Ein ganz normales Stück Seife…

Aleppiner Seife

Manchmal sind es die kleinen Dinge, die uns daran erinnern, was wirklich wichtig ist. Eine bestimmte Textur, ein flüchtiges Funkeln der Wasseroberfläche, zwei, drei Sonnenstrahlen auf dem Fensterbrett, eine Melodie, ein Geschmack oder Geruch aus der Kindheit.

Gerade habe ich auf meinem Dachboden genau so ein Stück Erinnerung wiedergefunden. Es  lag längst vergessenen zusammen mit allem möglichen und unmöglichen Krimskrams am Boden einer  staubigen, weißen Plastiktüten in einer Verpackung aus bräunlichem Pappkarton. Erst als ich die unauffällige kleine Schachtel eher desinteressiert herumdrehte bemerkte ich, dass es sich nicht um eines jener nutzlos gewordenen Dinge handelte, welche sich über die Jahre wie von selbst ansammeln.

Im schwachen Licht des Obergadens funkelten plötzlich goldene Ranken, Blüten und fremdartige Schriftzeichen auf. Neugierig geworden öffnete ich die Schachtel und augenblicklich umgab mich das schwere Parfum eines orientalischen Suks.  Mit geschlossenen Augen tief einatmend tauchten halb im Wüstensand versunkene Städte, Palmen, Dünen, Brunnen und Städte von märchenhaftem Prunk vor meinem Inneren auf. Ich fühlte mich, als sei ich mit Sindbad dem Seefahrer, dem kleinen Muk, Sheherazade und Harun ar Rashid mitten in einem Märchen aus 1001 Nacht gelandet. So stark war der betäubende Geruch des kleinen Pakets, dass ich fast mit einem der Dachbalken zusammengestoßen wäre.

Es dauerte, bevor ich begriff, dass das kleine, mit Arabesken verzierte, bräunliche Stück etwas nichts anderes war als ein Stück Seife.

Manch einer mag sich nun Fragen was das für ein verrückter Kerl sein muss, der sich vier Abschnitte lang über etwas so alltägliches wie ein einfaches Stück Seife auslassen kann, dass zu allem Überfluss auch noch die wenig ansprechende Farbe von frischem Hundekot aufwies.

All jenen kann ich nur sagen, dass sie vermutlich noch nie ein Stück echt Aleppinier Olivenölseife in der Hand hatten. Ich meine nicht die einfachen aus schlechtem Öl und allen möglichen Beimischungen hergestellten Plagiate, die man ab und an in Kairo, Istanbul, Teheran oder Beirut als „echt aleppiner Seife“ angeboten bekommt. Nein, ich meine das nach würzigen Lorbeerblättern, Jasminblüten, Zimt, Moschus oder Amber duftende Original, dessen Schaum so zart ist, dass man damit problemlos auch noch das empfindlichste Haar waschen kann.

Ich weiß ich höre mich an, wie einer jener Geschichtenerzähler, die früher gleich hinter der Zitadelle und am Hammam aus dem 13. Jahrhundert vorbei links im Innenhof einer ehemaligen Karawanserei zu einer guten Nargile, etwas Arrak und einem starken Minztee oder einem beinahe nur aus Zucker bestehenden Café Märchen, mehr oder minder jugendfreie Zoten und die neuesten Gerüchte feilboten.

Das erschreckende dabei ist, dass es noch gar nicht so lange her ist, dass diese Bilder kein Traum sondern ganz normaler Alltag in Aleppo, jener uralten Stadt im Norden Syriens waren. Man traf sich zum Sonnenuntergang am Westtor,  schlenderte auf der Suche nach einem kleinen Souvenir oder einfach nur um seine Augen nach einem langen Tag in der Wüste an den vielen bunten Auslagen zu erfreuen durch die verwinkelten Gassen des Suks, schwatzte hier mit einem Verkäufer über die Kunst der Intarsienherstellung und probierte dort Gläßchen Malventee, handelte, lehnte ab, kaufte oder ließ sich begleitet vom Ruf des Muezzins der nahen Hauptmoschee zum fünften Mal an einem Nachmittag, bedauernd die Gelegenheit zum Kauf eines Teppichs entgehen. Danach kehrte man vielleicht in einem der vielen kleinen Caffés ein, oder stieg zu ein paar Mezze hinauf in eines jener luftigen Terassenrestaurants, von denen sich nach der Hitze des Tages ein atemberaubender Blick auf Stadt und Sternenhimmel bot. Leise wiegten sich gläserne Lampions im Abendwind, und wenn man Glück hatte kamen einige Musiker und gaben gegen einen kleinen Obolus ein Konzert.

Vielleicht hätte man vor dem Essen aber auch noch Lust, bei türkischem Honig, Bakhlava und Jasminblütentee in einem der zahlreichen Hamams der Stadt zu entspannen.  Der Bademeister würde einem zur Begrüßung einige Tropfen Orangenblütenwasser in die erschöpften Hände träufeln und ein kleines Bündel aus karrierten Baumwolltüchern und einem Stück Seife überreichen. Man würde sich mit heißem Wasser aus großen Messingschüsseln Schweiß und Straub vom Leibe wischen, sich ein erstes Mal einseifen, sich wieder waschen, danach ein oder zwei Stunden im Dampfbad verbringen, wer wollte würde von Hassan oder Ali auch noch eine Mischung aus Massage und chiropraktischer Wiedererweckung bekommen. Für die etwas ängstlicheren Zeitgenossen würde es ein „Schaumbad“  geben bei dem die Bademeister die Seife mit Hilfe eines luftgefüllten Jutesacks zu wahren Schaumbergen auftürmten. Und sollte einem selbst das zu anstrengend sein, würde man sich einfach auf die große, geheizte Plattform aus wunderbar gebändertem Marmor legen, die aufsteigende Wärme genießen und dem leisen Plätschern eines Brunnens lauschen. Irgendwann nach Mitternacht würde man dann noch eine kleine Runde um die Zitadelle drehen, sich mit einigen jungen Leuten in radebrechendem aber glücklichem Englisch unterhalten und dann erschöpft in Richtung des kleinen Hotels mit dem Innenhof aufbrechen, in dem neben blühenden Zitronenbäumen und mit Elfenbein und Perlmutt eingelegte Möbel standen. Ein verlegen grinsender Pförtner würde öffnen, und  einem verschlafen die Zimmerschlüssel reichen, bevor er und man selbst beim Klang der Zikaden (wieder) einschlafen würde.

Die Gasse der Seifensieder existiert nicht mehr. Die Olivenbäume sind gefällt und das dürre Laub der Lorbeersträucher längst verheizt. Auch der Goldsuk und das Viertel der Gewürzhändler liegen in Trümmern. Schwarz und bedrohlich ragen die Reste der Zitadelle in den von Raketeneinschüssen zerrissenen Himmel. Daneben die ausgebrannte Ruine des Hamams. Im Innehof des kleinen Hotels  liegt  imitten versprengter Marmorbrocken die Leiche eines Jungen. Niemand kam bisher dazu ihn zu bestatten, es gilt so gut es geht das wenige zu retten, was vom eigenen Leben übriggeblieben ist.  Da bleibt keine Zeit für die Toten und auch nicht für Seife, oder das Plätschern der versiegten Brunnen.

Ich halte das kleine Stück duftender Seife in meiner Hand. Ganz fest, als könne mit ihm auch die letzte Erinnerung an diese Stadt und ihre mir lieb gewordenen Bewohner entschwinden. Ali und Hassan, den alten Pförtner und den Sohn des Intarsienkästchenhändlers, die freundlich lächelnde Eintrittskartenverkäuferin, der Goldschmied und der alte Bettler am Westtor, der Märchenerzähler oder die beiden Studentinnen, die freudig ihr Englisch an uns ausprobierten. Selbst den fleißigen Muezzin der uns jeden Morgen um fünf mit seinem Gebetsruf aus dem Bett warf werde ich vermissen.

Aleppo war ein Märchen. Sicher, es war nicht alles gut in der guten alten Zeit, wahrhaft nicht… aber heute, heute ist es die Hölle.

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