„Viel Ausschwitz denn vom Himmel?“- Fragen und Gedanken zum Gedenktag an die Opfer des Holocausts

Kann, soll, darf man an einem solchen Tag etwas schreiben?

Einem Tag, der für so viele Tote, so viel Leid, so viel Unrecht, so viel Hass und so viel menschliches Versagen steht?

Wäre es nicht besser, weiser und angemessener angesichts all dessen was Menschen anderen Menschen antun können, all dem unsagbaren Grauen einfach zu schweigen?

Oder müsste man der Wut, der Empörung, der Verzweiflung und dem Schmerz nachgeben und den ganzen Tag lang einfach nur gegen das, was geschehen ist anbrüllen, bis auch noch der letzte hirnverbrannte Idiot kapiert, was war, und dass es jederzeit wieder passieren kann – weil der Mensch und die Welt nun einmal nicht – nur – gut und edel und wunderbar und fortschrittlich und lernfähig, sondern eben auch eine Bestie ist und bleibt?

Sollte und darf und muss man sich angesichts der zahllosen wohlinszenierten und gesetzten Gedenkstunden, der Dokumentationen und Denkmäler, und all der hilflos-professionellen Inszenierungen von Schmerz und Betroffenheit an diesem Tag nicht auch fragen, in wie weit das alles nicht längst wohleinstudierter, sinnentleerer Ritus ist, der uns nicht mehr betrifft und berührt als all die anderen jeden Tag dahingeäußerten Worte des Bedauerns, Ent- und Beschuldigungen – schöne Worte, diplomatische Entlastungsübungen und Ausweichbewegungen auf dem glatten Parkett moralischer Überlegenheit, denen selten wirkliche Konsequenzen folgen und bei denen es noch viel seltener wirklich um die Opfer und das Gesagte, sondern viel zu oft um die Instrumentalisierung von deren Leid zur Sicherung und Rechtfertigung des je eigenen Status in einem mit spitzer Zunge und Feder geführten Krieg gegenseitiger Beschuldigungen, An- und Aufrechnungen geht?

Darf man das wirklich so sagen? Welche Feinde macht man sich mit dieser Form der „Ehrlichkeit“? Ist sie überhaupt „ehrlich“? Und tut man damit jenen, die ernsthaft bereuen, und jenen, die ernsthaft und ohne eigene Eitelkeiten zu bedienen versuchen zu verhindern, dass das Grauen wieder passiert, nicht unrecht? Und stärkt man damit nicht gewollt wie ungewollt all Jene, die den Schlussstrich ziehen –Wo endet die Kritik an der „Betroffenheitsindustrie“, wer pflegt sie, und warum, wo ist sie angebracht und wo „nur“ weiteres rassistisches Stereotyp?

Und schon sind wir ganz mittendrinn im Minenfeld des Müssens, Könnens und des Dürfens, ein Wald von selbst und fremdgemachten Stolperdrähten irgendwo zwischen Richtern und Rechten, zwischen Satire und Empörung, dem Hören-wollen und dem Hören-müssen, von Unrecht und Gerechtigkeit, dem Mein und Dein, den Unterschieden und der Unterscheidungen, Vertretungs- und Vergeltungsansprüchen, von Eingliederungen, Vereinnahmungen und Ausschlüssen…

Und dann sind da die Bilder und Geschichten von den Opfern, die Dinge und Erinnerungen die gegen den Plan das Auslöschen und Vergessen, das Schweigen und Verdrängen überstanden haben und uns blieben.

Da ist die Erinnerung an die Stille, die immer dann eintrat, wenn man die, die es wissen hätten könnten fragte. Da ist die allzu hastig umgeblätterte Seite im Familienalbum und der ganz offen und ausgesprochene Satz : „Solche wie Du gehören nach Dachau oder noch besser vergaßt…“, da ist die immer nette und geliebte Nachbarin, die zweite Oma, die – kurz bevor sie ins Heim kam – einen auf einen Kaffee herüberbat und einem einen Stapel Briefe, Bilder und ein kleines, mit Bleistift „Im Lager“ geschriebenes Tagebuch in die Hand drückte aus dem hevorging, dass ihr längst verstorbener Mann SS-Offizier war und Täter, und dann selbst zum Opfer wurde…erst der folternden Amerikaner, und dann im Gulag, weil er so dumm war einem „Kammeraden“ im Osten helfen zu wollen, erst `52 kam er zurück…als anderer Mensch…Und dann ist da die Hochzeit des eigenen Bruders, nur ein Tal weiter vom „Mord-Schloss“ von Grafeneck…

Da ist der Kleine Großonkel von dem lange niemand wusste wo er geblieben war – zutodegehungert im Namen der Euthanasie. Da ist die blinde Schulfreundin der Großmutter, die diesem Schicksal nur durch „Zufall“ entkam. Da sind die Erzählungen des Großvaters von der Ostfront, von abgebrannten Dörfern, Vergeltungsaktionen, Deportationen, Erschießungskomandos…Da ist die Flucht der Urgroßmutter, die Weigerung der Töchter zu erzählen, oder die „alte Heimat“ jemals wieder zu betreten und die eigene, unerwartet emotionale und von Wut und Rachegelüsten, Schuld und Sühne geprägte Reaktion als man die Brücke nach Polen überschritt. Da sind die Stolpersteine vor dem eignen Haus, da ist die kleine, silberne Menora – ein „Geschenk“ der „alten Nachbarn“ an den Urgroßvater bevor sie deportiert wurden, da sind die Erinnerungen an die manchmal gar nicht so „lieben“ Amerikanischen Besatzungssoldaten, die einem mit 15 oder 16 das Wort Nazi entgegen schleuderten, wenn sie volltrunken keine Lust hatten die Zeche zu bezahlen. Da sind aber auch die eigene weißrussische Schwägerin, die jüdischen Freunde, Geschäftspartner, Lehrer…und die manchmal gar nicht so unkomplizierten Altlasten und Gefühle, die das alles noch immer nicht „ganz normal“ machen…Auge um Auge, Zahn um Zahn, Schuld und Sühne, Rache und Vergebung, Dir und Mir, Grenze und Überschreitung, Angst und Vertrauen, Flucht und Heimat…

Und dann sind da jene, die meinen das alles sei nicht wichtig, sei Vergangenheit, müsse endlich enden, vergessen werden. Es müsse „endlich“ weitergehen. Man müsse die Vergangenheit auch einmal ruhen lassen…und überhaupt: Ist das Alles überhaupt geschehn?

Und ja, da sind auch jene, die doch wissen, durchaus auch wissen wollen…aber nicht um zu versöhnen sondern auf- und abzurechnen. Hilfe gegen gutes Gewissen, Schuldenerlass gegen Verzicht auf Schadensersatz, Meine Toten, Deine Toten…

Und dann gibt es noch jene, die auf den ersten Blick, das erste Hören, und das erste Sehn mit all dem nichts gemein haben. Die Stärke fordern, dichte Grenzen, Sicherheit und Abgrenzung. Die die Anpassung und Unterordnung an die selbst nicht unbedingt gelebten und gezeigten christlich-jüdische (welch Ironie!) Werte fordern, das Eigene als Fahne und als Schutzschild tragen, die „Anderen“ nicht um sich wollen, sich vor dem Wertverlust des eignen Hauses und vor Multi-Kulti fürchten.

Da sind auch die, die Männer anderer „Kulturen“ pauschal zu potentiellen Vergewaltigern machen, die Straßenseite wechseln, wenn sie kommen und sich längst das Pfefferspray besorgten. Da sind dann die, die Nebensätze schwingen – von denen die so anders sind, und uns, die wir so furchtbar überlegen und so zivilisiert…

Und da sind auch jene, die im Namen der Effizienz Menschen, die nicht die erwartete „Leistung“ bringen ausgrenzen, ihnen Faulheit unterstellen, sie beleidigen und sanktionieren. Und ja, da sind dann auch die Eltern die sich nicht mehr trauen das Kind mit „Behinderung“ zu bekommen – oder sollte man besser sagen: Die keinen Bock drauf haben, sich ihr Leben mit „so was“ zu versaun? Da sind die Ärzte und die Bekannten, die Schwiegereltern und die Lehrer, der Arbeitgeber und die Bäckersfrau, der Schaffner und die Familienberaterin die alle unisono meinen „so etwas sei doch heute wirklich nicht mehr nötig!“…und da ist dann der Arzt und die Klinik in der sie dann stattfindet, die Abtreibung des „defekten“ , „nicht-pferekten“ Kindes, das nicht so ist, und nie so wäre, wie wir, wie die Leistungs-Gesellschaft es fordert…

Da ist ein Trump, der Frauen weil er meint das er es kann in den Schritt zu fassen können glaubt, da ist der Redneck in den Bergen, der sich ausgebotet sieht von der Moderne und den andern, denen die nicht sind wie er und sein „Gott“ das wollen, da ist der Gouvaneur, der andren vorschreibt welche Toilette sie zu nutzen haben, da sind die Schwarzen und die Weißen, die Roten und die Gelben die sich gegenseitig und voller Hass die Schädel einschlagen und das Dach über dem Kopf anzünden. Da sind die vorgeblich so Klugen, die sich eitel über die Dummheit anderer Mockieren, und dabei nach eignem Gutdünken do’s und don’t‘s verkünden, als seien es ewiggültige und nichtzudiskutierende, indiskutabel-wahre Himbeerbonbons…

Da sind die Naiven, die alles für gegeben nehmen, die Überlegen-fühlenden, die es nicht mehr nötig haben andere Meinungen auch nur zu respektieren, die Wuterfüllten die längst nicht mehr diskutieren und die die sich Ausgeschlossen und –gebootet fühlen und es auch längst nicht mehr für nötig halten, die eigene narzistische Gedankenblase zu durchstoßen…

Da sind aber auch die, die gerade und auch an einem solchen Tag nicht in den bewährt-akzeptierten Ritualen üben, die ihn nicht nutzen um zu provozieren, die nicht ins übliche „Wehe Euch“ und „Wehe uns“ verfallen…sondern die einfach nur sagen, dass es Menschen waren, die ermordet wurden, weil ihr Mensch- und Dasein andren nicht gefiel. Die ihren Fokus nicht nur auf das eine Ereignis, die eine Gruppe, den einen Ort, die eine Zeit die einen Opfer und die einen Täter richten, sondern versuchen Vor- und Nachgeschichte des Geschehenen als Teil einer größeren, undendlich komplexeren und nicht selten beängstigend „nahen“ Geschichte zu sehen, die uns alle betrifft, und in der wir alle jederzeit Täter und Opfer werden können – und es vielleicht auch längst schon sind.

Viel Ausschwitz denn vom Himmel? War im Osten wirklich alles besser? Sind die Opfer der KZ’s „anders“, „wichtiger“ und/oder „besser“ als jene der sowjetischen Gulags? Ist der Holocaust wirklich so einmalig? Sind Juden die einzigen Opfer des Holocausts und der Shoah…und was ist mit den Anderen und wie nennen wir das dann, und wie „angemessen“ ist es Jene, die gemeinsam starben im Nachhinein genau in jene Gruppen du „Wertekategorien“ zu trennen und zu scheiden und getrennt oder gar nicht zu betrauern, in die sie ihre Mörder einteilten? Ist Leben nicht Leben, Mord nicht Mord und ein ausgelöschtes Leben nicht ein ausgelöschtes Leben, ist Töten nicht Töten? Darf man töten um anderes töten zu vermeiden? Gibt es den „gerechten Krieg“ und die „gerechtfertigten Opfer“? Gibt es „wichtigere“ und „unwichtigere“ Tote, „würdigere“ und „unwürdigere“ Opfer? Ist ein ermordeter katholischer Priester mehr wert, als ein ermordeter Homosexueller, ein „Colateralschadensopfer“ oder ein Mensch der aufgrund seiner geistigen oder physischen „Behinderung“ ermordet wird? Warum war und ist es so einfach für die Täter unterzutauchen, wer schützte sie, und warum? Wollten wirklich alle Deutschen nach 1945 nichts mehr wissen und konnten sich alle plötzlich nicht mehr erinnern und wie war das andernorts, mit anderen Mördern? Was wussten jene die nicht direkt mordeten aber davon profitierten? Und was macht eigentlich ein Opfer aus, und was einen Täter und was ist mit dem „Dazwischen“? Und nicht zuletzt, wie ist das alles „Jetzt“ und „Morgen“? Und sollte und darf man den Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts nicht zum Gedenktag für alle Opfer des nationalsozialistischen Terrors machen, oder gar zum Gedenktag an alle Opfer von Genoziden, Kriegen und unmenschlichen Ideologien machen? Was spräche dafür, was dagegen?

Vielleicht sind es genau diese schwierigen und schmerzlichen Fragen für die Tage wie der heutige gut sind.

 

 

 

 

Und jetzt Palmyra…oder: Wie der Krieg in Syrien uns alle um unsere Identität und Geschichte beraubt.

Gerade flimmert über meinen Newsticker die Schreckensmeldung, dass die Kämpfe zwischen ‚regulärer“ Syrischer Armee und dem IS nun auch Tadmor – das antike Palmyra – erreicht haben. Und wie schon am Craq de Chevalliers, in Aleppo oder Damaskus ist zu befürchten, dass auch hier neben unzähligen Menschenleben auch unersetzliche Kunst- und Kulturgüter, ja das gemeinsame Kulturerbe der Menschheit, den Kämpfen zwischen und nachfolgenden Plünderungen durch die Kriegsparteien zum Opfer fallen wird.
Was soll man dazu noch sagen?
Dass die Wiege unserer Kultur und Zivilisation vernichtet wird, und dass ohne dass die meisten von uns auch nur im Geringsten erahnen oder sich auch nur dafür interessieren, was da eigentlich zerstört wird? Dass wir hier alle gerade wieder um ein großes Stück unserer gemeinsamen Vergangenheit und Identität beraubt werden? Dass mir, der ich das Land, seine Menschen und sein Kulturerbe noch vor diesem mörderischen Bruderkrieg kennenlernen durfte, inzwischen langsam die Kraft und die Tränen ausgehen, wenn ich daran denke, was mit Syrien, seinen Kulturschätzen, vor allem aber mit seinen Menschen passiert?
Palmyra ist nur einer, und leider längst nicht der erste und vermutlich lange nicht der letzte von viel zu vielen Orten an denen gerade dasselbe geschieht, geschah und geschehen wird.
Leider gilt diese Erkenntnis nicht nur in Syrien. Das gemeinsame Kulturerbe der Menschheit wird überall auf der Welt vernichtet. Tag um Tag ein wenig mehr. Nur selten ist eine drohende Zerstörung dabei so spektakulär, „wichtig“ oder aufssehenerregend, dass sie es in die Medien schafft. Viel öfter geht dieser Verlust in kleinen, aber deswegen nicht umso verheerenderen Schritten, unbemerkt und von kaum jemandem bemerkt von Statten.
Und nein, die bewusste Zestörung unser aller gemeinsamen Kulturerbes ist beileibe kein „Problem“, dass sich nur fernen, von fundamentalistischen ‚Kulturfeinden‘ heimgesuchten Ländern abspielt – nur macht es sich eben für das eurozentristische Weltbild besser, wenn die anderen die ‚kulturlosen‘ Barbaren und wir die Guten sind.
Die Realität sieht leider anders aus. Für den Erhalt des gemeinsnamen Kulturerbe der Menschheit macht es eben keinen Unterschied, ob der IS Nimrud oder jetzt eben Palmyra in die Luft sprengt, die bayerische Denkmalschutzverwaltung in aller Seelenruhe zusieht, wie ganze barocke Gutsanlagen der berühmten Barockarchitektenfamilie Dientzenhofer erst verfallen und dann abgerissen weden, oder die Württembergische Landesregierung und die Deutsche Bahn beim Bau von Stuttgart 21 einfach um ein Haar die gesamte „Vorgeschichte“ Stuttgarts undokumentiert wegbaggern, weil eine archäologische Begleitung „zu teuer und unnötig“ sei, in Venedig ganze Palazzi entkernt und zu Luxusappartments werden, oder in der Weltkulturerbestadt Bamberg große Teile des zum Welterbe gehörenden Gärtnerviertels überbaut werden, weil neue Wohnungen nunmal mehr Geld bringen als brachliegendes Gärtnerland…
Nein, die wohlgesetzten Erklärungen, Resolutionen, Gesetze und Verordnungen, die unser aller Kulturerbe schützen sollen, sind in aller Regel nicht das Papier wert auf dem sie stehen, und ja, es interessiert die UN oder andere Politiker einen Sch…. wenn mal wieder ein paar Buddhas in die Luft fliegen oder eine römische Stadt, ein prä-inkaisches Gräberfeld oder ein ägyptischer Tempel auf der Suche nach Schätzen mit Baggern umgegraben und dem Erdboden gleichgemacht wird (von den verheerenden Schäden, die unsere heißgeliebten deutschen Sondengängern, Schatzsucher und „Hobby-Archäologen“, Immobilieninvestmentfirmen oder der ganz „normale“  „Do-it-yourself-Baumarktrenovierer“ tagtäglich anrichten fang ich jetzt besser garnicht erst an)…
Und nein – und hier komme ich zurück nach Syrien – die ‚reguläre‘ Syrische Armee ist bezüglich des Kulturgüterschutzes entgegen der im Netz verbreiteten Propaganda des Assad-Regimes kein Stück besser als der IS oder die anderen „Bürkerkriegsparteien“. Seit Beginn des ‚Bürgerkrieges‘ bombardieren, plündern und zerstören alle, aber wirklich alle beteilligten Fraktionen, Grüppchen und Untergrüppchen systematisch die Kulturstätten des Landes – teils als „Colateralschadensfall“ aus sog. „militärischen Notwendigkeiten“ heraus, teils um sich am Gegner zu rächen, teils aus ideologisch-politischem, rassistischem und/oder religiösem Wahn, vor allem aber – und das ist der leider viel zu wenig bekannte entscheidende Faktor – um mit den so „frei“ werdenen Antiken über den Umweg des illegalen Antikenhandels ihre jeweilige Finanzierung sicher zu stellen.
Und dreimal darf man dann raten, wo und von wem diese Antiken dann gekauft und im Wohnzimmer (oder noch schlimmer: im Museum) aufgestellt werden…Richtig, es sind genau dieselben Orte und Menschen, an und von denen der Verlust ebendieser Kulturgüter in großen UN-Erklärungen verurteilt wird und die in krokodilstränenschweren Reden, welche den besseren Schutz der Syrischen Kulturgüter fordern und die umgehende Vernichtung des IS fordern. Wer’s nicht glaubt, möge sich in den Auslagen der Antikenhändler, Sammlungen und Museen in Berlin, Brüssel, London, New York, Peking oder Dubai umsehen und diskret nachfragen, weshalb so viele Kunsthändler, Museen und Sammler so wenig Interesse daran haben, genauere Angaben zur Provenienz eines Stückes zu machen…
Wenn’s genauer interessiert was seit Jahren – nicht nur, aber vor allem in Syrien passiert – dem empfehle ich die erschreckend „erhellende“ Lektüre des Blogs eines befreundeten Archäologen, der inzwischen ‚unfreiwillig‘ zum vielgefragten Experten in diesen Dingen geworden ist:
Und ja, mich überkommt bei derlei Nachrichten auch gelegentlich der „heilige Zorn“. Nur bringt der auf lange Sicht eben reichlich wenig, weil Gewalt nur Gegengewalt erzeugt…
Für’s erste wäre schon viel damit gewonnen, wenn man es schaffen würde, für ein paar Jahre jeglichen Handel mit antiken Objekten aus Krisenregionen einzustellen um nicht selbst als Händler oder Sammler zum Komplizen von IS und CO zu werden…Es ist dasselbe Spiel wie mit den Diamanten…da fragt auch kein Mensch beim Verlobungsringkauf, ob er damit nicht ein paar Bürgerkriegsgenerale im Kongo finanziert (und wenn er es doch tut, wird er belogen – wer trägt schließlich gerne Blutdiamanten am Finger).
Leider sieht man es dem kleinen, wohlbeleuchteten palmyrenischen Relief in der Diplomatenwohnung eben nicht an, dass damit gerade der Raketenwerfer finanziert wurde, der jetzt bei der Ermordung der jessidischen Bevölkerung eines kleinen nordirakischen Dorfes zum Einsatz kommt…

Dass man den Menschen irgendwann einmal beibringen könnte, dass Gewalt, Krieg und Mord kein Mittel der Konfliktlösung sind, egal wie „wichtig“, „legitim“ oder „ehrenhaft“ die Gründe dafür sein mögen; Dass die Menschen es irgendwann einmal kapieren, dass die Vielfalt des gemeinsamen Kulturerbes der Menschheit (und ich meine hier sowohl das materielle wie das noch ungleich stärker gefährdete immaterielle) allein schon deshalb wertvoll ist, weil es da ist. Dass kein Mensch das Recht hat, dieses Erbe mutwillig, durch Ignoranz oder einfach nur durch Vernachlässigung und Desinteresse zu vernichten und dass unser gemeinsames Menschheitserbe keinen weiteren finanziellen Nutzwert für seine Existenzberechtigung benötigt…Well, irgendwelche Träume muss man schließlich haben, nur leider kenne ich eben auch die Verführbarkeit, die Ignoranz und die Gier meiner Mitmenschen…

Betrachteter Alltag _ Die abstinente Mittelschicht, oder: Eine Welt voller angstgeplagter Asketen

Genießen verbotenSie sind eben ein echter Barockmensch!“
Ist es heute wirklich noch ein Lob, wenn jemandem dieser Satz entgegengeschleudert wird, oder verbirgt sich dahinter nicht schon der aufklärerische Vorwurf des angeblich überflüssigen Exzesses, der Unbeherrschtheit, der Faulheit und Verschwendung? Ist das Wort „barock“ seit den Zeiten eines Kants, Leibnitzs und Voltaires nicht geradezu ein Synonym für die selbstverschuldete Unfähigkeit zu Zurückhaltung, Enthaltsamkeit und Fokussierung auf das „Notwendige“geworden? Eine Beleidigung, die man denjenigen mit entsetzter Verve entgegenschleudert, welche sich nicht an die alternativlosen Regeln einer Gesellschaft, welche Jugend, Gesundheit, Sicherheit, Leistung, Effizienz und Selbstoptimierung zu ihren Abgöttern erklärt hat? Ein Stigma, mit dem man die sorg- und verantwortungslose „Verschwendungssucht“ des nicht nur in seiner psychischen, sondern auch physischen Konstitution „barocken“ Verschwenders öffentlich geißelt? Und habe ich nicht gerade über jene laktosefreien Latte Macchiato aus tiergerecht-fairem Anbau trinkenden, veganen Hipster in extraeng geschnittenen Jeans als Idealtyp der Moderne geschrieben?

Es braucht manchmal andere kluge Köpfe, damit aus einem unguten Gefühl in der Magengrube Gewissheit wird. Diesmal war es Hasso Spode, Sozial- und Kulturwissenschaftler an der FU Berlin, der mich mit seiner kürzlich in einem Interview für Deutschlandradio Kultur geäußerten These von einer „Phase des Asketismus“ auf den erkenntnissspendenden Weg führte.

Sicher, auch mir waren sie längst in meinem Alltag begegnet, die militanten NichtraucherInnen und Veganer, die Milchhasser und Weißen-Zucker-Verteufler, die Öko- Fairtrade- und Bio-Fetischisten, die Freilandhuhnlober und Sportfanatiker. Seit ihrem erstmaligen Auftreten irgendwann kurz nach der Deutschen Wiedervereinigung ruinierten sie mit ihrem aktionistischen Bekehrungseifer jede weinselige Runde, vermießten Backhendel und Hamburger, erzwangen ein eigenes Vegetarisches, später sogar Veganes Menü bei WG-Parties und geißelten jeden als Menschenfeind, der nicht die politisch-korrekte und selbstverständlich maßlos überteuerte, milchfreie Bio-Schokolade bei dem „Eine Welt Laden“ ihrer Wahl kaufte und sie in einem möglichst selbstgesponnenen und abgetragen aussehenden Jutetäschchen im Triumphzug nach Hause trug.

Lange Zeit tat auch ich diese Gestallten als harmlose Spinner, von der Werbung verleitete Geistesschwache oder bedauerliche Einzelindividuen ab. Später, als die Gruppe der „Wutbürger“, die Schnaps, Butter und Sahne für Teufelszeug hielten, Bœuf bourguignon zum Mordinstrument erklärten und Tabak und Alkohol als Massenvernichtungswaffen bezeichneten größer wurde, flüchtete ich mich in Ironie und Spott…doch es war zu spät: spätestens mit der Einführung öffentlicher Alkoholverbote hatte sich der asketische „Gutmensch“ zum Mainstream entwickelt und forderte nun zum Kampf gegen die Volksdroge Alkohol, die Aufgabe der Ärztlichen Schweigepflicht bei Depressiven und die Zwangstherapie von die Volkswirtschaft schädigenden Übergewichtigen auf.

Auch wenn ich gelegentlich mit vegetarischem Döner, Sellerie- und Parasolschnitzeln und einer Fruchtsaftdiät geliebäugelt hatte, wusste ich spätestens zu diesem Zeitpunkt: diese schöne, neue und von allem „Überflüssigen“ befreite Welt askesepredigender Ökofaschisten war nicht mehr die meine. Nur eines war mir immer noch nicht klar geworden…warum waren aus individualistischen, exzessiv schlemmenden und genussmittelfreudigen Yuppies plötzlich lauter kleine kalorienzählende, moralinsaure, antidemokratische und jede Form von Genuss und Überfluss bekämpfende Weizengras-Savonerolas geworden?

Die endgültige, und von mir im tiefsten Innern seit Jahren geahnte Antwort kam mit eben jenem am Anfang dieses Beitrags zitierten Interview Hasso Spodes:
Die neue, selbstoptimierte, dauergestresste, permanent-burnoutgefährdete, und sich im Fieber des Akadiemisierungswahn auf dem ökologisch einwandfreien, fair gehandelten und produzierten, allergenfreien Hartgummifouton wälzende Mittelschicht hatte nur noch eines: Angst vor dem sozialen Abstieg!

Nun weiß man aus der Geschichte, dass Angst der schlechteste aller Ratgeber in Lebensfragen ist. Sie treibt die Menschen in panischen Aktionismus, neigt zu ademokratischer Intolleranz gegenüber allem was als Anders und Fremd definiert wird, regt zu schonungsloser Selbstausbeutung bis weit über die Grenze des Erträglichen an, und verschlingt schließlich alles, was uns menschlich und frei sein lässt – „Angst essen Seele auf“, so lautete der Titel eines 1974 erschienenen Melodrams Rainer Werner Fassbinders, dass sich anhand der zum Scheitern verurteilten Beziehung zwischen der verwitweten Putzrau Emmi Kurowski und dem zwanzig Jahre jüngeren Marokkanischen „Gastarbeiter“ Ali mit Intoleranz, gesellschaftlicher Kälte, Vorurteilen, Lieblosigkeit und sozialer Ausgrenzung auseinandersetzt.

Bereits dass ich gerade das Wort Gastarbeiter in Anführungszeichen gesetzt habe und das Wort Putzfrau als politisch-inkorrekten Terminus am liebsten mit Reinigunsfachkraft oder „Facility Managerin“ ersetzt hätte, zeigt wie verlogen wir inzwischen mit unseren Ängsten vor Sozialem Abstieg und Vorurteilen genenüber Fremden umzugehen gelernt haben, und wie groß die aus Amerika importierte Schere im Kopf inzwischen geworden ist. Auch diese politisch korrekte Askese von einer klaren und die Dinge beim Namen nennenden Sprache ist Teil des neuen Angst-Mainstreemings. In Zeiten allgemeiner sozialer, ökonomischer und politischer Verunsicherung sind Klartext, offene Kommunikation und divergierende Meinungen zum Luxus geworden und der von einer durch soziale Netzwerke von allen Hemmungen entfesselte  permanente Shit-Storm im Netz, der längst reflexartig gegen alles hetzt was irgendwie anders, nicht-normal oder überflüssig erscheint, bestärkt Otto-Normalverbraucher/In noch in dieser Angst, gibt ihr aber auch die Macht in die Hand, ihre eigenen, individuellen Ängste zur einzig verbindliche Weltanschauung zu erklären. Für Muße, freies Denken, nutzfreies Kinderspiel oder auch nur vom allgemeinen Massentrend abweichende Meinungen und Lebensweisen bleibt hier nicht viel Raum.

In Form öffentlicher Rauch- und Alkoholverboten, Immobilienboom, verpflichtenden Veggy-Days in Werkskantinen, proaktiver Fitness-Apps, militanten Stuttgart21-Gegnern und PEGIDA, Pränatalen-Gen-Tests, vorsorglichen Brustentfernungen, Vorratsdatenspeicherung, Sicherheitsverwahranstalten, sowie hysterisch geführten Tierrechts- und Kinderpornographiedebatten hat diese auch mit dem Kürzel „SHE“ (Security-Health-Efficency / Sicherheit-Gesundheit-Effizienz) überschriebene Ideologie der Angst längst tiefe Wurzeln in unserem Denken und Handeln geschlagen, ist „Mode“ und „Zeitgeist“ geworden, prägt das ohnehin immer ununterscheidbarer gewordene Arbeits- und Privatleben und bereitet uns allen schlaflos verbrachte Nächte voller Versagensängste.
Und wir? In unserer von Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Medien permanent geschürten Angst nicht mehr zu  diese schöne, neue, gebildete, hochqualifizierte, rundumoptimierte, leistungsorientierte und durch ausgefeilte Ernährungspläne gestählte Gesellschaft zu gehören nehmen wir uns zurück, werden leise, essen weniger, schwören dem blauen Dunst ab, passen uns an. Selters statt Sekt, Askese statt Überfluss, Geistige Verarmung statt Vielfalt, erzwungener Mainstream statt gesellschaftlicher Vielfalt, work and life blending statt work and life balance, moralinsaure Frigidität statt sexueller Revolution, politisch korrekte Intoleranz statt geistiger Offenheit, nur nicht auffallen, anecken, oder gar scheitern…kurz: die gnadenlose und keine Ausnahmen kennende Diktatur des komplettangepassten Mittelmaßes  – so könnte man den neuen Leben und Denke der neuen selbstoptimierten, alkohol- und pornographiebefreiten, und auf permanente Fexibilität und Maximalleistung getrimmten Mittelschicht zusammenfassen.

Das Ganze erinnert mich fatal an jene Zeiten des „Grande Terreurs“ und der 20er, 30er und 40er Jahre des letzten Jahrhunderts in der die Angst schon einmal regierte und im Namen des Allgemeinwohls und angeblicher Vernunft schon einmal zur Jagd auf alles Andere, Abnormale und Schädliche aufgerufen wurde. Die Folgen dieser Politik der Intoleranz scheinen wir heute vergessen zu haben, oder wir wollen sie einfach nicht mit dem, was wir heute denken, tun und urteilen in Verbindung bringen – denn wir sind ja besser, klüger, gestählter und härter…Man könnte auch von angstbedingter Hybris alles durch stetige (Selbst-)Optimierung beherrschen zu können sprechen.

Vielleicht ist es ja gar kein Zufall, dass in Zeiten, in denen humanistische Bildung, ja Bildung im weiten, allgemeinen und humboldt’schen Sinne als „nutzlos“ und „unpraktisch“ gilt ja garkein Zufall, dass die Kenntnis des Altgriechischen und damit der tieferen Bedeutung des Wortes „Hybris“ als „verzichtbar“ ja gesellschaftsschädigender da unwirtschaftlicher Luxus gilt. Vielleicht ist es ja gewollt, dass man nicht mehr weiß, das dieses Wort sich von „hybitzomai“ ableitet und ursürünglich eine Art selbstmörderische und im goebbelschen Sinne „totale“ Kriegstechnik bezeichnete bei der man zwar dem Gegner kurzfristig schadet, in erster Linie aber Gefahr läuft sich selbst zu verstümmeln.

Ich übertreibe?

Versuchen Sie doch mal mit 40 Kilo Übergewicht in ein Fitnessstudio zu gehen, auf einem Kinderspielplatz zu rauchen, setzen Sie sich mit einer prall gefüllten Tüte ihres Lieblingsfastfoodanbieters in den Bus, trinken sie Vormittags eine Flasche Bier auf einer Parkbank, oder probieren Sie einmal, ohne von Videokammeras überwacht zu werden durch eine Fußgängerzone zu laufen oder Bahn zu fahren, als offen schwuler Mann eine Jugendfreizeit zu leiten, sagen Sie ihrem Arbeitgeber offen, dass sie Depressionen und Bluthochdruck haben, oder versuchen sie einfach nur mal beim nächsten Picknick ihre veganen Freunde von den Vorzügen von Chicken McNuggets zu überzeugen…

Glaubt man Hasso Spode wird sich deren – je nach Standpunkt – „Offenbarung der Askese“ oder „Diktatur der Angst vor dem sozialen Abseits“ noch zwanzig oder mehr Jahre halten – meiner Meinung nach ist dies die wahre und einzig echte beänstigende Aussicht.

Betrachteter Alltag, oder: warum habe ich heute eigentlich noch keinen Aprilscherz gemacht?

AprilWarum ich heute noch niemanden in den April geschickt habe?

Ich könnte kurz antworten und sagen, ich mag einfach diese ganze „Scherznummer auf Kalenderbefehl“ nicht, genauso wenig wie den Valentins- oder Muttertag, Geburtstage oder andere Jubiläen…Schließlich legen wir sonst auch gesteigerten Wert darauf keine zahlengesteuerten Roboter zu sein – warum also irgendetwas machen, fühlen, schreiben oder denken nur weil ein bestimmter Tag ist?

Etwas reflektierter könnte ich mich fragen, warum ich dann trotzdem über das Thema „Aprilscherz“ am 1. April schreibe und antworten: weil ich mir ausrechnen kann, dass das Thema am 1. April die größte Reichweite besitzt und so der eine oder andere Wert in meiner Blog-Statistik steigt…Das mag zwar clever sein, aber ist auch reichlich trivial.

Eigentlich weiß ich garnicht so genau, weshalb ich mich jetzt nochmal hingesezt habe und wie wild in die Tasten drücke – vermutlich hat es auch etwas mit Vermeidungsverhalten und geistiger Ablenkung von wichtigerem / dringenderem zu tun – und der seltsamen Macht des hegemonialen Agendasettings durch soziale Netzwerk-Medien…Muss man jetzt nicht verstehen.

Also gut, 1. April, Aprilscherz, warum eigentlich…

Nun, wie bei vielen Konventionen weiß eigentlich auch bei dieser niemand, warum wir uns ausgerechnet an diesem Tag gegenseitig kollektiv verarschen. Vielleicht stimmt ja die Geschichte mit dem französischen König Karl IX. der im 16. Jahrhundert eines schönen Tages einfach den Jahresanfang vom 1. April auf den 1. Januar verschob und den Witzbolden die danach weiterhin stur zum Neujahrsfest am 1. April einluden, diejenigen, die diese Einladungen aber als echt ansahen als tumbe Trottel und Narren verspotteten? Hört sich weit hergeholt an? Nun, wir machen noch immer ganz ähnlichen Quatsch, nur dass wir heute etwas länger brauchen um zu merken welche Idioten wir, bzw. „die da oben“ denn sind…Man denke nur an das unselige Thema der Sommerzeit…

Vielleicht ist das „in den April schicken“ aber auch schon viel älter und hat mit dem altrömischen Fest der Quirinalien, einer Art antiker Karneval bei dem die Narren und Dummen gefeiert wurden (fragt mich jetzt bitte nicht warum) zu tun, der ursprünglich um den 17. Februar herum gefeiert, durch die Kalenderreform (hatten wir das grad nicht schonmal…) Papst Gregor XIII. aber um 13 Tage nach vorne auf den 1. April fiel. Stimmt das, dürften Fasching, Karneval und 1. April den gleichen Ahnherren zurückblicken.

Zwar ist die Redewendung „In den April schicken“ in Bayern schon im 16. Jahrhundert belegt, und auch „Aprilnarren“ kennt man schon kurz danach, was damit aber genau gemeint war bleibt unklar. Wirklich populär scheint der Brauch andere mit erfundenen Scherzen und Lügengeschichten am 1. April bewusst zu foppen erst im 18. und 19. Jahrhundert geworden zu sein. Mit Auswanderern ist er dann auch gleich in die USA übernommen worden.

Ach und noch eins…wenn ihr in Spanien oder Lateinamerika seid ist der Tag für einen Aprilscherz nicht der 1. April, sondern der 28. Dezember…warum weiß der Kuckuck (der vertauscht ja auch mal gern was…)…und damit: lasst euch bloß nicht einfallen wieder am Kalender herumzudeuteln, ihr werdet auch Jahrhunderte später noch als Narren im Gedächtnis bleiben 😉

 

Aus dem Archiv – Reise nach Kythera 11 – Von Zeus und El Greco (16.10.2013)

Zeus

Zeus

Und weil ich grade dabei bin – hier noch eine Kleinigkeit aus meinem „Kythera-Blog“ von 2013. Es geht um Zeus, El Greco, schwefelgelben Himmel und einen Schatz…Wer mehr wissen will:

http://wp.me/p2SJFH-ko

 

Aus dem Archiv: Reise nach Kythera 8 – Von Eisvögeln und Erdbeben (12.10.2013)

Talassa

Weil ich gerade wieder sehr viel an Griechenland und die Griechen denke – hier ein kleiner Auszug aus meinem „Feldforschungs-Blog“ von 2013:

Die Eisvögel sind wieder da!“ So hat es mir gestern morgen stolz und mit freudvollem Grinsen ein kleiner Junge verkündet als ich auf der Suche nach meinem Kugelschreiber auf der kleinen Mole des Fischerhafens von Diakofi umherirrte. Da „Eisvogel“ nicht zu meinem gängigen Griechischen Wortschatz gehört (der ist eher für so lebensnotwendige Dinge wie tanken, essen, Rechnungen, Entschuldigungen und Waschmittel reserviert ;-)) hab ich zuerst nicht verstanden was der kleine Dreikäsehoch von mir wollte.

Doch ein rascher Blick in Richtung der aufgeregt hin und herwedelnden Ärmchen machte sofort klar, was der Kleine mir mit glänzenden Augen versuchte zu erklären: Gleich zwei der schillernden Juwelen der Lüfte hatten sich – einfach so, und ohne sich um die etwas triste Umgebung zu kümmern – auf den weiß-rot gestrichenen Reelings der kleinen hölzernen Fischerboote niedergelassen und versuchten nun indem sie laut pfeifend hin und herflogen einige kleine Fische aus dem türkisfarbenen Wasser zu fischen.

Es brauchte wohl diesen optischen Schlüsselreiz um dann doch noch den entscheidenden „Klick“ in meinem klassisch gebildeten Hirn auszulösen. Genauer: wie (fast) immer in Griechenland gibt es selbstverständlich auch für das winterliche Auftauchen von Eisvögeln eine passende antike Sage: Ceyx Gemahl von Halcyone, Tochter des Windgottes Äolus, fuhr eines Tages über das winterliche Meer, um bei einem Orakel Rat zu suchen. Sein Schiff geriet in einen Sturm und sank – Ceyx und mit ihm alle seine Mitreisenden ertranken. Daraufhin erhielt Halcyone im Traum eine von den Göttern gesendete Botschaft von dem Unglück. Verzweifelt ob des Verlusts ihres Gatten stürzte sie sich ebenfalls in die Fluten. Die Götter, von der Treue Halcyones beeindruckt, verwandelten sie und ihren toten Gatten in Eisvögel und gewährten der Schiffahrt alljährlich im Winter vierzehn ruhige, windstille Tage, die sog. Halcyon-Tage. Diese spielen auch eine ganz besondere Rolle in Henry Purcells „The Enchanted Island„, und welche andere Insel könnte mit diesem Titel gemeint sein als…richtig Kythera“

Der Grund für diese windstillen Tage ist allerdings etwas kurios und spricht nicht unbedingt für die genaue Beobachtungsgabe antiker Ornithologen. Nicht der Schutz der Seefahrer lag den Göttern am Herzen (wie häufig bei den launischen Olympiern handelt es sich hierbei eher um einen angenehmen Nebeneffekt), nein, die gnädige Zurückhaltung des Windgottes Äolus gilt seiner in einen Eisvogel verwandelten Halcyone, welche zu dieser Zeit angeblich brütend auf ihrem schwimmenden Nest auf dem glatten Spiegel des Meeres sitzt…

Und hier beginnt das Problem: Entweder antike Eisvögel verhielten sich komplett anders als ihre modernen Nachfahren – diese brüten in aller Regel in selbstgegrabenen Höhlen an sandigen Steilufern und Geländeabbrüchen und haben so recht wenig von einer ruhigen See, oder aber die antiken Urheber der Sage haben schlichtweg Seeschwalben (die brüten tatsächlich in ruhigen Meereslagunen auf schwimmenden Flößen aus Grünpflanzen) und Eisvögel miteinander verwechselt bzw. zu einer Art vermischt – Lebensraum und Umrisse beider Arten sind recht ähnlich und beide fangen bekanntlich Fisch…Sicher ist nur, dass ich das griechische Wort „(H)Alcyon“ für Eisvogel so schnell nicht mehr vergessen werde…

Nicht genug damit, gegen Mittag riss der stärker werdende Zephir etliche Blüten von den Bouganveliennüschen und Hibiskussträuchern (wir haben hier immer noch Sommer!) und verteilte sie im kristallklaren Wasser der Bucht. Das Ganze sah aus, als hätte man in einem vernöstlichen Spa für Riesen eine gewaltige Badewanne voller türkis-rosa-weiß-rot gesprenkelten Ajurvedabadewasser mit „Exotikblütenbeilage“ vorbereitet. Und ja, ich hab Bücher, Bücher sein lassen, mir nicht den Photo (der wär eh vom aufgewirbelten Sand kaputt gegangen) sondern die vorsorglich mitgebrachten Badesachen geschnappt und bin  mit Eisvögeln, Silberreihern, Bussarden und Falken als Zuschauern durch die ganze buntgetupfte Bucht geschwommen!

Mitten drinn im romantischen Herumgeplantsche begann es dann oben in den Bergen um Agia Moni zu rumoren. Erst ganz leise, dann lauter, als würde eine ganze Ziegenherde auf einmal über eine der Geröllhalden laufen. Aber da waren keine Ziegen, nur kleinere und größere Felsbrocken die von den Hängen hinunter ins Tal kullerten. Normalerweise ist das hier nicht weiter der Rede wert, kleinere Felsstürze passierten hier quasi im Minutentakt. Was mich dann aber doch etwas beunruhigte, waren die besorgten Gesichtern der Fischer, denen anzumerken war das es diesmal wohl etwas ernsteres war. Leicht besorgt und schweren Herzens verließ ich also meine Privatbadewanne (ich hatte wirklich die gesamte Bucht von Diakofti für mich allein!) und hab am Strand nachgefragt was denn los sei. „Seismos“ Erdbeben, nicht besonders schlimm, aber man sollte sich wohl sicherheitshalber doch ein paar Meter den Hügel hinaufbewegen…Tzunami und so…

Gesagt getan, ich in den Badeklamotten durch den Ort, ab ins Auto und den Berg hochgefahren. Ob das wirklich eine Gute Idee war weiß ich im Nachhinein nicht so unbedingt; Ein Nachbeben auf der durch Felswände verlaufenden Straße von Diakofti zum Flughafen ist sicherlich kein Vergnügen…aber immer noch sicherer als eine Flutwelle unten in der Bucht…

Oben angekommen kam mir schon ein Baggerfahrer mit der Entwarnung entgegen. Es sei wirklich nicht so schlimm. Das Erdbeben habe vor Chan(d)ia – einer Stadt auf Kreta – ca. 80 Kilometer südöstlich von hier stattgefunden, Stärke 6,7. Auf Kythera gäb’s nur kleinere Schäden, keine Tzunamigefahr…

Dumm war blos, dass ich bei der ganzen Aufregung vergessen hatte, Sonnencreme und mein Hemd anzulegen! Resultat: Ein erdbebenverursachter Sonnenbrand! Mein vergessenes Hemd hab ich dann übrigens in der Bucht wiedergefunden, der Wind hatte es zwischenzeitlich über den Strand ins Wasser geweht…noch mehr Wäsche!

Die Fischer hatten sich erst garnicht vom Fleck bewegt. Ein Tzunami, so die einhellige Meinung, sehe anders aus…wie haben sie mir nicht verraten und ich glaub, sie haben sich insgeheim auch ein ganz klein wenig darüber gefreut, dass sie dem bleichen Touristen ein wenig Angst eingejagt hatten…jedenfalls lachten sie alle und fragten, warum ich denn so rot sei…

Zurück im Appartment war ich dann um drei echt Kytheranische Weißheiten reicher:

1) Traue keinem Riesen der Bouganvelienblüten in eine Mittelmeerbucht streut, er will spielen und macht dabei kleine Erdbeben! 😉

2) Ein Erdbeben ist noch lange kein Grund auf den Sonnenschutz zu verzichten!

3) Tzunamis sehen anders aus…wie weiß niemand so genau, da’s bisher vermutlich niemand der’s je gesehen hat weitersagen konnte…

Ein Blick in die Abendnachrichten belehrte mich dann übrigens, dass die Warnung der Fischer vielleicht doch nicht nur scherzhaft gemeint war. Auf dem nur 80 Kilometer entfernten Kreta hat das Erdbeben doch erhebliche Schäden angerichtet und wenn ich’s richtig verstanden habe hat’s auch Schwerverletze und eine, wenn auch sehr kleine Flutwelle gegeben.

PS: Noch etwas ist mir heute aufgefallen. Augenscheinlich verursacht nur Nordsturm (Boreas) Stromausfall. Zephir (Westwind)-Stürme sind zwar stärker (und unangenehmer, da sie heiß und sehr feucht sind, haben hier gerade gefühlte 35°C im Schatten) verursachen aber aus unerfindlichen Gründen keine blackouts. (jedenfalls noch nicht…).

Giassas!

(K)ein Recht auf Leben_zur aktuellen Debatte um ein Verbot pränataler Gentests

SelektiertFür Eingeweihte, Interessierte und Betroffene wirken die zur Zeit durch die Medien gehenden Berichte über die von Behinderten-Organisationen (das Wort ist wenig glücklich, aber mir fällt gerade auch nichts besseres ein) geforderten Verbote pränataler nicht-invasiver Bluttests mit denen Behinderungen wie Trisomie 21 und andere „Gen-Deffekte“ diagnostiziert werden in ihrer Verspätetheit fast zynisch.

De facto leben wir seit der Einführung des „PraneaTests“ der Konstanzer Firma Livecodexx 2012 in einer Welt, in der die Selektion potentiell behinderter oder auch nur „kranker“ Föten nicht nur Realität ist – das ist er spätestens seit Einführung der Pränataldiagnostik (PND) – seit Ende der 1950er Jahre, sondern quasi risikolos geworden ist und in der, wie Gerd Weimer, Behindetenbeauftragter von Baden-Württemberg es formuliert „Das Designer-Baby sich am Horizont abzeichnet“.

So sehr es Befürworter der PND auch verneinen, und so sehr die Hersteller diverser pränataler Früherkennungstests es auch bestreiten. De facto dient die PND seit ihrer Ersteinführung vor allem dafür werdenden Eltern eine Rechtfertigung dafür zu bieten potentiell unerwünschtem Nachwuchs sein Recht auf Leben abzusprechen. Dies mag spitz, ja polemisch formuliert sein, doch die seit Beginn des „Ultraschallzeitalters“ erfolgte Abtreibung Millionen weiblicher Föten in Indien oder China oder der seit den 1960er Jahren zunehmende gesellschaftliche Druck (inklusive der gesetzlichen Legitimierung) zur Abtreibung potentiell „behinderter“ Föten – hier insbesondere jener mit der verhältnismäßig „leicht“ zu diagnostizierenden Trisomie-21 (früher diffamierend auch „Mogoloismus“ genannt), von denen zwischenzeitlich weit über 98% abgetrieben werden – zeigt dass die PND, ob von ihren Erfindern gewollt oder nicht gewollt, genau dazu genutzt wird. Befürworter dieser Praxis heben dabei das Selbstentscheidungsgrecht der Frau, die enorme psychische, soziale und finanzielle Belastung durch ein behindertes Kind oder – und dies wird zunehmend gesellschaftlicher Konsens – das angebliche Recht der Eltern auf ihr „Wunschkind“ – man könnte technisch auch von „erbgesundem Nachwuchs“ (und ich verwende hier sehr absichtlich die Terminologie der NS-Zeit) sprechen.

Doch wollen wir wirklich in einer Welt leben, in der Menschen kein Recht mehr zu Leben haben, welche nicht perfekt sind, das falsche Geschlecht haben oder einfach nur nicht den hochgesteckten Karriere- und Leistungsansprüchen ihrer Erzeuger entsprechen und in der werdende Eltern und die sie umgebende Gesellschaft den „(Überlebens-)Wert“ eines Menschen nur nach dessen Nutzwert für Wirtschaft und Gesellschaft messen? Wollen wir eine längst reale Welt , in der sich Mütter und Väter „behinderter“ Kinder von Ärzten, Nachbarn und Verwandten anhören müssen, dass „sowas heute doch wirklich nicht mehr nötig“ sei? Wollen wir, dass die Eigenschaften eines Menschen klassifiziert und nach „nützlich“ oder „unnütz“, „lebenswert“ oder „lebensunwert“ beurteilt werden, oder wollen wir daran festhalten, dass jeder Mensch einzigartig ist und allein schon aufgrund seines Menschseins ein unbestreitbares Recht auf Leben hat?

Ich weiß, ich wage mich mit diesen Fragen auf ein sehr heißes Terrain, bei dem man sich nicht nur in philosophisch, ideologisch und politisch vermientes Gebiet vorwagt, sondern sich auch sehr schnell mächtige Interessengruppen von Industrie und Wirtschaft, welche Menschen auf den Status von Humankapital reduzieren, sowie die gesamte feministische Welt sehr schnell zu Feinden macht, und es darüberhinaus mit vorgeblichen „Freunden“ und Unterstützern aus der Fundamentalistisch-rechtskonservativen bis – radikalen Ecke zu tun bekommt, die man vielleicht garnicht haben will.

Was ich an dieser Stelle bezwecke ist jedoch kein völliges Abtreibungsverbot oder eine Stigmatisierung von Frauen die sich, aus welchem Grund auch immer dazu gezwungen sehen abzutreiben. Eine Abtreibung ist kein Spaß den man einfach nebenher macht. Ihr geht immer ein schwerwiegender Konflikt voraus und niemand kann mir ernsthaft erzählen, Frauen würden sich zu einem solchen Schritt leichtfertig entscheiden. Ob sie immer bis ins Letzte durchdenken welche Langzeitwirkungen dieser Schritt haben kann, und ob dieses „Vorausdenken“ überhaupt möglich ist, ist eine andere Frage. Aber meiner Erfahrung nach ist es für keine Frau leicht sich gegen ein Kind zu entscheiden. Auch könnte man angesichts des Fakts das zum „Kindermachen“ meist mehr als eine Person gehört und der Akt der Abtreibung stets die elementaren Rechte mehr als nur einer „Person“ tangiert sehr lange und vermutlich auch sehr kontrovers darüber reden, debatieren und ganz sicher auch streiten ob die juristische Prämisse, dass allein die Mutter darüber entscheidet ob ein Kind abgetrieben wird oder nicht der Weisheit letzter Schluss ist (Wobei ich hier gleich dazu sagen muss, dass mir auch bei längerem Nachdenken keine andere praktikable Lösung einfällt…).

Doch ist das garnicht die eigentliche Frage die ich mit hier stelle. Es geht mir mit diesem Post vielmehr um eine grundsätzliche Hinterfragung der gesellschaftlichen Begleitumstände, Konventionen und Menschenbilder, die zu einer Abtreibung führen. Was, wenn es morgen nicht „nur“ Föten – oder sollten wir nicht doch besser von werdenden Menschen reden? –  mit Down-Syndrom sind, die man selbst nach ablauf der 12-Wochenfrist straflos abtreiben darf (und nach Meinung eines stets wachsenden Anteils der Bevölkerung auch soll?) Was wenn – wie in den USA längst üblich – eine genetische Disposition für Übergewicht, Astma, Rheuma, Sommersprossen oder die falsche Augenfarbe in Zukunft auch bei uns über Leben und Tod entscheiden? Was wenn morgen irgendein Epigenetiker tatsächlich das „Schwulen-Gen“ entdeckt, oder wir ein „Faulheits-Gen“ finden? Treiben wir diese Föten dann auch genauso ab, wie wir es mit den Trisomie-21-diagnostizierten tun, nur weil sie nicht in unser Werte- und Lifestyle-Konzept passen?

Wir alle sollten uns bewusst sein, dass wir, seitdem die Pränataldiagnostik die Tür zur „pränatalen Selektion“ geöffnet hat, jeder von uns das potentiell nächste Opfer des Selbstverwirklichungs und Perfektionierungswahns unserer Zeit sein könnten. Gerade wir Deutschen sollten aufgrund unserer Vergangenheit sehr genau nachdenken, ob wir wieder eine Form der Eugenik – und nichts anderes Verbirgt sich im Fall der Abtreibung behinderter Föten hinter dem Begriff „medizinische Indikation“ (weiter) zulassen wollen. Die neuen Bluttests sind dabei nur ein Baustein einer immer weitgehenderen, perfektionierten und auf Perfektion abzielenden Pränataldiagnostik und einer Gesetzgebung, welche das elementare Menschenrecht auf Leben dem Recht auf das (gesellschaftlich wie privat zunehmend als alleinige „Norm“ definierten) „gesunden“ Wunschkind und die eigene Selbstverwirklichung (der Mutter?) unterordnet. Es wird Zeit sich der Problematik dieser Entwicklung und der ihr zugrundeliegenden Definition von „lebenswertem“ Leben zu stellen. Der Grad zur gezielten Ausselektierung angeblich „lebensunwerten“ Leben ist schmal, wenn er denn in der Praxis überhaupt vorhanden ist, wie das Beispiel der beinahe totalen „Eliminierung“ Trisomie 21-diagnostizierter Föten zeigt. Wie sagte die selbst Trisomie 21-habende Hauptdarstellerin des Filmes „Be my baby“ Carina Kühne anlässlich einer Diskussion auf einem Filmfestival so treffend: „Menschen wie ich sterben nicht aus, sie werden ausgerottet, weil unsere Gesellschaft sich Menschen wie mich nicht mehr leisten will.“

Und nein, ich bin ganz gewiss keiner jener religiösen Fundamentalisten, welche Pränatale Diagnostik, Abtreibung, die Pille oder Verhütung rund heraus verbannen. Dafür kenne ich die Nöte, Zumutungen, Langzeitfolgen und alltäglichen Demütigungen die mit der Eintscheidung für oder gegen ein Kind verbunden sind auch aus eigener Erfahrung viel zu gut.  Ich weiß einfach nicht, was ich einer jungen, talentierten Schauspielerin wie Carina Karina Kühne antworten soll? Wie soll ich ihr erklären (und will ich überhaupt erklären!), warum es in einer der reichsten Gesellschaften der Welt so unglaublich schwierig Kinder zu bekommen und großzuziehen, vor allem dann, wenn sie eben nicht ganz perfekt sind… Warum sind Kinder der sicherste Weg in die Armut, warum emfinden werdende Eltern ein Kind (erst recht ein behindertes Kind!) als Einschränkung, ja existentielle Bedrohung und nicht mehr als Bereicherung, und warum glauben wir, ein Recht oder – noch schlimmer – die Pflicht auf ein „gesundes“ „perfektes“ „leistungsstrakes“ „normales“ Kind zu haben oder haben zu müssen?

Fragen die wir viel zu lange den werdenen Müttern alleine überlassen haben. Fragen die wir als Tabus und politisch „heikel“ viel zu lange aus unserem Leben verbannt haben. Fragen, denen wir uns – wenn wir nicht wollen, dass sie „qua medizinischem Fortschritt“ einfach ohne uns und ganz „en passon“ durch Faktenlage entschieden werden – stellen müssen und deren Folgen und Auswirkungen auf unser Eigen- und Menschenbild, unsere Hoffnungen, Ängste und Ideale endlich offen und kontrovers debattiert werden müssen. Das ist es, wozu ich mit diesem post anregen will, nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.

 

 

Weitere Denk-an-stöße und Weiter-führendes zum Thema:

„Vom Leben und vom heiligen Zorn“ , Link zu meinem Beitrag zum Film „be my baby“ vom Dezember 2014 in dem ich mich ebenfalls mit der Thematik auseinandersetze:

http://wp.me/p2SJFH-ww

 

Link zu einem aktuellen Artikel von Spiegel-Online zum Thema „Blutgentest“:

http://www.spiegel.de/gesundheit/schwangerschaft/praenatest-und-weitere-down-syndrom-bluttests-kritisiert-aber-genutzt-a-958721.html

 

Beitrag von Carina Kühne zum Film „Be my baby“:

https://www.aktion-mensch.de/blog/beitraege/be-my-baby-meine-erste-filmerfahrung/

 

 

Reise nach Kythera 11 – Von Zeus und El Greco

Zeus

Zeus

Schwefelgelber Himmel, Sturmböen und aufgewühlte See.

Auf Kythera, wie auf jeder Insel inmitten des Meeres, hat Wetter auch hier etwas archaisches, ungeordnetes, unberechenbares. Sicherlich und nicht zuletzt auch deshalb, weil hier die kalten – im Sommer auch heißen – Winde Arkadiens auf gleich drei Meere mit sehr unterschiedlichen Eigenschaften treffen: Die Aegais im Nordosten, die Adria im Nordwesten und im Süden das offene Mittelmeer. Kythera ist – sieht man von dem Südwestlich gelegenen Kreta einmal ab –  das letzte bisschen Land vor Afrika.

Und wie immer, wenn ein kleines bisschen Land und die unendliche See aufeinanderprallen ist Wetter hier keine vorhersagbare Sache – eher eine Art Variable mit zu vielen Unbekannten. Der Alptraum jedes Metorologen!

Vor allem im Herbst und im Frühling, jener Zeit wenn in Griechenland die „Winde ihre Richtung wechseln“ wagt kaum jemand auf mehr als 24 Stunden vorraus zu sagen ob es sonnig, stürmisch, gewittrig, windstill, neblig, regnerisch oder gar alles zusammen werden wird.

Sicher, der Wetterbericht gibt eine Art „Tendenz“ an…aber ob es deshalb auch so sein muss, und ob es nicht doch ganz anders wird ist nicht wirklich berechenbar. Außerdem kann es – obwohl die Insel nicht einmal 300 km² – hat, durchaus sein, dass es im Norden regnet, auf der West-Seite dichtester Nebel herrscht und im Südosten, also nur ein paar Hügel und keine 200 Kurven entfernt strahlender Sonnenschein und Windstille herrscht. Kein Wunder also, dass Kythera von Biologen, Künstlern und Wanderern als „Griechenland im Kleinen“ bezeichnet wird. Und fährt man von den verkarsteten, mit Heide und duftenden Kräutern bewachsenen, windumtosten Hügeln des Südens, durch die fast tropischen Schluchten der Inselmitte in die grünen Kiefern- und Eukalyptuswälder des Nordens hat man wirklich das Gefühl man habe nicht nur wenige Kilometer, sondern eine ganz andere Welt hinter sich gelassen.

Doch eines ist bereits auf den ersten Blick klar: Ohne Wasser geht hier garnichts! Wo es fehlt wächst allenfalls ein wenig dürres Gras, wo es aus den Quellen stömt wachsen riesige Platanen, Weiden, Eichen und Buchen, dazwischen paradiesische Gärten mit allem was das Herz begehrt – von Wein, über Feigen und alle Arten von Gemüse und Obst bis hin zu exotischen Bananenstauden und Kakibäumen. Während wir in Deutschland nicht selten über das nasse Grau des Herbstes (und Sommers!) fluchen, ist man hier – von ganz wenigen Schneetagen im Januar und einigen kurzen Momenten im Frühjahr wenn durch die Schluchten nach heftigen Regenschauern wahre Sturzbäche tosen und manche Teile der Insel wegen Überflutung für Stunden oder Tage nicht oder nur über Umwege zu erreichen sind abgesehen – über jeden einzigen Tropfen Regen, der die Quellen und spärlichen Wasserreservoirs wieder auffüllt heilfroh. Dies nicht nur, weil jeder Tropfen für die spärliche Weide- und Landwirtschaft ein wahres Lebenselexier darstellt, nein, ausgiebige Regenfälle im Frühjahr und Herbst bannen auch ein anderes, sehr reales Risiko: Buschbrände!

Und dann ist da noch eine Sache, die es so an kaum einem anderen Ort Europas gibt:

Das grelle, fast unwirkliche Licht, dass eher an Nordafrika, als an Europa erinnert. Das alles ist aber kein Zufall, sondern Geographie: Kythera liegt weitestgehend südlicher als Sizilien. Dadurch fällt das Licht in einem sehr viel steileren Winkel als weiter nördlich auf die Insel. Folge sind harte und scharfe Schatten, und extrem klare Farbkontraste, die wirken als hätte jemand aus Versehen eine Tonerkasette zu viel eingelegt…Fast, als wäre ein kleines Stückchen Afrika nach Europa verlegt worden…

Fast, denn die Insel hat die eigentümliche Angewohnheit sich während Schönwetterperioden einen Schleier aus tiefliegenden nicht besonders massiven und ebensoschnell erscheinenden wie verschwindenden Wolken zuzulegen. Die Bezeichnung „Schleier der Aphrodite“  die die Einheimischen für dieses Wetterphänomen erfunden haben, lässt mich jedes mal an den bambergischen Schleier der Kunigunde, eine Art sagenumwobener Nebel, der die Weltkulturerbestadt angeblich vor Aliierten Bombardierungen geerettet hat, denken. Und tatsächlihc, es ist als würde jemand binnen Sekunden ein riesiges Leintuch über die Insel spannen und sie in ein diffuses und trotzdem scharfes, grau-weißes Lichts, dass alles zugleich verhüllt und in einer seltsamen Fehlfarbigkeit erscheinen lässt hüllen.

Bereits als ich dieses Phänomen das erste mal vor ein paar Jahren gesehen habe, habe ich mich gefragt, ob es dieses Licht war, dass El Grecco zu seinen seltsam „negativfarbenen“ Heiligengemälden inspiriert hat. Verwunderlich wäre das nicht, seine Familie stammte aus Chania, hier gleich um die Ecke auf Kreta, wo’s gelegentlich, aber nicht so häufig wie auf Kythera ein ähnliches Wetterphänomen zu bestaunen gibt.

El Grecco, der später vor allem in Spanien tätig war, muss dieses eindrucksvolle Spiel aus Licht und Nebel aus seiner Kindheit und Jugend sehr gut gekannt haben.

Mir erscheint daher die Hypothese, der „Schleier der Aphrodite“ habe El Greccos eigentümliche Malweise beeinflusst, eine bessere Erklärung für die seltsame, weiter nördlich unbekannte Farbgebung in El Greccos Bildern als die in der kunsthistorischen Literatur häufig diskutierte Augenkrankheit oder eine besonders innige Frömmigkeit die sich in einer bewussten „Überhöhung“ durch Fehlfarbigkeit ausdrückt. Nein, wer dieses Phänomen kennt, wird feststellen, dass in El Greccos Bildern ist nichts fehlfarben oder übertrieben ist. Der große Künstler hat die Dinge ganz einfach so gemalt, was er aus seiner Kindheit kannte, nicht mehr, und nicht weniger.

Vermutlich war es deshalb auch eher die Erinnerung an eines jener garnicht so seltenen kretischen oder kyhteranischen Herbst- oder Wintergewitter bei dem jähe magnesiumweiße Blitze durch vom Meer her aufsteigende, tiefhängenden Wolkenfetzen schießen und dabei die Nacht in magnesiumweißes Licht hüllen, das „Den Griechen“ zu seinen schreckenserregenden Heiligenvisionen ermunterte,  und nicht irgendwelche „göttlichen“ Visionen (die aber – dies sei den „Visionären“ der Kunstgeschichte zugestanden – , wenn man sie sich ausdenken müsste, nicht sehr anders aussehen würden. Nur musste sich El Grecco eben nichts ausdenken, er kannte das Ganze als „real version“). Vielleicht ist dieses seltsame Wetterphänomen ja auch die Erklärung für andere „Visionen“. Jene des Evangelisten Johannes. Der saß nur knappe 70 Kilometer nördlich am anderen Ende der Ägais auf einer anderen aus dem Meer aufsteigenden Insel: Patmos. Nach allem was ich weiß soll es dort mitunter, wenn auch seltener sehr ähnliche Wetter- und Lichtphänomene geben… und wer weiß, vielleicht war das „Himmlische Weib“ im Johannesevangelium ja garnicht so himmlisch, sondern nur eine Bäuerin, die nach Einbruch der Dunkelheit noch rasch die Ziegen in den Stall zurücktrieb und dann vom ersten Blitzstrahl eines in der Dunkelheit unbemerkt heranziehenden Gewitters in goldenes Licht gehüllt wurde…

Tatsächlich hat auch für mich Göttervater Zeus persönlich in seiner Mottenkiste gekramt und noch rasch bevor mein Flieger zurück ins kalte Deutschland geht Blitz, Donner und Sturm hervorgekramt. Gemeinsam mit seinem nicht weniger göttlichen Bruder Poseidon zaubert und allen Tritonen, Amphytriten und Winden werkelt er gerade am ersten ordentlichen Herbststurm des Jahres. Vermutlich ist das die Strafe für meine unselige Hybris, mit der ich als Sterblicher gestern und unziemlichster Anmaßung den Blickwinkel eines Gottes genießen ließ – Beim Anblick des „Schleiers der Aphrodite“ hat’s mich einfach gerissen und ich bin durch jähe Steilwände und noch jähere Schlaglöcher hinauf zu den Nato-Abhörantennen nach Agia Elessa gefahren.

Wortwörtlich „in den Wolken sitzend“ sah ich mir von dort dann „mein“ Kythera an und fühlte mich inmitten von Sturmgeheul und vom weiten Südmeer an die Felswände getriebenen Nebeln, beinahe selbst wie ein kleiner Gott…Die Rechnung kam heute postwendend in Form einer schlaflosen Nacht und einer wiederaufflammenden Erkältung…

Zeus ist sauer und grollt seit Mitternacht vom Gipfel des nahegelegenen Faskomiles. Vielleicht hätte ich aber auch gut daran getan mich auf die kleine vorgelagerte Insel Makrodragonara fahren zu lassen. Dort warfen Schiffsleute und Reisende über Jahrhunderte immer wieder Münzen in die kleinen Schluchten und schufen so mit der  Zeit einer der größten und vielfältigsten antiken Münzschätze, dessen Prägungen vom Schwarzen Meer bis nach Karthago und Spanien reichen. Leider ist auch dieser vor wenigen Jahren von Archäologen entdeckte Schatz heute genau wie  der Schatz von Antikythera mit dem „Antikytheraapparat“ nicht mehr auf der Insel, sondern in Athen…Irgendwann braucht man hier wirklich mal ein ordentliches Museum – und wer weiß, vielleicht gibt es dann auch mehr zu sehen, als „nur“ den berühmten „Kytheranischen Löwen“ eine vollendete Marmorstatue, die einst vermutlich den Burgberg von Paleokastro schmückte, später von den Venezianern über der Rampe des Forts in Chrora als Türwache aufgestellt wurde, dann ins Museum gebracht, von den Deutschen Besatzern als „Souvenir“ entführt, von einem kyhteranischstämmigen Professor in Deutschland wiederentdeckt und in den 1980er Jahren wieder auf die Insel zurückgebracht wurde…

Genug Archäologie und Kunstgeschichte für heute. Ich frage mich ohnehin schon die ganze Zeit, warum ich jedes Mal wenn ich etwas über diese Insel schreibe in griechische Mythologie und Archäologie abschweife und so wenig über die Gegenwart und den Alltag (na ja, so wenig war’s auch nicht) zu Papier bringe…vermutlich hat mich da auch der „Schliemann-Virus“ getroffen, so wie er jeden trifft, der sich auch nur ein wenig mit der Geschichte und Vergangenheit dieses Teils der Welt beschäftigt.

Ich muss weiter – Draußen verkünden Schreie und Motorsägen der Bauarbeiter und nicht Kirchenglocken den Neuen Tag – Sicher, es gibt hier – anders als in manchen ganz strengen Athoseinsiedeleien – auch Kirchenglocken, aber sie fühlen sich für so profanen Dinge wie Stunden und Tage anscheinend nicht zuständig…Entweder man macht das hier nicht so (was ich mir bei den doch recht zahlreichen Zifferblättern an den Kirchen nicht recht vorstellen kann), oder aber, die Uhrwerke sind irgendwann einmal kaputtgegangen und harren noch ihrer Wiederauferstehung…Jendefalls ist die Sache auch nach zweieinhalb Wochen auf der Insel noch immer sehr gewöhnunsgbedürftig für einen Wahl-Bamberger wie mich, der es gewöhnt ist, dass eigentlich immer und überall mindestens eine Glocke ihren Dienst verrichtet und ganz fürchterlich erschrickt, wenn wirklich einmal absolute (und nach bambergischem Verständnis auch absolut unchristliches) Schweigen herrscht… Nun…es geht auch so…

Und da sich auch Zeus inzwischen wieder beruhigt zu haben scheint, werde ich heute vermutlich auch zurückfliegen können. Mal sehen ob der große und kleine Jannis auch bei diesem Wetter am Strand sind. Danke an alle, die geholfen haben, dass auch dieser Forschungsaufenthalt wieder ein Augenöffner und Erfolg war…Ich werde mich jetzt gleich nochmal ins Auto setzen und mich zu einer ausgiebigen Abschiedsfahrt über die Insel aufmachen…

Giassas!

Reise nach Kythera 10 – Zwischen Heidiland und Down Under oder: Neulich am Strand von Diakofti…

Hellas !

Hellas !

„Grüazi, sid’s Ihr au vo Züri dô“

Genauso wenig wie „Baden am Strand“ normalerweise zu den Aufgaben eines fleißigen Feldforschers gehört, würde man diese Frage an einem kleinen Sandstrand südlich des Peloponnes erwarten. …Doch auf Kythera funktionieren Kathegorien wie „man würde nicht erwarten“ oder „noralerweise“ nicht, jedenfalls nicht so, wie im guten alten Mitteleuropa.

Kyhtera ist anders – nicht nur im Reiseprospekt! Der Strand von Diakofti ist Mitte Oktober einfach der beste Ort an dem „Forscher“ ganz zwanglos und unter dem mehr als mäßigen Schatten einiger Strandzypressen (ich bin immer noch überzeugt, dass es nichts anderes als reichlich zerzauste Tamarisken sind…) mit Leuten aus aller Herren Länder ins Gespräch zu kommen.

Das diese Menschen es zufälligerweise gerade auch Leid sind sich neuerdings erfolgreich „Wanderwege“ nennende, felsbrockenübersähte Ziegenpfade auf und abzusteigen, ist ein angenehmer Nebeneffekt, aus dem sich dann auch gleich trefflich ein improvisiertes Interview zur touristischen Zukunftsentwicklung der Insel basteln lässt.

Ergebnis eines dieser „Gespräche“ war, dass auf der Insel dringend eine Abordnung des schweizerischen Alpenvereins tätig werden müsse, die bei der Gründung einer örtlichen Gruppe tatkräftige Hilfe leisten könnte, damit die letztendlich die Wanderwege in einen „menschenwürdigen“ Zustand versetzen sollte…Ich vermute jetzt einfach mal, dass niemand außer mir den Zustand der Wege vorher kannte. Ich finde sie mehr als vorbildlich und auch durchaus „menschenwürdig“ ;-).

Außerdem wollte ich mich heute ja mal kurz fassen…

Man (also der Feldforscher im nicht mehr so ganz funktionierenden Inkognito – Griechische Inseln sind eben in der Nebensaison sehr klein…) liegt also  teilnahmsvoll teilnehmend beobachtend am Sandstrand. Auf dem Kopf ganz stilecht einen falschen Panamahut und in den Händen einen gar nicht mal so schlechten amerikanischen Roman…nicht jeder Neuankömmling muss gleich sehen, dass man über die Insel forscht…man wird hier sonst sehr schnell zum unfreiwillig-inoffiziellen Reiseführer verdonnert…

Deshalb ist auch alles deutschsprachige auf dem Buchcover oder an der Kleidung tabu – schließlich muss angesichts der aktuellen „Beziehungskrise“ zwischen Hellas und Germania nicht jeder sofort wissen, woher man kommt…Es erspaart einem die eine oder andere reichlich sinnfreie politische Diskussion auf der Metaebene…Wobei, im Gegensatz zu ihren Athener Brüdern sind die Kytheraner in diesen Dingen – meist – wesentlich realistischer. Es wird hier eben nicht alles so heiß gegessen wie es auf dem Syntagma-Platz gekocht wird, und man ist weltgewandt genug, dass man auch mal den kritischen Abstand zu allzu nationalistischen Tönen der eigenen Regierung wahren kann…Außerdem…es gibt hier genug lokale politische Themen über die man sich – selbstverständlich in Englisch – die Köpfe heiß reden kann…

Das heißt nun nicht, dass meine Interviewpartner nicht sehr genau wüssten, wer ich bin und was ich mache…Diesmal gab’s sogar extra Flyer mit Bild und zentralen Fragestellungen der Arbeit (Erfolg des Ganzen war, dass die Hälfte meiner Interviewpartnerinnen es nicht lesen konnte, weil sie zu eitel waren eine Brille zu tragen und die Andere Hälfte sich in herzlichen aber liebevoll darüber amüsierte, wie unglaublich organisiert und „deutsch“ ich doch sei…Das nächste Mal also keine Flyer mehr…

Grundsätzlich gesagt ist es hier aber für die „Erstbegegnung“ wie in allen „kleinen griechischen Bergdöftern“ (Titel eines berühmten ethnologischen Standardwerkes) schlichtweg besser, wenn nicht jeder sofort weiß wer man ist, und was man macht, sondern sich erstmal auf „normaler“ Ebene kennenlernt. Andernfalls bekommt man außer dem üblichen „Kythera ist eine wundervolle Insel um darauf Urlaub zu machen“ -Stereotyp nichts sehr viel zu hören und sehen.

Immerhin war hier noch niemand so überengagiert, dass er mir – wie in Franken bereits zwei mal passiert – seine gesamte Sippschaft in Tracht mit Schnaps, Brot und Schinken auf den Hals hetzte…Es damals ja war nett gemeint, aber…

Zurück nach Kythera: Nach etwas über zwei Wochen, die ich jetzt hier bin, weiß eh jedes Kind wo ich hingehöre und was ich mach (die ersten bringen mir schon kleine „Inselandenken“ in Form von Disteln, Sempervivablüten (Inselblume) und bunten Kieselsteinen – Ich habe gerade etwas Angst wegen der Kosten für Übergepäck und fühl mich außerdem wie Malinovsky an seinem berühmten Schreibtisch…Die Welt ist klein hier…sehr klein…Die Menschen sind (noch!) außerordentlich nett und hilfsbereit und sehr stolz, wenn sie einem etwas neues zeigen können (manchmal auch zu sehr, aber woher sollen sie denn auch wissen, dass ich den Weg nach Amir Ali wahrscheinlich besser kenn als sie selbst und nicht auf jedem Quadratzentimeter Schutz vor herumstreunenden Katzen, Brombeerdornen, Libellen (die „stechen“ nach mediterranem Volksglauben nämlich…dafür scheint man vor Hornissen – die zwar nicht tödlich sind, aber sehr fieß zustechen können – keinerlei Angst zu haben) und gefährlichen Herbstblättern (sic!) brauche. Auch das ist nett gemeint, und nie auf- oder zudringlich, sondern immer Ausdruck der besonderen Sorge um den geschätzten Gast. Dass ich dabei gelegentlich auch zum Aufpasser der Kiddis wurde und nicht andersherum…mein Gott, das passiert und ist eigentlich eine hohe Auszeichnung, weil die kytehranischen Mütter mir, dem Fremden, in dieser Hinsicht ganz offensichtlich blind vertrauen. Nur eilig sollte man es eben nicht haben…Vielleicht tut mir das bisschen Entschleunigung auch ganz gut. Es hilft zu vestehen, warum hier jahrhundertelang Dinge sehr anders funktionierten als im durchorganisierten und punktgetakteten Deutschland, nicht weil man etwa faul oder unmotiviert gewesen wäre – wie es die gehässige Deutsche Fama nur allzu gern über Griechen verbreitet – sondern weil es die Natur der Insel und ihre sehr begrenzten Ressourcen einfach nicht anders zuließ.

Ruhe, Kluge Selbstbeschränkung und Zurückhaltung – kurz das richtige Maß – waren hier nicht nur abstrakte philosophische Tugenden – sie waren und sind überlebenswichtig. Auf einer Insel, auf der man nie wusste, wann der nächste Piratenüberfall kommen, die nächste Ernte ausfallen, oder die Winterregen ausbleiben konnten, das wenige Vieh geraubt oder von einer Seuche hinweggerafft würde, oder monatelang wegen Stürmen und kriegerischer Konflikte kein Schiff mehr durchkam – tat und tut man gut daran, die eigenen Wünsche, Hoffnungen und Erwartungen nicht allzu hoch in den Himmel wachesen zu lassen und langam, bedacht und beständig anzugehen – Vielleicht ist dies das eigentliche Geheimis des weltweiten Erfolgs jener Kytheraner, die in andere Länder ausgewandert sind. Sie haben Träume, große sogar – aber sie vergessen nie, dass es harter Arbeit und einen sehr langen Athem braucht um diese auch umsetzen zu können. Diese ruhige, bescheidene, realistische, freundliche, aufgeschlossene, niemals aufdringliche Art, die erst einmal abwartet, nichts überhastet, nachdenkt und erst dann entscheidet und auch vor Mühe und Rückschlägen nicht zurückschreckt ist es, die mir hier auffällt.  Man kann nur hoffen, dass dies so bleibt, und die Bewohner der Insel sich nicht von der Aussicht auf schnellen, aber zerstörerischen Profit blenden lassen – wenn das gelänge wäre es eine der ganz großen Ressourcen und Alleinstellungsmerkmale der Insel.

Zurück nach Diakofti: Der teilnehmende Feldforscher liegt also gerade teilnehmend beobachtend am Strand, wehrt den örtlichen Strandhund ab (der gute, arme, alte Kerl hat die dumme Angewohnheit sich ERST ins Wasser zu werfen und sich DANN pitschnass auf einen fallen zu lassen, andersrum wär echt praktischer, aber das kapiert groß Jannis nicht. Es gibt übrigens auch den kleinen Jannis, der ist aber der Sohn eines der Fischer – ich hoffe, dass groß Jannis, wenn klein Jannis groß ist nicht mehr ist, ansonsten wird das echt verwirrend…

Man liegt also so da, ließt amerikanische Romane und denkt an nichts böses als urplötzlich zwei blondgelockte Schönheiten im Bikini in breitestem Züri-Dialekt über die Insel, die Schwachheiten der lokalen Männerwelt und die ach so „korrekten“ Schweizer berichten…was die zwei nun aber nicht wussten (sie wussten sonst alles, der Opa war schließlich der Inhaber des alten Kaffées in Bimberlesdrianika…), war, dass der „Grieche“ zwei Meter neben ihnen (er hatte sich wirklich wunderbar als Grieche getarnt, sogar die Hautfarbe passte!…Chapeau!) auch Kythera-Schweizer war, und – und das machte sie Situation erst interessant – ein langläufiger Cousin 2. Grades mütterlicherseits…Das nachfolgende Gespräch und das allgemeine Erstaunen war beiderseits, kurz und heftig.

Mich hingegen wundert hier garnichts mehr, da ich in den letzten zwei Wochen mehr schwizerdütsch als Griechisch zu hören bekommen habe. Offensichtlich gibt es einen neuen Trend und die Greko-Kytheranisch-Schweizerische Community, sowie die gesamte greko-affine Teil der hochalpinen Wandersektionen Zürich-Land, Zürich-Stadt, Toggenburg, Appenzell-Innerroden, Bern-Oberland und Solothurn haben sich hier zu einem inoffiziellen Meeting mit ihren englisch- und schwedischsprachigen Mitstreitern verabredet. Das Wandertourismuskonzept für die Nachsaison scheint aufzugehen.

Das Ganze hat auch etwas amüsantes. Es ist einfach zu herrlich zu beobachten, wie blumenkohlfarbene Menschen (ich war bis vor Kurzem auch noch so einer, jetzt bin ich irgendwas zwischen Rot und Braun) im absolut stereotypsten Wanderoutfit auf einer an sich relativ übersichtlichen Insel, völlig verwirrt und leicht peinlich berührt auf der Suche nach dem Weg zum Kolokothrinesdenkmalsgedächtnisweg zwischen Strandliegen und Sonnenschirmen herumirren.

Auf ihren Gesichtern einen Ausdruck, der sehr deutlich macht, dass sie es absolut nicht fassen können, dass hier Ende Oktober noch Hochsommer ist (jedenfalls für Nordeuropäische Verhältnisse) und die Frage, warum sie – wo sie doch sonst allen möglichen und unmöglichen Nonsens mit sich herumschleppen (Wanderführer in drei Sprachen, IPod mit den 600 schönsten Wanderliedern vom Montanara-Gebirgsschützenchor, Kletterausrüstung, Astronautennahrung…- Keine Badeklamotten eingepackt haben.

 

Seltsamerweise ist noch niemand von den „Naturburschen jenseits der 60“ (Selbstbezeichnung…wir hatten hier gestern vor dem Zefiros ein Meeting der „Lustigen Holzhackerbuam“…“Meine“ armen Kytheraner wurden in die Kunst des Schuhplattelns eingeführt…) auf die Idee gekommen ist, einfach so wie er geschaffen wurde…oder zumindest in Unterwäsche ins Wasser zu springen…Stattdessen blicken sie beim Anblick der letzten Badenden peinlich berührt auf ihr Handy (das funktioniert hier eh meistens nicht, entweder weil kein Empfang da ist, oder es zuviel Signale von den amerikanischen Abhörantennen auf dem Digentis oder bei Ag. Elessa git…aber das ist geheim! ;-)). Es hat etwas gedauert bis ich verstanden hab, dass sich diese Leut keinesfalls verlaufen haben und nun versuchen herauszufinden wo sie sind, sie suchen einfach nach dem nächsten Geo-Chache (auch das ist neu) irgendein Witzbold hat den nämlich ausgerechnet im verfallenen Fischerhäuschen direkt am Strand versteckt…Nach dem dritten  mittelalterlichen Jungspunt der mir dann an einem Vormittag über das Handtuch gelatscht ist, hab ich dann den Spielverderber gemiemt, das verdammte Ding aus seinem „Versteck“ geholt und es einfach neben mich gestellt und mit müdem Lächeln drauf gezeigt, sobald sich wieder einer dieser Handy-Wanderer näherte…Als ob es nicht ausreichte einfach die Landschaft anzusehen und sich darauf zu konzentrieren…Übrigens findet auch der „große Jannis“, dass das, was die Leut da machen irgendwie idiotisch ist, und knurrt die hochtechnisierten Eindringliche böse an…eigentlich macht er das sonst nicht, und freut sich, wenn er mal wieder ein paar Touristen zum knuddeln und anbetteln hat…vermutlich passt ihm einfach nicht, dass diese Leut ihn absolut nicht beachten…

Die Kyhteraner meinen im Übrigen es sei Hochwinter und eiskalt. Wenn ich oder jemand von den anderen Blumenkohlmenschen denn doch mal in die Fluten steigt, sehen sie einen an, als wäre ich ein Eisbär. Mal schauen wie lange es dauert bis mir jemand einen Pelzmantel und Glühwein anbietet…

Doch zurück zu den weitläufig verwandten Kythera-Schweizern…Sie waren nicht die einzigen „Expatriots“, die sich an diesem Vormittag dazu entschieden hatten den verspäteten Hochsommer mit einem Bad in der türkisfarbenen Lagune von Diakofti zu beginnen. Nur drei Meter hatten inzwischen zwei ältere im Wasser plantschende Herren (beide waren sehr offensichtlich Nichtschwimmer und hatten herrlich quietschbunte Schwimmhilfen Marke „Bademeisterwurst“ dabei) in jenem unverwechselbar „Outbackgefärbten“ und mit veralteten venezianischen Floskeln gespickten Kythera-Englisch zu reden begonnen, das nur echte Remigrants oder Heimaturlauber aus down under zu sprechen pflegen.

Geradezu „lebendig“ (jedenfalls für Kytheranische Begriffe) wurde das ganze idyllische Stillleben dann beim Zauberwort „Karavas“ (ein Ort im Norden der Insel). Der gesamte Strand (außer mir natürlich) vereinte sich binnen Sekunden zu einem multilingual geführten  Abgleich der jeweiligen Stammbäume, Ahnen und Besitztümer auf der Insel. Es war das reinste heiter-babylonische Sprachgewirr aus Schwitzerdütsch, Griechisch und Australo-Englisch aufgelockert mit ein paar Brocken Französisch.

Diese sehr spezifische Obsession der Kytheraner von ihren Stammbäumen und der damit verbundenen Abstammung/“Blut“ inklusive der latenten Tendenz mindestens von einer, wenn nicht gar zwei adligen Familien (man hat die Wahl zwischen venezianisch und/oder byzantinisch, am besten aber ist beides…man weiß ja nie…) abzustammen (bzw. abstammen zu müssen!) ist nebenbei bemerkt echt venezianisches Erbe, dass sich genauso auch bei den Diasporakytheranern in den Nobelvororten von San Francisco, Zürich und Sydney findet (nur passt’s dort irgendwie besser hin…Englischer Rasen, akropolisartiges Anwesen, Blick auf Zürichsee, Pazifik oder Tasmanische See…sicher, Kytheraner finden sich auch in den anderen Vierteln, aber es geht hier um’s passen, nicht um den repräsentativen Querschnitt).

Zwar haben auch hier (d.h. auf Kyhtera) die stets unverschämt-revolutionsgierigen Franzosen 1797 das hochheilige Libro d’oro mit dem Verzeichniss der Manneslinie zurück bis zu Adam und Eva und den Griechischen Göttern verbrannt, aber es gibt und gab – Gott sei’s gedankt – immer noch genügend mehr oder minder akkurate Abschriften, Wappen und Urkunden. Trifft man dann auf der Heimatinsel ein oder zweimal im Jahr mit der entfernten Verwandtschaft aus Australien, Italien, den USA, Deutschland und Südafrika zusammen, lässt sich gemeinsam und mit dem mühsamst und in Jahren aufopferungsvoller Recherche zusammengetragenen mehr oder minder zuverlässigen „Archivmaterial“  bei einem Caffé Fredo stundenlang der gesamte Stammbaum und die gegenseitigen Verwandtschaftsverhältnisse rekonstruieren. Irgendwie muss man schließlich die unerträglich heißen Nachmittage unter südlicher Sonne verbringen…und es gibt ehrlichgesagt schlechtere und weitaus weniger interessante Möglichkeiten!

Wie exzessiv diese Obsession von den Kyhteranern gepflegt wird, zeigt sich am besten an einem kleinen, zweisprachigen Schild im Eingangsbereich des historischen Archivs von Kythera (ich geb’s hier der Einfachheit halber nur in seiner englischen Variante wieder):

The stuff of the archive is not obliged to research family-trees on behalf of individual persons !

Wie es sich mit mehreren Personen, Familien oder anderen Ausnahmen verhält konnte ich leider nicht herausfinden, nur, dass das Archivpersonal unter alles andere als optimalen Bedingungen wahre Wundertaten vollbringt (und das ist hier durchaus ernst gemeint!).

Ums Kurz zu machen und wieder an den idyllischen Strand von Diakofti zurückzukehren:

Nach ca. einer Viertelstunde intensivster Diskussion und der Zitation von mindestens 200 absolut unbezweifelbaren Autoritäten im Bereich der kyhteranischen Ahnenforschung (Oma, Onkel Giannis, Onkel Panagiotis, Großtante Tzeli…) hatten sich Alle anwesenden (außer mir) darauf geeinigt, dass sie mit allergrößter Wahrscheinlichkeit ein und denselben Ur-Ur-Großvater (selbstverständlich aus dem Zauberwortort Karavas…) hätten und außerdem mit mindestens vier Dutzend weiteren Cousins und Cousinen über fünf Ecken gemeinsame Verwandte aufwiesen…Hört sich reichlich konstruiert an?

Wie gesagt, Kythera ist anders, nicht nur im Reiseprospekt…und wenn ihr schon an der Reliabilität einer harmlosen Begegnung entfernter Verwandter am Strand von Diakofti zweifelt, dann sollte ich Euch vermutlich garnicht erst die wundervolle Geschichte vom Tag als Lady Di per Hubschrauber eingeflogen wurde erzählen…und dass gerade zwei indische Filmscouts auf der Suche nach einem exotischen Drehort für den nächsten Bollywoodschinken mit mir auf den neu ausgeschilderten Wanderwegen den griechischen Busch unsicher machen (sie sind mir aufgefallen, weil sie die einzigen Wanderer waren, die nicht permanent auf ihr Handy glotzten!), glaubt mir vermutlich auch niemand…selber schuld!

PS: Wenn man weiß, dass heute nur noch ca. 3-4000 Kytheraner auf der Insel, aber 80-150.000 (niemand weiß das so genau) ihrer Nachkommen auf dem gesamten Erdball wohnen, und nicht ganz wenige davon (auch hier fehlen exakte Zahlen, wir sind schließlich in Griechenland…aber ich schätze es dürften jährlich um die 5-6000 sein, von denen ca. 2-300 noch irgendwo ein eigenes Häuschen/Zimmer auf der Insel haben und ca. 50-100 einen oder mehrere Monate im Jahr auf der Insel verbringen), mehr oder minder regelmäßig die Heimatinsel besuchen (manche sprechen in diesem Zusammenhang auch von „Heiweh-“ bzw. „Andl-Tourismus“ und „Heim-Suchung“, aber das ist eine andere Geschichte…) wird manches, was einem auf den ersten Blick an dieser Insel sehr erklärungsbedürftig erscheinen mag zum „ganz normalen Alltagswahnsinn“.

PPS:…dass es in der Schweiz eine derart starke kytheranische Community gibt, war selbst mir neu…

PPPS: So…da mein letzter Interviewpartner nicht vom sprichwörtlich ambivalenten griechischen Verhältnis zu Raum und Zeit gepackt wurde und man auf der „Insel der Seligen“ ganze Tage als teilnehmender Beobachter mit Beobachten von Heimweh-Touristen beim Baden zubringen kann (nein, ich war eigentlich nur ne gute Stunde unten…aber theoretisch geht’s und doppelt nein, das ist Forschung…sogar ein ziemlich wichtiger Teil davon, weil ich anders an diesen Personenkries absolut nicht herankomme…) scheint mir der „Schwarze Loch Effekt“ noch ausgeprägter zu sein als in good old world heritage site Bamberg in dem ansonsten weltweit anerkannte Kategorien wie „Uhrzeit“, „Monat“ und „Tag“ auch nicht unbedingt dieselbe Gültigkeit haben, wie im raumzeitlich geordneteren Schwabenland. Eine echte Belastungsprobe, der ich mich aber gerne unterwerfe. Und wer das jetzt nicht verstanden hat: ich sagte ja am Anfang, dass das hier eher eine Art „Gedankenblitzsammlung“ werden soll…

PPPPS: Mir fehlt einfach noch ein wenig davon, was man auf dem griechischen Festland „kefi“ nennt (eigentümlicherweise habe ich das Wort niemals im Munde von Kyhterandern und ihren Nachkommen gehört…vielleicht gelten sie daher nicht ganz zu unrecht als die „Preußen Griechenlands“ ) Schade eigentlich, dass die temporäre Beschränkung von Forschungsaufenthalten aus terminlichen und pekuniären Gründen diese Art des epistemologisch wie methodisch so wichtigen Eintauchens in die „Nahe und nicht so nahe Fremde“ heute kaum noch möglich macht…oder wann habt ihr zuletzt davon gelesen, dass jemand 2 oder 3 Jahre bei einem Stamm in den Anden oder auf einer kleinen griechischen Insel zugebracht hätte? Sic transit gloria ethnologicae…wenigstens bin ich inzwischen nicht mehr ganz so blumenkohlfarben und die Kinder erschrecken nicht mehr, wenn ich um die Ecke bieg…

Giassas! Hellas 1