(K)ein Recht auf Leben_zur aktuellen Debatte um ein Verbot pränataler Gentests

SelektiertFür Eingeweihte, Interessierte und Betroffene wirken die zur Zeit durch die Medien gehenden Berichte über die von Behinderten-Organisationen (das Wort ist wenig glücklich, aber mir fällt gerade auch nichts besseres ein) geforderten Verbote pränataler nicht-invasiver Bluttests mit denen Behinderungen wie Trisomie 21 und andere „Gen-Deffekte“ diagnostiziert werden in ihrer Verspätetheit fast zynisch.

De facto leben wir seit der Einführung des „PraneaTests“ der Konstanzer Firma Livecodexx 2012 in einer Welt, in der die Selektion potentiell behinderter oder auch nur „kranker“ Föten nicht nur Realität ist – das ist er spätestens seit Einführung der Pränataldiagnostik (PND) – seit Ende der 1950er Jahre, sondern quasi risikolos geworden ist und in der, wie Gerd Weimer, Behindetenbeauftragter von Baden-Württemberg es formuliert „Das Designer-Baby sich am Horizont abzeichnet“.

So sehr es Befürworter der PND auch verneinen, und so sehr die Hersteller diverser pränataler Früherkennungstests es auch bestreiten. De facto dient die PND seit ihrer Ersteinführung vor allem dafür werdenden Eltern eine Rechtfertigung dafür zu bieten potentiell unerwünschtem Nachwuchs sein Recht auf Leben abzusprechen. Dies mag spitz, ja polemisch formuliert sein, doch die seit Beginn des „Ultraschallzeitalters“ erfolgte Abtreibung Millionen weiblicher Föten in Indien oder China oder der seit den 1960er Jahren zunehmende gesellschaftliche Druck (inklusive der gesetzlichen Legitimierung) zur Abtreibung potentiell „behinderter“ Föten – hier insbesondere jener mit der verhältnismäßig „leicht“ zu diagnostizierenden Trisomie-21 (früher diffamierend auch „Mogoloismus“ genannt), von denen zwischenzeitlich weit über 98% abgetrieben werden – zeigt dass die PND, ob von ihren Erfindern gewollt oder nicht gewollt, genau dazu genutzt wird. Befürworter dieser Praxis heben dabei das Selbstentscheidungsgrecht der Frau, die enorme psychische, soziale und finanzielle Belastung durch ein behindertes Kind oder – und dies wird zunehmend gesellschaftlicher Konsens – das angebliche Recht der Eltern auf ihr „Wunschkind“ – man könnte technisch auch von „erbgesundem Nachwuchs“ (und ich verwende hier sehr absichtlich die Terminologie der NS-Zeit) sprechen.

Doch wollen wir wirklich in einer Welt leben, in der Menschen kein Recht mehr zu Leben haben, welche nicht perfekt sind, das falsche Geschlecht haben oder einfach nur nicht den hochgesteckten Karriere- und Leistungsansprüchen ihrer Erzeuger entsprechen und in der werdende Eltern und die sie umgebende Gesellschaft den „(Überlebens-)Wert“ eines Menschen nur nach dessen Nutzwert für Wirtschaft und Gesellschaft messen? Wollen wir eine längst reale Welt , in der sich Mütter und Väter „behinderter“ Kinder von Ärzten, Nachbarn und Verwandten anhören müssen, dass „sowas heute doch wirklich nicht mehr nötig“ sei? Wollen wir, dass die Eigenschaften eines Menschen klassifiziert und nach „nützlich“ oder „unnütz“, „lebenswert“ oder „lebensunwert“ beurteilt werden, oder wollen wir daran festhalten, dass jeder Mensch einzigartig ist und allein schon aufgrund seines Menschseins ein unbestreitbares Recht auf Leben hat?

Ich weiß, ich wage mich mit diesen Fragen auf ein sehr heißes Terrain, bei dem man sich nicht nur in philosophisch, ideologisch und politisch vermientes Gebiet vorwagt, sondern sich auch sehr schnell mächtige Interessengruppen von Industrie und Wirtschaft, welche Menschen auf den Status von Humankapital reduzieren, sowie die gesamte feministische Welt sehr schnell zu Feinden macht, und es darüberhinaus mit vorgeblichen „Freunden“ und Unterstützern aus der Fundamentalistisch-rechtskonservativen bis – radikalen Ecke zu tun bekommt, die man vielleicht garnicht haben will.

Was ich an dieser Stelle bezwecke ist jedoch kein völliges Abtreibungsverbot oder eine Stigmatisierung von Frauen die sich, aus welchem Grund auch immer dazu gezwungen sehen abzutreiben. Eine Abtreibung ist kein Spaß den man einfach nebenher macht. Ihr geht immer ein schwerwiegender Konflikt voraus und niemand kann mir ernsthaft erzählen, Frauen würden sich zu einem solchen Schritt leichtfertig entscheiden. Ob sie immer bis ins Letzte durchdenken welche Langzeitwirkungen dieser Schritt haben kann, und ob dieses „Vorausdenken“ überhaupt möglich ist, ist eine andere Frage. Aber meiner Erfahrung nach ist es für keine Frau leicht sich gegen ein Kind zu entscheiden. Auch könnte man angesichts des Fakts das zum „Kindermachen“ meist mehr als eine Person gehört und der Akt der Abtreibung stets die elementaren Rechte mehr als nur einer „Person“ tangiert sehr lange und vermutlich auch sehr kontrovers darüber reden, debatieren und ganz sicher auch streiten ob die juristische Prämisse, dass allein die Mutter darüber entscheidet ob ein Kind abgetrieben wird oder nicht der Weisheit letzter Schluss ist (Wobei ich hier gleich dazu sagen muss, dass mir auch bei längerem Nachdenken keine andere praktikable Lösung einfällt…).

Doch ist das garnicht die eigentliche Frage die ich mit hier stelle. Es geht mir mit diesem Post vielmehr um eine grundsätzliche Hinterfragung der gesellschaftlichen Begleitumstände, Konventionen und Menschenbilder, die zu einer Abtreibung führen. Was, wenn es morgen nicht „nur“ Föten – oder sollten wir nicht doch besser von werdenden Menschen reden? –  mit Down-Syndrom sind, die man selbst nach ablauf der 12-Wochenfrist straflos abtreiben darf (und nach Meinung eines stets wachsenden Anteils der Bevölkerung auch soll?) Was wenn – wie in den USA längst üblich – eine genetische Disposition für Übergewicht, Astma, Rheuma, Sommersprossen oder die falsche Augenfarbe in Zukunft auch bei uns über Leben und Tod entscheiden? Was wenn morgen irgendein Epigenetiker tatsächlich das „Schwulen-Gen“ entdeckt, oder wir ein „Faulheits-Gen“ finden? Treiben wir diese Föten dann auch genauso ab, wie wir es mit den Trisomie-21-diagnostizierten tun, nur weil sie nicht in unser Werte- und Lifestyle-Konzept passen?

Wir alle sollten uns bewusst sein, dass wir, seitdem die Pränataldiagnostik die Tür zur „pränatalen Selektion“ geöffnet hat, jeder von uns das potentiell nächste Opfer des Selbstverwirklichungs und Perfektionierungswahns unserer Zeit sein könnten. Gerade wir Deutschen sollten aufgrund unserer Vergangenheit sehr genau nachdenken, ob wir wieder eine Form der Eugenik – und nichts anderes Verbirgt sich im Fall der Abtreibung behinderter Föten hinter dem Begriff „medizinische Indikation“ (weiter) zulassen wollen. Die neuen Bluttests sind dabei nur ein Baustein einer immer weitgehenderen, perfektionierten und auf Perfektion abzielenden Pränataldiagnostik und einer Gesetzgebung, welche das elementare Menschenrecht auf Leben dem Recht auf das (gesellschaftlich wie privat zunehmend als alleinige „Norm“ definierten) „gesunden“ Wunschkind und die eigene Selbstverwirklichung (der Mutter?) unterordnet. Es wird Zeit sich der Problematik dieser Entwicklung und der ihr zugrundeliegenden Definition von „lebenswertem“ Leben zu stellen. Der Grad zur gezielten Ausselektierung angeblich „lebensunwerten“ Leben ist schmal, wenn er denn in der Praxis überhaupt vorhanden ist, wie das Beispiel der beinahe totalen „Eliminierung“ Trisomie 21-diagnostizierter Föten zeigt. Wie sagte die selbst Trisomie 21-habende Hauptdarstellerin des Filmes „Be my baby“ Carina Kühne anlässlich einer Diskussion auf einem Filmfestival so treffend: „Menschen wie ich sterben nicht aus, sie werden ausgerottet, weil unsere Gesellschaft sich Menschen wie mich nicht mehr leisten will.“

Und nein, ich bin ganz gewiss keiner jener religiösen Fundamentalisten, welche Pränatale Diagnostik, Abtreibung, die Pille oder Verhütung rund heraus verbannen. Dafür kenne ich die Nöte, Zumutungen, Langzeitfolgen und alltäglichen Demütigungen die mit der Eintscheidung für oder gegen ein Kind verbunden sind auch aus eigener Erfahrung viel zu gut.  Ich weiß einfach nicht, was ich einer jungen, talentierten Schauspielerin wie Carina Karina Kühne antworten soll? Wie soll ich ihr erklären (und will ich überhaupt erklären!), warum es in einer der reichsten Gesellschaften der Welt so unglaublich schwierig Kinder zu bekommen und großzuziehen, vor allem dann, wenn sie eben nicht ganz perfekt sind… Warum sind Kinder der sicherste Weg in die Armut, warum emfinden werdende Eltern ein Kind (erst recht ein behindertes Kind!) als Einschränkung, ja existentielle Bedrohung und nicht mehr als Bereicherung, und warum glauben wir, ein Recht oder – noch schlimmer – die Pflicht auf ein „gesundes“ „perfektes“ „leistungsstrakes“ „normales“ Kind zu haben oder haben zu müssen?

Fragen die wir viel zu lange den werdenen Müttern alleine überlassen haben. Fragen die wir als Tabus und politisch „heikel“ viel zu lange aus unserem Leben verbannt haben. Fragen, denen wir uns – wenn wir nicht wollen, dass sie „qua medizinischem Fortschritt“ einfach ohne uns und ganz „en passon“ durch Faktenlage entschieden werden – stellen müssen und deren Folgen und Auswirkungen auf unser Eigen- und Menschenbild, unsere Hoffnungen, Ängste und Ideale endlich offen und kontrovers debattiert werden müssen. Das ist es, wozu ich mit diesem post anregen will, nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.

 

 

Weitere Denk-an-stöße und Weiter-führendes zum Thema:

„Vom Leben und vom heiligen Zorn“ , Link zu meinem Beitrag zum Film „be my baby“ vom Dezember 2014 in dem ich mich ebenfalls mit der Thematik auseinandersetze:

http://wp.me/p2SJFH-ww

 

Link zu einem aktuellen Artikel von Spiegel-Online zum Thema „Blutgentest“:

http://www.spiegel.de/gesundheit/schwangerschaft/praenatest-und-weitere-down-syndrom-bluttests-kritisiert-aber-genutzt-a-958721.html

 

Beitrag von Carina Kühne zum Film „Be my baby“:

https://www.aktion-mensch.de/blog/beitraege/be-my-baby-meine-erste-filmerfahrung/

 

 

Advertisements