Des Tages Aphorismus 13_Schlösserwelten

1MaushyriglyphenManchmal braucht es ein echtes Barockschloss um man selbst zu sein – auch und gerade, weil’s nicht das eigene ist…

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Vom Überzwerch sein – oder, warum Schwaben im Exil manchmal extrem komplizierte Menschen sein können…

Labyrinth

Labyrinth

Halb‘ zwölf und mitten in der Nacht und ich, ich ärgre mich – immer noch.

Ob über mich, ob über andere, ob über die Welt, ob über das, was mich an dieser einen Welt so allgemein und ganz im besonderen stört, oder ganz einfach nur über die Unvereinbarkeit der eigenen mit hunderttausend anderen Wahrheiten – ich weiß ich nicht!

Trotzdem oder gerade deswegen ärgere ich mich, bin über Kreuz – in Hochdeutsch.

In Schwäbisch hat dieses sich Ärgern über etwas, von dem man garnicht so genau weiß warum es einen oder man sich selbst ärgert einen Namen: Irgendetwas zwischen grantlá und griablá – was keineswegs mit hochdeutsch „grübeln“ oder gar dem reichlich romantischen Gefühl des allgemeinen „Weltschmerz“ und schon garnicht mit den gutmenschlichen Hypermoralismen gewisser Wut- und Besorgtbürger einher geht – auch und gerade wenn man letzteres angesichts einiger pseudobesorgt-egomanischer Stuttgart 21ler und lautstark pietistisch-homophober Kritiker des Lehrstoffs „sexuelle Vielfalt“ an baden-württembergischen Schulen durchaus mit Recht bezweifeln mag.

Schwäbisch griablá ist eine sehr viel fundamentalere, negativere, tiefschürfende und markerschütternde, aber eben auch schöpferisch existentiellere Tätigkeit. Eng verwandt mit dem Zweifel an allem und jedem inklusive dem eigenen Ich, und daher tiefstphilosophisch und ganz elementar, gelegentlich durchaus auch in Kombination mit dem ebenso zerstörerischen wie hochproduktiven Gefühl der Wut (bis hin zum heil’gen Zorn, der aber – wie oben anhand der schwäbischen Wut- und Pietistenbürger – leicht ins fundamentalistische kippt), bin ich mir gerade nicht mehr ganz so sicher, ob meinem Gefühl des Ärgers und des Zorns nicht noch ein Ver- vorangestellt werden muss und ob ich deshalb den Urzustand des zweifelnden Verärgertseins nicht längst längst zugunsten von etwas urschwäbisch-fundamentalerem hinter mir gelassen habe.

Dem nämlich was man südlich des Odenwalds und Hohenlohes iabrzwerch zu nennen pflegt.

Wortwörtlich übersetzt, mag dies irgendwas wie „über dem Zwerg – also dem Faden“ und nicht unähnlich der Metapher „Über die Stricke oder Stränge schlagen“ bedeuten, jedoch ohne deren durchaus auch positiven Conotation. Ob „iabrzwerch“ allerdings mit dem oben erwähnten  erwähnten „über Kreuz sein“ ident ist, weiß ich nicht, da es gleichzeitig Ursache (die Unzufriedenheit) wie auch Reaktion (das über die Stränge schlagen, vor allem bei Kindern) meinen kann.

Vermutlich muss ich mich daher einfach mit der schlichten Erkenntniss begnügen, dass die Schwaben aus Geschichte klug und vorsichtig geworden, über die Zeit eine besondere Affinität zum Doppeldeutig-Abgrundhaften entwickelt haben und diese Liebe durchaus in der Lage scheint in zwei oder weniger Wortfetzen die -nur scheinbar diametrale – Divergenz zwischen mittels Lot und Faden abgezirkelten Direkten, ordentlichen oder auch nur „normalen“ Ruhen in sich selbst (Dem was Soziologen und Psychologen so leichthin Identität – also das Übereinstimmen mit dem eigenen Ich) und dem was man so gerne wäre, wünscht, ersehnt und anderen sein und geben möchte. Das diese „überzwerche“ Sehsucht nach dem  besseren und guten „Über-Ich“ niemals „ganz“ und „wirklich“ sein kann und darf, weil sie in ihrem Wesen nicht nur gut und heil, sondern zugleich den Keim des diktatorischen und menschenverachtenden in sich trägt, das diese Sehnsucht stets mit dem tödlichen Makel totalitaristischer Ideologie und mörderischer Utopie verbunden ist – auch das hat der am schieren Sein ganz iaberzwerch gewordene Schwabe bitter lernen müssen. Und dies nicht erst in Zeiten als das „Heil!“ zum hohlen und verlogenen Gruß für selbsterklärte „Führer“ verkommen war.

Dieses Gefühl der unabwendlichen Unfertigkeit des Seins ist aber fälschlich Depression. Der Schwabe besitzt Ehrgeiz, manchmal sogar viel zu viel davon und er hat in aller Regel vor lauter Schaffenslust gar keine Zeit um depressiv zu sein. Ein Schwabe oder eine Schwäbin sind dabei maximal abgeschafft, was hierzulande nicht als Burnoutwarnzeichen, sondern höchstes des höchstmöglichen Lobes zu verstehen ist. Es kommt nicht ganz umsonst, dass er und sie als produktivstes, analytischstes und zielstrebigstes aller Wesen gilt, wenn auch dieser Ehrgeiz stets sehr individuell und einzeln bleibt und man es nicht besonders schätzt, wenn dieses Lob allzu öffentlich wird, und einen über den anderen erhebt.

Der Schwabe ist ein Tüftler, Denker, Macher, Schaffer, Gruschtler, Grübler, Denker – und er tut dies vorzugsweise für sich ganz und gar allein zum eigenen Vergnügen. Dabei spricht nicht, sondern er macht – und tut, tauscht sich dabei nicht oder äußerst selten aus, bis etwas ganz und gar in seinen Augen fertig ist – und dann erübrigt sich eh jeder Kommentar, weil das, was rauskommt einzigartig, unvergleichbar  ist – zumindest in den eignen Augen und dieses „Eigenlob“ ist dem Schwaben hunderttausendmal wichtiger als jeder Nobelpreis…denn einen schärferen Kritiker als einen iabrzwerchen, mit allem unzufrieden und an allem zweifelnden Schwaben gibt es nicht auf dieser Welt!

Was der Schwabe daher absolut nicht ist, ist ein Team(-arbeiter). Dafür fehlt ihm der Sinn – oder besser gesagt, es fehlt ihm der Sinn an diesem Tun, da nur das Endergebnis und das eigne Urteil zählt, dem aller Anderen misstraut er und er tut es mit sehr gutem Grund – da er (oder eben sie, die Schwäbin) schon als kleines Kind das Gefühl des Iabrzwerchseins kennt und daher an allem und jedem zweifelt – vor allem an der für ihn reichlich überflüssigen Konvention von ungerechtfertigtem Lob oder permanenter Freudlichkeit. Er oder sie braucht andere eben nicht, um mit sich selbst im Reinen zu sein, braucht nicht die Bestätigung der anderen, sondern nur die eigene – sie ist die einzige die zählt, und sie fällt einem nicht einfach zu, sondern will hart erarbeitet sein. Diese „Selbstarbeit“ und permanente Selbstüberprüfung ist für Schwaben ganz normal, und sie setzen es selbstveständlich auch bei allen anderen menschlichen (und manchmal auch bei tierischen Wesen, wie gelegentliche Dispute von Schwaben mit ihren „uneinsichtigen“ Haustieren reichlich belegen) voraus. Sorgloses in den Tag hineinleben oder sinnenfrohe Selbstvergessenheit sind ihm daher fremd – und er vermisst sie (meist) aber auch nicht, und wenn’s dann doch mal soweit kommt, fährt man eben nach Italien, aber nicht länger als zwei Wochen, denn länger hält man das garnicht aus…Wozu etwas Loben, wenn es gut ist?

Nix gsait isch gnuag g’lobt – oder anders gesagt: Funktioniert eteas nicht, ist dies kein Zufall, sondern tadelswerte Absicht des je anderen, die nicht auf Vergesslichkeit oder Unfähigkeit, sondern darauf beruht, dass der andere sich nicht genügend anstrengt, und ganz offensichtlich in hedonistischstem Selbstlob gefangen ist. Sprich: die Kritik kann, wenn sie denn kommt – und sie kommt spät, da es den iabrzwerchen Schwaben normalerweise nicht interessiert, was andere machen, da sie nicht Teil der „eigenen“ Welt sind – sehr heftig und grundsätzlich ausfallen. Je nach persönlichem Temperament kommt dabei dann eben die kehrwochenkontrollierenden Nachbarin oder das einsame Genie heraus, dessen Erfindungen man erst posthum entdeckt.

Tue und schweige (meist) darüber und nerve andere nicht mit dem was du beim tuen tust und denkst, das ist das Credo. (Daher ist das, was ich gerade mache sehr unschwäbisch).

Wer mit dem, was er kann herausdringt, wer sich darstellt und gar vermarktet, wer offen sagt was er sich denkt und sein geheimes, eignes, individuelles Wissen teilt, gilt als zutiefst verdächtig, denn der Schwabe ist zu klug um auf geblähte Lebensläufe einzugehen oder sich Wörter anstatt Taten anzuhören – für ihn sind sie im besten Falle heiße Luft und Zeitverschwendung, im schlechtesten Verrat und Lüge. Nur das Ergebnis zählt und es genügt, der Weg ist individuelle Sache, wie dies geschieht, wie lang es dauert, was man dabei macht, fühlt und denkt, geht absolut niemanden etwas an und ist tabu – der geborene Erfinder eben, nicht der Entrepreneur, denn Geld gilt als moralisch höchst verwerflich. Man hat es, zeigt es nicht, spricht nicht darüber (allenfalls in Form von Hektar, aber das nicht gern und nur im Rahmen von Heiratsverhandlungen und beim Finanzamt) und genießt für sich (wenn überhaupt, denn Geld zu haben heißt nicht es auch auszugemen).

All das macht den Schwaben und die Schwäbin nicht nur für Nicht-Schwaben recht schwierig im Umgang, vor allem aber zum schlimmsten Alptraum aller Serviceorientierten Teamlader oder Werbestrategen… Die schwäbische Hausfrau, die sich im Geschäft jede Hilfe verbittet, weil sie dahinter (zurecht) den Versuch vermutet ihr etwas aufzuschwatzen was sie nicht braucht, oder der Schwabe, der einen Kellner zurechtweißt, weil er es gewagt hat mehr als die Bestellung auf- und die Rechnung abzunehmen sind legendär (was nicht heißt, dass man als Kunde nicht die absolute Aufmerksamkeit des Personals erwartet, aber eben ohne dass es einen durch den Laden verfolgt oder alle zwei Sekunden fragt, ob man etwas braucht. Man ist schließlich aus dem Kleinkindalter heraus und wird sich schon rühren, wenn man etwas braucht – dass man für Leistungen, die man nicht braucht selbstverständlich kein Trinkgeld gibt, dürfte sich da von ganz allein erklären). Wie gesagt, einfach sind sie nicht im Umgang die Schwaben, aber höchst effizient und man sollte als Nicht-Schwabe nie die tiefe Anerkennung geringschätzen die sich hinter einem vielsagenden schwäbischen Schweigen, oder gar einem „scho“ (dt. schon (recht)) oder gar „ma ka’s lau“ (dt. man kann es lassen) verbrigt.

Warum das so nun ist? Well, lange Story – wie bereits gesagt: Die Geschichte zeigte dem Schwaben, dass er außer sich allein niemand vertrauen kann. Das macht ihn eigen aber eben auch (selbst-) verantwortlich.

Daher funktioniert der schwäbische Seinszustand des „Überzwerchseins“ ganz und gar anders als das große „Leiden am inneren Schweinehund“ oder der noch größere und allumfassende „Weltschmerz“. Es ist eher das Leiden am Gegenteil, am Zuviel im Kopf, an den ungenutzten Möglichkeiten, aber auch an dem Zwang sich anderen erklären zu müssen…wozu auch?

Verzweiflung und Resignation gehören eher nicht dazu, denn es gibt dazu viel zu viel zu tun, und ehrlich gesagt: es gibt ohnehin zu viel in der Welt an dem man verzweifeln kann, da muss man dann nicht selbst auch noch andere in die Verzweiflung treiben indem man verzweifelt – es „nutzt“ eh niemandem, aber das wäre zu utilitaristisch gedacht für einen Schwaben. Das heißt nun nicht, dass es in Schwaben keine depressiven oder verzweifelten Menschen gibt. Es gibt sogar jede Menge davon, und diese sind dann ganz besonders schlimm drann, da sie etwas nicht mehr können, was der „normalgebliebne“ (aber was ist schon „normal“) Schwabe (noch) kann:

Er oder sie schafft sich, trotz oder gerade wegen allem Andern, die ganze eigene Welt aus Idealen, Wünschen, Gefühlen, Erwartungen, und Aspirationen in eine damit inkompatiblen (Um)Welt wortwörtlich von den Schultern indem er dichtet, denkt, gruschdelt, werklat, schafft, krittlad, wualad oder einfach nur ist (was er oder sie aber in aller Regel keine fünf Minuten aushält ohne dabei irgendetwas zu tun). Er oder sie tut dies aus eigner Kraft und kümmert sich dabei einen gottverdammten Scheißdreck darum was die andern davon denken.

Dass der Schwabe (oder dann eben doch zu allermeist die Schwäbin) dabei trotzdem seine/ihre Kehrwoch macht, ihren oder seinen Vorgarten pflegt, zur Dorfhoggede geht oder seit 30 Jahren als Schriftführerin im örtlichen Schützenverein tätig ist, ist eine nicht zu unterschätzende – und historisch gesehen gar nicht so freiwillig erfolgte – Integrationsleistung, gibt dem Gegenüber aber lange noch nicht das Recht sich in das Innerste des Andern einzumischen. Es ist im Schwäbischen ein gewaltiger Unterschied ob ich den Nachbarn auf seinen unaufgeräumten Vorgarten aus dem Löwenzahnsamen in meinen Garten fliegt hinweise, oder ihn oder sie auf seine „gruschtige“ Werkstatt oder gar Waschküche aufmerksam mache. Ersteres ist öffentlicher Raum und daher kritikfähig, Letzteres Ausdruck des privaten Genies und daher tabu – was im Schwäbischen in aller Regel auch für alle Formen von Kunst und Dichtung gilt. Nix gsait isch gnuag globt kann im Zweifelsfall eben auch bedeuten, dass es nicht gefällt…Richtig, da ist sie wieder die Doppeldeutigkeit und ja, es gibt sie auch die schwäbischen Wutbürger – aber wenn es sie gibt, dann muss irgendwas zuvor ganz und gar und komplett verkehrt gelaufen sein (und meist hat das dann irgendetwas mit Nichtschwaben zu tun, die direkt oder indirekt für das ganze Schlamassl verantwortlich sind).

Für Nicht-Schwaben macht dies den Schwaben zum fast permanenten Minenfeld. Er weiß nicht wo die Grenzen liegen. Für Neoliberale Effizienzfetischisten und work life blender (wie schön, dass der Wortstamm „blend“ im Deutschen, wie auch (Alt-)Englischen einen gemeinen fießen Bedeutungshof von verfälschen und Betrug enthält!) macht es den oder die Schwäbin zum nichtbestechbaren, unkorrumpierbaren Alptraum, denn der echte Schwabe wird stets sehr fein unterscheiden, wo er und sein Privates, ja Intimes endet und der für andere verfügbare (und damit auch vermarkt- und bewertbare) Bereich beginnt. Ob dieser Befund nun so ganz mit dem, was neudeusch „work-life-balance“ genannt wird und einer – gar nicht so undankbaren, sondern sehr weltklugen – Generation Y als schlimmster Makel angedeutelt wird identisch ist – ob es also zu einer „Verschwäbisierung“ postmoderner Lebensstile und -erwartungen gekommen ist, mögen andere entscheiden, dem Schwaben genügt dabei so zu sein, wie er schon (fast) immer war.

Wenn Schwabe und Schwäbin dabei zufälligerweise zur Speerspitze einer modernen Sozialbewegung werden, die es sich nicht mehr gefallen lässt, dass ihr Leben auf Leistung und Verwertbarkeit reduziert wird, auch gut, oder umso besser – und spätestens damit dürfte dann auch klar sein, das schwäbische Effizienz etwas vollkommen anderes ist, als es sich neoliberale Prozess- und Lebensoptimierer träumen lassen. Sie ist im besten Sinne des Wortes „wertfrei“ und damit auch – es tut mir garnicht leid – nicht ökonomisierbar. Wenn dies denn, wie beim Auto doch passiert, dann garantiert nicht aus Absicht, sondern eher aus Zufall, weil’s eben so genial ist, was dabei rauskommt, wenn Schwaben mal wieder „iabrzwerch send ônd deshalb schaffad“. Das kann man nun neudeutsch „hidden crowd intelligence“ nennen, muss man aber nicht. Vor allem dann nicht, wenn irgend ein IT-ler auf die hirnverbrannte Idee kommt, diese via world wide web erfassen, bewerten und vermarkten zu müssen. Die schwäbische Werkschdatt ist eben kein think pool.

Und damit zurück zum Schwaben: Sein Vesper ist ihm ebenso heilig, wie die Freizeit, denn die braucht er/sie ganz exklusiv für sich allein und das, was er ganzgar für sich, und niemand andern darin schafft – zumindest einen Teil davon. Er akzeptiert hier keine Grenzverletzung, scheidet rasierklingenhaft genau zwischen „Arbeit“ und „Schaffen“.

Arbeit ist für Schwaben allein schon aus moralischer Aufrichtigkeit dem „Arbeitgeber“ gegenüber bzw. dem Fakt, dass er sie nicht ganz und gar für sich selbst tut, nie Erfüllung, sondern bestenfalls produktive Kasteiung, ja Leiden und wird dies auch ewig sein  – anders ausgedrückt: Arbeit funktioniert für Schwaben einzig und allein nach dem Muster der Plage und des Sysiphos.

Schaffen hingegen…Nun das ist für andre – Nichtschwaben – zwar auch Abreit, für den Schwaben aber Selbsterfüllung, die im Idealfall nur völlig eigenbestimmt und daher nur sehr bedingt mit einem Angestelltenverhältnis gegen Entgeld vereinbar ist. Das ganze geht sogar soweit, dass nicht wenige Schwaben geben, die angebotene Entgelder für „Geschaffenes“ rigeros ablehnen, um ihr „Schaffen“ nicht zur „Arbeit“ abzuwerten.

Schaffen ist etwas heiliges, ja schöpferisches, dass nunmal nicht „auf Anweisung“ funktioniert oder funktionieren kann, weil es das benötigt, was der Schwabe „Luas“ nennt, und dem was hochdeutsch „Muße“ ist, entspricht. Und ja, auch Schwaben haben dabei das gleiche Problem der Unterscheidung zwischen Muße und Faulheit wie alle anderen Deutschen, kommen aber zumeist weniger in Verlegenheit diese „Muse“ gegenüber anderen erklären oder gar rechtfertigen zu müssen, da schwäbische Luas meist mit einer recht regen Tätigkeit verbunden ist, und selten länger als 30 Sekunden „Untätigkeit“ beinhaltet, weil man in und mit seiner „Luas“ eben etwas „schaffen“ will und kann (aber eben nicht muss, das ist wichtig, sonst ist das „Schaffen“ – richtig, Arbeit!).

Am besten also lässt man den Schwaben oder die Schwäbin einfach machen, wenn er schafft (und idealerweise auch wenn er arbeitet, dann merkt er oder sie vielleicht garnicht, dass es arbeit ist und denkt er/sie schafft). Und nein, man diskutiert auch nicht mit ihm oder ihr über die Sinnhaftigkeit ihres/seines Tuns. Das hasst er, es ist sinnlos, weil er sich – iabrzwerch wie er oder sie nunmal ist – längst selbst den Kopf über den Sinn zerbrochen hat und zu dem Ergebnis kam, dass sich das, was er oder sie tut – trotz und nicht wegen allem – lohnt.

Daher braucht es für Schwaben beim Schaffen (oder beim schaffenden Arbeiten) keine Diskussion, und ja, er oder sie legen keinerlei Wert auf Abstimmung, Beratung oder auch nur Konsens, da die Entscheidung längst – für sich –  getroffen ist. Danach ist es einfach nicht einsehbar, weshalb es noch mehr als einen Weg geben sollte – nämlich gesagt: den je Eigenen! Und ja, der oder die Schwäbin nehmen es äußerst persönlich, wenn jemand darüber anderer Meinung ist (es dauerte 500 Jahre um dem Schwaben soetwsa sinnfreies, wie die Kehrwoche beizubringen, und es dauerte weitere 200 Jahre um aus den eigenbrödlerischen und auf ihren einsamen Albhöfen sitzenden schwäbischen Bäuerles gute Fließbandarbeiter beim Bosch oder bei Mercedes zu machen. Man sollte also besser nicht am Sinn dieser Tätigkeiten zweifeln, wenn man nicht will, dass der oder die Schwäbin sich auf ihr kulturelles Erbe als eigenständiges Menschliches Wesen besinnt und sofort das System und die Welt wie sie ist als solches in Frage stellt indem sie den Besen einfach Besen sein lässt und den gutbezahlten Job bei den Untertürkheimern hinschmeißt, um sich auf die Alb und in die eigene Werkstatt zurückzuziehen und zu „schaffen“ (Und ja, das gibt es bei Schwaben sehr viel häufiger als bei anderen Menschen, wer’s nicht glaubt der möge sich bei all den Schafzüchtern, Tüftlern und Biosphärenparkführerinnen, Künstlern, KleinsttheatermacherInnen, Käseproduzenten und Solarflugzeugbauern, Besensammlern und Marmelade (schwäb. Gsältz)-Köchinnen und Köchen umsehen, die unser Land so reich machen.

Das mag nun autistisch, ja sozialpathogen klingen, funktioniert aber bestens, solang niemand auf die Idee kommt, ein Team sei mehr als einzelln vor sich hinwurschtelnde Individuen… Wer aber abwarten kann, hofft, glaubt und weiß, dass sich Menschen auch ohne permanente Überwachung, Anweisungen und gutgemeinte Ratschläge, Teamsitzungen und sportliche Betriebsausflüge organisieren können, wer akzeptieren kann, das dieses sich Aneinanderabarbeiten und „Zusammenwurschdeln“ mitunter etwas Zeit braucht (dann aber auch wirklich und auf Dauer funktioniert!), und nicht immer auf den Wegen läuft, die man sich selbst so vorgestellt hat; Wer dann auch noch akzeptieren kann, dass er eben nicht immer bekommt, was er will, sich aber stattdessen über das freuen kann was er völlig unerwartet an mehr bekommt, der ist in Schwaben richtig. Alle anderen sollen es besser lassen, denn sie sind uninteressant für die Bewohner eines Landes, die ganz nebenbei in ihren Garagen und Hinterhöfen etwas wie Flugzeuge und Autos schaffen oder – wenn das gerade zu langweilig wird – eben Gedichte, Theaterstücke, Lieder und Romane schreiben.

Das heißt nun nicht dass der Schwabe Einsatz für andere nicht schätzt, oder gar seine Arbeit nicht erledigt, ganz im Gegenteil, aber er weiß eben auch, dass dies nur ein Teil des Lebens ist und erledigt diese notwendige Arbeit auf seine sehr eigene einzigartige Weise. Und ja, Schwaben wissen auch, dass es neben der Arbeit auch noch anderes und wichtigeres gibt, und nehmen und brauchen diese Freiheit zu Leben und zu schaffen spätestens nach Feierabend auch. Sonst gehen sie kaputt, wie jeder Mensch, dem diese Freiheit nicht gegeben wird. Alles hat eben seine Zeit…Das Arbeiten (dass gutpietistisch eben Leiden ist, und daher auch Aufgaben und Wege enthalten darf, die andere vorgeben, allein schon deshalb, weil man dadurch für seine Sünden büßt) und das Schaffen, das einem ganz und gar allein gehört, und auch am besten ganz allein an einem Ort „macht“ der einem einzig und allein gehört und zu dem kein, oder nur sehr wenige andere Zugang haben.

Das ist vermutlich auch der eigentliche Grund für den wahr gewordenen Mythos vom Schwäbischen Häuslesbauer – Diskussion über ökologische Fingerabdrücke oder Zersiedelung der Landschaft, die Vorzüge des Lebens in der Stadt oder Dörfliche Enge zwecklos! Für den potentiellen Arbeitgeber heißt das, dass der Schwabe im Arbeitsmodus zwar zumeist immer noch schaffiger ist als die meisten seiner nichtschwäbischen Kollegen, wirklich genial wird er aber nur im iaberzwerchen „Schaffensmodus“ und den muss man als Arbeitgeber erstmal gewähren, schätzen, dulden und „schaffen“ lernen.

Und auch wenn das jetzt seltsam klingt, ich bin nun wieder klar im Kopf, ich habe Luas und schaffe und damit bin ich im Lot. Dass ich damit nicht mehr iaberzwerch bin, kann ich aber nicht behaupten…das wäre aber auch alles andere als gut, denn dann würde ich vermutlich weder heute Nacht hier sitzen, noch ab und an in meinem Gärtle oder in der Werkstatt herumwerkeln, oder an einem Roman oder Lyrikband schreiben.

PS: …und das mit den Berlinern und den Schwaben erklär ich Euch auch mal…irgendwann…

Buon Nuit, ich hoffe ihr schlaft gut.

„If live would be like opera“…

Sometimes you wonder why life can not be like the Overture to Hasse’s L‘Eroe Cinese… Even if this overture is missing one part (it has only two), and sounds like a balett,  together with the quite defiant and a bit bulky opening part of Handel’s Semele“ it belongs to to my favorites baroque musical pieces. Hilariously, maybe even a bit playful, phased sometimes in minor, but always with anundertone‘ that – unlike the overture of Handel’s Semele leaves no doubt that life is a pleasure!

It may sound crazy from today’s perspective but sometimes I wonder quite seriously, when we have actually forgotten how to think and act in terms of pleasure, sensuality, hatred, murder, manslaughter and unrestrained love and whether this development of mankind is the promised „good sense, which was promised us as dowry by the great Enlighteners for our departure from the scary ambivalent world of Baroque, in which science and superstition, hatred and love, reason and feeling, understanding and faith just not made those strictly separate spheres, as which we define them today.If I’m thenlost in thoughts – look to the news tickers and live circuits of my multimedia blessed environment, I‚m no longer sure if we are really on the way to the enlightened paradise, or are in the midst of a self-made hell in which we only with enourmous difficulties are maintaining the illusion that man is really that noble, good and wise being, as which we love to see him.

There are no means of hollow pathos, false nostalgia and utopia, that let me ask occasionally whether the ancien régime actually was such a much poorer place for that I appreciate the blessings of modern dentistry and fundamental human rights really too much! But I continue to ask myself every day more, what’s the price we pay for that? Not that I aim with my lament at the increasing restriction of these blessings by the pervasive ideology of unbridled neo-liberalism against the last remnants of what the welfare state once was, or the secret and not so secret general supervision in the united names of commerce and counter-terrorism at least for the moment I do not

.No,

what I was wondering about was the question, what has reasonableness“ done to our senses, feelings and sensations. Compared to our ancestors who drank, ate, played, had sex, plucked, believed and aligned quite openly, today we are miserable self-perfection trimmed perfectionist, vegan castrati with lactose- and glutenintollerance that hardly dare open their loved one to describe feelings, for fear they might hold for potential rapist or nymphomaniacs.O tempore o mores

On the other side: you have today at least most of us no more fear to be tapped

and eviscerated during night-time and in Europe (at least the part belonging to the European Union) four divisions, burning of witches and famines now seem to be somewhat out of fashion come. I formulate this in this way deliberately , since man are beings easily seduced, and given the nonchalance with which we’re tolerating such things in other, not so distant parts of the world, I’m not so sure whether most of us would actually stand still behind their values or rather would opt for their maximum possible profit. For the latter, it matters nothing if journalists are tortured, homosexuals are burned and women are reduced to sex slaves as long as their profit isn’t endangered No, we are not better than our ancestors, which Semiramis, Galatea and Alcina still drove tears in her eyes and Rogiero, Polyphemus or a aria of Bajazet still drove a flush of anger in the face. We are just more subtle (if we are more sublime is another question). Hiding our feelings and resentments, our hatred and our contempt, the everyday little mobbing and our deadly prejudices better behind a facade of bleeched appearence and openness, common sense and decency (oh how I hate this word!). Even our bodies are not spared from this „Bourgeois ideologyof self-optimization. We fear the roast pork, condemn alcohol and nicotine, and carry a constant battle with our baser instincts not to stop the daily fitness programm and what’s this all about? Because we want to be like the gods: durable, flexible, mobile, fit, beautiful, desirable, rich and powerful while we should all know that the gods are dead, and we have killed them, like Nietzsche wrote. Maybe this godlessness is precisely the problem yet.

In such a world neither Haendel’s „Ambition, I was never defeated“ (HWV 202) nor the warning of Cyrus before the limits of that „destructive war“ (HWV 61) has any real chance to be heared.

Maybe, no quite for sure, it’s this duplicity, this increasingly unbearable Charade in everyday life, the hybris of self-ability, self-improvement and merciless effciency even conquering the last parts of privateness, which makes so many peoole yearning for a supposedly better and happier times, even at the risk that one there – quite literally loses his head.

In harmless cases, those Disapointed seek refuge in Middle Ages Festival, knights tournaments, venetian carnival clubs, folklore groups and other reenactment activities. In less good cases they end up with racist brotherhoods, fascist patriot associations, AL Qaeda or the IS.

For my part I am content to live in aWunderkammer‘, occasionally spending an evening with an opera, dancing a minuet not too frequently, and then quickly return to the here and now knowing exactly what benefits it has to live in Germany in 2015. To be honest: there was only one Luis XIV and even he had to live with a more than pesky court ceremonial, bigoted idiots, horrible toothache, gout, and gangrene half of his life

Maybe we should all go into ourselfes at this Ash Wednesday and think very carefully about how we want to be our world, it might could happen that our desires become reality!

Behold in this mirror
Whence comes my surprise!
Search luster and terror
Unite in your eyes,
That mine can not fix on a radiance so bright,
‚Tis unsafe for the sense and too slipp’ry for sight.

(Excerpt from a libretto by Newburgh Hamilton for G.F. Haendel’s  drama in musica „Semele“

(first performance in 1744) Aria of Juno, Act 3, Second Scene)

Manchmal fragt man sich, warum das Leben nicht so sein kann, wie die Overture zu Hasses „L’Eroe Cinese“… Auch wenn dieser Overtüre eigentlich ein Satz  fehlt (sie hat nur zwei), und sie eher klingt wie eine Baletteinlage, gehört sie neben jener ganz und gar trotzigen Eröffnung von Haendels „Semele“ zu meinen barocken Favoriten. Vergnügt, vielleicht sogar ein bisschen verspielt, phasenweise auch mal in moll, aber immer mit einem Unterton, der – ganz anders als die Auftraktsätze von Haendels Semele – keinerlei Zweifel daran lassen, dass das Leben ein Genuss ist.

Es mag aus heutiger Sicht fast verrückt klingen – aber gelegentlich frage ich mich ganz ernsthaft, wann wir es  verlernt haben in Kategorien von Lust, Sinnlichkeit, Hass, Mord, Todschlag und hemmungsloser Liebe zu denken und zu handeln; und ob diese Entwicklung der Menschheit wirlich jene versprochene „Vernunft“ gebracht hat, welche uns die großen Aufklärer als Morgengabe – für unseren Abschied aus der beängstigend ambivalenten Welt des Barock in der Wissenschaft und Aberglaube, Hass und Liebe, Geist und Gefühl, Verstand und Glaube eben noch nicht jene strikt voneinander getrennten Sphären bildeten, als die wir sie heute allzu gerne betrachten – versprochen hatten.

Wenn ich dann gedankenverloren die Newsticker und Liveschaltungen meiner multi-mediagesegneten Umwelt Revue passieren lasse bin ich mir plötzlich garnicht mehr so sicher, ob wir wirklich auf dem Weg ins aufgeklärte Paradies sind, oder uns nicht vielmehr längst inmitten einer selbstgeschaffenen Hölle befinden, in der wir nur noch mühsam die Illusion aufrechterhalten, dass der Mensch wirklich jenes edle, gute und kluge Wesen ist, als das wir ihn alle so gerne sähen.

Es sind dabei keinesfalls hohler Pathos, falsche Nostalgie und Heileweltseligkeit, die mich gelegentlich fragen lassen, ob jenes ancien régime tatsächlich ein so viel schlechterer Ort gewesen ist – dazu schätze ich die Segnungen einer modernen Zahnmedizin und grundlegender Menschenrechte denn doch zu sehr. Doch frage ich mich mit jedem Tag mehr, welchen Preis wir dafür bezahlen. Nicht dass ich mit meinem Lamento auf die zunehmende Einschränkung dieser Segnungen durch die um sich greifende Ideologie des schrankenlosen Neo-Liberalismus gegen die letzten Reste des Wohlfahrtsstaates oder die allumfassende geheime und garnicht so gemeime Generalüberwachung im vereinten Namen des Kommerzes und der Terrorabwehr abziele…jedenfalls im Moment nicht.

Nein, ich frage mich, was die Göttin der „Vernunft“ (im Deutschen gerne und alles andere als zutreffend auch gesunder Menschenverstand genannt) unseren Sinnen, Gefühlen und Empfindungen angetan hat. Verglichen mit unseren Vorfahren, die ganz ungeniert soffen, fraßen, hurten, spielten, rauften, glaubten und fluchten, sind wir heute jämmerliche auf Perfektion und Selbstvervollkommnung getrimmte, vegane Kastraten mit Laktose- und Glutenintolleranz, die sich kaum mehr trauen einem geliebten Menschen offen ihre Empfindungen zu schildern, aus Angst man könnte sie für potentielle Vergewaltiger oder Nymphomaninen halten.

O tempore o mores…

Auf der anderen Seite: Man muss heute – zumindest meistens – keine Angst mehr haben zu nächtlicher Stunde abgestochen und ausgeweidet zu werden und zumindest in Europa (jedenfalls dem Teil, der zur Europäischen Union gehört) sind Vierteilungen, Hexenverbennungen und Hungersnöte inzwischen einigermaßen aus der Mode gekommen. Ich formuliere dies nun absichtlich so, da der Mensch ein mehr als verführbares Wesen ist, und ich mir Angesichts der Nonchalance mit der wir derartige Dinge in anderen, garnicht so weit entfernten Gegenden der Welt dulden, ja durch unsere Gier befördern, garnicht so sicher bin, ob die meisten von uns im Zweifelsfall  tatsächlich noch hinter den zugehörigen Werten stehen würden, oder sich nicht doch lieber für die maximalmögliche Profitmaximierung entschieden, bei der es auch nichts ausmacht, wenn Journalisten gefoltert, Homosexuelle verbrannt und Frauen zu Sexsklavinnen degradiert werden…

Nein, wir sind nicht besser als unsere Vorfahren, denen Semiramis, Galatea und Alcina noch die Tränen in die Augen trieben und denen ein Rogiero, Polyphem oder die Arie eines Bajazet noch die Zornesröte ins Antlitz trieb. Wir sind nur subtiler (ob wir sublimer sind, ist eine andere Frage), verstecken unsere Gefühle und Resentiments, unseren Hass und unsere Verachtung, die ganz alltäglichen kleinen Quälereien und unsere tödlichen Vorurteile nur besser hinter einer gebleeachten Fassade aus scheinbarer Aufgeschlossenheit, Vernunft und Wohlanständigkeit. Selbst unsere Körper sind von dieser „Biedermannideologie“ der Selbstoptimierung nicht verschont geblieben. Wir fürchten den Schweinebraten, verdammen den Alkohol und das Nikotin und führen einen permanenten Kampf mit dem uns vom täglichen Fitnesswahn abhaltenden inneren Schweinehund – und wofür das alles? Weil wir sein wollen wie die Götter: belastbar, flexibel, mobil, fit, schön, begehrenswert, reich und allmächtig…dabei sollten wir doch alle wissen, dass die Götter tot sind und wir sie selbst umgebracht haben (wie schon Nietzsche schrieb)…aber vielleicht ist diese Gottlosikeit ja gerade das Problem (auch dass wusste Nietzsche schon…).

 Da hat Händels „…Ehrgeiz hat mich nie besiegt“ (HWV 202) ebensowenig eine Chance auf Gehör, wie die Warnung des Cyrus vor den Grenzen jenes „zerstörerischen Krieges“…(HWV 61).

Vielelicht, nein ganz sicher, ist es ja diese Doppelzüngigkeit, diese von vielen als zunehmend unerträglich empfundene Charade des Alltags, die Hybris von der Allmachbarkeit, Selbstverbesserung und bis ins privaten übergreifenden Effzienz, die heute so viele dazu bringt sich nach vermeintlich besseren, glücklicheren, menschlicheren Zeiten zurückzusehnen, auch auf die Gefahr hin, dass man dabei – ganz wörtlich – seinen Kopf verliert.

Im harmlosen Fall landen die von der Welt wie sie ist Enttäuschten dann bei Mittelalterfestspielen, Rittertournieren, venezianischen Karnevalsvereinen, Trachtengruppen und anderen Reenactmentbespaßungen. Im weniger guten Fall landen sie bei rassistischen Bruderschaften, faschistischen Patriotenvereinigungen, AL Qaida oder dem IS.

Ich für meinen Teil begnüge mich damit in einer Wunderkammer zu leben, gelegentlich einen Abend mit der einen Oper zu verbringen, ganz selten auch ein Menuett zu tanzen um dann ganz schnell wieder im Hier und Jetzt anzukommen und ganz genau zu wissen: Es hat verdammt viele Vorteile im Deutschland des Jahres 2015 zu leben, denn sind wir nur einmal ehrlich: Es gab nur einen Luis XIV. und selbst der hatte es neben einem mehr als lästigen (selbst ausgedachten!) Hofzeremoniell, sein halbes Leben lang mit bigotten Idioten, grauenhaften Zahnschmerzen, Gicht und Wundbrand zu tun…

Vielleicht sollten wir alle am heutigen Aschermittwoch in uns gehen und uns ganz genau überlegen, wie wir uns unsere Welt wünschen, es könnte passieren, dass unsere Wünsche in Erfüllung gehn‘!

Behold in this mirror
Whence comes my surprise!
Such lustre and terror
Unite in your eyes,
That mine cannot fix on a radiance so bright,
‚Tis unsafe for the sense and too slipp’ry for sight.“

(Auszug aus dem Libretto von Newburgh Hamilton zu G.F. Händels 1744 uraufgeführtem Drama in musica „Semele“ Arie der Juno, 3. Akt, zweite Szene)

Espresso Marie Antoinette

Manchmal sind des die „kleinen Dinge im Leben“, die einen auf große (und manchmal auch nicht so große) Ideen bringen. In diesem Fall war’s die Nachfrage einer Studentin, die wissen wollte, wer denn da eigentlich auf der „Familienerbstücksbrosche“ abgebildet sei…und weil ich es dann viel zu langweilig fand, ihr einfach nur den Wikipedia-Link zu schicken, hab ich mir gedacht: Warum nicht gleich eine Kaffee-Creation nach der Dargestellten benennen? Schließlich hat ihre Frau Mama, unsere noch immer heißgeliebte Kaiserin Maria Theresia schon lange ihren „Maria-Theresia-Caffé“, warum also nicht auch die Tochter?

Ihr wisst immer noch nicht wen ich mein? Well, lasst es mich mal so versuchen: Sie war der unumschränkte Superstarstar ihrer Zeit, schön, reich und vielleicht auch ein ganz klein wenig naiv, und sie viel tief, als Herrscherin, als Mutter und nicht zuletzt auch als Mensch. Maria Antonia Josepha Johanna von Habsburg-Lothringen, Erzherzogin von  Österreich, Prinzessin von Ungarn, Böhmen und Toskana, spätere Dauphine und Königin von Frankreich und Navarra unter dem Namen Marie Antoinette.

Und sie war ein anerkannter Feinspitz, wie man in ihrer Heimat Wien anstatt „Gourmet“ oder „Leckermaul“ sagen würde. Keine noch so raffinierte Mehlspeise, kein noch so außergewöhnliches Getränk, dass sie und ihre Köche nicht um eine entscheidende Nuance bereichert hätten. Vielleicht hätte er ihr ja geschmeckt, der Espresso Macchiato mit Mandarinensirup, Zimt und Veilchenzucker, den ich mir heute morgen genehmigt habe. Auch wenn ich stark vermute, dass sie die Variante mit Schokolade bevorzugt hätte. Wenn ihr also wieder mal eine Brosche oder eine kleine Miniatur habt, bei der ihr nicht so ganz genau wisst, wer oder was drauf abgebildet ist: immer her damit…vielleicht fällt mir ja noch der eine oder andere Cocktail oder Longdrink ein 😉

Espresso Macchiato Marie Antoinette

Espresso Macchiato „Marie Antoinette“ 

Zutaten:

1 starker Espresso (wienerisch: kleiner Schwarzer)

1/2 Teel. Mandarinensirup

1 Eßl. Milchschaum

etwas Zimt und Veilchenzucker zum garnieren.

Zubereitung:

Mandarinensirup auf den Boden der Tasse oder des Espressoglases geben, mit Espresso auffüllen,    Milchschaum vorsichtig obenauf platzieren so dass ein weißer Punkt mit braunem Rand aus Créma entsteht, mit Zimt und Veilchenzucker garnieren und servieren!

 

 

Das leise Bröckeln des Ebracher Herkulesbrunnens, oder: warum ich manchmal laut fluchend durch Barockgärten marschiere

Herkulesbrunnen Ebrach, Winter

Herkulesbrunnen Ebrach, Winter

Herrgottzackzement, muss man denn hinter allem selber her sein!“

Vermutlich hatte sich meine Begleitung den kleinen Ausflug ins Oberfränkische Kloster Ebrach etwas geruhsamer vorgestellt. Jetzt jedenfalls schaut er mich an, als sei ich wieder einmal ein ganz klein wenig verrückt geworden. Zugegeben, die wenigsten Besucher eines  verwilderten Barockgartens brauchen fünf Minuten, bis sie sich auf der Parkbank exakt so platziert haben, dass sie absolut parallel in der Hauptachse sitzen und dozieren dann auch nicht über falsch gepflanzte Apfelbäume, die ebenjene verstellen. Sie stellen sich auch nicht feuer- und mordio-zeternd vor zutrittsverweigernde Absperrketten, die den baldigen Absturz weiterer Teile der Gartenpavillions verkünden, vor allem aber fangen sie nicht an, mitten in einem weiteren Exkurs über Herkules, Gaia, Anteus und die Jahreszeitensymbolik von Kohl- und Lattichblättern an Flussgötterstatuen lauthals fluchend den sofortigen Ersatz der wind- und wetterumtosten Orginalstatuen durch Kopien zu fordern…

Leider! Denn würden ein paar weniger Besucher ihr Riesenschnitzel, die ach so hübschen Unkräuter oder die sich paarenden Feuerwanzen filmen und sich stattdessen über den gottserbärmlich-ruinösen Zustand großer Teile ihres Kulturerbes aufregen, würden vielleicht ein paar mehr Verantwortliche auf die Idee kommen, dass Wasser und Salpeter kein wirklich guter Haftgrund für barocke Fresken sind…Well, vermutlich verhält es sich damit genau so wie mit dem Mann, der sich inmitten des perfekt achsialsymetrischen Wandaufbaus des Ebracher Fast-Kaisersaals über die angebliche Assymetrie der Säulenbasen aufregt!

Immerhin, es grasen keine vandalischen Pferde der Forstverwaltung mehr im Barockgarten, und auch die ersten Mini-Restaurierungen einiger Zwergfresken im Hausgang ist angedacht (…eigentlich schon dieses Jahr, aber jetzt kommts doch erst im nächsten. (oder im übernächsten, oder im überübernächsten, grrrr…) Ansonsten werden wir uns wohl weiter an pitturesk zerbröselnde Grottenarchitekturen, frostgesprengte Figurengruppen und Netze, die uns vor herabfallenden Stuckteilen bewahren gewöhnen müssen. „Des hom mir scho immer so g’mocht, und do möchdn mir a nix vo Fremdn dron gännert hom!“. Vermutlich ist diese aecht urfränkische Verweigerungshaltung auch die Erklärung für den hartnäckigen Wiederstand der Steigerwäldler gegen einen Nationalpark…es könnten ja wirklich Menschen aus der Stadt oder gar Ausländer auf die Idee kommen hier Urlaub zu machen und Geld auszugeben, Gott bewahre!

Lassen wir das lieber, sonst könnt’s am End sein, dass ich mich länger in Ebrach aufhalten darf, als mir lieb ist…obwohl…dafür bin ich gottlob schon zu alt, die JVA nimmt nur hochbestrafte Täter bis 24.

Als New York noch ein Kleines abgelegenes Eiland am anderen Ende der Welt mit Klinkerhäusern im holländischen Stil war…

Beknopte Beschryving der Engelschen en Franschen Bezittingen 1755

Beknopte Beschryving der Engelschen en Franschen Bezittingen 1755

Es sind die seltsamen kleinen Zufälle, die halbvergessenen Dinge und die Neugier, die unser Leben erst lebenswert machen

Einer dieser seltsamen kleinen Zufälle ist mir heute Abend in Form eines kleinen Stapels mit altertümlichen Lettern bedruckten Seiten aus dem 18. Jahrhundert begegnet. Irgendwann mit rostigen Heftklammern in längst verblasstes, vielleicht einmal Blaues Einschlagpapier „gebunden“ hatte ich das in Alt-Niederländisch geschriebene Büchlein vor über 20 Jahren in einem Schaufenster eines Antiquars entdeckt und es weniger wegen seines barock-umständlichen Titels, denn wegen der Verwendung einiger weniger Holzschnittinitialen gekauft.

Erst beim flüchtigen Durchsehen auf dem Heimweg entdeckte ich, welche wahrhaft welthistorische Prätiose ich mir mit der:

Beknopte Beschryving Der Engelsche en Fransche Bezittingen, in het Vaste-Land van Noord America, Dienende tot Verklaaring van de Land-kaart oder dezelce Tytel uitgegeven, Door J. Palairet. Agent van haar H.H.M.M. de Herren Staaten Generaal der Vereenigdte Neederlanden &c. Uit het Fransch Vertaalt Door H. W. Löhner. Te Amsterdam, By R. En J. Ottens, Kaart-Koek-en Konstverkoopers, 1755.“

zugelegt hatte.

Nicht nur, dass bereits der Titel eine wahre Fundgrube für die Sprach- und Kultur-, Wirtschafts-, Politik-, Medien- und Kolonialgeschichte der Niederlande darstellte, und den Beleg lieferte, dass nicht nur wir Deutschen, sondern auch die Niederländer Holland und Holländer als Synonym für das ganze Land und seine Bewohner gebrauch(t)en, nein, in dem schmalen Bändchen von gerade einmal 72 Seiten fand sich beinahe das gesamte Mitte des 18. Jahrhunderts verfügbare Wissen über Landeskunde, Geographie, Wirtschaft, Ressourcen, Politische Zustände und das Alltagsleben in den gerade neu kolonialisierten Französischen und Englischen Kolonien in Nordamerika!

 

Ähnlich wie moderne Spielanleitungen zu Phantasy-Rollenspielen schien das Büchlein eine Art „Anleitung“ für eine virtuelle Reise mittels einer – leider verschollenen – gleichnamigen Landkarte zu sein.

Doch war dies hier „real“, eine Art Zeitreise in eine längst vergangene Epoche. Details aus den Biographien längst vergessener Kapitäne und Gouvaneure, Angaben zu Pelzhandel, Indianerstämmen, Trappern und dem eigentümlichen Gebrauch von Tabak, ließen Bilder vor meinem Inneren Auge tanzen. Wie mochte es Mitte des 18. Jahrhunderts gewesen sein, in einem noch weitgehend „unentdeckten“ Land zu leben? Welche Hoffnungen und Erwartungen hatten die Kolonisten? Was mochten sich die eigentlichen Herren des Landes – die sogenannten „Indianer“ – angesichts der immer neuen Wellen europäischer Einwanderer denken, die ihnen nach und nach immer größere Teile ihres angestammten Landes streitig machten? (Noch gab es ein „Miteinander“ beider Gruppen in den Neuenglischen und Französischen Kolonien). Welches gefühl muss es gewesen sein, tage- und wochenlang durch scheinbar „menschenleeres“ Land zu wandern und niemandem zu begegnen?

Das Bändchen besaß noch eine weitere Besonderheit:

Eine ganz „wörtlich“ genommene Orientierungshilfe und gleichzeitig Beleg der europäischen „Landnahme“, schließlich waren es nicht Indianische Namen, sondern Bezeichnungen wie Nieuw Spanjen, Maryland, Virginien, Carolina, Nieuw Schottland, Bezittingen der Engelschen oder Nieuw Bretanje aus denen der Autor am Anfang der einzelnen Kapitel  versuchte die geographische Gestalt der Nordamerikanischen Landmasse nachzubilden, indem er sie teils quer zur eigentlichen Leserichtung stehend, auf dem Papier anordnete.

Am meisten aber beeindruckte mich eine kurze Beschreibung einer kleinen Provinz an der Ostküste der Neuen Welt.  Da konnte man von einer  Königin Christina und der „Entdeckung“ durch die Schweden  lesen, die das ganze erst einmal Nieuw Sweden tauften bevor es ihnen die Holländer abnahmen in  Nieuw Nederlandt umbenannten und dort ein kleines Städtchen nach holländischem Vorbild namens Nieuw Amsterdam umbenannten.

(…) de Hooftstaad is in een klein eiland, aan de mond van de rivier Hudzon: De Hollanders noemden dezelve Nieuw Amsterdam. (…) Deeze Stad is de aangenaamste van gentsch Engelsch America. De huizen zyn van klinkers en steenen na da Hollandsche manier.

Beknopte Beschryving Der Engelsche en Fransche Bezittingen, 1755, Nieuw York

Beknopte Beschryving Der Engelsche en Fransche Bezittingen, 1755, Nieuw York

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wer hätte es im Jahr 1755 auch ahnen können, dass das kleine Städtchen an der Mündung des Hudson einmal zu einer der größten Metropolen der Welt mit dem – von den Briten abermals abgeänderten Namen – N(i)e(u)w York heranwachsen würde?

Ich hatte das Büchlein lange Jahre nicht angesehen. Es hatte einige Umzüge und auch eine Überschwemmung überlebt, welcher große Teile meiner Sammlungen zum Opfer gefallen waren. Jetzt lag es, wenig beachtet seit 6 oder 7 Jahren neben einer Balinesischen Knochenschnitzerei, einigen antiken japanischen Tellern und einem Band über Indonesische Ikat-Stoffe. Wie es dort hingeraten war? In einem Sammlerhaushalt suchen sich Dinge irgendwann von allein ihren Platz…vor allem jene, die in irgendwelchen längst vergessenen Ecken, Schublanden und Kisten ausharren…Manchmal werde ich den Verdacht nicht ganz los, das das der eigentliche Zweck des Sammelns ist. Man umgibt sich solange mit Dingen, das man vergisst, dass man sie eigentlich besitzt und feiert dann alle paar Jubeljahre eine Art triumphale Wiederentdeckung sofern Motten, Schimmel, Staub oder andere Unwägbarkeiten des Schicksals nicht schneller waren. Es ist jener Zustand dekadenten Überflusses an der Grenze zum Massietum, jener Zustand zwischen gerade noch wissen und endgültigem Vergessen, welche den alten, erfahrenen Sammler, der es längst aufgegeben hat, von jedem seiner vielen Schätze genau zu wissen wo er sich befindet, von einem Anfänger der noch brav jedes neue Stück mit dem unverholenen Grinsen eines erfolgreichen Jägers penibel in sein „Inventarbuch“ einträgt unterscheidet.

Doch bei diesem Büchlein verhielt es sich anders. Nicht nur, dass die Beknopte Beschryving in mir vom ersten Tag an dem sie in meinen Besitz gelangt war, die Grille eines „was wäre wenn es keinen Unabhängigkeitskrieg, keine französische Revolution, keine Vereinigten Staaten, keinen Washington und keinen Ersten und Zweiten Weltkrieg gegeben hätte in den Kopf gepflanzt hatte (Die Welt von 1755 war eine Welt, in der das alles noch nicht passiert war!), nein, das Buch ließ mich auch deshalb nie ganz los, weil mir zu seinem wirklichen Verständnis etwas entscheidendes fehlte: Die zugehörige Karte, für die es eigentlich gedacht war, und ohne die das Leserlebnis „unvollständig“ war.

War es eine jener bis ins 19. Jahrhundert hinein üblichen, reich mit Darstellungen von Meeresungeheuern, exotischen Tieren und fernen Kulturen geschmückten Karten, deren schierer Anblick einem die traurige Phantasielosigkeit der aufgeklärten und sich allwissend gebenden Gegenwart schmerzhaft bewusst macht, oder war es doch schon eine jener nüchternen von Längen und Breitengraden zerteilten Darstellung von menschengemachten Grenzen und Besitzstreben? Wie viel würde man sehen, was von dem Vaste-Land van Noord-America war schon bekannt, was noch nicht?

Der Gedanke an die geheimnisvolle Karte ließ mich nicht los und ich machte mich in Bibliotheken, Museen und Antiquaren auf die Suche nach ihr…erfolglos!Wie hoch mochte wohl die ursprüngliche Auflage gewesen sein? Was, wenn nur noch das Buch, nicht aber die Karte die Zeitläufte überstanden hatte? Würde ich jemals den gleichen Blick auf beide Stücke werfen können, wie ein leser des 18. Jahrhunderts? Und war die Karte ebenso detaillreich und innovativ gestaltet wie das kleine zugehörige Büchlein?

Fragen über Fragen die über zwanzig Jahre unbeantwortet blieben.

Irgendwann hatte ich die Suche aufgegeben, das Buch lag als seltsames Kuriosum in einer abgelegenen Ecke einer auch nicht gerade zentralen Vitrine.

Und dann räumte ich mal wieder auf. Nicht viel, eigentlich suchte ich – nachdem ich sie mühsamst mittels eines Pinsels und Wattestäbchen von einer zentimeterdicken Staubschicht befreit hatte – nur einen besseren Platz für eine chinesische Miniaturkommode aus Stroh, die gleichzeitig als höchst ungewöhnliches Schmuckkästchen gedacht war (aber diese Funktion nie wirklich übernommen hatte). Da in der Vitrine noch Platz war, kam sie neben dem Büchlein zu stehen, und ich hätte eigentlich nicht mehr daran gedacht, wenn ich nicht zufälligerweise den Pinsel daneben hätte liegenlassen. Den brauchte ich heut – und siehe da – anstatt die Fehlstelle des Wandanstrichs auszubessern hatte ich plötzlich die Beknopte Beschriyving in der Hand und stellte mir promt wieder die Frage nach der verschollenen Karte…

Heute besucht man in diesen Fragen nicht mehr irgendwelche Bibliotheken, Messen oder staubige Buchläden…nein, man befragt das Internet! uns siehe da, nach gerade mal 60 Sekunden fand ich das Gesuchte im Digitalen Archiv der Library of Congress. Die Nachkommen jener Nieuw Amsterdamer hatten sie für mich gesammelt und aufbewahrt!

Da lag sie nun. Auf den Ersten Blick war ich enttäuscht. Keine Seemonster, keine wilden Indianer, nicht einmal ein Wappen oder ein Schiff. Doch bei genauerem hinsehen entfaltete das dichtbeschriebene bunte Stück virtuellen Papiers einen eigentümlichen Sog. Da lagen sie wie an einer Perlenschnur aufgereit, die so lebendig beschriebenen Orte und Städte, Flüsse und Seen, Berge, Wälder und Küsten des kleinen Buches. Und es gab noch viel mehr. Namen, die heute kein Mensch mehr kennt, die Bezeichnungen stolzer Indianer-Stämmen, die heute längst aus ihrer Heimat vertrieben oder ganz ausgerottet worden sind, Grenzen und Farben die längst jede Bedeutung verloren haben. Auch gab der Zusatzt

Uit Het Fransch Vertaalt

auf dem Frontspitz plötzlich Sinn, vielleicht hatte es ja neben dem holländischen auch ein französischens Büchlein gegeben? Die Karte jedenfalls war zweisprachig, oder fehlte bei mir einfach die französische Übersetzung, oder wurde sie vielleicht nie gedruckt? Die Library of Congress schien auch nur das zugehörige  holländische Büchlein zu besitzen.

Und da war noch was: Obwohl die Karte sonst erstaunlich genau war,  Bermudas waren viel zu klein und lagen viel zu weit nord-östlich, New Orleans und St. Luis waren Grenzstädte zwischen Frankreich und Großbritannien, und von den Weiten Louisianas (also jenen Gebieten die westlich des Mississippi lagen, waren lediglich die Küsten und die größeren Flüsse und Seen bekannt.

Was wäre wenn…das Kino im Kopf hatte mich wieder.

Gutenzell – relicts, saints and baroque devotion

Monastery of Gutenzell, Shrine of the holy Martyr Alexander

Monastery of Gutenzell, Shrine of the holy Martyr Alexander

A few weeks ago I was once again in the church of the former monastery Gutenzell. In addition to the famous baroque nativity scene this little known jewel of the Upper Swabian Baroque also entails the recently restored whole-body relics of several saints. Frequently destroyed and removed out of a false sense of modernity and enlightenment in the past, these little church still preserves a huge collection of relics in its original Baroque frames and shrines as rare examples of piety and deep devotion.That there also the relics of a „Alexander Martyr“ can be worshiped, I am personally delighted, of course, especially.

Herbst!

Bild

Beim Bäcker haben Stollen und Weihnachtsgebäck ihr glanzvolles Debut. Auch auf dem Wühltisch neben der Supermarktkasse blinzeln erste Schokoladenweihnachtsmänner noch schüchtern zwischen übriggebliebenen Halloweenkostümen hervor. Die Bockbieranstiche sind für’s erste (fast und Gott sei Dank!) geschafft.  Statt rauchigem Malz schwängert der Duft der ersten gerösteten Maronen die Innenstadt. Im Domgrund lauern die letzten raschelnden Blätter und schieben sich sanft unter Schuhsohlen.  Die ersten Latte Macchiato Mütter unterbrechen ihre Bestellung von Glühwein und Lebkuchenschokolade für einen entsetzten Blick auf den fashiongeschädigten Nachwuchs der sich endlich und hemmungslos im Laubhaufen suhlt. Als sei auf irgendeiner fernen Autobahn ein unerklärlicher Rückstau rostroter Reisebusse entstanden, scheint sich selbst der sonst nie enden wollende Touristenstrom auf der Oberen Brücke etwas auszudünnen. Bamberg im Herbst kann melancholisch sein. Gerade war es noch Sommer und die Stadt barst schier vor biergetränkter Lebenslust. Jetzt atmet sie aus, wird brüchig wie alter Brokat und zieht sich bei Schmalzbrot, Zwiebelkuchen und jungem Wein in sich selbst zurück. Nicht mehr lange und die träge auf dem Ludwigskanal schwimmenden Ahornblätter werden mit funkelnden Pfannkuchen aus Eis ihren Platz tauschen. Noch ein letzter Café im Freien…dann können’s von mir aus die Buden für den Christkindlesmarkt aufstell’n.

Staatsfeiertag, Discobeats und Karneval auf dem Wasser…Kleiner Nachtrag zum Ulmer Schwörmontag 2013G

...Mit Pauken und Trompeten

…Mit Pauken und Trompeten

Bauer und Bäuerin

Bauer und Bäuerin

Gabenspeere

Gabenspeere

Fischerinnen im Festtagsstaat

Fischerinnen im Festtagsstaat

Die Fahne Ulms und des Schwäbischen Reichskreises

Die Fahne Ulms und des Schwäbischen Reichskreises

In Tracht!

In Tracht!

Angetreten zum Menuett!

Angetreten zum Menuett!

Stadtgendarmen

Stadtgendarmen

Im Sonntagsstaat beim Stechen

Im Sonntagsstaat beim Stechen

Lichterserenade 2013

Lichterserenade 2013

Lichterserenade 2013

Lichterserenade 2013

Lichterserenade 2013

Lichterserenade 2013

Ulm_Lichterserenade_2013 (33)

Geschmückt und beflaggt

Geschmückt und beflaggt

Die Lustige Forelle

Die Lustige Forelle

Nein, es hat keinen Sinn einem „Neigschmeckten“ zu erklären, warum die Ulmer jedes Jahr pünktlich kurz vor den großen Ferien ihren „Schwörmontag“ feiern.

Würde man des dennoc versuchen, könnte man ein dickes, abgegriffenes Buch aus dem Schrank herausholen und auf eine kleine, kaum lesbare Zeile in einer aus dem späten 14. Jahrhundert stammenden Urkunde zeigen und dann lang und breit von der ältesten noch „in Vollzug“ befindlichen Verfassung Deutschlands anfangen, dergemäß der hochedel und wohlgebohrene Oberbürgermeister alljährlich schwört gemein zu sein, jedem gegenüber und ohne allen Unterschied und in den gleichen, redlichen und gemeinsamen Dingen. Und weil die Meisten „Reingeschmeckten“ sich heute mit Mittelaltersprech etwas schwer tun, könnte man sie dann am letzten Montag im Juli auf den Weihnhof schleppen wo selbiger Bürgermeister von einem kleinen Balkon aus schwitzenden Bürgern, Großtanten, Neigschmeckten, Zufallstouristen, Gewerkschaftsfunktionären, Orchestermusikern, Gräfinnen und Stadtwachen in Allongeperücken erklärt was in diesem Jahr mit ebendiesen gemeinsamen und redlichen Dingen gemeint war.

Viel helfen würde das alles nicht, schon garnicht, wenn die von all den Zahlen und Projekten, Schwierigkeiten und Erfolgsmedlungen gelangweilten Auswärtigen Besucher neugierig nachfragen warum um alles in der Welt die Ulmer so seltsame Fahnen mit doppelköpfigen Adlern, Menschenfressenden Wölfen und inversen Schweizerkreuzen an ihren Gebäuden aufhängen.

Man könnte nun von „Ur-Ulmern“ (eine inzwischen ziemlich seltene, dafür umso halsstarrigere und renitente Rasse Mensch) reden, die bis heute weder den Frieden von Lunéville noch die illegale Besetzung durch Bayern und schon gar nicht die Anektion der Hälfte IHRES Staatsgebiets durch dahergelaufene Württemberger akzeptiert haben und deshalb immer noch die rotweißen Fahnen des Alten Reiches, den Reichsadler, die Schwarzweißen Farben der Ulmer Reichsstadt-Republik und die Gelbschwarzen des alten Herzogtums Schwaben als dessen stolze Metropole sie sich definieren hissen.

Dummerweise hilft diese Erklärerei ziemlich wenig, weil inzwischen selbst die meisten Ulmer nicht mehr so ganz genau wissen, was da genau abgeht. Es ist wichtig, man macht es schon immer so, und wer zuviel nachfragt holt sich schnell eine blutige Nase…

Und seien wir mal ehrlich, spätestens, wenn sich die verwirrten Besucher, Neigschmeckten und Zugewanderten dann urplötzlich weißgewandeten jungen Männern mit Tournierspeeren, fuchsschwanzgeschmückten Narren, Reifenschwingenden Gesellen, durch die Straßen gleitenden Prunkschiffen, goldbetressten Gendarmes oder einer riesigen Menschenmenge die mit allem was schwimmt auf der Donau eine Art feuchtfröhlichen Sommerkarneval (die Ulmer bevorzugen das Wort „Nabada“ an dessen – selbst für geübteste SWR-Kommentatoren keinesfalls einfacher – korrekt ulmischer Aussprache mit drei unterschiedlichen „a’s“ die jeden Chinesischlehrer stolz machen würden, erkennen sie sofort die reinrassige oder zumindest gut integrierte Abkunft des Gegenübers).

Dass dann auch noch eine junge Prinzessin zu vorgerückter Stunde mittels einer Leiter einen an einer Fassade klebenden Thron besteigt und in Negligée zu „Heil Dir im Siegerkranz“ und Nussecken (oder einem kleinen Song aus der Little Horror Picture Show, oder irgendetwas anderem das ihrer königlichen Hoheit gerade in den Kram passt) eine hochoffizielle Regierungserklärung alias Thronrede verkündet ist dann meist mehr, als der normale eventgestählte „Ausländer“ und „auswärtige jugendliche Komasäufer“ in seinem längst eingetretenen Feiertaumel versteht oder verstehen will…

Dabei wurden sie von ihren treusorgenden Gastgebern noch nichteinmal auf die Gefahren eines Regenwürmerfütternden Griesbadmichels oder den wüste Flüche ausstoßenden Kreddaweber hingewiesen oder über die selbst eingefleischtesten „Räsen“ (die Nachfahren der urulmischten der Urulmer) manchmal rätselhaften Regeln des Fischerstechens aufgeklärt…

Kurz gesagt…es hilft nix, als Fremder muss man entweder mindestens ein 10 jähriges Studium der ethnologisch-brauchtümlichen Insonderheiten der Ulmischen Festkultur hinter sich bringen oder, man muss da einfach durch, auch wenn man es nicht versteht und es vermutlich auch nie so ganz verstehen wird, warum sich tausende von Bürgern bei brütender Sommerhitze eineinhalbstunden lang Statistiken und Jubiläumsnachrichten anhören und bei den Worten: „Der Haushalt ist in Ordnung“ in wahre Begeisterungsrufe ausbrechen.

Es muss schon etwas sehr besonderes sein, die Verbindung der Ulmer mit ihrer uralten Republik.

Und wenn wir es dann ohne Tote und neuerlichem Grenzkrieg mit Bayern durch die wüsten Drohungen und kurzfristigen Straßensperrungen der sperrstundenbedrohten Wirte, die Sauforgien der Biberacher Nicht-mehr-Kirchweihhunfern, die grölenden Laupheimer Ochsen, schwankenden Ehinger Baule, taumelnden Blaubeurer Blaumännle, bierseligen Leipheimer Saufköpf, verirrten Blausteiner Jungesellen, spritzigen Heidenheimer Moschtdätz, hummelfrohen Dornstädter Obschwiesábronzr, grinsenden Wiblinger Gôga, nicht mehr ganz taufrischen Günzburger Leicháfleddr’r, alternden Cocktailbräute vom Safranberg und junggebliebenen coolen Caipirinha-Jungs aus der Weststadt geschafft haben, wenn wir nicht in der Straßenbahn von halbnackten Nabadern samt Gummiboot und Schwimmflügeln erdrückt wurden, wir nicht an einem echt ungarischen Langos erstickt sind und der völlig entnervte Busfahrer vor lauter Feiertagsfrust nicht beschlossen hat, heute Nacht einfach mal nicht an unserer Haltestelle zu halten, sondern stattdessen gleich wegen Überfüllung ins Busdepot zu fahren….dann, aber nur dann war es wieder das schönste, beste größte, tollste, wunderbarste und herrlichste Fest des Jahres und wir können „richtig abgschafft“ und mit wundgelaufenen Füßen (hatte ich schon erwähnt, dass das ganze auch was von einer Pilgerfahrt hat, bei der man 3-4 Tage lang ständig zwischen irgendwas hin und her rennen muss) sagen, dass wir uns schon jetzt mit einem „Ulmer Spatzá Wasserratzá“ auf’s nächste Mal freuen! Schön war’s!

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Suevia Superior slightly reloaded

Suevia Superior slightly reloaded

Oh du mai liab’s Hergöttle von Biberach, schmeiß au g’schwend Hirn rá, vor mir liegen grünsatt feistgefüttert Hügelkuppen! Im Tobel Maissillage und Molkereioutlets; und Schweinemastbetriebsamkeit. 260 Hektar Grund dazu noch Wiesen, Wald und reichlich Fisch…

Ônd wa geisch sondsch nô midd du Hurásoich? Die Hochzeit ist Geschäft und eine Schöne frisst letztendlich auch nicht mehr als ein vollschieches Weib (ônd was des ällas wiadr koschd, bloß weil der Huráseggl sich’s ganz hommldômm beim Brônnawiasle mäa idd vr’heabá konnd!). Innere Logik!

Apart tropft Schnee vom schweizergrau gestrich’nen Mittelständler, galante Winkelspiele vor barockem Weiß-Azur. Im Straßengraben ein zermatschter Igel, darüber stolzgeschwellte Kirchturmkreuze, selbstredend heimisch vollvergoldet. Nachtwächterschreie und der Leberkäs frischauf Fidelis‘! Gall, s’Gebäck koschd egrschdra wia em Allgäukrimi: Schmeißfliegen gratis.

Das Meer am Horizont nur dummer Traum, der nächste Berg mit Blitzeis steht im Jetzt und hier. Freundliches Lächeln folgt dem Städter und dem Hannomag, das Abschleppseil wirkt abgenutzt. Im Industriegebiet knallt Diskobeat, die letzte Wiese zeugt von exzessiver Gülleeffizienz. Das hochgerühmte Alpenpanorama ist vernebelt. Volltallibanbart, Gamsbusch frisch garniert mit Lederhose, sie alle wirken seltsam deplaziert.  Im Bach zwei Lachen Regenbogen, die Wasseramsel scheint es beim Eisbaden nicht zu stören.

Zur Kommunion kommt Erlaucht noch, im Frühjahr dann zum Blutritt sogar ohne Hengst! Dafür im Frack;

Ob’s Weiberreiter gibt…ma schwäzd davon. Im Kühlschrank Nonnafürzla und Vanillesoß‘, Ich fahr an Bellamont vorbei am Weg nach Hölberg buntbestickte Heilgenleiber. Der Motor hält, ich komme an und fühle mich daheim, gedankt Sankt Christoph, und der Himmelmutter und dem Hyppolyth!