20. Türchen: Bereite Dich Zion…

Weihnachtscloud

Ich stehe auf dem Grünen Markt, vor mir Rauchbierglühwein und ein altertümliches Griebenschmalzbrot. Schüler ziehen lärmend an mir vorbei. Es ist Weihnachts-Sale-Zeit.

Aus einem abgestellten Sprinter dringt Musik: Bach, Weihnachtsoratorium, 1. Teil. Nicht unbedingt die übliche Lieferanten-Mucke…Ich höre hin, denke an Kinderchöre und mit riesigen Weihnachtsbäumen geschmückte Kirchenräume. Dann erkenne ich eine Arie:

Bereite dich, Zion, mit zärtlichen Trieben,
Den Schönsten, den Liebsten bald bei dir zu sehn!
Deine Wangen
Müssen heut viel schöner prangen,
Eile, den Bräutigam sehnlichst zu lieben!

Ein seltsamer Text, den viele nicht verstehen und der, wenn sie denn ehrlich sind, bei den meisten alles andere als weihnachtliche Assoziationen weckt. Zärtliche Triebe, geschminkte Wangen, Sehnsucht, der Liebste den es zu empfangen gilt…das Ganze klingt wirklich eher nach verunglückten Rosamunde-Pilcher-Roman als nach einem Text, der auf die bevorstehende Geburt Christi hinweisen soll.

Ich weiß nicht mehr ob es einer meiner (inzwischen garnicht mehr so kleinen) Cousins oder eine der Großtanten war, die vor einigen Jahren beim Hören einer Pop-Version dieser Arie entgeistert den Sender wechselten und meinten die Texte der Weihnachtslieder würden auch immer seltsamer.

Auch ich wusste lange nicht, was mit jener seltsamen Zion die sich mit zärtlichen Trieben auf ein Stelldichein mit ihrem Bräutigam vorbereiten soll so genau gemeint war.

Erst in einer Weihnachtsnacht 1997 wurde mir klar, was das Lied bedeuten sollte.

Ich hatte den ganzen Tag damit verbracht im Jerusalemer Suk ein paar Weihnachtsgeschenke und den Weihnachtsbraten abzuholen. Schließlich fand ich im armenischen Viertel einige hübsch bemalte Tonschüsselchen. Der Braten war eine heiklere Sache. Kamel, und wie sich später herausstellte das perfekte Fleisch für schwäbischen Rahmsauerbraten!

Nachdem wir in der Küche 60 Semmelknödel und riesige Berge von Spätzle, Gemüse und Kartoffelbrei produziert hatten, schmückten wir einen Wacholderbusch. Niemand störte, dass er genauso zerzaust aussah wie wir.

Irgendwann saßen wir glücklich, satt und leicht ermüdet im Refektorium und ließen uns nach der Mitternachtsmesse ein paar selbstgebackene Weihnachtsbrötchen und frischen Kaffee schmecken. Es war herrlich!

Ich weiß nicht mehr wer mir dann sagte, dass ich, wenn ich wollte, einer halben Stunde mit zur Geburtsgrotte nach Betlehem aufbrechen könnte. Man würde hinabwandern um dort den Rest der Heiligen Nacht zu verbringen. Eine alte Tradition des Collegs.

Ich dachte nicht lange nach, holte meinen Mantel, packte Schal und Handschuhe und trat mit etlichen anderen hinaus in die Nacht. Es war ruhig, vom Toten Meer blies ein leichter Wind und wir marschierten los. Drei Stunden später erreichten wir das winzige „Tor“ der Geburtskirche. Keine Grenzkontrollen, keine Soldaten, keine protestierenden Palästinenser, nur ein kurzes Lächeln…es war fast ein kleines Weihnachtswunder.

Wir gingen durch den verwahrlost wirkenden Kirchenraum. Auf dem Boden lag Staub, und die Farbe blätterte von den Wänden. Das berühmte Mosaik mit der Darstellung der heiligen Drei Könige war trotz Neonbeleuchtung unter einer dicken Schmutzschicht nur undeutlich zu erkennen. Man musste glauben, dass es immer noch dort war.

Vor dem Altar führten eine schmale Treppe in die Tiefe. Unten angekommen empfing uns der auf- und absteigende Gesang einer äthiopischen Nonne. Der Ort glich in nichts dem, was man sich bei uns unter Krippe und Stall vorstellt. Eine niedrige, dunkle Grotte, vielleicht 12 Meter lang und 4 Meter breit. Der nackte Fels war nur notdürftig mit abgewetzten Brokatvorhängen verdeckt. Auch hier hatte niemand die rissigen Fließen aus fleckigem Marmor gewischt. Der gleiche, feine Staub, der uns auch draußen durch die Felder begleitet hatte.

Es dauerte, bis ich neben dem Eingang einen kleinen Marmortisch entdeckte auf dem eine goldgefasste Ikone etwas windschief abgestellt worden war. Ich ging hin, und sah darauf genau den Ort abgebildet, an dem ich mich befand. Eine kleine Grotte mit einigen Tieren, darüber einige erschreckte Hirten die nach oben blickten. Die Frau und den verschämt in einer Ecke stehenden Mann sah ich kaum, auch die Krippe mit dem Kind war so klein, dass sie kaum auffiel.

Genauso war es mit dem kleinen silbernen Stern der unter dem Tischchen in einer Nische in den Boden eingelassen war. Um ein Haar wäre ich auf die Stelle getreten und es brauchte denn auch einen Hinweis meiner Begleiter, dass sich genau unter mir die Stelle befand, an der Jesus geboren war.

Irgendwann erschienen einige Franziskaner-Nonnen, beteten und sangen…

Oh Du fröhliche…

Ich war angekommen.

Erst als wir im ersten Morgenlicht des Weihnachtsmorgens aus dem engen Einlass der Kirche hinausgetreten waren wurde mir klar, dass ich genau das gemacht hatte, was in der seltsamen Bacharie beschrieben ist. Wir hatten freudig den Weihnachtstag vorbereitet, waren durch die Nacht vom Berg Zion hinab nach Bethlehem gelaufen und hatten hier die Ankunft des „Bräutigams“ gefeiert.

Heute steht zwischen Jerusalem und Bethlehem eine 12 Meter hohe Mauer aus Beton. In den Straßen der „kleinsten unter den Städten Juda“ kann man kleine Krippen aus Olivenholz kaufen, auch sie durch eine Reihe klobiger Holzklötze geteilt. Die Krippe mit dem Kind auf der einen, die Hirten und die heiligen Drei Könige auf der andern. In der Krippe man kann die Olivenholzklötze herausnehmen, wenn man es nicht mehr aushält…Mit der echten Mauer geht das leider nicht so einfach.

Advertisements