3. Türchen, oder: Warum Maria heute vermutlich in der Antiterrordatei landen würde und dem heiligen Thomas die Hände abfielen…

Verkündigung Mariens, peruanische Krippe

Ich weiß, ich weiß, meine Überschrift ist heute etwas barock geraten, und auch der Blog-Artikel ist definifiv viel länger als es der Ratgeber für den erfolgreichen Blog-Autor empfiehlt, aber ich kann versprechen, Durch- und Nachlesen lohnt sich, nicht nur für Katholiken! (vermutlich behaupten das aber alle Leut‘, die sich schlichtweg nicht kurzfassen können oder wollen ;-))

Alors…Passend zum Advent habe ich mal wieder in meiner leicht angestaubten Bibel gelesen (auch ohne dass man drann glaubt ist es ein verdammt gutes Stück Weltliteratur!)

Marx und Engels wären stolz gewesenauf die zickige Teenager-Mutter, die wir heute als Maria kennen.

Sie las (damals für Mädchen ziemlich ungewöhnlich) leidenschaftlich gern, sah nicht besonders gut aus (eine dunkle Hautfarbe galt damals – anders als heute – nicht unbedingt als dernier cri), war von einem unbekannten Vater schwanger  (ich will die Eltern und das Jugendamt sehen, die sich mit der Erklärung, der heilige Geist habe ihre Tochter geschwängert zufriedengeben!), und war drauf und dran einen deutlich älteren Mann (Josef, immerhin selbstständiger Unternehmer und Chef eines Handwerksbetriebes) zu heiraten. Außerdem hatte sie ziemlich linksradikale Ansichten (jedem der’s nicht kennt sei dazu der 2. Teil des Magnificat (LK1, 51a-55) empfohlen, die Schlüsselstelle hab ich unten im griechischen Original wiedergegeben, weil’s in der Deutschen Übersetzung viel zu zahm klingt).

Kurz, Maria würde heute vermutlich in die Kategorie „linksterroristischer Gefährder“ fallen, hätte Einreiseverbot in den USA und garantiert einen Eintrag in der Antiterrordatei des BND. Nebenbei gesagt: Jesus war – wenn er nicht gerade die Nachbarskinder tot umfallen ließ (leider nicht in den Bestand der regulären Bibelausgabe aufgenommen, aber wunderbar im Petrusevangelium nachzulesen), einem empfahl sich ein Auge oder wahlweise einen Arm abzureißen (Bergpredigt) oder die „Kapitalistenschweine“ (vermutlicher O-Ton) aus dem Tempel vertrieb der Gemäßigte in der Familie! Und der arme Josef? Der hatte eh nix zu sagen – Kein Kunststück bei der Ehefrau und einem leibhaftigen Gott als Ziehsohn! Armer Kerl!

Auch Marias Verwandte waren nicht viel besser: Elisabeth war eine „Mutter im Fortgeschrittenen Alter“. Ich fühle mich bei ihr immer peinlich an den Medialen Hype um die Italienerin (oder war’s eine Rumänin?) erinnert, die vor kurzem dank der modernen Pränatalimplantationsmedizin mit über 60 schwanger wurde. Noch „schlimmer“ triebs aber Elisabeths Sohn: Täufer Johannes (nicht umsonst haben sich Thomas Müntzer und die Wiedertäufer diverser Coleur mit Vorliebe auf ihn bezogen). Er galt – neben dem Christkind-Jesus – schon Herodes als absoluter Staatsfeind Nummer 1. Der Tanz der 1000 Schleier den Herodes Tochter Salome aufführte damit der unverschämte Kerl endlich einen Kopf kürzer gemacht wurde ist legendär! Dank ihr entwickelten sich in der katholischen Tradition anatomisch äußerst detailreich ausgearbeitete Abbildungen abgeschlagener „Johanneshäupter“. Fast immer schon ein wenig in Verwesung übergegangen, inmitten von Zinnschüsseln, Hoztellern und anderen Gefäßen und gelegentlich von reichlich geschnitztem Blut umgeben führen die Johanneshäupter seit dem 2. Vatikanischen Konzil zumeist ein Schattendasein in den Vitrinen abgelegener Heimatmuseen oder den Dachböden katholischer Landkirchen fristen. Auch die einst überaus zahlreichen Bilder, auf denen Herodias (die Frau von Herodes) oder Salome mit einem Messer in den toten Augen des „Johanneshauptes“ herumfuchteln um auch ganz sicher zu sein, dass der Plagegeist wirklich tot ist (ein besonders schönes Exemplar der Szene, in der Herodias einen Pfauenschweif als modisches Accesoire trägt hat sich in der Darstellung des Johanneslebens auf den Außenflügeln des Altars der Blaubeurer Klosterkirche erhalten, leider sind die in aller Regel aufgeklappt und man kann die Darstellung nur in einem Modell im Vorraum bzw. in diversen Bildbänden betrachten), sind heute meist schamhaft versteckt oder stehen als weitgehend unverkäufliche Ware in den Depots diverser Kunstauktionshäuser

Zu unrecht, wie ich finde, denn wann bitte hat man sonst die Gelegenheit seinen leicht indignierten koreanischen Geschäftsgästen zu erklären, dass die künstlerisch ausgearbeitete Replik eines abgeschlagenen Kopfes ganz normaler Teil katholischer Alltagsfrömmigkeit ist! Ich erinnere mich gerade an den Besuch der Klosterkirche von Banz mit zwei aus der Provinz Assam stammenden Inderinnen…es war nicht ganz leicht ihnen zu erklären, dass es im Barock völlig üblich war, ganze Skelette von Heiligen mit Goldflitter und Glassteinen zu überziehen und sie dann schön drapiert auf den Altar zu stellen (Im übrigen befindet sich bis heute in jedem Katholischen Altar mindestens 1 Reliquie eines Heiligen, nur ist sie heut meist so winzig und gut versteckt, dass man sie nicht mehr unbedingt sieht…

Well, ich schweife ab, aber Johanneshäupter sind wirklich was tolles!…eigentlich wollt ich ja was über Maria volgo „Θεοτόκος“ die „Gottesgebärerin“ schreiben.

Ich habe keine Ahnung, wie aus dem aufgeweckten Zeloten-Mädel mit der Sicherheitsnadel in der Nase, der Ratte auf der Schulter und den durchlöcherten schwarzen Strumfhosen (so würd ich sie mir heute vorstellen, irgendwas zwischen Punk und Gothic) das süßliche Zerrbild geworden ist, dass heute so manch Ultrakonservativem als Rollenvorbild und Rechtfertigung „selbstverleugnender Mutterliebe“ und „weiblicher Unterordnung in Kirche und Gesellschaft“ dient (meine Schönstattbewegte Großmutter selig konnt mir das leider auch nicht erklären).

Selbst nach ihrem Tod war Maria nicht ganz harmlos. Einer apokryphen (nicht-biblisch-kanonisierten) aber dafür bis ins 18. Jahrhundert hinein umso beliebteren Legende zufolge sollen dem Hl. Thomas (der gleiche der mit seinem Zeigefinger unbedingt in der Seitenwunde Christi herumfuchteln musste und dann nach Goa verschwand) beide Hände abgefallen sein, als er auch die Leiche Mariens näher begutachten wollte – daher übrigens die Redewendung „ungläubiger Thomas“ (Wer eine wirklich schöne Darstellung des Ganzen sehen will, sollte mal in der Sakristei von San Zaccharia in Venedig vorbeischauen (leider nur gegen Eintritt möglich). Dort hängt über der Tür inmitten vergoldeter Ranken und schräg gegenüber eines Dogenthrons ein Bild, auf dem Thomas ziemlich entsetzt auf seine blutenden Armstümpfe schaut, während seine Hände wie angenagelt am Sarg Mariens kleben…Ich hab bis heut keine Ahnung, wie der Arme wieder an seine Hände gekommen ist…).

Noch interessanter finde ich allerdings die Darstellungen in denen Maria zum „Apokalyptischen Weib“ mutiert (sorry Mädels, ist leider der feststehende Fachausdruck und „Apokalyptische Frau“ hat in seiner aseptischen political correctness einfach nicht die gleiche Durchschlagskraft!). Die Meisten dürften sich garnicht(mehr) bewusst sein, welch furchterregendem Wesen sie da an mancher gutkatholioschen Hausecke und Kirche in form der altbekannten Mondsichelmadonna gegenüberstehen (gekrönt mit 12 Sternen, gekleidet mit der Sonne und auf dem Mond stehend gebiert sie schmerzschreiend  einen Sohn und wird gleichzeitig von einem feuerspeienden Drachen verfolgt (den sie gelegentlich auch noch sanft lächelnd und hochgenüsslich zertritt) (Offb. 12, 1-6): Isis, die wütende Artemis (Armer Aktaion!) und ein paar dutzend beutegreifende Mänaden in einem…wenn das nicht hollywoodreif ist, weiß ich auch nicht! Leider haben sich Guido Reni, Multscher und Co. keine besondere Mühe dabei gegeben das ganze als den Horror-Splatter darzustellen, der er eigentlich ist. Die Bamberger Apokalypse ist da besser!)

Um noch eins klar zu stellen: Das ganze hier ist kein Katholikenbashing. Ganz im Gegenteil; eher ein Ausdruck meiner manchmal leicht morbiden Vorliebe für extrablutrünstige Heiligenlegenden (Dank meiner gutkatholischen Oma meine Lieblingskindergutenachtgeschichten! Eindeutig spannender als Sandmännchen, Michel von Lönneberga, die Kleine Raupe Nimmersatt und Pippi Langstrumpf zusammen, ehrlich!). Was ich hier schreibe ist eher eine Liebeserklärung an die ungezügelte, eigensinnige, bockige und äußerst aufmüpfige Gottesmutter (auch wenn Ich sonst eher in die protestantische Richtung tendiere).

Maria ist für mich eine Mischung aus Alice Schwarzer, Mata Hari, Lola Montez, Hella von Sinnen, Rosa Luxemburg (wahlweise auch Clara Zetkin), Indira Ghandi, Xena, der roten Zora, Penthesilea und meiner Großmutter, die in ihrer überschäumenden Mutterliebe zwar nie verstanden hat, weshalb man nicht noch mindestens 2 Ochsen am Spies und 5 weitere Semmelklöße essen konnte („Kend, iss ebs, nix bisch schô!“), mit der man sich aber besser auch nicht anlegte, weil’s dann schon mal echtbayerisch-fränksisch-schwäbische Kutscher-Flüche und einen Zornesausbruch gratis zum Nachtisch gab!
καθεῖλε δυνάστας
ἀπὸ θρόνων
καὶ ὕψωσε ταπεινούς!

Es lebe die Neokommunistisch-Marianische Bewegung!

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