Und jetzt Palmyra…oder: Wie der Krieg in Syrien uns alle um unsere Identität und Geschichte beraubt.

Gerade flimmert über meinen Newsticker die Schreckensmeldung, dass die Kämpfe zwischen ‚regulärer“ Syrischer Armee und dem IS nun auch Tadmor – das antike Palmyra – erreicht haben. Und wie schon am Craq de Chevalliers, in Aleppo oder Damaskus ist zu befürchten, dass auch hier neben unzähligen Menschenleben auch unersetzliche Kunst- und Kulturgüter, ja das gemeinsame Kulturerbe der Menschheit, den Kämpfen zwischen und nachfolgenden Plünderungen durch die Kriegsparteien zum Opfer fallen wird.
Was soll man dazu noch sagen?
Dass die Wiege unserer Kultur und Zivilisation vernichtet wird, und dass ohne dass die meisten von uns auch nur im Geringsten erahnen oder sich auch nur dafür interessieren, was da eigentlich zerstört wird? Dass wir hier alle gerade wieder um ein großes Stück unserer gemeinsamen Vergangenheit und Identität beraubt werden? Dass mir, der ich das Land, seine Menschen und sein Kulturerbe noch vor diesem mörderischen Bruderkrieg kennenlernen durfte, inzwischen langsam die Kraft und die Tränen ausgehen, wenn ich daran denke, was mit Syrien, seinen Kulturschätzen, vor allem aber mit seinen Menschen passiert?
Palmyra ist nur einer, und leider längst nicht der erste und vermutlich lange nicht der letzte von viel zu vielen Orten an denen gerade dasselbe geschieht, geschah und geschehen wird.
Leider gilt diese Erkenntnis nicht nur in Syrien. Das gemeinsame Kulturerbe der Menschheit wird überall auf der Welt vernichtet. Tag um Tag ein wenig mehr. Nur selten ist eine drohende Zerstörung dabei so spektakulär, „wichtig“ oder aufssehenerregend, dass sie es in die Medien schafft. Viel öfter geht dieser Verlust in kleinen, aber deswegen nicht umso verheerenderen Schritten, unbemerkt und von kaum jemandem bemerkt von Statten.
Und nein, die bewusste Zestörung unser aller gemeinsamen Kulturerbes ist beileibe kein „Problem“, dass sich nur fernen, von fundamentalistischen ‚Kulturfeinden‘ heimgesuchten Ländern abspielt – nur macht es sich eben für das eurozentristische Weltbild besser, wenn die anderen die ‚kulturlosen‘ Barbaren und wir die Guten sind.
Die Realität sieht leider anders aus. Für den Erhalt des gemeinsnamen Kulturerbe der Menschheit macht es eben keinen Unterschied, ob der IS Nimrud oder jetzt eben Palmyra in die Luft sprengt, die bayerische Denkmalschutzverwaltung in aller Seelenruhe zusieht, wie ganze barocke Gutsanlagen der berühmten Barockarchitektenfamilie Dientzenhofer erst verfallen und dann abgerissen weden, oder die Württembergische Landesregierung und die Deutsche Bahn beim Bau von Stuttgart 21 einfach um ein Haar die gesamte „Vorgeschichte“ Stuttgarts undokumentiert wegbaggern, weil eine archäologische Begleitung „zu teuer und unnötig“ sei, in Venedig ganze Palazzi entkernt und zu Luxusappartments werden, oder in der Weltkulturerbestadt Bamberg große Teile des zum Welterbe gehörenden Gärtnerviertels überbaut werden, weil neue Wohnungen nunmal mehr Geld bringen als brachliegendes Gärtnerland…
Nein, die wohlgesetzten Erklärungen, Resolutionen, Gesetze und Verordnungen, die unser aller Kulturerbe schützen sollen, sind in aller Regel nicht das Papier wert auf dem sie stehen, und ja, es interessiert die UN oder andere Politiker einen Sch…. wenn mal wieder ein paar Buddhas in die Luft fliegen oder eine römische Stadt, ein prä-inkaisches Gräberfeld oder ein ägyptischer Tempel auf der Suche nach Schätzen mit Baggern umgegraben und dem Erdboden gleichgemacht wird (von den verheerenden Schäden, die unsere heißgeliebten deutschen Sondengängern, Schatzsucher und „Hobby-Archäologen“, Immobilieninvestmentfirmen oder der ganz „normale“  „Do-it-yourself-Baumarktrenovierer“ tagtäglich anrichten fang ich jetzt besser garnicht erst an)…
Und nein – und hier komme ich zurück nach Syrien – die ‚reguläre‘ Syrische Armee ist bezüglich des Kulturgüterschutzes entgegen der im Netz verbreiteten Propaganda des Assad-Regimes kein Stück besser als der IS oder die anderen „Bürkerkriegsparteien“. Seit Beginn des ‚Bürgerkrieges‘ bombardieren, plündern und zerstören alle, aber wirklich alle beteilligten Fraktionen, Grüppchen und Untergrüppchen systematisch die Kulturstätten des Landes – teils als „Colateralschadensfall“ aus sog. „militärischen Notwendigkeiten“ heraus, teils um sich am Gegner zu rächen, teils aus ideologisch-politischem, rassistischem und/oder religiösem Wahn, vor allem aber – und das ist der leider viel zu wenig bekannte entscheidende Faktor – um mit den so „frei“ werdenen Antiken über den Umweg des illegalen Antikenhandels ihre jeweilige Finanzierung sicher zu stellen.
Und dreimal darf man dann raten, wo und von wem diese Antiken dann gekauft und im Wohnzimmer (oder noch schlimmer: im Museum) aufgestellt werden…Richtig, es sind genau dieselben Orte und Menschen, an und von denen der Verlust ebendieser Kulturgüter in großen UN-Erklärungen verurteilt wird und die in krokodilstränenschweren Reden, welche den besseren Schutz der Syrischen Kulturgüter fordern und die umgehende Vernichtung des IS fordern. Wer’s nicht glaubt, möge sich in den Auslagen der Antikenhändler, Sammlungen und Museen in Berlin, Brüssel, London, New York, Peking oder Dubai umsehen und diskret nachfragen, weshalb so viele Kunsthändler, Museen und Sammler so wenig Interesse daran haben, genauere Angaben zur Provenienz eines Stückes zu machen…
Wenn’s genauer interessiert was seit Jahren – nicht nur, aber vor allem in Syrien passiert – dem empfehle ich die erschreckend „erhellende“ Lektüre des Blogs eines befreundeten Archäologen, der inzwischen ‚unfreiwillig‘ zum vielgefragten Experten in diesen Dingen geworden ist:
Und ja, mich überkommt bei derlei Nachrichten auch gelegentlich der „heilige Zorn“. Nur bringt der auf lange Sicht eben reichlich wenig, weil Gewalt nur Gegengewalt erzeugt…
Für’s erste wäre schon viel damit gewonnen, wenn man es schaffen würde, für ein paar Jahre jeglichen Handel mit antiken Objekten aus Krisenregionen einzustellen um nicht selbst als Händler oder Sammler zum Komplizen von IS und CO zu werden…Es ist dasselbe Spiel wie mit den Diamanten…da fragt auch kein Mensch beim Verlobungsringkauf, ob er damit nicht ein paar Bürgerkriegsgenerale im Kongo finanziert (und wenn er es doch tut, wird er belogen – wer trägt schließlich gerne Blutdiamanten am Finger).
Leider sieht man es dem kleinen, wohlbeleuchteten palmyrenischen Relief in der Diplomatenwohnung eben nicht an, dass damit gerade der Raketenwerfer finanziert wurde, der jetzt bei der Ermordung der jessidischen Bevölkerung eines kleinen nordirakischen Dorfes zum Einsatz kommt…

Dass man den Menschen irgendwann einmal beibringen könnte, dass Gewalt, Krieg und Mord kein Mittel der Konfliktlösung sind, egal wie „wichtig“, „legitim“ oder „ehrenhaft“ die Gründe dafür sein mögen; Dass die Menschen es irgendwann einmal kapieren, dass die Vielfalt des gemeinsamen Kulturerbes der Menschheit (und ich meine hier sowohl das materielle wie das noch ungleich stärker gefährdete immaterielle) allein schon deshalb wertvoll ist, weil es da ist. Dass kein Mensch das Recht hat, dieses Erbe mutwillig, durch Ignoranz oder einfach nur durch Vernachlässigung und Desinteresse zu vernichten und dass unser gemeinsames Menschheitserbe keinen weiteren finanziellen Nutzwert für seine Existenzberechtigung benötigt…Well, irgendwelche Träume muss man schließlich haben, nur leider kenne ich eben auch die Verführbarkeit, die Ignoranz und die Gier meiner Mitmenschen…

Advertisements