„Viel Ausschwitz denn vom Himmel?“- Fragen und Gedanken zum Gedenktag an die Opfer des Holocausts

Kann, soll, darf man an einem solchen Tag etwas schreiben?

Einem Tag, der für so viele Tote, so viel Leid, so viel Unrecht, so viel Hass und so viel menschliches Versagen steht?

Wäre es nicht besser, weiser und angemessener angesichts all dessen was Menschen anderen Menschen antun können, all dem unsagbaren Grauen einfach zu schweigen?

Oder müsste man der Wut, der Empörung, der Verzweiflung und dem Schmerz nachgeben und den ganzen Tag lang einfach nur gegen das, was geschehen ist anbrüllen, bis auch noch der letzte hirnverbrannte Idiot kapiert, was war, und dass es jederzeit wieder passieren kann – weil der Mensch und die Welt nun einmal nicht – nur – gut und edel und wunderbar und fortschrittlich und lernfähig, sondern eben auch eine Bestie ist und bleibt?

Sollte und darf und muss man sich angesichts der zahllosen wohlinszenierten und gesetzten Gedenkstunden, der Dokumentationen und Denkmäler, und all der hilflos-professionellen Inszenierungen von Schmerz und Betroffenheit an diesem Tag nicht auch fragen, in wie weit das alles nicht längst wohleinstudierter, sinnentleerer Ritus ist, der uns nicht mehr betrifft und berührt als all die anderen jeden Tag dahingeäußerten Worte des Bedauerns, Ent- und Beschuldigungen – schöne Worte, diplomatische Entlastungsübungen und Ausweichbewegungen auf dem glatten Parkett moralischer Überlegenheit, denen selten wirkliche Konsequenzen folgen und bei denen es noch viel seltener wirklich um die Opfer und das Gesagte, sondern viel zu oft um die Instrumentalisierung von deren Leid zur Sicherung und Rechtfertigung des je eigenen Status in einem mit spitzer Zunge und Feder geführten Krieg gegenseitiger Beschuldigungen, An- und Aufrechnungen geht?

Darf man das wirklich so sagen? Welche Feinde macht man sich mit dieser Form der „Ehrlichkeit“? Ist sie überhaupt „ehrlich“? Und tut man damit jenen, die ernsthaft bereuen, und jenen, die ernsthaft und ohne eigene Eitelkeiten zu bedienen versuchen zu verhindern, dass das Grauen wieder passiert, nicht unrecht? Und stärkt man damit nicht gewollt wie ungewollt all Jene, die den Schlussstrich ziehen –Wo endet die Kritik an der „Betroffenheitsindustrie“, wer pflegt sie, und warum, wo ist sie angebracht und wo „nur“ weiteres rassistisches Stereotyp?

Und schon sind wir ganz mittendrinn im Minenfeld des Müssens, Könnens und des Dürfens, ein Wald von selbst und fremdgemachten Stolperdrähten irgendwo zwischen Richtern und Rechten, zwischen Satire und Empörung, dem Hören-wollen und dem Hören-müssen, von Unrecht und Gerechtigkeit, dem Mein und Dein, den Unterschieden und der Unterscheidungen, Vertretungs- und Vergeltungsansprüchen, von Eingliederungen, Vereinnahmungen und Ausschlüssen…

Und dann sind da die Bilder und Geschichten von den Opfern, die Dinge und Erinnerungen die gegen den Plan das Auslöschen und Vergessen, das Schweigen und Verdrängen überstanden haben und uns blieben.

Da ist die Erinnerung an die Stille, die immer dann eintrat, wenn man die, die es wissen hätten könnten fragte. Da ist die allzu hastig umgeblätterte Seite im Familienalbum und der ganz offen und ausgesprochene Satz : „Solche wie Du gehören nach Dachau oder noch besser vergaßt…“, da ist die immer nette und geliebte Nachbarin, die zweite Oma, die – kurz bevor sie ins Heim kam – einen auf einen Kaffee herüberbat und einem einen Stapel Briefe, Bilder und ein kleines, mit Bleistift „Im Lager“ geschriebenes Tagebuch in die Hand drückte aus dem hevorging, dass ihr längst verstorbener Mann SS-Offizier war und Täter, und dann selbst zum Opfer wurde…erst der folternden Amerikaner, und dann im Gulag, weil er so dumm war einem „Kammeraden“ im Osten helfen zu wollen, erst `52 kam er zurück…als anderer Mensch…Und dann ist da die Hochzeit des eigenen Bruders, nur ein Tal weiter vom „Mord-Schloss“ von Grafeneck…

Da ist der Kleine Großonkel von dem lange niemand wusste wo er geblieben war – zutodegehungert im Namen der Euthanasie. Da ist die blinde Schulfreundin der Großmutter, die diesem Schicksal nur durch „Zufall“ entkam. Da sind die Erzählungen des Großvaters von der Ostfront, von abgebrannten Dörfern, Vergeltungsaktionen, Deportationen, Erschießungskomandos…Da ist die Flucht der Urgroßmutter, die Weigerung der Töchter zu erzählen, oder die „alte Heimat“ jemals wieder zu betreten und die eigene, unerwartet emotionale und von Wut und Rachegelüsten, Schuld und Sühne geprägte Reaktion als man die Brücke nach Polen überschritt. Da sind die Stolpersteine vor dem eignen Haus, da ist die kleine, silberne Menora – ein „Geschenk“ der „alten Nachbarn“ an den Urgroßvater bevor sie deportiert wurden, da sind die Erinnerungen an die manchmal gar nicht so „lieben“ Amerikanischen Besatzungssoldaten, die einem mit 15 oder 16 das Wort Nazi entgegen schleuderten, wenn sie volltrunken keine Lust hatten die Zeche zu bezahlen. Da sind aber auch die eigene weißrussische Schwägerin, die jüdischen Freunde, Geschäftspartner, Lehrer…und die manchmal gar nicht so unkomplizierten Altlasten und Gefühle, die das alles noch immer nicht „ganz normal“ machen…Auge um Auge, Zahn um Zahn, Schuld und Sühne, Rache und Vergebung, Dir und Mir, Grenze und Überschreitung, Angst und Vertrauen, Flucht und Heimat…

Und dann sind da jene, die meinen das alles sei nicht wichtig, sei Vergangenheit, müsse endlich enden, vergessen werden. Es müsse „endlich“ weitergehen. Man müsse die Vergangenheit auch einmal ruhen lassen…und überhaupt: Ist das Alles überhaupt geschehn?

Und ja, da sind auch jene, die doch wissen, durchaus auch wissen wollen…aber nicht um zu versöhnen sondern auf- und abzurechnen. Hilfe gegen gutes Gewissen, Schuldenerlass gegen Verzicht auf Schadensersatz, Meine Toten, Deine Toten…

Und dann gibt es noch jene, die auf den ersten Blick, das erste Hören, und das erste Sehn mit all dem nichts gemein haben. Die Stärke fordern, dichte Grenzen, Sicherheit und Abgrenzung. Die die Anpassung und Unterordnung an die selbst nicht unbedingt gelebten und gezeigten christlich-jüdische (welch Ironie!) Werte fordern, das Eigene als Fahne und als Schutzschild tragen, die „Anderen“ nicht um sich wollen, sich vor dem Wertverlust des eignen Hauses und vor Multi-Kulti fürchten.

Da sind auch die, die Männer anderer „Kulturen“ pauschal zu potentiellen Vergewaltigern machen, die Straßenseite wechseln, wenn sie kommen und sich längst das Pfefferspray besorgten. Da sind dann die, die Nebensätze schwingen – von denen die so anders sind, und uns, die wir so furchtbar überlegen und so zivilisiert…

Und da sind auch jene, die im Namen der Effizienz Menschen, die nicht die erwartete „Leistung“ bringen ausgrenzen, ihnen Faulheit unterstellen, sie beleidigen und sanktionieren. Und ja, da sind dann auch die Eltern die sich nicht mehr trauen das Kind mit „Behinderung“ zu bekommen – oder sollte man besser sagen: Die keinen Bock drauf haben, sich ihr Leben mit „so was“ zu versaun? Da sind die Ärzte und die Bekannten, die Schwiegereltern und die Lehrer, der Arbeitgeber und die Bäckersfrau, der Schaffner und die Familienberaterin die alle unisono meinen „so etwas sei doch heute wirklich nicht mehr nötig!“…und da ist dann der Arzt und die Klinik in der sie dann stattfindet, die Abtreibung des „defekten“ , „nicht-pferekten“ Kindes, das nicht so ist, und nie so wäre, wie wir, wie die Leistungs-Gesellschaft es fordert…

Da ist ein Trump, der Frauen weil er meint das er es kann in den Schritt zu fassen können glaubt, da ist der Redneck in den Bergen, der sich ausgebotet sieht von der Moderne und den andern, denen die nicht sind wie er und sein „Gott“ das wollen, da ist der Gouvaneur, der andren vorschreibt welche Toilette sie zu nutzen haben, da sind die Schwarzen und die Weißen, die Roten und die Gelben die sich gegenseitig und voller Hass die Schädel einschlagen und das Dach über dem Kopf anzünden. Da sind die vorgeblich so Klugen, die sich eitel über die Dummheit anderer Mockieren, und dabei nach eignem Gutdünken do’s und don’t‘s verkünden, als seien es ewiggültige und nichtzudiskutierende, indiskutabel-wahre Himbeerbonbons…

Da sind die Naiven, die alles für gegeben nehmen, die Überlegen-fühlenden, die es nicht mehr nötig haben andere Meinungen auch nur zu respektieren, die Wuterfüllten die längst nicht mehr diskutieren und die die sich Ausgeschlossen und –gebootet fühlen und es auch längst nicht mehr für nötig halten, die eigene narzistische Gedankenblase zu durchstoßen…

Da sind aber auch die, die gerade und auch an einem solchen Tag nicht in den bewährt-akzeptierten Ritualen üben, die ihn nicht nutzen um zu provozieren, die nicht ins übliche „Wehe Euch“ und „Wehe uns“ verfallen…sondern die einfach nur sagen, dass es Menschen waren, die ermordet wurden, weil ihr Mensch- und Dasein andren nicht gefiel. Die ihren Fokus nicht nur auf das eine Ereignis, die eine Gruppe, den einen Ort, die eine Zeit die einen Opfer und die einen Täter richten, sondern versuchen Vor- und Nachgeschichte des Geschehenen als Teil einer größeren, undendlich komplexeren und nicht selten beängstigend „nahen“ Geschichte zu sehen, die uns alle betrifft, und in der wir alle jederzeit Täter und Opfer werden können – und es vielleicht auch längst schon sind.

Viel Ausschwitz denn vom Himmel? War im Osten wirklich alles besser? Sind die Opfer der KZ’s „anders“, „wichtiger“ und/oder „besser“ als jene der sowjetischen Gulags? Ist der Holocaust wirklich so einmalig? Sind Juden die einzigen Opfer des Holocausts und der Shoah…und was ist mit den Anderen und wie nennen wir das dann, und wie „angemessen“ ist es Jene, die gemeinsam starben im Nachhinein genau in jene Gruppen du „Wertekategorien“ zu trennen und zu scheiden und getrennt oder gar nicht zu betrauern, in die sie ihre Mörder einteilten? Ist Leben nicht Leben, Mord nicht Mord und ein ausgelöschtes Leben nicht ein ausgelöschtes Leben, ist Töten nicht Töten? Darf man töten um anderes töten zu vermeiden? Gibt es den „gerechten Krieg“ und die „gerechtfertigten Opfer“? Gibt es „wichtigere“ und „unwichtigere“ Tote, „würdigere“ und „unwürdigere“ Opfer? Ist ein ermordeter katholischer Priester mehr wert, als ein ermordeter Homosexueller, ein „Colateralschadensopfer“ oder ein Mensch der aufgrund seiner geistigen oder physischen „Behinderung“ ermordet wird? Warum war und ist es so einfach für die Täter unterzutauchen, wer schützte sie, und warum? Wollten wirklich alle Deutschen nach 1945 nichts mehr wissen und konnten sich alle plötzlich nicht mehr erinnern und wie war das andernorts, mit anderen Mördern? Was wussten jene die nicht direkt mordeten aber davon profitierten? Und was macht eigentlich ein Opfer aus, und was einen Täter und was ist mit dem „Dazwischen“? Und nicht zuletzt, wie ist das alles „Jetzt“ und „Morgen“? Und sollte und darf man den Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts nicht zum Gedenktag für alle Opfer des nationalsozialistischen Terrors machen, oder gar zum Gedenktag an alle Opfer von Genoziden, Kriegen und unmenschlichen Ideologien machen? Was spräche dafür, was dagegen?

Vielleicht sind es genau diese schwierigen und schmerzlichen Fragen für die Tage wie der heutige gut sind.

 

 

 

 

Tageshaiku 65_Tiger zum Frühstück

indexTiger zum Frühstück –

Pekingoper zu Abend!

Eine andere Welt!

Und jetzt Palmyra…oder: Wie der Krieg in Syrien uns alle um unsere Identität und Geschichte beraubt.

Gerade flimmert über meinen Newsticker die Schreckensmeldung, dass die Kämpfe zwischen ‚regulärer“ Syrischer Armee und dem IS nun auch Tadmor – das antike Palmyra – erreicht haben. Und wie schon am Craq de Chevalliers, in Aleppo oder Damaskus ist zu befürchten, dass auch hier neben unzähligen Menschenleben auch unersetzliche Kunst- und Kulturgüter, ja das gemeinsame Kulturerbe der Menschheit, den Kämpfen zwischen und nachfolgenden Plünderungen durch die Kriegsparteien zum Opfer fallen wird.
Was soll man dazu noch sagen?
Dass die Wiege unserer Kultur und Zivilisation vernichtet wird, und dass ohne dass die meisten von uns auch nur im Geringsten erahnen oder sich auch nur dafür interessieren, was da eigentlich zerstört wird? Dass wir hier alle gerade wieder um ein großes Stück unserer gemeinsamen Vergangenheit und Identität beraubt werden? Dass mir, der ich das Land, seine Menschen und sein Kulturerbe noch vor diesem mörderischen Bruderkrieg kennenlernen durfte, inzwischen langsam die Kraft und die Tränen ausgehen, wenn ich daran denke, was mit Syrien, seinen Kulturschätzen, vor allem aber mit seinen Menschen passiert?
Palmyra ist nur einer, und leider längst nicht der erste und vermutlich lange nicht der letzte von viel zu vielen Orten an denen gerade dasselbe geschieht, geschah und geschehen wird.
Leider gilt diese Erkenntnis nicht nur in Syrien. Das gemeinsame Kulturerbe der Menschheit wird überall auf der Welt vernichtet. Tag um Tag ein wenig mehr. Nur selten ist eine drohende Zerstörung dabei so spektakulär, „wichtig“ oder aufssehenerregend, dass sie es in die Medien schafft. Viel öfter geht dieser Verlust in kleinen, aber deswegen nicht umso verheerenderen Schritten, unbemerkt und von kaum jemandem bemerkt von Statten.
Und nein, die bewusste Zestörung unser aller gemeinsamen Kulturerbes ist beileibe kein „Problem“, dass sich nur fernen, von fundamentalistischen ‚Kulturfeinden‘ heimgesuchten Ländern abspielt – nur macht es sich eben für das eurozentristische Weltbild besser, wenn die anderen die ‚kulturlosen‘ Barbaren und wir die Guten sind.
Die Realität sieht leider anders aus. Für den Erhalt des gemeinsnamen Kulturerbe der Menschheit macht es eben keinen Unterschied, ob der IS Nimrud oder jetzt eben Palmyra in die Luft sprengt, die bayerische Denkmalschutzverwaltung in aller Seelenruhe zusieht, wie ganze barocke Gutsanlagen der berühmten Barockarchitektenfamilie Dientzenhofer erst verfallen und dann abgerissen weden, oder die Württembergische Landesregierung und die Deutsche Bahn beim Bau von Stuttgart 21 einfach um ein Haar die gesamte „Vorgeschichte“ Stuttgarts undokumentiert wegbaggern, weil eine archäologische Begleitung „zu teuer und unnötig“ sei, in Venedig ganze Palazzi entkernt und zu Luxusappartments werden, oder in der Weltkulturerbestadt Bamberg große Teile des zum Welterbe gehörenden Gärtnerviertels überbaut werden, weil neue Wohnungen nunmal mehr Geld bringen als brachliegendes Gärtnerland…
Nein, die wohlgesetzten Erklärungen, Resolutionen, Gesetze und Verordnungen, die unser aller Kulturerbe schützen sollen, sind in aller Regel nicht das Papier wert auf dem sie stehen, und ja, es interessiert die UN oder andere Politiker einen Sch…. wenn mal wieder ein paar Buddhas in die Luft fliegen oder eine römische Stadt, ein prä-inkaisches Gräberfeld oder ein ägyptischer Tempel auf der Suche nach Schätzen mit Baggern umgegraben und dem Erdboden gleichgemacht wird (von den verheerenden Schäden, die unsere heißgeliebten deutschen Sondengängern, Schatzsucher und „Hobby-Archäologen“, Immobilieninvestmentfirmen oder der ganz „normale“  „Do-it-yourself-Baumarktrenovierer“ tagtäglich anrichten fang ich jetzt besser garnicht erst an)…
Und nein – und hier komme ich zurück nach Syrien – die ‚reguläre‘ Syrische Armee ist bezüglich des Kulturgüterschutzes entgegen der im Netz verbreiteten Propaganda des Assad-Regimes kein Stück besser als der IS oder die anderen „Bürkerkriegsparteien“. Seit Beginn des ‚Bürgerkrieges‘ bombardieren, plündern und zerstören alle, aber wirklich alle beteilligten Fraktionen, Grüppchen und Untergrüppchen systematisch die Kulturstätten des Landes – teils als „Colateralschadensfall“ aus sog. „militärischen Notwendigkeiten“ heraus, teils um sich am Gegner zu rächen, teils aus ideologisch-politischem, rassistischem und/oder religiösem Wahn, vor allem aber – und das ist der leider viel zu wenig bekannte entscheidende Faktor – um mit den so „frei“ werdenen Antiken über den Umweg des illegalen Antikenhandels ihre jeweilige Finanzierung sicher zu stellen.
Und dreimal darf man dann raten, wo und von wem diese Antiken dann gekauft und im Wohnzimmer (oder noch schlimmer: im Museum) aufgestellt werden…Richtig, es sind genau dieselben Orte und Menschen, an und von denen der Verlust ebendieser Kulturgüter in großen UN-Erklärungen verurteilt wird und die in krokodilstränenschweren Reden, welche den besseren Schutz der Syrischen Kulturgüter fordern und die umgehende Vernichtung des IS fordern. Wer’s nicht glaubt, möge sich in den Auslagen der Antikenhändler, Sammlungen und Museen in Berlin, Brüssel, London, New York, Peking oder Dubai umsehen und diskret nachfragen, weshalb so viele Kunsthändler, Museen und Sammler so wenig Interesse daran haben, genauere Angaben zur Provenienz eines Stückes zu machen…
Wenn’s genauer interessiert was seit Jahren – nicht nur, aber vor allem in Syrien passiert – dem empfehle ich die erschreckend „erhellende“ Lektüre des Blogs eines befreundeten Archäologen, der inzwischen ‚unfreiwillig‘ zum vielgefragten Experten in diesen Dingen geworden ist:
Und ja, mich überkommt bei derlei Nachrichten auch gelegentlich der „heilige Zorn“. Nur bringt der auf lange Sicht eben reichlich wenig, weil Gewalt nur Gegengewalt erzeugt…
Für’s erste wäre schon viel damit gewonnen, wenn man es schaffen würde, für ein paar Jahre jeglichen Handel mit antiken Objekten aus Krisenregionen einzustellen um nicht selbst als Händler oder Sammler zum Komplizen von IS und CO zu werden…Es ist dasselbe Spiel wie mit den Diamanten…da fragt auch kein Mensch beim Verlobungsringkauf, ob er damit nicht ein paar Bürgerkriegsgenerale im Kongo finanziert (und wenn er es doch tut, wird er belogen – wer trägt schließlich gerne Blutdiamanten am Finger).
Leider sieht man es dem kleinen, wohlbeleuchteten palmyrenischen Relief in der Diplomatenwohnung eben nicht an, dass damit gerade der Raketenwerfer finanziert wurde, der jetzt bei der Ermordung der jessidischen Bevölkerung eines kleinen nordirakischen Dorfes zum Einsatz kommt…

Dass man den Menschen irgendwann einmal beibringen könnte, dass Gewalt, Krieg und Mord kein Mittel der Konfliktlösung sind, egal wie „wichtig“, „legitim“ oder „ehrenhaft“ die Gründe dafür sein mögen; Dass die Menschen es irgendwann einmal kapieren, dass die Vielfalt des gemeinsamen Kulturerbes der Menschheit (und ich meine hier sowohl das materielle wie das noch ungleich stärker gefährdete immaterielle) allein schon deshalb wertvoll ist, weil es da ist. Dass kein Mensch das Recht hat, dieses Erbe mutwillig, durch Ignoranz oder einfach nur durch Vernachlässigung und Desinteresse zu vernichten und dass unser gemeinsames Menschheitserbe keinen weiteren finanziellen Nutzwert für seine Existenzberechtigung benötigt…Well, irgendwelche Träume muss man schließlich haben, nur leider kenne ich eben auch die Verführbarkeit, die Ignoranz und die Gier meiner Mitmenschen…

Some Schwäbisch_En dr Oschdrnachd

En dr OschdrnachdMa hoggad em Donklá, zmidschd en dr Meng. Vor ôim a glôine dôngla Krz, midd am komischa Blaschdigbächr, wo ônda a Loch hodd…S isch so schdill, dass ma a Gluaf z’Boda falla heara.

Däad, wenn dui alda Frau hendr ôim ed prmanend huaschdá miaßd (s’geid oifach emmr sodde, ônd I frôg me jeads Môl, warom soddiche schderbensgrange Leid sich mengisch no end Krch, ens Keano, ens Konzärd odr ens Kaffe schläbba mend…). Au irgadd a Allmachtswaidaag vom a Kend brabblad ond blärrad d’ganza Zeid vor sich ná. Ond au do frôg e me mengisch, warôm Eldra heidzudaag môinad Ihre offasichdlich boggiche ond vollkomma iabrnächdigde Kendr, dia liabr drhoim em Bedd iran hoiliga Schloof schlofa däadad, midd en Middrnachtsmäss schloifa mend…

Abbr mir sen en dr Krch, also semmr tolrand, säll moind dr Herr Jesus schliaßlich au. Jedenfalls der wendlwoichgwaschane vom Pfa`rr. Vom Hailigá Zôrá oddr Geddlichr Wuad hod där offasichdlich no garnix gherd…Godd light hald, damidd sich au jo koia vo de fromme Welfla em Schoofspelz aufreagd…

Dass Sällr dô oba edd emmr bloaß dr liabe abbr au au weng domme Laggl vo näabaa isch, dean ma gedroschd zom Narrá halda ka, sondrn au ganz andschd ka wennr denn widd ond an Gluaschdhodd; Dass R‘ oim meh als bloß oin mords Briagl zwischa d’Boi schmeißa ká, ohne dass ma räachd wissa däd warôm, säll said ma de Leid heid bessr nemme…

D‚Muadr vom Kend hodd ihran Jonas (jetzd wissa mr des au) endlich aus dr Krch gschaffd. Edd jeds Kennd isch a engl oddr auf Ritalean. Godd sei Dank edd! Sälls ganza scheana fromma Aidrachd war oifach nix fr da Gloina, z’langweilich! …Ond ehrlich…wenn e d’Miamich vom Pfarrr räachd deid, war selbschd eam säll kendlichs Katzág’schroi a weng vl dr Begaischdrich!

Drfir kommad izônd andre, a weng greaßre Kendr midd Krz rai. Z’Erschd schdandad se no a Weng em Donglá, noch hold ebbr d’Oschdrkrz aus dr Sagrischdei, ond’s wrd’s ganz häalenga häll. S’isch scho vrwondrlich, wia oim oi oinziga Krz en de Auga brenna ká, ond noch erschd hondrd odr dausad drvó! Wenn noch d’ganza K’rra leichdad ond d’Leid em Schai vo de Krzá grensad wia dr Baur wennr fr sai lamá Mähr‘ an ovrscheamd guada Preis gr’gd hodd – noch isch säll frisch azendads Krzalichd a ganz andrs Licht wia normal. Aagneamr, warm, faschd als hädd säll Lichd a Oigaleabá, ond wemma am Pfarr zuahorchad, hodd’s des ja au.

I hau s’Gligg auf ra behoizda Bangg zom hogga, oddr isch’s oifach bloß as zammahogga mid so vlle andre, des mr’s warm oms Hrz wärra lessd? I kempf midd de Dräana, warôm ka e ehrlichgsaid gared sa. Irgendwann ghods noch zr Komunijoo. Sisch komisch, en dr bloß vo Kärza ond a baar ganz nondrdemmde Gliahbirá en dr dongla Krch omanandrzomlaufa.

Schpäadr geids draußa no a Oschdrfeir. D‘ Leid wuaslad ommanandr alls häddad se ällesamd Moizgalr vrschluggd. Am am Dabezierdisch midd ra Babierserviett drauf gibds belegde Weggá, Kuachá, Hefezopf, frischá Kafffee ônd da ledschda Gilahwai vr des Jôhr- d’Nachdkälld lässd da Schnaufr Wolga vor am Gsichd machá. Älle om me rom lachad, schwäzad, träffad Leid, ond Kendr schpialad z’midschd en dr Nachd Fangrles ond machad drbei vor laudr Oschdriabrzwärch an Lärm, dass ma sich s‘ Gloggaleida grad hädd schbara kenna. I sälbr schdand bloß dô ônd grenz, graad asoo, als däad ebbr maine Mondwengl mid Fleiß nach Oba drugga.

Wär do ed dia Oschdrkärza en dr Hand, ma kheed moina s’sei noamôle Sld’väschdr.

I gang hoim, laad mr drvoor abbr no a baar Leid zôm Oschdrsuppaässa ai. S senn bloß a baar Meadr, abr mir mend no dean mordsschdeila Buggl nauf. En dära Nachd machdr mir ond de Andre abbr nix. S‘ schaind sich leichdr zôm laufa als sondschd.

Mir ässad Supp ônd d’erschde Oschdroir, drzua gaids Proseggo, Tea ônd au a biz Wassr – de andre meand schliaßlich no Hôim!

Drvor beh e abbr noml en da Hof, zwoi Dutzend Tealichdr ázendá. Au do widdrhold sich’s gleiche Wondr. Älls siagd so friadlich ond fraindlich aus, als däd dia Reed vom Oschdrfriadá daadsächlich schdemma…Mir wissad älle, dass es edd so isch, abbr fr dia nachd, demmr älla amôle, als g’hed dr Glauba ond d’Hoffnong taadsächlich Brg vrsetzá ônd d’Leid drzua brengá wrglich amôle bessr zôm wrrá…Vlleichd isch säll ja s’ächde Geheimnis vo Oschdrá…

Sisch iabrigens arg schbäad worra…halba viere war’s wo e ens Bedd khoa be, faschd hodd mr’s deichd als seig hendr de Krchtrmschbidza scho wiadr d‘ Sonn aufgangá.

Froe Oschdrá!

 

„If live would be like opera“…

Sometimes you wonder why life can not be like the Overture to Hasse’s L‘Eroe Cinese… Even if this overture is missing one part (it has only two), and sounds like a balett,  together with the quite defiant and a bit bulky opening part of Handel’s Semele“ it belongs to to my favorites baroque musical pieces. Hilariously, maybe even a bit playful, phased sometimes in minor, but always with anundertone‘ that – unlike the overture of Handel’s Semele leaves no doubt that life is a pleasure!

It may sound crazy from today’s perspective but sometimes I wonder quite seriously, when we have actually forgotten how to think and act in terms of pleasure, sensuality, hatred, murder, manslaughter and unrestrained love and whether this development of mankind is the promised „good sense, which was promised us as dowry by the great Enlighteners for our departure from the scary ambivalent world of Baroque, in which science and superstition, hatred and love, reason and feeling, understanding and faith just not made those strictly separate spheres, as which we define them today.If I’m thenlost in thoughts – look to the news tickers and live circuits of my multimedia blessed environment, I‚m no longer sure if we are really on the way to the enlightened paradise, or are in the midst of a self-made hell in which we only with enourmous difficulties are maintaining the illusion that man is really that noble, good and wise being, as which we love to see him.

There are no means of hollow pathos, false nostalgia and utopia, that let me ask occasionally whether the ancien régime actually was such a much poorer place for that I appreciate the blessings of modern dentistry and fundamental human rights really too much! But I continue to ask myself every day more, what’s the price we pay for that? Not that I aim with my lament at the increasing restriction of these blessings by the pervasive ideology of unbridled neo-liberalism against the last remnants of what the welfare state once was, or the secret and not so secret general supervision in the united names of commerce and counter-terrorism at least for the moment I do not

.No,

what I was wondering about was the question, what has reasonableness“ done to our senses, feelings and sensations. Compared to our ancestors who drank, ate, played, had sex, plucked, believed and aligned quite openly, today we are miserable self-perfection trimmed perfectionist, vegan castrati with lactose- and glutenintollerance that hardly dare open their loved one to describe feelings, for fear they might hold for potential rapist or nymphomaniacs.O tempore o mores

On the other side: you have today at least most of us no more fear to be tapped

and eviscerated during night-time and in Europe (at least the part belonging to the European Union) four divisions, burning of witches and famines now seem to be somewhat out of fashion come. I formulate this in this way deliberately , since man are beings easily seduced, and given the nonchalance with which we’re tolerating such things in other, not so distant parts of the world, I’m not so sure whether most of us would actually stand still behind their values or rather would opt for their maximum possible profit. For the latter, it matters nothing if journalists are tortured, homosexuals are burned and women are reduced to sex slaves as long as their profit isn’t endangered No, we are not better than our ancestors, which Semiramis, Galatea and Alcina still drove tears in her eyes and Rogiero, Polyphemus or a aria of Bajazet still drove a flush of anger in the face. We are just more subtle (if we are more sublime is another question). Hiding our feelings and resentments, our hatred and our contempt, the everyday little mobbing and our deadly prejudices better behind a facade of bleeched appearence and openness, common sense and decency (oh how I hate this word!). Even our bodies are not spared from this „Bourgeois ideologyof self-optimization. We fear the roast pork, condemn alcohol and nicotine, and carry a constant battle with our baser instincts not to stop the daily fitness programm and what’s this all about? Because we want to be like the gods: durable, flexible, mobile, fit, beautiful, desirable, rich and powerful while we should all know that the gods are dead, and we have killed them, like Nietzsche wrote. Maybe this godlessness is precisely the problem yet.

In such a world neither Haendel’s „Ambition, I was never defeated“ (HWV 202) nor the warning of Cyrus before the limits of that „destructive war“ (HWV 61) has any real chance to be heared.

Maybe, no quite for sure, it’s this duplicity, this increasingly unbearable Charade in everyday life, the hybris of self-ability, self-improvement and merciless effciency even conquering the last parts of privateness, which makes so many peoole yearning for a supposedly better and happier times, even at the risk that one there – quite literally loses his head.

In harmless cases, those Disapointed seek refuge in Middle Ages Festival, knights tournaments, venetian carnival clubs, folklore groups and other reenactment activities. In less good cases they end up with racist brotherhoods, fascist patriot associations, AL Qaeda or the IS.

For my part I am content to live in aWunderkammer‘, occasionally spending an evening with an opera, dancing a minuet not too frequently, and then quickly return to the here and now knowing exactly what benefits it has to live in Germany in 2015. To be honest: there was only one Luis XIV and even he had to live with a more than pesky court ceremonial, bigoted idiots, horrible toothache, gout, and gangrene half of his life

Maybe we should all go into ourselfes at this Ash Wednesday and think very carefully about how we want to be our world, it might could happen that our desires become reality!

Behold in this mirror
Whence comes my surprise!
Search luster and terror
Unite in your eyes,
That mine can not fix on a radiance so bright,
‚Tis unsafe for the sense and too slipp’ry for sight.

(Excerpt from a libretto by Newburgh Hamilton for G.F. Haendel’s  drama in musica „Semele“

(first performance in 1744) Aria of Juno, Act 3, Second Scene)

Manchmal fragt man sich, warum das Leben nicht so sein kann, wie die Overture zu Hasses „L’Eroe Cinese“… Auch wenn dieser Overtüre eigentlich ein Satz  fehlt (sie hat nur zwei), und sie eher klingt wie eine Baletteinlage, gehört sie neben jener ganz und gar trotzigen Eröffnung von Haendels „Semele“ zu meinen barocken Favoriten. Vergnügt, vielleicht sogar ein bisschen verspielt, phasenweise auch mal in moll, aber immer mit einem Unterton, der – ganz anders als die Auftraktsätze von Haendels Semele – keinerlei Zweifel daran lassen, dass das Leben ein Genuss ist.

Es mag aus heutiger Sicht fast verrückt klingen – aber gelegentlich frage ich mich ganz ernsthaft, wann wir es  verlernt haben in Kategorien von Lust, Sinnlichkeit, Hass, Mord, Todschlag und hemmungsloser Liebe zu denken und zu handeln; und ob diese Entwicklung der Menschheit wirlich jene versprochene „Vernunft“ gebracht hat, welche uns die großen Aufklärer als Morgengabe – für unseren Abschied aus der beängstigend ambivalenten Welt des Barock in der Wissenschaft und Aberglaube, Hass und Liebe, Geist und Gefühl, Verstand und Glaube eben noch nicht jene strikt voneinander getrennten Sphären bildeten, als die wir sie heute allzu gerne betrachten – versprochen hatten.

Wenn ich dann gedankenverloren die Newsticker und Liveschaltungen meiner multi-mediagesegneten Umwelt Revue passieren lasse bin ich mir plötzlich garnicht mehr so sicher, ob wir wirklich auf dem Weg ins aufgeklärte Paradies sind, oder uns nicht vielmehr längst inmitten einer selbstgeschaffenen Hölle befinden, in der wir nur noch mühsam die Illusion aufrechterhalten, dass der Mensch wirklich jenes edle, gute und kluge Wesen ist, als das wir ihn alle so gerne sähen.

Es sind dabei keinesfalls hohler Pathos, falsche Nostalgie und Heileweltseligkeit, die mich gelegentlich fragen lassen, ob jenes ancien régime tatsächlich ein so viel schlechterer Ort gewesen ist – dazu schätze ich die Segnungen einer modernen Zahnmedizin und grundlegender Menschenrechte denn doch zu sehr. Doch frage ich mich mit jedem Tag mehr, welchen Preis wir dafür bezahlen. Nicht dass ich mit meinem Lamento auf die zunehmende Einschränkung dieser Segnungen durch die um sich greifende Ideologie des schrankenlosen Neo-Liberalismus gegen die letzten Reste des Wohlfahrtsstaates oder die allumfassende geheime und garnicht so gemeime Generalüberwachung im vereinten Namen des Kommerzes und der Terrorabwehr abziele…jedenfalls im Moment nicht.

Nein, ich frage mich, was die Göttin der „Vernunft“ (im Deutschen gerne und alles andere als zutreffend auch gesunder Menschenverstand genannt) unseren Sinnen, Gefühlen und Empfindungen angetan hat. Verglichen mit unseren Vorfahren, die ganz ungeniert soffen, fraßen, hurten, spielten, rauften, glaubten und fluchten, sind wir heute jämmerliche auf Perfektion und Selbstvervollkommnung getrimmte, vegane Kastraten mit Laktose- und Glutenintolleranz, die sich kaum mehr trauen einem geliebten Menschen offen ihre Empfindungen zu schildern, aus Angst man könnte sie für potentielle Vergewaltiger oder Nymphomaninen halten.

O tempore o mores…

Auf der anderen Seite: Man muss heute – zumindest meistens – keine Angst mehr haben zu nächtlicher Stunde abgestochen und ausgeweidet zu werden und zumindest in Europa (jedenfalls dem Teil, der zur Europäischen Union gehört) sind Vierteilungen, Hexenverbennungen und Hungersnöte inzwischen einigermaßen aus der Mode gekommen. Ich formuliere dies nun absichtlich so, da der Mensch ein mehr als verführbares Wesen ist, und ich mir Angesichts der Nonchalance mit der wir derartige Dinge in anderen, garnicht so weit entfernten Gegenden der Welt dulden, ja durch unsere Gier befördern, garnicht so sicher bin, ob die meisten von uns im Zweifelsfall  tatsächlich noch hinter den zugehörigen Werten stehen würden, oder sich nicht doch lieber für die maximalmögliche Profitmaximierung entschieden, bei der es auch nichts ausmacht, wenn Journalisten gefoltert, Homosexuelle verbrannt und Frauen zu Sexsklavinnen degradiert werden…

Nein, wir sind nicht besser als unsere Vorfahren, denen Semiramis, Galatea und Alcina noch die Tränen in die Augen trieben und denen ein Rogiero, Polyphem oder die Arie eines Bajazet noch die Zornesröte ins Antlitz trieb. Wir sind nur subtiler (ob wir sublimer sind, ist eine andere Frage), verstecken unsere Gefühle und Resentiments, unseren Hass und unsere Verachtung, die ganz alltäglichen kleinen Quälereien und unsere tödlichen Vorurteile nur besser hinter einer gebleeachten Fassade aus scheinbarer Aufgeschlossenheit, Vernunft und Wohlanständigkeit. Selbst unsere Körper sind von dieser „Biedermannideologie“ der Selbstoptimierung nicht verschont geblieben. Wir fürchten den Schweinebraten, verdammen den Alkohol und das Nikotin und führen einen permanenten Kampf mit dem uns vom täglichen Fitnesswahn abhaltenden inneren Schweinehund – und wofür das alles? Weil wir sein wollen wie die Götter: belastbar, flexibel, mobil, fit, schön, begehrenswert, reich und allmächtig…dabei sollten wir doch alle wissen, dass die Götter tot sind und wir sie selbst umgebracht haben (wie schon Nietzsche schrieb)…aber vielleicht ist diese Gottlosikeit ja gerade das Problem (auch dass wusste Nietzsche schon…).

 Da hat Händels „…Ehrgeiz hat mich nie besiegt“ (HWV 202) ebensowenig eine Chance auf Gehör, wie die Warnung des Cyrus vor den Grenzen jenes „zerstörerischen Krieges“…(HWV 61).

Vielelicht, nein ganz sicher, ist es ja diese Doppelzüngigkeit, diese von vielen als zunehmend unerträglich empfundene Charade des Alltags, die Hybris von der Allmachbarkeit, Selbstverbesserung und bis ins privaten übergreifenden Effzienz, die heute so viele dazu bringt sich nach vermeintlich besseren, glücklicheren, menschlicheren Zeiten zurückzusehnen, auch auf die Gefahr hin, dass man dabei – ganz wörtlich – seinen Kopf verliert.

Im harmlosen Fall landen die von der Welt wie sie ist Enttäuschten dann bei Mittelalterfestspielen, Rittertournieren, venezianischen Karnevalsvereinen, Trachtengruppen und anderen Reenactmentbespaßungen. Im weniger guten Fall landen sie bei rassistischen Bruderschaften, faschistischen Patriotenvereinigungen, AL Qaida oder dem IS.

Ich für meinen Teil begnüge mich damit in einer Wunderkammer zu leben, gelegentlich einen Abend mit der einen Oper zu verbringen, ganz selten auch ein Menuett zu tanzen um dann ganz schnell wieder im Hier und Jetzt anzukommen und ganz genau zu wissen: Es hat verdammt viele Vorteile im Deutschland des Jahres 2015 zu leben, denn sind wir nur einmal ehrlich: Es gab nur einen Luis XIV. und selbst der hatte es neben einem mehr als lästigen (selbst ausgedachten!) Hofzeremoniell, sein halbes Leben lang mit bigotten Idioten, grauenhaften Zahnschmerzen, Gicht und Wundbrand zu tun…

Vielleicht sollten wir alle am heutigen Aschermittwoch in uns gehen und uns ganz genau überlegen, wie wir uns unsere Welt wünschen, es könnte passieren, dass unsere Wünsche in Erfüllung gehn‘!

Behold in this mirror
Whence comes my surprise!
Such lustre and terror
Unite in your eyes,
That mine cannot fix on a radiance so bright,
‚Tis unsafe for the sense and too slipp’ry for sight.“

(Auszug aus dem Libretto von Newburgh Hamilton zu G.F. Händels 1744 uraufgeführtem Drama in musica „Semele“ Arie der Juno, 3. Akt, zweite Szene)

Auschwitz

Auschwitz“

Das steht für die Ohnmacht, die Fassungs- und Wortlosigkeit.

Auschwitz“

Das steht für Abermillionen genommener, nichtgelebter Leben.

Auschwitz“

Das steht für unvorstellbare Greul.

Auschwitz“

Das steht auch die beängstigende Einsicht, wie leicht Menschen zu Opfern, aber auch zu Tätern werden können.

Auschwitz“

Das ist die Tat, der Ort, das Symbol, die Schuld, die Trauer, das Grauen. Da ist aber auch das Leugnen, das Nicht-wahr-haben-wollen, das Ignorieren, das Wegsehen, das Ausblenden.

Auschwitz“

Das sind die Überlebenden und die, die dem Unbegreiflichen ein Gesicht zu geben versuchen indem sie das, was davon blieb bewahren.

Auschwitz“

Das sind die, die sich erinnern an etwas Vergangenes, die die verstörende Monstrosität  des Geschehenen in ein überzeugtes „nie wieder“ und ein „einmalig“ pressen.

Auschwitz“

Das sind aber auch jene die verstört erkannt haben, das Ausschwitz kein Einzelfall war und ist und sich jederzeit wiederholen kann, weil der Mensch eben nicht nur edel, vernünftig und gut, sondern auch sich selbst und seinen Mitmenschen ein Monster ist.

Auschwitz“

Das steht für Scham und für Schuld.

Ausschwitz“

Das steht für das nicht begreifen können und nicht begreifen wollen. Für den Streit der Opfer und Historiker, die professionellen Erinnerungsspezialisten, die Touristiker und Katastrophengroopies. Und ja

Auschwitz“

das steht auch für sie, die Holocaustleugner. Jene die sagen, das alles hätte es nicht gegeben.

Auschwitz“

Das steht aber auch für Erinnerung, für Versöhnung und für einen Neuanfang der sich dem an diesem Ort geschehenen bewusst ist und Verantwortung für die Zukunft übernimmt.