalüberholung für die nächste Saison…oder sollte sich im heiligen Myrtidiotissa  (heilig, wirklich, mit echtem Gold, und Diamanten!, fast so heilig wie die Madonna Nikopeia in Venedig!) tatsächlich sowas wie ein „liberaler Geist“ breitgemacht haben und Frauen neuerdings in kurzen (!) Hosen herein dürfen…eigentlich nicht vorstellbar…oder?

Lasst’s Euch schmecken…ich hatte heute Lamm (weil grad zuviel davon da war) und selbstgebackene Cookies, und komisch schmeckendes Kranzbrod, und Ölbrot (das ist eine Geschichte für sich) und Kuchen war nach meiner Rückkehr auch noch da (Ich bin zwar anderer Meinung, aber meine Zimmerviermieterin  erklärte mir heute, ich sei hoffnungslos unterernährt! Ich liebe diese Art freundlicher Besorgtheit (Gastfreundschaft wäre hier ein viel zu schwaches Wort), auch und gerade weil sie manchmal sogar die Realität überwindet oder in – nicht ganz ernst gemeinte – Überlegungen mündet, ob man nicht an der einen oder anderen entfernten Nichte als Ehefrau interessiert sei ;-)).

Reise nach Kythera 8 – Von Eisvögeln und Erdbeben

Thalassa

Thalassa

Die Eisvögel sind wieder da!” So hat es mir gestern morgen stolz und mit freudvollem Grinsen ein kleiner Junge verkündet als ich auf der Suche nach meinem Kugelschreiber auf der kleinen Mole des Fischerhafens von Diakofi umherirrte. Da “Eisvogel” nicht zu meinem gängigen Griechischen Wortschatz gehört (der ist eher für so lebensnotwendige Dinge wie tanken, essen, Rechnungen, Entschuldigungen und Waschmittel reserviert ;-)) hab ich zuerst nicht verstanden was der kleine Dreikäsehoch von mir wollte.

Doch ein rascher Blick in Richtung der aufgeregt hin und herwedelnden Ärmchen machte sofort klar, was der Kleine mir mit glänzenden Augen versuchte zu erklären: Gleich zwei der schillernden Juwelen der Lüfte hatten sich – einfach so, und ohne sich um die etwas triste Umgebung zu kümmern – auf den weiß-rot gestrichenen Reelings der kleinen hölzernen Fischerboote niedergelassen und versuchten nun indem sie laut pfeifend hin und herflogen einige kleine Fische aus dem türkisfarbenen Wasser zu fischen.

Es brauchte wohl diesen optischen Schlüsselreiz um dann doch noch den entscheidenden “Klick” in meinem klassisch gebildeten Hirn auszulösen. Genauer: wie (fast) immer in Griechenland gibt es selbstverständlich auch für das winterliche Auftauchen von Eisvögeln eine passende antike Sage: Ceyx Gemahl von Halcyone, Tochter des Windgottes Äolus, fuhr eines Tages über das winterliche Meer, um bei einem Orakel Rat zu suchen. Sein Schiff geriet in einen Sturm und sank – Ceyx und mit ihm alle seine Mitreisenden ertranken. Daraufhin erhielt Halcyone im Traum eine von den Göttern gesendete Botschaft von dem Unglück. Verzweifelt ob des Verlusts ihres Gatten stürzte sie sich ebenfalls in die Fluten. Die Götter, von der Treue Halcyones beeindruckt, verwandelten sie und ihren toten Gatten in Eisvögel und gewährten der Schiffahrt alljährlich im Winter vierzehn ruhige, windstille Tage, die sog. Halcyon-Tage. Diese spielen auch eine ganz besondere Rolle in Henry Purcells “The Enchanted Island“, und welche andere Insel könnte mit diesem Titel gemeint sein als…richtig Kythera”

Der Grund für diese windstillen Tage ist allerdings etwas kurios und spricht nicht unbedingt für die genaue Beobachtungsgabe antiker Ornithologen. Nicht der Schutz der Seefahrer lag den Göttern am Herzen (wie häufig bei den launischen Olympiern handelt es sich hierbei eher um einen angenehmen Nebeneffekt), nein, die gnädige Zurückhaltung des Windgottes Äolus gilt seiner in einen Eisvogel verwandelten Halcyone, welche zu dieser Zeit angeblich brütend auf ihrem schwimmenden Nest auf dem glatten Spiegel des Meeres sitzt…

Und hier beginnt das Problem: Entweder antike Eisvögel verhielten sich komplett anders als ihre modernen Nachfahren – diese brüten in aller Regel in selbstgegrabenen Höhlen an sandigen Steilufern und Geländeabbrüchen und haben so recht wenig von einer ruhigen See, oder aber die antiken Urheber der Sage haben schlichtweg Seeschwalben (die brüten tatsächlich in ruhigen Meereslagunen auf schwimmenden Flößen aus Grünpflanzen) und Eisvögel miteinander verwechselt bzw. zu einer Art vermischt – Lebensraum und Umrisse beider Arten sind recht ähnlich und beide fangen bekanntlich Fisch…Sicher ist nur, dass ich das griechische Wort “(H)Alcyon” für Eisvogel so schnell nicht mehr vergessen werde…

Nicht genug damit, gegen Mittag riss der stärker werdende Zephir etliche Blüten von den Bouganveliennüschen und Hibiskussträuchern (wir haben hier immer noch Sommer!) und verteilte sie im kristallklaren Wasser der Bucht. Das Ganze sah aus, als hätte man in einem vernöstlichen Spa für Riesen eine gewaltige Badewanne voller türkis-rosa-weiß-rot gesprenkelten Ajurvedabadewasser mit “Exotikblütenbeilage” vorbereitet. Und ja, ich hab Bücher, Bücher sein lassen, mir nicht den Photo (der wär eh vom aufgewirbelten Sand kaputt gegangen) sondern die vorsorglich mitgebrachten Badesachen geschnappt und bin  mit Eisvögeln, Silberreihern, Bussarden und Falken als Zuschauern durch die ganze buntgetupfte Bucht geschwommen!

Mitten drinn im romantischen Herumgeplantsche begann es dann oben in den Bergen um Agia Moni zu rumoren. Erst ganz leise, dann lauter, als würde eine ganze Ziegenherde auf einmal über eine der Geröllhalden laufen. Aber da waren keine Ziegen, nur kleinere und größere Felsbrocken die von den Hängen hinunter ins Tal kullerten. Normalerweise ist das hier nicht weiter der Rede wert, kleinere Felsstürze passierten hier quasi im Minutentakt. Was mich dann aber doch etwas beunruhigte, waren die besorgten Gesichtern der Fischer, denen anzumerken war das es diesmal wohl etwas ernsteres war. Leicht besorgt und schweren Herzens verließ ich also meine Privatbadewanne (ich hatte wirklich die gesamte Bucht von Diakofti für mich allein!) und hab am Strand nachgefragt was denn los sei. “Seismos” Erdbeben, nicht besonders schlimm, aber man sollte sich wohl sicherheitshalber doch ein paar Meter den Hügel hinaufbewegen…Tzunami und so…

Gesagt getan, ich in den Badeklamotten durch den Ort, ab ins Auto und den Berg hochgefahren. Ob das wirklich eine Gute Idee war weiß ich im Nachhinein nicht so unbedingt; Ein Nachbeben auf der durch Felswände verlaufenden Straße von Diakofti zum Flughafen ist sicherlich kein Vergnügen…aber immer noch sicherer als eine Flutwelle unten in der Bucht…

Oben angekommen kam mir schon ein Baggerfahrer mit der Entwarnung entgegen. Es sei wirklich nicht so schlimm. Das Erdbeben habe vor Chan(d)ia – einer Stadt auf Kreta – ca. 80 Kilometer südöstlich von hier stattgefunden, Stärke 6,7. Auf Kythera gäb’s nur kleinere Schäden, keine Tzunamigefahr…

Dumm war blos, dass ich bei der ganzen Aufregung vergessen hatte, Sonnencreme und mein Hemd anzulegen! Resultat: Ein erdbebenverursachter Sonnenbrand! Mein vergessenes Hemd hab ich dann übrigens in der Bucht wiedergefunden, der Wind hatte es zwischenzeitlich über den Strand ins Wasser geweht…noch mehr Wäsche!

Die Fischer hatten sich erst garnicht vom Fleck bewegt. Ein Tzunami, so die einhellige Meinung, sehe anders aus…wie haben sie mir nicht verraten und ich glaub, sie haben sich insgeheim auch ein ganz klein wenig darüber gefreut, dass sie dem bleichen Touristen ein wenig Angst eingejagt hatten…jedenfalls lachten sie alle und fragten, warum ich denn so rot sei…

Zurück im Appartment war ich dann um drei echt Kytheranische Weißheiten reicher:

1) Traue keinem Riesen der Bouganvelienblüten in eine Mittelmeerbucht streut, er will spielen und macht dabei kleine Erdbeben! 😉

2) Ein Erdbeben ist noch lange kein Grund auf den Sonnenschutz zu verzichten!

3) Tzunamis sehen anders aus…wie weiß niemand so genau, da’s bisher vermutlich niemand der’s je gesehen hat weitersagen konnte…

Ein Blick in die Abendnachrichten belehrte mich dann übrigens, dass die Warnung der Fischer vielleicht doch nicht nur scherzhaft gemeint war. Auf dem nur 80 Kilometer entfernten Kreta hat das Erdbeben doch erhebliche Schäden angerichtet und wenn ich’s richtig verstanden habe hat’s auch Schwerverletze und eine, wenn auch sehr kleine Flutwelle gegeben.

PS: Noch etwas ist mir heute aufgefallen. Augenscheinlich verursacht nur Nordsturm (Boreas) Stromausfall. Zephir (Westwind)-Stürme sind zwar stärker (und unangenehmer, da sie heiß und sehr feucht sind, haben hier gerade gefühlte 35°C im Schatten) verursachen aber aus unerfindlichen Gründen keine blackouts. (jedenfalls noch nicht…).

Giassas!

Reise nach Kyhtera 7 – Busautobahnen und Walkürenritt

Ag. Myrtidiotissa Neue Straße

Ag. Myrtidiotissa Neue und alte Straße mit Felsdurchbruch

Nachdem wir hier gestern Gewitter und Stromausfall (Diakofti ist berühmt für seine Stromausfälle!) hatten und es mir angesichts der nach diesen Ereignissen gelegentlich etwas „überspannten“ Kytheranischen Stromleitungen nicht unbedingt ratsam erschien meinen geliebten Forschungslaptop anzuschmeißen, heute ein etwas verspäteter Bericht über meinen erneuten Besuch im kytheranischen Nationalheiligtum.

Der im Südwesten der Insel gelegene Ort nennt sich „Agia Myrtidiotissa“ und bedeutet soviel wie Maria im Myrthenbusch. Genauso sieht das ganze dann auch aus: Ein für Kytheranische Verhältnisse ziemlich großes Kloster in einem liebevoll gepflegten Garten, drumherum eine weißgekalkte Mauer, davor eine seltsame Kreuzung aus Aussichtspunkt und Kapelle (?) mit einem riesigen Kreuz darauf und drumherum ein paar Büsche in herrlicher Landschaft. Hinunter führt ein kleines, noch von den Briten während ihrer Zeit (1809-1863) auf der Insel gebautes Sträßchen, dass sich in gemütlichen Kurven durch die Schlucht schlängelt und durch seinen gewagten Felsdurchbruch, bei dem man nie so genau weiß wann er über einem einstürzen wird, eine gewisse Berühmtheit auch über Kythera hinaus erlangt.

Jedenfalls war das bis vor einem Jahr so…

Doch Stopp, was ist das? Da jammere ich – wenn auch nur in Form gelehrt-ironischer Aphorismen – vorgestern in meinem sehr deutschen Perfektionismus noch über die für Europäer (nicht meine Einteilung, so nennt man hier gewöhnlich die Menschen aus dem Norden, alternativ ist auch die Bezeichnung „Inglesi“ oder „germani“ für alles was ungefähr den Farbton von Blumenkohl hat üblich) arg gewöhnungsbedürftigen Straße, biege gerade gemächlich von Kalokairines  kommend um die Ecke und dann das!

Wum! Mitten im Nichts eine Autobahn! Jedenfalls das, was nach meinen inzwischen auf kytheranisches Maß zusamengestutzten Maßstäben eine Autobahn sein könnte! Vor mir liegt ein riesengroßer, hässlicher, schwarzer Lindwurm, nicht unähnlich dem Borstending, dass ich gestern in der Bucht von Diakofti gesehen hab, der sich unter möglichst großem Verbrauch an Beton, Leitplanken und Asphalt mit brachialer Gewalt durch die Landschaft wälzt! Kurz: Ich habe den Alptraum jedes Landschaftsschützers und Tourismusmanagers gefunden…Jedenfalls wäre das in Deutschland so.

Ich fasse mich, sehe mich etwas unsicher um, blicke zurück: das Ding ist immer noch da…Ich mag es nicht, und fahr auf der mir vertrauten alten Straße und durch den noch immer nicht zusammengestürzten Felsdurchbruch zum Kloster – sicher ist sicher. Dort erkundige ich mich erstmal bei der sehr freundlichen Hausmeisterin (leider ist es nicht mehr die alte Dame von vor vier Jahren, die mir damals erstmal ein paar Feigen angeboten hat und mir dann den riesigen Schlüssel zur Kirche besorgte) was das für ein komisches schwarzes Ding in der Landschaft sei…Sie lacht nur, und meint: das sei der Fortschritt, und wenn mich das schon stört soll ich mir erst mal den „Roten Platz“ hinter dem Kloster ansehen…ich flüchte mich in den Anblick der reich mit Gold geschmückten Ikone der Maria Myrtidiotissa, spreche ein Stoßgebet und ahne Böses…

Fortschritt ist in Griechenland ein Wort, dass der Tourist nur ungern hört. Sicher es hat schon seinen Sinn, dass es jetzt fließendes Wasser gibt das man sogar trinken kann (Eine Neuerung die hier an vielen Orten erst 2013 eingeführt wurde, davor gab’s nur ungenießbares Chlor-Nass dass der Tankwagen zweimal im Monat vorbeibrachte). Auch ist – verglichen mit dem staubigen Eselsweg den es vorher gab, die neue Straße von Diakofti zum Flughafen ein wahrer Segen, und auch gegen die von den Briten gebaute vielbogige Brücke von Katouni habe ich absolut nichts einzuwenden. Aber dass fleißige Helferlein seit meinem letzten Besuch 2008 die gesamte Umgebung des Klosters in einen riesigen Parkplatz aus rostbraunem Staub (das war es also, was die Hausmeisterin mit „Rotem Platz“ meinte…und wirklich, an Ausmaßen kommt es dem Moskauer Vorbild verdammt nahe!) verwandelt haben und man es außerdem noch für nötg befunden hat, diese „Autobahn“ mitten durch eine der schönsten Landschaften der Insel zu bauen, ist dann doch mehr, als mein kleines deutsches Herz erträgt. Wenigstens das eigentliche Kloster scheint nichts abbekommen zu haben…ich setze mich in den Schatten einer Araukarie, schnappe mir eine der Klosterkatzen die sich nach kurzem Wiederstand mehr als gern streicheln lässt und denke daran, was nun wohl in „παλιές καλές Γερμανία“ los wär: Unterschriftenlisten, Gutmenschenauflauf, Bürgerinitiative, Umweltgutachten, Schweigemarsch, Wutbürger, Randale…manchmal bin ich mir garnicht so sicher, ob „wir“ es wirklich soviel besser haben, da oben im kalten, nassen Norden… Und ja, es gibt da ein gewisses „Festival“ zum „Namenstag“ des Ortes im September, bei dem sich auch mal 2000-3000 Leutles in Agia Myrtidiotissa drängeln. Und ja der Doppelstöckige Reisebus, den sich irgendein Fuhrunternehmer im Größenwahn zugelegt hat passt eben nicht durch den kleinen Felsdurchbruch der britischen Straße…aber muss man deshalb gleich die ganze Landschaft verschandeln? Δεν ξέρω…

Klar, die Insel braucht Entwicklung. So wie bisher konnte es einfach nicht weitergehen, und klar, dafür ist auch der eine oder andere Neubau nötig. Aber müssen es denn immer und überall die gleichen Fehler, die gleichen naiven Bürgermeister und die gleichen nicht vom Heute ins Morgen denkende Gemeinderäte und gierigen Bauunternehmer sein, die garnicht genug Beton in die Landschaft klotzen können? Kythera hat das Glück im Moment noch nicht zu jenen griechischen Inseln – Mahnenden Angedenkens – zu gehören, welche im Namen des Tourismus ihre eigene Zukunft ruiniert und dabei gleich auch noch ihre Seele und Kultur geopfert haben…Doch jedes mal, wenn ich hierher zurückkehre, scheint die Insel einen weiteren Schritt in die falsche Richtung zu gehen…überall neue Villen und Baustellen, ein geradezu absurd in Gold und Grün glänzender Fußballplatz, den kein Mensch braucht, eine „Abkürzung“ der Straße, bei der ein ganzer Hüghel geopfert wurde, zahllose Appartmentblocks, und jetzt auch noch diese Autobahn und der Rote Platz, von den Plänen für Großhotels und einen Kreuzfahrthafen ganz zu schweigen…Man kann den Kytheranern nur wünschen, dass sie Fortschritt nicht mit Beton verwechseln, nicht auf die Versprechen des schnellen Geldes hereinfallen und sehr bald ein Gesamtkonzept für die Entwicklung der Insel entwickeln, dass auch an die Bedürfnisse ihrer Enkel und Urenkel denkt und nicht ausschließlich dem Hier und Jetzt verpflichtet ist.

Einfach wird es nicht, denn es bedeutet Selbstbeschränkung, Rücksicht auf die mehr als sensible Umwelt, genaues Abwägen welche Ressourcen für was geopfert werden (einmal weg, kommen sie nie wieder!) und einen sehr, sehr langen Atem…Alles Dinge die in Griechenland bisher vollkommen unbekannt sind, ja sogar als politisches „no go“ gelten. Hier wird man Politiker weil man möglichst schnell zu möglichst viel Geld kommen will (oder das von anderen verteilt, vorzugsweise an die eigene Familie) und gar nicht selten werben – ähnlich wie in der angrenzenden Türkei – Politiker auf ihren Wahlplakaten damit, wie viel Kubikmeter Beton in ihrer Amtszeit verbaut wurden. Dass der Sohn oder Cousin dabei der größte Baulöwe am Ort ist, können wirklich nur bösmeindende Fremde seltsam finden… Die aktuelle Krise könnte hier Chance und Weckruf sein, denn es gibt nichts mehr zu verteilen, abzustauben und zu unterschlagen…Man kann nur hoffen, dass am Ende vom Dorfbürgermeister bis zum Minister in Griechenland Politiker sitzen, die sich mehr dem Allgemein- als dem eigenen Wohl verpflichtet sehen…wirklich zuversichtlich bin ich in diesem Punkt nicht.

Und Agia Myrtidiotissa?

Nun, Religion ist ein kritisches Thema in Griechenland, sehr kritisch um genau zu sein…Ich habe keine Ahnung was die Madonna im Myrthenbusch (Agia Myrtidiotissa) zu der Neuen Straße und dem Parkplatz sagt, den sie ihr gebaut haben. Vielleicht gefällt ihr ja der ganze Rummel, vielleicht verdrückt sie angesichts der maßlosen Zerstörung der Umwelt um ihr Kloster aber auch ein kleines Tränchen…

Was ich aber sehr genau weiß ist, dass die Kirche und ihre ökonomische wie ideologische Kraft, sowie die nie erfolgte Trennung zwischen Kirche und Staat (wer’s genauer wissen will, der möge sich nur mal eine Vereidigungszeremonie von griechischen Ministern ansehen…) in Griechenland genauso am allgemeinen Klüngel beteiligt sind wie alle anderen. Um das zu erkennen brauchte es nicht erst die obskuren Geschäftspraktiken einiger Athosklöster, die Frauen zwar den Zutritt zu ihrer abgelegenen Welt verweigern, aber ganz große Player im Finanz- und Immobilienwesen sind…Die Klage über die mangelnde Distanz von Kirche und Staat in Griechenland ist alt, sehr alt sogar und vermutlich sollte ich es machen, wie die byzantinischen Kaiser oder meine geliebten Venezianer oder die Briten die – solange die Menge des abgelieferten Korns, Weins und Öls stimmte – einfach Augen und Ohren schlossen und im Großen und Ganzen jahrhundertelang alles so ließen wie es war…

Dummerweise fehlt mir dafür die nötige Arroganz. Um’s kurz zu machen die griechische Kirche hat Geld, viel zu viel Geld, unter anderem deshalb weil sie in Griechenland nach wie vor kaum Steuern zahlt und die Menschen hier ( vor allem aber in der Diaspora) bestärkt von geschäftstüchtigen Popen immer noch ´fest daran glauben, dass man sich den Himmel erkaufen könnte. Griechenland gehört zu jenen europäischen Ländern die nie eine Reformation, geschweigedenn eine echte Aufklärung erlebt haben…

Und dann kommt es eben, wie es kommen muss: Ein Priester klagt über die schlechte Erreichbarkeit des Klosters, ein edler Spender aus den USA will unbedingt, dass seine 89-jährige Großmutter im vollklimatisierten Reisebus auch noch das abgelegenste Kapellchen erreicht (so oder so ähnlich sieht nämlich die griechische Variante von „Pilgern“ aus, das ich als vielgeplagter Bamberger keinerlei Sympathien für jegliche Form des Reisebustourismusses mit all seinen negativen Auswüchsen mehr hege, muss ich glaube ich nicht extra dazu sagen), ein Blogger schreibt einen Spendenaufruf, und schon versammelt sich im Überschwang der „neuen Idee“ und „religiöser Ergriffenheit“ (gefährliche Kombi, nicht erst seit den Kreuzzügen!) die gesamte Kytheranische Community und plant. Man redet hinter verschlossenen Türen, steckt die gegenseitigen Pründe ab, arbeitet zusammen oder eben auch gegeneinander, intrigiert, bedroht, überzeugt und entdeckt praktischerweise, dass irgendeinem Verwandtem rein zufällig eine Baufirma gehört die das alles „ganz billig“ machen kann. Ist das getan apelliert man nochmals an das religiöse und nationale „Griechentum“ und die überbordende Heimatverbundenheit der Diaspora und schon hat man genug Geld für jedes noch so wahnsinnige Projekt zur Ehre Gottes und der Agia Myrtidiotissa beisammen – ob es der nun gefällt oder nicht!

Vielleicht bin ich jetzt einfach zu „deutsch“ um das alles zu verstehen. Vielleicht habe ich als „Auswärtiger“ und „Ungläubiger“ auch garkein Recht über all das zu Urteilen und vielleicht sollte man als moderner Ethnologe auch gut daran tun alles erst mal aus einem „einheimischen Blickwinkel“ zu sehen bevor man eigene Urteile fällt… (tu ich gerade übrigens, denn ganz so glücklich ist man auf der Insel mit der „Autobahn“ auch nicht, jedenfalls nicht alle…). Vielleicht sollte ich mich auch nur an das alte Sprichwort „Si tacuisses, philosophus mansisses“ halten. Aber wer will in der heutigen Welt schon noch Philosoph sein? und vor allem: wer dankt es einem noch? …alora…

Wie passend, dass das lokale Bildungsradio bei meiner Heimfahrt durch die Schluchten und Hügel des Mandres Wagners Walkürenritt spielte. Es passt zu meiner Laune. Kurz davor war’s noch um Jürgen Habermas gegangen und ich hab ehrlichgesagt den Zusammenhang nicht recht verstanden..Und hoffe nun einfach mal, es war die etwas verunglückte Assoziation eines mit Deutschland und den Abgründen der Deutschen Geschichte nicht ganz so vertrauten griechischen Redakteurs und keines dieser unseligen „Deutschland-Bashings“ wie sie in letzter Zeit in den griechischen Medien leider immer öfter vorkommen…Vielleicht sollte ich für heute wirklich aufhören. Das Deutsch-Griechische Verhältnis ist eine mehr als komplizierte, und alles andere als schmerzfreie Angelegenheit für beide Seiten. Es begann mit dem Traum eines nicht-gewollten Königs, wurde zu gegenseitiger Enttäuschung und schließlich offenem Hass, nachdem Wehrmacht und SS Hunderttausende durch ihre Besatzungspolitik in den Hungertot getrieben haben. Nach dem Krieg wurde es dann zu einer, nicht immer ganz einfachen Wiederannäherung, Abertausende von griechischen Gastarbeitern trugen ihren Anteil dazu bei, dass das Deutsche Wirtschaftswunder Realität wurde…und Griechenland…nun bis zum Ende der Militärdiktatur in den frühen 1980er Jahren ging’s hier nicht wirklich voran. Sicher die Deutschen sie kamen als Touristen, bekamen von dem, was hier geschah kaum etwas mit, genossen Wein, Wärme und Sonne…Dass da unter der Oberfläche einiges weitergärte, dass eben nicht alles Eitel Sonnenschein war bemerken viele erst jetzt, wo allen das Geld ausgeht…Dass dabei beide Seiten noch einen langen Weg vor sich haben und sich von vielen liebgewordenen Vorurteilen, Forderungen und Kampfbegriffen endgültig verabschieden müssen…on verra bien…

Giassas und seid dem Schutz der Agia Myrtidiotissa allzeit anbefohlen!

ALex