Reise nach Kythera, 1 – The embarkment

Ich stehe am Athener Flughafen, warte zwischen Mc… und dem kleinen Archäologischem Museum (ja, der Athener Flughafen hat sowas!)  auf meinen Anschlussflug auf „meine“ Insel und versuche mich mental darauf einzustellen, dass ich wieder einmal zwischen der Heimischen Komfortzone und einem meiner global angelegten „Feldforschungsprojekte“ wechsle. Geistig heißt das sich umzustellen, die täglichen Routinen zu vergessen und die Antennen auf Empfang einzustellen. Praktisch bedeutet es, dass ich in einem Gewirr aus Gängen, Treppen und Shops für Designmode das richtige Gate finden muss…in Athen nicht ganz einfach, weil manche Treppe zum Abflugraum recht gut zwischen Cafés und kostenpflichtigen Massagegeräten versteckt ist und auch die Schilder aufgrund der Zweisprachigkeit etwas „überfüllt“ ausfallen.

Als ich endlich die richtige Abzweigung gefunden habe, setze ich mich in die erstaunlich bequemen Ledersessel, ordne mein Gepäck in Griffweite um mich herum an, schließe für einige Sekunden die Augen und denke nach…

…Ich weiß nicht, wie es Paris ging, als er nach einer wilden Partynacht unweit des heutigen Nauplion gemeinsam mit Helena (ja der schönen, deretwegen die ganze Sache angefangen hat) ein Schiff bestieg um damit vorgeblich auf die „Insel der Seligen“ alias Kythera bzw. deren weithin berühmtes Aphroditeheiligtum zu fahren. In Wirklichkeit waren ihm Insel, Schaumgeborene Aphrodite und Heiligtum wohl ziemlich egal. Schließlich wollte er nichts anderes als mit der schönsten Frau der Antike nach Troja durchbrennen.

Mich selbst treibt etwas ganz anderes auf die vielgerühmte „Insel der Seligen“. Ich forsche – genauergesagt ich untersuche für meine Dissertation im Fach Europäische Ethnologie (früher einmal nannte sich das Volkskunde und/oder (Empirische) Kulturwissenschaft) die Auswirkungen digitaler Netzwerkmedien (Ethnoscapes/Social Media) auf Identität und Alltag der weltweiten Kythranischen Community…und da Kythera (auch Κύθηρα oder Kythira, früher auch unter dem Namen Cerigo bekannt) nunmal die Heimat der Kytheraner (selber nennen sie sich meist nach dem alten Namen der Insel Tsirigotes, (gr. Τσιριγώτης)) und mich alles, aber wirklich alles interessiert was mit dieser Insel und ihren inzwischen in der ganzen Welt verstreuten Söhnen und Töchtern zu tun hat, habe ich mich wieder einmal für einige Wochen dorthin aufgemacht, wo alles begann: Kythera. Neben den zahlreichen Wechselwirkungen zwischen digitaler und analoger „Welt“ interessiert mich dabei diesmal insbesondere, wie sich – trotz Finanz-, Griechenland- und Eurokriese – der örtliche Tourismus entwickelt, und welchen Einfluss darauf medial verbreitet Rollenmodelle, Stereotype, Werbebotschaften u.ä. haben. Daneben liegt mein Augenmerk diesmal besonders auf der (nicht zuletzt auch über die von mir erforschten Sozialen Netzwerke betriebenen) Ökonomisierung und Kommerzialisierung des materiellen und immateriellen Kulturerbes der Insel und die daran beteiligten Akteure.

Die dabei entstehende Reihe von ca. 10-15 Blogeinträgen soll dabei weniger eine wissenschaftliche Abhandlung sein, sondern eher eine Art Skizze, die mir und allen die es interessiert eine Art „spontanen Einblick“ auf das „gedankliche Innenleben“ aus dem Alltag eines Feldforschenden bieten soll. Vieles was dabei geschrieben werden wird ist eher spontaner Eindruck als durchdachtes und sorgsam angewogenes Ergebnis, eine Art Puzzle, das erst noch zu einem geordneten Ganzen werden muss. Es ist das, was der oder die Feldforschende normalerweise nicht verrät, das was „nebenher“ passiert. Eine Art „Nebenprodukt“, dass in den fertigen wissenschaftlichen Arbeiten – wenn überhaupt – nur am Rande und in Fußnoten auftaucht.

Aber zurück zu Paris und seinen Plänen…

Dass die unbedachten Handlungen des trojanischen Jungspunts – sagen wir mal – eher unangenehme Nebenfolgen hatte, weil Helenas Mann niemand anders als Menelaos der Bruder von Agamemnon (der war Herrscher der Mykener und damit niemand anders als der Obermacker von ganz Griechenland) war, kann man sich denken. Man kennt es heute noch von Diskoschlägereien und aus Kriminalromanen in denen gestandene Geschäftsmänner sich wegen einer gemeinsam begehrten Frau in die Haare bekommen und wahre Mordorgien starten um den Nebenbuhler auszuschalten. Auch Menelaos fand es garnicht lustig, dass jemand mir nichts, dir nichts die eigene Frau entführte. Er beriet sich mit dem großen Bruder und wie’s bei so fällen nunmal üblich ist: die ganze Sache eskalierte. Kurz und gut: Paris, der Jungspunt mit den viel zu dicken Eiern…ähm- Hesperidenäpfeln – in der Hose hatte sich mit dem Falschen angelegt.

Was dabei rauskam? Der erste bekannte Interkontinentalkrieg – Homer hat’s etwas später den „Trojanischen“ genannt…Und ja, das ist der mit dem Holzpferd, der Laokoon-Gruppe, Brad Pitt als Achilles und Odysseus, Antenor und Aeneas, der später Rom gründen sollte…aber da sind wir schon in Folge 20.000 von Ilias und Odyssee, der Urmutter aller Daily Soaps.

Auch wenn Watteau’s „Einschiffung nach Kythera“ knappe 3000 Jahre später, die Szene als romantisches Schäfersspiel nebst Einschiffung (oder steigen sie doch schon wieder aus?) von ein paar vergnügten Rokokko-Yuppies auf ein – nicht wirklich gut zu sehendes – Schiff zeigt…wie bei solchen Sachen üblich, war auch hier von Anfang an der Wurm drinn.

Und wie alle ordentlichen Männerfreund- oder -feindschaften begann auch diese im Wirtshaus, bzw. auf einer echt krassen Party: Paris hatte Menelaos zum Saufen eingeladen, selber aber nur Selters getrunken, sich Helena geschnappt und ihr mittels einer falschen Prophezeiung weißgemacht, dass sie unbedingt nach Kythera müsste, weil Aphrodite sie da ganz dringend treffen wollte, weil sie irgendwas von ihr wollte. Was die Göttin der Liebe konkret vorhatte, oder ob sie überhaupt von der Aktion wusste, wird im Epos nicht so ganz klar, ist für den weiteren Handlungsverlauf aber auch nicht wirklich wichtig. Viel entscheidender war, dass Aphrodite – nach Paris (!) – sehr genau wusste, was sie nicht wollte. Nämlich, das Menelaos mitkam…der hatte nach der Party ohnehin noch einen Kater – war deshalb alles andere als scharf auf einen schaukeligen Bootsausflug – und hatte darum (wirklich wach war er noch nicht) erstmal auch garnichts dagegen, dass Paris ihm diese unangenehme Aufgabe abnahm…und schwups…waren Paris und Helena weg und Menelaos saß ohne Frau schön blöd da. Wirklich Bemerkt hat er das aber erst ungefähr eine Woche später…

Aber halt – was hat das nun alles mit Kythera zu tun? Und gehört Aphrodite denn nicht nach Zypern?

Well, wie öfter bei griechischen Göttern ist das ganze ein bisschen komplizierter und auch etwas unappetitlich. Zuerst muss man wissen, dass Aphrodites Zeugung und Geburt etwas – wie soll ich sagen – unklassisch von Statten ging. Zeus hatte Ärger mit seinem Vater Kronos, weil dieser Angst hatte, seine Kinder mit der Titanin Rhea könnten ihn ebenso entmachten, wie er es einst mit seinem Vater Uranos getan hatte. Deshalb fraß er seine Kinder kurzerhand einfach nach deren Geburt auf. Rhea wollte sich das als liebende Mutter aber nicht weiter ansehen und gab Kronos statt des kleinen Zeus einen Stein zu essen, und Kronos viel auf diesen Trick herein. Zeus wuchs und gedieh, kam zurück, war stinksauer und schnitt seinem Vater – wie es der Brauch unter griechischen Göttern in diesem Fall nunmal vorsah – die Genitalien ab. Was das nun mit Aphrodite zu tun hat? Well, nach Hesiod wurde die Arme aus dem Schaum der entstand als das Blut und das Sperma des abgeschnittenen Genitals des Kronos ins Meer tropfte geboren; daher auch ihr Beinahme: Die Schaumgeborene – Ihr seht: Die Griechen waren schon immer sehr gut darin etwas unschöne Dinge mit sehr viel weniger unschönen Wörtern zu umschreiben…;-)

Aber warum nun Kythera und nicht Zypern…Well, a) haben Götter selbstredend etwas größere Genitalien als Sterbliche, und so gab’s beim fröhlichen rumgeschnippel wohl im ganzen Mittelmeerraum eine ziemliche Sauerei, d.h. eigentlich hätte jede Insel und jeder Landstrich in der Nähe des Club Med das Recht sich Geburtsort der Venus (so Aphrodistes lateinischer Name) zu nennen. b) Ging’s bei Götters ähnlich zu, wie die oberen Zehntausend heute noch: Der Olympische Jetset jettete gerne und viel in der Weltgeschichte herum, und leistete sich für den Sommerurlaub ganz gerne auch mal einen Zweit- und Drittwohnsitz mit Meerblick oder ein kleines Chalais in den Bergen für den Wintersport.

c) ist die Sache bei Kythera und Aphrodite sogar noch ein bisschen komplizierter (warum auch einfach, wenn er Epos lang werden muss, damit er was taugt, wenn ihr das jetzt nicht vesteht: fragt Homer! ;-)) – oder anders ausgedrückt: Zwar gibt es auf Kythera eine wunderbare lokale Legende, die beschreibt wie die Liebesgöttin, nachdem sie auf Kythera, nicht auf Zypern den Wellen entstiegen war, die Insel etwas klein und auch recht karg fand und sich, nachdem die freundlichen Inseleinwohner ihr ein Wochenendhäuschen in Form eines Tempels hingestellt hatten, Richtung Zypern davonmachte und dort das ganze Spektakel nochmals wiederholte, aber das ist eher ein Versuch der nachträglichen Versöhnung und entspricht nicht unbedingt dem, wie die Sache zu Menelaos, Paris und Helenas Zeiten aussah.

Anders als der auf Sicherung des Alleinstellungsanspruchs bedachte Regional- und Tourismusmanager der Gegenwart, kannten die alten Griechen nämlich weder Markenschutz noch Copyright. Je nach Gusto verschmolzen sie leichter Hand auch mal drei oder vier lokale Gottheiten zu einer, benannten Alte Gottheiten um, wandelten andere in welche um, die sie schon kannten und schufen im Bedarfsfall auch mal Neue, oder recycelten einfach Alte, die sie von anderen Orten kannten. Da die alten Griechen und ihre Herrscher überdies alle von Göttern abstammen wollten, entstand ziemlich schnell ein echt griechisches Chaos aus Stammbäumen, Abstammungsnachweisen, Legenden, Mythen und Wallfahrtsstätten. Kurz-  in der Antike war es alles andere als unüblich, dass ein und diesselbe Gottheit an sehr unterschiedlichen Orten geboren worden sein konnte, unterschiedliche Eltern hatte und sich auch mal ein bisschen anders verhielt oder aussah, als man es von daheim gewohnt war. Im Zweifelsfall erfand man einfach eine gute Fortsetzungsgeschichte wie die von der Ätepetete-Göttin der Kythera zu klein und langweilig war, und die deshalb nach Zypern auswanderte…
Moderne Wissenschaftler erklären das im Falle der Aphrodite sogar genau andersrum: Die Göttinnen der Griechen waren ursprünglich entweder ziemlich frigide Nymphen und Waldfräulein a la Artemis oder echte griechische Hausmütterchen – ähm  -Drachen á la Juno und Persephone. Bei ihren ausgiebigen Schiffsausflügen in den vorderen Orient aber lernten die feschen griechischen Matrosen aber recht schnell die Vorzüge etwas freizügiger orientalischer Liebesgöttinen kennengelernt hätten und sowas dann eben auch ganz gern daheim einführen wollten  – Tja wer will’s ihnen verdenken, so eine exotisch-barbusige Schönheit hat eben durchaus was für sich. Obwohl…Sagen wir es jetzt einmal so, die alten Griechen, insbesondere wenn es sich dabei um Männer handelte hatten etwas andere Vorstellungen vom Zusammenleben der beiden Geschlechter als wir heute. Insbesondere ihr Verhältnis zu (Ehe-)Frauen war alles andre als unproblematisch. Wäre es nach Platon gegangen, hätte selbst der Name einer „anständigen“ Frau außerhalb ihres Hauses am besten überhaupt nicht bekannt sein sollen, geschweigedenn sollte sie das Haus überhaupt verlassen und an Bord eines Schiffes hatte sie schon garnichts verloren. Wie jeder ordentliche Athener konzentrierte sich Platon bei seinen sexuellen Eskarpaden eher auf hübsche junge Bengels und, wenn es denn unbedingt sein musste auf die sündhaft teuren Hetären (eine Art Edelprostituierte), die Ehefrau kam in jedem Fall als letztes drann…Sie galt strenggenommen genauso wie Sklaven und Fremde noch nichteinmal als richtiger Mensch…Es lebe das Patriarchat! Darum machte es aus Sicht der altgriechischen Männer auch durchaus Sinn, die Orientalischen Mutter- und Fruchtbarkeitsgöttinen kurzerhand zur Liebesgöttin (die übrigens längst nicht nur für die hetero-Variante zuständig war, antike Griechen dachten hier nicht in unseren Schubladen!) umzuwandeln und sie an jedem Ort an dem sie kamen mit kleinen, aber feinen Unterschieden die dem jeweiligen lokalen Geschmack entsprachen einzuführen.

Zypern erhielt dabei eine eher erotische, sinnliche und sehr stark sexuell aufgeladene Aphroditie, Kythera ein eher etwas schüchterneres, der romantischen bzw. „platonischen“ Liebe zugeneigtes Exemplar (dass sich deshalb aber noch lange nicht zu einer Artemis oder Athene wandelte und dem einen oder anderen Schäferstündchen mit ein paar schicken Jungs oder Satyrn aus Arkadien deshalb noch lange nicht abgeneigt war.)

Da die Griechen immer ein bisschen zum Lokalpatriotismus neigten und auch sonst ein paar richtig fieße Vorurteile gegenüber den asiatischen Barbaren und ihren Bräuchen hatten, bevorzugten sie die etwas hausbackenere Kytheranische Aphrodite (außerdem war Kythera einfach näher an Athen als Zypern) und machten – zumindest wenn man den erhaltenen Quellen Glauben darf – das Eiland zu DEM Hotspot der Aphroditeverehrung. Ob die Insel damals auch schon jenen Status des Refugiums der „Reichen und Schönen“ hatte, den sie heute genießt, ist den antiken Quellen jedoch nur bedingt zu entnehmen. Immerhin haben sie den idealen Werbeslogan geprägt: „Insel der Seligen“ – besser geht’s eigentlich nicht.

Und auch wenn damals entschieden mehr auf der Insel los war als heute und der noble Hafenort Skandia oder das hippe Palaiokastro noch nicht von Tsunamis verschlungen oder Erdbeben zerstört waren; Es wird den alten Griechen mit Kythera wohl genau so gegangen sein, wie uns heute mit Werbeprospekten für den nächsten Sommerurlaub: Man darf nicht alles so heiß essen, wie’s gekocht wird.

So war der kytheranische Tempel der Aphrodite eben keine marmorstrotzende Kopie des Artemistempels in Ephesos, wie sie sich Schliemann und vor ihm viele andere erträumten, sondern – und das wissen wir erst seit einigen Jahren, weil fleißige und leider reichlich unterfinanzierte Archäologen „nachgegraben“ haben – ein ziemlich einfacher (Fachwerk-?)bau, der eher einer großen Scheune als einem Tempel glich. Marmor, Gold und Elfenbein suchte man dort jedenfalls vergebens…

Damit gilt auch für Kythera, was für alle irdischen Paradiese gilt: Sie sind mehr Vorwand Trugbild, mehr Traum und Phantasie hinter denen die bezaubernd schöne, aber eben etwas bescheidenere und kleinere Realität verschwindet. Wer das „echte“ Kythera kennenlernen will, oder einfach neugierig darauf ist, was mich abermals in die Gefilde der Helenen treibt, darf in den nächsten Tagen gerne in mein „Forschungstagebuch“ reinschaun. Bis dann hoffe ich jetzt erstmal, dass niemand streikt, alle Flieger gehen, mein Autovermieter am Flughafen steht und die Götter auch sonst nichts dagegen haben, dass ich ihr ureigenstes Lieblingseiland der Schönheit, Liebe und Glückseligkeit aufsuche…

Αντίο για τώρα!

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