„Viel Ausschwitz denn vom Himmel?“- Fragen und Gedanken zum Gedenktag an die Opfer des Holocausts

Kann, soll, darf man an einem solchen Tag etwas schreiben?

Einem Tag, der für so viele Tote, so viel Leid, so viel Unrecht, so viel Hass und so viel menschliches Versagen steht?

Wäre es nicht besser, weiser und angemessener angesichts all dessen was Menschen anderen Menschen antun können, all dem unsagbaren Grauen einfach zu schweigen?

Oder müsste man der Wut, der Empörung, der Verzweiflung und dem Schmerz nachgeben und den ganzen Tag lang einfach nur gegen das, was geschehen ist anbrüllen, bis auch noch der letzte hirnverbrannte Idiot kapiert, was war, und dass es jederzeit wieder passieren kann – weil der Mensch und die Welt nun einmal nicht – nur – gut und edel und wunderbar und fortschrittlich und lernfähig, sondern eben auch eine Bestie ist und bleibt?

Sollte und darf und muss man sich angesichts der zahllosen wohlinszenierten und gesetzten Gedenkstunden, der Dokumentationen und Denkmäler, und all der hilflos-professionellen Inszenierungen von Schmerz und Betroffenheit an diesem Tag nicht auch fragen, in wie weit das alles nicht längst wohleinstudierter, sinnentleerer Ritus ist, der uns nicht mehr betrifft und berührt als all die anderen jeden Tag dahingeäußerten Worte des Bedauerns, Ent- und Beschuldigungen – schöne Worte, diplomatische Entlastungsübungen und Ausweichbewegungen auf dem glatten Parkett moralischer Überlegenheit, denen selten wirkliche Konsequenzen folgen und bei denen es noch viel seltener wirklich um die Opfer und das Gesagte, sondern viel zu oft um die Instrumentalisierung von deren Leid zur Sicherung und Rechtfertigung des je eigenen Status in einem mit spitzer Zunge und Feder geführten Krieg gegenseitiger Beschuldigungen, An- und Aufrechnungen geht?

Darf man das wirklich so sagen? Welche Feinde macht man sich mit dieser Form der „Ehrlichkeit“? Ist sie überhaupt „ehrlich“? Und tut man damit jenen, die ernsthaft bereuen, und jenen, die ernsthaft und ohne eigene Eitelkeiten zu bedienen versuchen zu verhindern, dass das Grauen wieder passiert, nicht unrecht? Und stärkt man damit nicht gewollt wie ungewollt all Jene, die den Schlussstrich ziehen –Wo endet die Kritik an der „Betroffenheitsindustrie“, wer pflegt sie, und warum, wo ist sie angebracht und wo „nur“ weiteres rassistisches Stereotyp?

Und schon sind wir ganz mittendrinn im Minenfeld des Müssens, Könnens und des Dürfens, ein Wald von selbst und fremdgemachten Stolperdrähten irgendwo zwischen Richtern und Rechten, zwischen Satire und Empörung, dem Hören-wollen und dem Hören-müssen, von Unrecht und Gerechtigkeit, dem Mein und Dein, den Unterschieden und der Unterscheidungen, Vertretungs- und Vergeltungsansprüchen, von Eingliederungen, Vereinnahmungen und Ausschlüssen…

Und dann sind da die Bilder und Geschichten von den Opfern, die Dinge und Erinnerungen die gegen den Plan das Auslöschen und Vergessen, das Schweigen und Verdrängen überstanden haben und uns blieben.

Da ist die Erinnerung an die Stille, die immer dann eintrat, wenn man die, die es wissen hätten könnten fragte. Da ist die allzu hastig umgeblätterte Seite im Familienalbum und der ganz offen und ausgesprochene Satz : „Solche wie Du gehören nach Dachau oder noch besser vergaßt…“, da ist die immer nette und geliebte Nachbarin, die zweite Oma, die – kurz bevor sie ins Heim kam – einen auf einen Kaffee herüberbat und einem einen Stapel Briefe, Bilder und ein kleines, mit Bleistift „Im Lager“ geschriebenes Tagebuch in die Hand drückte aus dem hevorging, dass ihr längst verstorbener Mann SS-Offizier war und Täter, und dann selbst zum Opfer wurde…erst der folternden Amerikaner, und dann im Gulag, weil er so dumm war einem „Kammeraden“ im Osten helfen zu wollen, erst `52 kam er zurück…als anderer Mensch…Und dann ist da die Hochzeit des eigenen Bruders, nur ein Tal weiter vom „Mord-Schloss“ von Grafeneck…

Da ist der Kleine Großonkel von dem lange niemand wusste wo er geblieben war – zutodegehungert im Namen der Euthanasie. Da ist die blinde Schulfreundin der Großmutter, die diesem Schicksal nur durch „Zufall“ entkam. Da sind die Erzählungen des Großvaters von der Ostfront, von abgebrannten Dörfern, Vergeltungsaktionen, Deportationen, Erschießungskomandos…Da ist die Flucht der Urgroßmutter, die Weigerung der Töchter zu erzählen, oder die „alte Heimat“ jemals wieder zu betreten und die eigene, unerwartet emotionale und von Wut und Rachegelüsten, Schuld und Sühne geprägte Reaktion als man die Brücke nach Polen überschritt. Da sind die Stolpersteine vor dem eignen Haus, da ist die kleine, silberne Menora – ein „Geschenk“ der „alten Nachbarn“ an den Urgroßvater bevor sie deportiert wurden, da sind die Erinnerungen an die manchmal gar nicht so „lieben“ Amerikanischen Besatzungssoldaten, die einem mit 15 oder 16 das Wort Nazi entgegen schleuderten, wenn sie volltrunken keine Lust hatten die Zeche zu bezahlen. Da sind aber auch die eigene weißrussische Schwägerin, die jüdischen Freunde, Geschäftspartner, Lehrer…und die manchmal gar nicht so unkomplizierten Altlasten und Gefühle, die das alles noch immer nicht „ganz normal“ machen…Auge um Auge, Zahn um Zahn, Schuld und Sühne, Rache und Vergebung, Dir und Mir, Grenze und Überschreitung, Angst und Vertrauen, Flucht und Heimat…

Und dann sind da jene, die meinen das alles sei nicht wichtig, sei Vergangenheit, müsse endlich enden, vergessen werden. Es müsse „endlich“ weitergehen. Man müsse die Vergangenheit auch einmal ruhen lassen…und überhaupt: Ist das Alles überhaupt geschehn?

Und ja, da sind auch jene, die doch wissen, durchaus auch wissen wollen…aber nicht um zu versöhnen sondern auf- und abzurechnen. Hilfe gegen gutes Gewissen, Schuldenerlass gegen Verzicht auf Schadensersatz, Meine Toten, Deine Toten…

Und dann gibt es noch jene, die auf den ersten Blick, das erste Hören, und das erste Sehn mit all dem nichts gemein haben. Die Stärke fordern, dichte Grenzen, Sicherheit und Abgrenzung. Die die Anpassung und Unterordnung an die selbst nicht unbedingt gelebten und gezeigten christlich-jüdische (welch Ironie!) Werte fordern, das Eigene als Fahne und als Schutzschild tragen, die „Anderen“ nicht um sich wollen, sich vor dem Wertverlust des eignen Hauses und vor Multi-Kulti fürchten.

Da sind auch die, die Männer anderer „Kulturen“ pauschal zu potentiellen Vergewaltigern machen, die Straßenseite wechseln, wenn sie kommen und sich längst das Pfefferspray besorgten. Da sind dann die, die Nebensätze schwingen – von denen die so anders sind, und uns, die wir so furchtbar überlegen und so zivilisiert…

Und da sind auch jene, die im Namen der Effizienz Menschen, die nicht die erwartete „Leistung“ bringen ausgrenzen, ihnen Faulheit unterstellen, sie beleidigen und sanktionieren. Und ja, da sind dann auch die Eltern die sich nicht mehr trauen das Kind mit „Behinderung“ zu bekommen – oder sollte man besser sagen: Die keinen Bock drauf haben, sich ihr Leben mit „so was“ zu versaun? Da sind die Ärzte und die Bekannten, die Schwiegereltern und die Lehrer, der Arbeitgeber und die Bäckersfrau, der Schaffner und die Familienberaterin die alle unisono meinen „so etwas sei doch heute wirklich nicht mehr nötig!“…und da ist dann der Arzt und die Klinik in der sie dann stattfindet, die Abtreibung des „defekten“ , „nicht-pferekten“ Kindes, das nicht so ist, und nie so wäre, wie wir, wie die Leistungs-Gesellschaft es fordert…

Da ist ein Trump, der Frauen weil er meint das er es kann in den Schritt zu fassen können glaubt, da ist der Redneck in den Bergen, der sich ausgebotet sieht von der Moderne und den andern, denen die nicht sind wie er und sein „Gott“ das wollen, da ist der Gouvaneur, der andren vorschreibt welche Toilette sie zu nutzen haben, da sind die Schwarzen und die Weißen, die Roten und die Gelben die sich gegenseitig und voller Hass die Schädel einschlagen und das Dach über dem Kopf anzünden. Da sind die vorgeblich so Klugen, die sich eitel über die Dummheit anderer Mockieren, und dabei nach eignem Gutdünken do’s und don’t‘s verkünden, als seien es ewiggültige und nichtzudiskutierende, indiskutabel-wahre Himbeerbonbons…

Da sind die Naiven, die alles für gegeben nehmen, die Überlegen-fühlenden, die es nicht mehr nötig haben andere Meinungen auch nur zu respektieren, die Wuterfüllten die längst nicht mehr diskutieren und die die sich Ausgeschlossen und –gebootet fühlen und es auch längst nicht mehr für nötig halten, die eigene narzistische Gedankenblase zu durchstoßen…

Da sind aber auch die, die gerade und auch an einem solchen Tag nicht in den bewährt-akzeptierten Ritualen üben, die ihn nicht nutzen um zu provozieren, die nicht ins übliche „Wehe Euch“ und „Wehe uns“ verfallen…sondern die einfach nur sagen, dass es Menschen waren, die ermordet wurden, weil ihr Mensch- und Dasein andren nicht gefiel. Die ihren Fokus nicht nur auf das eine Ereignis, die eine Gruppe, den einen Ort, die eine Zeit die einen Opfer und die einen Täter richten, sondern versuchen Vor- und Nachgeschichte des Geschehenen als Teil einer größeren, undendlich komplexeren und nicht selten beängstigend „nahen“ Geschichte zu sehen, die uns alle betrifft, und in der wir alle jederzeit Täter und Opfer werden können – und es vielleicht auch längst schon sind.

Viel Ausschwitz denn vom Himmel? War im Osten wirklich alles besser? Sind die Opfer der KZ’s „anders“, „wichtiger“ und/oder „besser“ als jene der sowjetischen Gulags? Ist der Holocaust wirklich so einmalig? Sind Juden die einzigen Opfer des Holocausts und der Shoah…und was ist mit den Anderen und wie nennen wir das dann, und wie „angemessen“ ist es Jene, die gemeinsam starben im Nachhinein genau in jene Gruppen du „Wertekategorien“ zu trennen und zu scheiden und getrennt oder gar nicht zu betrauern, in die sie ihre Mörder einteilten? Ist Leben nicht Leben, Mord nicht Mord und ein ausgelöschtes Leben nicht ein ausgelöschtes Leben, ist Töten nicht Töten? Darf man töten um anderes töten zu vermeiden? Gibt es den „gerechten Krieg“ und die „gerechtfertigten Opfer“? Gibt es „wichtigere“ und „unwichtigere“ Tote, „würdigere“ und „unwürdigere“ Opfer? Ist ein ermordeter katholischer Priester mehr wert, als ein ermordeter Homosexueller, ein „Colateralschadensopfer“ oder ein Mensch der aufgrund seiner geistigen oder physischen „Behinderung“ ermordet wird? Warum war und ist es so einfach für die Täter unterzutauchen, wer schützte sie, und warum? Wollten wirklich alle Deutschen nach 1945 nichts mehr wissen und konnten sich alle plötzlich nicht mehr erinnern und wie war das andernorts, mit anderen Mördern? Was wussten jene die nicht direkt mordeten aber davon profitierten? Und was macht eigentlich ein Opfer aus, und was einen Täter und was ist mit dem „Dazwischen“? Und nicht zuletzt, wie ist das alles „Jetzt“ und „Morgen“? Und sollte und darf man den Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts nicht zum Gedenktag für alle Opfer des nationalsozialistischen Terrors machen, oder gar zum Gedenktag an alle Opfer von Genoziden, Kriegen und unmenschlichen Ideologien machen? Was spräche dafür, was dagegen?

Vielleicht sind es genau diese schwierigen und schmerzlichen Fragen für die Tage wie der heutige gut sind.

 

 

 

 

(K)ein Recht auf Leben_zur aktuellen Debatte um ein Verbot pränataler Gentests

SelektiertFür Eingeweihte, Interessierte und Betroffene wirken die zur Zeit durch die Medien gehenden Berichte über die von Behinderten-Organisationen (das Wort ist wenig glücklich, aber mir fällt gerade auch nichts besseres ein) geforderten Verbote pränataler nicht-invasiver Bluttests mit denen Behinderungen wie Trisomie 21 und andere „Gen-Deffekte“ diagnostiziert werden in ihrer Verspätetheit fast zynisch.

De facto leben wir seit der Einführung des „PraneaTests“ der Konstanzer Firma Livecodexx 2012 in einer Welt, in der die Selektion potentiell behinderter oder auch nur „kranker“ Föten nicht nur Realität ist – das ist er spätestens seit Einführung der Pränataldiagnostik (PND) – seit Ende der 1950er Jahre, sondern quasi risikolos geworden ist und in der, wie Gerd Weimer, Behindetenbeauftragter von Baden-Württemberg es formuliert „Das Designer-Baby sich am Horizont abzeichnet“.

So sehr es Befürworter der PND auch verneinen, und so sehr die Hersteller diverser pränataler Früherkennungstests es auch bestreiten. De facto dient die PND seit ihrer Ersteinführung vor allem dafür werdenden Eltern eine Rechtfertigung dafür zu bieten potentiell unerwünschtem Nachwuchs sein Recht auf Leben abzusprechen. Dies mag spitz, ja polemisch formuliert sein, doch die seit Beginn des „Ultraschallzeitalters“ erfolgte Abtreibung Millionen weiblicher Föten in Indien oder China oder der seit den 1960er Jahren zunehmende gesellschaftliche Druck (inklusive der gesetzlichen Legitimierung) zur Abtreibung potentiell „behinderter“ Föten – hier insbesondere jener mit der verhältnismäßig „leicht“ zu diagnostizierenden Trisomie-21 (früher diffamierend auch „Mogoloismus“ genannt), von denen zwischenzeitlich weit über 98% abgetrieben werden – zeigt dass die PND, ob von ihren Erfindern gewollt oder nicht gewollt, genau dazu genutzt wird. Befürworter dieser Praxis heben dabei das Selbstentscheidungsgrecht der Frau, die enorme psychische, soziale und finanzielle Belastung durch ein behindertes Kind oder – und dies wird zunehmend gesellschaftlicher Konsens – das angebliche Recht der Eltern auf ihr „Wunschkind“ – man könnte technisch auch von „erbgesundem Nachwuchs“ (und ich verwende hier sehr absichtlich die Terminologie der NS-Zeit) sprechen.

Doch wollen wir wirklich in einer Welt leben, in der Menschen kein Recht mehr zu Leben haben, welche nicht perfekt sind, das falsche Geschlecht haben oder einfach nur nicht den hochgesteckten Karriere- und Leistungsansprüchen ihrer Erzeuger entsprechen und in der werdende Eltern und die sie umgebende Gesellschaft den „(Überlebens-)Wert“ eines Menschen nur nach dessen Nutzwert für Wirtschaft und Gesellschaft messen? Wollen wir eine längst reale Welt , in der sich Mütter und Väter „behinderter“ Kinder von Ärzten, Nachbarn und Verwandten anhören müssen, dass „sowas heute doch wirklich nicht mehr nötig“ sei? Wollen wir, dass die Eigenschaften eines Menschen klassifiziert und nach „nützlich“ oder „unnütz“, „lebenswert“ oder „lebensunwert“ beurteilt werden, oder wollen wir daran festhalten, dass jeder Mensch einzigartig ist und allein schon aufgrund seines Menschseins ein unbestreitbares Recht auf Leben hat?

Ich weiß, ich wage mich mit diesen Fragen auf ein sehr heißes Terrain, bei dem man sich nicht nur in philosophisch, ideologisch und politisch vermientes Gebiet vorwagt, sondern sich auch sehr schnell mächtige Interessengruppen von Industrie und Wirtschaft, welche Menschen auf den Status von Humankapital reduzieren, sowie die gesamte feministische Welt sehr schnell zu Feinden macht, und es darüberhinaus mit vorgeblichen „Freunden“ und Unterstützern aus der Fundamentalistisch-rechtskonservativen bis – radikalen Ecke zu tun bekommt, die man vielleicht garnicht haben will.

Was ich an dieser Stelle bezwecke ist jedoch kein völliges Abtreibungsverbot oder eine Stigmatisierung von Frauen die sich, aus welchem Grund auch immer dazu gezwungen sehen abzutreiben. Eine Abtreibung ist kein Spaß den man einfach nebenher macht. Ihr geht immer ein schwerwiegender Konflikt voraus und niemand kann mir ernsthaft erzählen, Frauen würden sich zu einem solchen Schritt leichtfertig entscheiden. Ob sie immer bis ins Letzte durchdenken welche Langzeitwirkungen dieser Schritt haben kann, und ob dieses „Vorausdenken“ überhaupt möglich ist, ist eine andere Frage. Aber meiner Erfahrung nach ist es für keine Frau leicht sich gegen ein Kind zu entscheiden. Auch könnte man angesichts des Fakts das zum „Kindermachen“ meist mehr als eine Person gehört und der Akt der Abtreibung stets die elementaren Rechte mehr als nur einer „Person“ tangiert sehr lange und vermutlich auch sehr kontrovers darüber reden, debatieren und ganz sicher auch streiten ob die juristische Prämisse, dass allein die Mutter darüber entscheidet ob ein Kind abgetrieben wird oder nicht der Weisheit letzter Schluss ist (Wobei ich hier gleich dazu sagen muss, dass mir auch bei längerem Nachdenken keine andere praktikable Lösung einfällt…).

Doch ist das garnicht die eigentliche Frage die ich mit hier stelle. Es geht mir mit diesem Post vielmehr um eine grundsätzliche Hinterfragung der gesellschaftlichen Begleitumstände, Konventionen und Menschenbilder, die zu einer Abtreibung führen. Was, wenn es morgen nicht „nur“ Föten – oder sollten wir nicht doch besser von werdenden Menschen reden? –  mit Down-Syndrom sind, die man selbst nach ablauf der 12-Wochenfrist straflos abtreiben darf (und nach Meinung eines stets wachsenden Anteils der Bevölkerung auch soll?) Was wenn – wie in den USA längst üblich – eine genetische Disposition für Übergewicht, Astma, Rheuma, Sommersprossen oder die falsche Augenfarbe in Zukunft auch bei uns über Leben und Tod entscheiden? Was wenn morgen irgendein Epigenetiker tatsächlich das „Schwulen-Gen“ entdeckt, oder wir ein „Faulheits-Gen“ finden? Treiben wir diese Föten dann auch genauso ab, wie wir es mit den Trisomie-21-diagnostizierten tun, nur weil sie nicht in unser Werte- und Lifestyle-Konzept passen?

Wir alle sollten uns bewusst sein, dass wir, seitdem die Pränataldiagnostik die Tür zur „pränatalen Selektion“ geöffnet hat, jeder von uns das potentiell nächste Opfer des Selbstverwirklichungs und Perfektionierungswahns unserer Zeit sein könnten. Gerade wir Deutschen sollten aufgrund unserer Vergangenheit sehr genau nachdenken, ob wir wieder eine Form der Eugenik – und nichts anderes Verbirgt sich im Fall der Abtreibung behinderter Föten hinter dem Begriff „medizinische Indikation“ (weiter) zulassen wollen. Die neuen Bluttests sind dabei nur ein Baustein einer immer weitgehenderen, perfektionierten und auf Perfektion abzielenden Pränataldiagnostik und einer Gesetzgebung, welche das elementare Menschenrecht auf Leben dem Recht auf das (gesellschaftlich wie privat zunehmend als alleinige „Norm“ definierten) „gesunden“ Wunschkind und die eigene Selbstverwirklichung (der Mutter?) unterordnet. Es wird Zeit sich der Problematik dieser Entwicklung und der ihr zugrundeliegenden Definition von „lebenswertem“ Leben zu stellen. Der Grad zur gezielten Ausselektierung angeblich „lebensunwerten“ Leben ist schmal, wenn er denn in der Praxis überhaupt vorhanden ist, wie das Beispiel der beinahe totalen „Eliminierung“ Trisomie 21-diagnostizierter Föten zeigt. Wie sagte die selbst Trisomie 21-habende Hauptdarstellerin des Filmes „Be my baby“ Carina Kühne anlässlich einer Diskussion auf einem Filmfestival so treffend: „Menschen wie ich sterben nicht aus, sie werden ausgerottet, weil unsere Gesellschaft sich Menschen wie mich nicht mehr leisten will.“

Und nein, ich bin ganz gewiss keiner jener religiösen Fundamentalisten, welche Pränatale Diagnostik, Abtreibung, die Pille oder Verhütung rund heraus verbannen. Dafür kenne ich die Nöte, Zumutungen, Langzeitfolgen und alltäglichen Demütigungen die mit der Eintscheidung für oder gegen ein Kind verbunden sind auch aus eigener Erfahrung viel zu gut.  Ich weiß einfach nicht, was ich einer jungen, talentierten Schauspielerin wie Carina Karina Kühne antworten soll? Wie soll ich ihr erklären (und will ich überhaupt erklären!), warum es in einer der reichsten Gesellschaften der Welt so unglaublich schwierig Kinder zu bekommen und großzuziehen, vor allem dann, wenn sie eben nicht ganz perfekt sind… Warum sind Kinder der sicherste Weg in die Armut, warum emfinden werdende Eltern ein Kind (erst recht ein behindertes Kind!) als Einschränkung, ja existentielle Bedrohung und nicht mehr als Bereicherung, und warum glauben wir, ein Recht oder – noch schlimmer – die Pflicht auf ein „gesundes“ „perfektes“ „leistungsstrakes“ „normales“ Kind zu haben oder haben zu müssen?

Fragen die wir viel zu lange den werdenen Müttern alleine überlassen haben. Fragen die wir als Tabus und politisch „heikel“ viel zu lange aus unserem Leben verbannt haben. Fragen, denen wir uns – wenn wir nicht wollen, dass sie „qua medizinischem Fortschritt“ einfach ohne uns und ganz „en passon“ durch Faktenlage entschieden werden – stellen müssen und deren Folgen und Auswirkungen auf unser Eigen- und Menschenbild, unsere Hoffnungen, Ängste und Ideale endlich offen und kontrovers debattiert werden müssen. Das ist es, wozu ich mit diesem post anregen will, nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.

 

 

Weitere Denk-an-stöße und Weiter-führendes zum Thema:

„Vom Leben und vom heiligen Zorn“ , Link zu meinem Beitrag zum Film „be my baby“ vom Dezember 2014 in dem ich mich ebenfalls mit der Thematik auseinandersetze:

http://wp.me/p2SJFH-ww

 

Link zu einem aktuellen Artikel von Spiegel-Online zum Thema „Blutgentest“:

http://www.spiegel.de/gesundheit/schwangerschaft/praenatest-und-weitere-down-syndrom-bluttests-kritisiert-aber-genutzt-a-958721.html

 

Beitrag von Carina Kühne zum Film „Be my baby“:

https://www.aktion-mensch.de/blog/beitraege/be-my-baby-meine-erste-filmerfahrung/

 

 

Adventskalender 2014 – 3. Türchen – Vom Leben und vom heiligen Zorn

Ein Stern

Ein Stern

Heute ist der internationale Tag der Menschen mit Behinderung. Ich könnte nun lange über Benachteiligung, Ausgrenzung und Ablehnung schreiben.

Aber ich mache das jetzt anders:

„Be my baby“ – Vor kurzem hatte ich bei den Filmfestspielen in Biberach a. d. Riß nicht nur die Gelegenheit diesen wirklich außergewöhnlichen Film zu sehen, sondern danach auch mit den Regisseuren und der Hauptdarstellerin über diesen Film zu diskutieren. Normalerweise vergisst man solche Ereignisse sehr schnell wieder, reiht sie ein in den Alltag. Bei diesem Film ging das nicht, er ließ mich nicht mehr los, und ich frage mich bis heute, weshalb er nur am 01.12.2014 um 0:05h als Teil der Sendereihe „kleines Fernsehspiel“ im ZDF zu sehen war (und dadurch keinen Kino-Verleih fand, da er sich – weil in der Mediathek abrufbar – wohl ökonomisch nicht mehr lohne…Filmförderung und PPP können ihre Nachteile haben…).

„Be my baby“ handelt von einer Jungen Frau mit Down-Syndrom, die sich lediglich etwas so „normales“ wie eine eigene Familie, Glück, Geborgenheit und Liebe wünscht, schwanger wird und sich damit plötzlich einer ganzen Phalanx aus Vorurteilen, Ablehnung, gesellschaftlichen Konventionen, Tabus und Verboten gegenübersieht.

Neben den eindringlichen Bildern und Szenen des Films, war es  vor allem die Hauptdarstellerin des Films Carina Kühne, deren selbstbewusste und keinesfalls „publikumskonformen“ Antworten auf die von falscher Zurückhaltung und Rücksichtnahme, Mitleid und Gutmenschentum geprägten Fragen des Festival-Publikums mich beeindruckten.

Daß eine Frau mit Down-Syndrom als Schauspielerin erfolgreich sein kann, mochte für die meisten im Saal ja gerade noch angehen. Daß dieselbe, kleine, ja zerbrechlich wirkende junge Frau der versammelten Presse und dem großteils aus GrundschullehrerInnen und Jung-AktivistInnen im Pollunder-Look bestehenden Publikum dann aber knallhart um die Ohren haute, dass seit der Einführung eines Schnelltests auf Trisomie 21* vor einigen Jahren über 99,5% der Föten mit dieser spezifischen Gen-Mutation abgetrieben würden – und man sie sich ruhig noch einmal genau ansehen sollte, weil die Menschen mit Down-Syndrom demnächst ausstürben, war einigen dann doch zu viel der selbstbewussten Inklusion.

Und doch, es stimmt, wir – d.h. unsere Gesellschaft will sich Menschen wie Carina Kühne nicht mehr „antun“. „Schwangerschaftsabbruch mit embryopathischer Indikation“ wie es so schön im Gesetz von 1995 heißt. Kinder mit Behinderung würden die „körperliche oder seelische Gesundheit der Schwangeren, unter Berücksichtigung ihrer gegenwärtigen und zukünftigen Lebensverhältnisse, in unzumutbarer Weise beeinträchtigen“ so die Argumentation. Ihre Abtreibung ist in Deutschland bis zur 22. Schwangerschaftswoche üblich (und während der gesamten Schwangerschaft straffrei), in den Niederlanden und anderen Nachbarländern auch noch danach…Man will diese Kinder nicht, sie beeinträchtigen, verursachen Kosten, brauchen unsere Hilfe und Zuwendung…

…und so sterben sie aus, die Menschen wie Carina – oder besser gesagt, sie werden sehr bewusst und mit voller Absicht ausgerottet. Nicht weil sie nicht ein erfülltes Leben führen könnten,  sondern weil sich unsere auf Leistung und Maximaleffizienz getrimmte Wettbewerbsgesellschaft keine „mangelhaften“ Mitglieder mehr leisten will.

Es ist in Deutschland noch gar nicht lange her, das wir das „Euthanasie“ nannten…nur dass es damals noch keine Pränataldiagnostik und keine Schnelltests gab, und man die Behinderten nicht als Embryo, sondern erst nach ihrer Geburt als „lebensunwertes Leben“ entsorgte.

Und nein, ich verurteile hier nicht die Schwangeren, die heute nicht mehr wissen wie sie in dieser Weltnoch ein behindertes Kind  großziehen sollen und sich deshalb bei der Diagnose „Behinderung“ für einen Schwangerschaftsabruch entscheiden (müssen).

Ich verurteile die Welt, die Eltern mit behinderten Kindern ganz ernsthaft fragt „Ob sowas denn heute wirklich noch sein muss“.

Ich verurteile jene, die sich beschämt und angeekelt wegdrehen, wenn ein Mensch mit Behinderung sie anspricht oder um Hilfe bittet.

Ich verurteile jene, die meinen, ein behinderter Mensch sei kein vollwertiges Mitglied unserer Gesellschaft.

Ich verurteile jene, die – vorgeblich aus besten Motiven – Behinderte bevormunden, wegsperren, ab- und aussondern.

Ich verurteile die Arbeitgeber, die sich lieber durch eine Strafzahlung freikaufen, als einen Menschen mit Behinderung einstellen.

Ich verurteile die Ökonomen und Ärzte, die im Namen des volkswirtschaftlichen Schadens die Abtreibung behinderter Föten fordern.

Ich verurteile die FrauenrechtlerInnen und FemministInnen, die sich im Namen eines angeblich selbstbestimmten Lebens der Schwangeren zu Richterinnen über Leben und Tod aufschwingen.

Ich verurteile die Nachbarn, Freunde, Väter, Verwandte und Großeltern, Behörden und Politiker, die die Schwächsten in unserer Gesellschaft am liebsten vergessen würden, und sie – dort wo dies nicht möglich ist – mit schönen Versprechungen auf den Sankt Nimmerleinstag vertrösten.

Ich verurteile und ich habe einen „heiligen Zorn“ – wie man im Schwäbischen so schön und treffend sagt.

Trotzdem, oder gerade deshalb lohnt es sich diesen ganz besonderen Film anzusehen, und selbst darüber nachzudenken, was es bedeutet, wenn es in unserer Welt bald keine Menschen mehr mit Down-Syndrom und anderen Behinderungen mehr gibt.

Link zur ZDF-Mediathek:

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2280720/Be-My-Baby?setTime=6.75#/beitrag/video/2280720/Be-My-Baby

* So die medizinisch korrekte Bezeichnung von Down-Syndrom bzw. dem, was man früher als „Mongoloismus“ bezeichnete.