Reise nach Kythera 2 – The island that differs

Geschenkte Trauben aus Amir Ali

Kythera ist anders…wer kennt nicht solche und andere Werbesprüche aus unzähligen Prospekten, Anzeigen und ökonomisch aufgeschlossenen Web-Blogs selbsternannter Lokalexperten.

Die Kytheranischen Tourismus- und Marketingexperten sind da keine Ausnahme. Die Insel ist nicht nur anders, sie ist, laut Aussage gut unterrichteter Web-Sites „one island, one world“ oder mindestens „the island of joy and beauty, a meeting point of nature, civilisation and love.“

Vermutlich geht es einfach keine Nummer kleiner, wenn es um die Privatinsel der Göttin Aphrodite (in Antiken Quellen nicht selten einfach „Kytheraia“ genannt) geht. Richtig gehört: Kythera nicht Zypern! Wer mehr dazu wissen will darf gerne hier nachlesen!

Wo genau die meerschaumgeborene greichische Liebesgöttin das Licht der Welt erblickte ist hier freilich genauso umstritten, wie andernorts. Jeder will ein bisschen vom Ruhm der Göttin abhaben. Fragt man die Einheimischen war es ganz gewiss der nächstgelegene Strand am Ende der Schotterpiste, gleich links neben dem eigenen Häuschen oder Weinberg. Und wenn’s der vom Nachbarn war…auch gut, Kythera ist schließlich überall schön, und weshalb sollte sich die freigiebige Göttin nur für einen Strand entscheiden…Darunte rauch der eine oder andere, an dem bis heute Schilder mit recht eindeutig, zweideutigen Hinweisen darauf hinweisen, dass hier nicht nur gelegentliches Nacktbaden üblich ist, sondern sich die Menschen in etwas abgelegeneren Ecken auch auf andere Weise näher kommen…Ich liebe diese Art von Humor der Kytheraner, die es fertig bringen, selbst bei der abgelegensten Kapelle mit Edding die Karrikatur eines deutschen Oberlehrers mit erhobenem Zeigefinger auf den dort bereitstehenden Mülleimer zu malen und damit ihre griechischen Landsleute und Urlauber zur ordnungsgemäßen Entsorgung ihres Mülls auffordern. Wer das ansonsten im Mittelmeerraum omnipräsente Phänomen des unbedacht in die Gegend geworfenen Mülls kennt, wird vestehen, dass bereits das Vorhandensein dieses Mülleimers, un der Fakt, dass dieser ganz offensichtlich auch regelmäßig geleert wird, ganze Bände über die Kytheranische Mentalität und die Liebe der Kytheraner zu ihrer Insel erzählt!)

Doch zurück zur Frage, wo denn nun diese Aphrodite – Göttin der Liebe und der Schönheit – GENAU dem Meer entstiegen ist. Befrägt man den offiziellen Reiseführer, so wird dieser einem als den ultimativ einzigen und wahren Geburtsort sehr wahrscheinlich den großen Sandstrand von Paliopoli oder den hinter der – von den Alten einfach nur „Kastri“ genannten großen Sandsteinklippe in der Mitte des langezogenen Strandes – gelegenen Strand von Limni nennen, und einen gleich auch noch darauf hinweisen, dass es in den Klippen einen Ort namens „Aphrodite’s Bath“ gibt. Die Erklärung für diese nach deutschen Maßstäben etwas ungenaue Ortsangabe liegt nun weniger darin, dass man nicht sehr genau wüsste wo man suchen sollte (dazu komme ich gleich noch), sondern darin, dass dieser Strandabschnitt – der größte auf der ganzen Insel – bisher touristisch recht wenig erschlossen ist und man sich für zukünftige Großprojekte schon mal einen publikumssichernden Wettbewerbsvorteil sichern möchte. Was könnte da attraktiver sein als der Geburtsort der Göttin der Liebe?

Dass damit wohl endgültig einer der letzten einigermaßen naturbelassenen Strände des Mittelmeers und mit ihm auch die inzwischen äußerst seltene lokale Unterart der Pankratiuslilie (die der Sommertourist in aller regel nicht sieht, da sie erst mit Beginn der Regenzeit, also Ende September/Anfang Oktober blühen) verschwinden wird…Nur ein weiterer Kolateralschaden auf der Liste der durch den globalen Massentourismus verursachten Zerstörungen.

Und wenn ich grade schon bei etwas zweifelhaften Entwicklungen bin: die inzwischen überall angebotenen „Liebeskiesel bzw. Kiesel der Aphrodite“ – kleine herzförmige Kieselsteine, die gefasst oder ungefasst an einigen kleinen Ständen auf den Wochenmärkten und im einen oder anderen Souvenirshop angeboten werden und die es an diesen Stränden besonders häufig geben soll – sind auch erst eine geschickte, und außerdem recht junge Erfindung einiger geschäftstüchtiger Ausländer (wenn ich recht informiert bin, war es eine auf der Insel lebende Deutsche, die auf die Idee kam). Die auf dem Beipackzettel zu diesen „Pretiosen“ gleich mitverkaufte, tourismusgerecht aufgepoppte Legende berichtet denn auch, diese Kiesel seien Reste des Meerschaums aus dem Aphrodite entstiegen sei. Macht man sich allerdings klar, dass es sich dabei dem antiken Mythos gemäß um ein Gemisch aus Salzwasser und dem Sperma und Blut des Uranos handelte, überlegt man sich dreimal, ob man solch ein Schmuckstück mit nach Hause nehmen will…Aber welcher Tourist kennt sich heute schon noch so gut in antiker Mythologie aus?

Begiebt man sich auf seiner Sucher nach der Göttin der Liebe weiter ins Gelände, wird man recht schnell auf verwitterte Schilder stoßen, die auf den sogenannten „Thron der Aphrodite“ hinweisen. Dieser befindet sich – anders als das meist unten am Strand herumliegende Schild vermuten lässt – etwas versteckt über dem Strand unmittelbar an der höchsten Stelle des Felsabbruchs der bereits erwähnten Sandsteinklippe. Überwindet man erst einmal seine in dem Gelände keinesfalls unberechtigte Angst vor den Hinterlassenschaften der Sommertouristen, Giftschlangen und Skorpionen und findet den etwas verwilderten Einstieg hinter der Klippe, kann man vorbei an ein paar mit durchlöcherten Plastikfolien abgedeckten antiken Grüften hinauf zum „Thron“ steigen…und hier beginnt auch schon das Problem mit diesem Strand, seinem Thron und der Aphrodite…In Wirklichkeit handelt es sich bei dem Gelände um nichts anderes als die traurigen Reste der antiken Nekropole Skandias, bzw. Paliopolis und der Thron der Aphrodite ist nichts anderes als der inzwischen überirdische Rest einer antiken Grabkammer. Mir ist es bis heute nicht gelungen herauszufinden ob das nun zwei Namen für den gleichen Ort, oder zwei nah benachbarte Orte waren…vermutlich lässt sich das Ganze auch nicht mehr so ganz beantworten, da heute entscheidende Teile der Orte fehlen. Warum? Nun…

Aufgrund des Tektonischen Wechselspiels unterschiedlicher Mikroplatten direkt vor der Südspitze des Pelopones ist Kytheras Untergrund alles andere als stabil. Wie auch auf dem benachbarten Kreta oder dem angrenzenden Festland sind auch heftigere Erdbeben hier alles andere als eine Seltenheit (im Durchschnitt gibt’s alle paar Jahre eines mit der Stärke 6-7, vereinzelt sind aber auch wesentlich stärkere Beben aus historischen Aufzeichnungen und geologischen Forschungen bekannt). Das eigentümliche daran ist, dass diese, obwohl die Insel vergleichsweise klein ist, an unterschiedlichen Orten sehr unterschiedlich stark ausfallen können – der Grund dafür ist, dass die Insel von zahllosen Spalten und Brüchen durchzogen wird und jede kleine Mikroplatte sich im Erdbebenfall mehr oder minder unabhängig von der anderen bewegt. In der Praxis bedeutet dies, dass ein Erdbeben auf der einen Seite der Insel ganze Ortschaften schwer beschädigen oder gar zerstören kann, während man es am anderen Ende kaum bemerkt…

Doch zurück zum „Strand der Aprhodite“…Der muss in der Antike komplett anders ausgesehen haben. Vermutlich gab es hier einmal – ganz ähnlich wie heute in Kapsali – zwei weite und durch eine weit ins Meer hineinragende Halbinsel voneinander getrennte Buchten, die – anders als heute – den Schiffen ausreichend Schutz vor den Gefahren der hohen See boten. Auf der Halbinsel, von der heute nur noch die reichlich angeknabberte Klippe von Kastri / Paliopoli übrig ist stand dereinst eine große und , ausgehend von den doch recht beachtlichen Gruften ihrer Bewohner, auch reiche Hafenstadt, die inzwischen durch Erdbeben, Erosion und wohl auch den einen oder anderen Tsunami komplett ins Meer gerissen wurde. Zwar nennt sich eine zwei Hügel weiter gelegene Appartmentsiedlung (bei deren Bau nicht unbedingt pfleglich mit den antiken Überresten umgegangen wurde) auch Skandia, jedoch war dies allenfalls eine Art Vorort des eigentlichen Stadtgebiets, dass heute im Meer versunken, bzw. von diesem „verschlungen“ wurde. Weiß man dies, ist auch eine andere Sache ist sicher, es war – wenn überhaupt – weder der heutige Strand von Limni oder der von Paliopoli, der den Geburtsort der Liebesgöttin bildete, sondern eine heute etliche hundert Meter weiter draußen im Meer gelegene Stelle. Alles andere ist Legende und gutes Tourismusmarketing, Sorry..

Es gehört zu den großen Tragödien der Insel, dass von der in den Antiken Quellen beschriebenen Pracht wenig übriggeblieben ist – und das wenige, dass gefunden wurde (so z.B. der Antikytheraapparat und der zugehörige Schatz hochrangiger Kunstwerke) heute meist in Athen oder anderen Orten zu sehen ist. Das wenige, dass sich heute noch auf der Insel befindet, steht im  Museum steht im nach einem Erdbeben 2006 leider noch immer geschlossenen Inselmuseum…eine Lösung dieser Missere ist zwar angedacht, wird aber aufgrund der aktuellen Finanzkriese wohl noch etwas auf sich warten lassen…

Es ist ohnehin eher die Party mit Verwandten und Freunden, die wie eh und je im Sommer die Menschen auf die Insel zieht. Insgesamt ungefähr 50 bis 80 Tausend,  darunter nicht wenige Nachkommen der zwischenzeitlich in die ganze Welt ausgewanderten Kytheraner. Dazu kommen noch einige Hundert Remigranten, die’s halb- oder Ganzjährig aus der Diaspora auf ihre „Heimatinsel“ zurückzieht, ca. 500-700 Albaner, die in den 1990er Jahren zugewandert sind und in Orten wie Frilingianika und einigen anderen Weilern inzwischen die Bevölkerungsmehrheit stellen und im Frühjahr und Herbst inzwischen auch einige Wanderenthusiasten, die die wilde Schönheit der Landschaft genießen und auf der Suche nach Ruhe, auch die abgelegensten Schluchten unsicher machen, oder sich mit ihren gemieteten Kleinwagen über abenteuerliche Schotterpisten kämpfen (Ein Allrad-Jeep wäre hierzu zwar besser als ein kleiner Hjunday, aber der passt hier einfach nicht überall durch…). Den Rest des Jahres haben die Einheimischen die Insel und ihre Sturmwinde fast für sich allein – ob das noch lange so bleibt, ist allerdings zu bezweifeln, der Tourismus legt in den letzten Jahren auch in der Nebensaison zu, und so wird die Insel in Zukunft wohl kaum noch der „Geheimtip“ sein, der sie gerade – noch – ist.

Noch allerdings dauert die Hauptsaison auf Kytehra nur vom 15. Juli bis 15 September. Dann sind alle Zimmer zwei und dreifach ausgebucht, die Autos stauen sich auf den kleinen Straßen, das Leben ist ein einziges großes Fest und überall tanzen die Menschen auf den beleuchteten Straßen (vor allem bei den großen Abschiedsfesten der Exil-Kytheraner um den 25. August herum). Außerhalb dieser Zeit kommt täglich nur eine kleine Propellermaschine und zwei, ebenfalls recht kleine Fähren, die aber mehr Kleinlastwagen mit Gütern des täglichen Lebens, als Menschen auf die Insel bringen.

Vielleicht – nein ganz sicher – liegt es an dieser noch relativen „Unbekanntheit“ der Insel, dass man gelegentlich von einer alten Frau, die gerade auf dem Heimweg von der Weinernte ist angehalten wird und mit einem strahlenden Lächeln eine ganze Tüte Trauben einfach so in die Hand geddrückt bekommt – geschenkt und einfach so. Nichteinmal den Berg nach Karavas hochfahren durfte ich die alte Dame samt ihrer Lastenkraxe voller Trauben. Auf mein Anbebot sie die paar Meter mitzunehmen meinte sie nur: sie sei diese Strecke ihr ganzes Leben lang geloffen, und werde es mit ihren 84 Jahren nun auch nicht mehr anders halten.

Vielleicht grüßen deshalb auch noch beinahe alle Bauern auf den Äckern und Wiesen jedes vorbeifahrende Auto (inklusive Touristen), vielleicht wünscht einem der Priester deshalb auch noch am Dorfbrunnen einen schönen Abend und segnet einen selbst und das Auto gleich vorsorglich in einer improvisierten Kurzzeremonie mit, vielleicht gibt es deshalb noch immer Menschen, die im Herbst das Salz aus den kleinen Felslöchern am Strand aufsammeln und aufwändig von Hand von kleinen Steinchen säubern (das Kytheranische Salz schlägt dabei meiner Meinung nach jedes noch so feine Fleur du sel um Längen!), und vielleicht ist es wirklich nur der kurzen Saison geschuldet, dass man bei der Heimkehr ins Appartment einen Teller mit Kuchen und frischen Feigen vorfindet und einem – obwohl man gerade mit gefühlten zwei Dutzend Einkaufstüten vom Mini-Supermarkt wiederkommt – der Zimmerwirt vor dem Schlafengehen „noch schnell“ einen Teller mit von seiner Frau gerade frischgebackener „Spinat-Pita“ vorbeibringt, damit man nicht verhungert (Gott behüte!)…

Ich selbst bilde mir aufgrund dieser Erfahrungen ein, dass sich Kythera in diesem Punkt wirklich von anderen griechischen Inseln unterscheidet. Die Menschen hier sind eben (noch) nicht nur am Geld interessiert. Ihnen ist wichtig, dass man sich bei ihnen wohlfühlt und sie freuen sich (noch) über jeden Fremden, die auf ihre Insel kommen. Vielleicht ist das ja das Erbe der göttlichen Aphrodite. Wenn ja, hoffe ich, dass es den Kytheranern und ihren Besuchern noch sehr, sehr lange erhalten bleibt und die Bewohner dieser Insel nicht die gleichen Fehler begehen, wie sie auf Santorin oder Mykonos passiert sind. Einmal zerstört ist diese Welt und ihre Art des Lebens und gegenseitigen Umgangs nicht mehr herstellbar.

PS: Für alle, die sich jetzt fragen, wo denn dieses Bad der Aphrodite liegt…nun auch da gibt’s zwei Varianten:

Die erste liegt am südlichen Ende des Strands von Limni an einer Stelle die heute im Allgemeinen Asprogas genannt wird…Richtig geraten, es sind die komischen Löcher und Durchbrüche im Fels am südwestlichen Ende des Strandes durch die die Gischt wie in einer Waschstraße spritzt. Und ja, es gibt tatsächlich Verrückte, die meinen da ein Bad nehmen zu müssen, trotz gefährlicher Strömungen, Hoher Wellen und scharfer Felsen…Aphrodite muss einen sehr guten Neoprenanzug besessen haben).

Die Zweite liegt am Lykodemos Strand am Ende einer ziemlich abenteuerlichen Abfahrt. Es ist jedoch nicht die am eigentlichen Strand gelegene Höhle, in der angeblich auch eine Süßwasserquelle vorhanden sein soll, die aber im Bestreben den Strand „aufzuwerten“ wie auch einige der umgebenden Felsen in den letzten Jahren mit einem hässlichen Zementboden ausgegossen wurde, so dass von der einstigen wilden Schönheit wenig übrig blieb. Die Höhle die ich meine ist etwas kleiner und befindet sich ein wenig abseits des Strandes inmitten der Klippe. Für Nicht-Einheimische ist sie beinahe unauffindbar, da sie weder von See noch von Land besonders gut zu sehen und zu erreichen ist. Aufgrund des alles andere als ungefährlichen Geländes und des für Fremde gerade an dieser Stelle nur sehr schwer einschätzbaren Wellengangs, warne ich daher hier ausdrücklich sich ohne einheimische Begleitung auf eigene Faust auf die Suche zu machen! Wer jedoch das Glück hat, jemanden zu finden, wird sich an einem der schönsten und ursprünglichsten Orte der Insel wiederfinden, dessen Schönheit allenfalls mit der großen Höhle auf der vorgelagerten Felseninsel Hydra oder den Wasserfällen von Mylopotamos nach einem kräftigen Frühlingsregen zu vergleichen ist. Der Eingang zur Höhle liegt versteckt zwischen scharfkantigen Klippen knapp über Seehöhe. Im Inneren findet sich bei ruhiger See ein kleiner Strand aus großen vielfarbigen Kieseln und um einen herum leuchten im Dämmerlich zerklüftete Wände aus bizarr ineinander verschlungenen, vielfarbigen Steinbändern. Das schönste aber ist ein vor dieser Höhle gelegener und durch einige Felsen geschützter, kleiner natürlicher Meerwasserpool in dem sich, bei windstillem Wetter (und nur dann!) herrlich inmitten einer bizarren Szenerie aus türkisblauem Wasser und schwarz-zerklüfteten Felsen baden lässt – für mich ist dieser Ort das eigentliche Bad der Aphrodite, auch wenn diese Höhle wohl erst in den letzten paar hundert Jahren von den hier bei starkem Westwind wild an die Küste schlagenden Brechern aus dem Kliff gebrochen wurde und damit deutlich jünger als die antike Sage sein dürfte.

 

 

 

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