Adventskalender 2014 – 18. Türchen – Von venezianischen Mohren, Totenköpfen und anderen Glücksbringern

Moro

Moro

In der Lobby meines Hotels ist bereits Weihnachten. Aus dem Lautsprecher tönt stille Nacht und ein hyperbunter, typisch italienischer Christbaum mit viel Glitterband und kleinen Weihnachtsmannlampen verstömt seinen septischen Chrarme.

Neben ihm steht unbeachtet ein für in Venedig geradezu obligatorisches Möbelstück: Ein Leuchter in Form eines Mohren…

Ich bin mir nicht ganz sicher, wer zum ersten mal auf die Idee kam die aus Ebenholz geformte Figur eines Schwarzafrikaners mit einem Leuchter zu kombinieren. Ziemlich sicher bin ich allerdings, dass dies nur hier geschehen konnte und die Venezianer nicht erst seit Shakespeers Othello und den heute allgegenwärtigen Vucumbras (jenen mehr oder minder geduldeten und beinahe allgegenwärtigen meist aus Schwarzafrika stammenden fliegenden Händlern gefälschter Luxustaschen), ein besonderes Verhältnis zu „Mohren“ haben.

Wie keine zweite Stadt im Abendland betrieb Venedig Kontakte und Handel bis weit über das Mittelmeer hinaus ins innere Afrikas, und so finden sich selbst in den abgelegensten Gebieten des südlichen Afrikas bei archäologischen Grabungen Venezianische Glasperlen und andere Produkte der Serenissima. Venezianischer Schick war nicht nur bei Catherina di Medici oder Dürer gefragt, auch die Oberschicht Timbuktus, Sansibars oder des Monomotapa-Reiches trug gerne Schmuck nach neuester venezianischer Mode!

So verwundert es nicht, dass „ai mori“ hier anders als in anderen Europäischen Städten nicht nur gefesselt und in zerissenen Kleidern unter Denkmälern großer Herrscher oder deren Grabmählern als Allegorien überwundener „Wildheit“ das Repertoire gängiger kunsthistorischer Stereotypen bevölkern. Nein, hier sind Statuen von Mohren seit Jahrhunderten fester Bestandteil der Wohnkultur, bedecken Leuchter und Konsoltische, lehnen sich an Säulen und sehen einen nicht selten von Decken und Kuppeln an. Doch geht die Verwandlung des „Mohrs“ hier noch weiter. Nicht nur, dass der eine oder andere Putto ganz offensichtlich afrikanische Züge trägt (und ich spreche hier nicht von den berühmten „schwarzen“ Christkindlein, sondern von den ganz normalen Putti unter die sich hier eben auch“ Indianer“, „Orientalen“ und „Mohren“ mischen.) Nardini und andere Juweliere haben den „Mohr“ schon vor Jahrhunderten in in reich mit Juwelen besetze kleine Broschen, Ohringe und Anhänger verwandelt.

Doch ist es wirklich nur die Nähe zum Orient, die diese seltsame Vorliebe zustandebrachte?

Jein…, offiziell wird es einem zwar kaum ein Venezianer verraten, dass die Dinge nicht ganz so „harmlos“ und unkompliziert sind. Weniger offiziell verbirgt sich hinter den kleinen, niedlichen Anhängern mit ihren schaukelnden Diamanten, Korallen und Perlen auch und vielleicht sogar hauptsächlich ein heute weitgehend totgeschwiegenes und recht dunkles Kapitel venezianisch-europäischer Geschichte:

Sklaven waren über Jahrhunderte eine der wichtigsten Einnahmequellen, nicht nur, aber eben vor allem der Serenissima.  Allerdings waren diese zumeist nicht schwarz, sondern weiß und stammten nicht aus Gebieten südlich der Sahara, sondern aus den Steppen des Schwarzmeerraums und – garnicht selten – von den jeweils gerade besiegten Inseln und Städten zwischen Adria, Aegais und Zypern.

Schwarze Sklaven hingegen waren vergleichsweise selten und meist nur zu vergleichsweise hohen Preisen über den osmanisch-ägyptischen Zwischenhandel „zu haben“. Sie stellten daher eine Art exotisches „Luxusobjekt“ (auch wenn das jetzt nicht sehr menschenfreundlich klingt, aber so sah man das damals) dar, das man sich als reicher Patrizier meist als privaten „Leibdiener“ oder, wenn dieser älter und nicht mehr ganz so „niedlich“ war, als Portier oder Gondoliere passend zu Schokolade, Papageien und Kaffee als zusätzlichen exotischen Luxus „gönnte“. Ein übrigens nicht nur in Venedig bekanntes Phänomen, nur dass es hier bereits im späten Mittelalter begann und sich bis weit ins 19. Jahrhundert hielt. Und ganz ehrlich: Angesichts der elenden Lebensbedingungen der meisten Vucumbras, chinesischen, indischen und bengalischen „Gastarbeiter“ in dieser Stadt frage ich mich gelegentlich, ob sich daran bis heute wirklich so sehr viel geändert hat…

Doch zurück ins Venedig der Rennaissance und des Barock. Anders als in Sachsen oder im fernen Paris, war und ist Venedig eine Stadt, in der sich die Dinge sehr schnell in ihr Gegenteil verkehren können. Macht und Ruin, unermesslicher Reichtum und Bankrott, Luxus und torale Armut, das alles lag und liegt und lebt hier enger beisamen als in anderen Städten der Welt…Und so konnte man in einer Republik deren Wohlstand vor allem auf dem Seehandel beruhte sehr schnell vom gutbetuchten Sklavenhändler bzw. –halter selbst zum Sklaven werden.

Es istnicht zuletzt ein Verdienst der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und großer Melodramen wie Roots, dass das globale Gedächtnis der Menschheit sich heute vor allem an den transatlantischen Sklavenhandel der großen europäischen Kolonialmächte erinnert und diesen als zutiefst menschenverachtend brandmarkt. Seltsamerweise haben wir dabei aber völlig vergessen, dass auch weiße Europäer noch bis ins 19. Jahrhundert hinein regelmäßig als Sklaven auf den Märkten Afrikas und des Nahen Ostens gehandelt wurden.  Es waren vor allem algerische Korsaren die im Auftrag der „Hohen Pforte“ in Konstantinobel/Istambul (also des osmanischen Sultans) bis nach Island und auf die Krim schipperten um auf den Sklavenmärkten der Levante und des nördlichen Afrikas für „Nachschub“ an „weißer Ware“ zu sorgen. Dass dabei die Venezianische Flotte – ob militärisch oder zivil war den Korsaren relativ egal – zum Lieblingsopfer der seefahrenden Sklavenhändler aus Afrika wurde, versteht sich eigentlich von selbst. Allerdings waren die Venezianer nicht die Einzigen die unter dieser „Plage“ zu leiden hatten. In jeder besseren europäischen Hafenstadt waren Versicherungen für den etwaigen Freikauf nach erfolgter Versklavung durch afrikanische Seefahrer bis weit ins 18. Jahrhundert hinein geradezu obligatorisch.

So sollen allein in Algier bis ins frühe 19. Jahrhundert jährlich über 8.500 europäische Sklaven „gehandelt“ worden sein. Aus Tunis, Alexandria, Cassablanca, Beirut, Timbuktu, Khartum, Kairo und zahlreichen anderen Städten Nordafrikas, Kleinasiens und der Levante liegen ähnlich hohe Zahlen vor, und auch in West- und Ostafrika (hier vor allem auf Sansibar), sowie in Persien existierte ein florierender Handel mit „weißen“ Sklaven . Hinzu kam die sogenannte „Knabenlese“, eine Art wohlorganisierter und staatlich sanktionierter Kinderraub durch das osmanische Militär, dass damit vor allem, aber eben nicht nur den Bedarf an Neu-Janitscharen deckte und dessen Truppen fast jedes Jahr in die Gebiete und Städte der Terra ferma (also den Festlandbesitzungen Venedigs) einfielen. Venezianische Gesandte berichten im 16. Und 17. Jahrhundert, dass sich allein in Istambul permanent ca. 35.000 bis 40.000 „Unfreie“ aufgehalten haben sollen, davon mehr als die Hälfte Europäer. Und anders als die Venezianische Flotte, deren Besatzungen sich weitgehend aus bezahlren einheimischen Handwerkern zusammensetzte, bestand ein Großteil des osmanischen „Schiffspersonals“ aus Sklaven. Nicht selten fand sich darunter auch der eine oder andere vermisste Verwandte, oder eine Cousine – Blonde Venezianerinnen galten in den Harems des Osmanischen Reiches als besonders begehrenswert…Aber auch hier waren die Dinge nicht so einfach wie sie zunächst scheinen. Venezianische, Dalmatische und Griechische Kaufleute profitierten nicht selten vom gewaltigen Bedarf des Osmanischen Reiches an Sklaven und verkauften nicht selten die eigenen Landsleute an türkische oder afrikanische Interessenten. Ja das Geschäft mit der Ware Mensch war derart lukrativ, dass sich selbst nordeuropäische Renaissance- und Barock-Potentaten nicht selten über ihre venezianische Dependance (also meist über das Fondacco dei Tedeschi) ihrer „überzähligen“ bzw. „kriminellen“ Landeskinder entledigten und diese bequem als „Galeerensklaven“ ins osmanische Reich entsorgten. Dass der venezianische Zoll und Zwischenhandel von diesem „Geschäft“ zu profitieren wusste, ist eines der am besten gehütetsten Geheimnisse der Serenissima.

Wer diese Zahlen und Praktiken kennt, den wird es nicht mehr verwundern, dass einige Historiker inzwischen sehr ernsthaft vermuten, dass im Laufe der Jahrhunderte wesentlich mehr Europäer als Sklaven nach Afrika und den Nahen und Mittleren Osten verschleppt und gehandelt wurden, als anders herum Afrikaner und Asiaten durch Europäer nach Amerika und in andere Kolonien. Und auch wenn die Sklaverei ähnlich wie in Europa und meist auf europäischen Druck hin auch im Osmanischen Reich bereits Mitte des 19. Jahrhunderts  offiziell abgeschafft worden war – dauerte es bis weit ins frühe 20. Jahrhundert hinein bis die letzten Sklavenmärkte auch hier schlossen – die letzten europäischen Sklaven sollen noch kurz vor dem 1. Weltkrieg in Smyrna, dem heutigen Izmir gehandelt worden sein – on dies stimmt lässt sich aufgrund der fast völligen Zerstörung der Stadt während des griechisch-türkischen Krieges in Kleinasien 1922 nicht mehr überprüfen. Als sicher kann allerdings gelten, dass Sklaverei (wenn auch meist anders bezeichnet und nicht mehr mit europäischen Sklaven) in zahlreichen Staaten Afrikas nie vollständig ausgestorben ist und gerade in den von Islamisten heimgesuchten Gebieten Syriens, des Iraks, Somalias, Kenias und Malis die Sklaverei einen dramatische „Wiedergeburt“ erlebt.

Doch zurück ins Venedig des 17. und 18. Jahrhunderts. Hier entwickelten sich die kleinen „Mohren“ zu einer Art einer Art „Talisman“. Glaubt man einer lokalen Legende, hatten die Venezianischen Seefahrer so große Angst selbst auf einer der Handelsreisen zum Sklaven zu werden, dass man sich einen kleinen „Sklaven“ in Form eines „Mohrs“ um den Hals hängten – um sich zu tarnen und  damit das Schicksal an der Nase herumzuführen. Wie vieles in der Lagunenstadt dürfte aber auch diese Legende nur ein geschickter Marketingtrick sein. Vermutlich war es ein gewiefter Juwelier (und hier, auch wenn sich die Quellen nicht ganz einig sind, vermutlich ein Mitglied der Juwelierdynastie Nardini) der sich Mitte des 19. Jahrhunderts ein Beispiel an den kostbaren Ebenholz-Mohren Andrea Brustulons nahm und damit einen genialen Werbeträger erfand.

Im Übrigen wendeten – und wenden – die Venezianer den „Trick“ mit der Verwirrung des Schicksals durch kleine Figuren nicht nur gegen Sklaverei an. Wer genauer hinsieht wird in den Auslagen der Juweliere auch überall kleine, überaus kunstvoll verzierte Totenköpfe finden. Auch sie ein klassisches „Apotrophaion“ – sieht der Tod sich selbst, denkt er, man sei schon tot und verschont einen – und diesmal stimmt die Geschichte, wenn sie auch ursprünglich anders gedacht war. So sollten kleinere oder größere Totenköpfe die in ihrem Luxus schwelgende Oberschicht bereits seit dem Mittelalter daran erinnern, dass auch sie sterblich war und in den Taschen des letzten Hemdes eben nichts mitgenommen werden konnte – ein klassisches memento mori eben. Viel genutzt hat das bei den Venezianern offensichtlich nicht, sie kehrten den Spieß um, machten aus den Totenköpfen luxuriöse kleine Kunstwerke, überhäuften sie mit Juwelen und versuchten – und versuchen mit ihnen sogar den Tod zu blenden…

Sklaverei und Tot...eigentlich keine wirklichen Themata für einen Adventskalender, aber wer mich kennt, weiß, dass ich ’s gelegentlich ein bisschen langweilig finde, immer nur über die schöne heile Welt zu schreiben…

Einen schönen Advent noch.

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