Tageshaiku 71 – Winterende

winterendeErste Tulpenblüten
neben späten Christbaumkugeln!

Auf dem Bildschirm:
Schellen und Narrenmasken!

Ist der Winter denn so schnell vergangen?

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Tageshaiku 65_Tiger zum Frühstück

indexTiger zum Frühstück –

Pekingoper zu Abend!

Eine andere Welt!

Beobachteter Alltag_Neulich am Osterbrunnen von Oberstadion…

Oberstadion, Osterbrunnen

Oberstadion, Osterbrunnen

„Vom Eise befreit sind Strom und Bäche…“ Würde der gute alte Goethe seinen Osterspaziergang heute schreiben, er würde wohl weniger über die unbestrittenen Reize von Mutter Natur, sondern über die strömenden Massen pastellgetönter FrührentnerInnen auf Osterbrunnentour schreiben. Zwar weiß der informierte Geist längst, dass die neuerdings allüberall zur Osterzeit aus dem Boden schießenden grellbunten Gebilde, samt ihrer 10, 20 oder gar 30tausend „garantiert handgemalten Ostereier“ definitiv nichts, aber auch garnichts mit den seit Weinhold immer wieder gern zitierten, angeblichen „urgermanischen“ Quellen- und Fruchtbarkeitskulten zu tun haben, sondern der geschickten Marketingidee und dem Geschäftsgeist einiger oberfränkischer Gemeinden, welche kurz nach dem 1. Weltkrieg für ihren darniederliegenden „Fränkischen Schweiz Tourismus“ noch eine Attraktion für die besucherarme Frühjahrszeit brauchten, geschuldet sind – Aber mal ehrlich: welche oberschwäbische, fränkische, rheinländische, italienische oder friesische Landfrau mit „horror vacui-Symptomatik“ und akutem Putz- Schmuckbedürfniss will schon wissen, dass die nette Idee, den bei der missglückten Dorfkernerneuerung in den 1980ern in totschickem Vollsichtbeton ausgeführten „Gemeinschaftsbrunnen“ mit bunten Eiern und Thujagrün zu schmücken nichts anderes als eine sich parasitär ausbreitende Form des Touristenschröpfens ist?

Zugegeben, es gibt weitaus weniger kreative und pittureske Arten des Zeitvertreibs, und im besten Falle schafft der seit den 1990er Jahren europaweit ausgebrochene erbitterte Wettbewerb um den „größten, schönsten, buntesten, authentischsten, liebevollsten und einfach nur prächtigsten“ Osterbrunnen sogar etwas wie „Ästhetische Ersatzbefriedigung“ und „Scheingemeinschaft“ angesichts der tristen Alltagsrealität der längst zu menschenleeren, resopaltürverstärkten Toskana-Kopien mit Tempo-30-Zone verkommenen Vorstadtschlafgemeinden. Anders ausgedrückt: Den Leuten gefällts, Trachtenverein und Landfrauen finden nach der endgültigen Aufgabe des letzten Vollerwerbsbetriebs vor Ort eine neue Form der Daseinsberechtigung, die bereits ausgestorben geglaubte Gattung ländlich-naiver Kleinkunst erlebt einen neuen Besucherboom und auch die örtlichen Busunternehmer und Gastronomen sind glücklich ob der osterbrunnentourismusbedingt sprudenlden Einnahmen.

Dass es dabei gelegentlich zu weng österlich anmutenden Rangeleien um Routenverläufe, gezielte Vernichtungsattacken auf den festlich geschmückten Brunnen der Konkurrenzgemeinde und medialen Totalangriffen auf den ästhetischen Wert des je anderen kommt, dass in manchem „Osterbrunnenclub“ statt dörflicher Gemeinschaft längst kleinstdöftlicher Geltungswahn und Gitantismus Einzug gehalten haben, und dass so mancher Gemeinderat unter dem Vorwahnd drohender Osterbrunnenschändung nonchalant  27.000 Euro für die 24-h-Totalüberwachung  „ihres“ Osterbrunnens genehmigt, eine Osterbrunnensicherheitswacht ins Leben gerufen, und damit auch gleich auf elegante Weise das Problem der vorgeblich „die Dörfliche Idylle schädigenden komasaufenden Dorfjugend“ und angeblich „scharenweise einfallenden ortsfremden Klau-Romabanden“ angegangen zu haben glaubt, dass Hinterburgtrellingsfurth im letzten Jahr vielleicht doch noch einen größeren Osterbrunnen als wir hatten und somit unser Eintrag im Guinessbuch der kuriosen Dorfrekorde gebrochen wurde…Ja gottverdammt nocheinmal: Irgendwas muss man ja immer zu reden, zu tun und zu motzen haben, sonst wär das Leben ja nicht mehr lebenswert!

Und überhaupt: Der Osterbrunnenbesuch: Da wird possiert, fokussiert, schwadroniert, fabuliert, beurteilt, bekrittelt, bewundert und gleich noch gemütlich bei Kaffe und Kurchen munter über den Unterschied eines auf ein Wachtelei getuschten Vaterunsers zum mit Eisvögeln verzierten Straußenei debattiert. Für die oft abgelegenen und den Rest des Jahres von akuter Verödung bedrohten Kleinstgemeinden ist der österliche Besucherandrang ein Segen, für die aus dem aktiven Berufsleben und damit meist auch aus ihrem gewohnten sozialen Umfeld ausgeschiedenen RentnerInnen ebenfalls „weil man halt mal wieder unter die Leut kommt“. Der Osterbrunnen als kombinierte Dorfrevitalisierung, Gewerbesteuersteigerung und Beschäftigungstherapie in einem eben…Wenn bei diesem hären Zweck schon mal eine jahrunderte Streuobstwiese oder ein baufälliges Schloss dem für genau 2 Wochen im Jahr genutzten, überdimmensionierten Reisebusparkplatz in Lochsteinoptik weichen muss. Hony sois qui mal y pense!
Und mal ehrlich, lieben wir nicht alle unser Jesusmosaik aus 12000 mundausgeblasenen und von den letzten Kindergartenkindern bemalten Wachteleiern, oder die aus je 13000 liebevoll mit Zweibelschalensud besprenkelten Bio-Freiland-Eiern zusammengesetzten Schafe, Hühner, Weltkugeln oder Schmucktorbögen? Quetschen wir uns nicht gerne durch überhitzte und vollkommen überfüllte Ostereiausstellungen, in denen wir mit politisch nicht ganz korrekten Massaiszenen bemalte Straußeneier als Remineszenz an die letzte Afrikasafari unserer 82-jährigen Nachbarin bestaunen können? Und genießen wir danach nicht alle die selbstgebackenen Käsekuchen der Landfrauen Hinterstreußlingen? und ja…planen wir nicht alle nach einem solchen Highlight für unsere eigene Dorfmitte, den eigenen Vorgarten oder auch nur das eigene kleine Zimmer im Altersheim unseren eigenen, noch schöneren, größeren und besseren Osterbrunnen?

Was würden wir denn mit unseren Sonntag-Nachmittagen anfangen, wenn nicht gnädige Reisebusunternehmer auf die Idee gekommen wären sämtliche 423 Osterbrunnen Nordostmittel und Unterfrankens in ihr Rund-um-Heizdecken-Sorglosprogram aufzunehmen? Und wo wäre die abendländische Kultur heute ohne mit Zahnarztbohrern gravierte Taubeneier mit eingebauter Spieluhr und Plastikmaus mit LED-beleuchteten Äuglein?

„A kleins bissle Kitsch isch’s ja scho, aber, s’isch hald au emmr wieadr sooooo scheee, ond erschd dui vieale Arbät die dô drinn schdeggd. Oifach schea halt, ônd dr Kuacha isch au guad dohanna!…“

Besser als diese Besucherin des Oberstadion’schen Osterbrunnens  kann man das Erlebnis „Osterbrunnen“ einfach nicht zusammenfassen – und dass dieser Osterbrunnenstandort geschickterweise neben Kafee und Kuchen gleich auch noch die Kombi-Karte für den Besuch der Ostereier- UND Krippenausstellung anbietet – Wenn man schon was macht, dann ordentlich – Stillstand bedeutet Rückschritt!

Some Schwäbisch_En dr Oschdrnachd

En dr OschdrnachdMa hoggad em Donklá, zmidschd en dr Meng. Vor ôim a glôine dôngla Krz, midd am komischa Blaschdigbächr, wo ônda a Loch hodd…S isch so schdill, dass ma a Gluaf z’Boda falla heara.

Däad, wenn dui alda Frau hendr ôim ed prmanend huaschdá miaßd (s’geid oifach emmr sodde, ônd I frôg me jeads Môl, warom soddiche schderbensgrange Leid sich mengisch no end Krch, ens Keano, ens Konzärd odr ens Kaffe schläbba mend…). Au irgadd a Allmachtswaidaag vom a Kend brabblad ond blärrad d’ganza Zeid vor sich ná. Ond au do frôg e me mengisch, warôm Eldra heidzudaag môinad Ihre offasichdlich boggiche ond vollkomma iabrnächdigde Kendr, dia liabr drhoim em Bedd iran hoiliga Schloof schlofa däadad, midd en Middrnachtsmäss schloifa mend…

Abbr mir sen en dr Krch, also semmr tolrand, säll moind dr Herr Jesus schliaßlich au. Jedenfalls der wendlwoichgwaschane vom Pfa`rr. Vom Hailigá Zôrá oddr Geddlichr Wuad hod där offasichdlich no garnix gherd…Godd light hald, damidd sich au jo koia vo de fromme Welfla em Schoofspelz aufreagd…

Dass Sällr dô oba edd emmr bloaß dr liabe abbr au au weng domme Laggl vo näabaa isch, dean ma gedroschd zom Narrá halda ka, sondrn au ganz andschd ka wennr denn widd ond an Gluaschdhodd; Dass R‘ oim meh als bloß oin mords Briagl zwischa d’Boi schmeißa ká, ohne dass ma räachd wissa däd warôm, säll said ma de Leid heid bessr nemme…

D‚Muadr vom Kend hodd ihran Jonas (jetzd wissa mr des au) endlich aus dr Krch gschaffd. Edd jeds Kennd isch a engl oddr auf Ritalean. Godd sei Dank edd! Sälls ganza scheana fromma Aidrachd war oifach nix fr da Gloina, z’langweilich! …Ond ehrlich…wenn e d’Miamich vom Pfarrr räachd deid, war selbschd eam säll kendlichs Katzág’schroi a weng vl dr Begaischdrich!

Drfir kommad izônd andre, a weng greaßre Kendr midd Krz rai. Z’Erschd schdandad se no a Weng em Donglá, noch hold ebbr d’Oschdrkrz aus dr Sagrischdei, ond’s wrd’s ganz häalenga häll. S’isch scho vrwondrlich, wia oim oi oinziga Krz en de Auga brenna ká, ond noch erschd hondrd odr dausad drvó! Wenn noch d’ganza K’rra leichdad ond d’Leid em Schai vo de Krzá grensad wia dr Baur wennr fr sai lamá Mähr‘ an ovrscheamd guada Preis gr’gd hodd – noch isch säll frisch azendads Krzalichd a ganz andrs Licht wia normal. Aagneamr, warm, faschd als hädd säll Lichd a Oigaleabá, ond wemma am Pfarr zuahorchad, hodd’s des ja au.

I hau s’Gligg auf ra behoizda Bangg zom hogga, oddr isch’s oifach bloß as zammahogga mid so vlle andre, des mr’s warm oms Hrz wärra lessd? I kempf midd de Dräana, warôm ka e ehrlichgsaid gared sa. Irgendwann ghods noch zr Komunijoo. Sisch komisch, en dr bloß vo Kärza ond a baar ganz nondrdemmde Gliahbirá en dr dongla Krch omanandrzomlaufa.

Schpäadr geids draußa no a Oschdrfeir. D‘ Leid wuaslad ommanandr alls häddad se ällesamd Moizgalr vrschluggd. Am am Dabezierdisch midd ra Babierserviett drauf gibds belegde Weggá, Kuachá, Hefezopf, frischá Kafffee ônd da ledschda Gilahwai vr des Jôhr- d’Nachdkälld lässd da Schnaufr Wolga vor am Gsichd machá. Älle om me rom lachad, schwäzad, träffad Leid, ond Kendr schpialad z’midschd en dr Nachd Fangrles ond machad drbei vor laudr Oschdriabrzwärch an Lärm, dass ma sich s‘ Gloggaleida grad hädd schbara kenna. I sälbr schdand bloß dô ônd grenz, graad asoo, als däad ebbr maine Mondwengl mid Fleiß nach Oba drugga.

Wär do ed dia Oschdrkärza en dr Hand, ma kheed moina s’sei noamôle Sld’väschdr.

I gang hoim, laad mr drvoor abbr no a baar Leid zôm Oschdrsuppaässa ai. S senn bloß a baar Meadr, abr mir mend no dean mordsschdeila Buggl nauf. En dära Nachd machdr mir ond de Andre abbr nix. S‘ schaind sich leichdr zôm laufa als sondschd.

Mir ässad Supp ônd d’erschde Oschdroir, drzua gaids Proseggo, Tea ônd au a biz Wassr – de andre meand schliaßlich no Hôim!

Drvor beh e abbr noml en da Hof, zwoi Dutzend Tealichdr ázendá. Au do widdrhold sich’s gleiche Wondr. Älls siagd so friadlich ond fraindlich aus, als däd dia Reed vom Oschdrfriadá daadsächlich schdemma…Mir wissad älle, dass es edd so isch, abbr fr dia nachd, demmr älla amôle, als g’hed dr Glauba ond d’Hoffnong taadsächlich Brg vrsetzá ônd d’Leid drzua brengá wrglich amôle bessr zôm wrrá…Vlleichd isch säll ja s’ächde Geheimnis vo Oschdrá…

Sisch iabrigens arg schbäad worra…halba viere war’s wo e ens Bedd khoa be, faschd hodd mr’s deichd als seig hendr de Krchtrmschbidza scho wiadr d‘ Sonn aufgangá.

Froe Oschdrá!

 

Betrachteter Alltag, oder: warum habe ich heute eigentlich noch keinen Aprilscherz gemacht?

AprilWarum ich heute noch niemanden in den April geschickt habe?

Ich könnte kurz antworten und sagen, ich mag einfach diese ganze „Scherznummer auf Kalenderbefehl“ nicht, genauso wenig wie den Valentins- oder Muttertag, Geburtstage oder andere Jubiläen…Schließlich legen wir sonst auch gesteigerten Wert darauf keine zahlengesteuerten Roboter zu sein – warum also irgendetwas machen, fühlen, schreiben oder denken nur weil ein bestimmter Tag ist?

Etwas reflektierter könnte ich mich fragen, warum ich dann trotzdem über das Thema „Aprilscherz“ am 1. April schreibe und antworten: weil ich mir ausrechnen kann, dass das Thema am 1. April die größte Reichweite besitzt und so der eine oder andere Wert in meiner Blog-Statistik steigt…Das mag zwar clever sein, aber ist auch reichlich trivial.

Eigentlich weiß ich garnicht so genau, weshalb ich mich jetzt nochmal hingesezt habe und wie wild in die Tasten drücke – vermutlich hat es auch etwas mit Vermeidungsverhalten und geistiger Ablenkung von wichtigerem / dringenderem zu tun – und der seltsamen Macht des hegemonialen Agendasettings durch soziale Netzwerk-Medien…Muss man jetzt nicht verstehen.

Also gut, 1. April, Aprilscherz, warum eigentlich…

Nun, wie bei vielen Konventionen weiß eigentlich auch bei dieser niemand, warum wir uns ausgerechnet an diesem Tag gegenseitig kollektiv verarschen. Vielleicht stimmt ja die Geschichte mit dem französischen König Karl IX. der im 16. Jahrhundert eines schönen Tages einfach den Jahresanfang vom 1. April auf den 1. Januar verschob und den Witzbolden die danach weiterhin stur zum Neujahrsfest am 1. April einluden, diejenigen, die diese Einladungen aber als echt ansahen als tumbe Trottel und Narren verspotteten? Hört sich weit hergeholt an? Nun, wir machen noch immer ganz ähnlichen Quatsch, nur dass wir heute etwas länger brauchen um zu merken welche Idioten wir, bzw. „die da oben“ denn sind…Man denke nur an das unselige Thema der Sommerzeit…

Vielleicht ist das „in den April schicken“ aber auch schon viel älter und hat mit dem altrömischen Fest der Quirinalien, einer Art antiker Karneval bei dem die Narren und Dummen gefeiert wurden (fragt mich jetzt bitte nicht warum) zu tun, der ursprünglich um den 17. Februar herum gefeiert, durch die Kalenderreform (hatten wir das grad nicht schonmal…) Papst Gregor XIII. aber um 13 Tage nach vorne auf den 1. April fiel. Stimmt das, dürften Fasching, Karneval und 1. April den gleichen Ahnherren zurückblicken.

Zwar ist die Redewendung „In den April schicken“ in Bayern schon im 16. Jahrhundert belegt, und auch „Aprilnarren“ kennt man schon kurz danach, was damit aber genau gemeint war bleibt unklar. Wirklich populär scheint der Brauch andere mit erfundenen Scherzen und Lügengeschichten am 1. April bewusst zu foppen erst im 18. und 19. Jahrhundert geworden zu sein. Mit Auswanderern ist er dann auch gleich in die USA übernommen worden.

Ach und noch eins…wenn ihr in Spanien oder Lateinamerika seid ist der Tag für einen Aprilscherz nicht der 1. April, sondern der 28. Dezember…warum weiß der Kuckuck (der vertauscht ja auch mal gern was…)…und damit: lasst euch bloß nicht einfallen wieder am Kalender herumzudeuteln, ihr werdet auch Jahrhunderte später noch als Narren im Gedächtnis bleiben 😉

 

Aus dem Archiv – Reise nach Kythera 11 – Von Zeus und El Greco (16.10.2013)

Zeus

Zeus

Und weil ich grade dabei bin – hier noch eine Kleinigkeit aus meinem „Kythera-Blog“ von 2013. Es geht um Zeus, El Greco, schwefelgelben Himmel und einen Schatz…Wer mehr wissen will:

http://wp.me/p2SJFH-ko

 

A Poem for Dreikönig

Spekulatius (Spiced bisquits)

 

 

 

 

 

 

 

 

Dreikönig

Mein Radio übt gerade Mußestunden,
und im Roman verwesen Sommertote;
mein adoptierter Kater motzt und haart,
und vor dem Fenster hängen kalte rote Äpfel.

Die Zähne schnmerzen noch von Weihnachtsplätzchen,
mein Smartphone tankt für neue Wundertaten;
Der Frost im Garten hat vom Blumentopf ein Stück sich abgebissen,
und nur noch Müll sind sie, die schönsten Weihnachtschleifen.

Das Flutlicht für Touristen – es schließt heute früher,
mein Wasserkocher hat – schon wieder – eine neue Beule;
im Teppich fressen leise schmatzend kleine, weiße Motten,
und auf den wildgewellten Dächern schmilzt verträumt der Schnee.

Adventskalender 2014 – 24. Türchen – Von heiligen Abenden und Gabenbescherern

Venedig, San Marco, Nordfassade, Weihnachtsdarstellung

Venedig, San Marco, Nordfassade, Weihnachtsdarstellung

„Fürchtet Euch nicht“ so der Engel zu den Hirten als er sie mit der Botschaft von der Geburt des Christkinds erschreckte…ja es kann einem schon Angst und Bange werden, wenn da plötzlich mitten in einer Winternacht eine wildgewordene Horde Engel mit riesen Tamtam am Himmel erscheint und ein lautstarkes Haleluja anstimmt…

Aber halt, wie war denn das eigentlich nochmal mit diesem „Christkind“ und warum um alles in der Welt feiern unsere russischen Nachbarn erst am 6. oder gar 7. Januar Weihnachten? Warum gibt es bei uns immer Kartoffelsalat mit Würstchen, und warum ist das Nürnberger Christkind ein Mädchen, wo doch Jesus ziemlich klar ein Junge war?

Well, mit Weihnachten ist es ein bisschen so wie mit allen großen Dingen, sie machen viel Arbeit, viel Freude und manchmal eben wie überall wo Menschen am Werk sind auch ein bisschen Chaos.

Zuerst einmal zum Datum. Die Bibel gibt darauf keinerlei wirklichen Hinweis, selbst das Jahr ist unklar, nur der Ort ist einigermaßen sicher: irgendwo in Bethlehem, einer kleinen, eher dorfähnlichen Stadt nahe Jerusalem…Und der Stern, und dieser Kaiser Augustus, und jener Kyrenius, der Statthalter in Syrien war, und die drei Weisen (gr. magoi) aus dem Morgenland.

Nun, der Einzige aus dieser Reihe von dem wir einigermaßen sicher wissen was bzw. wer er war und wann er gelebt hat ist Gaius Octavius, uns heute meist als Kaiser Augustus bekannt, der herrschte als Kaiser zwischen 31 vor und 14 nach Christus. Sprich man kann sich nun eines dieser Jahre als das Geburtsjahr Christi heraussuchen, und da sich unser Kalender nunmal an der Geburt Christi orientiert haben wir heute irgendwas zwischen 2045 und 2000 (vielleicht kommt der Milleniumskrach also erst dieses Jahr…). Kyrenius ist den Archäologen und Historikern leider außer in der Bibel noch nirgends untergekommen, und vermutlich hatte derjenige der die Weihnachtsgeschichte aufschrieb (ein gewisser Lukas, dessen Identität so klar aber auch nicht ist) einfach vergessen wie der damalige Gouvaneur in Syrien hieß und einfach „Kyrenius“ was soviel wie Syrer (Syrenius/Cyrenius) heißt geschrieben.

Und der Stern? Komet, Supernova, Asteroid, astrologische Konstellation im Sternbild Fische…die Astronomen streiten sich seit Jahrhunderten darüber was die „Magoi“ also jene gelehrten und ein bisschen unheimlichen Männer aus dem Morgenland denn da gesehen haben – die Zahl drei ist übrigens eine spätere Erfindung, und auch dass es Könige waren ist eine nette kleine Mittelalterliche Zutat…aber sie machen sich einfach so nett im Krippenspiel, die prächtig austaffierten Orientalen samt Gefolge…

Und wie ist das nun mit diesem Christkind? Mann, Frau, Jesus, Webefigur, Nazi-Erfindung, Engel oder doch von Martin Luther, und was soll eigentlich die Sache mit diesem Weihnachtsmann, und dem Nikolaus, und warum um alles in der Welt bringt in Russland Väterchen Frost an Sylvester und in Italien eine Hexe die Geschenke und dass auch erst am Dreikönigstag?

Well, das ganze Kuddelmuddel fängt eigentlich damit an, dass wie gesagt anfangs garnicht so ganz klar war, wann und ob Weihnachten überhaupt gefeiert werden sollte. Vor allem die Jerusalemer Urgemeinde und auch einige andere ostkirchliche Gemeinschaften taten sich mit diesem Fest recht schwer und führten es erst lange nach den kleinasiatischen und lateinischen Gemeinden (damals war das alles noch mehr oder minder eine Kiche, allerdings wesentlich weniger zentralisiert als heute, im Prinzip machte die ersten paar Jahrhunderte jeder was er wollte) im 6. bzw. 7. Jahrhundert ein.

Warum in den Westkirchen (und auch in einigen Ostkirchen) ausgerechnet der 25. Dezember das Weihnachtsfest wurde, ist nicht ganz klar, hat aber vermutlich mit der Anlehnung der frühen Christen an den von den römischen Kaisern Aurelian und Heliogabal eingeführten Feiertag des „sol invictus“ (also der unbesigbaren Sonne) am 25. Dezember zu tun (dies v.a. darum, weil Christus schon sehr früh mit dem „Licht in der Finsternis“ gleichgesetzt wurde). In den Ostkirchen existierten hingegen von Beginn an andere Termine die teils bis mitten in den April reichten, teils bereits Anfang Dezember lagen.

Zusätzlich verkompliziert wurde die Lage durch die Kalenderreform Papst Gregors 1582 der aufgrund des ungenauen Julianischen Kalenders einfach 13 Tage „ausfallen“ lies. Dies machten, und machen viele der inzwischen durch ein Schißma getrennten Ostkirchen nicht mit (übrigens auch die meisten der inzwischen entstandenen Protestantischen Staaten Europas nicht), so dass deren Kalender bis weit ins 18. und in einigen Fällen sogar bis heute um 13 Tage „nachgeht). Auch hatte im Osten das Weihnachtsfest nie die Bedeutung, wie in den westlichen Kirchen. Wichtiger war hier der 6. Januar, das Fest der Epiphanie, also der Taufe Christi im Jordan (das auf das gleiche Datum das Fest der heiligen Drei Könige fällt, die ebenfalls als Gabenbringer auftreten – schließlich waren sie es, die laut Bibel dem Christkind die ersten Geschenke brachten – macht die Sache mit Weihnachten und den unterschiedlichen Gabenbringern nicht einfacher.

Wirklich kompliziert wird es dann aber, wenn noch Nikoklaus, Väterchen Frost oder die Befana als Geschenkebringer auftreten.

Traditioneller Weise war es nämlich in Westeuropa so, dass es bis weit ins 16. Jahrhundert hinein nicht zu Weihnachten, sondern bereits zu Nikolaus Geschenke gab. Das ganze leitete sich von einer Passage in der Heiligenlegende des Nikolaus von Myra ab, der eines Nachts drei unschuldig aufgrund von Schulden bzw. Armut zur Prostitution gezwungenen Mädchen (einige Varianten der Legende legen auch nahe, dass es Jungen gewesen sein könnten) mit drei Kugeln Gold dieses Schicksal erspaarte, die er Nachts unbemerkt in deren Schlafzimmerfenster gleiten ließ – es ist manchmal schon seltsam wie Heilige zu Geschenkebringern werden, aber so war’s nunmal, wenn ihr mich fragt hat das Ganze trotzdem ein Gschmäckle…

Nicht nur ich, sondern auch die um 1520/30 wie die Pilze aus dem Boden schießenden Protestanten hatten mit diesem „Heligen Nikolaus“ ihre Probleme, so dass Martin Luther sich etwas anderes einfallen ließ und als neuen Geschenkebringer den „Heiligen Christ“ erfand und auch gleich das Datum der Bescherung auf den 24. festlegte damit es da auch ja keine Missverständnisse und Verwurschtelungen geben konnte…

Nun, so ganz funktioniert hat das nicht. Aus dem „Heiligen Christ“, mit dem in erster Linie der erwachsene und nicht der gerade eben geborene Jesus gemeint war, wurde nach und nach das Christkind, dem immer mehr kindliche aber auch engelhafte Züge angedichtet wurden. Der Grund dafür ist unklar, aber vermutlich sprachen die weißgekleideten Engel aus dem Krippenspielen und ein kleines, neugeborenes Kind die Menschen einfach wesentlich stärker ästhetisch und emotional an, als ein manchmal etwas cholerischer und abgehobener Zimmermansgeselle aus Nazareth.

Auch war es längst nicht so, dass nun die Katholiken brav den Nikolaus und die Protestanten das Christkind als Gabenbringer bevorzugt hätten. Die Dinge vermischten sich doch, an manchen protestantischen Orten gab es weiterhin am 6. Dezember vom Nikolaus Geschenke, an manchen katholischen kam zusätzlich das Christkind und in wieder anderen Regionen entwickelten sich noch ganz andere Gabenbräuche, die auf teils ganz andere Heilige zurückgingen (z.B. den Heiligen Martin, die Heilige Lucia oder eben auch die Heiligen Drei Könige).

Letztere hatten ihre Hochburg offenbar in Italien, denn dort wurde Weihnachten zwar am 25. Dezember mit einer festlichen Messe gefeiert, aber die Geschenke gab’s wohl erst – wie in den Ostkirchen – am 6. Januar. Nur dass die heiligen Drei Könige dort mehr und mehr (wann ist nicht ganz klar, vermutlich aber schon zu Beginn der Neuzeit) von einem kleinen Dämon oder einer Hexe namens Befana (von Epiphanias) abgelößt wurde. Diese/r hatte sich laut einer populären Sage gemeinsam mit den Hirten aufgemacht um das Christkind anzusehen, kam aber zu spät und traf so erst mit den Heiligen Drei Königen am 6. Januar ein. Anfangs ein eher zwielichtges Wesen wurde Befana ab dem 18. Jahrhundert mehr und mehr zum Gabenbringer und darin v.a. in der Zeit des Faschismuses durch eine „Befana für Arme“ zusätzlich popularisiert.

Eine ähnliche Geschichte hat Väterchen Frost. Diese Figur stammt aus dem reichen Reich der russischen Märchen und war ursprünglich die durchaus nicht immer ganz freundliche Verkörperung des Winters. Schon zu Zeiten von Peter dem Großen verlagerte sich in Russland der Geschenkeabend vom 6. Januar auf die Silvesternacht, da Peter ausgesprochen antikirchlich eingestellt war und alternative weltliche Bräuche schaffen wollte. In wie weit dabei auch schon Väterchen Frost als Gabenbringer auftrat bleibt unklar, jedoch scheinen sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Russland mehr und mehr „weltliche“ Gabenbringer (wie die Verkörperung des Neuen Jahres oder Genien) durchgesetzt zu haben.

Wirklich populär wurde Väterchen Frost als Gabenbringer aber erst mit der Oktoberrevolution. Diese schaffte im Alltag der Menschen sämtliche religiösen Bezüge ab (oder versuchte dies zumindest) und propagierte stattdessen eine säkulare Weihnachtsfeier mit Väterchen Frost als Gabenbringer.

…und warum um alles in der Welt ist das Nürnberger Christkind nun ein Mädchen? Nun, das ist auch eine etwas komplizierte Geschichte. Ich habe ja schon geschrieben, dass der von Luther entworfene Gabenbringer des „Heiligen Christ“ sich recht schnell zu einem lieblichen, engelsgleichen Säugling oder zumindest Kind oder Jugendlichen entwickelte, das mehr und mehr seinen Bezug zum christlichen Hintergrund verlor und spätestens im 19. Jahrhundert ein Eigenleben jenseits der Christlichen Heilslehre zu führen begann. Entscheidend für das Nürnberger Christkind sind aber die Nationalsozialisten. Diese führten Prolog und Christkind 1933 als bewussten blondgelockt-arischen Gegenentwurf und „Marketinggag“ gegen Christliche Bezüge des Weihnachtsfestes ein.

Bis 1968 behielt das Nürnberger Christkind allerdings sein männliches Geschlecht und wurde von Schauspielern verkörpert. Erst dann kamen die Organisatoren des Nürnberger Weihnachtsmarktes auf die Idee das Christkind von einem jungen Mädchen verkörpern zu lassen – vermutlich weil sie sich hierdurch eine größere Aufmerksamkeit (man kann beim Christkind ja schlecht von Sexappeal sprechen) erwarteten.

Und was ist jetzt mit dem Weihnachtsmann? Nun der stellt eine Art Fortentwicklung des Heiligen Nikolaus dar, ist mit diesem aber nicht identisch (es ist ganz ähnlich wie beim Christkind, dass ja auch ein Eigenleben entwickelte), der sich irgendwann mit Väterchen Frost kreuzte und noch dazu in den 1920er Jahren von Coca-Cola für seien Weihnachtswerbung entdeckt wurde (die Amerikaner haben ihn allerdings nicht erfunden, wie es fälschlicherweise oft heißt.

So, jetzt war’s aber genug Kuddelmuddelentwirrung für heute. Ich wünsche Euch frohe, liebevolle, ruhige, freundliche, freudenreiche, selige und gesegnete Weihnachten und natürlich auch ganz viele Geschenke, egal wer sie nun wann bringt.

Wen’s genauer interessiert, hier wie immer noch ein paar Wiki-Links dazu:

http://de.wikipedia.org/wiki/Augustus

http://de.wikipedia.org/wiki/Christkind

http://de.wikipedia.org/wiki/Weihnachten

http://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%A4terchen_Frost

http://de.wikipedia.org/wiki/Weihnachtsmann

http://de.wikipedia.org/wiki/Befana

http://de.wikipedia.org/wiki/Heilige_Drei_K%C3%B6nige

http://de.wikipedia.org/wiki/N%C3%BCrnberger_Christkindlesmarkt

PS: gerade habe ich gelesen, dass man inzwischen wohl doch weiß, wer dieser Cyrenius oder Quirinius gewesen sein könnte (Wikipedia sei dank lernt man nie aus!), es scheint den Herrn tatsächlich gegeben zu haben und er hat sogar um 6 nach Christus (passt!) in Judäa eine Volkszählung für die Steuerlisten durchgeführt (was ein Zufall!)…Wer mehr über Publius Sulpicius Quirinius wissen will:

http://de.wikipedia.org/wiki/Publius_Sulpicius_Quirinius#cite_note-7

 

 

 

Adventskalender 2014 – 23. Türchen – Der kürzeste Tag des Jahres oder warum schenken immer auch ein kleines bisschen fieß ist…

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…un po di dolce?

Kalendarisch ist es ja eigentlich der 21. Dezember, dem das fragwürdige Privileg des kürzesten Tages zukommt. Für mich ist und bleibt es aber der 23.. Eineinhalb Minuten mehr Sonnenlicht machen die Kuh schließlich auch nicht mehr fett.

Für die meisten von uns – und mit uns meine ich sämtliche Angehörige der Menschheit, die meinen, sich am 24. oder 25. Dezember auf heile Welt und Familie machen und Geschenke überreichen zu müssen – ist der Tag vor dem Tag aller Tage exakt jene kleine Vorahnung der Hölle mit dem absolut höchsten Potenzial an Beinahe- oder Realnervenzusammenbrüchen, Verkehrsunfällen, jähen Wut- oder Verzweiflungsausbrüchen und abgrundtiefen Familientragödien.

Nicht nur, dass sich trotz sorgfältigster Planung immer noch irgendeine Großtante 2. Grades, eine Ehefrau, Freundin, Geliebte, Sohn, Enkel, Nichte oder Cousine findet, für den/die man in dem ganzen vorweihnachtlichen Vorbereitungschaos noch kein (un-)passendes Geschenk gefunden hat…

Nein, wie ein Irrer stürzen wir uns heldenmütig in den last-shopping-day-before-X-mas-jam. Kaum im Auto scheinen überdies auch noch sämtliche den Rest des Jahres sorgfältig gewartete Sicherungen im Oberstübchen auf einmal durchzubrennen. Und dann kommt der große Moment:

Ganz, ganz kurz vor Ladenschluss – schließlich musste das Sch…teil von Christbaum auch noch irgendwie besorgt, installiert, geschmückt und aufgrund eines vorher nicht ausgetesteten LED Leuchtkerzenbehangs (defekt) nochmals komplett ab- und aufgeschmückt werden – stürzen wir uns mit all den anderen komplett Verzweifelten, deren online-Bestellung doch nicht rechtzeitig ankam, oder die aus unerklärlichen Gründen wieder einmal vergessen haben, dass am 24.12. Weihnachten ist in ein x-beliebiges Kaufhaus und erstehen im last-Christmas befeuerten Morgen-Kinder-wird’s-was-geben-Wahn ein ebenso überteuertes, wie vollkommen unpersönliches Verlegenheitsgeschenk für eine Person, die wir das letzte mal vor 17 Jahren persönlich gesehen haben, die uns aber das letzte Jahr eine handgeschriebene Weihnachtspostkarte aus Dubai geschickt hat…Nebenbei rempeln wir noch zwei Hochschwangere, zwei nutzlos herumsitzende Bettler, einen schon leicht alkoholisierten Weihnachtsmann und zwei bis drei quängelnde Kevins, Kathleeeeeens und Jocklyns um, zerbrechen dabei den Laserpointer für Maximilian-Theodor und lassen uns zu allem überfluss auch noch den Geldbeutel samt Inhalt von einer international agierenden schwedisch-texanischen Kinderdiebesbande klauen.

In solchen Momenten kann man nur noch froh sein, dem allem lebend entkommen zu sein, und hoffen, dass die absolut überbeanspruchte Praktikantin im Kaufhaus Köppermann und Söhne 1845 AG an diesem Tag eine auch nur annähernd ansehnliche Verpackung hinbekommt, das mühsam ausgewählte Geschenk nicht aus Versehen einem der vierhundert anderen Verzweifelten überreicht, und niemand vergisst, dass Kassenzettel allenfalls auf Geschenken für Schwaben angemessen sind.

Ah, ja, da ich ja bekanntlich eine extreme Vorliebe für Fettnäpfchen und Verdrängtes habe, stellen wir sie doch mal: die heikle Frage nach dem angemessenen Wert von Geschenken – dem finanziellen, nicht dem emotionalen…

Nicht, dass man damit die gegenseitige Wertschätzung bemessen würde – na ja, irgendwie schon auch – viel entscheidender ist, dass der Schenkende dem Beschenkten mit seiner Geste im gegenseitigen Verpflichtungsschach auf vier Ebenen um einen Schritt voraus ist, oder anders ausgedrückt:

Schenken ist Macht, nicht zurückschenken eine äußerst grobe Verletzung gesellschaftlicher Konventionen und der Satz: Der Gute Wille für die Tat bzw. die selbstgestrickten Wollsocken für das 600 Euro Tablett in der Alltagspraxis des Nach-romantischen-Digital-Zeitalters mit global agierenden Internetauktionshäusern von Dinosaurierzähnen, Muranoglasschalen und selbstgehäkelte Bommelmützen nur noch sehr, sehr eingeschränkt…

Ihr glaubt das nicht?

Well, dann versucht gedanklich einmal folgendes:

Euer Onkel zweiten Grades hat Euch vor etlichen Jahren neben zwei abgetragenen Garnituren goldener Manschettenknöpfen (die von denen man immer behauptet, sie seien Familienerbstücke aus Urgroßvaters Zeiten) auch einen sündteuren Designerfüller zum Uni-Abschluss geschenkt. Ihr seid inzwischen in einer gutdotierten Position und der Großonkel befindet sich immer noch bester Gesundheit, ist aber schon jenseits der 80, hat zwei Mietshäuser zu vererben und neben Euch noch ungefär sechs weiter Großneffen und -nichten…Weihnachten steht an – was tut ihr?

a) so tun als ob es den Großonkel und seine Mietshäuser nicht gäbe

b) alles daran setzen herauszufinden was die anderen Mitbewerber um das großonkliche Erbe dem geliebten Familienmitglied dieses Jahr so schenken, und beim eigenen Geschenk ein wenig mehr oben drauf legen.

oder c)

Punkt b) beachten aber zusätzlich noch den einen oder anderen zusätzlichen Besuch mit einplanen, bei dem ihr rein zufällig erzählt, dass es im momentanen Job zwar ganz gut läuft, aber so eine Fortbildung doch mit erheblichen Kosten verbunden ist, und ihr ja überdies demnächst mit der Familienplanung beginnen wollt, damit der Familienname nicht ausstirbt…

Ich weiß, ich bin gemein, aber wir alle kennen mehr als nur eine Person, die ganz genau darüber Buch führt, wer, wem, was, wann und mit welchem Wert sie einer Person geschenkt hat und welche Gegenleistung dafür zu erwarten ist. Es soll Leute geben, die für derartige Transaktionen bereits Jahrzehnte im Vorraus den Zins und Zinseszins berechnen und auserordentlich bößartig reagieren, wenn diese Rechnung nicht aufgeht – und nein, selbstgebackene Plätzchen und handgematschte Krippenfiguren aus der Kindergartenzeit sind kein wirklicher Ersatz für sündteure Parfums, Kreuzfahrten und Diamantenohringe…und bevor ich’s vergesse, hier noch der gute alte obrschwäbische Rat an alle Heiratswilligen: Liebe vergeht, Hektar besteht, soll heißen: Emotion ist gut, Geld (viel Geld) ist besser, Betongold und sonstige Latifundien sind am besten!

Selbstlos etwas zu geben ohne etwas dafür zurückzubekommen liegt uns Menschen einfach nicht, und jeder, der anderes behauptet hat es noch nie mit einer indischen, iranischen, russischen, amerikanischen, griechischen oder eben oberschwäbischen Schwiegermutter, Schwager, Onkel oder ähnlichem zu tun bekommen…Man ist eben, was man gibt (oder eben hat und nicht gibt)…und jeder der nun glaubt, man könne das mit der einfachen Methode: Keine Geschenke und Konsumverzicht abstellen, dem wünsche ich viel Spaß bei der ihm oder ihr bevorstehenden, hochinteressanten Feldstudie:

Der Tag an dem wir beschlossen uns zu Weihnachten nichts mehr zu schenken oder: wie meine Familie zerbrach!

Aus eigener Erfahrung weiß ich nur zu gut, das derartige Experimente stets und vollkommen unausweichlich damit enden, dass man nach spätestens zwei Saisonen doch wieder zum alten Geschenketeufelskreis übergeht, und sich aus lauter Verlegenheit viel mehr und teurere Geschenke schenkt, als die, die ohne diesen Humbuk notwendig gewesen wären. Nebenbei beschwört man auch noch jahrzehntelang schwelende Familien-Vendetten herauf, die zu unberechenbaren Minenfeldern aus gegenseitigen Anschuldigungen, Abrechnungen (das meine ich in diesem Fall sehr wörtlich) und jahrzehntelanger Verbitterung führen können. Ich habe Schulkameraden erlebt, die ihren Eltern noch zwanzig Jahre später mitten in der Bescherung erbittert vorgeworfen haben, dass sie damals beim Geschenkeverzicht zugunsten hungernder Kinder in ich-weiß-nicht-wo in Afrika mitgemacht haben und sie in diesem Jahr der soziale Paria waren, weil sie keinen Nintendo 84 bekamen…

Ihr habt keinen alleinstehenden Großonkel mit vererbbaren Mietshäusern, keine Eltern, die 1984 dem Nichtkonsumaufruf einer NGO folgten, und auch niemanden der Euch goldene Manschettenknöpfe, Kreuzfahrten, selbstgetrickte Socken, handgemalte Krippenfiguren und Designer-Füller zu Weihnachten schenkt oder schenken müsste? Dann preiset Gott in der Höhe, singt Haleluja, spaart Euer hartverdientes Geld und macht Urlaub in einem Land das kein Weihnachten kennt – Viel Spaß bei der Suche…ich habe schon handfeste Taliban und erzkommunistische Elitekader Giglebells summen hören…

Allen Last-Minute-Shoppern noch viel Nervenstärke auf der Jagd nach dem ultimativen Geschenk. Hockt euch zwischendurch mal zwei Minuten hin und schnappt Luft – beugt dem Herzinfarkt oder dem siebten totpeinlichen Wutanfall für den man sich nach Weihnachten hochnotpeinlich bei allen Beteiligten entschuldigen muss vor.

….und für alle Gutmenschen unter Euch, die immer noch meinen, man könne seinen Kindern ausgerechnet an Weihnachten erklären wie man durch Konsumverzicht die Welt rettet:

Möge der unversöhnliche Hass Eurer Nachkommen und von deren Nachkommen mit Euch sein – die Rechnung kommt bestimmt, und wenn sie das Christkind eines Tages im Pflegeheim in Form ausbleibender Weihnachtsbesuche abgibt…besser ihr kauft eurem 10-jährigen Ole-Leon sein heißbegehrtes Tablett, und nein, keine handgestrickten Socken, Latzhosen und pädagogisch wertvolles Holzspielzeug, ihr wollt doch nicht, dass Euer Kind sich aus lauter Überkompensation zum BWLer entwickelt, oder?

Alsdenn, ein fröhliches do ut des zur Weihnachtszeit und viel Spaß beim drüber nachdenken wie ernst ihr das gerade Gelesene nehmen mögt – ich neige zu dezent ironischem Surrealismus, die Realität menschlichen Verhaltens zur Weihnachtszeit allerdings ebenfalls…

 

Adventskalender 2014 – 18. Türchen – Von venezianischen Mohren, Totenköpfen und anderen Glücksbringern

Moro

Moro

In der Lobby meines Hotels ist bereits Weihnachten. Aus dem Lautsprecher tönt stille Nacht und ein hyperbunter, typisch italienischer Christbaum mit viel Glitterband und kleinen Weihnachtsmannlampen verstömt seinen septischen Chrarme.

Neben ihm steht unbeachtet ein für in Venedig geradezu obligatorisches Möbelstück: Ein Leuchter in Form eines Mohren…

Ich bin mir nicht ganz sicher, wer zum ersten mal auf die Idee kam die aus Ebenholz geformte Figur eines Schwarzafrikaners mit einem Leuchter zu kombinieren. Ziemlich sicher bin ich allerdings, dass dies nur hier geschehen konnte und die Venezianer nicht erst seit Shakespeers Othello und den heute allgegenwärtigen Vucumbras (jenen mehr oder minder geduldeten und beinahe allgegenwärtigen meist aus Schwarzafrika stammenden fliegenden Händlern gefälschter Luxustaschen), ein besonderes Verhältnis zu „Mohren“ haben.

Wie keine zweite Stadt im Abendland betrieb Venedig Kontakte und Handel bis weit über das Mittelmeer hinaus ins innere Afrikas, und so finden sich selbst in den abgelegensten Gebieten des südlichen Afrikas bei archäologischen Grabungen Venezianische Glasperlen und andere Produkte der Serenissima. Venezianischer Schick war nicht nur bei Catherina di Medici oder Dürer gefragt, auch die Oberschicht Timbuktus, Sansibars oder des Monomotapa-Reiches trug gerne Schmuck nach neuester venezianischer Mode!

So verwundert es nicht, dass „ai mori“ hier anders als in anderen Europäischen Städten nicht nur gefesselt und in zerissenen Kleidern unter Denkmälern großer Herrscher oder deren Grabmählern als Allegorien überwundener „Wildheit“ das Repertoire gängiger kunsthistorischer Stereotypen bevölkern. Nein, hier sind Statuen von Mohren seit Jahrhunderten fester Bestandteil der Wohnkultur, bedecken Leuchter und Konsoltische, lehnen sich an Säulen und sehen einen nicht selten von Decken und Kuppeln an. Doch geht die Verwandlung des „Mohrs“ hier noch weiter. Nicht nur, dass der eine oder andere Putto ganz offensichtlich afrikanische Züge trägt (und ich spreche hier nicht von den berühmten „schwarzen“ Christkindlein, sondern von den ganz normalen Putti unter die sich hier eben auch“ Indianer“, „Orientalen“ und „Mohren“ mischen.) Nardini und andere Juweliere haben den „Mohr“ schon vor Jahrhunderten in in reich mit Juwelen besetze kleine Broschen, Ohringe und Anhänger verwandelt.

Doch ist es wirklich nur die Nähe zum Orient, die diese seltsame Vorliebe zustandebrachte?

Jein…, offiziell wird es einem zwar kaum ein Venezianer verraten, dass die Dinge nicht ganz so „harmlos“ und unkompliziert sind. Weniger offiziell verbirgt sich hinter den kleinen, niedlichen Anhängern mit ihren schaukelnden Diamanten, Korallen und Perlen auch und vielleicht sogar hauptsächlich ein heute weitgehend totgeschwiegenes und recht dunkles Kapitel venezianisch-europäischer Geschichte:

Sklaven waren über Jahrhunderte eine der wichtigsten Einnahmequellen, nicht nur, aber eben vor allem der Serenissima.  Allerdings waren diese zumeist nicht schwarz, sondern weiß und stammten nicht aus Gebieten südlich der Sahara, sondern aus den Steppen des Schwarzmeerraums und – garnicht selten – von den jeweils gerade besiegten Inseln und Städten zwischen Adria, Aegais und Zypern.

Schwarze Sklaven hingegen waren vergleichsweise selten und meist nur zu vergleichsweise hohen Preisen über den osmanisch-ägyptischen Zwischenhandel „zu haben“. Sie stellten daher eine Art exotisches „Luxusobjekt“ (auch wenn das jetzt nicht sehr menschenfreundlich klingt, aber so sah man das damals) dar, das man sich als reicher Patrizier meist als privaten „Leibdiener“ oder, wenn dieser älter und nicht mehr ganz so „niedlich“ war, als Portier oder Gondoliere passend zu Schokolade, Papageien und Kaffee als zusätzlichen exotischen Luxus „gönnte“. Ein übrigens nicht nur in Venedig bekanntes Phänomen, nur dass es hier bereits im späten Mittelalter begann und sich bis weit ins 19. Jahrhundert hielt. Und ganz ehrlich: Angesichts der elenden Lebensbedingungen der meisten Vucumbras, chinesischen, indischen und bengalischen „Gastarbeiter“ in dieser Stadt frage ich mich gelegentlich, ob sich daran bis heute wirklich so sehr viel geändert hat…

Doch zurück ins Venedig der Rennaissance und des Barock. Anders als in Sachsen oder im fernen Paris, war und ist Venedig eine Stadt, in der sich die Dinge sehr schnell in ihr Gegenteil verkehren können. Macht und Ruin, unermesslicher Reichtum und Bankrott, Luxus und torale Armut, das alles lag und liegt und lebt hier enger beisamen als in anderen Städten der Welt…Und so konnte man in einer Republik deren Wohlstand vor allem auf dem Seehandel beruhte sehr schnell vom gutbetuchten Sklavenhändler bzw. –halter selbst zum Sklaven werden.

Es istnicht zuletzt ein Verdienst der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und großer Melodramen wie Roots, dass das globale Gedächtnis der Menschheit sich heute vor allem an den transatlantischen Sklavenhandel der großen europäischen Kolonialmächte erinnert und diesen als zutiefst menschenverachtend brandmarkt. Seltsamerweise haben wir dabei aber völlig vergessen, dass auch weiße Europäer noch bis ins 19. Jahrhundert hinein regelmäßig als Sklaven auf den Märkten Afrikas und des Nahen Ostens gehandelt wurden.  Es waren vor allem algerische Korsaren die im Auftrag der „Hohen Pforte“ in Konstantinobel/Istambul (also des osmanischen Sultans) bis nach Island und auf die Krim schipperten um auf den Sklavenmärkten der Levante und des nördlichen Afrikas für „Nachschub“ an „weißer Ware“ zu sorgen. Dass dabei die Venezianische Flotte – ob militärisch oder zivil war den Korsaren relativ egal – zum Lieblingsopfer der seefahrenden Sklavenhändler aus Afrika wurde, versteht sich eigentlich von selbst. Allerdings waren die Venezianer nicht die Einzigen die unter dieser „Plage“ zu leiden hatten. In jeder besseren europäischen Hafenstadt waren Versicherungen für den etwaigen Freikauf nach erfolgter Versklavung durch afrikanische Seefahrer bis weit ins 18. Jahrhundert hinein geradezu obligatorisch.

So sollen allein in Algier bis ins frühe 19. Jahrhundert jährlich über 8.500 europäische Sklaven „gehandelt“ worden sein. Aus Tunis, Alexandria, Cassablanca, Beirut, Timbuktu, Khartum, Kairo und zahlreichen anderen Städten Nordafrikas, Kleinasiens und der Levante liegen ähnlich hohe Zahlen vor, und auch in West- und Ostafrika (hier vor allem auf Sansibar), sowie in Persien existierte ein florierender Handel mit „weißen“ Sklaven . Hinzu kam die sogenannte „Knabenlese“, eine Art wohlorganisierter und staatlich sanktionierter Kinderraub durch das osmanische Militär, dass damit vor allem, aber eben nicht nur den Bedarf an Neu-Janitscharen deckte und dessen Truppen fast jedes Jahr in die Gebiete und Städte der Terra ferma (also den Festlandbesitzungen Venedigs) einfielen. Venezianische Gesandte berichten im 16. Und 17. Jahrhundert, dass sich allein in Istambul permanent ca. 35.000 bis 40.000 „Unfreie“ aufgehalten haben sollen, davon mehr als die Hälfte Europäer. Und anders als die Venezianische Flotte, deren Besatzungen sich weitgehend aus bezahlren einheimischen Handwerkern zusammensetzte, bestand ein Großteil des osmanischen „Schiffspersonals“ aus Sklaven. Nicht selten fand sich darunter auch der eine oder andere vermisste Verwandte, oder eine Cousine – Blonde Venezianerinnen galten in den Harems des Osmanischen Reiches als besonders begehrenswert…Aber auch hier waren die Dinge nicht so einfach wie sie zunächst scheinen. Venezianische, Dalmatische und Griechische Kaufleute profitierten nicht selten vom gewaltigen Bedarf des Osmanischen Reiches an Sklaven und verkauften nicht selten die eigenen Landsleute an türkische oder afrikanische Interessenten. Ja das Geschäft mit der Ware Mensch war derart lukrativ, dass sich selbst nordeuropäische Renaissance- und Barock-Potentaten nicht selten über ihre venezianische Dependance (also meist über das Fondacco dei Tedeschi) ihrer „überzähligen“ bzw. „kriminellen“ Landeskinder entledigten und diese bequem als „Galeerensklaven“ ins osmanische Reich entsorgten. Dass der venezianische Zoll und Zwischenhandel von diesem „Geschäft“ zu profitieren wusste, ist eines der am besten gehütetsten Geheimnisse der Serenissima.

Wer diese Zahlen und Praktiken kennt, den wird es nicht mehr verwundern, dass einige Historiker inzwischen sehr ernsthaft vermuten, dass im Laufe der Jahrhunderte wesentlich mehr Europäer als Sklaven nach Afrika und den Nahen und Mittleren Osten verschleppt und gehandelt wurden, als anders herum Afrikaner und Asiaten durch Europäer nach Amerika und in andere Kolonien. Und auch wenn die Sklaverei ähnlich wie in Europa und meist auf europäischen Druck hin auch im Osmanischen Reich bereits Mitte des 19. Jahrhunderts  offiziell abgeschafft worden war – dauerte es bis weit ins frühe 20. Jahrhundert hinein bis die letzten Sklavenmärkte auch hier schlossen – die letzten europäischen Sklaven sollen noch kurz vor dem 1. Weltkrieg in Smyrna, dem heutigen Izmir gehandelt worden sein – on dies stimmt lässt sich aufgrund der fast völligen Zerstörung der Stadt während des griechisch-türkischen Krieges in Kleinasien 1922 nicht mehr überprüfen. Als sicher kann allerdings gelten, dass Sklaverei (wenn auch meist anders bezeichnet und nicht mehr mit europäischen Sklaven) in zahlreichen Staaten Afrikas nie vollständig ausgestorben ist und gerade in den von Islamisten heimgesuchten Gebieten Syriens, des Iraks, Somalias, Kenias und Malis die Sklaverei einen dramatische „Wiedergeburt“ erlebt.

Doch zurück ins Venedig des 17. und 18. Jahrhunderts. Hier entwickelten sich die kleinen „Mohren“ zu einer Art einer Art „Talisman“. Glaubt man einer lokalen Legende, hatten die Venezianischen Seefahrer so große Angst selbst auf einer der Handelsreisen zum Sklaven zu werden, dass man sich einen kleinen „Sklaven“ in Form eines „Mohrs“ um den Hals hängten – um sich zu tarnen und  damit das Schicksal an der Nase herumzuführen. Wie vieles in der Lagunenstadt dürfte aber auch diese Legende nur ein geschickter Marketingtrick sein. Vermutlich war es ein gewiefter Juwelier (und hier, auch wenn sich die Quellen nicht ganz einig sind, vermutlich ein Mitglied der Juwelierdynastie Nardini) der sich Mitte des 19. Jahrhunderts ein Beispiel an den kostbaren Ebenholz-Mohren Andrea Brustulons nahm und damit einen genialen Werbeträger erfand.

Im Übrigen wendeten – und wenden – die Venezianer den „Trick“ mit der Verwirrung des Schicksals durch kleine Figuren nicht nur gegen Sklaverei an. Wer genauer hinsieht wird in den Auslagen der Juweliere auch überall kleine, überaus kunstvoll verzierte Totenköpfe finden. Auch sie ein klassisches „Apotrophaion“ – sieht der Tod sich selbst, denkt er, man sei schon tot und verschont einen – und diesmal stimmt die Geschichte, wenn sie auch ursprünglich anders gedacht war. So sollten kleinere oder größere Totenköpfe die in ihrem Luxus schwelgende Oberschicht bereits seit dem Mittelalter daran erinnern, dass auch sie sterblich war und in den Taschen des letzten Hemdes eben nichts mitgenommen werden konnte – ein klassisches memento mori eben. Viel genutzt hat das bei den Venezianern offensichtlich nicht, sie kehrten den Spieß um, machten aus den Totenköpfen luxuriöse kleine Kunstwerke, überhäuften sie mit Juwelen und versuchten – und versuchen mit ihnen sogar den Tod zu blenden…

Sklaverei und Tot...eigentlich keine wirklichen Themata für einen Adventskalender, aber wer mich kennt, weiß, dass ich ’s gelegentlich ein bisschen langweilig finde, immer nur über die schöne heile Welt zu schreiben…

Einen schönen Advent noch.