Reise nach Kythera 4 – Auf den Spuren Schliemanns

Große Vorbilder sind so eine Sache, vor allem wenn sie auch nicht mehr Erfolg hatten als man selbst.

Schon Heinrich Schliemann suchte vergebens und mir gings heut, als ich mich mühsamst durch Felsen und Macchia den Burghügel von Paliokastro, dem Standort der antiken Inselhauptstadt hinaufquälte auch nicht besser. Keine gewaltigen Marmorsäulen, keine Statuen, und erst recht kein Aphroditetempel – außer ein paar zerfallenen Trockenmauern und abgebrannter Macchia rein garnix…na ja, nicht ganz. Wer genauer hinsieht, findet hier von zerissenen Plastikplanen mehr schlecht als recht abgedeckt, seit ein paar Jahren vier oder fünf kleine Archäologische Schnitte mit einigen Hausresten drinn, und weit verstreut im Gelände einige Strukturen, die einmal etwas wie Stadtmauern gewesen sein könnten, und die gewaltige Ausdehnung der einstigen Stadt (oder war es nur deren Akropolis und auf den umliegenden Hängen stand noch mehr?) bestätigten.

Und natürlich sind da auch noch die zwei kleinen byzantinischen Kapellchen des Hl. Cosmas und Damian (griechisch auch Agioi Anargyroi genannt) und etwas weiter oben des Hl. Georgs, beide haben ihre besten Tage schon lange hinter sich, und sind außen ziemlich wie innen ziemlich unscheinbar, außer man interssiert sich für ein paar verbaute, ziemlich kleine und wenig gelungene proto-dorische „Säulchen“,  die schon der dreijährige Praxiteles besser hinbekommen hätte…Interessant ist das, was in den beiden archäologischen Schnitten vor den Kapellen zu sehen ist – jedenfalls für den, der das Wirrwar aus Steinen und Geröll zu Deuten weis. Wie so oft auf dieser Insel, haben die jüngsten Ausgrabungen ergeben, dass das, was sich die Menschen schon lange erzählten tatsächlich stimmte: Beide Kapellen waren auf, bzw. unmittelbar vor den antiken (Haupt-?) Tempeln der Stadt erbaut worden. Und zumindest bei der Unteren gab es sogar eine Art Weiterleben der antiken Zuschreibung des Ortes. Wie die antiken Zeussöhne Castor und Pollux (häufig auch Dioskuren genannt) denen der Tempel vor der unteren Kapelle geweiht war, waren auch die beiden Heiligen Cosmas und Damian, denen die kleine untere Kapelle geweiht ist Zwillingsbrüder.

Bei der oberen Kapelle ist die Sache nicht ganz so einfach, dafür ist das Ergebnis der jüngst durch den aus Kythera stammenden Archäologen Ioannis Petrocheilos durchgeführten Grabungen, wenn sich seine Mutmaßungen denn bestätigen, umso sensationeller. Ach wenn die langestrecke Ansamlung von Felsbrocken und das bisschen Erde nach nichts besonderem aussehen: Genau hier stand er, der schon bei Homer erwähnte Aphroditetempel, den schon Schliemann und viele andere vergeblich suchten. Sie alle waren vermutlich hier oben gewesen, oder kannten den Standort zumindest vom Hörensagen, aber keiner – Homer vielleicht ausgenommen – konnte sich vorstellen, dass es sich bei dem berühmten Heiligtum eben nicht um einen marmorglänzenden hellenistischen Prunkbau sondern um ein vermutlich wesentlich älteres, kleines und ziemlich schmuckloseres Gebäude handelte – das eben genau so aussah, wie griechische Tempel vor dem Zeitalter des Helenismus aussahen: einfach und bescheiden. Ob es hier oben jemals einen marmorglänzenden Nachfolgerbau des wohl aus dem 8. oder 7. Jahrhundert vor Christus stammenden, und jetzt ausgegrabenen Baus gab, muss vorerst offen bleiben. Jedenfalls scheint er für sehr lange Zeit nicht als das erkannt worden zu sein, was er möglicherweise ist: der langgesuchte Tempel der Aphrodite. Früher scheint dieses Wissen jedoch durchaus vorhanden gewesen zu sein. Zwar stammt der unmittelbar vor dem „Tempel“ gelegene heutige Bau der Kapelle des Hl. Georgs erst aus dem späten Mittelalter, doch dürfte es auch hier, ähnlich wie weiter unten bei der Kapelle der Hl. Anargyroi weitaus ältere Vorgängerbauten gegeben haben, die zu einer Zeit entstanden sind, als die Kytheraner noch sehr genau wussten, wo die antiken Tempel gelegen hatten. Wie anders sollte sich sonst erklären lassen, dass auch dieser Bau haargenau vor dem Eingang des ehemaligen Tempels gebaut wurde, so als wolle er – wie es die weiter unten gelegene Kapelle auch tut – gleichsam den Eingang zur heidnischen Opferstätte symbolisch versperren und stattdessen eine christliche Alternative anbieten? Leider sind im Moment zu wenige Mittel vorhanden um diesen Fragen weiter nachzugehen.

Und für alle, die das nicht interessiert: der Berg bietet dem, der den etwas schwierigen Aufstieg wagt neben den archäologischen Sehenswürdigkeiten auch einen  einmaligen Ausblick über die Insel der die Mühe allemal lohnt. Und nein, das war heute kein Freizeittrip. Ich war sogar richtig fleißig, das ganze ist nämlich nichts anderes als ein gesponsertes colaboratives „Digging Project“ der Kytheranischen Community – und über die forsche ich schließlich!

Wer dort hoch will sollte sich allerdings sputen. Bis zum großen Buschfeuer 2010 war’s quasi unmöglich durch die Macchia ganz nach oben durchzukommen, und auch jetzt wächst schon wieder alles zu. Ganz abgesehen davon empfiehlt sich – wie eigentlich fast immer auf Kythera – festes, geländetaugliches Schuhwerk und ein Tag an dem es nicht allzu heiß ist, es gibt dort fast keinen Schatten und weit und breit keine Quelle, an der sich der Wanderer laben könnte – und sorry, es ist und bleibt auch für den geübten Wanderer immer noch eine ziemlich gefährliche Kletterei zwischen Geröll und Abgrund der einiges an Orientierung vorraussetzt. Ein richtiger Weg existiert eigentlich nur unterhalb des an einer kleinen Staubpiste, die von der Straße zwischen Paliopoli und Fratsia abbiegt gelegenen Viehgatters. Jenseits davon muss man sich irgendwie zwischen den Steinen „hindurchmogeln“. Denen die die Kapellen auch von Innen sehen mögen sei ein Gang mit den Archäologen (die sich leider nicht permanent auf der Insel aufhalten – man muss sich einfach durchfragen, ob sie gerade da sind und Führungen anbieten) empfohlen, da sie verschlossen und ihr Betreten nur in Begleitung erlaubt ist (das liegt weniger an dem, was dort zu sehen ist, sondern eher daran, dass beide Bauwerke nicht in allerbestem baulichen Zustand sind. Wem dies gelingt der kann sich v.a. in der Kapelle der Agioi Anargiroy, die fast vollständig aus Überresten der antiken Bauwerke erbaut wurde des Gefühls nicht erwehren, sich an einem Ort zu befinden, der den Menschen seit bald 3000 Jahren heilig ist.

So der Hunger ruft. Auch Feldforscher müssen mal was essen!

Paleokastro, Agios Georgios

Sieht harmlos aus…Paleokastro, Agios Georgios

Paleokastro

Ist aber da oben! und es gibt keine Straße, keinen Weg, nur Felsen, Geröll, Verbrannte Büsche und Dornmacchie! Burgberg von Paliokastro

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