Adventskalender 2014 – 17. Türchen – Warum man leider nur 356 Photos pro Tag schafft ;-)

wer weiß es? und wo ist es?

wer kennt es? und wo ist es?

Oh Gott, es ist passiert! Ich bin in Venedig, und hab noch nichtmal die obligatorischen 7000 Photos pro Tag geschossen. Trifft mich jetzt der Schlag? Falle ich in den nächsten Kanal oder bringt mir weder der Babbo Natale noch die Befana (die das italienische Gegenstück zum Christkind, seltsamerweise eine Hexe die – mit leichter Verspätung – erst am Dreikönigstag erscheint) dieses Jahr Geschenke, oder werde ich einfach nur aus meiner Blog-Community geschmissen?

Ich fürchte schlimmstes: Die fliegenden Verkäufer der Selfie-Sticks (nein, das ist nun kein Vorschlag für den obszönsten Neologismus des Jahres 2015) schauen mich auch schon so seltsam an…irgendwie können sie nicht glauben, dass ich kein so ein Ding brauch und lieber die ganz klassische Lomo-Perspektive bevorzuge, wenn ich mich in einer Bar ablichte an deren Decke Büstenhalter aus aller Herren Länder hängen und es den absolut teuersten Spritz der Stadt gibt (na ja, vielleicht nicht ganz, das Florian toppt noch immer alles, aber jedenfalls in einem normalen Baccaro…).

Nur 356 Photos! unglaublich! Meine russische Tischnachbarin Tatjana hat bereits vor 8 Uhr morgends mehr Aufnahmen vom Frühstücksraum, den Cerealien und ihrem leicht übergewichtigen und vom gestrigen Abend noch nicht ganz ausgenüchterten Gatten gemacht. Von den beiden magersüchtigen, niedlich-nervigen Japanerpärchen fang ich jetzt garnicht erst an, die hatten schon geschätzte 300 Selfies geschossen bevor sie auch nur den Weihnachtsbaum in der Lobby passiert haben, selbstverständlich mit Selfie-Stick und ich weiß nicht was sonst noch allem an technischem Bremborium)…O tempora, o mores…na ja, ich will nicht klagen, als ich mich ganz klein und dünn machte, durfte ich sogar kurz durch die Honeymoonidylle huschen (vermutlich bin ich jetzt das Ereignis im Photoalbum und werde noch den Urenkeln gezeigt).

9:34h: Ich verlasse das Vaporetto in Höhe des Dogenpalastes. Klick, Klick, Klick…bin ich die Sehenswürdigkeit, oder ist es das Boot, oder vielleicht der kleine Hund den ich gerade fast totgetreten hätte, weil er ungefähr die Größe einer durchschnittlichen Venezianischen Hausmaus hat? Mal ehrlich, war die Welt nicht viel schöner als man sich noch mühsam in Pose warf und permanent überlegen musste welches Bild man nun aus welchem Blickwinkel und mit welcher Belichtung aufnimmt weil so ein 36er Film einfach unglaublich schnell voll ist und das Entwickeln ein Heidengeld kostet?

Was waren das nur für Zeiten, als man für ein Familienphoto geschlagene 2 Nachmittage brauchte, weil Oma Hildegard es partout nicht hinbrachte blinzelfrei zwei Minuten lang stillzustehen!

Nein ich bin wirklich kein Nostalgiker, aber manchmal frage ich mich, wer außer Google und der NSA die ganzen Urlaubsphotos noch ansehen soll? Der Virtuelle Diaabend endet ja schließlich nicht bei Bild 257 von Tante Elfriede mit dem leckeren Eis am Lidostrand (Ich hab da irgendwo noch zu herrliche Urlaubsphotos meiner anderen Großmutter, die Ende der 70er Jahre hochgradig kokett auf einem Felsen in Yougoslavien die kleine Meerjungfrau von Anderson miemt, und dass obwohl sie keine zwei Minuten zuvor beim Auf-den-Felsen Klettern in einen Seeigel gedappt ist…Disziplin und Photos sind alles!

Aber Heute?…heute fotografiert man jedes, aber wirklich auch jedes Orts- Straßen-und-Sonstwas-Schild (ich habe einen Faible für Schilder) und sogar den Blitzableider am Fondacco dei Tedeschi…Und warum das alles?

Um sich in einer Welt voller Bilder des einen besonderen Bildes zu erinnern? Um in der Flut etwas einmaliges, wundervolles und unvergessliches zu schaffen?

Wohl eher nicht…manchmal habe ich den Verdacht, dass wir alle in einer Welt aus Selfies leben und vergessen haben, wie die Welt um uns herum ohne Kameralinse aussieht. Selbst die Museen haben inzwischen kapituliert und erlauben wieder das knipsen ohne Blitz (zumindest die Ca d’Oro…bei den Kommunalen kann das noch etwas dauern…).

Drum: Wie Wär’s denn mit einer kleinen Auszeit vom Handy und der Kamera? Einfach so, ganz spontan? Icvh versprech Euch, das wird eine ganz neue Erfahrung!

Ach ja, und warum hab ich jetzt am visuell-digitalen Hotspot dieser Welt (wer in Venedig keinen freien WLAN-Point findet ist selber schuld…wir sind hier schließlich nicht in Bayern!) nur 356 Photos an einem Tag geschafft? Ganz einfach: es hat geregnet, ich war fast die ganze Zeit im Museum (und da durfte man – noch – nicht fotografieren), und als ich dann wieder rauskam war’s schon fast dunkel. Verdammte Realwelt eben 😉

PPS: Dringender Ausflugtip wenn ihr das nächste mal selbst in der Serenissima und gerade nicht mit Selfie-machen beschäftigt seid:

Nehmt das Vaporetto, steigt bei San Stae aus und geht verdammt nochmal ins Fondacco dei Turci! Ich verspreche Euch, auch wenn fast alles nur auf italienisch erklärt ist, So ein Museum habt ihr noch nie gesehen, oder wo sonst kollidiert man fast mit einem Schwan, spaziert über riesige Krokodile, sieht sich ausgestopften Gorillas, Giraffen und Elefanten gegenüber und kann, wenn man sich an der Mumie, den Missgeburten und der hinreißend schönen Wunderkammer sattgesehen hatt, Zauberlehrling spielen und per Handbewegung ganze Bilderwelten verschieben!

Wer eher auf olfaktorisches steht, dem sei die runderneuerte Ca’Mocenigo empfohlen: Neues Konzept, alte wunderschöne Räume und die Ganze Geschichte des Venezianischen Parfums! (leider kann man nicht mehr ins Bad der Contessa – na ja, man kann schon, man muss nur wie ich ganz lieb fragen, wo es denn abgeblieben ist…)

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