Adventskalender 2014 – 23. Türchen – Der kürzeste Tag des Jahres oder warum schenken immer auch ein kleines bisschen fieß ist…

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…un po di dolce?

Kalendarisch ist es ja eigentlich der 21. Dezember, dem das fragwürdige Privileg des kürzesten Tages zukommt. Für mich ist und bleibt es aber der 23.. Eineinhalb Minuten mehr Sonnenlicht machen die Kuh schließlich auch nicht mehr fett.

Für die meisten von uns – und mit uns meine ich sämtliche Angehörige der Menschheit, die meinen, sich am 24. oder 25. Dezember auf heile Welt und Familie machen und Geschenke überreichen zu müssen – ist der Tag vor dem Tag aller Tage exakt jene kleine Vorahnung der Hölle mit dem absolut höchsten Potenzial an Beinahe- oder Realnervenzusammenbrüchen, Verkehrsunfällen, jähen Wut- oder Verzweiflungsausbrüchen und abgrundtiefen Familientragödien.

Nicht nur, dass sich trotz sorgfältigster Planung immer noch irgendeine Großtante 2. Grades, eine Ehefrau, Freundin, Geliebte, Sohn, Enkel, Nichte oder Cousine findet, für den/die man in dem ganzen vorweihnachtlichen Vorbereitungschaos noch kein (un-)passendes Geschenk gefunden hat…

Nein, wie ein Irrer stürzen wir uns heldenmütig in den last-shopping-day-before-X-mas-jam. Kaum im Auto scheinen überdies auch noch sämtliche den Rest des Jahres sorgfältig gewartete Sicherungen im Oberstübchen auf einmal durchzubrennen. Und dann kommt der große Moment:

Ganz, ganz kurz vor Ladenschluss – schließlich musste das Sch…teil von Christbaum auch noch irgendwie besorgt, installiert, geschmückt und aufgrund eines vorher nicht ausgetesteten LED Leuchtkerzenbehangs (defekt) nochmals komplett ab- und aufgeschmückt werden – stürzen wir uns mit all den anderen komplett Verzweifelten, deren online-Bestellung doch nicht rechtzeitig ankam, oder die aus unerklärlichen Gründen wieder einmal vergessen haben, dass am 24.12. Weihnachten ist in ein x-beliebiges Kaufhaus und erstehen im last-Christmas befeuerten Morgen-Kinder-wird’s-was-geben-Wahn ein ebenso überteuertes, wie vollkommen unpersönliches Verlegenheitsgeschenk für eine Person, die wir das letzte mal vor 17 Jahren persönlich gesehen haben, die uns aber das letzte Jahr eine handgeschriebene Weihnachtspostkarte aus Dubai geschickt hat…Nebenbei rempeln wir noch zwei Hochschwangere, zwei nutzlos herumsitzende Bettler, einen schon leicht alkoholisierten Weihnachtsmann und zwei bis drei quängelnde Kevins, Kathleeeeeens und Jocklyns um, zerbrechen dabei den Laserpointer für Maximilian-Theodor und lassen uns zu allem überfluss auch noch den Geldbeutel samt Inhalt von einer international agierenden schwedisch-texanischen Kinderdiebesbande klauen.

In solchen Momenten kann man nur noch froh sein, dem allem lebend entkommen zu sein, und hoffen, dass die absolut überbeanspruchte Praktikantin im Kaufhaus Köppermann und Söhne 1845 AG an diesem Tag eine auch nur annähernd ansehnliche Verpackung hinbekommt, das mühsam ausgewählte Geschenk nicht aus Versehen einem der vierhundert anderen Verzweifelten überreicht, und niemand vergisst, dass Kassenzettel allenfalls auf Geschenken für Schwaben angemessen sind.

Ah, ja, da ich ja bekanntlich eine extreme Vorliebe für Fettnäpfchen und Verdrängtes habe, stellen wir sie doch mal: die heikle Frage nach dem angemessenen Wert von Geschenken – dem finanziellen, nicht dem emotionalen…

Nicht, dass man damit die gegenseitige Wertschätzung bemessen würde – na ja, irgendwie schon auch – viel entscheidender ist, dass der Schenkende dem Beschenkten mit seiner Geste im gegenseitigen Verpflichtungsschach auf vier Ebenen um einen Schritt voraus ist, oder anders ausgedrückt:

Schenken ist Macht, nicht zurückschenken eine äußerst grobe Verletzung gesellschaftlicher Konventionen und der Satz: Der Gute Wille für die Tat bzw. die selbstgestrickten Wollsocken für das 600 Euro Tablett in der Alltagspraxis des Nach-romantischen-Digital-Zeitalters mit global agierenden Internetauktionshäusern von Dinosaurierzähnen, Muranoglasschalen und selbstgehäkelte Bommelmützen nur noch sehr, sehr eingeschränkt…

Ihr glaubt das nicht?

Well, dann versucht gedanklich einmal folgendes:

Euer Onkel zweiten Grades hat Euch vor etlichen Jahren neben zwei abgetragenen Garnituren goldener Manschettenknöpfen (die von denen man immer behauptet, sie seien Familienerbstücke aus Urgroßvaters Zeiten) auch einen sündteuren Designerfüller zum Uni-Abschluss geschenkt. Ihr seid inzwischen in einer gutdotierten Position und der Großonkel befindet sich immer noch bester Gesundheit, ist aber schon jenseits der 80, hat zwei Mietshäuser zu vererben und neben Euch noch ungefär sechs weiter Großneffen und -nichten…Weihnachten steht an – was tut ihr?

a) so tun als ob es den Großonkel und seine Mietshäuser nicht gäbe

b) alles daran setzen herauszufinden was die anderen Mitbewerber um das großonkliche Erbe dem geliebten Familienmitglied dieses Jahr so schenken, und beim eigenen Geschenk ein wenig mehr oben drauf legen.

oder c)

Punkt b) beachten aber zusätzlich noch den einen oder anderen zusätzlichen Besuch mit einplanen, bei dem ihr rein zufällig erzählt, dass es im momentanen Job zwar ganz gut läuft, aber so eine Fortbildung doch mit erheblichen Kosten verbunden ist, und ihr ja überdies demnächst mit der Familienplanung beginnen wollt, damit der Familienname nicht ausstirbt…

Ich weiß, ich bin gemein, aber wir alle kennen mehr als nur eine Person, die ganz genau darüber Buch führt, wer, wem, was, wann und mit welchem Wert sie einer Person geschenkt hat und welche Gegenleistung dafür zu erwarten ist. Es soll Leute geben, die für derartige Transaktionen bereits Jahrzehnte im Vorraus den Zins und Zinseszins berechnen und auserordentlich bößartig reagieren, wenn diese Rechnung nicht aufgeht – und nein, selbstgebackene Plätzchen und handgematschte Krippenfiguren aus der Kindergartenzeit sind kein wirklicher Ersatz für sündteure Parfums, Kreuzfahrten und Diamantenohringe…und bevor ich’s vergesse, hier noch der gute alte obrschwäbische Rat an alle Heiratswilligen: Liebe vergeht, Hektar besteht, soll heißen: Emotion ist gut, Geld (viel Geld) ist besser, Betongold und sonstige Latifundien sind am besten!

Selbstlos etwas zu geben ohne etwas dafür zurückzubekommen liegt uns Menschen einfach nicht, und jeder, der anderes behauptet hat es noch nie mit einer indischen, iranischen, russischen, amerikanischen, griechischen oder eben oberschwäbischen Schwiegermutter, Schwager, Onkel oder ähnlichem zu tun bekommen…Man ist eben, was man gibt (oder eben hat und nicht gibt)…und jeder der nun glaubt, man könne das mit der einfachen Methode: Keine Geschenke und Konsumverzicht abstellen, dem wünsche ich viel Spaß bei der ihm oder ihr bevorstehenden, hochinteressanten Feldstudie:

Der Tag an dem wir beschlossen uns zu Weihnachten nichts mehr zu schenken oder: wie meine Familie zerbrach!

Aus eigener Erfahrung weiß ich nur zu gut, das derartige Experimente stets und vollkommen unausweichlich damit enden, dass man nach spätestens zwei Saisonen doch wieder zum alten Geschenketeufelskreis übergeht, und sich aus lauter Verlegenheit viel mehr und teurere Geschenke schenkt, als die, die ohne diesen Humbuk notwendig gewesen wären. Nebenbei beschwört man auch noch jahrzehntelang schwelende Familien-Vendetten herauf, die zu unberechenbaren Minenfeldern aus gegenseitigen Anschuldigungen, Abrechnungen (das meine ich in diesem Fall sehr wörtlich) und jahrzehntelanger Verbitterung führen können. Ich habe Schulkameraden erlebt, die ihren Eltern noch zwanzig Jahre später mitten in der Bescherung erbittert vorgeworfen haben, dass sie damals beim Geschenkeverzicht zugunsten hungernder Kinder in ich-weiß-nicht-wo in Afrika mitgemacht haben und sie in diesem Jahr der soziale Paria waren, weil sie keinen Nintendo 84 bekamen…

Ihr habt keinen alleinstehenden Großonkel mit vererbbaren Mietshäusern, keine Eltern, die 1984 dem Nichtkonsumaufruf einer NGO folgten, und auch niemanden der Euch goldene Manschettenknöpfe, Kreuzfahrten, selbstgetrickte Socken, handgemalte Krippenfiguren und Designer-Füller zu Weihnachten schenkt oder schenken müsste? Dann preiset Gott in der Höhe, singt Haleluja, spaart Euer hartverdientes Geld und macht Urlaub in einem Land das kein Weihnachten kennt – Viel Spaß bei der Suche…ich habe schon handfeste Taliban und erzkommunistische Elitekader Giglebells summen hören…

Allen Last-Minute-Shoppern noch viel Nervenstärke auf der Jagd nach dem ultimativen Geschenk. Hockt euch zwischendurch mal zwei Minuten hin und schnappt Luft – beugt dem Herzinfarkt oder dem siebten totpeinlichen Wutanfall für den man sich nach Weihnachten hochnotpeinlich bei allen Beteiligten entschuldigen muss vor.

….und für alle Gutmenschen unter Euch, die immer noch meinen, man könne seinen Kindern ausgerechnet an Weihnachten erklären wie man durch Konsumverzicht die Welt rettet:

Möge der unversöhnliche Hass Eurer Nachkommen und von deren Nachkommen mit Euch sein – die Rechnung kommt bestimmt, und wenn sie das Christkind eines Tages im Pflegeheim in Form ausbleibender Weihnachtsbesuche abgibt…besser ihr kauft eurem 10-jährigen Ole-Leon sein heißbegehrtes Tablett, und nein, keine handgestrickten Socken, Latzhosen und pädagogisch wertvolles Holzspielzeug, ihr wollt doch nicht, dass Euer Kind sich aus lauter Überkompensation zum BWLer entwickelt, oder?

Alsdenn, ein fröhliches do ut des zur Weihnachtszeit und viel Spaß beim drüber nachdenken wie ernst ihr das gerade Gelesene nehmen mögt – ich neige zu dezent ironischem Surrealismus, die Realität menschlichen Verhaltens zur Weihnachtszeit allerdings ebenfalls…

 

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