8. Türchen: …wie aus einer Grabbeigabe ein vorweihnachtlicher Dekoartikel wurde…

Nelkenorange

Würde mich jemand fragen, wie Weihnachten riecht, ich würde antworten:

Nach Nelken und Orangen!

Der Duft exotischer Inseln und südlicher Sonne gehört für mich zur „staden Zeit“ wie Schneeflocken und das Funkeln der Adventsbeleuchtung. Dabei hatten die mit Gewürznelken gespickten Zitrusfrückte ursprünglich mit Weihnachten garnichts zu tun. Sie zierten als seltene und sündhaft teure Gastgeschenke (eine Handvoll Nelken hatte im 17. Jahrhundert in etwa den Gegenwert einer gut ausgestatteten Wohnung und auch frische Orangen oder Zitronen waren nördlich der Alpen nicht gerade einfach zu bekommen) die Tische von Königen, Fürsten und reichen Handelsherren. Doch waren Orangen, Zitronen und insbesondere Nelken mehr als bloße Dekorationsobjekte. Seit der Antike glaubte man Krankheiten, ja das Böse an sich, würde sich schlechte Gerüche, sog. „Miasmen“ fortpflanzen. So kam es, dass man nicht nur die schnabelartigen Masken der Pestärzte mit Gewürznelken, frischen Orangenschalen und anderen Gewürzen füllte um sich so vor Ansteckung zu schützen (der Glühwein diente ursprünglich einem ganz ähnlichen Zweck), nein man gab sie auch als Apotrophaion und „imitatio christi“ (die Nelken sollten an die Nägel mit denen Christus ans Kreuz genagelt wurde und die Dornen der Dornenkrone erinnern) mit ins Grab (vgl.: http://www.freiepresse.de/LOKALES/MITTELSACHSEN/FREIBERG/Freiberg-Goldene-Nelken-im-Kindergrab-artikel8126906.php).

Erst die billiger werdenden Gewürze und die leichte Verfügbarkeit von Südfrüchten machte Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts aus dem Luxusgut den verlockend duftenden Dekoartikel, der uns heute in vorweihnachtliche Stimmung versetzt.

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