Warum’s nix brächte Berlin-Mitte zu sprengen, es wo andes auch nicht anders ist als dort wo man ist und der ganz sicher weltbewegenden Frage wie man denn jetzt Reis politisch und ethisch korrekt kocht!

Bumm!!!Es ist Pfingstmontagmittag und gerade hat mich der Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen mit der allmonatlich wiederkehrenden Frage beglückt ob man denn ganz Berlin-Mitte sprengen müsse.

(http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/berlin-hass-muss-man-ganz-mitte-sprengen-14233568.html#GEPC;s6)

Natürlich ist das alles spätestens seit den Zeiten der Prenzelschwäbin – die im Übrigen gerade in ihrer angeblichen garnicht so urheimlichen schwäbischen Heimat größte Erfolge feiert, warum ist eine andere Frage – nicht neu. Und irgendwie gehört es ja seit Cindy aus Marzahn ein wenig zum guten gesambtbundesdeutschen Ton sich über Latte-Macchiato-schlürfende Helikoptermütter und Teriaki-Suppengrün-Toppings zu echauffieren.

Und ja, auch ich erwische mich in meinen ganz schwachen Momenten manchmal dabei, dass ich mich allen ernstes frage, ob es jetzt ethisch noch o.k. ist, wenn ich einfach mal die ganze verpackungsempfohlene Quell- und Wasserreismethode zu komplettem Bullshit erkläre und meine ganz eigene urschwäbische: „Wir-tun-das-ganze-verdammte-Reiszeug-einfach-von-vornherein-gemeinsam-mit-dem-Wasser-in-den-Topf-;-lassen-es-nicht-erst-stundenlang-dumm-herumquellen-; und-geben-einfach-von-vornherein-nur-soviel-Wasser-dazu-dass-wir-am-Ende-auch-nix-wegschütten-müssen-Methode, draus mache? Oder ob das nun (doch und schon wieder) ein eurozentristisch-rassistischer und selbstverstäntlich total sexistischer Totalfauxpas ist, weil ich das als Mann und Nicht-veganer-nicht-Bio-Reisanbauer (und -esser!) eigentlich garnicht darf?

Nach wirklich(!) längerem Nachdenken entscheide ich mich für den sozial gerade noch akzeptablen KönigInnenweg, nenne das Ganze „Fusionsküche“ – Selbstverständlich nicht ohne mich kurzzeitig mit der politisch nicht völlig korrekten Frage herumzuschlagen, ob das verdeutschte fusion food bei empfindlichen Gemütern nicht doch eine unangenehme Assoziation eines atomaren Störfalls heraufbeschwören könnte.

Spätestens beim Lamento der Autorin über umfallende Bierbikes und dem beliebten Ratespiel Hipster oder/und Tourist fühle ich mich jedoch wieder ans kleine heimische Bamberg und seine gefühlt 10 Millionen Touristen pro Jahr (die reale Zahl liegt nur unwesentlich darunter) erinnert. Während sich die hiesige Tourismus GmbH seit Jahren weitgehend vergeblich bemüht die wenigen verbliebenen Innenstadtbewohner mit immer neuen Initiativen, Info-Veranstaltungen und großangelegten Werbeaktionen von der Nützlichkeit des Tourismus zu überzeugen, ziehen diese ihre eigenen Schlüsse und ziehen entweder weg, oder greifen zu mehr oder minder kreativen Mitteln des Widerstandes (irgendwie muss man schließlich auf die 296 Liter Bier pro Jahr und Kopf kommen…).

Was nun Berlin Mitte und die Frage ob man es in die Luft sprengen müsste angeht…Well, das Ganze nennt sich Innenstadt-Vermarktung, ist in jedem noch so kleinen Provinzstädtchen im äußersten Nordosten Bayerns auch nicht anders, nur macht es eben viel mehr Sinn sich medial über das verkommene Sündenbabel Berlin auszulassen, weil das – naturgegeben – ein paar mehr Leutchen kennen als sagen wir mal…Bamberg…

Kurz, ich esse jetzt meine gefüllten Paprika mit Reis, mache mir vorerst keinerlei Gedanken mehr ob ich damit den Untergang des Abendlandes (oder gar des ganzen Planeten) fördere und beruhige mein Gewissen zusätzlich damit, dass es anderswo auch nicht besser oder schlechter ist als da, wo ich gerade bin.

Guten Appetit zusammen!

Blutige Straßenschilder – oder: Bastelstunde für „besorgte“ Helicoptereltern

Wer kennt sie nicht, die „besorgten“ Helicoptereltern, die hornissengleich und auf der nimmermüden Suche nach dem nächsten Sexualstraftäter um die selbstverständlich mit UV- und mobilfunkstrahlenabwehrenden Designersonnenbrillen aus fairem Handel bestückten Köpfchen von Klein Emma-Luise und Luca-Fynn schwirren.

Dass diese hochinvasive Spezies Mensch in ihrem, an fundamentalistische Gotteskrieger erinnernden, schrankenlosen Kampfeinsatz für’s eigene Kind,  Colateralschäden an der Nötigungsgrenze zur Geschmacklosigkeit billigend in Kauf nimmt, fällt aus wutbürgerlicher Akteursperspektive wohl unter den Sammelbegriff „Peanuts“.

Bei allen – trotz allem unermüdlich-elterlichen Einsatzes – „Nichtbetroffenen“ hingegen könnte, angesichts des unlängst am Bamberger Torschuster gesehenen, gekonnt mit weißem Kabelbinder am elterlichen Marterpfahl der Empörung befestigten, und in stundenlanger Handarbeit liebevollst eigenblutverzierten „Zusatzstraßenschilds“ zur Bamberger Tempo-30-Zone, denn doch der angelegentlich blasphemische Gedanke aufkommen, dass dieser höchst kreative Ausdruck elterlicher Alltagssorge, dann wohl doch ein „Besorgnis erregender“ Anlass für einen erkenntniserweiternden Ausflug zur einen Hügel weiter gelegenenen Neurologischen Ambulanz darstellen könnte…

Aber wie gesagt, diese der allüberall in Kindergärten, Schulen und Universitäten, und sogar in so renomierten Publikationen wie der Bildzeitung propagierten reinen elterlichen Besorgnislehre in höchst ketzerischer Weise wiedersprechenden Gedanken, sie können wirklich nur von einem vollkommen vom rechten Glauben abgefallenen „Nichtelternschaftsbetroffenen“ stammen…

Shocking sign

Im Wald

Fliegenpilz (1)Ja es gibt sie noch die Sonne, und ja, es war zu viel von ihr da in diesem Sommer, und ja, sämtliche selbsterklärten Wetterpropheten meinten es gäbe dieses Jahr keine, jedenfalls nicht viele, was?

Pilze natürlich, oder weshalb sollte man sich um diese Jahreszeit sonst bei Nieselregen in finsteren Tannenschonungen herumtreiben?

Und nein, sie hatten nicht recht, es gibt sie, reichlich Purpurfilziger Holzritterling, Goldfellschüppling, Krause Glucke, Prächtige Koralle, Parasol oder Maronenröhrling, Reizker, Apfeltäubling, den Austersaitling, die Gelbe Kantharelle, den Semmelstoppelpilz und natürlich auch das „Männlein im Walde“ der allbekannte und geliebte Fliegenpilz- Kurz, das ganze bunte und mit etwas Glück auch recht schmackhafte Heer der mykologischen Kostbarkeiten.

Und ja, spätestens wenn man mit 3 Pilzführern (einer allein reicht zum bestimmen einfach nie aus), 4 1/2 Kilo vollgesogener Krauser Glucke und zerbrechlichen Parasolhüten im abendlichen Halbdunkel durch’s Brombeergestrüpp und die Sausuhle robbt, sagt man sich: Das alles hat nun nix mehr mit Erhohlung oder gar Genuss zu tun, dass ist blinder, archaischer Jagdtrieb. Ob die Umgelegten Jägerstände und der über meinem Kopf im Tiefflug kreisende Polizeihubschrauber schon Anzeichen einsetztenden Wahns sind?.

WaldbilderEntwarnung, der Polizeihubschrauber ist auf Übungsflug (der ewige Fluch wenn man eine Einheit Bereitschaftspolizei vor Ort hat), und nicht ebenso militante, wie ahnungslose Tierschützer haben die Jägerstände umgelegt, es waren die Pächter selbst, die sie der Reihe nach auf die Wiese gelegt haben…bald gibt’s neue, und die sind angesichts der Wildschweinplage auch bitternötig, sagt jedenfalls der Bauer…und mein doch gelegentlich etwas ängstliches Hobby-Waldgestrüppläuferherz gibt ihm leise seufzend recht – nichts schlimmer als ein beim Pilzjagen aufgeschreckter Keiler der schlechte Laune hat.

Doch alles was ich von ihm sehe, ist eine leichte Trübung in der Suhle und ein paar umgepflügte Baumstämme – die possierlichen Tierchen haben um diese Jahreszeit eine Vorliebe für Hirschtrüffel – echte Trüffel würden mich hier sehr wundern, jedenfalls hab ich noch nie welche gefunden.

Und dann sehe ich mich doch noch einmal um. Der Hubschrauber ist verschwunden, dafür zetert seit einer halben Stunde ein Eichelhäher hinter mir her. Es passt ihm nicht, dass ich hier in „seinem“ Wald bin. Ich lasse mich verscheuchen, doch zuvor staune ich noch kurz über den prächtigen Adlerfarn neben mir.

Mein Fahrrad steht am Waldrand, es fängt an zu nieseln. Noch 12 Kilometer bis ich meine Beute verzehren kann.

Alltagsgeschichten oder: Von Monteuren und Thermen

Mensch und TechnikUnd wieder eine dieser kleinen, liebevollen Geschichten aus unserer allseits beliebten Rubrik:

Wie anthropomorphisiere ich meine Gastherme richtig oder: Die hohe Kunst des guten Zuredens!

Kommt der (fränkische, kaum dem Teenageralter entwachsene!) Heizungsmonteur um eine defekte Therme wieder in Gang zu bringen; Kriegt sie nach einer halben Stunde Telephonat mit dem Herstellerkundendienst und mit reichlich Schraubenziehereinsatz auch wieder zum laufen; Mockiert sich noch ein ganz klein wenig über den, denn doch etwas exzentrischen „Heißwasserbereitungsmodus“, stellt den Thermostat auf 30°, ermahnt die Kundschofft eindringlich, dass auch ja so zu lassen, auch wenn ich dann halt ein bissl schwitz; Betont auf Nachfrage, dass mit dem Gas garnichts passieren könnt, solang das Umschlagventil (?) passt; und meint dann ganz lakonisch zum Abschied: „Mai ich waas jetzt aa ned was sie hadd, sie is halt scho a bissl alt und dann kriegn’s eben ihre Fisematenten! Beobachdn’s se’s hald a bissl und reedn’s ihr gud zu…“

Ich werd deswegen vermutlich auch gleich noch eine Kerze bei den Karmeliten oder in der „Oberen“ aufstellen 😉

Adventskalender 2014 – 14. Türchen – prejudices, or my perfect German christmas party in the middle of August!

Duftpomaden- Nelkenorange

Duftpomaden- Nelkenorange

Sometimes it’s true: prejudices do exist, to be confirmed!

But it’s also true that in quite a lot of cases, the pre-judged do everything to ensure that prejudices become true for the prejudicing ones, particularly, when they are profitable for the pre-judged!

One of those very precious and extremely profitable prejudices is the “German Christmas”!

Not only half of the world’s population seems to be absolutely convinced, the whole of Germany would mutate into a single giant Christmas market between October and March, no! – for some unexplainable reason my American, Chinese and Russian friends also are absolutely sure of the fact, that all Germans had nothing better to do, than drinking German mulled wine, eating German Lebkuchen – of coruse from the most German city Nuremberg – while carving incessantly Oberammergau crib figures wearing god-old German leather pants during this “holy time” of the year…

Well…I’ve tried to explain things are a bit more „complicated!… I’ve tried it…really!

To my big misfortune, we were visiting the beautiful German city of Bamberg…which unfortunately looks exactly like Disney would create a Christmas town…even in the middle of August. Things were as they had to come… my beloved multicultural Chrismas-seekers discovered the full-year Christmas paradise – a really awful shop, freshly imported from Rothenburg ob der Tauber!  Did I mention that it was the middle of August!

To make things short and worser: Any further attempt to explain that Christmas was not a quintessentially German invention with quintessentially German customs and quintesentially German “Gemütlichkeit“ was henceforth completely useless …

Instead, I grabbed my advent calendar from Aldi, took some gingerbread (foolishly, we visited Nuremberg too, there you can get gingerbread all arround the year, consequently I’ve must been wrong: Without any doubt, Germany is the land of eternal Christmas markets! damn!).

And then it happened … some idiot of touristshop-owner offered the ultimate beer mug: with a portrait of the Kaiser, an imperial eagle, good old Germany inscription (I’ver wondered why in Gods name there was no ; Für Gott, Kaiser, Reich und Vaterland-inscription!) , Santa Claus, some reindeers, Christmas market stalls, the “Chriskind-Rauschegoldengel” and of course the synonym of “real” German Christmas customs: a Christmas pickle! (I declared to “my” Americans for the 10,000st time that there is no such custom in Germany … they do not believe me! Of course not, if there’s a whole bunch of christmas pickles in the showcase!)

After this, I haven’t even tried to explain to my beloved Americans why Santa Claus isn’t the half-brother of the Christkind, or that reindeers belong to Norway and are a typical element of American folclore… I let them buy their goddamned pitcher “made in China”, and even drunk some “real” Franconian smoked beer from it (I’m drinking it exclusively when I’m forced to do so by friends on transit!).

At the end, I’ve managed to get some unripe oranges to show them how to make a genuine German Orange with cloves (those strange things, you already had to tinker in Kindergarten. Of course without a kindergarten aunt explaining that much less burning essential oils would get into your eyes, when you drill some holes into the orange with a with a small nail  first and then put the cloves in … may I’ve forgot to tell, that Oranges and cloves do not grew in germany and came to our country from Venice in the 15th or 16th century and therefore called „Duftpomaden“ or „Duftpommeranzen“ (scented oranges)…but my guests were Americans! I’m glad when they don’t mix Austria with Australia and – honestly said – for them everything that smells like German Chrismas must be genuinly German…It’s the same thing with socker, cars and beer…).

In short: I’ve done everything not to be the evil, deadly serious and oversophisticated German again… and I managed it! I’ve celebrated a perfect German Christmas, with Christmas baubles, a Christmas pickle, an Advent-Calendar and a genuinely German Orange with cloves in it! And I did all this in the middle of August, just to prove: Germany is Christmas genuine homeland!

Happy New Year!

Neulich im Weltkulturerbe

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Es ist Anfang Februar. Über meinem Kopf gleitet ein Motorsegler im Tieflug. Aus einem Fenster dröhnt lautstark fränkische Folklore. Die Tische der Straßencaffees sind überfüllt mit Sonnenbrillenträgern. Auf dem Weg zur Eisdiele stolpere ich durch eine Touristengruppe – Russen, Japaner, Chinesen?

Zum Mittagsläuten vor dem Traditionslokal die Versammlung der üblichen Säufer: Mitte Fünfzig, zwei einträglich an Studenten vermietete Mietshäuser in Innenstadtlage, Leberzirrhose im Endstadium, zwei Herzinfarkte und Rosenakne. Ich lächle, sie winken freundlich benebelt zurück.

Ich wandere weiter, und endtecke zwischen aecht fränkischer Kleingartenidylle und Bio-Gemüseständen frischgebackene Muttis an Designerbuggys mit Kind. Das zugehörige Vater-Accesoire trägt in dieser Saison neongrüne Daunensteppweste nebst farblich abgestimmtem Wildlederschuh in Himmelblau.

Zwei Straßen weiter geraten gerade Gästeführer und zugezogene (!) Philosophiestutentin aneinander: Es sei zu laut, die Touris eine Plage, und überhaupt drohe der Welt Komplettgentrifizierung. Der Gästeführer bleibt sehr ruhig, zupft Brille udn Barett zuerecht, nickt Halali und erklärt dann in flüssigem Französisch, wie begeistert doch die Einheimischen über all die vielen Besucher aus aller Welt seien. C’est la vie!

Im Stadtpark stehen Verbotsschilder in vier Sprachen. Ein verspäteter Paketlaster blockiert die Fußgängerzone – Aufenthalt nur auf Markierten Wegen: Geschützer Landschaftsbestandteil! Ich kehre Heim und starte auf der Suche nach Wetter den Computer. Die Ferienwohnungsdachwebcam liefert in Echtzeit Bilder vom Regnitzstrand mit Gefängniß, noch fünf Minuten und mein Besuch kommt. Private Vollüberwachung des öffentlichen Raums kann sehr praktisch sein!

Mein Nachbarskater blickt indigniert auf sich paarende Stechmücken und fordert dann lautstark und grummelmiauend von mir Milleuschutz wie am Prenzelberg. Ich lächle ihn an und verscheuche ihn aus meinem Blumenkasten. Schnittlauch und Blattläuse brauchen ihre Ruhe!

Es ist Frühling im Weltkulturerbe.

Neues aus Freak City

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„Freak City Bamberg“ – Sollte ich einmal in die Verlegenheit kommen, aus meiner inzwischen recht stattlichen Sammlung ungewollt zweideutiger Werbebotschaften eine top-ten zusammenstellen zu müssen, dieser immer wieder auf Ortsschildern auftauchende Slogan der Bamberger Basketballfans hätte beste Chancen unter die ersten zehn zu kommen. Nicht dass ich nun in das snobistische und auch ein klein wenig eurozentrierte Naserümpfen einiger meiner Bekannten über die eigentümliche Obsession gewisser Franken für von unseren amerikanischen Nicht-mehr-Freunden importiere Ballspielarten einstimmen möchte, Basketball hat einen gewissen Unterhaltungsfaktor, allein schon wegen der herrlich unkonventionellen Kameraführung mancher Videoausschnitte auf der offiziellen Website des hiesigen Vereins. Und mal ehrlich, haben wir nicht alle irgendeine geheime oder weniger geheime Leidenschaft, die für andere wirkt als seien wir komplett durchgeknallt?

Sündhaft deures (sic!) Chinesisches Porzellan, grellgemusterte Orientteppiche, von androgynen Countertenören geschmetterte barocke Colloraturarien im A-B-A‘ Schema, Jägerschnitzel mit Jesusangesicht, gepflegter BDSM, ein vor Kalorien triefendes Tiramisu, echte vietnamesische Gartenzwerge, öliger weißer Port oder die in mühevoller Kleinarbeit jahrelang zusammengetragene Sammlung von Gorbatschowmatrioschkas im Fernsehschrank, deren Leberfleck auf der falschen Seite aufgemalt wurde…

Vermutlich sind es diese kleinen oder weniger kleinen Fluchten in hemmungslose Exzentrik, die uns alle psychisch gesund erhalten und unser aller Leben nach dem dekonstruktivistischen Gemetzel an sämtlichen Ideologien inklusive der Religionen, wenigstens jenes Minimum an „Sinn“ verleihen, der für unser aller Überleben notwendig ist.

…und höchstvermutlich sollte diese schokierende Erkenntnis mich nun auch gegen vorgeblich laktoseintollerante (real aber schlichtweg unglaublich gelangweilte) Latte-Machiato Mütter, Mitvierzigerinnen die meinen mit Sambatrommeln ihre Klimakteriumsgeschwerden bekämpfen zu können (keine Ahnung ob das wirklich wirkt…aber wenigstens kann Frau dabei ungehemmt schwitzen…), und offensichtlich aus der tiefsten Provinz stammende Mitmenschen die einen bei einem Stadtbummel in Pelzkragen und Sonnenbrille ansehen, als sei man gerade von einem anderen Stern gefallen, immun machen…

Well…leider funktionert Mensch – außer er/sie heißt Dalai Lama, oder Mutter Theresa, und selbst da bin ich mir nicht ganz sicher – leider ganz und garnicht nach dem Kantschen Vernunftprinzip, und ha! leider braucht Mensch gerade und besonders in globalisierten und durchhybridisierten Multimediawelten eben seine liebgewordenen „Feindbilder“ und „Vorurteile“ um das eigene Identitätskonstrukt gegenüber der Umwelt wenigstens einigermaßen stabil zu halten…und ja, leider habe auch ich den gutmenschlich-entgültigen Schritt zum humanistischen Gestaltwandler nie vollzogen, sondern fühle mich trotz Nirwanaversprechen noch immer dem nichtexistenten, keulenschwingenden und menschenfressenden Neandertaler in mir zutiefst zugetan…

Vermutlich ist aber auch das nur ein über die Zeit ebenso liebgewordenes wie falsches Vorurteil. Nach allem, was inzwischen bekannt ist, waren Neandertaler wesentlich zivilsierter als es in unseren Schulbüchern steht und sie haben auch nur ganz selten ihre Mithominiden gefressen…das waren eher die garterslebischen und hinkelsteinischen Langköpfe die vor rund 6900 +/- 300 Jahren die rundköpfigen Linearbandkeramik – immerhin die ersten hiesigen Bauern – durch ihr extreminvasives Auftreten in ein „schwerstkrisenhaftes Endzeitszenario“ beförderten…aber die vertrugen ja auch Laktose…nicht die Linearbandkeramiker, die Langköpfe…und sind deshalb die einzig echten Vorfahren der kuh- schafs- esels- und ziegenmilchtrinkenden Europäer (behaupten jedenfalls neueste genetische Daten!), wen’s interessiert möge in einschlägigen Examensarbeiten zu Kanibalismus sowie Grabungsberichten zu den Fundstellen Talheim, Schletz und Herxheim und den Veröffentlichungen der Arbeitsgruppe für Paleogenetik der Uni Mainz nachsehen…

Also keine lactosefreie Sojalatte mehr für echte Latte-Macchiatomütter? Eigentlich ja, weil sie – zumindest wenn sie Europäische Ahnen haben – damit eigentlich keinerlei Probleme haben dürften, ja ihre exclusive Laktosetoleranz vermutlich sogar das kleine genetische Extra darstellt, warum ihre kuhmilchtrinkenden Vorfahren so lange dem evolutionären Verdrängungswettbewerb durch laktoseintolerante Mitbewerber standgehalten haben…was den anderen vergiftete war unser Mittagessen…klassischer evolutionärer Ernährungsvorteil eben…

Aber keine Angst, es gibt ja noch genug andere weltbewegende Dramen: Weihnachtsdeko wäre so ein Beispiel, oder die erschreckende Erkenntnis, dass guerillia knitting und transnationaler unisex-boshi-mode sowie perfekten Hussenempfehlungen von „meine perfekte Traumhochzeit“ – Coaches sei dank, gerade die nicht nur aber insbesondere von femministischen Kreisen so lange als erzreaktionär verteufelten hausmannfraulichen Qualitäten ein ungeahntes Comeback erleben…

Knit your own boshi – das ultimative Woodstockerlebnis für die smartphoneübersättigte Jugend von heute…

Ist es angesichts dieser Zustände in einem Land, welches alltäglich mit genüsslichem Schauer (sic!) zwischen einer Doku über „Rommel den Wüstenfuchs“ und „Hitler privat“ seiner exzessiven Kochsendungssucht bei gleichzeitig extrem ausgeprägtem Geiz beim Nahrungsmittelerwerb (auch so eine unterschätze Folge des langen 20. Jahrunderts mit all seinen großen und kleinen Katastrophen…) nachgeht, wirklich so abwegig, dass ich seit Jahren von der alptraumhaften Szenerie eines Privatsenders der beide deutschen Obsessionen eines garnicht so fernen Tages miteinander kombiniert und mit der  Kochsendung „Kochen wie Eva B.“ auf Anhieb eine Zuschauerquote erziehlt wie Wetten das in den 1980ern, oder ist das nur die ganz private Flucht meines eigenen Unterbewusstseins vor den Absurditäten des Alltags eines „Spätgeborenen“ ? Und was ist eigentlich mit dem Revival des Gobelinstickens oder des VH-Töpferkurses mit Spezialisierung auf bunzlauer Engobemalerei…immerhin musste ich das noch mühsam im sogenannten „Werkuntericht“ lernen…es lebe der coedukative Unterricht!

Nein, Exzentrik ist nicht nur das harmlose kleine Umwandeln von Omas Ozelotkappe in eine handgenähte Handytasche mit echt-neobarockem Brokateinband für die nächste Steam-Punk Convention – obwohl es in einer Umgebung militanter Tierschützer, marktgerecht geklonter BWLer und Helikoptereltern vermutlich jede Menge mutiger Exzentrik bedarf um mit blauer Sonnebrille, Wolfspelz, Seifenblasenpistole, Mieder und Tropenhelm auf Einhornjagd zu gehen und dabei auch noch eine ungemein sinnenfrohe Form der Konsumkritik zu betreiben. Echte Ekzentriker und erst recht eingefleischte Freaks sind dennoch einen Tick heftiger. Rein ethymologisch gesehen handelt es sich um eine wortwörtlich unnatürliche Laune der Natur, etwas „aus dem Zentrum“ gefallenes, abnormales, wiedernatürliches, ver-rücktes bei dem die Grenze zwischen einer puren Laune, echter Begeisterung und ernsthaftem Wahn nur vom Ausübenden selbst, aber nie vom Betrachter gezogen werden kann. Ein Steam-Punker kann, muss aber nicht exzentrisch sein, und ob ein Exzentriker gleich ein Freak ist…well…

Vermutlich müsste jetzt ein längerer Abschnitt darüber folgen, ob sich  bei Exzentrik und Freaktum so einfach nach „erlernter“ also „gewollter“ und „natürlicher“ also quasi-angeborener und damit nicht beeinflussbaren Beweggründen und damit auch danach ob jemand objektiv oder rein subjektiv Freak/Exzentriker ist folgen. Dummerweise ist dieser feine Unterschied, der sich in der Vergangenheit als so ungemein nützlich für die Aufrechterhaltung des Objektivitätsanspruchens sämlicher normaler und poaranormaler Wissenschaften erwiesen hat, spätestens mit der Dekonstruktion des aufgeklärten, oder sollte man nicht doch besser aufklärerischen Naturbegriffs sagen (?) als ideologischem Kampfterminus mehr als fraglich geworden. Kann es etwas wiedernatürliches geben, wenn die Natur selbst ein wiedernatürliches Konstrukt einer naturfernen, da menschlichen „Vernunft“ ist, oder ist die „Vernunft“ doch etwas natürliches, dass allen Wesen gemein ist? Gibt es eine Vernunft und eine Natur, oder gibt es vielleicht viele? Sind sie statisch oder veränderbar, und wie vernünftig ist eine Natur, die sich ständig wandelt? Und wenn wir schon am philosophieren sind, wer bestimmt darüber, was Normalität und was Freak ist? Die Natur?

Ist ein emotional auser Rand und Band gelaufener Basketballfan abnormaler oder unnatürlicher als eine strickende Karrierefrau, oder gar als ein spitzenklöppelnder Mann (im 19. Jahrhundert hätte niemand diese Frage gestellt, nicht weil Männer nicht geklöppelt hätten, sondern weil es in den meisten ärmeren Regionen Europas ein völlig normaler Anblick war, das Männner, insbesondere Fischer, völlig selbstverständlich in den eisigen Wintermonaten Norwegerpullis strickten oder Spitzenbesätze herstellen…vermutlich waren es erst die lilagewandeten Damen der 1968 die Stricken als typisch weiblichen Protestakt definierten…), oder ist alles relativ bzw. „Kultur“?

Das ganze erinnert mich an Pandoras Büchse, Puschkins Pik Dame oder Baudelaires Blume des Bösen, Wildes aphoristisches Dandytum, oder jene berühmte, nach der literarischen Vorlage des Romans „A rebours“ von Joris-Karl Huysmanns mit unnaturlich fleischfarbenen Orchideen verzierten Vase Emile Gallés im Musée du Château in Boulogne-sur-Mer. Aber vielleicht ist das auch schon wieder eine andere Geschichte, jene der Dekadenz…

Wo sind nur „meine“ herausgeputzten Londoner geblieben, die an Sonntagen ihre Hummer an filigranen Leinen aus Gold und Diamanten spazierenführten, oder die Chinesischen Mandarine, die für eine talentiert „singende“ Grille ohne mit der Wimper zu zucken ganze Vermögen opferten?…und ist unsere Obsession von Kochsendungen und kleinen mehr oder minder intelligenten technischen Spielereien ein ferner Nachklang dieser Zeiten? Muss man Reich sein um Exzentrisch zu sein (Wilde sagte einmal etwas ähnliches) und welche Macht gibt einem die Freiheit nicht so zu handeln wie alle anderen…oder kann Exzentrik und Freaktum im Zeitalter globalisierter Medien gar nichts mehr anderes sein als komerzialisiertes Massenverhalten? Ist der Freak zur Normalität geworden, oder die Normalität zum Freak? Und wieviel Individualität braucht Exzentrik?

Ob meinen geliebten Bambergern das alles klar war, als sie sich zur Freak City auserkoren haben? Vermutlich nicht…aber das ist ja auch ganz normal.

Gute Nacht liebe Normalgebliebenen und Exzentriker, Freaks, Ab- und Wiedernormalen, Gartenzwergliebhaber, Guerillia-KnitterInnen, Boshi-Häkler, Gorbatoschowmatrioschkasammler, Basketballfans, Sambatrommlerinnen, Kochsendungsseher, Doku-Liebhaber, Bauern und Fischer, klöppelnde Männer (und Frauen!) und Latte-Macchiato-Mütter mit (angeblicher oder realer) Laktoseintolleranz, die Welt wäre ärmer ohne Euch!