„Viel Ausschwitz denn vom Himmel?“- Fragen und Gedanken zum Gedenktag an die Opfer des Holocausts

Kann, soll, darf man an einem solchen Tag etwas schreiben?

Einem Tag, der für so viele Tote, so viel Leid, so viel Unrecht, so viel Hass und so viel menschliches Versagen steht?

Wäre es nicht besser, weiser und angemessener angesichts all dessen was Menschen anderen Menschen antun können, all dem unsagbaren Grauen einfach zu schweigen?

Oder müsste man der Wut, der Empörung, der Verzweiflung und dem Schmerz nachgeben und den ganzen Tag lang einfach nur gegen das, was geschehen ist anbrüllen, bis auch noch der letzte hirnverbrannte Idiot kapiert, was war, und dass es jederzeit wieder passieren kann – weil der Mensch und die Welt nun einmal nicht – nur – gut und edel und wunderbar und fortschrittlich und lernfähig, sondern eben auch eine Bestie ist und bleibt?

Sollte und darf und muss man sich angesichts der zahllosen wohlinszenierten und gesetzten Gedenkstunden, der Dokumentationen und Denkmäler, und all der hilflos-professionellen Inszenierungen von Schmerz und Betroffenheit an diesem Tag nicht auch fragen, in wie weit das alles nicht längst wohleinstudierter, sinnentleerer Ritus ist, der uns nicht mehr betrifft und berührt als all die anderen jeden Tag dahingeäußerten Worte des Bedauerns, Ent- und Beschuldigungen – schöne Worte, diplomatische Entlastungsübungen und Ausweichbewegungen auf dem glatten Parkett moralischer Überlegenheit, denen selten wirkliche Konsequenzen folgen und bei denen es noch viel seltener wirklich um die Opfer und das Gesagte, sondern viel zu oft um die Instrumentalisierung von deren Leid zur Sicherung und Rechtfertigung des je eigenen Status in einem mit spitzer Zunge und Feder geführten Krieg gegenseitiger Beschuldigungen, An- und Aufrechnungen geht?

Darf man das wirklich so sagen? Welche Feinde macht man sich mit dieser Form der „Ehrlichkeit“? Ist sie überhaupt „ehrlich“? Und tut man damit jenen, die ernsthaft bereuen, und jenen, die ernsthaft und ohne eigene Eitelkeiten zu bedienen versuchen zu verhindern, dass das Grauen wieder passiert, nicht unrecht? Und stärkt man damit nicht gewollt wie ungewollt all Jene, die den Schlussstrich ziehen –Wo endet die Kritik an der „Betroffenheitsindustrie“, wer pflegt sie, und warum, wo ist sie angebracht und wo „nur“ weiteres rassistisches Stereotyp?

Und schon sind wir ganz mittendrinn im Minenfeld des Müssens, Könnens und des Dürfens, ein Wald von selbst und fremdgemachten Stolperdrähten irgendwo zwischen Richtern und Rechten, zwischen Satire und Empörung, dem Hören-wollen und dem Hören-müssen, von Unrecht und Gerechtigkeit, dem Mein und Dein, den Unterschieden und der Unterscheidungen, Vertretungs- und Vergeltungsansprüchen, von Eingliederungen, Vereinnahmungen und Ausschlüssen…

Und dann sind da die Bilder und Geschichten von den Opfern, die Dinge und Erinnerungen die gegen den Plan das Auslöschen und Vergessen, das Schweigen und Verdrängen überstanden haben und uns blieben.

Da ist die Erinnerung an die Stille, die immer dann eintrat, wenn man die, die es wissen hätten könnten fragte. Da ist die allzu hastig umgeblätterte Seite im Familienalbum und der ganz offen und ausgesprochene Satz : „Solche wie Du gehören nach Dachau oder noch besser vergaßt…“, da ist die immer nette und geliebte Nachbarin, die zweite Oma, die – kurz bevor sie ins Heim kam – einen auf einen Kaffee herüberbat und einem einen Stapel Briefe, Bilder und ein kleines, mit Bleistift „Im Lager“ geschriebenes Tagebuch in die Hand drückte aus dem hevorging, dass ihr längst verstorbener Mann SS-Offizier war und Täter, und dann selbst zum Opfer wurde…erst der folternden Amerikaner, und dann im Gulag, weil er so dumm war einem „Kammeraden“ im Osten helfen zu wollen, erst `52 kam er zurück…als anderer Mensch…Und dann ist da die Hochzeit des eigenen Bruders, nur ein Tal weiter vom „Mord-Schloss“ von Grafeneck…

Da ist der Kleine Großonkel von dem lange niemand wusste wo er geblieben war – zutodegehungert im Namen der Euthanasie. Da ist die blinde Schulfreundin der Großmutter, die diesem Schicksal nur durch „Zufall“ entkam. Da sind die Erzählungen des Großvaters von der Ostfront, von abgebrannten Dörfern, Vergeltungsaktionen, Deportationen, Erschießungskomandos…Da ist die Flucht der Urgroßmutter, die Weigerung der Töchter zu erzählen, oder die „alte Heimat“ jemals wieder zu betreten und die eigene, unerwartet emotionale und von Wut und Rachegelüsten, Schuld und Sühne geprägte Reaktion als man die Brücke nach Polen überschritt. Da sind die Stolpersteine vor dem eignen Haus, da ist die kleine, silberne Menora – ein „Geschenk“ der „alten Nachbarn“ an den Urgroßvater bevor sie deportiert wurden, da sind die Erinnerungen an die manchmal gar nicht so „lieben“ Amerikanischen Besatzungssoldaten, die einem mit 15 oder 16 das Wort Nazi entgegen schleuderten, wenn sie volltrunken keine Lust hatten die Zeche zu bezahlen. Da sind aber auch die eigene weißrussische Schwägerin, die jüdischen Freunde, Geschäftspartner, Lehrer…und die manchmal gar nicht so unkomplizierten Altlasten und Gefühle, die das alles noch immer nicht „ganz normal“ machen…Auge um Auge, Zahn um Zahn, Schuld und Sühne, Rache und Vergebung, Dir und Mir, Grenze und Überschreitung, Angst und Vertrauen, Flucht und Heimat…

Und dann sind da jene, die meinen das alles sei nicht wichtig, sei Vergangenheit, müsse endlich enden, vergessen werden. Es müsse „endlich“ weitergehen. Man müsse die Vergangenheit auch einmal ruhen lassen…und überhaupt: Ist das Alles überhaupt geschehn?

Und ja, da sind auch jene, die doch wissen, durchaus auch wissen wollen…aber nicht um zu versöhnen sondern auf- und abzurechnen. Hilfe gegen gutes Gewissen, Schuldenerlass gegen Verzicht auf Schadensersatz, Meine Toten, Deine Toten…

Und dann gibt es noch jene, die auf den ersten Blick, das erste Hören, und das erste Sehn mit all dem nichts gemein haben. Die Stärke fordern, dichte Grenzen, Sicherheit und Abgrenzung. Die die Anpassung und Unterordnung an die selbst nicht unbedingt gelebten und gezeigten christlich-jüdische (welch Ironie!) Werte fordern, das Eigene als Fahne und als Schutzschild tragen, die „Anderen“ nicht um sich wollen, sich vor dem Wertverlust des eignen Hauses und vor Multi-Kulti fürchten.

Da sind auch die, die Männer anderer „Kulturen“ pauschal zu potentiellen Vergewaltigern machen, die Straßenseite wechseln, wenn sie kommen und sich längst das Pfefferspray besorgten. Da sind dann die, die Nebensätze schwingen – von denen die so anders sind, und uns, die wir so furchtbar überlegen und so zivilisiert…

Und da sind auch jene, die im Namen der Effizienz Menschen, die nicht die erwartete „Leistung“ bringen ausgrenzen, ihnen Faulheit unterstellen, sie beleidigen und sanktionieren. Und ja, da sind dann auch die Eltern die sich nicht mehr trauen das Kind mit „Behinderung“ zu bekommen – oder sollte man besser sagen: Die keinen Bock drauf haben, sich ihr Leben mit „so was“ zu versaun? Da sind die Ärzte und die Bekannten, die Schwiegereltern und die Lehrer, der Arbeitgeber und die Bäckersfrau, der Schaffner und die Familienberaterin die alle unisono meinen „so etwas sei doch heute wirklich nicht mehr nötig!“…und da ist dann der Arzt und die Klinik in der sie dann stattfindet, die Abtreibung des „defekten“ , „nicht-pferekten“ Kindes, das nicht so ist, und nie so wäre, wie wir, wie die Leistungs-Gesellschaft es fordert…

Da ist ein Trump, der Frauen weil er meint das er es kann in den Schritt zu fassen können glaubt, da ist der Redneck in den Bergen, der sich ausgebotet sieht von der Moderne und den andern, denen die nicht sind wie er und sein „Gott“ das wollen, da ist der Gouvaneur, der andren vorschreibt welche Toilette sie zu nutzen haben, da sind die Schwarzen und die Weißen, die Roten und die Gelben die sich gegenseitig und voller Hass die Schädel einschlagen und das Dach über dem Kopf anzünden. Da sind die vorgeblich so Klugen, die sich eitel über die Dummheit anderer Mockieren, und dabei nach eignem Gutdünken do’s und don’t‘s verkünden, als seien es ewiggültige und nichtzudiskutierende, indiskutabel-wahre Himbeerbonbons…

Da sind die Naiven, die alles für gegeben nehmen, die Überlegen-fühlenden, die es nicht mehr nötig haben andere Meinungen auch nur zu respektieren, die Wuterfüllten die längst nicht mehr diskutieren und die die sich Ausgeschlossen und –gebootet fühlen und es auch längst nicht mehr für nötig halten, die eigene narzistische Gedankenblase zu durchstoßen…

Da sind aber auch die, die gerade und auch an einem solchen Tag nicht in den bewährt-akzeptierten Ritualen üben, die ihn nicht nutzen um zu provozieren, die nicht ins übliche „Wehe Euch“ und „Wehe uns“ verfallen…sondern die einfach nur sagen, dass es Menschen waren, die ermordet wurden, weil ihr Mensch- und Dasein andren nicht gefiel. Die ihren Fokus nicht nur auf das eine Ereignis, die eine Gruppe, den einen Ort, die eine Zeit die einen Opfer und die einen Täter richten, sondern versuchen Vor- und Nachgeschichte des Geschehenen als Teil einer größeren, undendlich komplexeren und nicht selten beängstigend „nahen“ Geschichte zu sehen, die uns alle betrifft, und in der wir alle jederzeit Täter und Opfer werden können – und es vielleicht auch längst schon sind.

Viel Ausschwitz denn vom Himmel? War im Osten wirklich alles besser? Sind die Opfer der KZ’s „anders“, „wichtiger“ und/oder „besser“ als jene der sowjetischen Gulags? Ist der Holocaust wirklich so einmalig? Sind Juden die einzigen Opfer des Holocausts und der Shoah…und was ist mit den Anderen und wie nennen wir das dann, und wie „angemessen“ ist es Jene, die gemeinsam starben im Nachhinein genau in jene Gruppen du „Wertekategorien“ zu trennen und zu scheiden und getrennt oder gar nicht zu betrauern, in die sie ihre Mörder einteilten? Ist Leben nicht Leben, Mord nicht Mord und ein ausgelöschtes Leben nicht ein ausgelöschtes Leben, ist Töten nicht Töten? Darf man töten um anderes töten zu vermeiden? Gibt es den „gerechten Krieg“ und die „gerechtfertigten Opfer“? Gibt es „wichtigere“ und „unwichtigere“ Tote, „würdigere“ und „unwürdigere“ Opfer? Ist ein ermordeter katholischer Priester mehr wert, als ein ermordeter Homosexueller, ein „Colateralschadensopfer“ oder ein Mensch der aufgrund seiner geistigen oder physischen „Behinderung“ ermordet wird? Warum war und ist es so einfach für die Täter unterzutauchen, wer schützte sie, und warum? Wollten wirklich alle Deutschen nach 1945 nichts mehr wissen und konnten sich alle plötzlich nicht mehr erinnern und wie war das andernorts, mit anderen Mördern? Was wussten jene die nicht direkt mordeten aber davon profitierten? Und was macht eigentlich ein Opfer aus, und was einen Täter und was ist mit dem „Dazwischen“? Und nicht zuletzt, wie ist das alles „Jetzt“ und „Morgen“? Und sollte und darf man den Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts nicht zum Gedenktag für alle Opfer des nationalsozialistischen Terrors machen, oder gar zum Gedenktag an alle Opfer von Genoziden, Kriegen und unmenschlichen Ideologien machen? Was spräche dafür, was dagegen?

Vielleicht sind es genau diese schwierigen und schmerzlichen Fragen für die Tage wie der heutige gut sind.

 

 

 

 

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Beobachteter Alltag_Neulich am Osterbrunnen von Oberstadion…

Oberstadion, Osterbrunnen

Oberstadion, Osterbrunnen

„Vom Eise befreit sind Strom und Bäche…“ Würde der gute alte Goethe seinen Osterspaziergang heute schreiben, er würde wohl weniger über die unbestrittenen Reize von Mutter Natur, sondern über die strömenden Massen pastellgetönter FrührentnerInnen auf Osterbrunnentour schreiben. Zwar weiß der informierte Geist längst, dass die neuerdings allüberall zur Osterzeit aus dem Boden schießenden grellbunten Gebilde, samt ihrer 10, 20 oder gar 30tausend „garantiert handgemalten Ostereier“ definitiv nichts, aber auch garnichts mit den seit Weinhold immer wieder gern zitierten, angeblichen „urgermanischen“ Quellen- und Fruchtbarkeitskulten zu tun haben, sondern der geschickten Marketingidee und dem Geschäftsgeist einiger oberfränkischer Gemeinden, welche kurz nach dem 1. Weltkrieg für ihren darniederliegenden „Fränkischen Schweiz Tourismus“ noch eine Attraktion für die besucherarme Frühjahrszeit brauchten, geschuldet sind – Aber mal ehrlich: welche oberschwäbische, fränkische, rheinländische, italienische oder friesische Landfrau mit „horror vacui-Symptomatik“ und akutem Putz- Schmuckbedürfniss will schon wissen, dass die nette Idee, den bei der missglückten Dorfkernerneuerung in den 1980ern in totschickem Vollsichtbeton ausgeführten „Gemeinschaftsbrunnen“ mit bunten Eiern und Thujagrün zu schmücken nichts anderes als eine sich parasitär ausbreitende Form des Touristenschröpfens ist?

Zugegeben, es gibt weitaus weniger kreative und pittureske Arten des Zeitvertreibs, und im besten Falle schafft der seit den 1990er Jahren europaweit ausgebrochene erbitterte Wettbewerb um den „größten, schönsten, buntesten, authentischsten, liebevollsten und einfach nur prächtigsten“ Osterbrunnen sogar etwas wie „Ästhetische Ersatzbefriedigung“ und „Scheingemeinschaft“ angesichts der tristen Alltagsrealität der längst zu menschenleeren, resopaltürverstärkten Toskana-Kopien mit Tempo-30-Zone verkommenen Vorstadtschlafgemeinden. Anders ausgedrückt: Den Leuten gefällts, Trachtenverein und Landfrauen finden nach der endgültigen Aufgabe des letzten Vollerwerbsbetriebs vor Ort eine neue Form der Daseinsberechtigung, die bereits ausgestorben geglaubte Gattung ländlich-naiver Kleinkunst erlebt einen neuen Besucherboom und auch die örtlichen Busunternehmer und Gastronomen sind glücklich ob der osterbrunnentourismusbedingt sprudenlden Einnahmen.

Dass es dabei gelegentlich zu weng österlich anmutenden Rangeleien um Routenverläufe, gezielte Vernichtungsattacken auf den festlich geschmückten Brunnen der Konkurrenzgemeinde und medialen Totalangriffen auf den ästhetischen Wert des je anderen kommt, dass in manchem „Osterbrunnenclub“ statt dörflicher Gemeinschaft längst kleinstdöftlicher Geltungswahn und Gitantismus Einzug gehalten haben, und dass so mancher Gemeinderat unter dem Vorwahnd drohender Osterbrunnenschändung nonchalant  27.000 Euro für die 24-h-Totalüberwachung  „ihres“ Osterbrunnens genehmigt, eine Osterbrunnensicherheitswacht ins Leben gerufen, und damit auch gleich auf elegante Weise das Problem der vorgeblich „die Dörfliche Idylle schädigenden komasaufenden Dorfjugend“ und angeblich „scharenweise einfallenden ortsfremden Klau-Romabanden“ angegangen zu haben glaubt, dass Hinterburgtrellingsfurth im letzten Jahr vielleicht doch noch einen größeren Osterbrunnen als wir hatten und somit unser Eintrag im Guinessbuch der kuriosen Dorfrekorde gebrochen wurde…Ja gottverdammt nocheinmal: Irgendwas muss man ja immer zu reden, zu tun und zu motzen haben, sonst wär das Leben ja nicht mehr lebenswert!

Und überhaupt: Der Osterbrunnenbesuch: Da wird possiert, fokussiert, schwadroniert, fabuliert, beurteilt, bekrittelt, bewundert und gleich noch gemütlich bei Kaffe und Kurchen munter über den Unterschied eines auf ein Wachtelei getuschten Vaterunsers zum mit Eisvögeln verzierten Straußenei debattiert. Für die oft abgelegenen und den Rest des Jahres von akuter Verödung bedrohten Kleinstgemeinden ist der österliche Besucherandrang ein Segen, für die aus dem aktiven Berufsleben und damit meist auch aus ihrem gewohnten sozialen Umfeld ausgeschiedenen RentnerInnen ebenfalls „weil man halt mal wieder unter die Leut kommt“. Der Osterbrunnen als kombinierte Dorfrevitalisierung, Gewerbesteuersteigerung und Beschäftigungstherapie in einem eben…Wenn bei diesem hären Zweck schon mal eine jahrunderte Streuobstwiese oder ein baufälliges Schloss dem für genau 2 Wochen im Jahr genutzten, überdimmensionierten Reisebusparkplatz in Lochsteinoptik weichen muss. Hony sois qui mal y pense!
Und mal ehrlich, lieben wir nicht alle unser Jesusmosaik aus 12000 mundausgeblasenen und von den letzten Kindergartenkindern bemalten Wachteleiern, oder die aus je 13000 liebevoll mit Zweibelschalensud besprenkelten Bio-Freiland-Eiern zusammengesetzten Schafe, Hühner, Weltkugeln oder Schmucktorbögen? Quetschen wir uns nicht gerne durch überhitzte und vollkommen überfüllte Ostereiausstellungen, in denen wir mit politisch nicht ganz korrekten Massaiszenen bemalte Straußeneier als Remineszenz an die letzte Afrikasafari unserer 82-jährigen Nachbarin bestaunen können? Und genießen wir danach nicht alle die selbstgebackenen Käsekuchen der Landfrauen Hinterstreußlingen? und ja…planen wir nicht alle nach einem solchen Highlight für unsere eigene Dorfmitte, den eigenen Vorgarten oder auch nur das eigene kleine Zimmer im Altersheim unseren eigenen, noch schöneren, größeren und besseren Osterbrunnen?

Was würden wir denn mit unseren Sonntag-Nachmittagen anfangen, wenn nicht gnädige Reisebusunternehmer auf die Idee gekommen wären sämtliche 423 Osterbrunnen Nordostmittel und Unterfrankens in ihr Rund-um-Heizdecken-Sorglosprogram aufzunehmen? Und wo wäre die abendländische Kultur heute ohne mit Zahnarztbohrern gravierte Taubeneier mit eingebauter Spieluhr und Plastikmaus mit LED-beleuchteten Äuglein?

„A kleins bissle Kitsch isch’s ja scho, aber, s’isch hald au emmr wieadr sooooo scheee, ond erschd dui vieale Arbät die dô drinn schdeggd. Oifach schea halt, ônd dr Kuacha isch au guad dohanna!…“

Besser als diese Besucherin des Oberstadion’schen Osterbrunnens  kann man das Erlebnis „Osterbrunnen“ einfach nicht zusammenfassen – und dass dieser Osterbrunnenstandort geschickterweise neben Kafee und Kuchen gleich auch noch die Kombi-Karte für den Besuch der Ostereier- UND Krippenausstellung anbietet – Wenn man schon was macht, dann ordentlich – Stillstand bedeutet Rückschritt!

Betrachteter Alltag _ Die abstinente Mittelschicht, oder: Eine Welt voller angstgeplagter Asketen

Genießen verbotenSie sind eben ein echter Barockmensch!“
Ist es heute wirklich noch ein Lob, wenn jemandem dieser Satz entgegengeschleudert wird, oder verbirgt sich dahinter nicht schon der aufklärerische Vorwurf des angeblich überflüssigen Exzesses, der Unbeherrschtheit, der Faulheit und Verschwendung? Ist das Wort „barock“ seit den Zeiten eines Kants, Leibnitzs und Voltaires nicht geradezu ein Synonym für die selbstverschuldete Unfähigkeit zu Zurückhaltung, Enthaltsamkeit und Fokussierung auf das „Notwendige“geworden? Eine Beleidigung, die man denjenigen mit entsetzter Verve entgegenschleudert, welche sich nicht an die alternativlosen Regeln einer Gesellschaft, welche Jugend, Gesundheit, Sicherheit, Leistung, Effizienz und Selbstoptimierung zu ihren Abgöttern erklärt hat? Ein Stigma, mit dem man die sorg- und verantwortungslose „Verschwendungssucht“ des nicht nur in seiner psychischen, sondern auch physischen Konstitution „barocken“ Verschwenders öffentlich geißelt? Und habe ich nicht gerade über jene laktosefreien Latte Macchiato aus tiergerecht-fairem Anbau trinkenden, veganen Hipster in extraeng geschnittenen Jeans als Idealtyp der Moderne geschrieben?

Es braucht manchmal andere kluge Köpfe, damit aus einem unguten Gefühl in der Magengrube Gewissheit wird. Diesmal war es Hasso Spode, Sozial- und Kulturwissenschaftler an der FU Berlin, der mich mit seiner kürzlich in einem Interview für Deutschlandradio Kultur geäußerten These von einer „Phase des Asketismus“ auf den erkenntnissspendenden Weg führte.

Sicher, auch mir waren sie längst in meinem Alltag begegnet, die militanten NichtraucherInnen und Veganer, die Milchhasser und Weißen-Zucker-Verteufler, die Öko- Fairtrade- und Bio-Fetischisten, die Freilandhuhnlober und Sportfanatiker. Seit ihrem erstmaligen Auftreten irgendwann kurz nach der Deutschen Wiedervereinigung ruinierten sie mit ihrem aktionistischen Bekehrungseifer jede weinselige Runde, vermießten Backhendel und Hamburger, erzwangen ein eigenes Vegetarisches, später sogar Veganes Menü bei WG-Parties und geißelten jeden als Menschenfeind, der nicht die politisch-korrekte und selbstverständlich maßlos überteuerte, milchfreie Bio-Schokolade bei dem „Eine Welt Laden“ ihrer Wahl kaufte und sie in einem möglichst selbstgesponnenen und abgetragen aussehenden Jutetäschchen im Triumphzug nach Hause trug.

Lange Zeit tat auch ich diese Gestallten als harmlose Spinner, von der Werbung verleitete Geistesschwache oder bedauerliche Einzelindividuen ab. Später, als die Gruppe der „Wutbürger“, die Schnaps, Butter und Sahne für Teufelszeug hielten, Bœuf bourguignon zum Mordinstrument erklärten und Tabak und Alkohol als Massenvernichtungswaffen bezeichneten größer wurde, flüchtete ich mich in Ironie und Spott…doch es war zu spät: spätestens mit der Einführung öffentlicher Alkoholverbote hatte sich der asketische „Gutmensch“ zum Mainstream entwickelt und forderte nun zum Kampf gegen die Volksdroge Alkohol, die Aufgabe der Ärztlichen Schweigepflicht bei Depressiven und die Zwangstherapie von die Volkswirtschaft schädigenden Übergewichtigen auf.

Auch wenn ich gelegentlich mit vegetarischem Döner, Sellerie- und Parasolschnitzeln und einer Fruchtsaftdiät geliebäugelt hatte, wusste ich spätestens zu diesem Zeitpunkt: diese schöne, neue und von allem „Überflüssigen“ befreite Welt askesepredigender Ökofaschisten war nicht mehr die meine. Nur eines war mir immer noch nicht klar geworden…warum waren aus individualistischen, exzessiv schlemmenden und genussmittelfreudigen Yuppies plötzlich lauter kleine kalorienzählende, moralinsaure, antidemokratische und jede Form von Genuss und Überfluss bekämpfende Weizengras-Savonerolas geworden?

Die endgültige, und von mir im tiefsten Innern seit Jahren geahnte Antwort kam mit eben jenem am Anfang dieses Beitrags zitierten Interview Hasso Spodes:
Die neue, selbstoptimierte, dauergestresste, permanent-burnoutgefährdete, und sich im Fieber des Akadiemisierungswahn auf dem ökologisch einwandfreien, fair gehandelten und produzierten, allergenfreien Hartgummifouton wälzende Mittelschicht hatte nur noch eines: Angst vor dem sozialen Abstieg!

Nun weiß man aus der Geschichte, dass Angst der schlechteste aller Ratgeber in Lebensfragen ist. Sie treibt die Menschen in panischen Aktionismus, neigt zu ademokratischer Intolleranz gegenüber allem was als Anders und Fremd definiert wird, regt zu schonungsloser Selbstausbeutung bis weit über die Grenze des Erträglichen an, und verschlingt schließlich alles, was uns menschlich und frei sein lässt – „Angst essen Seele auf“, so lautete der Titel eines 1974 erschienenen Melodrams Rainer Werner Fassbinders, dass sich anhand der zum Scheitern verurteilten Beziehung zwischen der verwitweten Putzrau Emmi Kurowski und dem zwanzig Jahre jüngeren Marokkanischen „Gastarbeiter“ Ali mit Intoleranz, gesellschaftlicher Kälte, Vorurteilen, Lieblosigkeit und sozialer Ausgrenzung auseinandersetzt.

Bereits dass ich gerade das Wort Gastarbeiter in Anführungszeichen gesetzt habe und das Wort Putzfrau als politisch-inkorrekten Terminus am liebsten mit Reinigunsfachkraft oder „Facility Managerin“ ersetzt hätte, zeigt wie verlogen wir inzwischen mit unseren Ängsten vor Sozialem Abstieg und Vorurteilen genenüber Fremden umzugehen gelernt haben, und wie groß die aus Amerika importierte Schere im Kopf inzwischen geworden ist. Auch diese politisch korrekte Askese von einer klaren und die Dinge beim Namen nennenden Sprache ist Teil des neuen Angst-Mainstreemings. In Zeiten allgemeiner sozialer, ökonomischer und politischer Verunsicherung sind Klartext, offene Kommunikation und divergierende Meinungen zum Luxus geworden und der von einer durch soziale Netzwerke von allen Hemmungen entfesselte  permanente Shit-Storm im Netz, der längst reflexartig gegen alles hetzt was irgendwie anders, nicht-normal oder überflüssig erscheint, bestärkt Otto-Normalverbraucher/In noch in dieser Angst, gibt ihr aber auch die Macht in die Hand, ihre eigenen, individuellen Ängste zur einzig verbindliche Weltanschauung zu erklären. Für Muße, freies Denken, nutzfreies Kinderspiel oder auch nur vom allgemeinen Massentrend abweichende Meinungen und Lebensweisen bleibt hier nicht viel Raum.

In Form öffentlicher Rauch- und Alkoholverboten, Immobilienboom, verpflichtenden Veggy-Days in Werkskantinen, proaktiver Fitness-Apps, militanten Stuttgart21-Gegnern und PEGIDA, Pränatalen-Gen-Tests, vorsorglichen Brustentfernungen, Vorratsdatenspeicherung, Sicherheitsverwahranstalten, sowie hysterisch geführten Tierrechts- und Kinderpornographiedebatten hat diese auch mit dem Kürzel „SHE“ (Security-Health-Efficency / Sicherheit-Gesundheit-Effizienz) überschriebene Ideologie der Angst längst tiefe Wurzeln in unserem Denken und Handeln geschlagen, ist „Mode“ und „Zeitgeist“ geworden, prägt das ohnehin immer ununterscheidbarer gewordene Arbeits- und Privatleben und bereitet uns allen schlaflos verbrachte Nächte voller Versagensängste.
Und wir? In unserer von Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Medien permanent geschürten Angst nicht mehr zu  diese schöne, neue, gebildete, hochqualifizierte, rundumoptimierte, leistungsorientierte und durch ausgefeilte Ernährungspläne gestählte Gesellschaft zu gehören nehmen wir uns zurück, werden leise, essen weniger, schwören dem blauen Dunst ab, passen uns an. Selters statt Sekt, Askese statt Überfluss, Geistige Verarmung statt Vielfalt, erzwungener Mainstream statt gesellschaftlicher Vielfalt, work and life blending statt work and life balance, moralinsaure Frigidität statt sexueller Revolution, politisch korrekte Intoleranz statt geistiger Offenheit, nur nicht auffallen, anecken, oder gar scheitern…kurz: die gnadenlose und keine Ausnahmen kennende Diktatur des komplettangepassten Mittelmaßes  – so könnte man den neuen Leben und Denke der neuen selbstoptimierten, alkohol- und pornographiebefreiten, und auf permanente Fexibilität und Maximalleistung getrimmten Mittelschicht zusammenfassen.

Das Ganze erinnert mich fatal an jene Zeiten des „Grande Terreurs“ und der 20er, 30er und 40er Jahre des letzten Jahrhunderts in der die Angst schon einmal regierte und im Namen des Allgemeinwohls und angeblicher Vernunft schon einmal zur Jagd auf alles Andere, Abnormale und Schädliche aufgerufen wurde. Die Folgen dieser Politik der Intoleranz scheinen wir heute vergessen zu haben, oder wir wollen sie einfach nicht mit dem, was wir heute denken, tun und urteilen in Verbindung bringen – denn wir sind ja besser, klüger, gestählter und härter…Man könnte auch von angstbedingter Hybris alles durch stetige (Selbst-)Optimierung beherrschen zu können sprechen.

Vielleicht ist es ja gar kein Zufall, dass in Zeiten, in denen humanistische Bildung, ja Bildung im weiten, allgemeinen und humboldt’schen Sinne als „nutzlos“ und „unpraktisch“ gilt ja garkein Zufall, dass die Kenntnis des Altgriechischen und damit der tieferen Bedeutung des Wortes „Hybris“ als „verzichtbar“ ja gesellschaftsschädigender da unwirtschaftlicher Luxus gilt. Vielleicht ist es ja gewollt, dass man nicht mehr weiß, das dieses Wort sich von „hybitzomai“ ableitet und ursürünglich eine Art selbstmörderische und im goebbelschen Sinne „totale“ Kriegstechnik bezeichnete bei der man zwar dem Gegner kurzfristig schadet, in erster Linie aber Gefahr läuft sich selbst zu verstümmeln.

Ich übertreibe?

Versuchen Sie doch mal mit 40 Kilo Übergewicht in ein Fitnessstudio zu gehen, auf einem Kinderspielplatz zu rauchen, setzen Sie sich mit einer prall gefüllten Tüte ihres Lieblingsfastfoodanbieters in den Bus, trinken sie Vormittags eine Flasche Bier auf einer Parkbank, oder probieren Sie einmal, ohne von Videokammeras überwacht zu werden durch eine Fußgängerzone zu laufen oder Bahn zu fahren, als offen schwuler Mann eine Jugendfreizeit zu leiten, sagen Sie ihrem Arbeitgeber offen, dass sie Depressionen und Bluthochdruck haben, oder versuchen sie einfach nur mal beim nächsten Picknick ihre veganen Freunde von den Vorzügen von Chicken McNuggets zu überzeugen…

Glaubt man Hasso Spode wird sich deren – je nach Standpunkt – „Offenbarung der Askese“ oder „Diktatur der Angst vor dem sozialen Abseits“ noch zwanzig oder mehr Jahre halten – meiner Meinung nach ist dies die wahre und einzig echte beänstigende Aussicht.

Betrachteter Alltag, oder: warum habe ich heute eigentlich noch keinen Aprilscherz gemacht?

AprilWarum ich heute noch niemanden in den April geschickt habe?

Ich könnte kurz antworten und sagen, ich mag einfach diese ganze „Scherznummer auf Kalenderbefehl“ nicht, genauso wenig wie den Valentins- oder Muttertag, Geburtstage oder andere Jubiläen…Schließlich legen wir sonst auch gesteigerten Wert darauf keine zahlengesteuerten Roboter zu sein – warum also irgendetwas machen, fühlen, schreiben oder denken nur weil ein bestimmter Tag ist?

Etwas reflektierter könnte ich mich fragen, warum ich dann trotzdem über das Thema „Aprilscherz“ am 1. April schreibe und antworten: weil ich mir ausrechnen kann, dass das Thema am 1. April die größte Reichweite besitzt und so der eine oder andere Wert in meiner Blog-Statistik steigt…Das mag zwar clever sein, aber ist auch reichlich trivial.

Eigentlich weiß ich garnicht so genau, weshalb ich mich jetzt nochmal hingesezt habe und wie wild in die Tasten drücke – vermutlich hat es auch etwas mit Vermeidungsverhalten und geistiger Ablenkung von wichtigerem / dringenderem zu tun – und der seltsamen Macht des hegemonialen Agendasettings durch soziale Netzwerk-Medien…Muss man jetzt nicht verstehen.

Also gut, 1. April, Aprilscherz, warum eigentlich…

Nun, wie bei vielen Konventionen weiß eigentlich auch bei dieser niemand, warum wir uns ausgerechnet an diesem Tag gegenseitig kollektiv verarschen. Vielleicht stimmt ja die Geschichte mit dem französischen König Karl IX. der im 16. Jahrhundert eines schönen Tages einfach den Jahresanfang vom 1. April auf den 1. Januar verschob und den Witzbolden die danach weiterhin stur zum Neujahrsfest am 1. April einluden, diejenigen, die diese Einladungen aber als echt ansahen als tumbe Trottel und Narren verspotteten? Hört sich weit hergeholt an? Nun, wir machen noch immer ganz ähnlichen Quatsch, nur dass wir heute etwas länger brauchen um zu merken welche Idioten wir, bzw. „die da oben“ denn sind…Man denke nur an das unselige Thema der Sommerzeit…

Vielleicht ist das „in den April schicken“ aber auch schon viel älter und hat mit dem altrömischen Fest der Quirinalien, einer Art antiker Karneval bei dem die Narren und Dummen gefeiert wurden (fragt mich jetzt bitte nicht warum) zu tun, der ursprünglich um den 17. Februar herum gefeiert, durch die Kalenderreform (hatten wir das grad nicht schonmal…) Papst Gregor XIII. aber um 13 Tage nach vorne auf den 1. April fiel. Stimmt das, dürften Fasching, Karneval und 1. April den gleichen Ahnherren zurückblicken.

Zwar ist die Redewendung „In den April schicken“ in Bayern schon im 16. Jahrhundert belegt, und auch „Aprilnarren“ kennt man schon kurz danach, was damit aber genau gemeint war bleibt unklar. Wirklich populär scheint der Brauch andere mit erfundenen Scherzen und Lügengeschichten am 1. April bewusst zu foppen erst im 18. und 19. Jahrhundert geworden zu sein. Mit Auswanderern ist er dann auch gleich in die USA übernommen worden.

Ach und noch eins…wenn ihr in Spanien oder Lateinamerika seid ist der Tag für einen Aprilscherz nicht der 1. April, sondern der 28. Dezember…warum weiß der Kuckuck (der vertauscht ja auch mal gern was…)…und damit: lasst euch bloß nicht einfallen wieder am Kalender herumzudeuteln, ihr werdet auch Jahrhunderte später noch als Narren im Gedächtnis bleiben 😉

 

Crazy Greeks – ruthless Germans_or: How to learn to trust each other!

Hellas !

Hellas !

Some time ago, I’ve published in my blog an article under the German headline “Die spinnen die Greichen- oder: Warum wir alle lernen müssen, ein bisschen weniger Götter und Banker zu sein!“ – which more or less literally does mean in English: “Crazy Greeks – or why we all have to learn to be less bankers and gods!” in English.

The reason for this entry was not so much the actual election, won by the left-wing Syriza-party, but my own deep and not always easy relation to Greece and it’s people as a person, mainly grown up and socialized in Germany.

Going out from the actual controversy between both countries, it seems – superficially seen – as if there is some sort of natural antagonism, a gene or some sort of a biological antipathy between both nations (and maybe also between it’s people). But is this really so easy?

Well, the modern results of epigenetics are a interesting field for theories and speculations, but it’s also clear, that there are not one or two genes, which define a certain characteristic. It’s rather a extremely complicated and recursive three dimensional game of thousands and thousands of genes, which – together with thousands and thousands of social and cultural factors – form a pattern difficult to describe or even to predict. One day, there maybee will be found a “prussian murderer Gene” (but not all Germans are Prussians!) among the Germans, or a “trickster and insurgent” gene among the Greeks, but so what! Does there even exist such a thing like “the Greeks” or “the Germans”, or is this just a demagogic fiction of ambitious researches and politicians? Does not each individual deserves it, to be perceived beyond its ethnical/national “dispositions” as a human beeing, with it’s individual and unique history?

If doing so, genes and background (or should I say pedigree) lose dramatically in relevance.

For sure, you could – and that’s what I’ve done in my German article – write much about the not always beneficial exchange of ideas and values between both countries. It have been ultimately “the Germans”, who – together with the help of Bavarian officials, the first Greek King Otho of Wittelsbach and his Antiquity-loving father Ludwig I. of Bavaria – infiltrated “the Greeks” with the fantastic(al) idea, they would be direct descendants of antique philosophers and gods, for whom “normal” rules of “ordinary” people do not apply. It were “the Greeks” pleased by so much attendance and sympathy, who adopted this idea, internalised it and spread it out to the Greek diasporas all over the world.

For sure, it were also “German” occupation forces, who persecuted, tortured and killed or let “simply” starve to dead thousands and thousands of Greeks to break the heroic but not very “reasonable” Greek resistance. But since when resistance against occupation is “reasonable”? Since when war is a human affair? “War is not done!” my Prussian great-grandmother said, and given the cruelty and insanity committed in every war, you only can agree. There is no “Just war”, and regarding the immense suffering that war brings over people, there never will be one!

And yes – even if most Germans will brand me openly or behind closed doors as traitor for the following words – there does exist an open “question of German war-reparations”, not only on a legal level, but also on a ethical one. At the same moment, it’s absolutely obvious, that mutual accusations, revenge and vengeance thinking produces only new conflicts, fears and injuries. Mutual justice or understanding, however, they do not promote.

I will therefore not go down to the level of mutual offsets, hostilities, legal maneuvering and contempt. It’s useless.

The crucial point to think about is, how to organize help for those people in Greece who no longer know what to give to eat to their children, where to stay druing the next night or get their vitally needed diabetes medications. In other words: We all have to stop arguing and to think about how we can give Greece and the Greeks back a future worth living, without neglected the interests of other countries and their populations.

For achieving this goal, neither Greek demands for German reparations, nor constructing or maintaining new and old “feindbild”, or sticking to the utopia that debts does not have to be repaid are definitely the wrong way.

We must learn to trust us again, as a person, rather than as „the Greeks“ or „the Germans“ and without setting off each other’s bills at every little opportunity. Nothing more, nothing less.

If somebody’s interested reading the German article about the „Crazy Greeks“, here’s the link:

http://wp.me/p2SJFH-zi

„If live would be like opera“…

Sometimes you wonder why life can not be like the Overture to Hasse’s L‘Eroe Cinese… Even if this overture is missing one part (it has only two), and sounds like a balett,  together with the quite defiant and a bit bulky opening part of Handel’s Semele“ it belongs to to my favorites baroque musical pieces. Hilariously, maybe even a bit playful, phased sometimes in minor, but always with anundertone‘ that – unlike the overture of Handel’s Semele leaves no doubt that life is a pleasure!

It may sound crazy from today’s perspective but sometimes I wonder quite seriously, when we have actually forgotten how to think and act in terms of pleasure, sensuality, hatred, murder, manslaughter and unrestrained love and whether this development of mankind is the promised „good sense, which was promised us as dowry by the great Enlighteners for our departure from the scary ambivalent world of Baroque, in which science and superstition, hatred and love, reason and feeling, understanding and faith just not made those strictly separate spheres, as which we define them today.If I’m thenlost in thoughts – look to the news tickers and live circuits of my multimedia blessed environment, I‚m no longer sure if we are really on the way to the enlightened paradise, or are in the midst of a self-made hell in which we only with enourmous difficulties are maintaining the illusion that man is really that noble, good and wise being, as which we love to see him.

There are no means of hollow pathos, false nostalgia and utopia, that let me ask occasionally whether the ancien régime actually was such a much poorer place for that I appreciate the blessings of modern dentistry and fundamental human rights really too much! But I continue to ask myself every day more, what’s the price we pay for that? Not that I aim with my lament at the increasing restriction of these blessings by the pervasive ideology of unbridled neo-liberalism against the last remnants of what the welfare state once was, or the secret and not so secret general supervision in the united names of commerce and counter-terrorism at least for the moment I do not

.No,

what I was wondering about was the question, what has reasonableness“ done to our senses, feelings and sensations. Compared to our ancestors who drank, ate, played, had sex, plucked, believed and aligned quite openly, today we are miserable self-perfection trimmed perfectionist, vegan castrati with lactose- and glutenintollerance that hardly dare open their loved one to describe feelings, for fear they might hold for potential rapist or nymphomaniacs.O tempore o mores

On the other side: you have today at least most of us no more fear to be tapped

and eviscerated during night-time and in Europe (at least the part belonging to the European Union) four divisions, burning of witches and famines now seem to be somewhat out of fashion come. I formulate this in this way deliberately , since man are beings easily seduced, and given the nonchalance with which we’re tolerating such things in other, not so distant parts of the world, I’m not so sure whether most of us would actually stand still behind their values or rather would opt for their maximum possible profit. For the latter, it matters nothing if journalists are tortured, homosexuals are burned and women are reduced to sex slaves as long as their profit isn’t endangered No, we are not better than our ancestors, which Semiramis, Galatea and Alcina still drove tears in her eyes and Rogiero, Polyphemus or a aria of Bajazet still drove a flush of anger in the face. We are just more subtle (if we are more sublime is another question). Hiding our feelings and resentments, our hatred and our contempt, the everyday little mobbing and our deadly prejudices better behind a facade of bleeched appearence and openness, common sense and decency (oh how I hate this word!). Even our bodies are not spared from this „Bourgeois ideologyof self-optimization. We fear the roast pork, condemn alcohol and nicotine, and carry a constant battle with our baser instincts not to stop the daily fitness programm and what’s this all about? Because we want to be like the gods: durable, flexible, mobile, fit, beautiful, desirable, rich and powerful while we should all know that the gods are dead, and we have killed them, like Nietzsche wrote. Maybe this godlessness is precisely the problem yet.

In such a world neither Haendel’s „Ambition, I was never defeated“ (HWV 202) nor the warning of Cyrus before the limits of that „destructive war“ (HWV 61) has any real chance to be heared.

Maybe, no quite for sure, it’s this duplicity, this increasingly unbearable Charade in everyday life, the hybris of self-ability, self-improvement and merciless effciency even conquering the last parts of privateness, which makes so many peoole yearning for a supposedly better and happier times, even at the risk that one there – quite literally loses his head.

In harmless cases, those Disapointed seek refuge in Middle Ages Festival, knights tournaments, venetian carnival clubs, folklore groups and other reenactment activities. In less good cases they end up with racist brotherhoods, fascist patriot associations, AL Qaeda or the IS.

For my part I am content to live in aWunderkammer‘, occasionally spending an evening with an opera, dancing a minuet not too frequently, and then quickly return to the here and now knowing exactly what benefits it has to live in Germany in 2015. To be honest: there was only one Luis XIV and even he had to live with a more than pesky court ceremonial, bigoted idiots, horrible toothache, gout, and gangrene half of his life

Maybe we should all go into ourselfes at this Ash Wednesday and think very carefully about how we want to be our world, it might could happen that our desires become reality!

Behold in this mirror
Whence comes my surprise!
Search luster and terror
Unite in your eyes,
That mine can not fix on a radiance so bright,
‚Tis unsafe for the sense and too slipp’ry for sight.

(Excerpt from a libretto by Newburgh Hamilton for G.F. Haendel’s  drama in musica „Semele“

(first performance in 1744) Aria of Juno, Act 3, Second Scene)

Manchmal fragt man sich, warum das Leben nicht so sein kann, wie die Overture zu Hasses „L’Eroe Cinese“… Auch wenn dieser Overtüre eigentlich ein Satz  fehlt (sie hat nur zwei), und sie eher klingt wie eine Baletteinlage, gehört sie neben jener ganz und gar trotzigen Eröffnung von Haendels „Semele“ zu meinen barocken Favoriten. Vergnügt, vielleicht sogar ein bisschen verspielt, phasenweise auch mal in moll, aber immer mit einem Unterton, der – ganz anders als die Auftraktsätze von Haendels Semele – keinerlei Zweifel daran lassen, dass das Leben ein Genuss ist.

Es mag aus heutiger Sicht fast verrückt klingen – aber gelegentlich frage ich mich ganz ernsthaft, wann wir es  verlernt haben in Kategorien von Lust, Sinnlichkeit, Hass, Mord, Todschlag und hemmungsloser Liebe zu denken und zu handeln; und ob diese Entwicklung der Menschheit wirlich jene versprochene „Vernunft“ gebracht hat, welche uns die großen Aufklärer als Morgengabe – für unseren Abschied aus der beängstigend ambivalenten Welt des Barock in der Wissenschaft und Aberglaube, Hass und Liebe, Geist und Gefühl, Verstand und Glaube eben noch nicht jene strikt voneinander getrennten Sphären bildeten, als die wir sie heute allzu gerne betrachten – versprochen hatten.

Wenn ich dann gedankenverloren die Newsticker und Liveschaltungen meiner multi-mediagesegneten Umwelt Revue passieren lasse bin ich mir plötzlich garnicht mehr so sicher, ob wir wirklich auf dem Weg ins aufgeklärte Paradies sind, oder uns nicht vielmehr längst inmitten einer selbstgeschaffenen Hölle befinden, in der wir nur noch mühsam die Illusion aufrechterhalten, dass der Mensch wirklich jenes edle, gute und kluge Wesen ist, als das wir ihn alle so gerne sähen.

Es sind dabei keinesfalls hohler Pathos, falsche Nostalgie und Heileweltseligkeit, die mich gelegentlich fragen lassen, ob jenes ancien régime tatsächlich ein so viel schlechterer Ort gewesen ist – dazu schätze ich die Segnungen einer modernen Zahnmedizin und grundlegender Menschenrechte denn doch zu sehr. Doch frage ich mich mit jedem Tag mehr, welchen Preis wir dafür bezahlen. Nicht dass ich mit meinem Lamento auf die zunehmende Einschränkung dieser Segnungen durch die um sich greifende Ideologie des schrankenlosen Neo-Liberalismus gegen die letzten Reste des Wohlfahrtsstaates oder die allumfassende geheime und garnicht so gemeime Generalüberwachung im vereinten Namen des Kommerzes und der Terrorabwehr abziele…jedenfalls im Moment nicht.

Nein, ich frage mich, was die Göttin der „Vernunft“ (im Deutschen gerne und alles andere als zutreffend auch gesunder Menschenverstand genannt) unseren Sinnen, Gefühlen und Empfindungen angetan hat. Verglichen mit unseren Vorfahren, die ganz ungeniert soffen, fraßen, hurten, spielten, rauften, glaubten und fluchten, sind wir heute jämmerliche auf Perfektion und Selbstvervollkommnung getrimmte, vegane Kastraten mit Laktose- und Glutenintolleranz, die sich kaum mehr trauen einem geliebten Menschen offen ihre Empfindungen zu schildern, aus Angst man könnte sie für potentielle Vergewaltiger oder Nymphomaninen halten.

O tempore o mores…

Auf der anderen Seite: Man muss heute – zumindest meistens – keine Angst mehr haben zu nächtlicher Stunde abgestochen und ausgeweidet zu werden und zumindest in Europa (jedenfalls dem Teil, der zur Europäischen Union gehört) sind Vierteilungen, Hexenverbennungen und Hungersnöte inzwischen einigermaßen aus der Mode gekommen. Ich formuliere dies nun absichtlich so, da der Mensch ein mehr als verführbares Wesen ist, und ich mir Angesichts der Nonchalance mit der wir derartige Dinge in anderen, garnicht so weit entfernten Gegenden der Welt dulden, ja durch unsere Gier befördern, garnicht so sicher bin, ob die meisten von uns im Zweifelsfall  tatsächlich noch hinter den zugehörigen Werten stehen würden, oder sich nicht doch lieber für die maximalmögliche Profitmaximierung entschieden, bei der es auch nichts ausmacht, wenn Journalisten gefoltert, Homosexuelle verbrannt und Frauen zu Sexsklavinnen degradiert werden…

Nein, wir sind nicht besser als unsere Vorfahren, denen Semiramis, Galatea und Alcina noch die Tränen in die Augen trieben und denen ein Rogiero, Polyphem oder die Arie eines Bajazet noch die Zornesröte ins Antlitz trieb. Wir sind nur subtiler (ob wir sublimer sind, ist eine andere Frage), verstecken unsere Gefühle und Resentiments, unseren Hass und unsere Verachtung, die ganz alltäglichen kleinen Quälereien und unsere tödlichen Vorurteile nur besser hinter einer gebleeachten Fassade aus scheinbarer Aufgeschlossenheit, Vernunft und Wohlanständigkeit. Selbst unsere Körper sind von dieser „Biedermannideologie“ der Selbstoptimierung nicht verschont geblieben. Wir fürchten den Schweinebraten, verdammen den Alkohol und das Nikotin und führen einen permanenten Kampf mit dem uns vom täglichen Fitnesswahn abhaltenden inneren Schweinehund – und wofür das alles? Weil wir sein wollen wie die Götter: belastbar, flexibel, mobil, fit, schön, begehrenswert, reich und allmächtig…dabei sollten wir doch alle wissen, dass die Götter tot sind und wir sie selbst umgebracht haben (wie schon Nietzsche schrieb)…aber vielleicht ist diese Gottlosikeit ja gerade das Problem (auch dass wusste Nietzsche schon…).

 Da hat Händels „…Ehrgeiz hat mich nie besiegt“ (HWV 202) ebensowenig eine Chance auf Gehör, wie die Warnung des Cyrus vor den Grenzen jenes „zerstörerischen Krieges“…(HWV 61).

Vielelicht, nein ganz sicher, ist es ja diese Doppelzüngigkeit, diese von vielen als zunehmend unerträglich empfundene Charade des Alltags, die Hybris von der Allmachbarkeit, Selbstverbesserung und bis ins privaten übergreifenden Effzienz, die heute so viele dazu bringt sich nach vermeintlich besseren, glücklicheren, menschlicheren Zeiten zurückzusehnen, auch auf die Gefahr hin, dass man dabei – ganz wörtlich – seinen Kopf verliert.

Im harmlosen Fall landen die von der Welt wie sie ist Enttäuschten dann bei Mittelalterfestspielen, Rittertournieren, venezianischen Karnevalsvereinen, Trachtengruppen und anderen Reenactmentbespaßungen. Im weniger guten Fall landen sie bei rassistischen Bruderschaften, faschistischen Patriotenvereinigungen, AL Qaida oder dem IS.

Ich für meinen Teil begnüge mich damit in einer Wunderkammer zu leben, gelegentlich einen Abend mit der einen Oper zu verbringen, ganz selten auch ein Menuett zu tanzen um dann ganz schnell wieder im Hier und Jetzt anzukommen und ganz genau zu wissen: Es hat verdammt viele Vorteile im Deutschland des Jahres 2015 zu leben, denn sind wir nur einmal ehrlich: Es gab nur einen Luis XIV. und selbst der hatte es neben einem mehr als lästigen (selbst ausgedachten!) Hofzeremoniell, sein halbes Leben lang mit bigotten Idioten, grauenhaften Zahnschmerzen, Gicht und Wundbrand zu tun…

Vielleicht sollten wir alle am heutigen Aschermittwoch in uns gehen und uns ganz genau überlegen, wie wir uns unsere Welt wünschen, es könnte passieren, dass unsere Wünsche in Erfüllung gehn‘!

Behold in this mirror
Whence comes my surprise!
Such lustre and terror
Unite in your eyes,
That mine cannot fix on a radiance so bright,
‚Tis unsafe for the sense and too slipp’ry for sight.“

(Auszug aus dem Libretto von Newburgh Hamilton zu G.F. Händels 1744 uraufgeführtem Drama in musica „Semele“ Arie der Juno, 3. Akt, zweite Szene)