Adventskalender 2014 – 19. Türchen – La bella figura, oder warum in Venedig verlorengeglaubte Kameras manchmal wieder im Stammcaffe auftauchen…

Ecke Dogenpalast/Marciana

Ecke Dogenpalast/Marciana

Komme gerade aus dem Dogenpalast und bin – wie immer – noch immer ganz geplättet von so viel staatstragender Pracht. Fa una bella figura! – diese Italienische Lebenseinstellung mit dem deutschen „immer eine gute Figur abgeben“ zu übersetzen wäre als würde man den edlen Kaschmir-Pullover eines Spitzendesigners mit dem selbstgestrickten Schal seiner Kleinen Nichte aus dem Handarbeitsunterricht gleichsetzen…

Nein, la bella figura, ist Lebenseinstellung, Kultur, savoire vivre. Und sie führt dazu, dass in einer Stadt in der sich jährlich um die 25 Millionen Touristen tummeln und deren centro storico (also der Teil wo die ganzen Touristen sind) aber kaum noch 60000 Einwohner zählt, die „Einheimischen“ immer noch peinlichst genau darauf achten, dass sie dem unaufmerksamen Touristen nicht etwa ins Photo dappen wenn dieser wieder einmal einen besonders interessanten Mülleimer, Blitzableiter oder Wirtshausausleger abkupfert.

Nein, hier lässt man dem Anderen auch auf einem noch so engen Hochwassersteg den Vortritt, reserviert in den Vaporetti Plätze für Schwangere und Frauen mit Kindern und rennt nicht einfach nicht ins Bild, wie saublöd der trottelige Touri sich auch possitionieren mag. Und als Autofahrer auf dem Lido verfällt man, statt zu fluchen lieber in ein geradezu englisches Freudestrahlen, wenn ein tumber Germane einem wieder einmal auf dem Fußgängerüberweg ins Auto tappt, weil der Dodel vor lauter Venedig vergessen hat, dass es auf dem Lido – Autoverkehr gibt. Das Strahlen der älteren Dame als ich mich heute nicht ganz so dumm anstellte, und ihr freundlich winkend die Vorfahrt anbot hat meinen ganzen Tag gerettet – wobei…so ganz funktioniert hatt die Sache dann doch nicht, wir waren derart mit dem Austausch gegenseitiger Freundlichkeiten beschäftigt, dass wir einen mittelprächtigen Verkehrsstau verursacht haben…aber auch das stört hier niemand solange sie gewahrt bleibt: die bella figura.

Man strahlt, winkt, nimmt notfalls einen kleinen Umweg, flucht allenfalls in sich hinein und wünscht – manchmal auch ein bisschen zu eifrig, aber meist sehr herzlich – ein frohes Weihnachtsfest. Dass auch dem besten aller Venezianer in der Augusthitze, im Karneval oder in der Hochsaison (die mehr oder minder von Ende März bis Ende Oktober geht) gelegentlich die Hutschnur reißt, wenn er vom Rialto zur Piazza Santa Maria Formosa geschlagene 4 Stunden braucht, versteht jeder der jemals den Fehler machte um diese Jahreszeit in die Lagunenstadt zu reisen von selbst – allerdings reißt sie ihm oder ihr deutlich später als jedem anderen tourismusgeplagten Menschen auf dieser Welt.

Statt Wutanfällen erlebt man hier eher kleine Wunder, wie jene denkwürdige Episode, als ich vor Jahren an der Piazetta Leoni (gleich hinter San Marco) der Länge nach aufgeschlagen bin. Ganz der dumme deutsche Trampel war ich wieder mal zu blöd gewesen, mir ordentliche bzw. venedigtaugliche Schuhe (ein Thema für sich) anzuziehen und stattdessen lieber in völlig falsch verstandener Eleganz (die hier eben immer auch praktisch sein sollte!) mit Ledersohlen über istrischen Stein schlitterte…Nicht nur, dass niemand schadenfroh lachte (ganz anders als in Deutschland) oder auch nur ein mahnendes Wort an mich richtete, nein, mindestens 5 Carabinieri, zwei Ladenbesitzer, ein Pfarrer, eine ältere Dame in Nerz und drei Ehrenwachen der Kathedrale waren binnen Sekunden darum bemüht mir gut zuzureden und mir wieder auf die Beine zu helfen. Es wurde sich fürsorglichst nach meinem Befinden erkundigt, ein Kellner eines Kafees brachte mir sogar etwas Wasser auf den Schreck und nur mit äußerster Mühe konnte ich meine versammelte Retterschar davon abhalten sofort die Ambulanza zu rufen – mir fehlte außer ein paar Schürfwunden und ein, zwei blauen Flecken wirklich nichts, aber sicher ist eben sicher. Ein kleines Bisschen vermute ich ja schon, dass bei meinen Rettern dann doch die Lust am Alltagsdrama durchkam – selbstverständlich nur aus lauter Fürsorge – sie hätten es mit ihren eigenen Kindern nicht anders gemacht, wenn diese in den Kanal gefallen wären, nur das das venezianische Kinder in aller Regel eben nicht tun – la bella figura wäre ein für alle mal dahin. Da ich aber ein tumber deutscher Fleischberg bin, der zu blöd ist sich die richtigen Schuhe anzuziehen, brachte ich es  in dem ganzen Durcheinander auch noch fertig meine Kamera auf dem Brunnenstumpf stehen zu lassen. In jeder anderen Stadt hätte ich diese vermutlich abschreiben können, bzw. hätte mich wohl oder übel damit abfinden müssen, dass das ganze Rettungstheater ein geschickt getarnter Diebstahl war…nicht so in Venedig!

Nicht nur, dass nicht ein einziger Cent in meinen Hosentaschen fehlte, als ich am nächsten Tag mein Stammkaffee unweit des Campanile besuchte, wurde ich schon freudestrahlend erwartet und mit einem kleinen Paket samt Schokoladentäfelchen empfangen. Vor mir lag sie meine längst verloren geglaubte Kamera, zusammen mit einer kleinen roten Schleife und einem kleinen Ikonenanhänger der Madonna Nikopeia für’s Handy – ein dezenter Hinweis, dass meine Trotteligkeit mehr himmlischen Beistand erforderte 😉 Ich hege keinen Zweifel daran, dass sich meine Retter so lange durchfragten, bis sich jemand daran erinnerte, dass der komische Deutsche den’s kurz vor Weihnachten immer auf der Piazetta dei Leoni hinbrettert (ich hab das tatsächlich drei Jahre in Folge hinbekommen, keine Ahnung wie, aber seitdem mach ich einen Bogen um die Stufen, bzw. zieh mir endlich Schuhe mit Gummisohlen an) um diese Jahreszeit auch in den Jahren davor da gewesen war, jeden morgen seinen Café in der gleichen Bar eingenommen und ganz gewiss spätestens im nächsten Jahr wieder dort auftauchen würde…sie hätten die Kamera garantiert auch bis dahin für mich aufgehoben…

Das, und nicht die blankgewienerten Schuhe – für die die Venezianer einen angesichts der schieren Unmöglichkeit in dieser Stadt blankgebohnerte Schuhe zu haben (Salz, Wasser, Taubendreck, Staub, Ruß, Öl, offene Mülltüten etc. einen fast aberwitzigen Spleen haben –  ist die echte venezianische bella figura. Dass man dazu selbstverständlich ein edles (aber nicht unbedingt sündteures) Tweedsakko trägt in dessen Brusttasche ein Seidentaschentuch steckt (bei den Jüngeren tuns auch ein paar Jeans und ein violetter Dufflecoat) braucht man eigentlich nicht dazu sagen…

Danke cari amici, für alles!

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