Reise nach Kyhtera 7 – Busautobahnen und Walkürenritt

Ag. Myrtidiotissa Neue Straße

Ag. Myrtidiotissa Neue und alte Straße mit Felsdurchbruch

Nachdem wir hier gestern Gewitter und Stromausfall (Diakofti ist berühmt für seine Stromausfälle!) hatten und es mir angesichts der nach diesen Ereignissen gelegentlich etwas „überspannten“ Kytheranischen Stromleitungen nicht unbedingt ratsam erschien meinen geliebten Forschungslaptop anzuschmeißen, heute ein etwas verspäteter Bericht über meinen erneuten Besuch im kytheranischen Nationalheiligtum.

Der im Südwesten der Insel gelegene Ort nennt sich „Agia Myrtidiotissa“ und bedeutet soviel wie Maria im Myrthenbusch. Genauso sieht das ganze dann auch aus: Ein für Kytheranische Verhältnisse ziemlich großes Kloster in einem liebevoll gepflegten Garten, drumherum eine weißgekalkte Mauer, davor eine seltsame Kreuzung aus Aussichtspunkt und Kapelle (?) mit einem riesigen Kreuz darauf und drumherum ein paar Büsche in herrlicher Landschaft. Hinunter führt ein kleines, noch von den Briten während ihrer Zeit (1809-1863) auf der Insel gebautes Sträßchen, dass sich in gemütlichen Kurven durch die Schlucht schlängelt und durch seinen gewagten Felsdurchbruch, bei dem man nie so genau weiß wann er über einem einstürzen wird, eine gewisse Berühmtheit auch über Kythera hinaus erlangt.

Jedenfalls war das bis vor einem Jahr so…

Doch Stopp, was ist das? Da jammere ich – wenn auch nur in Form gelehrt-ironischer Aphorismen – vorgestern in meinem sehr deutschen Perfektionismus noch über die für Europäer (nicht meine Einteilung, so nennt man hier gewöhnlich die Menschen aus dem Norden, alternativ ist auch die Bezeichnung „Inglesi“ oder „germani“ für alles was ungefähr den Farbton von Blumenkohl hat üblich) arg gewöhnungsbedürftigen Straße, biege gerade gemächlich von Kalokairines  kommend um die Ecke und dann das!

Wum! Mitten im Nichts eine Autobahn! Jedenfalls das, was nach meinen inzwischen auf kytheranisches Maß zusamengestutzten Maßstäben eine Autobahn sein könnte! Vor mir liegt ein riesengroßer, hässlicher, schwarzer Lindwurm, nicht unähnlich dem Borstending, dass ich gestern in der Bucht von Diakofti gesehen hab, der sich unter möglichst großem Verbrauch an Beton, Leitplanken und Asphalt mit brachialer Gewalt durch die Landschaft wälzt! Kurz: Ich habe den Alptraum jedes Landschaftsschützers und Tourismusmanagers gefunden…Jedenfalls wäre das in Deutschland so.

Ich fasse mich, sehe mich etwas unsicher um, blicke zurück: das Ding ist immer noch da…Ich mag es nicht, und fahr auf der mir vertrauten alten Straße und durch den noch immer nicht zusammengestürzten Felsdurchbruch zum Kloster – sicher ist sicher. Dort erkundige ich mich erstmal bei der sehr freundlichen Hausmeisterin (leider ist es nicht mehr die alte Dame von vor vier Jahren, die mir damals erstmal ein paar Feigen angeboten hat und mir dann den riesigen Schlüssel zur Kirche besorgte) was das für ein komisches schwarzes Ding in der Landschaft sei…Sie lacht nur, und meint: das sei der Fortschritt, und wenn mich das schon stört soll ich mir erst mal den „Roten Platz“ hinter dem Kloster ansehen…ich flüchte mich in den Anblick der reich mit Gold geschmückten Ikone der Maria Myrtidiotissa, spreche ein Stoßgebet und ahne Böses…

Fortschritt ist in Griechenland ein Wort, dass der Tourist nur ungern hört. Sicher es hat schon seinen Sinn, dass es jetzt fließendes Wasser gibt das man sogar trinken kann (Eine Neuerung die hier an vielen Orten erst 2013 eingeführt wurde, davor gab’s nur ungenießbares Chlor-Nass dass der Tankwagen zweimal im Monat vorbeibrachte). Auch ist – verglichen mit dem staubigen Eselsweg den es vorher gab, die neue Straße von Diakofti zum Flughafen ein wahrer Segen, und auch gegen die von den Briten gebaute vielbogige Brücke von Katouni habe ich absolut nichts einzuwenden. Aber dass fleißige Helferlein seit meinem letzten Besuch 2008 die gesamte Umgebung des Klosters in einen riesigen Parkplatz aus rostbraunem Staub (das war es also, was die Hausmeisterin mit „Rotem Platz“ meinte…und wirklich, an Ausmaßen kommt es dem Moskauer Vorbild verdammt nahe!) verwandelt haben und man es außerdem noch für nötg befunden hat, diese „Autobahn“ mitten durch eine der schönsten Landschaften der Insel zu bauen, ist dann doch mehr, als mein kleines deutsches Herz erträgt. Wenigstens das eigentliche Kloster scheint nichts abbekommen zu haben…ich setze mich in den Schatten einer Araukarie, schnappe mir eine der Klosterkatzen die sich nach kurzem Wiederstand mehr als gern streicheln lässt und denke daran, was nun wohl in „παλιές καλές Γερμανία“ los wär: Unterschriftenlisten, Gutmenschenauflauf, Bürgerinitiative, Umweltgutachten, Schweigemarsch, Wutbürger, Randale…manchmal bin ich mir garnicht so sicher, ob „wir“ es wirklich soviel besser haben, da oben im kalten, nassen Norden… Und ja, es gibt da ein gewisses „Festival“ zum „Namenstag“ des Ortes im September, bei dem sich auch mal 2000-3000 Leutles in Agia Myrtidiotissa drängeln. Und ja der Doppelstöckige Reisebus, den sich irgendein Fuhrunternehmer im Größenwahn zugelegt hat passt eben nicht durch den kleinen Felsdurchbruch der britischen Straße…aber muss man deshalb gleich die ganze Landschaft verschandeln? Δεν ξέρω…

Klar, die Insel braucht Entwicklung. So wie bisher konnte es einfach nicht weitergehen, und klar, dafür ist auch der eine oder andere Neubau nötig. Aber müssen es denn immer und überall die gleichen Fehler, die gleichen naiven Bürgermeister und die gleichen nicht vom Heute ins Morgen denkende Gemeinderäte und gierigen Bauunternehmer sein, die garnicht genug Beton in die Landschaft klotzen können? Kythera hat das Glück im Moment noch nicht zu jenen griechischen Inseln – Mahnenden Angedenkens – zu gehören, welche im Namen des Tourismus ihre eigene Zukunft ruiniert und dabei gleich auch noch ihre Seele und Kultur geopfert haben…Doch jedes mal, wenn ich hierher zurückkehre, scheint die Insel einen weiteren Schritt in die falsche Richtung zu gehen…überall neue Villen und Baustellen, ein geradezu absurd in Gold und Grün glänzender Fußballplatz, den kein Mensch braucht, eine „Abkürzung“ der Straße, bei der ein ganzer Hüghel geopfert wurde, zahllose Appartmentblocks, und jetzt auch noch diese Autobahn und der Rote Platz, von den Plänen für Großhotels und einen Kreuzfahrthafen ganz zu schweigen…Man kann den Kytheranern nur wünschen, dass sie Fortschritt nicht mit Beton verwechseln, nicht auf die Versprechen des schnellen Geldes hereinfallen und sehr bald ein Gesamtkonzept für die Entwicklung der Insel entwickeln, dass auch an die Bedürfnisse ihrer Enkel und Urenkel denkt und nicht ausschließlich dem Hier und Jetzt verpflichtet ist.

Einfach wird es nicht, denn es bedeutet Selbstbeschränkung, Rücksicht auf die mehr als sensible Umwelt, genaues Abwägen welche Ressourcen für was geopfert werden (einmal weg, kommen sie nie wieder!) und einen sehr, sehr langen Atem…Alles Dinge die in Griechenland bisher vollkommen unbekannt sind, ja sogar als politisches „no go“ gelten. Hier wird man Politiker weil man möglichst schnell zu möglichst viel Geld kommen will (oder das von anderen verteilt, vorzugsweise an die eigene Familie) und gar nicht selten werben – ähnlich wie in der angrenzenden Türkei – Politiker auf ihren Wahlplakaten damit, wie viel Kubikmeter Beton in ihrer Amtszeit verbaut wurden. Dass der Sohn oder Cousin dabei der größte Baulöwe am Ort ist, können wirklich nur bösmeindende Fremde seltsam finden… Die aktuelle Krise könnte hier Chance und Weckruf sein, denn es gibt nichts mehr zu verteilen, abzustauben und zu unterschlagen…Man kann nur hoffen, dass am Ende vom Dorfbürgermeister bis zum Minister in Griechenland Politiker sitzen, die sich mehr dem Allgemein- als dem eigenen Wohl verpflichtet sehen…wirklich zuversichtlich bin ich in diesem Punkt nicht.

Und Agia Myrtidiotissa?

Nun, Religion ist ein kritisches Thema in Griechenland, sehr kritisch um genau zu sein…Ich habe keine Ahnung was die Madonna im Myrthenbusch (Agia Myrtidiotissa) zu der Neuen Straße und dem Parkplatz sagt, den sie ihr gebaut haben. Vielleicht gefällt ihr ja der ganze Rummel, vielleicht verdrückt sie angesichts der maßlosen Zerstörung der Umwelt um ihr Kloster aber auch ein kleines Tränchen…

Was ich aber sehr genau weiß ist, dass die Kirche und ihre ökonomische wie ideologische Kraft, sowie die nie erfolgte Trennung zwischen Kirche und Staat (wer’s genauer wissen will, der möge sich nur mal eine Vereidigungszeremonie von griechischen Ministern ansehen…) in Griechenland genauso am allgemeinen Klüngel beteiligt sind wie alle anderen. Um das zu erkennen brauchte es nicht erst die obskuren Geschäftspraktiken einiger Athosklöster, die Frauen zwar den Zutritt zu ihrer abgelegenen Welt verweigern, aber ganz große Player im Finanz- und Immobilienwesen sind…Die Klage über die mangelnde Distanz von Kirche und Staat in Griechenland ist alt, sehr alt sogar und vermutlich sollte ich es machen, wie die byzantinischen Kaiser oder meine geliebten Venezianer oder die Briten die – solange die Menge des abgelieferten Korns, Weins und Öls stimmte – einfach Augen und Ohren schlossen und im Großen und Ganzen jahrhundertelang alles so ließen wie es war…

Dummerweise fehlt mir dafür die nötige Arroganz. Um’s kurz zu machen die griechische Kirche hat Geld, viel zu viel Geld, unter anderem deshalb weil sie in Griechenland nach wie vor kaum Steuern zahlt und die Menschen hier ( vor allem aber in der Diaspora) bestärkt von geschäftstüchtigen Popen immer noch ´fest daran glauben, dass man sich den Himmel erkaufen könnte. Griechenland gehört zu jenen europäischen Ländern die nie eine Reformation, geschweigedenn eine echte Aufklärung erlebt haben…

Und dann kommt es eben, wie es kommen muss: Ein Priester klagt über die schlechte Erreichbarkeit des Klosters, ein edler Spender aus den USA will unbedingt, dass seine 89-jährige Großmutter im vollklimatisierten Reisebus auch noch das abgelegenste Kapellchen erreicht (so oder so ähnlich sieht nämlich die griechische Variante von „Pilgern“ aus, das ich als vielgeplagter Bamberger keinerlei Sympathien für jegliche Form des Reisebustourismusses mit all seinen negativen Auswüchsen mehr hege, muss ich glaube ich nicht extra dazu sagen), ein Blogger schreibt einen Spendenaufruf, und schon versammelt sich im Überschwang der „neuen Idee“ und „religiöser Ergriffenheit“ (gefährliche Kombi, nicht erst seit den Kreuzzügen!) die gesamte Kytheranische Community und plant. Man redet hinter verschlossenen Türen, steckt die gegenseitigen Pründe ab, arbeitet zusammen oder eben auch gegeneinander, intrigiert, bedroht, überzeugt und entdeckt praktischerweise, dass irgendeinem Verwandtem rein zufällig eine Baufirma gehört die das alles „ganz billig“ machen kann. Ist das getan apelliert man nochmals an das religiöse und nationale „Griechentum“ und die überbordende Heimatverbundenheit der Diaspora und schon hat man genug Geld für jedes noch so wahnsinnige Projekt zur Ehre Gottes und der Agia Myrtidiotissa beisammen – ob es der nun gefällt oder nicht!

Vielleicht bin ich jetzt einfach zu „deutsch“ um das alles zu verstehen. Vielleicht habe ich als „Auswärtiger“ und „Ungläubiger“ auch garkein Recht über all das zu Urteilen und vielleicht sollte man als moderner Ethnologe auch gut daran tun alles erst mal aus einem „einheimischen Blickwinkel“ zu sehen bevor man eigene Urteile fällt… (tu ich gerade übrigens, denn ganz so glücklich ist man auf der Insel mit der „Autobahn“ auch nicht, jedenfalls nicht alle…). Vielleicht sollte ich mich auch nur an das alte Sprichwort „Si tacuisses, philosophus mansisses“ halten. Aber wer will in der heutigen Welt schon noch Philosoph sein? und vor allem: wer dankt es einem noch? …alora…

Wie passend, dass das lokale Bildungsradio bei meiner Heimfahrt durch die Schluchten und Hügel des Mandres Wagners Walkürenritt spielte. Es passt zu meiner Laune. Kurz davor war’s noch um Jürgen Habermas gegangen und ich hab ehrlichgesagt den Zusammenhang nicht recht verstanden..Und hoffe nun einfach mal, es war die etwas verunglückte Assoziation eines mit Deutschland und den Abgründen der Deutschen Geschichte nicht ganz so vertrauten griechischen Redakteurs und keines dieser unseligen „Deutschland-Bashings“ wie sie in letzter Zeit in den griechischen Medien leider immer öfter vorkommen…Vielleicht sollte ich für heute wirklich aufhören. Das Deutsch-Griechische Verhältnis ist eine mehr als komplizierte, und alles andere als schmerzfreie Angelegenheit für beide Seiten. Es begann mit dem Traum eines nicht-gewollten Königs, wurde zu gegenseitiger Enttäuschung und schließlich offenem Hass, nachdem Wehrmacht und SS Hunderttausende durch ihre Besatzungspolitik in den Hungertot getrieben haben. Nach dem Krieg wurde es dann zu einer, nicht immer ganz einfachen Wiederannäherung, Abertausende von griechischen Gastarbeitern trugen ihren Anteil dazu bei, dass das Deutsche Wirtschaftswunder Realität wurde…und Griechenland…nun bis zum Ende der Militärdiktatur in den frühen 1980er Jahren ging’s hier nicht wirklich voran. Sicher die Deutschen sie kamen als Touristen, bekamen von dem, was hier geschah kaum etwas mit, genossen Wein, Wärme und Sonne…Dass da unter der Oberfläche einiges weitergärte, dass eben nicht alles Eitel Sonnenschein war bemerken viele erst jetzt, wo allen das Geld ausgeht…Dass dabei beide Seiten noch einen langen Weg vor sich haben und sich von vielen liebgewordenen Vorurteilen, Forderungen und Kampfbegriffen endgültig verabschieden müssen…on verra bien…

Giassas und seid dem Schutz der Agia Myrtidiotissa allzeit anbefohlen!

ALex

 

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