Selbstdarstellung an Weihrauch

Lebensläufe im Reliefvisier

Angehörige der Generation „Befristetes Arbeitsverhältnis“, sich im www vernetzende Kulturwissenschaftler und geplagte Kongress-Lektoren kennen die Situation. Ein alter Arbeitsvertrag läuft aus, die about-website muss reloaded werden oder die Bewerbung für den nächsten Kongressbeitrag zur Materialität von Kultur steht an.

Standardaufgabe, na und?

Well, eigentlich schon, tausendmal gemacht, tausendmal vorbereitet, tausendmal geglickt, gelesen und abgeschickt.

Und dann, irgendwann morgends um halb fünf der Alptraum: Sch…der Lebenslauf ist auch schon wieder vier Jahre alt, in der Bibliographie fehlen mindestens 3 Artikel über die fachinterne Positionsdebatte und aquatische Festräume, und in der falschen Sprache ist das Ding auch noch…und überhaupt, hatten die Interviewpartner auf irgendeiner fernen Insel nicht noch eine online-Kurzbeschreibung des eigenen Werdegangs samt Projekteinführung und Brustportrait angeregt?

Da sitzt man(n) dann schlaftrunken in Boxershorts und usbekischem Morgenmantel und überlegt, wie man das eigene Ich am besten den Spielregeln des global-angelsächsischen CVs anpasst. Hier eine Arbeitserfahrung, dort ein Abschluss…und ach ja in dem Filmprojekt hat man auch noch in mafiöser Rolle teilgenommen, nicht zu vergessen die ehrenamtliche Tätigkeit als Hochschulgruppenpräsident und Diatheksinventarisierer…

Kann man das nehmen, hört sich das nicht komisch an, und was mach ich mit dieser Lücke…wäre es nicht besser statt jenem dieses reinzuschreiben und wie um alles in der Welt erklär ich in drei Zeilen was ich da gemacht habe…

Irgendwann nach langem Hin und noch längerem Her steht sie dann, die mehr oder minder lange Auflistung des eigenen Lebens. Kreative pimpen sie noch mit einigen roten Absatzpunkten auf, und hoffen still, dass jene via copy & paste auch samt Sonderformatierung vom e-mail Bewerbungsprogramm potentieller Arbeitgeber eingelesen werden.

Seltsam, ein paar schwarze Zeichen auf weißem Papier (ja ich gehöre noch zur Generation die sich Dinge auch mal ausdruckt. Emotional-habtischer Blödsinn ich weiß, aber irgendwie sinnlicher).

Dass soll’s gewesen sein, hab ich wirklich nichts vergessen, betrügt mein Bauch oder der Ratgeber,

und wie um alles in der Welt will der andere aus den paar Wortfetzen beurteilen, wer man ist?

Ein letzter Check, danach eine Runde Schlagwortbashing, alles drinn?

Sehen sie nicht alle gleich aus, diese Lebensläufe. Gleicht ein Projekt wenn man den Titel weglässt nicht dem anderen?

Zweifel…ein Wort das in Lebensläufen seltsamerweise nie vorkommt. Genauso wenig, wie leere Blätter oder Zeit für sich selbst. Hat je jemand ein Mußejahr als Qualifikation angegeben?

Man schickt ihn ab, den Brief, sendet die mail, posted die Mitteilung am Message-board.

Just in time am gleichen Tag die Rückmeldung. „It looks a bit lik if you’d do some self-advertisement“

What the hell…

Man bastelt an der Antwort, besucht vielleicht zwischendurch noch eine Kunstaktion im öffentlichen Raum.

Was anderes als Werbung ist ein Lebenslauf? und was um alles in der Welt erwartet jemand, der keine Werbung will?

Ich mag sie nicht die immergleichen lächelnden Gesichter der Bewerbungsmatten. Alle waren beim gefühlt gleichen Herren- und Damenfriseur, alle im gleichen billigen Anzug- und Kostümeladen, alle zeigen denselben Blick von Entschlossenheit und alle wirken dynamisch.

Ich spiele Chef und wähle den, der am wenigsten danach aussieht, als wolle er einen Job.

Buon Di!

 

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