(K)ein Recht auf Leben_zur aktuellen Debatte um ein Verbot pränataler Gentests

SelektiertFür Eingeweihte, Interessierte und Betroffene wirken die zur Zeit durch die Medien gehenden Berichte über die von Behinderten-Organisationen (das Wort ist wenig glücklich, aber mir fällt gerade auch nichts besseres ein) geforderten Verbote pränataler nicht-invasiver Bluttests mit denen Behinderungen wie Trisomie 21 und andere „Gen-Deffekte“ diagnostiziert werden in ihrer Verspätetheit fast zynisch.

De facto leben wir seit der Einführung des „PraneaTests“ der Konstanzer Firma Livecodexx 2012 in einer Welt, in der die Selektion potentiell behinderter oder auch nur „kranker“ Föten nicht nur Realität ist – das ist er spätestens seit Einführung der Pränataldiagnostik (PND) – seit Ende der 1950er Jahre, sondern quasi risikolos geworden ist und in der, wie Gerd Weimer, Behindetenbeauftragter von Baden-Württemberg es formuliert „Das Designer-Baby sich am Horizont abzeichnet“.

So sehr es Befürworter der PND auch verneinen, und so sehr die Hersteller diverser pränataler Früherkennungstests es auch bestreiten. De facto dient die PND seit ihrer Ersteinführung vor allem dafür werdenden Eltern eine Rechtfertigung dafür zu bieten potentiell unerwünschtem Nachwuchs sein Recht auf Leben abzusprechen. Dies mag spitz, ja polemisch formuliert sein, doch die seit Beginn des „Ultraschallzeitalters“ erfolgte Abtreibung Millionen weiblicher Föten in Indien oder China oder der seit den 1960er Jahren zunehmende gesellschaftliche Druck (inklusive der gesetzlichen Legitimierung) zur Abtreibung potentiell „behinderter“ Föten – hier insbesondere jener mit der verhältnismäßig „leicht“ zu diagnostizierenden Trisomie-21 (früher diffamierend auch „Mogoloismus“ genannt), von denen zwischenzeitlich weit über 98% abgetrieben werden – zeigt dass die PND, ob von ihren Erfindern gewollt oder nicht gewollt, genau dazu genutzt wird. Befürworter dieser Praxis heben dabei das Selbstentscheidungsgrecht der Frau, die enorme psychische, soziale und finanzielle Belastung durch ein behindertes Kind oder – und dies wird zunehmend gesellschaftlicher Konsens – das angebliche Recht der Eltern auf ihr „Wunschkind“ – man könnte technisch auch von „erbgesundem Nachwuchs“ (und ich verwende hier sehr absichtlich die Terminologie der NS-Zeit) sprechen.

Doch wollen wir wirklich in einer Welt leben, in der Menschen kein Recht mehr zu Leben haben, welche nicht perfekt sind, das falsche Geschlecht haben oder einfach nur nicht den hochgesteckten Karriere- und Leistungsansprüchen ihrer Erzeuger entsprechen und in der werdende Eltern und die sie umgebende Gesellschaft den „(Überlebens-)Wert“ eines Menschen nur nach dessen Nutzwert für Wirtschaft und Gesellschaft messen? Wollen wir eine längst reale Welt , in der sich Mütter und Väter „behinderter“ Kinder von Ärzten, Nachbarn und Verwandten anhören müssen, dass „sowas heute doch wirklich nicht mehr nötig“ sei? Wollen wir, dass die Eigenschaften eines Menschen klassifiziert und nach „nützlich“ oder „unnütz“, „lebenswert“ oder „lebensunwert“ beurteilt werden, oder wollen wir daran festhalten, dass jeder Mensch einzigartig ist und allein schon aufgrund seines Menschseins ein unbestreitbares Recht auf Leben hat?

Ich weiß, ich wage mich mit diesen Fragen auf ein sehr heißes Terrain, bei dem man sich nicht nur in philosophisch, ideologisch und politisch vermientes Gebiet vorwagt, sondern sich auch sehr schnell mächtige Interessengruppen von Industrie und Wirtschaft, welche Menschen auf den Status von Humankapital reduzieren, sowie die gesamte feministische Welt sehr schnell zu Feinden macht, und es darüberhinaus mit vorgeblichen „Freunden“ und Unterstützern aus der Fundamentalistisch-rechtskonservativen bis – radikalen Ecke zu tun bekommt, die man vielleicht garnicht haben will.

Was ich an dieser Stelle bezwecke ist jedoch kein völliges Abtreibungsverbot oder eine Stigmatisierung von Frauen die sich, aus welchem Grund auch immer dazu gezwungen sehen abzutreiben. Eine Abtreibung ist kein Spaß den man einfach nebenher macht. Ihr geht immer ein schwerwiegender Konflikt voraus und niemand kann mir ernsthaft erzählen, Frauen würden sich zu einem solchen Schritt leichtfertig entscheiden. Ob sie immer bis ins Letzte durchdenken welche Langzeitwirkungen dieser Schritt haben kann, und ob dieses „Vorausdenken“ überhaupt möglich ist, ist eine andere Frage. Aber meiner Erfahrung nach ist es für keine Frau leicht sich gegen ein Kind zu entscheiden. Auch könnte man angesichts des Fakts das zum „Kindermachen“ meist mehr als eine Person gehört und der Akt der Abtreibung stets die elementaren Rechte mehr als nur einer „Person“ tangiert sehr lange und vermutlich auch sehr kontrovers darüber reden, debatieren und ganz sicher auch streiten ob die juristische Prämisse, dass allein die Mutter darüber entscheidet ob ein Kind abgetrieben wird oder nicht der Weisheit letzter Schluss ist (Wobei ich hier gleich dazu sagen muss, dass mir auch bei längerem Nachdenken keine andere praktikable Lösung einfällt…).

Doch ist das garnicht die eigentliche Frage die ich mit hier stelle. Es geht mir mit diesem Post vielmehr um eine grundsätzliche Hinterfragung der gesellschaftlichen Begleitumstände, Konventionen und Menschenbilder, die zu einer Abtreibung führen. Was, wenn es morgen nicht „nur“ Föten – oder sollten wir nicht doch besser von werdenden Menschen reden? –  mit Down-Syndrom sind, die man selbst nach ablauf der 12-Wochenfrist straflos abtreiben darf (und nach Meinung eines stets wachsenden Anteils der Bevölkerung auch soll?) Was wenn – wie in den USA längst üblich – eine genetische Disposition für Übergewicht, Astma, Rheuma, Sommersprossen oder die falsche Augenfarbe in Zukunft auch bei uns über Leben und Tod entscheiden? Was wenn morgen irgendein Epigenetiker tatsächlich das „Schwulen-Gen“ entdeckt, oder wir ein „Faulheits-Gen“ finden? Treiben wir diese Föten dann auch genauso ab, wie wir es mit den Trisomie-21-diagnostizierten tun, nur weil sie nicht in unser Werte- und Lifestyle-Konzept passen?

Wir alle sollten uns bewusst sein, dass wir, seitdem die Pränataldiagnostik die Tür zur „pränatalen Selektion“ geöffnet hat, jeder von uns das potentiell nächste Opfer des Selbstverwirklichungs und Perfektionierungswahns unserer Zeit sein könnten. Gerade wir Deutschen sollten aufgrund unserer Vergangenheit sehr genau nachdenken, ob wir wieder eine Form der Eugenik – und nichts anderes Verbirgt sich im Fall der Abtreibung behinderter Föten hinter dem Begriff „medizinische Indikation“ (weiter) zulassen wollen. Die neuen Bluttests sind dabei nur ein Baustein einer immer weitgehenderen, perfektionierten und auf Perfektion abzielenden Pränataldiagnostik und einer Gesetzgebung, welche das elementare Menschenrecht auf Leben dem Recht auf das (gesellschaftlich wie privat zunehmend als alleinige „Norm“ definierten) „gesunden“ Wunschkind und die eigene Selbstverwirklichung (der Mutter?) unterordnet. Es wird Zeit sich der Problematik dieser Entwicklung und der ihr zugrundeliegenden Definition von „lebenswertem“ Leben zu stellen. Der Grad zur gezielten Ausselektierung angeblich „lebensunwerten“ Leben ist schmal, wenn er denn in der Praxis überhaupt vorhanden ist, wie das Beispiel der beinahe totalen „Eliminierung“ Trisomie 21-diagnostizierter Föten zeigt. Wie sagte die selbst Trisomie 21-habende Hauptdarstellerin des Filmes „Be my baby“ Carina Kühne anlässlich einer Diskussion auf einem Filmfestival so treffend: „Menschen wie ich sterben nicht aus, sie werden ausgerottet, weil unsere Gesellschaft sich Menschen wie mich nicht mehr leisten will.“

Und nein, ich bin ganz gewiss keiner jener religiösen Fundamentalisten, welche Pränatale Diagnostik, Abtreibung, die Pille oder Verhütung rund heraus verbannen. Dafür kenne ich die Nöte, Zumutungen, Langzeitfolgen und alltäglichen Demütigungen die mit der Eintscheidung für oder gegen ein Kind verbunden sind auch aus eigener Erfahrung viel zu gut.  Ich weiß einfach nicht, was ich einer jungen, talentierten Schauspielerin wie Carina Karina Kühne antworten soll? Wie soll ich ihr erklären (und will ich überhaupt erklären!), warum es in einer der reichsten Gesellschaften der Welt so unglaublich schwierig Kinder zu bekommen und großzuziehen, vor allem dann, wenn sie eben nicht ganz perfekt sind… Warum sind Kinder der sicherste Weg in die Armut, warum emfinden werdende Eltern ein Kind (erst recht ein behindertes Kind!) als Einschränkung, ja existentielle Bedrohung und nicht mehr als Bereicherung, und warum glauben wir, ein Recht oder – noch schlimmer – die Pflicht auf ein „gesundes“ „perfektes“ „leistungsstrakes“ „normales“ Kind zu haben oder haben zu müssen?

Fragen die wir viel zu lange den werdenen Müttern alleine überlassen haben. Fragen die wir als Tabus und politisch „heikel“ viel zu lange aus unserem Leben verbannt haben. Fragen, denen wir uns – wenn wir nicht wollen, dass sie „qua medizinischem Fortschritt“ einfach ohne uns und ganz „en passon“ durch Faktenlage entschieden werden – stellen müssen und deren Folgen und Auswirkungen auf unser Eigen- und Menschenbild, unsere Hoffnungen, Ängste und Ideale endlich offen und kontrovers debattiert werden müssen. Das ist es, wozu ich mit diesem post anregen will, nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.

 

 

Weitere Denk-an-stöße und Weiter-führendes zum Thema:

„Vom Leben und vom heiligen Zorn“ , Link zu meinem Beitrag zum Film „be my baby“ vom Dezember 2014 in dem ich mich ebenfalls mit der Thematik auseinandersetze:

http://wp.me/p2SJFH-ww

 

Link zu einem aktuellen Artikel von Spiegel-Online zum Thema „Blutgentest“:

http://www.spiegel.de/gesundheit/schwangerschaft/praenatest-und-weitere-down-syndrom-bluttests-kritisiert-aber-genutzt-a-958721.html

 

Beitrag von Carina Kühne zum Film „Be my baby“:

https://www.aktion-mensch.de/blog/beitraege/be-my-baby-meine-erste-filmerfahrung/

 

 

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Tageshaiku 17_Von Sternen, Kindern und Fischen

Im Bach ein toter Fisch.

Ich bin traurig,

und denke an (m)ein nicht gewolltes Sternenkind.

Adventskalender 2014 – 3. Türchen – Vom Leben und vom heiligen Zorn

Ein Stern

Ein Stern

Heute ist der internationale Tag der Menschen mit Behinderung. Ich könnte nun lange über Benachteiligung, Ausgrenzung und Ablehnung schreiben.

Aber ich mache das jetzt anders:

„Be my baby“ – Vor kurzem hatte ich bei den Filmfestspielen in Biberach a. d. Riß nicht nur die Gelegenheit diesen wirklich außergewöhnlichen Film zu sehen, sondern danach auch mit den Regisseuren und der Hauptdarstellerin über diesen Film zu diskutieren. Normalerweise vergisst man solche Ereignisse sehr schnell wieder, reiht sie ein in den Alltag. Bei diesem Film ging das nicht, er ließ mich nicht mehr los, und ich frage mich bis heute, weshalb er nur am 01.12.2014 um 0:05h als Teil der Sendereihe „kleines Fernsehspiel“ im ZDF zu sehen war (und dadurch keinen Kino-Verleih fand, da er sich – weil in der Mediathek abrufbar – wohl ökonomisch nicht mehr lohne…Filmförderung und PPP können ihre Nachteile haben…).

„Be my baby“ handelt von einer Jungen Frau mit Down-Syndrom, die sich lediglich etwas so „normales“ wie eine eigene Familie, Glück, Geborgenheit und Liebe wünscht, schwanger wird und sich damit plötzlich einer ganzen Phalanx aus Vorurteilen, Ablehnung, gesellschaftlichen Konventionen, Tabus und Verboten gegenübersieht.

Neben den eindringlichen Bildern und Szenen des Films, war es  vor allem die Hauptdarstellerin des Films Carina Kühne, deren selbstbewusste und keinesfalls „publikumskonformen“ Antworten auf die von falscher Zurückhaltung und Rücksichtnahme, Mitleid und Gutmenschentum geprägten Fragen des Festival-Publikums mich beeindruckten.

Daß eine Frau mit Down-Syndrom als Schauspielerin erfolgreich sein kann, mochte für die meisten im Saal ja gerade noch angehen. Daß dieselbe, kleine, ja zerbrechlich wirkende junge Frau der versammelten Presse und dem großteils aus GrundschullehrerInnen und Jung-AktivistInnen im Pollunder-Look bestehenden Publikum dann aber knallhart um die Ohren haute, dass seit der Einführung eines Schnelltests auf Trisomie 21* vor einigen Jahren über 99,5% der Föten mit dieser spezifischen Gen-Mutation abgetrieben würden – und man sie sich ruhig noch einmal genau ansehen sollte, weil die Menschen mit Down-Syndrom demnächst ausstürben, war einigen dann doch zu viel der selbstbewussten Inklusion.

Und doch, es stimmt, wir – d.h. unsere Gesellschaft will sich Menschen wie Carina Kühne nicht mehr „antun“. „Schwangerschaftsabbruch mit embryopathischer Indikation“ wie es so schön im Gesetz von 1995 heißt. Kinder mit Behinderung würden die „körperliche oder seelische Gesundheit der Schwangeren, unter Berücksichtigung ihrer gegenwärtigen und zukünftigen Lebensverhältnisse, in unzumutbarer Weise beeinträchtigen“ so die Argumentation. Ihre Abtreibung ist in Deutschland bis zur 22. Schwangerschaftswoche üblich (und während der gesamten Schwangerschaft straffrei), in den Niederlanden und anderen Nachbarländern auch noch danach…Man will diese Kinder nicht, sie beeinträchtigen, verursachen Kosten, brauchen unsere Hilfe und Zuwendung…

…und so sterben sie aus, die Menschen wie Carina – oder besser gesagt, sie werden sehr bewusst und mit voller Absicht ausgerottet. Nicht weil sie nicht ein erfülltes Leben führen könnten,  sondern weil sich unsere auf Leistung und Maximaleffizienz getrimmte Wettbewerbsgesellschaft keine „mangelhaften“ Mitglieder mehr leisten will.

Es ist in Deutschland noch gar nicht lange her, das wir das „Euthanasie“ nannten…nur dass es damals noch keine Pränataldiagnostik und keine Schnelltests gab, und man die Behinderten nicht als Embryo, sondern erst nach ihrer Geburt als „lebensunwertes Leben“ entsorgte.

Und nein, ich verurteile hier nicht die Schwangeren, die heute nicht mehr wissen wie sie in dieser Weltnoch ein behindertes Kind  großziehen sollen und sich deshalb bei der Diagnose „Behinderung“ für einen Schwangerschaftsabruch entscheiden (müssen).

Ich verurteile die Welt, die Eltern mit behinderten Kindern ganz ernsthaft fragt „Ob sowas denn heute wirklich noch sein muss“.

Ich verurteile jene, die sich beschämt und angeekelt wegdrehen, wenn ein Mensch mit Behinderung sie anspricht oder um Hilfe bittet.

Ich verurteile jene, die meinen, ein behinderter Mensch sei kein vollwertiges Mitglied unserer Gesellschaft.

Ich verurteile jene, die – vorgeblich aus besten Motiven – Behinderte bevormunden, wegsperren, ab- und aussondern.

Ich verurteile die Arbeitgeber, die sich lieber durch eine Strafzahlung freikaufen, als einen Menschen mit Behinderung einstellen.

Ich verurteile die Ökonomen und Ärzte, die im Namen des volkswirtschaftlichen Schadens die Abtreibung behinderter Föten fordern.

Ich verurteile die FrauenrechtlerInnen und FemministInnen, die sich im Namen eines angeblich selbstbestimmten Lebens der Schwangeren zu Richterinnen über Leben und Tod aufschwingen.

Ich verurteile die Nachbarn, Freunde, Väter, Verwandte und Großeltern, Behörden und Politiker, die die Schwächsten in unserer Gesellschaft am liebsten vergessen würden, und sie – dort wo dies nicht möglich ist – mit schönen Versprechungen auf den Sankt Nimmerleinstag vertrösten.

Ich verurteile und ich habe einen „heiligen Zorn“ – wie man im Schwäbischen so schön und treffend sagt.

Trotzdem, oder gerade deshalb lohnt es sich diesen ganz besonderen Film anzusehen, und selbst darüber nachzudenken, was es bedeutet, wenn es in unserer Welt bald keine Menschen mehr mit Down-Syndrom und anderen Behinderungen mehr gibt.

Link zur ZDF-Mediathek:

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2280720/Be-My-Baby?setTime=6.75#/beitrag/video/2280720/Be-My-Baby

* So die medizinisch korrekte Bezeichnung von Down-Syndrom bzw. dem, was man früher als „Mongoloismus“ bezeichnete.

Reise nach Kythera 10 – Zwischen Heidiland und Down Under oder: Neulich am Strand von Diakofti…

Hellas !

Hellas !

„Grüazi, sid’s Ihr au vo Züri dô“

Genauso wenig wie „Baden am Strand“ normalerweise zu den Aufgaben eines fleißigen Feldforschers gehört, würde man diese Frage an einem kleinen Sandstrand südlich des Peloponnes erwarten. …Doch auf Kythera funktionieren Kathegorien wie „man würde nicht erwarten“ oder „noralerweise“ nicht, jedenfalls nicht so, wie im guten alten Mitteleuropa.

Kyhtera ist anders – nicht nur im Reiseprospekt! Der Strand von Diakofti ist Mitte Oktober einfach der beste Ort an dem „Forscher“ ganz zwanglos und unter dem mehr als mäßigen Schatten einiger Strandzypressen (ich bin immer noch überzeugt, dass es nichts anderes als reichlich zerzauste Tamarisken sind…) mit Leuten aus aller Herren Länder ins Gespräch zu kommen.

Das diese Menschen es zufälligerweise gerade auch Leid sind sich neuerdings erfolgreich „Wanderwege“ nennende, felsbrockenübersähte Ziegenpfade auf und abzusteigen, ist ein angenehmer Nebeneffekt, aus dem sich dann auch gleich trefflich ein improvisiertes Interview zur touristischen Zukunftsentwicklung der Insel basteln lässt.

Ergebnis eines dieser „Gespräche“ war, dass auf der Insel dringend eine Abordnung des schweizerischen Alpenvereins tätig werden müsse, die bei der Gründung einer örtlichen Gruppe tatkräftige Hilfe leisten könnte, damit die letztendlich die Wanderwege in einen „menschenwürdigen“ Zustand versetzen sollte…Ich vermute jetzt einfach mal, dass niemand außer mir den Zustand der Wege vorher kannte. Ich finde sie mehr als vorbildlich und auch durchaus „menschenwürdig“ ;-).

Außerdem wollte ich mich heute ja mal kurz fassen…

Man (also der Feldforscher im nicht mehr so ganz funktionierenden Inkognito – Griechische Inseln sind eben in der Nebensaison sehr klein…) liegt also  teilnahmsvoll teilnehmend beobachtend am Sandstrand. Auf dem Kopf ganz stilecht einen falschen Panamahut und in den Händen einen gar nicht mal so schlechten amerikanischen Roman…nicht jeder Neuankömmling muss gleich sehen, dass man über die Insel forscht…man wird hier sonst sehr schnell zum unfreiwillig-inoffiziellen Reiseführer verdonnert…

Deshalb ist auch alles deutschsprachige auf dem Buchcover oder an der Kleidung tabu – schließlich muss angesichts der aktuellen „Beziehungskrise“ zwischen Hellas und Germania nicht jeder sofort wissen, woher man kommt…Es erspaart einem die eine oder andere reichlich sinnfreie politische Diskussion auf der Metaebene…Wobei, im Gegensatz zu ihren Athener Brüdern sind die Kytheraner in diesen Dingen – meist – wesentlich realistischer. Es wird hier eben nicht alles so heiß gegessen wie es auf dem Syntagma-Platz gekocht wird, und man ist weltgewandt genug, dass man auch mal den kritischen Abstand zu allzu nationalistischen Tönen der eigenen Regierung wahren kann…Außerdem…es gibt hier genug lokale politische Themen über die man sich – selbstverständlich in Englisch – die Köpfe heiß reden kann…

Das heißt nun nicht, dass meine Interviewpartner nicht sehr genau wüssten, wer ich bin und was ich mache…Diesmal gab’s sogar extra Flyer mit Bild und zentralen Fragestellungen der Arbeit (Erfolg des Ganzen war, dass die Hälfte meiner Interviewpartnerinnen es nicht lesen konnte, weil sie zu eitel waren eine Brille zu tragen und die Andere Hälfte sich in herzlichen aber liebevoll darüber amüsierte, wie unglaublich organisiert und „deutsch“ ich doch sei…Das nächste Mal also keine Flyer mehr…

Grundsätzlich gesagt ist es hier aber für die „Erstbegegnung“ wie in allen „kleinen griechischen Bergdöftern“ (Titel eines berühmten ethnologischen Standardwerkes) schlichtweg besser, wenn nicht jeder sofort weiß wer man ist, und was man macht, sondern sich erstmal auf „normaler“ Ebene kennenlernt. Andernfalls bekommt man außer dem üblichen „Kythera ist eine wundervolle Insel um darauf Urlaub zu machen“ -Stereotyp nichts sehr viel zu hören und sehen.

Immerhin war hier noch niemand so überengagiert, dass er mir – wie in Franken bereits zwei mal passiert – seine gesamte Sippschaft in Tracht mit Schnaps, Brot und Schinken auf den Hals hetzte…Es damals ja war nett gemeint, aber…

Zurück nach Kythera: Nach etwas über zwei Wochen, die ich jetzt hier bin, weiß eh jedes Kind wo ich hingehöre und was ich mach (die ersten bringen mir schon kleine „Inselandenken“ in Form von Disteln, Sempervivablüten (Inselblume) und bunten Kieselsteinen – Ich habe gerade etwas Angst wegen der Kosten für Übergepäck und fühl mich außerdem wie Malinovsky an seinem berühmten Schreibtisch…Die Welt ist klein hier…sehr klein…Die Menschen sind (noch!) außerordentlich nett und hilfsbereit und sehr stolz, wenn sie einem etwas neues zeigen können (manchmal auch zu sehr, aber woher sollen sie denn auch wissen, dass ich den Weg nach Amir Ali wahrscheinlich besser kenn als sie selbst und nicht auf jedem Quadratzentimeter Schutz vor herumstreunenden Katzen, Brombeerdornen, Libellen (die „stechen“ nach mediterranem Volksglauben nämlich…dafür scheint man vor Hornissen – die zwar nicht tödlich sind, aber sehr fieß zustechen können – keinerlei Angst zu haben) und gefährlichen Herbstblättern (sic!) brauche. Auch das ist nett gemeint, und nie auf- oder zudringlich, sondern immer Ausdruck der besonderen Sorge um den geschätzten Gast. Dass ich dabei gelegentlich auch zum Aufpasser der Kiddis wurde und nicht andersherum…mein Gott, das passiert und ist eigentlich eine hohe Auszeichnung, weil die kytehranischen Mütter mir, dem Fremden, in dieser Hinsicht ganz offensichtlich blind vertrauen. Nur eilig sollte man es eben nicht haben…Vielleicht tut mir das bisschen Entschleunigung auch ganz gut. Es hilft zu vestehen, warum hier jahrhundertelang Dinge sehr anders funktionierten als im durchorganisierten und punktgetakteten Deutschland, nicht weil man etwa faul oder unmotiviert gewesen wäre – wie es die gehässige Deutsche Fama nur allzu gern über Griechen verbreitet – sondern weil es die Natur der Insel und ihre sehr begrenzten Ressourcen einfach nicht anders zuließ.

Ruhe, Kluge Selbstbeschränkung und Zurückhaltung – kurz das richtige Maß – waren hier nicht nur abstrakte philosophische Tugenden – sie waren und sind überlebenswichtig. Auf einer Insel, auf der man nie wusste, wann der nächste Piratenüberfall kommen, die nächste Ernte ausfallen, oder die Winterregen ausbleiben konnten, das wenige Vieh geraubt oder von einer Seuche hinweggerafft würde, oder monatelang wegen Stürmen und kriegerischer Konflikte kein Schiff mehr durchkam – tat und tut man gut daran, die eigenen Wünsche, Hoffnungen und Erwartungen nicht allzu hoch in den Himmel wachesen zu lassen und langam, bedacht und beständig anzugehen – Vielleicht ist dies das eigentliche Geheimis des weltweiten Erfolgs jener Kytheraner, die in andere Länder ausgewandert sind. Sie haben Träume, große sogar – aber sie vergessen nie, dass es harter Arbeit und einen sehr langen Athem braucht um diese auch umsetzen zu können. Diese ruhige, bescheidene, realistische, freundliche, aufgeschlossene, niemals aufdringliche Art, die erst einmal abwartet, nichts überhastet, nachdenkt und erst dann entscheidet und auch vor Mühe und Rückschlägen nicht zurückschreckt ist es, die mir hier auffällt.  Man kann nur hoffen, dass dies so bleibt, und die Bewohner der Insel sich nicht von der Aussicht auf schnellen, aber zerstörerischen Profit blenden lassen – wenn das gelänge wäre es eine der ganz großen Ressourcen und Alleinstellungsmerkmale der Insel.

Zurück nach Diakofti: Der teilnehmende Feldforscher liegt also gerade teilnehmend beobachtend am Strand, wehrt den örtlichen Strandhund ab (der gute, arme, alte Kerl hat die dumme Angewohnheit sich ERST ins Wasser zu werfen und sich DANN pitschnass auf einen fallen zu lassen, andersrum wär echt praktischer, aber das kapiert groß Jannis nicht. Es gibt übrigens auch den kleinen Jannis, der ist aber der Sohn eines der Fischer – ich hoffe, dass groß Jannis, wenn klein Jannis groß ist nicht mehr ist, ansonsten wird das echt verwirrend…

Man liegt also so da, ließt amerikanische Romane und denkt an nichts böses als urplötzlich zwei blondgelockte Schönheiten im Bikini in breitestem Züri-Dialekt über die Insel, die Schwachheiten der lokalen Männerwelt und die ach so „korrekten“ Schweizer berichten…was die zwei nun aber nicht wussten (sie wussten sonst alles, der Opa war schließlich der Inhaber des alten Kaffées in Bimberlesdrianika…), war, dass der „Grieche“ zwei Meter neben ihnen (er hatte sich wirklich wunderbar als Grieche getarnt, sogar die Hautfarbe passte!…Chapeau!) auch Kythera-Schweizer war, und – und das machte sie Situation erst interessant – ein langläufiger Cousin 2. Grades mütterlicherseits…Das nachfolgende Gespräch und das allgemeine Erstaunen war beiderseits, kurz und heftig.

Mich hingegen wundert hier garnichts mehr, da ich in den letzten zwei Wochen mehr schwizerdütsch als Griechisch zu hören bekommen habe. Offensichtlich gibt es einen neuen Trend und die Greko-Kytheranisch-Schweizerische Community, sowie die gesamte greko-affine Teil der hochalpinen Wandersektionen Zürich-Land, Zürich-Stadt, Toggenburg, Appenzell-Innerroden, Bern-Oberland und Solothurn haben sich hier zu einem inoffiziellen Meeting mit ihren englisch- und schwedischsprachigen Mitstreitern verabredet. Das Wandertourismuskonzept für die Nachsaison scheint aufzugehen.

Das Ganze hat auch etwas amüsantes. Es ist einfach zu herrlich zu beobachten, wie blumenkohlfarbene Menschen (ich war bis vor Kurzem auch noch so einer, jetzt bin ich irgendwas zwischen Rot und Braun) im absolut stereotypsten Wanderoutfit auf einer an sich relativ übersichtlichen Insel, völlig verwirrt und leicht peinlich berührt auf der Suche nach dem Weg zum Kolokothrinesdenkmalsgedächtnisweg zwischen Strandliegen und Sonnenschirmen herumirren.

Auf ihren Gesichtern einen Ausdruck, der sehr deutlich macht, dass sie es absolut nicht fassen können, dass hier Ende Oktober noch Hochsommer ist (jedenfalls für Nordeuropäische Verhältnisse) und die Frage, warum sie – wo sie doch sonst allen möglichen und unmöglichen Nonsens mit sich herumschleppen (Wanderführer in drei Sprachen, IPod mit den 600 schönsten Wanderliedern vom Montanara-Gebirgsschützenchor, Kletterausrüstung, Astronautennahrung…- Keine Badeklamotten eingepackt haben.

 

Seltsamerweise ist noch niemand von den „Naturburschen jenseits der 60“ (Selbstbezeichnung…wir hatten hier gestern vor dem Zefiros ein Meeting der „Lustigen Holzhackerbuam“…“Meine“ armen Kytheraner wurden in die Kunst des Schuhplattelns eingeführt…) auf die Idee gekommen ist, einfach so wie er geschaffen wurde…oder zumindest in Unterwäsche ins Wasser zu springen…Stattdessen blicken sie beim Anblick der letzten Badenden peinlich berührt auf ihr Handy (das funktioniert hier eh meistens nicht, entweder weil kein Empfang da ist, oder es zuviel Signale von den amerikanischen Abhörantennen auf dem Digentis oder bei Ag. Elessa git…aber das ist geheim! ;-)). Es hat etwas gedauert bis ich verstanden hab, dass sich diese Leut keinesfalls verlaufen haben und nun versuchen herauszufinden wo sie sind, sie suchen einfach nach dem nächsten Geo-Chache (auch das ist neu) irgendein Witzbold hat den nämlich ausgerechnet im verfallenen Fischerhäuschen direkt am Strand versteckt…Nach dem dritten  mittelalterlichen Jungspunt der mir dann an einem Vormittag über das Handtuch gelatscht ist, hab ich dann den Spielverderber gemiemt, das verdammte Ding aus seinem „Versteck“ geholt und es einfach neben mich gestellt und mit müdem Lächeln drauf gezeigt, sobald sich wieder einer dieser Handy-Wanderer näherte…Als ob es nicht ausreichte einfach die Landschaft anzusehen und sich darauf zu konzentrieren…Übrigens findet auch der „große Jannis“, dass das, was die Leut da machen irgendwie idiotisch ist, und knurrt die hochtechnisierten Eindringliche böse an…eigentlich macht er das sonst nicht, und freut sich, wenn er mal wieder ein paar Touristen zum knuddeln und anbetteln hat…vermutlich passt ihm einfach nicht, dass diese Leut ihn absolut nicht beachten…

Die Kyhteraner meinen im Übrigen es sei Hochwinter und eiskalt. Wenn ich oder jemand von den anderen Blumenkohlmenschen denn doch mal in die Fluten steigt, sehen sie einen an, als wäre ich ein Eisbär. Mal schauen wie lange es dauert bis mir jemand einen Pelzmantel und Glühwein anbietet…

Doch zurück zu den weitläufig verwandten Kythera-Schweizern…Sie waren nicht die einzigen „Expatriots“, die sich an diesem Vormittag dazu entschieden hatten den verspäteten Hochsommer mit einem Bad in der türkisfarbenen Lagune von Diakofti zu beginnen. Nur drei Meter hatten inzwischen zwei ältere im Wasser plantschende Herren (beide waren sehr offensichtlich Nichtschwimmer und hatten herrlich quietschbunte Schwimmhilfen Marke „Bademeisterwurst“ dabei) in jenem unverwechselbar „Outbackgefärbten“ und mit veralteten venezianischen Floskeln gespickten Kythera-Englisch zu reden begonnen, das nur echte Remigrants oder Heimaturlauber aus down under zu sprechen pflegen.

Geradezu „lebendig“ (jedenfalls für Kytheranische Begriffe) wurde das ganze idyllische Stillleben dann beim Zauberwort „Karavas“ (ein Ort im Norden der Insel). Der gesamte Strand (außer mir natürlich) vereinte sich binnen Sekunden zu einem multilingual geführten  Abgleich der jeweiligen Stammbäume, Ahnen und Besitztümer auf der Insel. Es war das reinste heiter-babylonische Sprachgewirr aus Schwitzerdütsch, Griechisch und Australo-Englisch aufgelockert mit ein paar Brocken Französisch.

Diese sehr spezifische Obsession der Kytheraner von ihren Stammbäumen und der damit verbundenen Abstammung/“Blut“ inklusive der latenten Tendenz mindestens von einer, wenn nicht gar zwei adligen Familien (man hat die Wahl zwischen venezianisch und/oder byzantinisch, am besten aber ist beides…man weiß ja nie…) abzustammen (bzw. abstammen zu müssen!) ist nebenbei bemerkt echt venezianisches Erbe, dass sich genauso auch bei den Diasporakytheranern in den Nobelvororten von San Francisco, Zürich und Sydney findet (nur passt’s dort irgendwie besser hin…Englischer Rasen, akropolisartiges Anwesen, Blick auf Zürichsee, Pazifik oder Tasmanische See…sicher, Kytheraner finden sich auch in den anderen Vierteln, aber es geht hier um’s passen, nicht um den repräsentativen Querschnitt).

Zwar haben auch hier (d.h. auf Kyhtera) die stets unverschämt-revolutionsgierigen Franzosen 1797 das hochheilige Libro d’oro mit dem Verzeichniss der Manneslinie zurück bis zu Adam und Eva und den Griechischen Göttern verbrannt, aber es gibt und gab – Gott sei’s gedankt – immer noch genügend mehr oder minder akkurate Abschriften, Wappen und Urkunden. Trifft man dann auf der Heimatinsel ein oder zweimal im Jahr mit der entfernten Verwandtschaft aus Australien, Italien, den USA, Deutschland und Südafrika zusammen, lässt sich gemeinsam und mit dem mühsamst und in Jahren aufopferungsvoller Recherche zusammengetragenen mehr oder minder zuverlässigen „Archivmaterial“  bei einem Caffé Fredo stundenlang der gesamte Stammbaum und die gegenseitigen Verwandtschaftsverhältnisse rekonstruieren. Irgendwie muss man schließlich die unerträglich heißen Nachmittage unter südlicher Sonne verbringen…und es gibt ehrlichgesagt schlechtere und weitaus weniger interessante Möglichkeiten!

Wie exzessiv diese Obsession von den Kyhteranern gepflegt wird, zeigt sich am besten an einem kleinen, zweisprachigen Schild im Eingangsbereich des historischen Archivs von Kythera (ich geb’s hier der Einfachheit halber nur in seiner englischen Variante wieder):

The stuff of the archive is not obliged to research family-trees on behalf of individual persons !

Wie es sich mit mehreren Personen, Familien oder anderen Ausnahmen verhält konnte ich leider nicht herausfinden, nur, dass das Archivpersonal unter alles andere als optimalen Bedingungen wahre Wundertaten vollbringt (und das ist hier durchaus ernst gemeint!).

Ums Kurz zu machen und wieder an den idyllischen Strand von Diakofti zurückzukehren:

Nach ca. einer Viertelstunde intensivster Diskussion und der Zitation von mindestens 200 absolut unbezweifelbaren Autoritäten im Bereich der kyhteranischen Ahnenforschung (Oma, Onkel Giannis, Onkel Panagiotis, Großtante Tzeli…) hatten sich Alle anwesenden (außer mir) darauf geeinigt, dass sie mit allergrößter Wahrscheinlichkeit ein und denselben Ur-Ur-Großvater (selbstverständlich aus dem Zauberwortort Karavas…) hätten und außerdem mit mindestens vier Dutzend weiteren Cousins und Cousinen über fünf Ecken gemeinsame Verwandte aufwiesen…Hört sich reichlich konstruiert an?

Wie gesagt, Kythera ist anders, nicht nur im Reiseprospekt…und wenn ihr schon an der Reliabilität einer harmlosen Begegnung entfernter Verwandter am Strand von Diakofti zweifelt, dann sollte ich Euch vermutlich garnicht erst die wundervolle Geschichte vom Tag als Lady Di per Hubschrauber eingeflogen wurde erzählen…und dass gerade zwei indische Filmscouts auf der Suche nach einem exotischen Drehort für den nächsten Bollywoodschinken mit mir auf den neu ausgeschilderten Wanderwegen den griechischen Busch unsicher machen (sie sind mir aufgefallen, weil sie die einzigen Wanderer waren, die nicht permanent auf ihr Handy glotzten!), glaubt mir vermutlich auch niemand…selber schuld!

PS: Wenn man weiß, dass heute nur noch ca. 3-4000 Kytheraner auf der Insel, aber 80-150.000 (niemand weiß das so genau) ihrer Nachkommen auf dem gesamten Erdball wohnen, und nicht ganz wenige davon (auch hier fehlen exakte Zahlen, wir sind schließlich in Griechenland…aber ich schätze es dürften jährlich um die 5-6000 sein, von denen ca. 2-300 noch irgendwo ein eigenes Häuschen/Zimmer auf der Insel haben und ca. 50-100 einen oder mehrere Monate im Jahr auf der Insel verbringen), mehr oder minder regelmäßig die Heimatinsel besuchen (manche sprechen in diesem Zusammenhang auch von „Heiweh-“ bzw. „Andl-Tourismus“ und „Heim-Suchung“, aber das ist eine andere Geschichte…) wird manches, was einem auf den ersten Blick an dieser Insel sehr erklärungsbedürftig erscheinen mag zum „ganz normalen Alltagswahnsinn“.

PPS:…dass es in der Schweiz eine derart starke kytheranische Community gibt, war selbst mir neu…

PPPS: So…da mein letzter Interviewpartner nicht vom sprichwörtlich ambivalenten griechischen Verhältnis zu Raum und Zeit gepackt wurde und man auf der „Insel der Seligen“ ganze Tage als teilnehmender Beobachter mit Beobachten von Heimweh-Touristen beim Baden zubringen kann (nein, ich war eigentlich nur ne gute Stunde unten…aber theoretisch geht’s und doppelt nein, das ist Forschung…sogar ein ziemlich wichtiger Teil davon, weil ich anders an diesen Personenkries absolut nicht herankomme…) scheint mir der „Schwarze Loch Effekt“ noch ausgeprägter zu sein als in good old world heritage site Bamberg in dem ansonsten weltweit anerkannte Kategorien wie „Uhrzeit“, „Monat“ und „Tag“ auch nicht unbedingt dieselbe Gültigkeit haben, wie im raumzeitlich geordneteren Schwabenland. Eine echte Belastungsprobe, der ich mich aber gerne unterwerfe. Und wer das jetzt nicht verstanden hat: ich sagte ja am Anfang, dass das hier eher eine Art „Gedankenblitzsammlung“ werden soll…

PPPPS: Mir fehlt einfach noch ein wenig davon, was man auf dem griechischen Festland „kefi“ nennt (eigentümlicherweise habe ich das Wort niemals im Munde von Kyhterandern und ihren Nachkommen gehört…vielleicht gelten sie daher nicht ganz zu unrecht als die „Preußen Griechenlands“ ) Schade eigentlich, dass die temporäre Beschränkung von Forschungsaufenthalten aus terminlichen und pekuniären Gründen diese Art des epistemologisch wie methodisch so wichtigen Eintauchens in die „Nahe und nicht so nahe Fremde“ heute kaum noch möglich macht…oder wann habt ihr zuletzt davon gelesen, dass jemand 2 oder 3 Jahre bei einem Stamm in den Anden oder auf einer kleinen griechischen Insel zugebracht hätte? Sic transit gloria ethnologicae…wenigstens bin ich inzwischen nicht mehr ganz so blumenkohlfarben und die Kinder erschrecken nicht mehr, wenn ich um die Ecke bieg…

Giassas! Hellas 1

Von Gartenlust und Unwettermeldungen – oder – warum meine Pflanzen eine Loggia haben.

Mein persönliches Hantelgewicht ;-)

Mein persönliches Hantelgewicht 😉

Ha, wie kann es schön denn sein, in dem kleinen Gärtelein…Keine Angst ich hör schon wieder auf zu reimen…

Wie immer hat das gestrige Unwetter Bamberg, die legendäre Stadt der Säufertürme, Kirchturmspitzen und 60.000 Blitzableiter mal wieder verschont. Ich schiebs ja auf den Steigerwald, der wie der Name schon sagt, die Wolken einfach über die Stadt weglupft, aber meine Nachbarin ist der festen Überzeugung, dass es dem legendären Schleier der Heiligen Kunigunde zu verdanken ist, dass Bamberg kein Wetter kennt. Irgendwer knipst Ende Mai Lichtschalter und Heizung an und stellt sie Ende September wieder aus, und wer sollte das außer der heiligen Kaiserin schon anderes sein – Petrus ist in Rom beschäftigt und die Vierzehn Nothelfer sitzen faul in Vierzehnheiligen rum…bleibt also nur die Gute alte Kunni – Sie bzw. ihr schicker Kopfputz schützen vor amerikanischen Bomben, Stechmücken, griesgrämigen Ehemännern, UV-Strahlen und allem anderen, was einer „Dame von Welt“ besser nicht vor die Augen kommen sollte. Regen, Sturm, Blitzschlag, Hagel? No Problem, Kunni und ihr Schleier bekommen das hin!

Von reformatorischem Eifer getrieben hab ich als ungläubiger Protestant natürlich so meine Probleme mit dieser Art archaischen Denkmustern und deshalb in original altdeutsch-preußischem-Angst²-Modus beim allerkleinsten  Vorabzeichen einer dunklen Wolke am vorschriftsmäßig weiß-blau zu seienden Himmel meine sämtlichen Kübelplfanzen/Balkonkastenschönheiten inklusive mundgeblasener Pseudo-Muranoglaskugeln wieder einmal brav vor dem bösen Gevatter Hagel, oder dem Bruder Wind, oder der Schwester Fallender Ast, der Mutter Ziegel, der Tante Katzen, dem Cousin Vogel, der Großtante Blattlaus, dem Schwippschwager saure Milch und der angeheirateten Erbtante verdorbener Hefeteig und allen anderen bei Gewittern drohenden Unbill-Verwandten unter das wärmende Dach meiner Ex-Wäschetrockenraum-Loggia in Sicherheit gebracht.

Dem nicht genug, wurde – meiner erzkatholisch-eichstädtisch-leicht superstitiös angehauchten Großmutter selig sei dank – auch gleich noch flugs und präventiv auch noch eine geweihte schwarzlilane Wetterkerze aus Walddürn angezündet und ein schmerzhafter Rosenkranz (der mit dem durchbohrten Herzen Mariens) gebetet. Dabei fällt mir ein: Es lebe die stets vorbildliche Vorab-Terrorismus-Bekämpfung des bayerischen Innenministeriums und ihre Voralpenhagelfliegerstaffel! Die sind nicht von denen, sondern vom Landkreis? Egal, ich schick ihnen trotzdem mal ein Paket von den Dingern…funktioniert wirklich!…Ich hôn ja âa bloos gmaant Barrack Hussein…ehrlich!

Bodybuilding und Yoga inklusive!

Ach ja…man hat’s einfach schwer als stetig engagierter Kulturwissenschaftler, der sich immer bemüht die Binnenexotik des Moments voll auszukosten…(Sorry, aber diese Portion lamoyanter Selbstironie musste jetzt einfach sein…)

Nach einer unter den Schlägen des Fahnenseils am Eisernen Mast bitterbang durchwachten Mitsommernacht, ging’s dann noch vor dem Frühstück (sic!) wieder raus. Schließlich sollten die armen Petunien nicht zu Nachtschattengewächsen verkommen – sind sie eh schon? Na egal…Nach nur zehn Minuten (Neuer Rekord!) sah alles wieder aus wie vorher (Ordnung muss sein, dass sagen wir hier auch den Austauschtouristen!), und ich? Ich war trotz eintreffender Kaltfront noch vor dem Frühmessläuten der Karmeliter stolz  bätschnass geschwitzt und reif für die zweite Dusche zu sein! Warum ich davor überhaupt im Bad war, hat vermutlich mit den ewig verkannten Italienischen bzw. Englischen Erbanlagen (Die Gene…bin ich heut wirklich so einfallslos?) in mir zu tun, die sich grundsätzlich nur in Tropenhelm und weißem Leinenanzug zum morgendlichen Schneckenabsammeln trauen…

Am Himmel sehe ich schon wieder kleine Schäfchenwolken…

und wir als gute deutsche Kleingartenbesitzer –

wir wissen, ja wir wissen ja, wie schnell aus –

schnell aus einer kleinen, harmlos blökenden Cumulus humilis,

so ein alleszestörend, garstig, blödes Sch…-Ding namens Cumulonimbus (capillatus) incus wird!

Oder inetwa nicht…nicht wenn, wenn nicht, dann jetzt…

drumm jetzt, ja jetzt ganz schnell, hinaus, hinaus…

hinaus und raus ist nun Herr Biedermann im Kittelschürz,

und holt die armen Pflanzen in die Kammer-Loggia,

Die Wetterkerze an?

Ne…

Scheiße verdammt und zack Zement…

Ein Zündholz fällt, ein andres bricht…der blaue Himmel leuchtet wieder…

und Kunigund und Gott und Bruder Zephir…

Aphrodite…allen, allen Dank!

Ich lächle, danke Odysseus und Arte für die Inspiration (freie Adaptionen antiker Dramen mit homoerotischen Einlagen und kulleraugenrollenden Bösewichten sind so CineCitta!)…und Dank auch meiner Großmutter selig, die so wunderbar gutkatholischeichstädtischsuperstitiös veranlagt war und diesen guten deutschen Angstfluch an mich weitergab (Per Lourdesstatuette auf dem Volksempfänger!).

Drumm mein Motto für Heute:

Keine Wetterwarnmeldungen mehr, der angekündigte Tornado und die 5 Zentimeter großen Hagelkörner sind einfach nix für süddeutsche Kübelpflanzen- und Balkongartenbesitzer/Präventivangsjunkeys! Und um jetzt flugs auch noch die Kontinuitätsthesenfraktion unter uns zufriedenzustellen, laut meinen auto-ero-epischen Selbstethnographien ist:

Die interdependent-rekursive Inkompatibilität von Gewittern mit Hagelschauern und fremdländischem Balkongewächs mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit kausal verantwortlich für das tief in der kollektiven Erinnerungskultur der Deutschen verwurzelte Unbehagen ihrer keltischen Vorfahren, dass der Himmel auf den frisch angepflanzten Salat fällt!

Buon Di und dass der Himmel dort bleibt, wo er hingehört!

Euer

Alexnikanor

PS: irgendwann schaff ich’s schon noch alle Kategorien in einem Artikel unterzubringen 😉