Reise nach Kythera 5 – Von goldener Morgenröte und anderen Formen des Wahnsinns

Dunkle Morgenröte

Eigentlich…eigentlich fängt man keinen Blogtext mit diesem Wort an, und eigentlich hatte ich heute auch vor, einige Aphorismen zu kytheranischen Straßen online zu stellen (die gibt’s vielleicht morgen, da sie politisch relativ inkorrekt ausgefallen sind, vielleicht auch nicht).

Á propos Politik…eigentlich sollte man den ganzen Zirkus mit Verachtung und Schweigen strafen, vor allem dann, wenn es sich bei seinen Protagonisten augenscheinlich um komplett wahnsinnig gewordene Griechen handelt (und nein, ich meine hier nicht die aktuelle Griechische Regierung, die tut was sie kann um das Land wenigstens halbwegs zusammenzuhalten und verdient allen Respekt der Welt, auch oder gerade weil vieles von dem, was sie tut, oder auf Geheiß und Nicht-Verantwortung anderer tun muss, für die Menschen hier ausgesprochen schmerzhaft ist – versucht mal selbst von heut auf Morgen mit der Hälfte oder einem Virtel Eurer Einkünfte auszukommen, ohne Arbeitslosengeld, BAFÖG oder anderen Wohltaten des deutschen Sozialstaates, dann bekommt ihr vielleicht einen ganz, ganz kleinen Einblick wie’s den meisten hier gerade geht. Und nein, ich meine jetzt auch nicht die Stammtisch-Politiker in Neumarkt. Pöttmes oder  Viereth-Thrunnstadt, die in ihrem Unverstand fordern, alle Griechen gehörten ins Arbeitslager (zu soviel Unverstand und Unkenntnis sag ich jetzt einfach mal demonstrativ garnix, weil bei derartigen Köpfen ohnehin jedes Argument verschwendet ist.)

Was ich meine ist das gespenstische Gebaren der „chrisi avgou“ der sich mit Hakenkreuz und laufendem Hund, Basebalschlägern, Mussolini- und Hitlerconterfeis und SS Runen schmückenden, Migranten jagende und jegliche Form von Demokratie und Menschenrechten mit Füßen tretende  griechischen Variante von Neonazi & Co. die in diesem Land immerhin 7% der Wahlbevölkerung (an einigen Orten auch deutlich mehr…) gewählt haben. Seit Tagen flimmern über die griechischen Bildschirme Bilder von Fackelschwingenden Griechen-Skins, hässlichen Frauen von noch hässlicheren Männern die mit jeglichem Stilgefühl auch jegliche Form von Respekt vor ihren Mitmenschen (insbesondere wenn diese Ausländer sind) aufgegeben zu haben scheinen und einer mehr als befremdlichen Form griechsicher Deutschtümelei frönen. Da sind SS und Stürmer, Hitler und die Wehrmacht auf einmal die gefeierten Vorbilder für eine Rennaissance des Griechentums, der Laufende Hund wird zum Hakenkreuz umgedeutet und Bomben gegen jene gelegt, die nicht der gleichen Meinung sind. Da marschieren paramilitärische Skins die aussehen als hätten sie eine Bulldoge verschluckt und da wird ein Megali Hellas (Großgriechenland) beschworen, dass irgendwo von Tripolis bis nach Beirut reicht…

Ja, Griechenland ist voller Mysterien, und vieles was da in griechischen Köpfen und Schulbüchern an Mythen und Un-Mythen herumgeistert werde ich wohl nie verstehen (die Frage ist ob sie es tun…). Aber haben diese griechischen Riesendodel von der Goldenen Morgenröte, die sich arische Rasse und Reinste der Reinen schimpfen denn garnichts kapiert. Haben sie denn nicht mitbekommen, dass ihre Großmütter dank SS und Mussolinis Schwarzhemden in ihren Scheunen bei lebendigem Leib verbrannt wurden, oder wenn sie mehr „Glück“ hatten einfach nur verhungerten, weil die ach so großen Vorbilder dem ohnehin armen Land auch noch das letzte bisschen Lebensnotwendigste wegnahmen? Haben sie denn nicht mitbekommen, dass es ihre Urgroßväter waren, die aufgrund Venizelos verrückter Idee eines Großgriechenlands aus Smyrna, Istanbul und Anatolien fliehen mussten, haben sie vergessen wohin der ganze Schrott mit Nation und Patriotismus führte als Brüder in einem Sinn- und Hirnlosen Bürgerkrieg, der sich unmittelbar an den II. Weltkrieg anschloss und schlimmer als alles zuvor durchlittene war, auf Brüder schossen? Haben sie die Konzentrationslager der Militärdiktatur auf den „abgelegenen Inseln“ aus ihrem Gedächtnis gestrichen? und haben sie auch vergessen, welch schwerer Weg es nach der Militärdiktatur in den 1980ern und 1990ern für ihr geliebtes Hellas war um wieder unter die „zivilisierten Länder der Welt“ gerechnet zu werden? Haben sie vergessen, dass sie sich gerade in der schlimmsten Krise ihres Landes seit…ich weiß gerade nicht wann, Griechenland hatte so viele Krisen, dass es schwer fällt, zu sagen welche davon die schwerste war…Jedenfalls frage ich mich, ob die Leute von der goldenen Morgenröte tatsächlich meinen, dass Bilder von hässlichen Neonazigriechen ihr Ansehen in der Welt, das eh nicht gut ist (siehe Viereth-Thrunstadt) auch nur in irgendeinerweise besser machen?

Uff…ich schreibe mich in Rage. Aber man(n) kann auch den heiligen Zorn bekommen, wenn man mit einem derlei massiven Übermaß an völkisch-nationalistischem Blödsinn konfrontiert wird. Es ist das alte Spiel aus Geschichtskliterung und völliger Selbstüberschätzung und dem Leben im Mythos, das überall zu Katastrophen führt. Griechenland ist da nicht besser oder schlechter als andere Länder, nur eben noch einen Schuss absurder.

Mann kann nur hoffen, dass wenigstens in diesem Fall die Urteile der Richter bestehen blieben, nicht nur die Großen, sondern auch die kleinen Fische gefangen werden und Griechenland wenigstens von diesem Gespenst schnell und gründlich erlößt wird…wie ich das Land kenne, fürchte ich eher, dass es auf einen sehr langen, sehr zähen und sehr unschönen Kleinkrieg zwischen Staat und Unbelehrbaren hinauslaufen wird.

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