Von guten und von schlechten Bettlern…

Münzen auf der Straße

Münzen auf der Straße

Die Bamberger Blogger- und Indie-Szene ist entsetzt:

Der beliebte Bamberger Straßenmusikant Moritz Rabe, selbsternannte Bamberger „Kulturinstitution“ und Berufsquerulant mit akutem Hang zu revolutionärem Protestgesang muss ins Gefängnis weil er sich über Jahre hinweg weigerte für sein „lustiges Musikantenleben“ in der bamberger Fußgängerzone „Sondernutzungsgebühren“ an die Stadt abzuleisten und sich dort zwischenzeitlich inklusive stattlichen Verwarnungsgeldern ein mittlerer vierstelliger „Schuldenberg“ angesammelt hat.

Rabe das unschuldige Opfer einer vollkapitalisierten Konsumgesellschaft, die es nicht duldet, wenn ihr einer den Spiegel vorhält, die organisierten Roma-Fremd-Bettler-Mafia, welche „seit Jahren ungebremst die deutschen Innenstädte flutet“ ungeschoren davonkommen lässt?

Die Diskussion innerhalb der Bamberger Blogger- und Indie-News-Szene läuft warm:

Betteln als Menschenrecht? Kunst gegen Kommerz? Revolution gegen bourgeoises Kapitalistenpack? Weltverbesserer gegen Reaktionäre?

Wichtige fragen, auch wenn sich dies alles mit dem mit dem guten alten „de gustibus non est dispudandum“ als harmloser innerstädtischer Kampf der im Bereich der „Mitleidsindustrie“ tätigen mit renitenten Stadtbehörten um öffentliche Territoren und Einkünfte abtun ließe und somit in die Rubrik „Sommerloch“ fiele…

Fiele…wenn sich anlässlich der „Geschichte“ nicht in so manchem wutbürgerlichen  „Leitartikel“ samt zugehörigen Kommentar ungeniert rassistische Vorurteile und ungehemmtes Denunziantentum gegen „Fremdbettler“, „Zigeuner“ und „Ostgesindel“ Bahn brechen würde. (Bamberg ist hier – wie fast immer, und manchmal auch zum Glück – mindestens 5 jahre hinter dem generellen Trend, die – hier offensichtlich unbekannte – Debatte um „kriminelle Roma-Bettler“ in Ungarn, der Schweiz und Österreich hat dort bereits vor Jahren zu heftigsten politischen Kontroversen mit so mancher rassistischen oder gutmenschlichen Stilblüte geführt.

Da ist schnell vom „guten deutschen/ortsansässigen“ Bettler und den „Bösen Zigeunern die ihre Kinder auf den Bettelstrich schicken“ die Rede. „Diebische Blumenfrauen, „(falsche?) Obdachlosenzeitungsverteilerinnen“, „lebende Statuen die deutschen Kindern ihr Taschengeld klauen“ , “ erpresserische Zigeunermusikern, die erst dann wieder abziehen, wenn sie von Wirten Schutzgeld bekommen“ und „pseudo-verstümmelte Roma-Könige, die Abends im Benz heimfahren“ machen in kleinen Deutschen Provinzstädten „Millionengewinne“.

Um das Register fremdenfeindlichen Stereotype voll zu machen wird auf Blogs und in Newsgroups, Twitterbotschaften und selbst per youtube auch gleich noch die Moritat von „osteuropäischen Diebesbanden, die sich als Bettler tarnen um fleißige deutsche Bürger auszurauben“ und „gewohnheitsmäßig tierquälenden Roma, welche ihre Hundewelpen, wenn diese zu groß werden um Mitleid zu erregen, herzlos im Müll entsorgen“, oder „Ihre mit Tollwut und allen möglichen anderen Ost-Krankheiten verseuchten Viecher an gutgläubige Deutsche verscherbeln “ erzählt.

Gleichzeitig wird für den „Guten deutschen Bettler/Straßenmusikant/Kunstschaffenden im öffentlichen Raum“ das Recht auf Lebensunterhalt gefordert. „Betteln als Menschenrecht“ und „Freiheit für die Kunst von Unten“…aber bitte nur für Einheimische!

Nicht selten verstehen sich die Urheber derartig populistisch-rechtslastigen Debatten als progressive, total offene und kunstaffine Mitmenschen, die nur das Beste wollen und die „unabhängige freie Straßenkunst“ vor der Verdrängung durch Kommerz und „unfaire Konkurrenz aus dem Osten“ schützen wollen. Auch müsse man die „armen Romakinder“ vor ihren „kulturell bedingt gewalttätigen Eltern“ (= „professionellen Bettel-Bossen“) schützen, die diese „bewusst mit Äxten verstümmelten“ um dann in deutschen Innenstädten mit ihren „bemitleidenswerten Opfern“ den maximalen Profit zu machen.

Warum Ost- und Südosteuropäer (es sind längst nicht nur Roma) in unsere Städte kommen und sich als grottesk geschminkte Rokkokopuppen dem öffentlichen Spott preisgeben oder sich stundenlang an zugigen Ecken auf die Knie werfen, fragt hingegen niemand…(allerhöchstens wird dieses Verhalten als „Gipfel des professionellen Bettlertums“ gebrandmarkt).

Sicher, es gibt – nicht nur in deutschen Städten, sondern in allen Regionen der Welt mit einem drastischen Wohlstandsgefälle – ein Problem mit „gewerbsmäßig betriebener Bettelei“. Ich leugne nicht, dass sich hinter so manchem „Bettelkind“ ein „Bettelboss“ verbirgt und auch ich habe mich nicht nur einmal über die agressiven Praktiken so mancher „Straßenzeitungsverkäuferin“ aufgeregt.

Andererseits war es auch nicht immer das Reine Vergnügen dem renitenten Wortschwall eines Moritz Rabe & Co. lauschen zu dürfen und vier Stunden Übungsgegeige á la „Kleine Nachtmusik“ sind irgendwann auch nicht mehr lustig.

Aber wer mag entscheiden (oder hat überhaupt das Recht dazu), ob ein leicht größenwahnsinniger Straßenmusikant mit Hang zum Berufsrevolutionär mehr recht auf einen „Standplatz“ hat, als eine Mozartstatue mit rumänischem Akzent? Und warum soll die violinespielende Musikstudentin eine „Sondernutzungsgebühr“ entrichten, der selbsternannte Straßenkünstler aber nicht? Was ist „gute“ und was ist „schlechte“ Straßenkunst? Ist Betteln ein Menschenrecht? Wer legt fest, was „gewerbsmäßige“ Bettelei ist, oder lediglich „der Grundgesetzlich (und durch die Menschenrechtskonvention) gesicherten Sicherung des Lebensunterhalts dient? Wo beginnt die Kunstfreiheit und wo endet sie? Wem „gehört“ der öffentliche Raum? Haben Einheimische mehr Rechte darauf als Fremde? Was ist ein „guter“ und was ein „schlechter“ Bettler und gibt es diese Trennung überhaupt?

Angesichts von „Spitzel-Debatte“ und „Öko-Diktaturdebatte“ sollten wir eigentlich alle sensibler mit der Frage umgehen, wie weit staatlilche Fürsorgepflicht und Präventionspflicht gehen und wo staatliche Institutionen unberechtigt in die elementaren Grundrechte ihrer Bürger einzugreifen. Auch sollten wir endlich aus unserem westeuropäischem Wohlstandstraum aufwachen und bemerken, dass es gar nicht so weit von uns auch noch andere (Lebens-) Welten gibt, in denen der neueste Schuhmodetrend nicht das Maß der Lebensqualität ist.

Insofern bin ich heilfroh um jeden einzelnen Bettler und Straßen(lebens)künstler der dem obrigkeitlichen (und ökonomisch forcierten) „Ordnungssinn“ von Obrigkeit, Bürgervereinen, Handwerkskammern, Citymarketing-Vereinen und Gewerbetreibenden entgeht. Sie sind Anstoß, und dass ist gut so!

Ich hoffe, dass nicht nur ich bei der Lektüre so mancher Meldung zum Thema „Straßenkunst und Bettelmafia“ leichte Magenschmerzen bekomme und mich dabei mehr als peinlich an die „Assozialenerlasse“ einer sehr dunklen Zeit erinnert fühle. Wem dies nicht so geht, möge ins nächste Dokumentationszentrum fahren und sich dort schlau machen, welche Folgen der Slogan „Zigeuner raus!“ haben kann…

Einen besinnlichen Sommertag nicht nur den Bamberger Bloggerfreunden!

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