14. Türchen: Von Eigentlich’s und Uneigentlichem…

gate to paradise

Eigentlich, oder sollte ich besser sagen „normalerweise“ (ich mag das Wort nicht, zu normierend!) würde ich in diesen Tagen in den Zug oder in den Flieger steigen, mich wie die Zugvögel in den Süden aufmachen und ein paar Tage zwischen Land und Meer verbringen. Ich hätte zum tausendstenmal überlegt, was eigentlich in so einen Reisekoffer gehört und was man aufgrund der sinnlosen Begrenzung auf 1 Gepächstück und 20 Kilo in der Holzkastenklasse besser zum Uneigentlichen, und damit daheimzubleibenden zählen sollte. Ich hätte mich brav in Schlangen eingeordnet, Fahrscheine und Flugtickets vorgezeigt, mich angeschnallt oder in eine Abteilecke gekringelt, mich über eine Menükarte (die gibt’s im Zug und im Flugzeug!) mit ebenso phantasiereichen wie nichtssagenden Inhalten gebeugt und mit viel Glück (Ich stand schon viel zu lange ohne jede Aussicht auf Weiterkommen an irgendwelchen Terminals und angeblichen Durchgangsbahnhöfen, als dass ich noch an die Reibungslosigkeit des Reisens glaube) wäre ich dann am Ende eines langen und anstrengenden Tages mit jener unvermeidlich-stereotypen Mischung aus Freude und Melancholie in ein Vaporetto gestiegen.

Beim Aussteigen hätte ich mir beim Blick auf den aktuellen Hochwasserpegel vielleicht ganz kurz überlegt, ob es eigentlich nötig ist, sich in der Strada Nova wieder mal ein paar neue Gummistiefel zuzulegen und den Plan, sofern es irgendmöglich ist als uneigentlich zu den Akten gelegt. Ich nehme grundsätzlich keine Gummistiefel mit dafür fast jedes Mal welche mit zurück!

Und sie sinkt nicht!

Meine Zehen fühlen sich kalt an. Aus dem Radio schallt Bach’s Weihnachtsoratorium.

Jauchzet, frohlocket, verbannet die Klage…

Uneigentlich gibt‘s „wichtigeres“ zu tun als wie 22 Millionen Andere im Jahr in die „schönste Stadt der Welt“ zu fahren. Vielleicht ist’s für die Stadt sogar besser wenn ich nicht hinfahr…uneigentlich.

Ein sehnsüchtiger Blick auf den Kalender.  Auf meinem Schreibtisch stapelt sich die Endjahresralley. Mein e-mail account quillt über wie Abflussdeckel bei Aqua Alta. Von den 24 Brödlessorten sind die Hälfte noch nicht einmal angefangen und ein Drittel der Fertigen bereits wieder aufgegessen oder vorzeitig verschenkt. Und die Geschenke…

Ich habe zugesagt an einem Glühweinstand auszuhelfen, vergesse meinen Adventskalender zu lehren und stelle mir vor: Ich stehe in Gummistiefeln vor San Stefano und trinke vin brulé. In Venedig gibt es keine Probleme, es ist die Lagune die sinkt! Man muss nur einen 200 Meter hohen Turm in das Industriegebiet bei Maghera und eine U-Bahn vom Flughafen zum Markusplatz bauen, mit Tiefbohrungen Luft unter die Stadt pumpen, die Schleusen dicht machen, die Tiefwasserfahrrinne für noch größere Kreuzfahrtschiffe ausbaggern, den Chemiestandort fördern, die Gästetaxe abschaffen, die Pescheria  endlich auf’s Festland verlegen, das nutzlos vergammelnde Arsenale in Luxuswohnungen mit Direktjachthafenanschluss umbauen und die letzten Gebäude in städtischem Besitz an internationale Konzerne verscherbeln. Wenn man dann auch noch die allerletzten renitenten Einheimischen los wird, die ums Verrecken nicht einsehen wollen, dass Nippesläden für die Bedürfnisse der Touristen wichtiger sind als überflüssige Kurzwarenläden, Bars in denen der Wirt noch weiß wer man ist, Kindergärten, Krankenhäuser, Schulen, Bäckereien und all das andere unprofitable Zeug ist alles gut, eigentlich…

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