Ich bin dann mal weg – Do’s and Don’ts im…Elsaß

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Strassbourg bei Nacht

Deutsch/Französisch oder Französisch/Deutsch…oder doch Englisch – (Mehr als) nur eine Frage der Reihenfolge!

Bonjour!“
Tut mir leid, geliebte Mit-Teutonen, soviel romanisches Sprachvorspiel muss im Elsaß einfach sein! Schließlich gehört der (oder doch das?) Elsaß seit nicht ganz so kurzer Zeit zur Grande Nation. Und auch und gerade weil einem auf Orts- und Straßenschildern des öfteren recht „deutsch“ anmutende Namen entgegengrüßen, ist das noch lange kein Grund sofort und ungefragt im deutschem Befehlston ins „maison“ zu stapfen und sich darüber zu „echauffieren“, dass die Bedienung im Caffée so grottenschlecht (Hoch-)Deutsch spricht – denn auch wenn sie’s vielleicht nicht (mehr) spricht, verstehen tut sie’s dann doch meist, und man braucht sich dann auch nicht wundern, wenn’s mit dem Cafè au lait etwas länger dauert und vielleicht Salz statt Zucker drinn ist…würd ich jedenfalls so machen!

Ja, wir sprechen schon auch (noch) Deutsch…aber nur, wenn wir wollen!

Will man also bei seinem Elsässischen Gegenüber nicht sofort als der „chaibi Schwôb“ oder – noch schlimmer – als komplett geschichtsignoranter „Bessernazi“* gelten, tut man westlich von Kehl und Freiburg sehr gut daran, eine Konversation erstmal mit den paar Brocken Französisch zu beginnen, die jeder ordentliche Europäer nunmal in seiner DNA gespeichert haben sollte! Alles Andere ergibt sich dann meist von allein…Nur bitte liebe Teutonen, überlasst es gefälligst den Elsässern, wann und ob sie die Sprache wechseln wollen (und können!).

*Internationaler Jugendsprech kann in seiner durchaus beabsichtigten Zweideutigkeit und political incorrectness manchmal so wunderbar eindeutig sein – Der oder die „Bessernazi“ Danke liebe Strasser für dieses wunderbar perfekte Wort, dass sowohl den Deutschen Gutmenschen bzw. Betroffenheitstouri, die dauermaulende Kaffeefahrtoma, wie auch den deutschtümelnden Hooligan auf Auslandstour abdeckt!

Und damit wären wir dann gleich beim zweiten typisch teutonischen faux pas: Längst nicht jeder*e Elsässer*in spricht (noch) Deutsch, und auch nicht (mehr) Elsässisch und ein Gutteil der heute im Elsaß wohnenden Menschen hat das auch nie, weil sie:

A) aus anderen Gegenden Frankreichs , den ehemaligen französischen Kolonien oder sonst irgendwelchen nicht deutschsprachigen Ländern ins Elsaß zugewandert sind und nie Deutsch, geschweigedenn Elsässisch gelernt haben.

oder

B) und das lässt jetzt erahnen wie schwierig und manchmal auch traumatisch schmerzhaft das Thema Deutsche Sprache bzw. Elsässisch im Elsaß sein kann – es nicht lernen und sprechen durften und/oder wollten und manchmal auch aus sehr guten Gründen nie wieder sprechen wollen, obwohl sie es eigentlich könnten…

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Selestat

Die Folge ist, dass Elsässisch und damit indirekt auch (Hoch-)Deutsch – trotz zahlreicher Bemühungen diesen Trend zu stoppen –  im Elsaß weitestgehend eine Sache der Generation 60+ geworden ist und – wenn sich der Trend so fortsetzt wie bisher – als aktiv gesprochenes Idiom in ein oder zwei Generationen weitgehend ausgestorben sein wird.

Verstärkt wird dieser Trend durch die ebenso dumme wie kurzsichtige Ansicht vieler neoliberal denkender Eltern wie Politiker auf beiden Seiten des Rheins, die auf Elternabenden und in programmatischen Sonntagsreden munter fordern, endlich die von De Gaule und Adenauer mit viel Mühe und Herzblut ins Leben gerufenen „Modelschulen“ an denen jeweils die Sprache des Nachbarn als erste Fremdsprache gelehrt wird zugunsten einer ökonomisch angeblich besser „verwertbaren“ früheren Ausbildung in der „Weltsprache“ Englisch und anderen „nützlicheren“ Sprachen abzuschaffen! Natürlich nur, damit ihre Kinder durch das erzwungene Erlernen der „unnützen“ Sprachen Deutsch und Französisch  als erste Frendsprache im globalen Wettbewerb keine Nachteile erdulden müssten…

Oh Herr schmeiß Hirn ra!

Folge: Seit Jahren sinkt die Zahl der Schüler, die die jeweilige Nachbarsprache erlernen kontinuierlich. Und weil man den je anderen nicht versteht, kommt es dann auch gleich noch, wie es kommen muss: man entfremdet sich zunehmend – Europa hin, offene Grenzen her! Wohin dann soviel Ignoranz, Dummheit und Desinteresse führen sollte man gerade beiderseits des Rheins eigentlich besser wissen…aber so ist sie nunmal, die schöne neue globalisierte und durchökonomisierte Welt von heute, in der Englisch alles, die eigene Sprache nichts und die Sprache des Nachbarn „unnütz“ ist…

Und nein ich übertreibe nicht, und es wundert mich auch garnicht mehr, dass es mitten in Basel, Freiburg oder Colmar, Straßburg, Karlsruhe, Stuttgart, Ulm und Kehl doch tatsächlich Deutschschweizer, Schwaben, Badener und Elsässer gibt, die alle zusammen ihres gegenseitigen, recht nah verwandten Dialektes (noch!) durchaus mächtig sind, sich aber aus politischer Korrektheit und falschverstandener Weltläufigkeit lieber in grottestschlechtem Englisch unterhalten, anstatt sich verdammt noch mal ihrer gemeinsamen Sprache dem Allemannischen und seinen unterschiedlichen Ausprägungen zu bedienen!

Gott sei Dank gibt es im Zweifelsfall dann doch noch einen Platz wie das Tomi Ungerer Museum, gleich hinterm ehemaligen Kaiserpalast (heute Palais de la Republique) am Place de la Republique in Straßburg, wo man auf ebenso lehrreich-amüsante wie nachdenkliche-hintergründige Art lernen kann, wie man mit all diesen Be- und Empfindlichkeiten, Ängsten und Elephanten im Deutsch-Französischen Porzellanladen kreativer umgehen kann – anstatt sie einfach totzuschweigen oder unter der fadenscheinigen Decke globaler Denglischphrasen zu verstecken…

Und ja, es lohnt sich davor oder danach auch durchaus, sich die „Mühe“ zu machen, sich die ganze verzwickte Geschichte der Region am Beispiel Straßburgs auch einmal in aller Ruhe via Audioguide gleich hinter der Kathedrale bei einem Rundgang durchs historische Museum der Stadt Straßburg erklären zu lassen. Vielleicht macht’s dann ja bei Einigen Klick und sie sehen die Gebäude des Europäischen Parlaments und Gerichtshof für Menschenrechte am Rande der Straßburger Innenstadt nicht mehr als teure Geldverschwendung und Ort nationalistischer Hahnenkämpfe, sondern als den Ort, an dem gut zwei Dutzend Nationen den – zugegeben nicht immer ganz einfachen – Versuch unternehmen, aus der gemeinsamen Geschichte zu lernen und es irgendwie zu schaffen, dass wir uns nicht wie in der Vergangenheit bei jedem noch so kleinen Konflikt gegenseitig die Köpfe einschlagen, oder Menschen via staatlichen  Unrechtsdekreten vorschreiben, wer oder was sie zu sein und nicht zu sein haben.

Das liebe Geld _ oder: Warum man in Frankreich eine Kreditkarte braucht und nicht darauf spekulieren sollte, seinen 1000 Euroschein einfach mal so bei der Bank umtauschen zu können…

Colmar 2

Colmar

Bargeld

Wer erinnert sich nicht sehnsüchtig an den Moment beim ersten Schüleraustausch, als er nassgeschwitzt, völlig fertig und mit mindestens 400 Kilo Übergepäck verzweifelt auf dem Pariser Gare de l’Est nach einer 10 Francsmünze für den Gepäckwagen suchte…

Inzwischen sind diese Zeiten passé und wir alle zahlen mit dem netten kleinen Ding nabems EURO bei dem ich es auch nach zehn Jahren nicht geschafft habe, 10 und 20 Centstücke sauber zu unterscheiden.

Während nun aber der oder die Durchschnittsdeutsche eine ausgesprochene Vorliebe für Bargeld hat, sieht das bei unseren französischen Geschwistern ein klein wenig anders aus. Im Land von Russeau und Napoleon gilt: L’homme aime sa carte de crédit! oder auf Deutsch: Plastik statt Bares! Das heißt nun nicht, dass man- wie z.B. in Dänemark jedes Croisant und jeden Apfel mit der Plastikkarte bezahlt, aber man sollte eben auch nicht erwarten, dass die Sache mit dem Baren überall (noch) so problemlos funktioniert wie in Deutschland.

Denn spätestens wenn man an einer der (im Elsaß recht seltenen) Autobahnmautstellen steht wird einem dann doch ganz schnell klar: Barzahlung ist hier nicht (na ja, meistens nicht, gelegentlich gibt’s in einer der 15 Durchlässe doch noch ein kleines Kassenhäuschen an dem man mit Cent und Euromünzen (möglichst passend bitte!) zahlen kann, aber verlassen sollte man sich halt nicht darauf, vor allem nicht Nachts) und nein: die normale EC bzw. Girocard der deutschen Hausbank funktioniert hier i.a.R. auch nicht. Man braucht schon eine „echte“ Kreditkarte.

Ansonsten kann’s einem sehr schnell so gehen wie unlängst jenem etwas älteren Ehepaar aus Bergisch-Gladbach, dass es nicht nur fertig brachte, als Wohnwagengespann in das Durchgangstor für Autofahrer zu fahren, nein sie hatten gleich auch noch das für die automatische Zahlung ausgewählt (dazu braucht man eine spezielle Chipkarte, die Deutsche Autos leider nicht serienmäßig eingebaut haben!).

Folge des „kleinen Versehens“ war, dass sie beim Zurücksetzen nicht nur in der zuvor geflissentlich übersehenen Höhenkontrolle steckenblieben, sondern auch gleich die halbe Autobahn vestopft haben. Dass nichts Schlimmeres passiert ist, lag ausschließlich daran, dass ihre französischen Hintermänner das Ganze schon gewöhnt waren und an dieser Mautstation tatsächlich noch ein paar echte Menschen anwesend waren, die ihnen dann beim „umparken“ und „zahlen“ behilflich waren.

Alors, ich schweife ab, oder eigentlich auch nicht…denn was für französische (und damit auch elsässische) Mautstellen gilt, gilt i.a.R. auch für Tankstellen. Während nämlich bargeldlose u. automatische Tankstellen in Deutschland eine recht rare Spezies sind, sind sie in Frankreich eher die Regel. V.a. Nachts und am Wochenende läuft hier ohne Kreditkarte garnix!. Und ja, auch die Parkuhren und Fahrkartenautomaten (und ich vermute neuerdings auch die Gepäckwagen, ich hab schon lang keinen mehr benötigt!) mögen sie am liebsten: La carte plastique! Und nein, längst bei nicht allen lässt sich zusätzlich (noch) Bargeld einwerfen, aber wer die Deutsche Bahn oder die Telekom kennt, weiß auch als Deutscher um das Problem mit dem fehlenden Bargeldeinwurf!

Umtausch großer Geldscheine – Une impossibilité?

Wirklich kompliziert wird es aber, wenn man sich als Deutsche*r einbildet, man müsse seine Reisekasse in realen 200, 500 oder gar 1000 Euroscheinen mit sich herumschleppen. Man glaubt nicht, wie viele Leut das tatsächlich (noch) machen, es könnt ja sein, dass den französischen Bankautomaten plötzlich das Geld aus geht…ja sind wir denn in Griechenland! Wenn man dann auch noch erwartet, dass man diese, wie in Deutschland zumeist üblich, bei jeder Bankfiliale in Kleingeld umtauschen könne, das die Bedienung im Kaffee auch annimmt…

Alas…oder auf Deutsch: Oh weh und Nix da! Zuerstmal besitzt längst nicht jede französische Bankfiliale sowas wie einen „Kassenschalter“ an dem Aus- und Einzahlungen in Bar möglich wären…In aller Regel sind Bankfilialen in Frankreich eher eine Art Versicherungsagentur mit angeschlossenem Bankautomaten (manchmal fehlt sogar der, oder ist irgendwo an der nächsten Straßenecke, wo man ihn als dappiger deutscher Tourist garantiert nicht findet!). Wenn man dann doch mit viel Glück und nach SEHR langem Herumfragen und Suchen eine der mit doppelten Panzerglasschiebetürschleusen gesicherten und in aller Regel irgendwo jenseits der Innenstädte gelegenen „Hauptfilialen“ gefunden hat an denen Barauszahlungen theoretisch möglich sind (hier kann man dann wirklich lernen, wozu der französische Subjonctif so alles gut ist!), wird man sehr schnell feststellen, dass diese sich – wenn überhaupt – nur nach Betätigen eines videoüberwachten Öffungsschalters für handverlesenes Puplikum öffnen, (oft muss man sich, will man zum Kassenschalter, sogar vorher im vorderen Bereich der Bank persönlich und unter Vorlage des Ausweises „anmelden“).

Damit ist dann aber noch lange nicht gesagt, dass man dort sein gottverdammtes deutsches Großgeld auch in Kleingeld umtauschen kann. In aller Regel braucht man dazu nämlich ein Konto bei der betreffenden Bank, und selbst dann wird das Geld zumeist nicht in Bar ausgezahlt, sondern erstmal auf das Konto gutgeschrieben (was je nach Bank gerne mal 1-2 Tage dauern kann, mit Glück geht’s aber auch in 2 Minuten), von dem es dann – in hoffentlich kleineren Scheinen – am Automaten im Vorraum wieder abgehoben werden kann (vorausgesetzt man findet die Funktion zur Scheinauswahl, die ist in Frankreich genauso gut im Menü versteckt wie in Deutschland und garantiert nicht in der Deutschen Übersetzung des Interfaces enthalten!).

Und wer jetzt glaubt, er könne stattdessen einfach so mit einem 200er oder gar 1000er irgendwo bezahlen…Das mag vielleicht irgendwo an der Cote d’Azur gehen, wo man an geldbündelschwingende Russen (oder eben auch Teutonen) gewohnt ist…Im Rest des französischen Binnenlandes ist das aber i.a.R. noch weitaus schwieriger als in Deutschland, da auch hier in den meisten Restaurants, Geschäften und Hotels gilt: Kleinere Beträge gerne in Bar, alles über 50 Euro aber nach Möglichkeit bitte in Plastik, das ist sicherer und nein, wir nehmen leider keine Scheine größer als 50 oder 100 € an und schon garnicht, wenn sie damit ihr Baguett für 1€ zahlen wollen…

Kurz: Wer keine hat möge sich für seinen Frankreichurlaub bitte möglichst schnell eine Kreditkarte zulegen und bitte, bitte keine Geldscheine über 50€ mit sich herumschleppen…man wird sie einfach nicht los, noch nichtmal bei der Bank und wenn man’s trotzdem versucht ist ganz schnell ein halber Urlaubstag mit der Suche nach einer passenden Bankfiliale weg (und das Geld am Ende des gleichen Tages sehr wahrscheinlich immer noch nicht in kleinere Scheine umgetauscht)!

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Blick von der Aussichtsterasse der Vauban-Befestigung auf Strassbourg

Navigation und Straßenverkehr

Ums gleich vorweg zu sagen:

Jedem, aber auch jedem und jeder der oder die nach Frankreich fährt sei dringenst empfohlen sich nicht nur ein funktionierendes (also keines dass nur „Durchfahrtsstraßen“ o.ä. anzeigt) sondern auch ein einigermaßen aktuelles Navigationssystem oder zumindest ein paar wirklich aktuelle Straßenkarten, die auch sämtliche Innenstädte in Großformat und inklusive aller Einbahnstraßen enthalten anzuschaffen…

Der Grund dafür ist ganz einfach:

Frankreich brummt – entgegen aller anderslautenden Gerüchte!

Konkreter: Die Franzosen scheinen gerade auf Teufel komm raus ihre sämtlichen Infrastrukturen reformiern zu wollen und es werden jede Menge neuer Straßen (und Kreisverkehre, Franzosen lieben Kreisverkehre inzwischen noch mehr als die Deutschen, allein schon deshalb, weil sich damit eine neue Attraktion für die ville fleuri verbinden lässt!) gebaut.

Das alles mag dem normalen Navinutzer garnicht auffallen, sollte er oder sie aber mit den „Kastratenprogrammen“ so mancher deutscher Premiummarkenhersteller geschlagen sein, die jenseits der reichsdeutschen Grenzen (sorry, das musste jezt sein!) nur noch die „Durchgangsstraßen“ – sprich meist nur die Autobahnen – anzeigen, sieht das ganz schnell ganz anders aus.

Man mag sich ja irgendwo im allerhintersten Burgund, wo zwischen den zwei Weilerchen Sichtverbindung herrscht und es auch nur genau einen Feldweg gibt noch mit der „großzügigerweise“ in diesen Programmen eingebauten Himmelsrichtungsfunktion orientieren können; Aber schon in der nächsten französischen Kleinstadt funktioniert das garantiert nicht mehr, und zu erwarten, dass man mit so einem Ding jemals wieder aus Strasbourg, Dijon oder gar Paris herausfindet ist einfach nur utopisch…

Der Grund: Noch mehr als ihre Deutschen Kollegen – die Straßen meist irgendwie so planen, dass man relativ problemlos wenden und in die andere Richtung fahren kann, wenn man merkt, dass man falsch ist – lieben Französische Straßenbauer Einbahnstraßenkreisverkehrsregelungen, die sie zu allem Ungemach dann auch noch sehr gerne mit Sackgassen (die nicht immer auf Anhieb als solche erkennbar sind und an deren Ende sich nicht zwingend eine „Wendeplatte“ findet) kombinieren. 

Einen an das im guten alten graoeco-römischen Decumanus-Cardio-System angelegte Straßennetz gewöhnten Durchschnittsdeutschen kann das dann ziemlich schnell in den vollständigen Wahnsinn treiben, vor allem, wenn er dazu noch mit Kartenmaterial oder einem fehlerhaften bzw. unvollständigen Navi geschlagen ist, dass es einfach nicht schafft ihn in einer Kleinstadt von 2000 Einwohnern  a nach b zu bugsieren ohne am Ende garantiert wieder bei a oder a‘ herauszukommen. Ich frage mich noch immer, warum das von Uderzo nicht in der einschlägigen Asterix-Folgen visualisiert wurde…

Will heißen: Einfach an der nächsten Kreuzung wenden und in die andere Richtung fahren ist in Frankreich in aller Regel nicht, weder im Stadtverkehr, noch auf der Autobahn und schon garnicht in Paris, Lyon, Straßbourg oder Wissembourg oder irgendwo im nächsten Industriegebiet!

Auch sollte man sich nicht unbedingt darauf verlassen, dass – wie auf deutscher Seite inzwischen ziemlich üblich – im Elsaß (oder sonstwo in Frankreich) der jeweils nächstgelegene Deutsche, Spanische oder Italienische Ort (oder die Paralell zur Staatsgrenze verlaufende „ausländische“ Autobahn) durch französische Staßenschilder ausgewiesen ist. Das kann sein, muss aber nicht. I.a.R. verweisen die Schilder auf französischer Seite nämlich in guter zentralstaatlicher Tradition nur auf französische Orte, Autobahnen u.ä.. Sprich, man hat entweder ein Navi, dass diesen nationalchauvinistischen Blödsinn nicht mitmacht, oder muss einfach aus der letzten Erdkundestunde wissen welcher Ort gegenüber von sagen wir mal Mühlhausen, Colmar oder Straßburg auf der östlichen Rheinseite liegt und wie man da hinkommt ohne erst über die französische Autobahn bis nach Paris und zu der Ausfahrt fahren zu müssen, die dann hoffentlich den Deutschen Anschlussort anzeigt…

Und nein, selbst mit Navi ist das mit dem Abbiegen in Frankreich nicht so ganz einfach, denn – wie schon angedeutet – die klassische zweispurige Straße samt zugehöriger 180° Kreuzung scheint in Frankreich und vor allem im Elsaß ziemlich unbekannt zu sein. Wie in Italien macht man auch hier mal ein Sträßchen dahhin, biegt dort auch mal auf der linken Seite der Autobahn ab und wurschtelt sich im großen Bogen schlangenartig irgendwie durch (genau so sehen dann auch französische Autobahnzufahrten/Autobahnkreuze aus…eher gewunden-verschlungen und mit für Deutsche Verhältnisse sehr gewöhnungsbedürftiger Verteilung von Zu- und Abfahrten, die ganz gerne auch mal 10 Kilometer bzw. 14 Straßenblocks voneinander entfernt liegen können). Und ja, da hilft im Zweifelsfall auch der beste Straßenatlas nicht weiter, vor allem dann nicht wenn er aus 2004 ist…

Auch, dass manin Frankreich  beim Fahren permanent irgendwelche „Wälle“, Hügel“, „Grünstreifen“ und sonstige Barrieren überfahren muss, die in Deutschland eindeutig ein „hier geht’s beim besten Willen absolut nicht weiter“ bedeuten würden, in Frankreich aber ganz normale Fahr- und Abbiegespuren sind ist für Teutonische Sonntagsfahrer anfangs eher „gewöhnungsbedürftig“ – ganz ehrlich, das Bild verwirrter „Bosch’s“ die mit ihrem wackeldackelverzierten SUV mal wieder vor der zur Geschwindigkeitsverrringerung minimal erhöhten Wendeinsel stehenbleiben und damit den Verkehr ganzer Innenstädte lahmlegen, bis ihnen dann ein altes Bäuerchen mit Handkarren vormacht, dass man da durchaus auch drüberfahren kann, ist in Frankreich einfach nur legendär!

Kurz: Wer für die 3 Kilometer von Straßburg nach Kehl keine 6 Stunden brauchen will, weil er sich irgendwo hinter dem EU Parlament heillos verfahren hat und dank der Einbahnstraßen zum sechsten Mal in Petite Venise rauskommt, braucht ein frankreichkompatibles Navi und dessen Funktionstüchtigkeit möglichst VOR Reiseantritt überprüft haben!

Der komische Gelbe Pfeil

Ist eigentlich was ganz Einfaches, das man aber wissen muss: In Frankreich ist der grüne Pfeil beim Abbiegen gelb und blinkt manchmal, sowohl auf den sehr seltenen Schildern als auch bei den Ampeln und er ist meist irgendwo anders, als man ihn vermutet, also ruhig etwas links und rechts von der Ampel schauen und sich nicht wundern, warum der Hintermann plötzlich hupt wenn man vor einer roten Ampel steht…meistens hat man ihn dann übersehen – den Gelben Pfeil…

Bodenwellen

Bodenwellen sind Teil der französischen Straßenfolklore, oder anders gesagt: so ziemlich jede Ortsein- und ausfahrt und beinahe jeder Zebrastreifen hat zwei bis drei dieser rot-weiß gezackten Monster, die jedem deutschen Golf-Inhaber den Angstschweiß auf die Stirn treiben. Denn anders als in Deutschland setzt Frankreich anstatt auf teure Radaranlagen (die gibt’s schon auch, aber sie sind deutlich seltener als auf Deutscher Seite, verlassen sollte man sich darauf aber nicht) eher auf die martialisch-materielle Lösung des Problems: sprich künstliche Bodenwellen, die schon den Gedanken mit 70 durch das nächste Winzerdörfchen zu brettern zum Achsbruchharakiri machen. Und wer nun meint er könnt innerorts mal schneller als 40 fahren, dem wird garantiert der nächste Zebrastreifen oder die nächste Kreuzung (da gibt’s die Dinger nämlich auch – wegen der Kinder, Alten, Kranken, Schwachen, Veteranen, Katzen, Kaninchen, Hühner, Witwen und Waisen und was in so einem Vogesendorf eben sonst noch so rumläuft) zum Verhängnis.

Daraus folgt die einfache Weisheit: Wer in Frankreich partout nicht langsam fahren will, der hat danach eben einen Achsbruch oder zumindest eine ruinierte Auspuffanlage…

Und nein, Autobahn heißt in Frankreich nicht dass man da brettern kann wie man will, sondern maximal mit 130 kmh und dass auch nur dann, wenn sie nicht grad mitten durch den Ort (inklusive Ampel!) geht und auch nur dann, wenn nicht ganz so viele Kurven und Schlaglöcher drinn sind (und nein, es gibt vor solchen Abschnitten nicht immer eine Geschwindigkeitsbegrenzung…der französische Autofahrer sieht sowas, und hat außerdem Autos, deren Unterboden ganz offensichtlich aus spezialtitanverstärkten Lastwagenfedern besteht…). Nur der Vollständigkeit sei erwähnt, dass auf Landstraßen, wenn sie nicht ausdrücklich als Schnellstraßen ausgewiesen sind 90 kmh, anderenfalls 110 kmh Höchstgeschwindigkeit gilt…und ja es ist eine saublöde Idee mit Höchstgeschwindigkeit durch die Kurven der Vogesen zu brettern, auch wenn da grad keine Geschwindigkeitsbeschränkung sein sollte…

Und wenn ich grad dabei bin…Dadurch, dass man insgesamt langsamer fährt und Autobahnen relativ aprupt in normale Land- und sogar Durchgangsstraßen übergehen (ich meine die nichtgebührenpflichtigen Elsässischen, nicht die Privaten mautpflichtigen im Rest des Landes) gilt auch eher das (nicht unbedingt legale, aber ziemlich übliche) Prinzip des „Durchwurschtelns“, sprich: Nicht wundern wenn sich auf der Autobahn irgendein Bäuerlein mit seinem doch recht schnellen Traktor rechts an einem vorbeidrängt, ohne zu blinken auf die Linke Spur wechselt nur um dann links in die nächste Feldwegausfahrt zu brettern…

Aber genug der Stereotype!

Es gibt auch etwas, das ich an Frankreichs Straßenverkehr absolut liebe:

Erstens: Man fährt man langsamer, was vor allem das Fahren über Land sehr viel entspannter und risikoärmer aber eben auch ein klein wenig langwieriger macht (aber wo kann man denn in Deutschland wirklich noch mit 160 kmh über die Autostrada brettern?).

Zweitens: Irgendwie kommt man immer weiter…ich habe keine Ahnung wie, aber ich kam in Frankreich immer irgendwie an und habe auch immer wieder zurückgefunden…nur eben nicht unbedingt so, wie ich mir das zuvor in meinem auf organisiert-unilineare Vorgänge programmierten Deutschen Quadratschädel vorgestellt habe.

Drittens, und das ist das absolute Highlight: Anders als in Deutschland muss man sich als erster an der Ampel nicht den Hals nach der Leuchtzeichenanlage verrenken. In Frankreich gibt’s quasi an jedem Ampfelpfosten kleine „Miniampeln“ in Augenhöhe, welche zusätzlich zu den oben angebrachten „großen“ die aktuellen Ampelphasen anzeigen…nur muss man manchmal ein klein wenig aufpassen, dass man diese Ampeln der richtigen Fahrspur zuornet bzw. den daneben angebrachten Gelben Pfeil (der von den nur dreifarbigen Miniampeln i.a.R. nicht mit anzegeitg wird) nicht übersieht. Und noch was: Eine grüne Miniampel oder ein leuchtender Gelber Pfeil heißen nicht, dass die Fusgängerampel direkt dahinter rot zeigt…

Und für alle, die’s jetzt noch immer nicht kapiert haben: Entgegen dem Klichée: Rasen und Saufen is in Frankreich nicht, denn der nächste Polizist, das nächste Schlagloch oder die nächste Bodenwelle ist niemals fern sind! (PS: Die Sache mit den Alkomaten ist inzwischen eher obsolet…meint jedenfalls der ADAC…).

Schilder

Bis auf kleinere Farbliche Unterschiede und die etwas nervige Angewohnheit, dass die Franzosen anstatt von Symbolen auch ganz gern mal mit Worten (also Französischen Worten!) arbeiten, funktionieren Schilder in Frankreich ziemlich ähnlich wie in Deutschland…nur dass sie etwas anders aufgestellt werden.
Während wir Deutschen Schilder in aller Regel so aufstellen, dass sie ziemlich genau in die Richtung weisen, in der das auf dem Schild erwähnte Ziel bzw. der Weg zu selbigem liegt, nimmt man in Frankreich mehr Rücksicht auf den/die Autofaher*in und „dreht“ die Schilder zur besseren Sichtbarkeit gerne mal um 30-90° in Richtung der Herkunftsrichtung des Zielsuchenden, was bei Deutschen Schildersuchern gelegentlich zu größerer Verwirrung und beinahe permanenten Wiedersprüchen zwischen Navi und Schild führt.

Kurz: Man tut im Ausland immer gut drann, sich zumindest die gängigsten französischen „Wortschilder“ und ihre Bedeutung vorher einzuprägen und immer drann zu denken, dass man in Frankreich die Schilder bzw. ihre Richtung im Geiste immer etwas von sich wegdrehen muss…dann klappts mit der Richtung eigentlich ganz gut.

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Colmar

Das Essen…eigentlich alles bekannt…oder doch nicht?

Kougelhupf mit Überraschungen

Kougelhupf und Sauerkraut sind etwas feines…nur sollte man wenn man sie im Elsaß bestellt nicht unbedingt das haargenau Gleiche erwarten, wie in Deutschland. Der elsässische Kougelhoupf ist süß oder herzhaft (sic!) eher eine Art Brot, dass gerne auch mal Speck, Walnüssen oder anderen „französischen“ Überraschungen angereichert ist. Die zuckersüße, eher an Marmorkuchen erinnernde Variante scheint im Elsaß dagegen weitestgehend unbekannt zu sein

Sauerkraut und und mehr

…und auch wer auf wirklich saures deutsches Sauerkraut mit deutlichem Kohlgeschmack steht ist im Elsaß absolut falsch. Sauerkraut ist hier eine leichte, kaum nach Kohl oder Säure Schmeckende Offenbarung, die als zarter Flaum die taufrischen Frühkartoffeln umgibt (so viel zu den leider nur allzu offensichtlichen Qualitätsunterschieden!) Das gleiche gilt auch für die dazu meist reichlich dazu gereichten Wurst und Rauchwaren – im Elsaß ist das alles etwas leichter, raffinierter, feiner und nicht ganz so teutonisch herzhaft, dafür gibt es aber mindestens das 8-fache einer durchschnittlichen deutschen Protion davon! Es reicht also wenn man drei Gänge bestellt…5 wie in Frankreich üblich schafft der ungeübte deutsche Magen einfach nicht!

Im übrigen sollte man auch ein paar französische Nahrunsgmittel-Vokabeln wie „Nierchen“ (rognons), „Froschschenkel“ (cuisses [de grenouilles]), oder „Schnecken“ (escargots) gepaukt haben. Das alles ist zwar unglaublich lecker, aber nicht jede tierschutzbegeisterte Teutonin mit akut xenophober Nahrungsmittelunverträglichkeitsstörung möchte sowas unbedingt essen und es kommt einfach ziemlich blöd den vollen Teller dank der eigenen Blödheit wieder in die Küche zurückgehen zu lassen und dafür auch noch voll bezahlen zu müssen (und ja, es soll tatsächlich einige teutonische Vollpfosten geben die in diesem Fall anfingen mit dem Wirt darüber zu diskutieren, dass man ja nicht bezahlen müsse, was man aus Dummheit bestellt hat und das einem dann nicht geschmeckt hat…Oh mon Dieu! Je vous spuplie de jeter un peu d’esprit!

„Rognons à la crème mit Spatze„, „Krumbeeritüfel“ und „Baeckoeffe“ – oder was ess ich da eigentlich?

Und wer jetzt meint sich auf die (außerhalb der Touri-Hot-Spots meist eh nicht vorhandene) Deutsche oder Englische Übersetzung der Speisekarte verlassen zu können…  A) gibt’s die meist nur für die Standartgerichte, und damit entgeht einem das Beste (namentlich die tagesfrischen lokalen Spezialitäten!) und B) gleicht diese Übersetzung nicht selten einem sehr phantasiereichen Computerprogramm, wenn man Französisch kann ist das durchaus amüsant, für den der Sprache nicht mächtigen aber eher eine Art Überraschungsei, da er nicht zwingend das bekommt, was in der Übersetzung steht, oder sich aus der Übersetzung auch keinen Reim darauf machen kann, was da auf seinem Teller liegt (das gleiche gilt meist auch für die weitverbreiteten Elsässischen Bezeichnungen der Gerichte, oder wer weiß schon was ein „Krumbeeritüfel“ oder ein „Baeckoeffe“ ist?)…

Und sonst…

Fois Gras

Nein, man streitet mit Franzosen besser nicht darüber, ob fois gras nun Tierquälerei oder kulinarische Delikatesse ist. Das Land hat sich entschieden: Es ist Kulturgut und damit absolut unantastbar, basta! und ja, Französisch und die Französische Kultur sind die beste, tollste und größte der Welt! Noch irgendwelche Zweifel liebe amerikanophile Teutonen?

Strasbourg

EU-Parlamentsgebäude in Strassbourg

Arglos im falschen Viertel, oder: Die Sache mit den leichtbekleideten Damen

Auch wenn im Elsaß alles so aussieht als sei’s gerade aus einer Puppenstube gefallen – auch hier gilt: es gibt Viertel und Stadtteile, in die man als Tourist v.a. nach Einbruch der Dunkelheit besser nicht mehr geht. V.A. die „Banlieus“ von Straßbourg und Mühlhausen sind nicht unbedingt der richtige Ort um dort sein teures Luxusauto abzustellen oder mit sündhaft teuren Kameraausrüstungen samt Reisekasse (wir erinnern uns an die Sache mit den 1000 Euroscheinen!) rumzuscharwänzeln. Auch das des Nachts doch recht einsame Areal um das Europaparlament oder die Orangerie, sowie das Bahnhofsviertel in Straßbourg sollte man als Tourist eher meiden, wenn man keine unliebsamen Bekanntschaften machen will. Und ja, die leichtbekleideten Damen (und gelegentlich auch die jungen Herren in den hautengen Jeans) an den Aus- und Einfallstraßen gehören zum Straßenstrich…auch wenn Prostitution in Frankreich seit De Gaules Zeiten verboten und der Kauf von Sex neuerdings sogar unter Strafe steht…

Marmoutier

Stiftskirche in Marmoutier

Nicht versäumen!

Nicht versäumen sollte man hingegen einen Besuch im Töpferort Soufflenheim – auch und gerade weil dieser etwas abseits gelegen in der Nähe des nicht ganz so reizvollen Städtchens Haguenau (dt. Hagenau) im Nordelsaß liegt. Wo anders hat man Gelegenheit in die Auslagen von gleich einem Dutzend Töpfern zu sehen, die mit etwas Glück schon in der 23. Generation Geschirr herstellen, dass man bedenkenlos auch in einen 500°C heißen Backofen stellen kann? (PS: das funktioniert aber nur, wenn man die rottonige autochtone Ware wählt und sie vor der ersten Nutzung 12 Strunden wässert und bei 120 Grad „vorfettet“ und sie nie, aber wirklich auch nie in dei Spülmaschine stellt oder mit Spüli ausspült (einfaches Ausschwischen nach dem Backen ist am besten!), dann hat man die perfekte natürliche „Teflonpfanne“, die – etwas Vorsicht vorausgesetzt – ein Leben lang hält.Die im Ort ebenfalls angebotete Ware aus weißtonigem südfranzösischen Ton hergestellte „Sonntags- und Designerware“ verträgt das allerdings nicht…sie ist eher „Zierstück“ und für die Vitrine und den Kaffeetisch gedacht…

Auch eine Bootsfahrt in Strasbourg  (Im Sommer am besten mit einem der klimatisierten „Glasaquarienbote“ von der Anlegestelle am Palais du Rohan aus), oder Colmar (hier fällt sie auf den kleinen, motorbetriebenen Fischerkähnen besonders romantisch aus) sollte man trotz der manchmal etwas längeren Schlangen vor den Kartenhäuschen keinesfalls versäumen, da man so nicht nur einen Über- sondern auch einen ganz anderen Blick auf die schönsten Seiten der Stadt hat, die sonst etweder ganz unsichtbar sind, oder „im Vorbeifahren“ einfach übersehen werden.

Wer zufällig am Ersten Sonntag im Monat in Straßbourg ist, sollte den freien Eintritt zu den Städtischen Museen (und das sind fast alle!) unbedingt ausgiebig nutzen! Ob feinste gotische Skulptur, Karrikaturen, Zoologische Raritäten, Moderne Kunst, Barocke Prunkgemächer, Volkskunst oder ein riesiges Stadtmodell, Straßbourgs Musseen quellen über vor absolut sehenswerten Prunkstücken! Zu allem Überfluss kann man dabei auch noch den Ausblick von der Terasse des Musée d’Art Moderne auf Straßburg genießen! (Ob man dort allerdings seinen Cafée und Kuchen einnehmen muss, sollte man sich angesichts der doch etwas arg ambitionierten Preise lieber zweimal überlegen). Sehenswert ist auch der Museumsshop dieses Museums, der nicht nur didaktisch höchst wertvolles, dabei aber trotzdem herrlich amüsantes „Kunstspielzeug“ für Kinder im Angebot hat, sondern an dessen Decke auch originelle Mobiles hängen, welche selbst einen Mondrian oder Warhol neidig machen würden…

Bewegen tut man sich dabei am Besten mit der Straßenbahn und mit dem Bus. Strass wie die Einheimischen sagen, setzt voll und ganz auf die „Öffentlichen“ und daher sind EInzel und Tagestickets im Vergleich zu Deutschland spottbillig (6,40 € für das gesamte Netz und 24 Stunden und bis zu 3 Personen, und das nicht nur an Sonntagen, Einzeltickets sind sogar noch billiger!). Dank der ziemlich engen Taktung und des äußerst umfangreichen Liniennetzes kommt man damit wirklich gut herum und auch in  die weniger bekannten Ecken der Stadt, wie den hinreißend schönen Stadtpark (L’Orangerie) mit seinem kleinen Zoo und den nahegelegenen Gebäuden der EU in bester moderner Architektur. Nur eins darf man nicht vergessen: Alle Tickets müssen VOR Fahrtantritt an den kleinen Säulen bei den Haltestellen nochmals extra entwertet werden, sonst wird’s teuer…und keine Angst vor den Automaten mit den seltsamen Rollbuttons, die funktionieren im Grunde viel logischer als ihre Deutschen Vettern – ungefähr so wie ein guter altmodischer Joystick…einfach mal ausprobieren und ab ins Autofreie Vergnügen!

Und wenn man eh schon in der Straßburger Miniaturausgabe von Venedig ist…unbedingt die 3 Meter weiter zur „Pont Vauban“ laufen und innen über die Stiegen auf die Aussichtsterasse hinaufsteigen. Das kostet nix, und man kommt auf der anderen Seite der Brücke auch wieder runter, sprich man kann anstatt unten auch oben die Ill überqueren und hat dabei gleich noch den absolut besten Blick auf die Straßburger Altstadt (außer man steigt auf’s Münster rauf natürlich!). Der einzige Wehrmutstropfen: Nachts ist die Pont leider geschlossen…

Pflicht für jeden Archäologiebegeisterten ist die „Archäologiegruft“ in der über 1100 Jahren alten Klosterkirche von Marmoutier. Hier hat man die einmalige Gelegenheit eine „Kirchengrabung“ samt der Fundstücke quasi in situ betrachten zu können. Der Eingang liegt etwas versteckt im rechten Seitenschiff.

Wer ein Faible für Kirchenfenster hat ist entweder im Straßbourger Münster oder aber im Chor des Münsters von Schlettstadt (fz. Selestat) richtig. Hier kann man den Fenstern von Peter Hemmel von Andlau ganz nahe kommen…und auch ein kleiner Abstecher in die evangelische Kirche in Schlettstadt wo an sonnigen Nachmittagen moderne Glasfenster den Innenraum in ein wunderbar mystisches Farbenspiel tauchen lohnt. Außerdem kann man dann gleich die quasi gegenüberliegende Humanistischen Bibliothek besuchen. Ein „absolutes Muss“ – nicht nur für Bibliophile und passionierte Büchernarren!

Saverne 2

Klassizistische Fassade des Rohan-Schlosses in Saverne

Nicht verpassen sollte man auch einen Abstecher ganz in den Norden des Elsaß. Dort lockt in Savergne (deutsch: Zabern) nicht nur mit einer hinreißend pitturesken Altstadt auf einem Hügel, sondern mit dem wohl schönsten Fachwerkhaus des ganzen Elsaß (Haus Katz) in dem sich auch ganz ausgezeichnet speisen lässt,  sondern auch mit der wirklich beeindruckenden und längsten klassizistische Schlossfassade ganz Frankreichs (Rohanschloss).

Und wer schon immer einen riesigen Christophorus sehen, oder im Schatten der Stadtpfarrkirche zu Brunnengeplätscher einen Salat aus hausgeräucherter Entenbrust und Feigen verdrücken wollte, oder auf riesigen Stadtwällen spazieren und/oder einfach nur seine Füße in einen der Stadtbäche strecken wollte, der ist in Wissembourg (dt. Weißenburg) ganz im Nordwesten des Elsaß sehr gut aufgehoben.

Wo man nicht unbedingt hin muss…oder: The most Overestimated Places in Alsace…

Auch wenn ich i.a.R. nicht dafür bin irgendjemand davon abzuhalten etwas zu besuchen, das er unbedingt besuchen will gibt es doch ein, zwei Orte im Elsaß die seltsamerweise in jedem Touriführer auf der Übersichtsseite ganz oben stehen und/oder mit drei Sternen markiert sind, die man sich meinem bescheidenen Dafürhalten aber zumindest beim einem ersten Kurzaufenthalt eher (er)spaaren sollte…

Haute Koenigsburg

Ganz oben auf dieser meiner zugegebenermaßen sehr persönlichen Liste der am meisten überschätzten Ausflugsziele steht die Hochkönigsburg bei Schlettstadt. Das hat jetzt weniger damit zu tun, dass ich’s als Kulturhistoriker und Archäologe nicht so unbedingt mit schlecht gemachten Kopien von Raubritterburgen aus dem frühen 20. Jahrhundert habe. Meiner Reiselaune bekommt’s einfach ziemlich schlecht, wenn ich bei 38° Hitze erstmal 5 Kilometer an parkenden Autos und quer durch den Ausflugsverkehr steil bergauf laufen muss um mich dann in praller Sonne 2 1/2 Stunden für sündhaft teure Eintrittskarten anzustellen um dann im Boxgalopp mit 200 anderen Leuten durch eine Art Disneyland (bei dem auch noch die meisten, eh schon nicht orginalen Ausstattungsstücke abhanden gekommen sind) gejagt zu werden. Wenn ich mich dann auf der Suche nach dem danach wohlverdienten Cafée auch noch neben einer amerikanischen Touristengruppe in Trubadour-Velourkostümen auf Plastikstühlen direkt an der stark befahrenen Durchgangsstraße (das ist die gleiche wie die bei den Parkplätzen – richtig es ist eine Einbahnstraße udn alle müssen da durch!) wiederfinde nur um aus lauter Frust und Not mitten im Elsaß überteuertes Fastfood zu essen und dabei von 20.000 anderen Besuchern am Tag fotografiert werde, weil ich blöderweise an der einzigen Stelle hock, von der man ohne Eintritt zu bezahlen einen einigermaßen ordentlichen Ausblick hat, obwohl das Mistding von Basel bis Karlsruhe am Horizont zu sehen ist, dann hält sich begreiflicherweise meine Begeisterung für dieses „elsässische Neuschwanstein“ in doch sehr beengten Grenzen…

Nichtsdestotrotz, es soll ja durchaus Leute geben, die sowas als gelungenes Urlaubserlebnis einstufen, und die möcht ich auch garnicht davon abhalten!

Alle anderen sollten zumindest beim ersten Besuch der Region lieber eine der nicht gerade seltenen anderen Elsässischen Burganlagen besuchen. Schließlich herrscht selbst in unmittelbarer Nähe des überlaufenen Burgen(alp)traums Kaiser Willhelm II. nun wirklich kein Mangel an anderen Burgen, Schlössern, Ruinen, Klöstern, bildhübschen Winzerörtchen, Aussichtspunkten oder einfach nur anderen weit weniger überfüllten Attraktionen, wie dem Affenberg oder der hinreißend pitturesken Altstadt von Schlettstadt mit ihrer berühmten Humanistischen Bibliothek.

Petite Venice (Straßbourg) und die Krutenau in Colmar

Ja, sie sind zugegebenermaßen wunderschön, das straßburger Klein Venedig (Petite Venise) oder die Krutenau in Colmar. Dummerweise wissen das aber auch 8 Millionen andere Besucher und entsprechend eng, laut und ungemütlich wird es hier an lauen Sommerabenden.

Straßbourg

Sicher, die Lage am Fluss ist verlockend, und es ist wirklich nett in Petite Venise…aber mal ehrlich: die Gastronomie an diesem touristischen Hot spot ist entweder grottenschlecht und – es sei Lucullus geklagt und Dyonisos gesungen – eher auf geschmacklich eher mittelmäßige Massenabfertigung ausgerichtet, und/oder zwar gut, aber eben dank der „Lage“ auch sündhaft überteuert…

Wer nun also nicht so ganz auf schlechten Flammkuchen, Currywurst oder matschige Burger steht, und auch keinen privaten Goldesel bei sich hat und/oder es auch nicht besonders schätzt, dass der Kellner leicht nervös auf die Uhr schaut, wenn man für seinen Expresso mehr als 2 Minuten braucht, dem sei als Ersatz für Klein Venedig die gleich gegenüber liegende südlichste der Illinseln wärmstens anempfohlen. Dort gibt’s in der (praktischerwerise direkt hinter Petite Venise über den Fluss abzweigenden) Rue des Moulins genauso nette Restaurants mit vielleicht noch viel schöneren Flussterassen- oder Gassen-Blick. Einfach mal beim Garcon oder der Mademoiselle am Eingang nachfragen ob sie noch ein lauschiges Plätzchen frei haben. Wenn man mittags, oder vor 19.00h kommt findet sich eigentlich immer was,  und das zu weitaus „vernünftigeren“ Preisen und mit Speisen, die den Vergleich mit dem teuren Petite Venise keinesfalls scheuen müssen. Natürlich gilt auch hier, wie an jedem anderen Tourihotspot der Welt auch: wer sichergehen will, sollte rechtzeitig (via internet oder noch besser: persönlich!) reservieren und sich die Speisekarte samt zugehörigen Preisen ansehen, bevor er sich hinsetzt!

Und wenn wir schon bei Restaurants und dem Sich Niederlassen sind: Genau wie in jedem einigermaßen ordentlichen Restaurant in Deutschland, man wird in Frankreich gesetzt und pflanzt sich nicht selber irgendwo hin, zumindest aber fragt man aber bei unangemeldetem Besuch den am Eingang bereitstehenden Kellner, Platzanweiser, Reservierungsbuchüberwacher*in oder Besitzer des Restaurants, ob noch ein Platz frei ist, und wo man sich hinsetzen darf.  Dass heißt nicht, dass man nicht, sofern das Restaurant nicht vollkommen überfüllt bzw. ausgebucht ist, den Kellner/Platzanweiser/Besitzer bei nicht-gefallen charmant fragen kann, ob man vielleicht doch noch einen noch schöneren Platz haben könnte, als derjenige, den er gerade für den allerschönsten für einen hält… Es ist einfach eine Sache von Anstand und Respekt – oder wie würden Sie es finden, wenn jemand einfach in ihr Wohnzimmer stapft und sich ungefragt auf das Familiensofa pflanzt? Und mal ehrlich, meist wird man auf Nachfrage eh zu hören bekommen, dass natürlich alle nichtreservierten Plätze frei sind, oder man bekommt eine sehr schöne Auswahl wirklich annehmbarer Platzierungsmöglichkeiten präsentiert…Der Vorteil des Prozederes ist ganz nebenbei, dass man dadurch überhaupt erst entdeckt, dass es im Hinterhaus oder im zweiten oder gar dritten Stock, oder um die Ecke an der Küche vorbei und durch den Weinkeller und Souvenirshop durch (alles schon erlebt!) noch ein paar wirklich nette, ruhige und ganz wunderbar gelegene Terassenplätze direkt über dem Fluss und mit phantastischem Kathedralblick gibt, die man in dem verwinkelten Elsässischen Fachwerkbau niemals selbst gefunden/gesehen hätte, wenn einen der ausgesprochen polyglotte und fesche garcon nicht „bei der Hand“ genommen und sie einem gezeigt hätt…Alles klar? Dann is ja gut…

Colmar

Colmar

Colmar 2

Das gleiche wie für das Straßburger Klein Venedig gilt leider auch für das inzwischen ebenfalls reichlich überlaufene Colmar. Nur dass man dort von der vielbestaunten Krutenau nicht flussab, sondern etwas flussaufwärts Richtung der alten Markthalle muss. Wegen der vielen dort angebotenen Spezialitäten und den kleinen Bistros im Inneren ist aber allein diese schon den klitzekleinen „Umweg“ wert. Wer dann auch noch das Glück hat in einem der nahegelegenen Restaurants direkt am oder besser über dem Fluss und mit Blick auf die vorbeigleitenden Fischerkähne den besten Flammkuchen des ganzen Elsass zu essen, der kann gut und gerne auf das Gedränge und den Gastro-Schnickschnack in der Krutenau verzichten. Und weil ich grad dabei bin: Noch was für die, die gerade planen nach Colmar zu fahren: Im Moment wird das berühmte Unterlindenmuseum in Colmar (und auch die halbe Innenstadt drumherum) renoviert. Das wird zwar alles sehr schön, und auch der berühmte Isenheimer Altar von Matthis Grünwald kann trotzdem gemeinsam mit etlichen anderen nach dort ausgelagerten Ausstellungstücken in einer der benachbarten Kirchen angesehen werden, aber so wirklich gut gelungen ist diese „Notlösung“ nicht und viele der Schätze des Museums sind gerade einfach im Depot. Daher ich würde persönlich mit einem Besuch noch so lange warten, bis die Renovierungen abgeschlossen sind. Dann macht’s auch wieder Spaß in der Stadt unterwegs zu sein, ohne dass man alle drei Meter über einen Bauzaun klettern muss…

Und jetzt hör ich einfach auf mit vorkauen und besserwissen und lass Euch selber hinfahren:

Bon vacance!

…und für alle, die noch ein paar mehr Bilder sehen wollen: http://wp.me/p4eIN4-7C

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Risi e bisi

P1290711Risi e bisi auch „Risibisi“, auf deutsch „Reis mit Erbsen“ gehört als Klassiker untrennbar zur Küche Venedigs und wurde traditionsgemäß am 25. April, dem Namenstag des Heiligen Markus, Staats- und Schutzheiliger der Serenissima, dem Dogen als erster Gang serviert. Neben dem ungleich berühmteren Risotto alla Milanese gilt Risi e bisi daher als vornehmstes aller Reisgerichte und wird noch heute in und um Venedig gerne zum Festtag des Heiligen zubereitet. Gleichzeitig frisch und doch herzhaft markiert das Gericht darüber hinaus den endgültigen Beginn des Frühlings, der hier durch das noch lange Zeit kalte Wasser der Lagune und den häufigen Nebel manchmal etwas länger braucht als im Landesinneren – dafür dauert es im Herbst durch das dann warme Wasser auch länger bis es wieder richtig kalt wird…

 

Was ihr für eine Protion Risi e bisi für 4 Personen braucht:

1 mittelgroße Zwiebel, geschählt und fein gewiegt

1 Tasse Risottoreis (Vialone gilt hier als Klassiker, zur Not tut es aber auch ganz normaler Milchreis (der ist nicht nur billiger, sondern mit etwas Glück sogar besser als mancher teure Risotto-Reis)

150 gr Bauchspeck, fein gewürfelt

600 gr ganz junge Erbsen (wer will kann sich gerne mit frischen abplagen, ich empfehle hier allerdings ausdrücklich Tiefkühlwahre, die ist – wenn man die Erbsen nicht direkt vom Feld bekommt – qualitativ deutlich besser und sehr viel einfacher zuzubereiten).

80 gr Butter

4 Tassen Brühe (klassisch nimmt man die Brühe von den abgekochten Erbsenschoten, heute verwenden die meisten venezianischen Hausfrauen (und- männer!) aber ganz einfach Instantbrühe (da aber eher sehr schwache, da der Schinken bereits viel Salz mitbringt).

200-300 gr geriebener Parmesan (je nach Geschmack)

etwas gehackte Petersilie

Pfeffer zum abschmecken

Zubereitung:

Zwiebel- und Schinkenwürfel mit etwas Butter glasig anbraten. Risottoreis hinzugeben und ganz kurz mit anrösten (nicht zu lange!). Nach und Nach Wasser hinzugeben und unter ständigem rühren weiterkochen bis ein cremiges, aber noch bissfestes Risotto entsteht (Risi e bisi sollte etwas suppiger als normales Risotto sein). Kurz vor Kochende (Je nach Reissorte, ca. 30 Minuten) die tiefgekühlten Erbsen hinzugeben und nochmals alles aufkochen. Gericht vom Feuer nehmen und – je nach Geschmack die restliche Butter, den Parmesan und gehackte Petersilie unterrühren, mit Pfeffer abschmecken, ggf. nachsalzen.

Buon appetito!

 

Some Schwäbisch_En dr Oschdrnachd

En dr OschdrnachdMa hoggad em Donklá, zmidschd en dr Meng. Vor ôim a glôine dôngla Krz, midd am komischa Blaschdigbächr, wo ônda a Loch hodd…S isch so schdill, dass ma a Gluaf z’Boda falla heara.

Däad, wenn dui alda Frau hendr ôim ed prmanend huaschdá miaßd (s’geid oifach emmr sodde, ônd I frôg me jeads Môl, warom soddiche schderbensgrange Leid sich mengisch no end Krch, ens Keano, ens Konzärd odr ens Kaffe schläbba mend…). Au irgadd a Allmachtswaidaag vom a Kend brabblad ond blärrad d’ganza Zeid vor sich ná. Ond au do frôg e me mengisch, warôm Eldra heidzudaag môinad Ihre offasichdlich boggiche ond vollkomma iabrnächdigde Kendr, dia liabr drhoim em Bedd iran hoiliga Schloof schlofa däadad, midd en Middrnachtsmäss schloifa mend…

Abbr mir sen en dr Krch, also semmr tolrand, säll moind dr Herr Jesus schliaßlich au. Jedenfalls der wendlwoichgwaschane vom Pfa`rr. Vom Hailigá Zôrá oddr Geddlichr Wuad hod där offasichdlich no garnix gherd…Godd light hald, damidd sich au jo koia vo de fromme Welfla em Schoofspelz aufreagd…

Dass Sällr dô oba edd emmr bloaß dr liabe abbr au au weng domme Laggl vo näabaa isch, dean ma gedroschd zom Narrá halda ka, sondrn au ganz andschd ka wennr denn widd ond an Gluaschdhodd; Dass R‘ oim meh als bloß oin mords Briagl zwischa d’Boi schmeißa ká, ohne dass ma räachd wissa däd warôm, säll said ma de Leid heid bessr nemme…

D‚Muadr vom Kend hodd ihran Jonas (jetzd wissa mr des au) endlich aus dr Krch gschaffd. Edd jeds Kennd isch a engl oddr auf Ritalean. Godd sei Dank edd! Sälls ganza scheana fromma Aidrachd war oifach nix fr da Gloina, z’langweilich! …Ond ehrlich…wenn e d’Miamich vom Pfarrr räachd deid, war selbschd eam säll kendlichs Katzág’schroi a weng vl dr Begaischdrich!

Drfir kommad izônd andre, a weng greaßre Kendr midd Krz rai. Z’Erschd schdandad se no a Weng em Donglá, noch hold ebbr d’Oschdrkrz aus dr Sagrischdei, ond’s wrd’s ganz häalenga häll. S’isch scho vrwondrlich, wia oim oi oinziga Krz en de Auga brenna ká, ond noch erschd hondrd odr dausad drvó! Wenn noch d’ganza K’rra leichdad ond d’Leid em Schai vo de Krzá grensad wia dr Baur wennr fr sai lamá Mähr‘ an ovrscheamd guada Preis gr’gd hodd – noch isch säll frisch azendads Krzalichd a ganz andrs Licht wia normal. Aagneamr, warm, faschd als hädd säll Lichd a Oigaleabá, ond wemma am Pfarr zuahorchad, hodd’s des ja au.

I hau s’Gligg auf ra behoizda Bangg zom hogga, oddr isch’s oifach bloß as zammahogga mid so vlle andre, des mr’s warm oms Hrz wärra lessd? I kempf midd de Dräana, warôm ka e ehrlichgsaid gared sa. Irgendwann ghods noch zr Komunijoo. Sisch komisch, en dr bloß vo Kärza ond a baar ganz nondrdemmde Gliahbirá en dr dongla Krch omanandrzomlaufa.

Schpäadr geids draußa no a Oschdrfeir. D‘ Leid wuaslad ommanandr alls häddad se ällesamd Moizgalr vrschluggd. Am am Dabezierdisch midd ra Babierserviett drauf gibds belegde Weggá, Kuachá, Hefezopf, frischá Kafffee ônd da ledschda Gilahwai vr des Jôhr- d’Nachdkälld lässd da Schnaufr Wolga vor am Gsichd machá. Älle om me rom lachad, schwäzad, träffad Leid, ond Kendr schpialad z’midschd en dr Nachd Fangrles ond machad drbei vor laudr Oschdriabrzwärch an Lärm, dass ma sich s‘ Gloggaleida grad hädd schbara kenna. I sälbr schdand bloß dô ônd grenz, graad asoo, als däad ebbr maine Mondwengl mid Fleiß nach Oba drugga.

Wär do ed dia Oschdrkärza en dr Hand, ma kheed moina s’sei noamôle Sld’väschdr.

I gang hoim, laad mr drvoor abbr no a baar Leid zôm Oschdrsuppaässa ai. S senn bloß a baar Meadr, abr mir mend no dean mordsschdeila Buggl nauf. En dära Nachd machdr mir ond de Andre abbr nix. S‘ schaind sich leichdr zôm laufa als sondschd.

Mir ässad Supp ônd d’erschde Oschdroir, drzua gaids Proseggo, Tea ônd au a biz Wassr – de andre meand schliaßlich no Hôim!

Drvor beh e abbr noml en da Hof, zwoi Dutzend Tealichdr ázendá. Au do widdrhold sich’s gleiche Wondr. Älls siagd so friadlich ond fraindlich aus, als däd dia Reed vom Oschdrfriadá daadsächlich schdemma…Mir wissad älle, dass es edd so isch, abbr fr dia nachd, demmr älla amôle, als g’hed dr Glauba ond d’Hoffnong taadsächlich Brg vrsetzá ônd d’Leid drzua brengá wrglich amôle bessr zôm wrrá…Vlleichd isch säll ja s’ächde Geheimnis vo Oschdrá…

Sisch iabrigens arg schbäad worra…halba viere war’s wo e ens Bedd khoa be, faschd hodd mr’s deichd als seig hendr de Krchtrmschbidza scho wiadr d‘ Sonn aufgangá.

Froe Oschdrá!

 

Betrachteter Alltag _ Die abstinente Mittelschicht, oder: Eine Welt voller angstgeplagter Asketen

Genießen verbotenSie sind eben ein echter Barockmensch!“
Ist es heute wirklich noch ein Lob, wenn jemandem dieser Satz entgegengeschleudert wird, oder verbirgt sich dahinter nicht schon der aufklärerische Vorwurf des angeblich überflüssigen Exzesses, der Unbeherrschtheit, der Faulheit und Verschwendung? Ist das Wort „barock“ seit den Zeiten eines Kants, Leibnitzs und Voltaires nicht geradezu ein Synonym für die selbstverschuldete Unfähigkeit zu Zurückhaltung, Enthaltsamkeit und Fokussierung auf das „Notwendige“geworden? Eine Beleidigung, die man denjenigen mit entsetzter Verve entgegenschleudert, welche sich nicht an die alternativlosen Regeln einer Gesellschaft, welche Jugend, Gesundheit, Sicherheit, Leistung, Effizienz und Selbstoptimierung zu ihren Abgöttern erklärt hat? Ein Stigma, mit dem man die sorg- und verantwortungslose „Verschwendungssucht“ des nicht nur in seiner psychischen, sondern auch physischen Konstitution „barocken“ Verschwenders öffentlich geißelt? Und habe ich nicht gerade über jene laktosefreien Latte Macchiato aus tiergerecht-fairem Anbau trinkenden, veganen Hipster in extraeng geschnittenen Jeans als Idealtyp der Moderne geschrieben?

Es braucht manchmal andere kluge Köpfe, damit aus einem unguten Gefühl in der Magengrube Gewissheit wird. Diesmal war es Hasso Spode, Sozial- und Kulturwissenschaftler an der FU Berlin, der mich mit seiner kürzlich in einem Interview für Deutschlandradio Kultur geäußerten These von einer „Phase des Asketismus“ auf den erkenntnissspendenden Weg führte.

Sicher, auch mir waren sie längst in meinem Alltag begegnet, die militanten NichtraucherInnen und Veganer, die Milchhasser und Weißen-Zucker-Verteufler, die Öko- Fairtrade- und Bio-Fetischisten, die Freilandhuhnlober und Sportfanatiker. Seit ihrem erstmaligen Auftreten irgendwann kurz nach der Deutschen Wiedervereinigung ruinierten sie mit ihrem aktionistischen Bekehrungseifer jede weinselige Runde, vermießten Backhendel und Hamburger, erzwangen ein eigenes Vegetarisches, später sogar Veganes Menü bei WG-Parties und geißelten jeden als Menschenfeind, der nicht die politisch-korrekte und selbstverständlich maßlos überteuerte, milchfreie Bio-Schokolade bei dem „Eine Welt Laden“ ihrer Wahl kaufte und sie in einem möglichst selbstgesponnenen und abgetragen aussehenden Jutetäschchen im Triumphzug nach Hause trug.

Lange Zeit tat auch ich diese Gestallten als harmlose Spinner, von der Werbung verleitete Geistesschwache oder bedauerliche Einzelindividuen ab. Später, als die Gruppe der „Wutbürger“, die Schnaps, Butter und Sahne für Teufelszeug hielten, Bœuf bourguignon zum Mordinstrument erklärten und Tabak und Alkohol als Massenvernichtungswaffen bezeichneten größer wurde, flüchtete ich mich in Ironie und Spott…doch es war zu spät: spätestens mit der Einführung öffentlicher Alkoholverbote hatte sich der asketische „Gutmensch“ zum Mainstream entwickelt und forderte nun zum Kampf gegen die Volksdroge Alkohol, die Aufgabe der Ärztlichen Schweigepflicht bei Depressiven und die Zwangstherapie von die Volkswirtschaft schädigenden Übergewichtigen auf.

Auch wenn ich gelegentlich mit vegetarischem Döner, Sellerie- und Parasolschnitzeln und einer Fruchtsaftdiät geliebäugelt hatte, wusste ich spätestens zu diesem Zeitpunkt: diese schöne, neue und von allem „Überflüssigen“ befreite Welt askesepredigender Ökofaschisten war nicht mehr die meine. Nur eines war mir immer noch nicht klar geworden…warum waren aus individualistischen, exzessiv schlemmenden und genussmittelfreudigen Yuppies plötzlich lauter kleine kalorienzählende, moralinsaure, antidemokratische und jede Form von Genuss und Überfluss bekämpfende Weizengras-Savonerolas geworden?

Die endgültige, und von mir im tiefsten Innern seit Jahren geahnte Antwort kam mit eben jenem am Anfang dieses Beitrags zitierten Interview Hasso Spodes:
Die neue, selbstoptimierte, dauergestresste, permanent-burnoutgefährdete, und sich im Fieber des Akadiemisierungswahn auf dem ökologisch einwandfreien, fair gehandelten und produzierten, allergenfreien Hartgummifouton wälzende Mittelschicht hatte nur noch eines: Angst vor dem sozialen Abstieg!

Nun weiß man aus der Geschichte, dass Angst der schlechteste aller Ratgeber in Lebensfragen ist. Sie treibt die Menschen in panischen Aktionismus, neigt zu ademokratischer Intolleranz gegenüber allem was als Anders und Fremd definiert wird, regt zu schonungsloser Selbstausbeutung bis weit über die Grenze des Erträglichen an, und verschlingt schließlich alles, was uns menschlich und frei sein lässt – „Angst essen Seele auf“, so lautete der Titel eines 1974 erschienenen Melodrams Rainer Werner Fassbinders, dass sich anhand der zum Scheitern verurteilten Beziehung zwischen der verwitweten Putzrau Emmi Kurowski und dem zwanzig Jahre jüngeren Marokkanischen „Gastarbeiter“ Ali mit Intoleranz, gesellschaftlicher Kälte, Vorurteilen, Lieblosigkeit und sozialer Ausgrenzung auseinandersetzt.

Bereits dass ich gerade das Wort Gastarbeiter in Anführungszeichen gesetzt habe und das Wort Putzfrau als politisch-inkorrekten Terminus am liebsten mit Reinigunsfachkraft oder „Facility Managerin“ ersetzt hätte, zeigt wie verlogen wir inzwischen mit unseren Ängsten vor Sozialem Abstieg und Vorurteilen genenüber Fremden umzugehen gelernt haben, und wie groß die aus Amerika importierte Schere im Kopf inzwischen geworden ist. Auch diese politisch korrekte Askese von einer klaren und die Dinge beim Namen nennenden Sprache ist Teil des neuen Angst-Mainstreemings. In Zeiten allgemeiner sozialer, ökonomischer und politischer Verunsicherung sind Klartext, offene Kommunikation und divergierende Meinungen zum Luxus geworden und der von einer durch soziale Netzwerke von allen Hemmungen entfesselte  permanente Shit-Storm im Netz, der längst reflexartig gegen alles hetzt was irgendwie anders, nicht-normal oder überflüssig erscheint, bestärkt Otto-Normalverbraucher/In noch in dieser Angst, gibt ihr aber auch die Macht in die Hand, ihre eigenen, individuellen Ängste zur einzig verbindliche Weltanschauung zu erklären. Für Muße, freies Denken, nutzfreies Kinderspiel oder auch nur vom allgemeinen Massentrend abweichende Meinungen und Lebensweisen bleibt hier nicht viel Raum.

In Form öffentlicher Rauch- und Alkoholverboten, Immobilienboom, verpflichtenden Veggy-Days in Werkskantinen, proaktiver Fitness-Apps, militanten Stuttgart21-Gegnern und PEGIDA, Pränatalen-Gen-Tests, vorsorglichen Brustentfernungen, Vorratsdatenspeicherung, Sicherheitsverwahranstalten, sowie hysterisch geführten Tierrechts- und Kinderpornographiedebatten hat diese auch mit dem Kürzel „SHE“ (Security-Health-Efficency / Sicherheit-Gesundheit-Effizienz) überschriebene Ideologie der Angst längst tiefe Wurzeln in unserem Denken und Handeln geschlagen, ist „Mode“ und „Zeitgeist“ geworden, prägt das ohnehin immer ununterscheidbarer gewordene Arbeits- und Privatleben und bereitet uns allen schlaflos verbrachte Nächte voller Versagensängste.
Und wir? In unserer von Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Medien permanent geschürten Angst nicht mehr zu  diese schöne, neue, gebildete, hochqualifizierte, rundumoptimierte, leistungsorientierte und durch ausgefeilte Ernährungspläne gestählte Gesellschaft zu gehören nehmen wir uns zurück, werden leise, essen weniger, schwören dem blauen Dunst ab, passen uns an. Selters statt Sekt, Askese statt Überfluss, Geistige Verarmung statt Vielfalt, erzwungener Mainstream statt gesellschaftlicher Vielfalt, work and life blending statt work and life balance, moralinsaure Frigidität statt sexueller Revolution, politisch korrekte Intoleranz statt geistiger Offenheit, nur nicht auffallen, anecken, oder gar scheitern…kurz: die gnadenlose und keine Ausnahmen kennende Diktatur des komplettangepassten Mittelmaßes  – so könnte man den neuen Leben und Denke der neuen selbstoptimierten, alkohol- und pornographiebefreiten, und auf permanente Fexibilität und Maximalleistung getrimmten Mittelschicht zusammenfassen.

Das Ganze erinnert mich fatal an jene Zeiten des „Grande Terreurs“ und der 20er, 30er und 40er Jahre des letzten Jahrhunderts in der die Angst schon einmal regierte und im Namen des Allgemeinwohls und angeblicher Vernunft schon einmal zur Jagd auf alles Andere, Abnormale und Schädliche aufgerufen wurde. Die Folgen dieser Politik der Intoleranz scheinen wir heute vergessen zu haben, oder wir wollen sie einfach nicht mit dem, was wir heute denken, tun und urteilen in Verbindung bringen – denn wir sind ja besser, klüger, gestählter und härter…Man könnte auch von angstbedingter Hybris alles durch stetige (Selbst-)Optimierung beherrschen zu können sprechen.

Vielleicht ist es ja gar kein Zufall, dass in Zeiten, in denen humanistische Bildung, ja Bildung im weiten, allgemeinen und humboldt’schen Sinne als „nutzlos“ und „unpraktisch“ gilt ja garkein Zufall, dass die Kenntnis des Altgriechischen und damit der tieferen Bedeutung des Wortes „Hybris“ als „verzichtbar“ ja gesellschaftsschädigender da unwirtschaftlicher Luxus gilt. Vielleicht ist es ja gewollt, dass man nicht mehr weiß, das dieses Wort sich von „hybitzomai“ ableitet und ursürünglich eine Art selbstmörderische und im goebbelschen Sinne „totale“ Kriegstechnik bezeichnete bei der man zwar dem Gegner kurzfristig schadet, in erster Linie aber Gefahr läuft sich selbst zu verstümmeln.

Ich übertreibe?

Versuchen Sie doch mal mit 40 Kilo Übergewicht in ein Fitnessstudio zu gehen, auf einem Kinderspielplatz zu rauchen, setzen Sie sich mit einer prall gefüllten Tüte ihres Lieblingsfastfoodanbieters in den Bus, trinken sie Vormittags eine Flasche Bier auf einer Parkbank, oder probieren Sie einmal, ohne von Videokammeras überwacht zu werden durch eine Fußgängerzone zu laufen oder Bahn zu fahren, als offen schwuler Mann eine Jugendfreizeit zu leiten, sagen Sie ihrem Arbeitgeber offen, dass sie Depressionen und Bluthochdruck haben, oder versuchen sie einfach nur mal beim nächsten Picknick ihre veganen Freunde von den Vorzügen von Chicken McNuggets zu überzeugen…

Glaubt man Hasso Spode wird sich deren – je nach Standpunkt – „Offenbarung der Askese“ oder „Diktatur der Angst vor dem sozialen Abseits“ noch zwanzig oder mehr Jahre halten – meiner Meinung nach ist dies die wahre und einzig echte beänstigende Aussicht.

Adventskalener 2014 – 11. Türchen – Von Musketenmäulern, problematischen Geschenken und Säulenheiligen

Geschenke

Geschenke

Kennt ihr das:

Da freut man sich aus dem Barbaricum wieder für ein paar Tage in die „alte“ Heimat zu kommen und dann sitzt man beim Mittagsmenü beim Chinesen und der erste Satz den man vom Nachbartisch im altvertrauten Dialekt hört ist:

Ônd weanigschdens ká E mr itzônd wiadr as Fiadla aschmierá, weil ledschd Woch hau E me ja kaum meh riará kenná…“
Ja, sie sind manchmal dann doch äußerst liebenswert direkt  meine schwäbischen Hausfrauen im leicht fortgeschrittenen Alter – insbesondere wenn es darum geht ihren Gesundheitszustand oder gewisse Körperfunktionen zu beschreiben – für alle Nicht-Native- und Non-Native-Schwäbisch-Sprecher_innen, hier die wörtliche Übersetzung:

Und wenigstens kann ich mir jetzt wieder den Arsch reinigen, in der letzten Woche konnte ich mich bekanntlich nicht mehr bewegen [und das Arsch-abwischen daher nicht/kaum mehr durchführen]“. Den Teil in Klammern muss man sich dazudenken…auch so eine schwäbische Eigenart – Informationen die man sich denken kann (oder können sollte) werden nicht gegeben. Erschwert die Kommunikation mit nicht-Telepaten und Ärzten erheblich, ist aber unter Schwaben weit verbreitet und offensichtlich sehr effektiv, außer man stirbt daran…

Ohnehin, meine geliebten schwäbischen Musketen- Pistolen- und Schwertmäuler. Keiner lästert so virtuos und bößartig über die körperlichen Gebrechen seiner Mitmenschen wie eine schwäbische Altenheimbewohnerin! Auch und gerade in der Vorweihnachtszeit. Kostprobe gefällig?

Ônd noch beh e vô Zeida en dr Arztbraxis gwäa. Ônd ob des itzd glaubschd ôdr idda, dô ischd noch graad ôinr raikô wo de au edd gwusst hosch wo dr Ranzá aufherd ônd dr Arsch afengt. So a feddr Brômmr abr au, kaum laufá hôddr meh kenná. I moi, s keed ja au sai Är ischd granng…abbr so grang kasch garedd sai, dass de so fädd bisch!“

(Kurz zusammengefasst: Es geht um einen adipösen Mann der unvorsichtigerweise die Arztpraxis betrat, während meine „Mädels“ im Wartezimmer nicht wussten, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollten, nett ist jedenfalls etwas anderes!)

Nicht umsonst hatten und haben derartige Damen hier den recht treffenden Spitznahmen der „Schwert-, Musketen-, Pistolen- oder Maschinengewehrmäuler“, jedes Wort eine kleine Kugel, die selten danebentrifft – und die Fähigkeit sich das Hinterteil abwischen zu können wird allzuoft deutlich unterschätzt! (außerdem ist die Verwendung der Begriffe ein interessanter Hinweis darauf, wie „waffentechnisch modern“ bzw. altertümelnd martialisch das Gegenüber denkt).

A propos sich nicht mehr rühren können – zumindest im 4. und 5. Jahrhundert war diese doch etwas beengende Eigenschaft keinesfalls etwas worüber man sich beschwerte, sondern wofür man sogar Heilig gesprochen werden konnte – auch wenn man dafür nicht unbedingt allzu adipös gewesen sein sollte, der Dicke Mönch am Weinfass ist bekanntlich erst eine Erfindung Münchner Maler aus dem 19. Jhdt….

Wollte man im 4. und 5. Jahrhundert hingegen besonders „heilig“ sein setzte man sich als Mönch einfach auf eine der damals noch überall noch reichlich herumstehende antike Säulen und lebte dort wortwörtlich als Säulenheiliger.

Wie ich darauf komme? Nein das hat jetzt außnahmsweise nix mit Hämorhiden und Hexenschüssen zu tun…obwohl ich mir das als Nebenwirkung bei dem nachfolgend geschilderten Verhalten durchaus denken kann…

Eigentlich geht’s aber mal wieder um eines meiner Lieblingsthemen:
Lustige Stories aus dem leben noch lustigerer Heiliger, oder wie ich’s ganz gern nenne: Mein ganz persönliches Martyrologium…

Und weil ich bekanntlich seit ein paar Jährchen (wie viel verrat ich natürlich nicht) an einer Doktorarbeit über Griechen die ans andere Ende der Welt ausgewandert sind schreibe, dachte ich mir, wir machen dazu heut mal einen Ausflug zu unseren lieben Brüdern von der Orthodoxen Fraktion.

Diese feiern nämlich am 11. Dezember, je nach Orthodoxer Kirche also heute oder erst in 13/14 Tagen – der orthodoxe (Kirchen) Kalender ist seit 1923 ein Thema für sich, wen’s genauer interessiert:

http://de.wikipedia.org/wiki/Orthodoxer_Kalender

den Gedenktag des 493 vestorbenen heiligen Daniel Sylitis aus Anaplus (heute ein Stadtteil Istanbuls).

Nach Simeon Stylitis ist dieser Daniel der zweitbekannteste der Heiligen „von/auf der Säule“ – nichts anderes heißt der Beinamen Stylitis nämlich übersetzt.

Im Gegensatz zu Simeon „wohnte“ Daniel nun nicht irgendwo in der Syrischen Bergwelt sondern in unmittelbarer Nähe der Hauptstadt des Byzantinischen Reiches, so dass er neben einem Pelzmantel auch ständigen, und ziemlich zudringlichen Besuchen seiner besorgten Umgebung ausgesetzt war. Diese wollten ihn nicht nur bewundern und verehren, sondern ihn gleich auch noch mit Essen, Trinken, Pelzmänteln und anderen lebensnotwendige Dingen versorgen. Das Ganze war Daniel, der doch gerade versucht durch Askese „heilig“ zu werden alles andere als recht.

Folgt man der im 7. Jahrhundert entstandenen Heiligenvita, entwickelte war der zukünftige Heilige ein außerordentlich unleidlicher Zeitgenossen, dass er immer wieder Leute die sich um ihn sorgten, ihm etwas bringen, oder nur ein gepflegtes theologisches Streitgespräch mit ihm halten wollten mitsamt ihrer Leiter von seiner Säule zu Boden schmiss…

Erst als Ihm ein Wintersturm seinen Pelzmantel (ja auch auf Säulen lebende Heilige wollen modisch up to date sein) wegwehte und man ihn am nächsten morgen fast erfroren auffand hat Daniel dann doch zähneknirschend zugestimmt, dass man um ihn herum eine kleine „mini-Mönchszelle“ auf die Säule baute…bequemer wurde das Ganze so auch nicht, aber etwas wetterfester…

Auch ein anderes „Geschenk“ erwieß sich als nicht ganz unproblematisch. Der damals regierende öströmische Kaiser Leon I. wollte dem Säulensteher eine besondere Ehre zuteilkommen lassen und bat den Patriarchen daher den widerspenstigen Noch-Nicht-Heiligen zum Priester zu weihen…Nun ging das aber nach damaligem (und auch nach heutigem) Ritus nicht, ohne dass der Patriarch dem Priesteramtskandidaten dei Hand auf den Kopf legt…

Dumm nur, dass Daniel dazu weder von seiner Säule herunterkommen, noch den Patriarchen mit einer Leiter zu sich hochkommen lassen wollte (er hatte bekanntlich was gegen Leitern und Leute, die darauf zu ihm hochgeklettert kamen…).

Kurz und gut, irgendwann gab der Partiarch auf (vermutlich hatte er einfach keine Lust mehr ständig auf seinem Hinterteil zu landen), und hat den wiederspänstigen Daniel von der Säule dann ohne Handauflegen zum Priester ernannt. Wer die Byzantiner kennt, weiß, dass das naturlich nicht ohne darüber mindestes 4 Jahre zu diskutieren und bürgerkriegsähnliche Unruhen zu veranstalten war…In religiösen Dingen waren die Byzantiner ungemein empfindlich und spitzfindig).

Vielleicht war es dann ja doch eine besonders subtile Form imperialer Rache für soviel Ungehorsam die daraufhin den Kaiser dazu brachte neben der Säule Daniels eine zweite aufstellen zu lassen, auf die er die Reliquien des inzwischen verstorbenen und wesentlich berühmteren Säulenheiligen Simeon aus Antiochia umbetten ließ…Zu dem konnten die Leute nämlich sehrwohl hochklettern – er war praktischerweise schon tot…
– viel hilft viel oder Konkurrenz belebt das Geschäft…

Vielleicht war das ja auch der Grund, warum der unleidliche Daniel dann doch seine Säule – ein einziges Mal – verließ um sich für die Beschlüsse des Konzils von Chalkedon (das lag praktischerweise nur ein paar Kilometer entfernt) einzusetzen. Chalkedon war die Sache mit der Doppelnatur Christi und dem Papst…ich sag ja die Byzantiner waren in so Sachen sehr spitzfindig und empfindlich.
Kurz: Falls ihr das nächste Mal einem Säulenheiligen begegnet: Am besten ignorieren, und um Gottes willen nicht raufklettern und ihm irgendwas schenken wollen, auch wenn’s Weihnachten ist. Das gleiche gilt übrigens auch für schwäbische Musketenmäuler und Schwertgoschen.

Schönen 11. Dezember noch- und fragt mich jetzt bloß nicht, wie das mit der Körperhygiene beim Daniel auf der Säule funktionierte!

wer das Ganze mit den Heiligen und der Säule nochmal genau nachlesen will:

http://www.heiligenlexikon.de/BiographienD/Daniel_Stylitis.html

Von der Nachhaltigkeit des „Reißens“, oder: Warum ich manchmal einfach meine eigenen Kaisersemmel machen muss…

Manchmal gibt es Tage da „reißt’s“ einen – will heißen, man macht etwas, das man eigentlich schon immer vorhatte, zu dem der eigene Schweinehund aber nie gekommen ist.

…und manchmal ist das auch ganz gut so mit dem Schwein und dem Hund!

„Reißen“ ist unberechenbar, eine Naturgewallt, wilde, sich Bahn brechende Kreativität gepaart mit dem, was man im Schwäbischen „Gluscht“ (hdt. Gelüst(e)). Das Ganze entspricht in etwa dem „Gelüst“ von Rapunzels Mutter nach Ackersalat. Man kann es nicht begründen – will es auch nicht – es ist einfach so. Vermutlich würde jetzt irgendein neudeutscher Marketingmensch daherkommen und sagen: das ist nichts anderes als Bedarfserweckung ohne Bedarf…Richtig, nur dass mein Bedarf, also mein Gluscht nicht von Außen, sondern von Innen erzeugt wird…vielleicht sollt ich doch mal mit nem Genetiger sprechen und nachfragen, ob das, ähnlich wie das „Kerwochen- und Genialitäts-Gen“ auch etwas seit undenklichen Vorzeiten im urschwäbischen Genom vorhandenes ist?

Kurz: Reißen kann alles sein: Unmengen für eine an sich vollkommen nutzlose altjapanische Teedose auszugeben, weil nur die zum ebenfalls sündteuren japanischen Schattentee in Pulverform passt, sich trotz geplündertem Konto einen Kashmirpulli gönnen – einfach nur, weil der so herrlich himmelblau war, 20 Kilometer von einer Fete zu Fuß heimzulaufen, weil man schon immer bei Vollmond  ungestört von Mountainbikern und fröhlichen Wandervogelgruppen nachts durch den dunklen Wald stapfen wollte, oder eben sich von einem blonden Jüngelchen in Muskelshirt, das offensichtlich noch nie etwas von der zivilisatorischen Erungenschaft der Desodorantien vernommen zu haben scheint,  die allerneueste, luftgepolsterte und vollergodynamische Errungenschaft (nein es gab sie nicht mit Laser-Blinker, jedenfalls nicht in meiner Größe!) in Sachen Running Shoes hat aufschwatzen lassen – und das nur, weil man sich aufgrund aufschießender Frühlingshormone einbildet im März traditionellerweise sein gesamtes jährliches Joggingtraining absolvieren zu müssen…

Manchmal kann Reißen aber auch sehr viel „nachhaltiger“ (nachhaltig ist das neue produktiv! – habe ich mir sagen lassen ;-)) sein:

– nicht das himmelblaue Kashmirpullover, antike japanische Teedosen und Vollmondnächte im Wald unbedingt nicht nachhaltig wären, sie sind sogar ungemein produktiv und heben das „Staatswohl“ aber…bei miefenden, blondgelockten Sportwarenfachverkäufern bin ich mir da nicht so sicher…

Kurz manchmal kombinieren sich Reißen und Glück – vor allem dann, wenn es (fast) umsonst ist – das nennt sich dann Kunst.

Beim letzten „Reißen“ kam ein neonfarbener Originalnachbau eines echt japanischen Krähennestes aus Drahtkleiderbügeln namens „Fokushima 1“) heraus – fehlt nur noch der Galerist, der mir das ganze für, sagen wir mal 50.000 € abkauft…

Musik ist auch so ein „Reißen“-Ding, wie an dem Tag, an dem ich nichts anderes machte als solange alle Klappen meiner frisch bei einem großen Onlineauktionshaus erstandenen Querflöte zu maltretieren (es gibt eine Menge davon und ich halte nichts von Grifftabellen…ehrlich!), bis ich – bzw. meine Hirn-Finger-Koordination das mit der zweiten überpfiffenen Oktav auch kapiert hatte – jedenfalls theoretisch…ich brauche ein neues Mundstück, das alte ist zu ungenau/ausgepfiffen…aber wie gesagt, das hätte ich NIE herausgefunden, wenn ich nicht einen gesamten Tag nur mit blasen und Tastendrücken verbracht hätte!

Manchmal reißt’s mich aber auch nur auszuprobieren, ob ich es nicht doch hinbekomme meine heißgeliebten Kaiserbrötchen selbst zu machen – mit oder ohne Schnerpfel war dabei relativ sekundär – und ja, der öffentlich rechtliche Rundfunk unserer österreichischen Mitbrüder mit seinen k&k-patriotisch-heimeligen Dokus im Sissi-Stil ist mal wieder schuld daran!

…und mal ehrlich, für’s erste mal sind sie garnicht so schlecht geworden, oder?

 

und für alle Deli-Fans hier noch kurz das Rezept:

1 Stück Hefe

300 gr Mehl

Salz

1 Teel. Brotgewürz (da nehmt ihr einfach das, das euch am Besten schmeckt, empfehle viel Koriander, Anis und einen Hauch Zimt, zusammen mit Kreuzkümmel und einer winzigen Prise Safran 😉 )

etwas warmes Wasser (das muss man ausprobieren, normalerweise langt 1/2 Glas, der Teig sollte am Ende nicht mehr kleben, aber auch nicht fest sein…)

1 Eßl. Zucker

2-3 Eßl. Öl

etwas Mehl zum Bestäuben

 

Mehl auf einer Platte oder in einer Schüssel zu einem kleinen Haufen formen, in die Mitte ein kleines Loch formen. Hefe und Zucker in eine Tasse geben, mit etwas warmem (nicht heißem!) Wasser zu einem Brei anrühren und in das Mehlloch geben. Von Außen etwas Mehl anhäufeln und 5 Minuten stehen lassen. Mehl mit gegangener Hefe, Öl, Salz und Gewürz zu einem glatten, nicht mehr klebenden, aber nicht festen Teig formen, mit einem sauberen Leintuch zugedeckt bei Zimmertemperatur (oder etwas darüber) ca. 1 – 1 1/2 Stunden gehen lassen. Nochmals mit etwas Mehl einstäuben und sanft durchkneten bis ein sehr leichter Hefeteig entstanden ist. Danach nochmals ca. 1/4-1/2 Stunde (hängt vom Mehl, der Hefe und vom Wetter ab, Gewittrige Tage sind absolut ungeeignet, weil der Teig da „nicht gehen will“) gehen lassen.

Ofen auf ca. 180°C vorheizen (ganz mutige probieren 150°C aus, dabei muss man aber drauf achten, dass die Brötchen nicht zu sehr aufgehen).

Danach kleine, ca. handballengroße Stücke abtrennen und vorsichtig zu kleinen Kugeln formen (nicht zu fest drücken, sonst werden die Brötchen hart wie Kruppstahl!).

Die Kugeln nochmals kurz gehen lassen.

…und jetzt wird’s etwas knifflig. Man „zipft“ mit Daumen und Zeigefinger eine kleine Ecke von der Teigkugel ab, zieht sie leicht nach außen und drückt sie dann wieder in die Mitte.

Das ganze macht man so lang rundherum (idealerweise 5-7 mal) bis ein rundes „Kaiserbrötchen“ entstanden ist. Ob man dabei den letzten „Zipfel“ = „Schnerpf“ auch nach Innen drückt, oder aber ihn als Zeichen eines echten handgemachten Kaiserbrötchens außen stehen lässt ist im wahrsten Sinne des Wortes Geschmackssache. Mit Schnerpf werden die Brötchen röscher, weil der Schnerpf beim Backen aufgrund seiner exponierten Lage und dünneren Konsistenz besonders „resch“ wird, ohne Schnerpf ist die Gefahr das etwas anbrennt allerdings wesentlich niedriger…

Fertige Brötchen auf ein Blech mit Backpapier legen (auf genügend Abstand achten, die Brötchen „verdoppeln“ sich beim Backen – jedenfalls wenn ihr bis hier hin alles richtig gemacht habt…) und ca. 20 Minuten goldbraun ausbacken (kann je nach Form und Schnerpf (den sollte man nur bei 150°C machen, da er sonst zu leicht anbrennt) ein paar Minuten mehr oder weniger dauern.

und dann…abkühlen lassen, auch wenn der Duft frischer Brötchen zu sofortigem Hineinbeißen einläd (das macht man exakt einmal, danach kann man sich für zwei Wochen nur noch von Eistee ernähren ;-))

Es lebe der Kaiser!

 

 

Kaisersemmel

Kaisersemmel

Von Herrgottsbscheißerlen und Raviolen oder: Versuch eines fast perfekten Karfreitagsessens

Raviolen mit Kräuter Avocado-Füllung an süßem Tomatensugo

Raviolen mit Kräuter Avocado-Füllung an süßem Tomatensugo

Raviolen mit Kräuter-Avocado-Füllung an süßem Tomatensugo – ein (fast) perfektes Karfreitagsgericht

Manchmal entstehen die besten Dinge, wenn man vergessen hat einzukaufen. Zugegeben, da kribbelte eine leichte Ahnung in meinem Hinterkopf, dass die Geschäfte am morgigen Karfreitag eventuell geschlossen haben würden, aber wie das Leben oder eben die seltsamen Tiefen meines Unterbewussten so spielen, habe ich diese Information schlichtweg ausgeblendet, bzw. mich in schlichtem Gottvertrauen darauf verlassen, dass sich wohl noch die eine oder andere Zutat in meiner Küche würde finden lassen um daraus irgendetwas essbares zu zaubern.

Well…

Als ich dann heute Mittag meine Regale durchforstete fand sich da nicht viel mehr, als ein paar Zwiebeln, eine halbe Knoblauchknolle, Eier, etwas Butter, Zucker, eine überreife aber noch nicht schimmlige Avocado (also genau in dem Zustand, wie man sie eigentlich immer essen sollte) und etwas Gries, dazu noch ein paar Gewürze…nicht eben viel um daraus ein halbwegs vernünftiges Essen zu zaubern…oder doch? Vermutlich würden sämtliche Köche und Köchinnen in den Hungergebieten dieser Welt ob eines derart verschwenderischen Überflusses in reinstes Frohlocken ausbrechen…aber ich bin eben Europäer und daher vielleicht ein ganz klein wenig verwöhnt was das Vorhandensein gewisser „unentbehrlicher Grundzutaten“ angeht…

Glücklicherweise verfüge ich hier noch über so etwas ähnliches wie einen begrünten Innenhof mit ein paar Töpfen in denen alle möglichen eigentlich absolut nicht zueinander passenden Kräuter still vor sich hinwuchern…Estragon, Ruccula, Schnittlauch, Thymian, Minze und Melisse…

Obwohl man ja an Karfreitag fasten soll (ich habe immerhin mein Frühstück zugunsten eines Milchkaffees ausfallen lassen…das langt!) meldete sich beim Gang durch den „Garten“ das wohlvertraute Grummeln von Herrn Hunger.

Was tun?

Erstmal in guter alter Jäger- und Sammlermanier alles einsammeln, was sich eventuell zu „Nahrung“ umwandeln lässt (prinzipiell hat sich daran seit gut drei Millionen Jahren nichts geändert, nur dass wir heute Supermärkte haben, die aber leider aufgrund nicht nachvollziehbarer tradiert-religiöser Empfindlichkeiten an Karfreitag eben geschlossen sind).

Gut denn…Mehl, Ei und Gries…ergibt Nudelteig, nicht ganz koscher für einen Fastentag, aber wozu haben die Schwaben das „Hergottsbscheißerle“ (schwäbisch für Maultasche oder Ravioli) schließlich erfunden.

Fehlt noch eine Füllung und eine Sauce…ähm Sugo…wenn wir schon den Herrgott austricksen dann italiensch mit Ravioln und die brauchen eine ordentliche Füllung, und wenn wir schon dabei sind, irgendetwas salattechnisches wäre auch nicht schlecht, wir leben schließlich im Zeitalter der Gesundheitsapostel:

Also Kräuter und Knoblauch kleingeschnippelt, die Hälfte der Avocado dazu und alles mit etwas Salz, Pfeffer und Muskat (der fand sich auch noch irgendwo) zu einer Farce verrührt.

Teig ausgerollt, Füllung plaziert und nach dem Motto „Wenn man sich schon mal die Fieselei macht…“ allerlei lustige Italienische Teigwaren geformt (dreieckige- runde- quadratische- Ravioli und sogar drei Tortelini (die nichts anderes sind als dreieckige Ravioli mit nem Knick und nem Knoten drinn…)) und ins heiße Wasser geworfen.

Solang das Ganze gemütlich vor sich hinköchelt, die Tomaten kleinschnibbeln, aus einer Hälfte mit etwas Butter (Gott sieht nicht alles ;-), zumindest meiner nicht!)m, Öl, Essig, Zucker und Berberitzen (die liegen bei mir in Erwartung des Jünsten Tages seltsamerweise immer irgendwo rum…) und einer feingeschnippelten Zwiebel sowie ein paar Gewürzen und einen wirklich winzigen Schluck Weißwein eine süße Sauce…ähm Sugo…gezaubert, flugs die andre Hälfte der Avocado mit den Tomaten und dem Rest der Zwiebelwürfel, etwas Salz, Essig, Öl, Kräutern und Liebe vermischt…und fertig ist das (fast) perfekte Karfreitagsessen!

 

Frohe Ostern!

The only true way of drinking espresso ;-)

Isn’t it wonderfull to smell the pure flavour of fresh roasted Espresso made from 100% arabica beans? Add a little carpet from Uzbekistan, and a japanese Art Deco cup, with delicate miniature paintings showing people celebrating the „Hanami“ festival, and you’ll turn a normal everyday action into the perfect postmodern and globalized springtime event!

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Venezianische Weihnachtsgefühle – Eine Nachlese

Es ist einer jener seltenen Augenblicke im Leben, die sich das zumeist reichlich vorschnell verwendete Prädikat „magisch“ mit vollem Recht auf die Fahnen schreiben dürfen: Freitag Abend im vorweihnachtlichen Venedig – Das Blitzlichtgewitter auf der Piazetta lässt nach, vor den ersten Restaurants erscheinen weiß livrierte Kellner vor mit allerlei Meeresgetier gefüllten Auslagen um zahlungskräftiger Kundschaft die Verlockungen der venezianischen Küche ganz praktisch am Beispiel einer Seespinne oder einer noch lebenden Languste näher zu bringen. Gerade hat das 1er Linienboot die kalte Pracht des Dogenpalastes hinter sich gelassen und macht sich vorbei an den bunt beleuchteten Fahrgeschäften entlang der Riva degli Schiavoni in die samtene Dunkelheit der Giardini auf, als kurz hinter Sant Elena die Lichter der Decks erlöschen und sich nur noch die Displaybeleuchtung der frisch gezückten Smartphones in den goldenen Mantelschnallen der über die Woche mit reichlich Testosteron geschwängerten Armeekadetten spiegelt.

Fast gleichzeitig erscheint im letzen blassen Türkis der Lagune in das sich während der langen Fahrt durch den Canal Grande erst orange, dann rote und schließlich schwärzlich-violette Schatten mischten, kulissengleich die langgestreckte Landzunge des Lido. Hört man zwischen dem jähen Aufheulen der schweren Dieselmotoren ganz genau hin, sind aus dem einen oder anderen der vorbeiziehenden Boote Weihnachtslieder der wettergegerbten Fischer und Seemänner der Lagunenstadt zu hören, deren raffinierte Mehrstimmigkeit noch auf die großen Zeiten eines Pellestrina oder Gabrieli zurückgeht. Obwohl inzwischen als Kapitäninnen und Anlegefrauen reichlich auf den öffentlichen Linienschiffen vertreten scheinen Seefrauen als entfernte Schwestern von Andersons kleiner Meerjungfrau in scharfem Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen nie zu singen, seltsam…

Zugegeben das alles klingt nun reichlich verkitscht, ist es auch…aber wo anders auf der Welt wird man sonst noch auf der Bootsfahrt vom Flughafen in die Stadt von einem ganzen Seemannschor mit dermaßen herzzereißenden Madonnenliedern empfangen, dass sich dagegen das wohlbekannte „Maria durch ein Dornwald ging“ als Ausbund deutscher Weihnachts(rühr-)seeligkeit  geradezu wie scharf intonierte wilhelminische Marschmusik ausnimmt? Und wo sonst zieht der „babbo natale“ als italienische Variante des Weihnachtsmanns auf einer rot-goldenen Prunkgondel und mit einem ganzen Hofstadt aus rudernden Weihnachtsmännern und Frauen in die Stadt ein? Und ja, auch die Militärakademie und ihre – zumindest zu mehreren – reichlich bornierten Absolventen haben nicht erst seit Dona Leon einen mehr als nur ambivalenten Ruf als Spießgesellen  fragwürdigsten Korpsgeistes und vivaldieske  Indoktinierungsgehilfen neofaschistischer Hirngespinste von Ehre und Vaterlandsliebe. Aber nicht trotz, sondern gerade deshalb schickt der auch und gerade in Italien zur Genüge vertretene Helikopterelternnachwuchs seine durch typisch italienisches frühkindliches Laissezfaire (jede deutschstämmige Südtiroler Hotelierswitwe kann hiervon eine wahre Trauerode singen!) missratenen oder zu missraten drohenden Bambini für den finalen gesellschaftlichen Feinschliff genau auf dieses eine und ehrwürdigste aller Militätrinstitute! Und ganzl ehrlich, was wäre die winterliche Serenissima ohne die weißbemützten  Rotkäppchengestalten in ihren makellos nachtblauen Wollumhängen? Was hätten die von den Venezianern liebevoll „Settembrini“ genannten, leicht affektierten älteren Herren in feinstem Kamelhaarmantel und Seidenschal in schwülen Herbstnächten zu ersehen, und wo bliebe die edle Staffage der „Offiziersanwärter“ bei so manch hoch- und höchstgesellschaftlichem Anlass, gebe es sie nicht die feschen Jungs von der Marine?  Es würde etwas fehlen, ungefähr so, wie wenn man nach jahrelanger Abwesenheit in ein ansonsten wohlbekanntes Museum zurückkommt und ein übereifriger junger  Kurator den sanft ausladenden barocken Lieblingssekretär samt seiner feinstgravierten Intarsien aus Walrossselfenbein zugunsten einer hypermodernen Multimediainstallation ins Depot verbannt hätte, oder eben urplötzlich die wohlvertrauten Leopardentürgriffe eines Palazzo gegen nichtssagende Allerweltsknubbel „ausgetauscht“ wurden.

Nebenbei bemerkt: Die Leopardentürgriffgeschichte ist tatsächlich genau so passiert, 500 Jahre waren sie da…und jetzt…Nur noch eine jener mit dem neapolitanischen Pathos der echten Comedia dell’ Arte vorgetragenen tragischen Räuberpistolen, die der gutmeinende orginalvenezianische Barista einem nichtsahnenden deutschen Touristen frühmorgends zum unvermeidlichen „coretto“ und zugehörigem „brioche“ serviert und die erst mit einem schief lächelnden „buon di!“ beendet wird, wenn der verdatterte Gast aus Germania rückenhaarsträubend und über den unvermeidlichen Niedergang des Abendlandes zeternd, sowie der Bedrohung der christlichen Familie eingedenk die grundlegende moralische Verdorbenheit der heutigen Zeit verkündet…

Nein, verfilzte Rastalocken, zottelige Inkakaputzen und in den Kniekehlen hängende Baggy-Boots sind schlichtweg keine Alternative zu den schniecken Jungens von der Marine! Gott und der Madonna Nikopeia sei Dank bewahrt der den Italienern quasi angeborene oder doch ziemlich gründlich anerzogene Geschmack auch den Rest der männlichen Bevölkerung, sofern er nicht gerade eben aus dem übelsten römischen Armenviertel kommt, vor derartigen modischen und moralischen Abgründen…Ob deswegen allerdings gleich zitronengelber Cord zu lilanen Steppwesten, blutroten Handschuhen und rehbraunen Schuhen mit himmelblauer Ziernat passt, oder der überschlanken Taille und der beachtlichen Ausbeulung im Schritt nicht doch hier und da mit Hilfe der überall wohlfeilen Männerkorsetts und anatomisch korrekt mittels Silikoneinlage aufgemotzten Herrenslips etwas nachgeholfen wurde, wer will das denn schon immer so ganz genau wissen…und überhaupt, weshalb sollen nur Ciccolina und Konsorten etwas von der schönen neuen Welt des Silikons und der „Liposuzione“ an den „settori problematici“ haben? Silikon und Botox für alle…dass das gerade in südlichen Ländern so oft danebengeht, kann wohl kaum an der mangelnden Auslastung der Ausführenden liegen…oder? Aber auch darüber gibt Donna Leon mehr als ausführlich Auskunft…Und ohnehin, als plumper, unförmiger und in Dingen der „bella figura“ vollkommen unbewanderter Deutscher verbietet sich mir hier geradezu jegliches Urteil – wie auch immer es ausfallen würde…Außerdem fürchte ich, dass mein Italienisch für derartige Feinheiten des gehobenen Ausdrucks schlichtweg zu stümperhaft ist.

Á propos Venedig im Winter – Ein Traum? Für diejenigen, die nasskalte Füße, eiskalte Regenschauer, backenbeißenden Winde und den betörenden Geruch von Dieselruß und frisch verbrannter Autoreifen lieben sicher…Venedig kann sehr kalt sein…müsste ich nicht gleich zum Rialto um dort ein Protestplakat der Fischverkäufer efffektheischend bei laufendem Marktbetrieb zu photographieren, mir würde bestimmt einfallen, aus welchem Kriminalroman diese Zeilen stammen…Patricia Highsmith…richtig…

Venedig ein Affenzirkus? Definitiv ja und definitiv für die ganz großen…Affen natürlich! Spätestens seit der von den Einheimischen gerne mit dem legendären Einfall der Hunnen (dem war ja bekanntlich die ganze ins Wasser gesetzte venezianische Pracht verdanken) verglichenen „invasione degli Chinesi“ ist hier angeblich nichts mehr, wie es einmal war. Vergessen der gemütliche vin brulé auf dem Campo San Stefano, ausgemustert die Wohltätigkeitsbasare, auf denen man aus reinem Mitleid die noch mitleiderregenderen Auslagen plünderte, wie ein ferner Traum die vereißten Ufer der Fondamenta della Toletta in deren Einsamkeit man den Flug der salzigen Schneeflocken bewundern konnte. Nicht genug, dass schon vor Jahren Maria, die stets etwas mürrische, aber in ihrem tiefsten, gut versteckten Inneren doch einigermaßen gutmütige Bardame, durch die zwar stets sphingenhaft lächelnde doch des Venezianischen nur äußerst bruchstückhaft mächtige Lei ersetzt wurde….Nein jetzt stürmen „I Unni“ auch noch im Dezember flugzeugladungenweise die Vaporettistationen und drängen dabei sogar die sonst so kampferprobten venezianischen Witwen mit  bösartigen Kungfugriffen ins Abseits. Dabei würde der durchschnittliche Venezianer diese „asiatische Krankheit“ sich in alle möglichen und unmöglichen Posen zu werfen und sich dabei in infantilster Weise am eigenen Bild zu ergötzen, ja dank der jahrzehntelangen Schulung an Japanern ja so geradeeben noch…wie sagt man gleich…“ sopportare“…aber wenn dise „Chinesi“ anfangen wie Attilas Horden selbst lauthals schnatternd in das Staatsheiligtum von San Marco einzufallen, oder sich gar frech erdreisten den Einheimischen mit mandarinentenhafter Arroganz Anweisungen für die möglichst pitorreske Verteilung im Raum/Bild zu geben, dann müsse das Ganze  ja irgendwann im Komplettrausschmiss oder zumindest in – für venezianische Verhältnisse äußerst ungewöhnlichen – wüsten Brüllattacken enden.

Ach ja, I Unni…auch so ein Lieblings-Barrista Guidobaldo alias Andreij-Thema – Er selbst definiert sich zwar als Urvenezianer, stammt mütterlicherseits aber aus Kroatien und väterlicherseits aus Weißrussland. Für Interessierte ist dieses Original übrigens irgendwo zwischen den Ex-Giardini Pappadopoli und den Eisernen Ringen bei San Cassian’ zu finden, an denen sie früher die Stücke der Gevierteilten aufgehängt haben…es lebe die slavisch-venezianische Vielvölkerfreundschaft!

Als studierter Ethnologe frage ich mich  nun, warum die sonst so unterkühlt weltläufigen Venezianer ausgerechnet an den Chinesen solch einen Ressentimentnarren gefressen haben, dass selbst das hießige Äquivalent zum Fränkischen Tag sich gelegentlicher rassistischer Ausfälle nicht gänzlich enthalten kann…Vermutlich hängt es mit dem hier stehts etwas bedrohten Gleichgewicht von Masse und Trag- bzw. Ertragensfähigkeit zusammen, dass sich jedes Jahr ein wenig mehr zu Ungunsten der Ureinwohner verschiebt, ja, es gibt sogar sehr ernsthafte Berechnungen, dass es vor allem die ganz physisch verstandene Masse der Touristen ist, die mit ihrem bloßen Gewicht maßgeblich für den Untergang der Stadt mitverantwortlich ist. Meine chinesische Lieblings-Barfrau (nicht die besagte Lei, aber eine enge Verwandte mit einem geradezu teutonisch-penieblen Bangladeshi als Geschäftsführerin und einer italienisch-slowenischen, modisch stets „a la mode“ befindlichen Chefin) stimmte mir bei einem Spritz zwar bezüglich des „Gleichgewichtssinns“ der Venezianer zu, gab aber eine etwas differenziertere Erklärung dafür, warum ausgerechnet die Chinesen eine derart beängstigende Wirkung auf die Venezianer hätten…Da sei zunächst einmal der Ursprung der Stadt. Schließlich seien es die Hunnen gewesen, die die Venezianer damals von Altinum aus in die Lagune getrieben hätten. Und Venedig habe nunmal ein langes Gedächtnis wozu auch die in Europa über Jahrhunderte eingeübte Gleichsetzung von Chinesen und Hunnen gehöre…Das Ganze sei allerdings so lange kein Problem, solange die neuen Chinesen brav in den Luxusboutiquen hinter San Moisé ihren Beitrag zum Umsatz diverser Nobellabels leisteten und der Rest von ihnen als Billigarbeiter den Italienern all die Aufgaben abnehme, die sie selbst nicht mehr so recht erledigen wollten.  Zum Clash of Cultures wachse sich das ganze aber erst dadurch aus, dass Europa und insbesondere Venedig für die meisten ihrer Landsleute dank seiner 1:1 Kopie in Macao und diverser Heidi-, Sissi- und Pinoccio-Cartoons eine Art riesiger romantischer Freizeitspark sei, in dem man alles an emotionalem Überdruck ausleben könne, was in China durch rigide Moral- und Erfolgsvorstellungen, familiäre Enge und politische Totalüberwachung verboten oder doch zumindest „unerwünscht“ sei. Das dass dann gelegentlich bei einigen ihrer Landsleute zu einem kompletten Overkill unmöglicher Verhaltensweisen bei gleichzeitigen totalen Realitätsverlust führe sei eigentlich ganz normal…außerdem gingen die meisten Bewohner des Reichs der Mitte davon aus, dass es in anderen Ländern mehr oder minder genauso zugehe wie daheim…nur eben ein klein bisschen exotischer…Viel Erfahrung mit „Auslandsreisen“ hätten die Allermeisten ja nicht, auch nicht mit Exotik, aber das Wort klinge so schön…Manchmal würde sie sich ja fremdschämen…aber was soll man machen…die meisten ihrer chinesischen Landsleute, die zu ihr in die Bar kämen, würden noch nichteinmal ansatzweise verstehen, wo sie sich hier befänden, geschweigedenn, dass nicht die ganze Welt am chinesischen Wesen genesen müsse…

Gab es da nicht noch einige verblichene Urlaubsvideos auf denen teutonische Barbaren Spaghetti Vongole vollkommen ernsthaft mit Hammer und Schere zu Leibe rückten?…heute versuchen Frau und Herr Müller aus Castorbrauxel oder Neustadt an der Aisch bei ihrem Honeymoon zur silbernen Hochzeit betont italienisch zu sein, indem sie in volledete Baedekeritalienisch ihren Spritz mit Prosecco (sic!) bestellen, gekonnt zwei „Tschikeddi“ mit „kambereddi“ ordern, und der armen chinesischen Bardame zum vierten Mal oberlehrerhaft erklären, dass es im venezianischen nicht „un bicchiere del‘ vin“ sondern „un ombrá“ zu heißen hat…Vermutlich werden auch „I Unni“ in fünfzig Jahren venezianischer als die Venezianer zu sein trachten, und vermutlich ist es auch dann noch ausschließlich der unendlichen Leidensfähigkeit und unerschöpflichen Menschenfreundlichkeit der Venezianer zu danken, dass sie trotz vollem Kinderwagen und Weihnachtseinkäufen immer noch mit einem Lächeln versuchen unter meiner gezückten Kamera hindurchzutauchen, sich trotz Gehhilfe und zwei Enkeln an den Rochschößen noch der Mühe eines kleinen Umweges aussetzen um mir nicht ohne Stolz die schönsten Steingravouren an ein einem in einer versteckten Sottoportego gelegenen Kirchenprotal zu zeigen, oder gar eine Vollbremsung mit dem 150 Kilo Schubkarren hinlegen, nur damit ich in Ruhe ein im Wasser treibendes Seil fotografieren kann…

Danke liebe unbekannte venezianische Zwillingsmutter und vielgefragte „nonna“, danke liebste Anlegefrau, dass Du darauf achtest dass ich in meiner dappigen Blindheit nicht wie andere Deutsche zwischen Vaporetto und Anlegestelle gerade und ja Danke auch ihr Lastenschieber, dass ihr mir mit eurer Vollbremsung mal wieder klar gemacht habt, was ein rücksichtsloser Idiot ich doch werde, sobald ich zum blitzenden und glotzenden Sightseeingmonster mutiere…Ich wüsste nicht wie ich bei 29 Millionen Gaffern im Jahr reagieren würde, mir reichen die 6-7 Millionen in Bamberg schon aus um pünktlich zur Sandkerwa oder zum Weihnachtsmarkt regelmäßig zwischen Fluchtplänen und wüsten Gewaltphantasien zu schwanken…

Und „I Chinesi“? La Serenissima wird auch diese Invasion lächelnd überstehen, ganz so wie es zuvor die Hunnen, Franken, Byzantiner, Araber, Franzosen, Engländer, Italiener, Deutsche und Amerikaner überstanden hat. Einige werden bleiben, tapfer in den Luxusboutiquen von San Moisé einkaufen und sich zusammen mit den schon im libro d’oro verzeichneten Geschlechtern abends von weißlivrierten Kellnern im Cipriani einen Bellini reichen lassen…der Rest wird in spätestens einer Woche verschwunden sein, und neuen Invasoren Platz gemacht haben.

Die Serenissima wird trotz ihrer, sie zum Luftkurort prädestinierenden Lage am Meer auch weiterhin eine der höchsten Lungenkrebsraten Italiens haben, das Jahrtausendprojekt MOSE ist schon jetzt zu niedrig um die in den nächsten 50 Jahren erwarteten Fluten auch nur halbwegs von der Stadt abzuhalten, auch noch die allerletzten  freien Flächen werden dem Komerz geopfert,  Pierre Cardin wird seinen 200 Meter hohen Wolkenkratzer nur zwei Kilometer vom historischen Stadtzentrum entfernt bauen, eine U-Bahn wird Flughafen und Innenstadt miteinander verbinden, einige weitere in entfernteren Gegenden der Stadt stehende Palazzi werden erst verlassen, dann von Illegalen Handtaschenverkäufern besetzt, dann zugemauert und dann nach und nach und reichlich unbemerkt einstürzen, und schließlich wird hinter der Molino Stucky (heute Hilton)wird ein „venezianischer Vergnügungspark mit Riesenrad und Aussichtsplattform entstehen, in dem den Touristen „echtes venezianisches Leben“ vorgeführt wird…Ach ja, und auf dem Rialto werden wohl nicht nur neuerdings nicht nur Fische und Tomaten sondern auch harte Drogen feilgeboten…unter dem Ladentisch, aber offensichtlich so dreist, dass es selbst im sonst eher etwas schläfrigen Venedig irgendwann auffiel…

A Propos Fisch…der und die von den Venezianern heißgeliebten Vongole…sie seien so vergiftet, dass bereits eine Protion genügen würde um irreperable gesundheitliche Schäden hervorzurufen. Dennoch liebt der „Echte Venezianer“ seine weihnachtliche Muscheleinlage und ist sich nicht zu schade beim letzten Vollmond vor Weihnachten an den Strand des Lidos zu eilen um dort bei Ebbe mit Plastikbeutel und Einkaufsnetz für Nachschub zu sorgen…Übrigens werden zu diesem Zeitpunkt auch die beim Baden verlorenen Goldkettchen, Smartphones, Silbermünzen und Diamantringe ganz offiziell und gegen Konzession mittels Elektrosonde und Thermotaucheranzug aus der trüben Adria gefischt…Wer also seinen 15 Karäter vermisst könnte gelegentlich mal beim hiesigen Sondengänger nachfragen, vielleicht rückt er ihn ja gegen einen entsprechenden Finderlohn wieder raus…

Und sonst?

Brigit Bardot und ihre volkommen unerklärliche Abneigung gegen Echtpelz sind – sollten sie hier jemals etwas anderes als indigniertes Kopfschütteln und eine Soforteinweisung in die Psychiatrie ausgelöst haben – endgültig und definitiv passé. Die standesbewussten älteren Venezianerinnen trugen ja schon immer gerne und ausgiebig ihren Lieblingsnerz zum Marktbesuch aus. Dass es inzwischen aber auch kaum mehr einen ragazzo gibt, der auf reichlichen Echtpelzbesatz von Magellan- oder Silberfuchs am kanariengelben Designeranorak verzichten will ist neu. Von der zobelbesetzten Handtasche aus echter Buranospitze, oder dem mit echtem (!!!) Ozelotfell gefütterten Goldbrokattäschchen für’s neue Smartphone, die dieses Jahr zum absoluten must der Weihnachtseinkäufe bei Betucht & Söhnen gehören ganz zu schweigen…Ungemein „in“ sind bei den etwas ärmeren Schichten aus Sacca Fisola und Co gerade auch Stiefelstulpen aus schwarzem Nerz alias Kaninchenfell, Katzenfellbesetzte Sneaker und Hamster- bzw. Chinchillagefütterte Mäntel für den Kurztrip zu den Inseln. Kurz: Ohne reichlich Echtpelz gegen die raue Seeluft geht nicht nur in diesem Jahr in bella Venezia rein garnichts, Brigit Bardot und andere missgeleitete Ökoaktivistinnen hin, putzige Tierbabys und dem neuesten Pandaschutzprogramm der 15-Jährigen Chiara her…Venedig kann schließlich sehr kalt sein.

Weniger schön anzusehen sind die Ramschstände für Plastikmasken, Billigschals und falsches Parfum die sich – habe ich sie in den letzten Jahren einfach nicht wahrgenommen, oder gibt es inzwischen tatsächlich sehr viel mehr davon? – wie ein Krebsgeschwür über die Plätze ausbreiten. Auch die Unsitte der bewegungsmeldergesteuerten Halogenscheinwerfer und des Dauerbeschallens ganzer Viertel mit neuesten Schlagermedlays oder die glorreiche Idee einer Eislaufbahn auf dem Campo San Polo (ebenfalls lautstark und 16 Stunden am Tag dauerbeschallt) weißt die aktuelle Verwaltung der Königin der Adria als wenig stilsicher, dafür umso geldgieriger aus (hatte ich schon erwähnt, dass gerade ein Guteil der städtischen Palazzi für einen Spottpreis an reiche Russen, Chinesen und Italiener (sic!) verschwerbelt werden…) Well, wenigstens verdammt die gleiche Stadtverwaltung auf dezent ausdrappeirten Stoffplakaten an den Fenstern des Rathauses gegenüber der Rialtobrücke in großen Lettern Homo- und Transphobie und Gewalt gegen Frauen, das kostet schließlich nichts und macht verdammt gute Publicity…Allerdings sagt die Zusammenstellung auf nur einem Plakat gleichzeitig auch mehr über die Italienische Gegenwartsgesellschaft und ihre tiefsten Phobien aus, als so manch hochsubventionierte soziologische Studie oder Doktorarbeit.

Geradezu vorbildhaft haben die Venezianer das aktuell heißdiskutierte Problem der Plastiktüten bzw. Flaschen gelößt. Im Supermarkt (zuminest in dem auf dem Lido) gibt’s nur noch solche, die biologisch abbaubar sind…die taugen genausogut und machen bei der Herstellung auch nicht mehr Dreck als eine Jutetüte. Das mit den Plastikflaschen funktioniert hingegen noch nicht ganz perfekt. Es gibt sie immer noch, aber es werden immer mehr Mehrwegflaschen aus Glas und außerdem gab’s ne Kampagne für Leitungswasser aus Karaffen…die passte allerdings den Wirten nicht wirklich, weil sie das Leitungswasser (das nebenbei bemerkt in Venedig exzellent ist) umsonst abgeben sollten, was promt zu einem Revival des ungeliebten Servizzio und Coppertos führte (die in Venedig nie wirklich ausgestorben sind).

Erfreulich ist auch die Lösung eines anderen Problems: Internet. Bisher nur gegen horrende Gebühren im Hotel oder in überteuerten und stets überfüllten Internetcafés zu haben, haben sich ganz offensichtlich die genervten Touris sowohl den geschäftstüchtigen Hoteliers als auch gegenüber den teils reichlich abstrusen italienischen Anti-Terror bzw. -Mafiagesetzen, die bisher den Betrieb eines öffentlichen W-Lans  zu einer hochkriminellen Handlung machten durchgesetzt. Fast jede Bar, jedes Restaurant und beinahe jedes Hotel offeriert seit diesem Sommer „Free WIFI“. Dass die Netze dabei meist völlig ungeschützt und die Übertragungsgeschwindigkeit manchmal etwas steinzeitlich sein kann…nun ja, alles braucht eben am Anfang etwas Übung…aber immerhin man kommt ins Internet und verarmt dabei nicht mehr komplett! Das damit auch die Ruhe und Ungestörtheit im Café oder in der Bar endgültig dahin sind, ich mir den kompletten Tag irgendwelche Einkaufslisten, Kleinaufträge und das Befinden der werten Oma auf Murano anhören und das heißgeliebte Telefonino den Endsieg über jeglichen face-to-face Kontakt davon trägt kann wohl nur jemand bedauern, der nicht schon als digital native und Italiener geboren wurde.

Trotz allem oder gerade deswegen, Venedig ist eine Reise wert, immer, nur nicht unbedingt im Sommer, oder zum Karneval, oder wann immer die 29 Millionen anderen Touris hier einfallen…

So, Mann muss jetzt essen gehen…an einem Samstag Abend, ohne Reservierung…wünscht mir Glück!